Mittwoch, 23. Juni 2010

Volkssänger


Hannes Wader hat heute Geburtstag, und deshalb geht von hier ein Geburtstagsgruß nach Kassel. Ja, da wohnt er neuerdings, nicht mehr in Struckum in der Mühle oder auf dem Resthof im Kreis Steinburg. Heute hier, morgen dort. Er sehnt sich aber immer noch ein wenig nach Schleswig Holstein, hat er letztens einem Reporter erzählt. Nach dem Frühstück fängt er an zu singen, er kann sich auch vorstellen, noch länger auf der Bühne zu stehen. Offensichtlich sind 33 Platten (inklusive der Kompilationen) in vierzig Jahren noch nicht genug. Also jetzt heißen die ja CDs, aber als er anfing, da waren es noch Platten. Ich habe sie alle noch, bevor ich schweren Herzens einen CD Player gekauft habe. Ich besitze aber auch noch einen sauteuren englischen Plattenspieler, denn von Zeit zu Zeit muss es einfach die Platte sein. Mir würde das Knistern bei Ich bin unterwegs nach Süden fehlen, wenn ich 7 Lieder von 1972 auf CD hätte. Ich gebe ja gerne zu, dass ich beinahe alles von ihm gekauft habe, auch in Konzerten war und sogar einmal in einer Konzertpause mit ihm geschnackt habe. Aber Leute wie mich gibt es hunderttausendfach, Kriegsgeneration, irgendwie 68er, grauer Bart. Lauter Hannes Wader Klone. Ich weiß nicht, ob inzwischen auch Teenies zu seinen Konzerten kommen, damit sich Zahnspangengeneration und Kukidentfraktion treffen können.

Es gibt keine Werbung für das Phänomen Hannes Wader, seine Fernsehauftritte sind spärlich, aber seine Platten sind alle noch erhältlich. Der Norddeutsche Rundfunk hat ihn jahrzehntelang boykottiert, als Wader die DKP mit seinen Mitgliedsbeiträgen finanzierte. Und er spielt ihn heute auch nicht, weil er sich bemüht, Radio Schleswig Holstein das Motto Flach wie das Land abzujagen. War damals noch anders, als Elke Heidenreich und Henning Venske beim NDR die Musik auflegten. Damals hatten wir auch noch mehr Liedermacher wie Franz Josef Degenhardt und Reinhard Mey (bevor der schamlos kommerziell wurde), und jenseits der Grenze gab es Wolf Biermann. Unsere (west-) deutschen Volkssänger kamen aus der Burg Waldeck Bewegung, dem Äquivalent vom Newport Folk Festival. Wader und Mey sind alte Kumpel, und Degenhardts Reiter wieder an der schwarzen Mauer hat Hannes Wader auf Auftritt: Hannes Wader (1998) gesungen. Beeindruckend, besser als Degenhardt.

Als er plattdeutsche Lieder und Seemannslieder sang und dafür das Buscheruntje anzog, wurde er auch mal von Leuten gekauft, die Heidi Kabel guckten. Aber sonst blieb seine Klientel doch eine Generation, die ein wenig Revolution und ein großes Sehnen im Herzen hatte und irgendwie unterwegs nach Süden war. Er hat auch massenhaft schöne Frauen in seinem Fanclub, die heimlich davon träumen, an seiner Seite unterwegs nach Süden zu sein.

Vor Jahren hat er einmal Schubert gesungen. Als Elke Heidenreich das lange vorher in der Zeit erwähnte, dass er im privaten Kreis manchmal Schubert sänge, hat es keiner geglaubt. Aber dann kam An Dich hab ich gedacht 1997 auf den Markt, vier Lieder, dann sieben aus der Schönen Müllerin und sechs aus der Winterreise. Kein Klavier, aber dass das zur Gitarre geht, hatten ja schon Peter Schreier und Konrad Ragossnig vorgemacht. Ich wollte, er hätte Die schöne Müllerin ganz gesungen. Man merkt zwar leichte stimmliche Defizite, aber es hat große Momente. Vielleicht ist es so, wie Schubert seine Lieder gesungen haben wollte, als er seinen Freunden sagte Kommt heute Abend zum Schober, ich will euch einen Kranz schauriger Lieder vorsingen.

