Samstag, 7. August 2010

Peter C.W. Gutkind


Ich schaue schon mal auf die Seite bei Wikipedia, auf der alle Ereignisse des Tages durch die Jahrhunderte aufgelistet sind, vielleicht könnte ich ja etwas Wichtiges verpassen. Manchmal lasse ich mich von einem Datum anregen, zu einem Ereignis einen kleinen Essay zu schreiben. Das ist Ihnen sicher schon aufgefallen. Unter dem 7. August lese ich, dass der Architekt ➱Erwin Anton Gutkind (Bild) 1968 in Philadelphia im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Ich habe ihn nicht persönlich gekannt, aber ich weiß beinahe alles über ihn, weil ich seinen Sohn Peter gekannt habe.

Der ist nun auch schon beinahe zehn Jahre tot, aber in der Erinnerung ist er für mich noch immer sehr lebendig. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch gewesen, der ein außergewöhnliches Leben gehabt hat. Das kleine Portrait von Peter Gutkind, das Sie jetzt lesen, habe ich aus einem work in progress herauskopiert (ja, ich schreibe an meinen Memoiren), es ist sozusagen eine Erstveröffentlichung. Ich habe hin und her überlegt, ob ich es ins Netz stellen soll, aber dann habe ich mir gedacht, dass diese subjektive Schilderung eines deutschen Lebens mehr Leser verdient hat, als das Dutzend Testleser, die ich seit einem Jahr kapitelweise mit meiner Lebensselbstbeschreibung füttere. Ich habe gegenüber dem Originaltext einige kleinere Änderungen vorgenommen, aber alles, was hier steht, ist wahr. Auch wenn es unwahrscheinlich erscheint. Als ich im letzten Jahr beim Schreiben entdeckte, dass die Architekten Erwin Anton Gutkind und Hans Kammler Nachbarn in Berlin Grunewald waren, habe ich erst einmal einen Tag nicht weiter schreiben können.

Die Sekretärin des Regierenden Bürgermeisters von Berlin ist außer sich. In den letzten Tagen war sie am Telephon immer freundlich, höflich reserviert, sehr kontrolliert. Jetzt scheint sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch zu sein. Wir haben ja schon viele exzentrische Senatsgäste gehabt, aber was sich Ihr Freund da erlaubt... Mein Freund Peter ist nicht zu dem offiziellen Empfang des Regierenden Bürgermeisters gekommen, ich weiß das schon. Ich lasse sie ausreden und sage dann: Ich will Ihnen sagen, wo er war. Er ist nach Ostberlin gefahren, hat eine Straßenbahn genommen und ist zum Jüdischen Friedhof in Weißensee gefahren. Den hat sein Vater gebaut, seine halbe Familie liegt da. Alle im KZ umgebracht. Die Sekretärin des Regierenden Bürgermeisters ist jetzt ganz still. Sie entschuldigt sich bei mir für ihren Ton und fügt dann hinzu: Aber unkonventionell ist Ihr Freund schon. Das ist etwas untertrieben, wenn irgendjemand nichts auf Konventionen gibt, dann ist es Peter. Er pfeift auf das Rahmenprogramm, das der Senat für seinen offiziellen Gast entworfen hat. Aber er ist so charmant, dass ihm niemand etwas lange übel nehmen kann. Ich will der Frau am anderen Ende der Leitung jetzt lieber nicht erzählen, dass Peter schon mal einen Papst eine halbe Stunde hat warten lassen.

