Sonntag, 31. Oktober 2010

Heinrich Hannover


Heinrich Hannover wird heute 85, und dazu möchte ich ihm ganz herzlich gratulieren. Ich hoffe, dass es ihm in Worpswede, wo er mit seiner Lebensgefährtin Doris wohnt, gut geht. Er soll jetzt seine eigenen Kinderbücher (welcher deutsche Jurist außer ihm hat Kinderbücher geschrieben?) ins Plattdeutsche übersetzten. Hat mir meine ➱Freundin Gu erzählt, die mit ihm befreundet ist. Seit er damals mit seinem Cello als Untermieter in ihre riesige Altbauwohnung in schönster Bremer Wohngegend eingezogen ist. Heinrich Hannover ist Anwalt gewesen, und war einmal er einer der berühmtesten Anwälte Deutschlands.

Kein Anwalt für die Schickeria, wie der Promi Anwalt Matthias Prinz, sondern ein Kämpfer für die gute Sache. Viele Prozesse, die er bestritten hat, haben Rechtsgeschichte geschrieben. Die Kanzlei, die seinen Namen trägt, gibt es immer noch in Bremen. Er hat natürlich einen Wikipedia Artikel, er hat auch eine eigene Internetseite, und er hat Ehrendoktortitel von der Berliner Humboldt Universität und der Universität Bremen. Seine Autobiographie Die Republik vor Gericht 1954 - 1974. Erinnerungen eines unbequemen Rechtsanwalts scheint schon wieder vergriffen zu sein, aber eine Vielzahl seiner Bücher - natürlich besonders die Kinderbücher - sind noch lieferbar. Das weiß er alles selbst, das brauchte ich nicht zu sagen. Aber ich möchte doch einmal darauf hinweisen, dass wir einmal bedeutende Juristen in unserem Land gehabt haben. Außer Paul Johann Anselm von Feuerbach. Und damit meine ich Menschen wie Heinrich Hannover, Rudolf Wassermann  Uwe Wesel und vielleicht den frühen Otto Schily. Und es wird noch den einen oder anderen geben. Selbst wenn sie irgendwie alle unter die Kategorie links fallen, sollte man doch sehen, dass unsere Republik ihnen viel verdankt. Mehr als den Juristen vom Typ Hans Globke oder Hans Filbinger, die lange das Schicksal der Republik bestimmt haben.

Ich habe für meine Leser heute etwas Besonderes: Sie dürfen ein Kapitel aus meiner Autobiographie lesen, die ein wenig unbeachtet im Computer gespeichert liegt, weil ich ja jetzt Blogger von Beruf bin. Es ist ein work in progress, es ist nicht fertig, nicht durchkorrigiert. Es wird Schreibfehler enthalten, aber die Tatsachen stimmen. Es ist mein Leben gewesen, andere haben ein anderes gehabt. Es ist eine Zeitreise zurück in das, was wir so global als 1968 bezeichnen. Vielleicht verklagen mich einige der im Text genannten Personen. Dann hoffe ich, dass Heinrich Hannover mir hilft. Er kommt nur einmal im Text vor, das ist eigentlich zu wenig. Denn ich hatte damals bei all dem, was damals in meiner Heimatstadt Bremen so ablief (und was ich zum Teil nur aus der Ferne beobachtete), das Gefühl - und das habe ich heute noch -  dass es nur zwei ehrliche Menschen in Bremen gab. Der eine war der Domprediger Günter Abramzik, der andere war Heinrich Hannover. Dies ist das Kapitel 40 eines Manuskripts, das den Titel Bremensien trägt (und das auch irgendwo im Computer von Heinrich Hannover abgespeichert ist, wenn Gu ihm nicht noch im Sommer vor ihrem Abflug nach Mexiko einen Ausdruck auf den Schreibtisch gelegt hat). Es hat den Titel Revolution.

