Samstag, 11. September 2010

Zeiss


Carl Zeiss hat heute Geburtstag, sein Leben ist eine deutsche Erfolgsgeschichte, wie es kaum eine zweite gibt. Er hat ein Händchen dafür gehabt, die besten Köpfe um sich zu scharen. Leute wie Otto Schott oder Ernst Abbe. Carl Zeiss selbst hat nicht wirklich etwas erfunden, er hat nur die Qualität verbessert. Aber er und Abbe haben auch eine Firma geschaffen, in der die Arbeitsbedingungen zur damaligen Zeit unerreicht waren. Als Carl Zeiss anfängt, Linsen zu schleifen und zu berechnen, gibt es schon bedeutende Leute vor ihm.

Wir sollten an dieser Stelle einen Augenblick an jemanden denken, den man in Deutschland schon vergessen hat, weil er nach England gezogen war. Wo er William Herschel heißt, später sogar Sir William. Er baut Spiegelteleskope für die Astronomie, die in ihrer Qualität jahrzehntelang unerreicht bleiben. Das kann man sicherlich auch über die Qualität der Carl Zeiss Produkte sagen, wenn auch seine Mikroskope etwas kleiner sind als das größte Spiegelteleskop, das Herschel gebaut hat. Aber Herschel ist bei seinen Arbeiten nicht allein, seine Schwester Caroline ist auch eine bedeutende Wissenschaftlerin. Die amerikanische Dichterin Adrienne Rich hat einmal ein Gedicht mit dem Titel Planetarium über sie geschrieben:

Thinking of Caroline Herschel (1750—1848)  astronomer, sister of William; and others.

A woman in the shape of a monster
a monster in the shape of a woman
the skies are full of them


a woman ‘in the snow
among the Clocks and instruments
or measuring the ground with poles’


in her 98 years to discover
8 comets


she whom the moon ruled
like us
levitating into the night sky
riding the polished lenses

Galaxies of women, there
doing penance for impetuousness
ribs chilled
in those spaces of the mind


An eye,


‘virile, precise and absolutely certain’
from the mad webs of Uranusborg

encountering the NOVA

every impulse of light exploding

from the core
as life flies out of us

Tycho whispering at last
‘Let me not seem to have lived in vain’

What we see, we see
and seeing is changing

the light that shrivels a mountain
and leaves a man alive

Heartbeat of the pulsar
heart sweating through my body

The radio impulse
pouring in from Taurus

I am bombarded   yet I stand

I have been standing all my life in the
direct path of a battery of signals
the most accurately transmitted most
untranslatable language in the universe
I am a galactic cloud so deep so invo-
luted that a light wave could take 15
years to travel through me And has
taken I am an instrument in the shape
of a woman trying to translate pulsations
into images for the relief of the body
and the reconstruction of the mind.


Sie ist beinahe hundert Jahre alt geworden, hat all ihre Verdienste immer heruntergespielt. Glücklicherweise ist sie im Alter dann doch, das widerfährt Frauen in dieser Zeit nicht so häufig, mit Ehrungen überschüttet worden.

In einem kleinen Kaff bei Bremen namens Lilienthal sitzt damals ein Oberamtmann namens Hieronymus Schroeter, der hatte in Hannover den Vater der Herschels kennengelernt und ist jetzt auch von den Teleskopen und der Astronomie angesteckt. Mit Hilfe von Herschel wird er auch Teleskope bauen und wird Lilienthal bekannt machen. Zumal da noch der Bremer Arzt und Astronom Dr. Heinrich Wilhelm Olbers dazu kommt. Und so wird dieses kleine Dorf im Teufelsmoor, wo weit und breit nix los ist, zum Zentrum der Astronomie. Wenn Sie es nicht glauben und zufälligerweise noch einen Zehnmarkschein haben sollten: da ist Lilienthal als Vermessungspunkt drauf. ➱Arno Schmidt, der ja ein kleines mathematisches Genie war und den Dr. Olbers immer wieder in seinem Werk erwähnt, wollte einen Roman namens Lilienthal 1801 oder Die Astronomen schreiben, in dem Schroeter der Held sein sollte. Die Arno Schmidt Gesellschaft hat die fragmentarischen Notizen zu dem Roman einmal herausgegeben, aber ich weiß nicht, ob man dafür einen Hunni riskieren sollte.

Nachdem wir nun wissen, dass der Mond und die Sterne um 1800 fest in deutscher Hand sind, und Carl Zeiss dafür sorgen wird, dass die Mikroskope und die Linsen für die neue Erfindung Photoapparat immer besser werden, was kann der deutschen feinmechanischen Industrie jetzt noch geschehen? Zumal Paul Rudolph auch noch 1902 das Zeiss Tessar konstruiert hat. Ein Kameraobjektiv, das den Beinamen das Adlerauge bekommen wird, weil es schärfer zeichnet als alle vergleichbaren  Objektive. Nachdem die Schutzrechte für dieses Objektiv abgelaufen sind, werden auch andere deutsche Kamera- und Objektivhersteller Objektive vom Typ Tessar bauen (wie zum Beispiel das Elmar von Leitz, das Skopar von Voigtländer oder das Xenar von Schneider Kreuznach).