Peter ist zum ersten Mal seit 1939 wieder in Deutschland. Ich habe ihm für Berlin Jimmys Adresse gegeben. Jimmys Vater ist im KZ gewesen. Zuerst war er in das Infanterieregiment 9 in Potsdam (im Volksmund Graf Neun genannt) abgetaucht. Die hatten ja mit Offizieren wie Henning von Tresckow, Fritz von der Schulenburg, Philipp von Bismarck, Axel von dem Busche und anderen den größten Anteil der Widerständler in ihren Reihen. Aber es hilft Jimmys Vater nichts, erst das KZ, dann durch den Einfluss seiner Offizierskameraden, ein Strafbataillon. Die waren der Meinung, dass er da größere Überlebenschancen hätte als im KZ. Jimmy (der in Wirklichkeit einen anderen Vornamen in seinem Personalausweis hat) heißt Jimmy nach seinem Patenonkel James Graf von Moltke, er ist ebenso unkonventionell wie Peter. Peter und er verstehen sich in dieser Woche großartig.

Peter ist Professor an der McGill Universität in Montreal, er ist weltberühmt. Sein Vater Erwin Anton Gutkind, der zuerst 1933 nach Paris und dann 1935 nach Hampstead in England emigrierte, ist das auch. Kurz vor seinem Tod 1968 hat er noch den Berliner Kunstpreis für Baukunst erhalten. 1934 ist er noch einmal nach Berlin zurückgekommen, um den Familienmitgliedern bei der Emigration nach England zu helfen. Die meisten wollten nicht, hat mir Peter erzählt, weil sie das kommende Unheil nicht wahrhaben wollten. Auch Peter bleibt zuerst bei seiner Mutter, der Designerin Margarete Jaffé, und seinen beiden Großmüttern in Berlin. Die liegen jetzt in Weißensee begraben. Das Verhältnis zu seinem Vater ist damals nicht so gut gewesen, er spricht nicht gerne darüber. Aber er bekommt auf Drängen des Vaters einen Platz in dem vorletzten Kindertransport, der vor dem Krieg nach England geht. Seine Mutter und seine Großmütter hatte die Gestapo schon vorher abgeholt, er hat sie nie wiedergesehen.

Sein Vater hat bei seinen regierungsamtlichen Verpflichtungen in England keine rechte Verwendung für ihn und gibt ihn in eine Pflegefamilie in Uttoxeter. Der Lehrer Llewelyn Griffiths und seine Frau Anne werden für den traumatisierten Jungen, der erst einmal Englisch lernen muss, ein Elterersatz sein. Er hat so gut wie nichts aus Berlin mitgebracht, außer seinem Fahrrad, mit dem er jetzt England (na ja, zuerst einmal Staffordshire) erobert. Das mit dem Fahrrad ist eigentlich erstaunlich, denn nach den Bestimmungen, die Adolf Eichmann persönlich für die Kindertransporte festgelegt hat, hätte er das gar nicht mitnehmen dürfen. Nicht mal Spielzeug war bei den Kindertransporten erlaubt. Wenn wir Deutschen eines meisterhaft können, dann ist es Vorschriften zu erlassen und zu befolgen. Adolf Eichmann ist ein Meister aus Deutschland.

Die Griffiths sind Quäker, und obgleich Peter seinen jüdischen Glauben niemals verleugnet hat, wird er immer betonen, dass er den Quäkern viel verdankt. Die Quäker sind damals auch die wichtigste Gruppe bei der Aufnahme der deutschen Kinder der Kindertransporte in England gewesen. Nach der Grammar School in Uttoxeter wird Peter an die Sibford School in den Cotswolds wechseln, eine der angesehensten Schulen der Quäker in England. Während der Bombardierung Londons wird Peter Krankenwagen des medizinischen Notdienstes der Quäker fahren. Er wird auch in Amerika an einem Quäker College im Mittleren Westen studieren (bevor er an die Universität von Chicago wechselt) und die Verbindung zur Familie Griffiths bis zu seinem Lebensende bewahren.

