Donnerstag, 24. Juni 2010

Petrarca












Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand
Dir endlich mit der Zeit umb deine Brüste streichen.
Der liebliche Corall der Lippen wird verbleichen;
Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand.


Der Augen süsser Blitz, die Kräffte deiner Hand,
Für welchen solches fällt, die werden zeitlich weichen.
Das Haar, das itzund kan des Goldes Glantz erreichen
Tilgt endlich Tag und Jahr als ein gemeines Band.

Der wohlgesetzte Fuss, die lieblichen Gebärden,
Die werden theils zu Staub, theils nichts und nichtig werden,
Denn opfert keiner mehr der Gottheit deiner Pracht.

Diss und noch mehr als diss muss endlich untergehen,
Dein Hertze kan allein zu aller Zeit bestehen
Dieweil es die Natur aus Diamant gemacht


Wir sind jetzt in einem anderen Jahrhundert, dem siebzehnten, da sehen Liebeslieder etwas anders aus. Dies hier heißt Vergänglichkeit der Schönheit, geschrieben von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau. Die Barockdichter haben es ja mit der Vergänglichkeit, vanitas vanitatum. Enttäuschte Liebe hält sich ja als Thema, hat kein aufgedrucktes Verfallsdatum. Ob das in einem Volkslied ist:

Die Mädchen auf der Welt
sind falscher als das Geld
mit ihrem Lieben
Ade nun zur guten Nacht
jetzt wird der Schluss gemacht
dass ich muss scheiden

oder in ➱Schuberts Schöner Müllerin. Oder im seichtesten Schlager, der im Radio dudelt. Immer wieder enttäuschte Liebe. Meistens sind es ja Männer, die da klagen. Frauen dürfen, wenn überhaupt, nur klagen, wenn sie verlassen werden. Wie Ariadne in Monteverdis Lamento d'Arianna 1608 (gerade von Theseus verlassen). Aber sowas ist eher selten, die europäische Liebeslyrik wird ja immer von Männern geschrieben. Eigentlich ist das erstaunlich.

Wenn wir uns das Gedicht von Hoffmannswaldau etwas genauer anschauen, fallen uns diese etwas manierierten Bilder und Vergleiche auf: Lippen wie Korall, der warme Schnee der Schultern, der Goldglanz des Haares. Nichts von dieser Bildlichkeit hat Hoffmannswaldau erfunden (er mixt lediglich den Schönheitskatalog mit dem Motiv der Vergänglichkeit), das gibt es alles schon. Kommt aus dem Welschen, Francesco Petrarca ist dafür verantwortlich. Der hat in seinen Canzoniere auf eine gewisse Laura die europäische Liebeslyrik für Jahrhunderte geprägt. Der große Ernst Robert Curtius, der in seinem Buch Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter die Formelhaftigkeit der Lyrik untersucht hat, spricht hier ganz lapidar, von der Pest des Petrarkimus. Die breitet sich jetzt über ganz Europa aus. Dichter machen es sich leicht, griffige Formeln ersparen es, über Frauen und Schönheit nachzudenken. Außer William Shakespeare, der macht im Sonett 130 den ganzen Petrarkismus lächerlich:

My mistress' eyes are nothing like the sun;
Coral is far more red than her lips' red;
If snow be white, why then her breasts are dun;
If hairs be wires, black wires grow on her head.
I have seen roses damask'd, red and white,
But no such roses see I in her cheeks;
And in some perfumes is there more delight
Than in the breath that from my mistress reeks.
I love to hear her speak, yet well I know
That music hath a far more pleasing sound;
I grant I never saw a goddess go;
My mistress, when she walks, treads on the ground:
And yet, by heaven, I think my love as rare
As any she belied with false compare.


Danke, William.
















Für diejenigen, die sich heute wundern, zwei neue Posts vorzufinden, muss ich sagen, dass ich beim Wegräumen der ➱Hannes Wader CDs plötzlich entdeckte, dass Hannes auf ...und es wechseln die Zeiten Hoffmannswaldaus Vergängliche Schönheit gesungen hatte. Und da mir das Gedicht seit einem Proseminar Barockliteratur 1965 an der Uni Hamburg sehr vertraut war, dachte ich, schreib doch mal eben drüber. Das Seminar wurde von dem Vater von Diedrich Diederichsen geleitet, sein Sohn ist dann ja etwas berühmter geworden als er. Es war aber ein sehr gutes Seminar, auch wenn wir Lohensteins Sophonisbe und ähnliche Texte lesen mussten. Aber rückblickend kann ich sagen, dass die Kenntnis der deutschen Barockliteratur niemandem schaden kann.


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