Der neue Inspekteur des Heeres, der Generalleutnant Ulrich de Maizière, macht meiner Division seinen Antrittsbesuch. Er hat drei goldene Sterne auf seiner Schulter, ich mal gerade einen silbernen. Ich habe für diesen Anlass meine gute Uniform aus dem hellgrauen Stoff angezogen, gerade noch einen Schatten dunkler als die meines Kommandeurs. Der mag das gar nicht, wenn seine Leutnants hellere Uniformjacken haben als er. Bei der Härte und Einförmigkeit des Dienstes achtet man schon auf kleinste Nuancen, mit denen man sich abheben kann. Der Seidenschal in der Panzerkombi, die hellere Uniformjacke, hellere grüne Kragenspiegel (es gibt in der Anfangsphase der Bundeswehr noch zwei unterschiedliche Grüntöne bei der Infanterie), elegantere Handschuhe. Junge Leutnants sind Dandies, da hat sich seit Jahrhunderten nichts geändert. Zu Friedrichs Zeiten gab es keine Rangabzeichen, Offizier war, wer den blauen Rock des Königs trug.

Die ➱Uniform des Generals ist unter sartorialen Gesichtspunkten nicht weiter bemerkenswert. Der große Saal unseres Kasinos (das, in den dreißiger Jahren gebaut, wie eine Mischung zwischen Neoklassizismus und Karinhall aussieht) ist voll mit allen frischbeförderten Leutnants der Division. Wir sind alle noch im Krieg geboren. Zu der Zeit ist der Berufsoffizier de Maizière Oberst im Generalstab, mein Vater als Leutnant der Reserve Frontschwein mit seinem Bremer Artillerieregiment irgendwo in Russland. Der General trägt eine Brille, er wirkt sehr wenig militärisch, eher wie ein Intellektueller in Uniform, linkisch. Hollywood würde ihn niemals für die Rolle eines Dreisternegenerals nehmen. Die würden unseren Divisionskommandeur Uechtritz nehmen, der genauso aussieht, wie sich die Amerikaner einen deutschen General vorstellen. Jeder hält ihn wegen seines Aussehens auch für einen von Uechtritz. Leider ist das martialische Aussehen auch das einzige, das Uechtritz für seine zwei goldenen Sterne qualifiziert.

Der neue Inspekteur des Heeres ist allein in unser Kasino gekommen, das wie eine Miniaturausgabe von Karinhall aussieht. Er verzichtet auf die Anwesenheit seines militärischen Stabs, er möchte offensichtlich seinen neuen hohen Rang nicht betonen (in Frankreich, wo wie gerade ➱drei Monate mit dem Bataillon waren, wäre das undenkbar). Er gilt als einer der vielen Väter des Konzepts der Inneren Führung. Er mag ein Konzept für die Innere Führung haben, hat aber keinerlei Konzept für diese Veranstaltung, er gibt den guten Pappi aus Bonn. Erzählt von ausländischen Gästen, die er getroffen hat, zuletzt den König Bhumibol und die Königin Sirikit. Das alles bewegt sich auf einer Ebene, für die wenig später Heinrich Lübke berühmt werden wird. Er erzählt dann noch, dass er aus einer gebildeten Familie stammt und nach dem Krieg Musikalienhändler gelernt hat und gerne Geige spielt. Si tacuisses. Er hat längst jede Autorität verloren. Hier ist der Kalte Krieg, wir waren vor zwei Stunden, bevor wir geduscht und uns umgezogen haben, noch draußen im Dreck des Truppenübungsplatzes. Vor den Toren unserer Kaserne kreisen auf Abschussrampen die scharfen Nike Hercules Raketen, einmal im Monat bewachen wir an einem geheimzuhaltenen Ort echte amerikanische Atombomben (die Sprengköpfe für die Honest John Raketen), Chruschtschow und Kuba waren erst gestern. Und der erzählt uns etwas von Sirikit und kann damit gar nicht aufhören, von ihrer reizvollen asiatischen Schönheit zu schwärmen. Und redet von seinem Geigenspiel.