Peters Vater hat in den zwanziger Jahren große Siedlungen in Berlin konzipiert, Neu-Jerusalem in Staaken, die Sonnenhof Siedlung, die Grünsiedlung Berlin-Reinickendorf. Er hat zusammen mit Gropius, Mendelsohn, Scharoun und den Brüdern Taut die neuere Berliner Architekturgeschichte geprägt. Nach dem Krieg ist er in der Britischen Zone verantwortlich für den Wiederaufbau in Berlin gewesen. Peter wird der Stadt Berlin und dem Archiv des Bauhauses eines Tages den ganzen künstlerischen Nachlass seines Vaters übergeben. Die Engländer haben Erwin Gutkind mit offenen Armen empfangen.

Das ist in den dreißiger Jahren keine Selbstverständlichkeit für deutsche Emigranten. Der Kunsthistoriker ➱Nikolaus Pevsner wird wie so viele Deutsche von den Engländern eher als eine Art feindlicher Ausländer betrachtet. Er soll während des Krieges nach Australien deportiert werden, kann das gerade noch abwenden. Das Schiff, auf dem er gewesen wäre, wird torpediert und sinkt mit Mann und Maus. Pevsner, der sich vorher mit Gelegenheitsarbeiten wie Designberater einer Möbelfirma über Wasser gehalten hat, ist jetzt Brandschutzwart während der Battle of Britain, mit Helm und einem Eimer voll Sand. Vielleicht sind sich Peter und er einmal nachts im brennenden London begegnet, denn Peter fährt ja jetzt den Quäker Ambulanzwagen: zwei emigrierte Deutsche aus verschiedenen Generationen, die jetzt das Unheil, das ihr Heimatland über ihr neues Gastland bringt, zu mildern versuchen.

Peter weiß nicht, dass der Verantwortliche für die V-2 Raketenangriffe auf London sein ehemaliger Nachbar aus der Taunusstrasse in Grunewald ist. Dr. ing. Hans Kammler, der wie Peters Vater Architekt war und in der Weimarer Republik Regierungsbaumeister wurde, hat bei den Nazis eine beispiellose Karriere gemacht. Hat alle unterirdischen Raketen- und Flugzeugfabriken gebaut. Und seine Villa im Grunewald mit Hilfe von KZ Häftlingen umgebaut. Ein Architekt des Todes. Jetzt ist er SS General und bombardiert London. Pevsner wird 1946 eingebürgert, wird Professor und eines Tages Sir Nikolaus sein. Er wird The Buildings of Britain verfassen, sein Lebenswerk. Und The Englishness of English Art schreiben. Das Geschenk eines Deutschen an die Nation, die ihn aufgenommen hat. Pevsner hat mehr als ein Jahrzehnt am Rande des Existenzminimums zu kämpfen, bis er wieder den Status als Professor erhält, den er in Deutschland hatte. Dagegen hat Erwin Gutkind in England keine Schwierigkeiten. Der deutsche Architekt, der Planungsberater der Waffenstillstandskommission nach dem Ersten Weltkrieg gewesen ist und in den zwanziger Jahren halb Berlin umgebaut hat, wird sofort Berater der Regierung in London für Stadtplanung und Vorsitzender von verschiedenen Regierungskommissionen werden. Er wird keine Häuser mehr bauen.

