Donnerstag, 24. Juni 2010

Bourgeoisie


Nein, Sie sind nicht im falschen Blog. Das ist Stéphane Audran im déshabillé, die muss hier genau an dieser Stelle heute sein. Denn sie war ja schließlich einmal sechzehn Jahre mit Claude Chabrol verheiratet. Vorher war sie mal kurz mit ➱Jean-Louis Trintignant verheiratet. Der war ja immer von schönen Frauen umgeben, angefangen von der Liebesaffäre mit ➱Brigitte Bardot bis zu - ach, lassen wir das.

Die Frau rechts neben Stéphane Audran und Trintignant ist die wunderschöne Jacqueline Sassard in dem Film Les Biches von Chabrol. Nach diesem Film und Joseph Loseys Film ➱Accident (mit ➱Dirk Bogarde) hat sie leider keine Filme mehr gedreht. Irgendwie ist das sehr schade. Stéphane Audran hat dann Claude Chabrol geheiratet hat. Der wird heute achtzig, es ist kaum zu glauben. Bon anniversaire!

Chabrol war auch schon mal verheiratet, bevor er das Schnuckelchen Stéphane heiratete, die er in beinahe all seinen Filmen unterbrachte (wo sie meistens Hélène heißt). Mit einer reichen Erbin, die durch eine zweite Erbschaft noch reicher wurde. Er hat seinen ersten Film gedreht, um wenigstens einen Teil der Kohle auszugeben. Er hat das immer bedauert, dass der Film ein Erfolg war, dadurch war er gezwungen, weiter Filme zu drehen. Die andere Option wäre Apotheker wie sein Vater gewesen. Er hat er studiert, war auch beim Militär gewesen (so wie ➱Truffaut, obwohl wir über dessen Militärkarriere wohl besser den Mantel des Schweigens decken). Danach hat für die Cahiers du Cinéma geschrieben, und hat zusammen mit Eric Rohmer ein Buch über Hitchcock geschrieben (noch bevor Truffaut das tat). Und wie Hitchcock ist er auch in zahlreichen seiner eigenen Filme (und denen, die er produziert hat) aufgetreten.

Chabrol war der erste der jungen Filmkritiker der Cahiers dem es gelang, einen erfolgreichen Spielfilm zu drehen (er war auch nie so theoriebesessen wie seine Kollegen von der Nouvelle Vague). Der hieß Le beau Serge, und er hat ihn mit einem Minibudget und unbekannten Schauspielern in seinem Heimatort Sardent gedreht. Er hat damit auch bewiesen, dass man gutes auteur Kino mit beschränkten Mitteln machen konnte, was die Filmtheoretiker der Cahiers ja immer behauptet hatten.

Wenn irgendetwas irreführend ist, dann ist es dieses Plakat, aber damals brauchte man das wohl so, um das Publikum in den ersten Film der Nouvelle Vague mit unbekannten Darstellern von einem unbekannten Regisseur hineinzulocken. Chabrol hat dann auch gleich eine Produktionsfirma namens AJYM gegründet und hat auch vielen seiner jungen Kollegen geholfen, die jetzt den Sprung von der Theorie in die Praxis wagten. Er hat Jacques Rivettes Paris nous appartient mit finanziert, und als der nach zwei Jahren Dreharbeiten kein Filmmaterial mehr hatte, hat ihm Chabrol alles gegeben, was er noch von seinem zweiten Film Les Cousins (Schrei, wenn Du kannst) übrig hatte. Irgendwie muss Chabrols Rolle für die Nouvelle Vague (in Godards A bout de souffle wirkte er als technischer Berater mit) einmal neu gewürdigt werden. Man guckt immer nur auf Godard, Rohmer, Resnais, Truffaut und die Kritiker der Cahiers.

Man würdigt dabei zu wenig, dass hier ein richtiger Praktiker am Werk ist (der technisch sein Metier beherrscht), der auch noch ein guter Mensch ist und seine Kollegen fördert (auch Godard hat er mal einen Job verschafft). Aber heimlich wirft man ihm vor, dass er kommerzielle Filme gemacht hat (was keiner der Kollegen der Nouvelle Vague gemacht hat), was offensichtlich ein Verrat an der Filmkunst und der auteur Theorie ist. Und auch zu viele Filme, in den letzten fünfzig Jahren beinahe einen Film pro Jahr. Und dann nur noch ein Genre, Kriminalfilme. Sozusagen der film noir in Farbe. Aber ich glaube, dass der Gourmet Chabrol, der auch einmal Pfeifenraucher des Jahres in Frankreich war, mit solchen Vorwürfen ganz gut leben kann. Er ist das, was die Franzosen einen je-m'en-foutiste nennen.

Seine Kinder aus den ersten beiden Ehen arbeiten bei ihm als Filmkomponist und Regieassistentin mit, Chabrol hat es gerne en famille, wahrscheinlich hatte er deshalb Stéphane Audran geheiratet. Neuerdings scheint Isabelle Huppert seine Lieblingsschauspielerin zu sein. Aber sie haben nichts miteinander, wie Chabrol betont. Hollywood konnte ihn nie locken. England erst recht nicht. Die haben zwar gute Pfeifen und Tabake, aber das Essen! Das könnte der Liebhaber der französischen Küche nicht aushalten. Truffaut war es völlig egal, was er aß, aber Chabrol nicht, in seinen Filmen spielt das Essen immer eine Rolle. Nicht nur in dem Inspektor Lavardin Film Hühnchen in Essig. Und so ist es wohl nur passend, wenn das Buch von Laurent Bourdon Chabrol se met à table heißt (Larousse 2009).

Wenn Filmemachen heißt, wie Truffaut es gesagt hat, mit schönen Frauen schöne Dinge zu machen, dann ist Chabrol im richtigen Metier. Abgesehen von den beiden hier links (Bernadette Lafont und Stéphane Audran), spielt bei ihm in den letzten fünfzig Jahren ja beinahe jede schöne Französin in irgendeinem Film mit. Und auch eine deutsche Schauspielerin, die unter dem Namen Hildegarde Neff auftritt. Chabrol ist seit zwanzig Jahren wieder verheiratet, mit einer Dame, die nichts mit der Welt des Films zu tun hat. In der Welt der französischen Bourgeoisie ist man da ja sehr verschwiegen.

Claude Chabrol ist Maoist, was immer das in Frankreich bedeutet. Auf jeden Fall macht er sich, geradezu besessen, ein riesiges Vergnügen daraus, die französische Bourgeoisie, aus der er selbst kommt, in jedem Film bösartig zu sezieren. Das macht Claude Sautet auch, aber er ist weniger bösartig. Und vor allem nicht so mordlustig wie Chabrol, der ja auch das Drehbuch zu Michael Winners schlimmen Film Death Wish (Ein Mann sieht Rot) geschrieben hat. Wahrscheinlich ist das seine Rache an seiner Mutter. Die hat ihm nämlich erzählt, als er klein war und jeden Tag ins Kino wollte (so wie Antoine Doinel, der Held der Filme von François Truffaut), dass er nicht ins Kino gehen könne, weil da nur Schwule drin sein. Und sein Onkel hat seine Mutter darin bestärkt. Seinem Onkel gehörten mehrere Kinos. Brauchen wir jetzt noch Sigmund Freud?

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