Das Album, das ich insgesamt am besten finde (nun mal von dem frühen 7 Lieder abgesehen) ist Nach Hamburg, das nach zwanzig Jahren immer noch unübertroffen ist. Hier singt er nichts von anderen Interpreten, keinen Bellmann, keine Volkslieder, sondern nur Hannes Wader. Er hat drei Jahre daran gearbeitet, und das Studioalbum wurde länger als alle zuvor. Und jetzt gibt es hier bezaubernde Liebeslieder wie Mit Eva auf dem Eis, Lieder zum Nachdenken wie Denkmalsbeschreibung und Die Kinder vom Bullenhuser Damm und Erinnerungen an Gudrun Ensslin und die RAF. Und das rührende Nach Hamburg. Wie man sich fühlt, wenn man in den fünfziger Jahren an einem Sonntagnachmittag einen Opel Kapitän klaut und damit nach Hamburg brettert. Die Reeperbahn nicht findet, an den Landungsbrücken aussteigt und nach zehn Minuten wieder nach Hause fährt. Es gibt Momentaufnahmen schnöseliger Pöseldorfer Blondinen in Capuccino, Seitenhiebe auf die Ökokultur in Anke's Bioladen, und St. Pauli sieht in Große Freiheit ganz anders aus als bei Hans Albers und Freddy Quinn. Vielleicht hätte ihm Klaus von Dohnanyi, der ja am gleichen Tag wie Wader Geburtstag hat und mal Bürgermeister von Hamburg war, einmal zu diesem Album gratulieren können.

Auf dem Album Nach Hamburg kann man auch Lydie Auvray wieder hören, mit der zusammen er lange aufgetreten ist. Er hat immer hervorragende Musiker um sich gehabt. Und er kann auch selbst Gitarre spielen, man merkt allen seinen Aufnahmen an, dass sie ohne künstliche Studiotricks bestehen können. Er könnte auch a cappella auftreten, es würde immer noch wirken. Wer kann das heute in diesem Geschäft schon von sich sagen? Und auch die Texte sind bei ihm nicht schlecht, zum großen Teil selbstgemacht. Als Beweis dafür gibt es jetzt zum Schluss Mit Eva auf dem Eis, auch wenn es nicht so recht zur ➱Jahreszeit passt.

Nur manchmal dringt der Lärm der Stadt verloren
als weit entferntes Rauschen übers Eis.
Der Schnee ist frisch, die Alster zugefroren,
und tief am Himmel steht die Sonne kalt und weiß.
Es drängen sich am Ufer um die Stände
die Schlittschuhläufer und, noch viel zu heiß
zum Trinken wärmt der Glühwein unsre Hände
an diesem Tag mit Eva auf dem Eis

Ich wollte auch durch andre Jahreszeiten
mit ihr noch zu so vielen Orten gehn,
im Jenischpark im Frühling mit dem weiten
Blick vom Hügel auf die Elbe sehn.
An heißen Sommertagen sogar in ihr baden
nur sekundenlang und nur den großen Zeh,
im Herbst vielleicht zu Bartels Zauberladen
draußen an der Wandsbeker Chaussee.

Nun, es ist daraus dann nichts geworden,
sie wollte einfach fort, um jeden Preis
fort aus dieser kühlen Stadt im Norden,
fort aus dem Trott, dem ewig selben Gleis.
Viel Glück, ob sie nach all den Jahren
noch immer an mich denkt, wer weiß,
ich erinnre mich gern an den kalten, klaren
Wintertag mit Eva auf dem Eis.


1 Kommentar:

  1. Ja, ich mag ihn auch. Und viele Lieder haben wir mit der gitarre in der Hand am Feuer auch gesungen.

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