Peters Ankunft in Deutschland stand unter keinem guten Stern. Er ist in Hamburg angekommen, wo er noch eine junge Wissenschaftlerin besuchen will, deren Dissertationsthema ihn für seine laufende Forschung interessiert. Das Hamburger Ehepaar hatte ihn vom Flughafen abgeholt, ich hatte ihnen alle Details durchgegeben. Flug KLM 213 aus Amsterdam, 18 Uhr in Fuhlsbüttel. Hatte alles geklappt, sie haben ihn zum Abendessen eingeladen und dann im Arbeitszimmer des Ehemannes untergebracht. Alles war gut. Als Peter am nächsten Morgen die Vorhänge öffnet, sieht er, dass die Wände des Zimmers übersät sind mit kleinen Nazifähnchen, SS Ehrendolchen und ähnlichen Dingen. Das ist für ihn ein Schock, er wird Tage brauchen, um sich davon zu erholen. Die Erklärung ist einfach, der Ehemann von Frau Dr. X. hat über das Aufkommen der Nationalsozialisten in einem Hamburger Stadtteil promoviert und während der Arbeit an seiner Dissertation diesen Nazi-Tinnef gesammelt. Er hat nicht daran gedacht, das alles für den Gast aus Kanada von der Wand seines Arbeitszimmers zu nehmen. Er hat vielleicht auch nicht gewusst, dass Peter ein emigrierter Deutscher ist. Jetzt ist ihm das furchtbar peinlich. Der promovierte Ehemann wird es eines Tages noch in der Hamburger Politik Karriere machen, wird aber seinen Posten schnell wieder verlieren, wegen erwiesener Unfähigkeit, wie die Presse höhnt. Schade, dass ich Peter diese Geschichte nicht mehr erzählen kann. Nach wenigen Tagen wird Peter sein traumatisches Hamburger Erlebnis sehr komisch finden, ich höre ihm zu, wie er am Telephon seinen Freunden in Oxford, Montreal und Accra die Geschichte erzählt. Das ist jetzt für ihn auch ein therapeutischer Vorgang, mit jedem Erzählen wird das Ereignis absurder.

Es ist für ihn damals nicht leicht gewesen, wieder in sein Heimatland zu kommen, aber irgendwie war dieser Hamburger Schock für ihn auch eine Art comic relief. Der Bann war gebrochen. Von nun an wird er häufiger nach Deutschland reisen. Dabei wäre er damals beinahe nicht gekommen. Er hatte in Kanada schlimme Dinge über Deutschland gehört. Insbesonders sein deutscher Briefpartner aus Köln hatte ihm ein düsteres Bild der Bundesrepublik Ende der siebziger Jahre gemalt, Peter legt mir eine Photokopie dieses Schreibens in seinen Brief. Auf diese Weise sehe ich zum ersten Mal die Handschrift von Heinrich Böll. Ich versichere Peter mit meinem jugendlichen Elan, dass nichts davon wahr sei. Wenn ich allerdings die Kopie meines Briefes an Frau Dr. X. in Hamburg betrachte, wo ich schreibe, dass sie Peter am Flughafen leicht daran erkenne, weil er ein rotes Jackett tragen würde, dann scheine ich doch schon leichte Bedenken gehabt zu haben. Wenn man ihn überhaupt mit einem roten Jackett ins Land lässt, steht da in meinem Brief. Wenn ich es damals nicht so sehen wollte, Heinrich Böll hatte in seiner Zustandsbeschreibung der Republik wohl Recht. Gerade hatte in Bremen mein ehemaliger Mitschüler ➱Bernd Neumann (der heute Kulturstaatsminister von Frau Merkel ist) eine neue Bücherverbrennung der Gedichte von Erich Fried angeregt. Und der Band Kein schöner Land? Deutschsprachige Autoren zur Lage der Nation, den Uwe Wandrey 1979 bei Rowohlt herausbringt, spricht die gleiche Sprache wie der Brief, den Heinrich Böll an den Professor Peter Claus Wolfgang Gutkind von der McGill University in Montreal schreibt.

Mit seinem außerplanmäßigen, unbezahlten research assistant ist Peter zufrieden. Bei seiner Ankunft präsentiere ich ihm einen Leitz Ordner voller Unterlagen, alles, was ich in den letzten Monaten über die Kru-Boys aus Accra herausgefunden habe. Die Reederei Woermann in Hamburg ist nicht mehr das, was sie einmal unter Bismarck gewesen ist, aber sie sind sehr bemüht. Wenn auch furchtbar langsam und pedantisch. Mit solchen Leuten hätte sich Woermann nicht sein Imperium sichern können. Sie haben aber immer noch schönes Briefpapier auf dem Deutsche Afrika-Linien steht. Und sie haben auch nach längerem Suchen einen Pensionär aufgetrieben, der noch in den dreißiger Jahren auf Woermann Schiffen nach Afrika gefahren ist. Tja, die Swatten, die waren an Bord, für die Ladung. Aber viel mehr weiß er nicht über deren Rolle. Er war Maschinist, was beim Be- und Entladen in Accra und Hamburg passierte, das weiß er nicht so genau. 