Und nun geschieht etwas Unglaubliches, es wird laute Kommentare, ironische Bemerkungen und cat calls geben. Ein langes, schrilles Siiiiirikittt, aus der letzten Reihe, als die fremdartige Schönheit wieder einmal erwähnt wird. Dies ist der höchste Offizier des deutschen Heeres, und dann so was. Wenn das in der DDR passiert wäre, wären die Übeltäter eine Woche später in Bautzen. Hier geschieht nichts. Der Dreisternegeneral unterbindet die bösartige Unruhe auch nicht (wenn das bei Uechtritz geschehen wäre, wäre spätestens sechzig Sekunden später die Hölle los gewesen), er zieht den vorzeitigen Rückzug vor. Und er bekommt, kurz bevor er die Tür erreicht, den vernichtenden Satz nachgerufen. Und beim nächsten Mal bringen Sie doch Ihren Geigenkasten mit! Und da weiß ich, dass die bleiernen Jahre der Adenauerrepublik zu Ende sind. Dies ist ein neuer Geist, dies klingt nach 1848. Es ist der Vorläufer von dem, was wir 1968 nennen.

Im Juni 1966 wohne ich in X. im vierten Stock eines Hauses am Park. Man hat hier einen schönen Blick, der Himmel ist nahe. Eigentlich sollte ich meine Proseminararbeit über Joseph Conrad schreiben und nicht so viel in den Himmel schauen oder nicht so häufig den vom Grünspan überzogenen Turm der Lutherkirche zeichnen. Aber der Ausblick ist zu verführerisch, bei jedem Wetter. Eines Nachmittags sehe ich unten am Eingang des Parks einen großen schwarzen Hund. Ich weiß nicht, was das für eine Rasse ist. Er ist so groß wie ein Irish Wolfhound, aber er hat glattes schwarzes Fell. Er tut niemandem etwas, er steht nur da. Nach zwanzig Minuten kommt die Polizei und guckt den Hund an. Nach zehn Minuten Palaver mit seinem Kollegen holt ein Polizist seine Pistole aus der Pistolentasche und erschießt den Hund. Drei Schüsse. Einfach so, ohne Grund. Diese Szene, dieses sinnlose Töten, bekomme ich nie wieder aus dem Kopf. Ein Jahr später wird Benno Ohnesorg erschossen.

Auch Bremen hat sein 1968 (wenn man so will, beginnt 1968 hier), obgleich die Revolution hier etwas kleiner ausfällt als in den großen Universitätsstädten. Dafür kommen sich die Beteiligten in Bremen ungleich größer und wichtiger vor. Olaf Dinné, der sich in der Bremer linken Szene für den größten Denker hält, wird eines Tages sogar Mitherausgeber eines vierhundert Seiten starken Buches 68: Anno dunnemals in Bremen sein. Im Selbstvermarkten war der Besitzer des Jazz Clubs Lila Eule immer gut. Im Zentrum von vielen Aufregungen steht der Bremer Polizeipräsident Erich von Bock und Polach. Der ist jedes Jahr Gast in dem gleichen Saal, in dem General de Maizière seinen Auftritt hatte. Er redet dort nicht, er wird nur zum Bataillonsball eingeladen. Und das auch nur, weil er so hübsche Töchter hat. Das weiß er aber nicht. Er kommt im zweireihigen Smoking und trägt seine Weltkriegsorden in Miniaturausgabe an einem kleinen goldenen Kettchen neben dem Revers. Wenn jetzt der Verteidigungsfall eintreten würde, dann hätte ich als Polizeipräsident automatisch den Rang eines Generals, schwadroniert der ehemalige Wehrmachtoberst. Dass er auch bei der Waffen SS war, lässt er unerwähnt. Wir lassen ihn reden, wir nehmen ihn ja nur wegen der Töchter in Kauf. Beauties haben immer ein beast im Hintergrund.