In den fünfziger Jahren, als ganz Deutschland photographierte und beinahe alle aus meinem Jahrgang den Photo Porst Katalog auswendig gelernt hatten, war die deutsche Kameraindustrie noch das non plus ultra der Welt. Es gab zwar in Japan die Firma Canon, aber die bauten lediglich Leicas nach (was die russische Firma Zorki auch mehr schlecht als recht tat), und es gab Yashica, die bauten die Rolleiflex nach. Falls Sie jetzt zufälligerweise McKeowns tausendseitigen Kameraführer neben sich liegen haben sollten, werden sie einwenden, dass es natürlich ein klein wenig komplizierter ist. Aber für den Rest der Leser reicht dies erst einmal. Denn es gab keine wirkliche Konkurrenz für die deutsche feinmechanische Industrie, billiger vielleicht, besser auf keinen Fall. Und wenn man etwas Preiswerteres wollte, aber keine Abstriche in der Qualität machen wollte, dann kaufte man eine Kamera aus der DDR. Denn in Dresden und Jena hatte ja beinahe einmal die ganze deutsche Photoindustrie gesessen, und wenn auch Carl Zeiss inzwischen westdeutsch war, so gab es immer noch Carl Zeiss Jena. Die immer noch das berühmte Tessar bauten, auch wenn jetzt nur noch T auf dem Objektiv stand.

Vor einem halben Jahrhundert war mein Traum eine Ihagee Exakta Spiegelreflexkamera. Es war für einen Jugendlichen ein unerfüllbarer Traum, denn die Varex II a kostete damals 665 DM, das war nach der Leica von Leitz und der Contax von Zeiss die teuerste Kamera in Deutschland (ich nehme jetzt mal die Linhof Technica und allerlei Spezialkameras aus). Unbezahlbar. Ich gab mich mit meiner DDR ➱Werra zufrieden, habe aber nie aufgehört von einer Exakta zu träumen. Eine alte Leica habe ich inzwischen, eine Contax würde ich gerne haben. Aber ich habe mittlerweile eine Vielzahl von deutschen  Kameras der fünfziger Jahre, alle funktionstüchtig. Kiddies, die man gerade mit so etwas photographiert hat, reagieren enttäuscht, wenn sie auf der Rückseite der Kamera nicht sofort ihr Bild sehen können. Kleinbildfilme und Photopapier sind für sie keine Begriffe mehr. All die tollen Kameras, die Deutschland mal produziert hat - warum haben wir eigentlich unsere ganze Industrie den Japanern überlassen? - kosten auf Flohmärkten so gut wie nichts mehr.

Und dann sah ich sie letzten Sonntag auf dem Flohmarkt, diesen Jugendtraum. Habe sie auf zehn Meter erkannt, obgleich sie zum größten Teil züchtig verhüllt in einer ledernen Bereitschaftstasche steckte. Ich erkundigte mich betont beiläufig nach dem Preis, habe dann auch gar nicht gehandelt. 45 Euro für einen Jugendtraum in recht gutem Zustand sind nicht zu viel, sind eher ein Schnäppchen. Zumal es die Varex IIa, das sogenannte Jubiläumsmodell ist. Und während ich an diesem kalten Spätsommertag das bunte Treiben um mich herum durch den Lichtschachtsucher betrachtete, wurde ich mehrfach von Kennern auf meine schöne Ihagee Exakta angesprochen, die natürlich ein Zeiss Tessar Objektiv hat. Ich habe mir in der Sonntagnacht bei Ebay noch einen Prismensucher für die Exakta ersteigert, weil der für viele Dinge praktischer ist als der Lichtschachtsucher. Und wenn der ankommt, dann geht das los. Einen Film habe ich schon. Und ich habe die ganze Woche mit der Kamera gespielt, sodass wir beiden uns jetzt schon richtig verstehen.

Das Bild wird Sie jetzt vielleicht etwas überraschen, nachdem ich heute die ganze Zeit auf den Japsen herumgehackt habe. Die ist eine Canon A-1. Ich habe sie mir 1978 gekauft, es gab damals keine bessere Spiegelreflexkamera auf der Welt. Vielleicht heute noch nicht. Sie hat mich nie im Stich gelassen, aber letztes Jahr hat die vollcomputerisierte Belichtungsautomatik durchgedreht. Da die Reparatur zu teuer war, habe ich mir (und ihr) kurzentschlossen einen neuen Body für einen Hunni gekauft (wenn das immer so einfach wäre mit einem neuen Body!). Die Kamera ist jetzt wieder wie neu. Sie kann alles. Aber sie hat natürlich kein Zeiss Tessar.




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