Und das Firmenarchiv ist ja verbrannt, bei dem großen Feuersturm. Davon will er mir erzählen, das weiß er noch wie gestern. Jetzt, wo die Firma ihn aufgefordert hat, in seinen Erinnerungen zu kramen, ist die Bombardierung von Hamburg das, was dabei hervorkommt. Aber diese Geschichten habe ich schon von meiner Mutter gehört. Als sie ihre Schwiegermutter mit Gustav seinem kleinen Laster da raus geholt hat. Und die ist für die Heldentat ihrer Schwiegertochter gar nicht richtig dankbar gewesen und wollte wieder nach Hamburg zurück. Nach dem, was davon übrig war. Man will immer zurück in die Heimat. Ich bedanke mich bei dem Woermann Pensionär. Mein Protokoll des Interviews geht auf zwei Seiten DIN A 4. Über den Feuersturm und wie es im Hafen aussah, hätte ich länger schreiben können. Aber ich habe für Peter alles bibliographiert, über Fernleihe besorgt und photokopiert, was deutsche Universitätsbibliotheken zu seinem Thema hergeben.

Aber Peter wäre nicht Peter, wenn er auf diese Recherche vertrauen würde. Getreu seiner Devise, eine labor history „von unten“ zu schreiben, hatte er natürlich schon lange Kru-Boys und surfboatmen in Afrika interviewt. Er hat mir die Geschichte erzählt, wie ihm ein alter Mann lange zugehört hat, als er ihm zu erklären versuchte, was er hier an der Goldküste erforschen wollte. Mit modischen Schlagworten wie pre-colonial labor history können die Betroffenen ja wenig anfangen. Und dann hat der Alte genickt und sich an seine Stammensgenossen gewandt und gesagt This European is writing about our grandfathers. Answer his questions!!! Peter kommt erst einmal nicht zu seinem Forschungsprojekt. Zwar hat er gerade den Vorsitz der Universitätsgewerkschaft abgegeben, aber schon wird er zum Präsidenten der African Studies Association der Vereinigten Staaten gewählt. Ich werde in den kommenden Jahrzehnten noch viele kleine Forschungsaufträge für ihn (und seine Tochter Katherine, die einen Film über ihren Großvater drehen will) erledigen, aber ich bekomme, außer seiner Freundschaft, auch viel zurück. Jahrelang wird er mir den New York Review of Books und den New Yorker zuschicken und mir Bücher in Kanada besorgen, die man hier nicht nicht bekommt.

Wir haben einmal in unserer Universität zwei kanadische Theaterautoren zu Gast. Die unterrichten auch an der McGill University. Während der eine noch am Podium nach dem Vortrag mit einer Gruppe von Studenten und Professoren diskutiert, begleite ich den anderen aus dem Hörsaal und frage ihn beiläufig, ob er meinen Freund Peter Gutkind kennt. Er bleibt stehen, dreht sich um und ruft durch den ganzen Hörsaal zu seinem Kollegen Ey, komm sofort her. Hier ist ein Freund von Peter Gutkind. Der lässt sein literaturbeflissenes Publikum stehen und kommt sofort her. Ich erfahre, dass Peter an der McGill Universität einen geradezu mythischen Status hat. Ein Kämpfer gegen alle Ungerechtigkeit, hat von Beginn an Amnesty International gefördert, hat eine Hochschullehrergewerkschaft begründet, kämpft für jeden Kollegen, der von einer Entlassung bedroht ist, gegen die Universitätsbürokratie. Auch einer der beiden Kanadier verdankt ihm seinen Job an der Universität. Dieser Kampf gegen das Unrecht, den er lebenslang und weltweit führen wird (nicht nur gegen die Universitätsbürokratie), ist sicherlich auch ein Erbe seiner Quäker Erziehung.