Der Möchtegern-General sollte eigentlich im Gefängnis sitzen oder, zum einfachen Schutzmann degradiert, Parksünder aufschreiben. Seine Karriere besteht nur aus Skandalen. Wenn Hermann Rademann auf dem Domshof während der Straßenbahnunruhen lauthals (dank Megaphon) dem Senat Forderungen diktiert, dann ist die sofortige Absetzung des Polizeipräsidenten eine dieser Forderungen. Die sechziger Jahre beginnen in Bremen mit einem Skandal. Die Polizei schafft neue Streifenwagen an, es werden Produkte aus Stuttgart-Untertürkheim sein. Das wäre bei einer ordentlichen Ausschreibung nicht weiter erwähnenswert. Allerdings haben alle Kinder des Polizeipräsidenten plötzlich einen neuen Mercedes. Von Bock und Polach kann sich in dem folgenden Bestechungsprozess nicht erklären, wo die alle hergekommen sind. Freispruch mangels Beweisen. Der Disziplinargerichtshof wird zu einem anderen Ergebnis kommen, zeitweise Amtsenthebung und Kürzung des Gehaltes. Aber er hat ein SPD Parteibuch, er bleibt im Amt. Wenn man in Bremen ein SPD Parteibuch hat, besitzt man Immunität gegen alles, außer gegen grünes Kryptonit. Richard Boljahn und Hermann Wolters sind dafür lebende Beweise.

Als 1968 bei einer Party seiner Töchter jemand im Hause des Herrn von Bock und Polach zu Tode kommt, wird die Staatsanwaltschaft nicht ermitteln. Die Staatsanwaltschaft ermittelt dagegen gegen die Schüler, die in dem Faltblatt a unter dem Titel Zur Gewalt: oder das faschistische Gesellschaftsbild des Bremer Polizeipräsidenten diesen Umstand öffentlich bekannt gemacht haben. Die Pressefreiheit ist in Bremen plötzlich aufgehoben. Angeklagt wird nicht der Polizeipräsident, sondern die Schüler, die das Faltblatt herausgegeben haben. Dass der Polizeipräsident bei einer Demonstration seinen Polizisten zugebrüllt hat Draufhauen! Draufhauen! Nachsetzen! steht nicht zur Diskussion (die Untersuchungskommission des Senats wird das Verhalten des Polizeipräsidenten und seiner Polizei rügen).

Und auch die Orgie im Hause Bock und Polach wird in der Sprache der Juristen eine ganz andere Dimension bekommen. Wir erfahren, dass die im Hause des Polizeipräsidenten nach dem Genuss von Whisky zu Tode gekommene Person infolge eines plötzlichen Unwohlseins über das Geländer des Hauseingangs auf die Kellertreppe gefallen sei und sich dabei die tödlichen Verletzungen zugezogen habe. Ich kenne Leute, die auf dieser Party waren, und die haben mir etwas anderes erzählt, als was in den Gerichtsakten steht. Dass es keine Selbstanzeige, keine Untersuchung und eher eine Vertuschung gegeben hat, davon ist keine Rede mehr.

Und dann gibt es in dem Prozess noch einen ganz, ganz schlimmen Anklagepunkt: die Verbreitung von Pornographie. Auf dem Flyer war eine Zeichnung von Aubrey Beardsley aus Lysistrata abgedruckt, auf der erigierte Penisse zu sehen sind. Der ➱Kunsthallendirektor Günter Busch, als Zeuge geladen, gesteht Aubrey Beardsley vor Gericht duchaus den Kunstcharakter zu. Und er wird sich hochironisch gegenüber der Staatsanwaltschaft äußern, das hätte ich ihm eigentlich nicht zugetraut. Auf die Frage Verfolgt der Hersteller [i.e. Beardsley] mit dieser und der anderen Illustrationen der Lysistrata andere Zwecke? antwortet Dr. Busch: Diese Frage kann ich nicht beantworten, da der Hersteller 1898 verstorben ist. Sonst könnten wir ihn selbst fragen. Der Prozess, bei dem es turbulent und skandalös zugeht, ist sogar Le Monde die Berichterstattung wert, am Ende werden die Schüler zu Geldstrafen verurteilt und fliegen von der Schule. Die Weisheit von Thomas Jefferson, dass eine kleine Revolution von Zeit zu Zeit niemandem schadet, ist nicht bis Bremen gekommen. Ich habe mich damals für meine Heimatstadt geschämt. Und wenn ich nachlese, was der Staranwalt der Linken, Heinrich Hannover, der die Schüler verteidigt, später über diesen Prozess geschrieben hat, schäme ich mich heute noch für Bremen.