Peter hat Anthropologie studiert, das Geld für sein Studium hat er sich in Chicago in einem Stahlwerk verdient. Der angehende Professor hat den ausgebeuteten schwarzen Stahlarbeitern so imponiert, dass sie für ihn Geld gesammelt haben, um ihm das nächste Semester zu finanzieren. Er verliert als Universitätsprofessor niemals die Bindung zur wirklichen Welt. learning from below ist seine Devise, keine toten Weisheiten aus Lehrbüchern. Seine Forschungsgebiete African Studies und Urban Anthropology (ein Gebiet, das er geprägt, wenn nicht sogar erfunden, hat) führen in zu field trips in die Armut der arbeitenden und arbeitslosen Klasse in amerikanischen Großstädten und im fernen Afrika. Das arme Afrika, das Ergebnis der kolonialen Ausbeutung, wird für ihn zur zweiten Heimat. Als er 1954 den Funkspruch hört, dass Hemingway mit dem Flugzeug abgestürzt ist, wird er nicht reagieren, obgleich er in der Nähe ist. Der Pilot hat gesagt 'nobody hurt', warum soll ich da mit meinem Jeep hin? Da waren genug Weiße in der Gegend. Das Mitleid für die Unterdrückten und Ausgebeuteten der Welt erstreckt sich bei Peter nun mal nicht auf amerikanische Millionäre auf Löwenjagd.

1986 wird Peter an der McGill Universität pensioniert. Er könnte da noch bleiben, er war dreiundzwanzig Jahre da, seine Kinder Chris und Katherine haben da Examen gemacht. Und Alice, mit der er seit 1951 verheiratet ist, hat da noch 1977 einen Magistergrad erworben. Aber er will noch etwas Neues anfangen. Er hat ein Angebot aus Kopenhagen. Die Stadt gefällt ihm gut, er ist am Tag der Arbeit da. Ist als erstes bei einer Demonstration mitmarschiert. Jemand hat ihm eine grüne Bierdose in die Hand gedrückt, es war ein sonniger Tag. Er ist mit seiner Bierdose durch halb Kopenhagen marschiert. Das ist wieder so typisch für Peter, statt an der Uni Verhandlungen über eine Professur aufzunehmen, geht er erstmal zur Demo. Zum Abendessen drei Tage später stelle ich ihm auch eine grüne Dose Tuborg Bier auf den Tisch. Aber so attraktiv ihm Kopenhagen auch erscheint, er möchte eigentlich jetzt im Alter zurück nach England. Die Universität von Warwick in Coventry bietet ihm eine Stelle als Research Fellow an. Die nimmt er. Mit Coventry wird auch die Telephonverbindung besser, er klingt jetzt am Telephon, als wäre er um die Ecke. Wir sprechen eigentlich immer Englisch, er kokettiert damit, dass er sein Deutsch verlernt hätte. Er hat es nicht verlernt, kein bisschen.