Die Paranoia ist auf beiden Seiten. Keinerlei Vernunft, die über den Dingen steht, keinerlei largesse. Keine Verhältnismäßigkeit der Mittel. Das hätte der berühmte Bremer Richter Smidt, der seine Verhandlungen im 19. Jahrhundert mit Humor auf Platt führte, anders gemacht. Dies ist eine politische Justiz, die sich in den Tendenzen nicht von der Justiz des Dritten Reiches unterscheidet. Der Präsident des Hanseatischen Oberlandesgerichts ist übrigens 1933 in die SS eingetreten, es nützt nichts, dass der Amerikanische Jüdische Kongress im Juni 1965 seine Abberufung gefordert hat. Dr. Karl Arndt bleibt bis zur Pensionierung 1969 im Amt. Die Bremer Revolution wird auch Untote wieder aus der Gruft holen, am 5. Mai 1969 spricht im Gewerkschaftshaus Senator a.D. Hermann Wolters über politischen Dilettantismus. Wenn irgend jemand etwas davon versteht, dann ist das ➱Hermann Wolters, den man damals besoffen vor einem Bonner Bordell gefunden hat, als er Bremen im Bundesrat vertreten sollte.

Es gibt, das sei zur Ehrenrettung Bremens gesagt, Stimmen der Vernunft. Die lauteste wird (dank eines elektrischen Megaphons) die der stellvertretenden Bürgermeisterin Annemarie Mevissen am Freitag nach der Prügelorgie des Vortags sein. Sie empfängt eine Schülerdelegation zu einer mehrstündigen Diskussion im Rathaus. Das ist jetzt eine andere Haltung als das Draufhauen! Draufhauen! des Polizeidirektors. Bei der Demonstration am Nachmittag klettert die sozialdemokratische Jugendsenatorin mit dem Megaphon, das ihr der um Entkrampfung der Situation bemühte Hermann Rademann in die Hand gedrückt hat, auf eine Streusandkiste auf dem Marktplatz und hält eine unvorbereitete Rede.

Der frisch gewählte Bürgermeister Koschnik, der sie vorgeschickt hat, hat gekniffen. Obgleich er wusste, wohin die Demonstrationen im Vorjahr in Köln geführt haben. Er war, nachdem er vorher noch die Parole Keine Verhandlungen mit den Demonstranten! ausgegeben hatte, nach Düsseldorf zu einem politischen Treffen von geringer politischer Relevanz (es ging um die Sportförderung) gefahren. Seine Frau hatte ihm gesagt Bleib hier, es gibt Ärger. Senator Bortscheller, der die Preiserhöhung der Straßenbahn zu verantworten hatte, feiert als Alter Herr mit seiner studentischen Verbindung in Marburg. Die Presse wird Annemarie Mevissen als den einzigen Mann im Bremer Senat bezeichnen. Mevissen appelliert in ihrer Rede an die Vernunft und fordert das Gespräch, sie gesteht schwere Fehler der Politik und der Polizei ein. Sie weicht damit von der Parteilinie der Hardliner ab. Die Demonstration löst sich auf, zwei Stunden später fährt die Straßenbahn wieder am Bremer Rathaus vorbei.

Annemarie Mevissen hatte am Abend zuvor nach der Knüppelorgie des Donnerstags die schwere Aufgabe, die unversöhnlichen Positionen in Senat und Partei, irgendwie zu sortieren. Richard Boljahn, nach dem Bremen in diesen Jahren für viele Boljanograd heißt, ist der unverhältnismäßige Gewalteinsatz der Polizei noch viel zu lasch gewesen. Da hätte man reinhalten müssen. Er redet vom Schusswaffeneinsatz. Das sind so Männerphantasien, die ein gefundenes Fressen für Klaus Theweleit wären. So etwas hätte mein Opa sagen können, wenn er sich an die Straßenkämpfe zwischen rechts und links Ende der zwanziger Jahre erinnerte, als er als Frontoffizier des Weltkriegs mit seinen Stahlhelmkameraden durch Walle und Gröpelingen marschierte. Um zu zeigen, wem die Straße gehört. Das ist in der Phase, bevor der Stahlhelm jede Macht verliert. Und die SA Leute in den Bremer Kneipen singen Und kommt der Stahlhelm ins Lokal, tritt ihn ins Arschloch noch einmal.

Jüngere Gewerkschafter überlegen sich, ob dies nicht die richtige Stunde für den Königsmord an King Richard wäre. Manche fordern den sofortigen Rücktritt von Koschnik wegen Feigheit vor dem Feind. Können wir nicht machen, wir haben doch gerade erst Dehnkamp entmachtet, heißt es. Alle einigen sich, bei der ausgegeben Parteilinie zu bleiben. Keine Diskussionen. Annemarie Mevissen wird nicht mehr auf ihre männlichen Kollegen hören. Sie wird die halbe Nacht mit dem Bremer Domprediger Günter Abramzik diskutieren. Dessen Argumente geben den Ausschlag für ihre Haltung am Freitag.

Abramzik ist ein erstaunlicher Mann, er ist der einzige, den jeder in Bremen in dieser Situation für ehrlich hält. Er ist der Bremischen Chronik 1957-1970 nur einen einzigen Eintrag wert: 29. Juni 1958. Der neue Domprediger Günter Abramzik hält seine erste Predigt. Mehr hat diese Veröffentlichung des Bremer Staatsarchivs, die sonst die Eröffnung jeder Würstchenbude verzeichnet, nicht zu bieten. Beinahe jeder, der Günter Abramzik gekannt hat, erinnert sich heute noch mit Hochachtung an ihn. Tausende von Namen, die die offiziöse Bremische Chronik für erwähnenswert hält, sind glücklicherweise vergessen. Als Jugendlichen hat die Wehrmacht Abramzik im letzten Kriegsjahr noch geholt, er kommt an die Front, wird verwundet und ist kurze Zeit in Gefangenschaft. Zum Theologiestudium kommt er Umwegen. Von 1958 bis 1992 ist er Domprediger, daneben unterrichtet er Philosophie am Alten Gymnasium, gibt an verschiedenen Schulen Religionsunterricht. Also das, was die Bremer Verfassung zulässt. Unser Grundgesetz enthält nämlich in Artikel 7 die so genannte ➱Bremer Klausel, wonach in Bremen nur ein bekenntnismäßig nicht gebundener Unterricht erteilt werden darf. Abramzik leitet auch beinahe unzählige Gesprächskreise, zu denen er auch prominente Intellektuelle einlädt. Natürlich ist er auch Gast bei ➱Dr. Otto Proksch, wo ich ihn kennenlerne. Er kann zuhören, er hat keine Patentrezepte, er hat auch mehr Fragen als Antworten. Manchen sind seine Predigten zu links, manche wollen ihn nach ganz links rücken, wohin er zweifellos nicht gehört. Für manche hat er den Spitznamen Abrazzo, was mich immer verwundert hat, er hat nichts von einem gewalttätigen Scheuermittel.