Aber es ist für ihn, der in der ganzen Welt herumgekommen ist, eine ganz neue Erfahrung, nach vierzig Jahren wieder in Deutschland zu sein. Jimmy hatte ihn mit seinem BMW durch Berlin gefahren, zum Kaiserdamm, wo Peter zur Theodor Herzl Schule gegangen ist, einer jüdischen Privatschule. Seine Lehrerin Paula Fürst hat noch den letzten Kindertransport aus Berlin am 30. August nach England begleitet, ist dann aber gegen den Rat all ihrer Kollegen nach Deutschland zurückgekehrt. Sie ist 1942 irgendwo im Osten ermordet worden. Das Haus in Berlin, in dem er aufgewachsen ist, steht noch, Taunusstrasse 10 in Grunewald. Er hat es gesucht und gefunden. Und hat davor gestanden, hat zuerst nicht gewagt zu klingeln. Peter erzählt mir, dass sie ein Gemälde von Paul Klee im Wohnzimmer hatten. Und wer alles bei ihnen ausging, es hörte sich an, wie eine Liste aller Bauhausprofessoren aus Dessau und Weimar. Ich wollte an dieser Stelle nicht sagen, dass sie alle emigriert oder von den Nazis umgebracht sind. Das wusste er selbst. Jimmy hatte ihn in Berlin zu Hardtke in der Meineckestrasse mitgenommen, wo Berliner Spezialitäten serviert werden, weil Peter nach vierzig Jahren unbedingt Berliner Spezialitäten essen wollte, unbedingt unkoscher. Ich schleppe ihn zu einem Italiener, der damals gerade angesagt ist und wahrscheinlich heute nicht mehr existiert (Hardtke in Berlin hat inzwischen auch zu). Und Peter sagt irgendwann beim Abendessen etwas Erstaunliches. Dass die Juden kein Monopol auf das Leid hätten, das man ihnen angetan hat. Sie verharrten in dieser Position der ewigen Wehklage über den Holocaust. Aber überall auf der Welt gäbe es ähnliches Leid, immer wieder. Und heute gäbe es Situationen, in denen man das bekämpfen und verhindern könne. Er sagt das beinahe beiläufig, während er das Glas mit den Salzstangen über die rot-weiß gewürfelte Tischdecke schiebt. Ist das der Quäker in ihm? Er wiederholt dieses Argument wenig später in einem Brief, mit seiner Schreibmaschine mit der Pica Schrift auf dem Formular eines Inter Departmental Memorandum von McGill getippt:

I saw something of the Holocaust. Of course the memory is not nice, but my reaction was rather different. I was very mad about the concentration on the Jews alone. Many other people died and suffered as well, as gypsies, gays, communists...To make out that only the Jews got it in the neck is the type of Zionist poison which I reject totally. 

Ich stimme ihm gerne zu. Aber in Tel Aviv dürfte er das nicht sagen.

Bei all dem, was man seiner Familie angetan hat, hat Peter seinen Humor nie verloren, das fasziniert mich. Oder war es ein acquired taste, ein schwarzer englischer Humor? Ich kann ihn nicht mehr fragen, er ist im Jahre 2001 gestorben. Es hat Nachrufe seiner Universitäten gegeben, Nachrufe von jüdischen Organisationen. Die McGill Universität hat eine Forschungsbibliothek nach ihm Gutkind Library benannt. Der Guardian hat ihm am 8. März 2001 einen schönen ➱Nachruf gewidmet. Peter hat mir, kurz nach seinem ersten Besuch, in einem Brief geschrieben:

You made me feel at home almost 40 years after I left Germany. I never thought that dropping in on you like that would result in letter writing and a warm sense of friendship which I value greatly. I must confess that it was a wonderful experience to be welcomed after all these years in such a relaxed manner and such a meeting of minds. 

Ich habe irgendwann in den achtziger Jahren einige schöne Portraitphotos von ihm gemacht. An manchen hat er herumgemäkelt, aber von denen, die ihm gefielen, hat er gleich ein Dutzend bestellt, für die Kinder und für Freunde. Ich habe die Negative und die Photos noch, aber ich brauche sie nicht. Ich weiß, wie er aussieht, das ist unlöschbar auf der Bilderfestplatte meines Kopfes.

Es gibt im Internet eine große Zahl von Erwähnungen von Peter Gutkind, aber keine Bilder, außer einem, das ihn in den fünfziger Jahren in Afrika zeigt, und das kopiere ich mal hier hin.












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