Abramzik macht auch jahrelang Literaturkurse an der Volkshochschule zusammen mit Heinz Ide vom Alten Gymnasium. Ide gibt die Fachzeitschrift Diskussion Deutsch heraus, die für viele jüngere Deutschlehrer eine Art Bibelersatz werden wird. Ich kann mit dieser neuen Germanistik, die jetzt statt literarischen Texten im Deutschunterricht Todesanzeigen analysiert, nicht viel anfangen. Ich werde mein Germanistikstudium sowieso eines Tages aufgeben, ich lerne da nix. Erst recht nicht, wenn der Klassenkampf in die Literatur eindringt. Als Conrady, der gerade Ordinarius in Kiel ist, seinen Rowohltband Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft herausbringt, enthält dieser Band auch eine ➱Leseliste. Ich mache mit dem Bleistift Häkchen hinter die Bücher, die ich schon gelesen habe. Das sind 80 Prozent der Liste, ich bin im zweiten Semester. Dank Dr. „Edu“ Schäfer (der mir erlaubte, jederzeit Bücher aus der Lehrerbibliothek auszuleihen) habe ich mein Literatursoll längst erfüllt. Ich bin der Hennecke der Germanistikstudenten.

Es gibt durchaus Lehrveranstaltungen, die in meinem Studium erwähnenswert waren. Diederichsens Barockseminar (der Sohn, der auch Diederich Diederichsen heißt, wird berühmter als sein Vater werden), ➱Walter H. Sokel über Kafka, Musil und Broch (dreitausend Leute im Hamburger Audimax) und die Vorlesungen von ➱Erich Trunz. Der Rest ist for the birds. Wahrscheinlich sitzen die guten Germanisten woanders. Man hört schlimme Dinge von Benno von Wiese (nachdem ich seine Autobiographie gelesen habe, ist mir alles klar, was mir Leute erzählt haben, die bei ihm studierten). Man hört gute Dinge über Friedrich Beissner, aber ewig ➱Hölderlin, das könnte ich auch nicht. In Dublin ist Eda Sagarra, die mir eines Tages ihr vorzügliches Buch über die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts schenkt. Hatte ich zwar schon, aber jetzt habe ich eins mit Widmung. Berlin wäre eine Alternative. Aber ich bin von Hamburg nach X. gewechselt, weil mir jemand im Audimax während der Psychologievorlesung von Curt Bondy (und die war wirklich hervorragend!) erzählt hat, dass es in X. ganz kleine Seminare gäbe. Was auch stimmte. Ich bin auch nach X. gewechselt, weil ich hier in Hamburg alle Frauen aus meiner Vergangenheit, wie Renate und Traute wiedertreffe und die lebende Versuchung Heidi hier rumläuft. Nein, ich gebe die Germanistik auf (obgleich ich beinahe alle Pflichtscheine habe). Die deutsche Literatur ist von nun an meine Privatsache. Da redet mir kein Conrady oder Ide mehr rein. Und die ganzen Kapeiken von Pseudorevolutionären, die neuerdings Germanistik studieren und lauthals die Einbeziehung der marxistischen Literaturkritik fordern (insbesondere die Schriften des Genossen Stalin zur Linguistik), machen mir den Abschied von diesem Fach leicht.

Angeblich fängt die amerikanische Revolution mit der Boston Tea Party an, aber wir alle wissen, dass ganz andere Dinge dahin geführt haben, als ein paar verkleidete Indianer und einige Kisten Tee. Die Bremer Revolution fängt mit der Fahrpreiserhöhung der Verkehrsbetriebe an. Die heißen BSAG (Bremer Straßenbahn Aktiengesellschaft), Vegesacker kennen sie nur als BVG (Bremer Vorortbahnengesellschaft). Von uns kommt man nur mit der BVG nach Bremen, erst der Bus bis Burg, dann der ➱Trolleybus bis Gröpelingen und dann die Straßenbahn. Die zwanzig Pfennig Erhöhung lassen Demonstranten dichten: Siebzig Pfennich – lieber rennich! Und führen zu dem, was man heute die Bremer Straßenbahnunruhen oder auch den Großen Schüleraufstand nennen wird. Bremens Äquivalent für Paris 1968. Die ersten Anführer eines Unabhängigen Schülerbundes (USB) heißen Hermann Rademann, Jörg Streese und Christoph Köhler, sie sind alle viel jünger als ich. Hermann Rademann ist tot, Streese wird Pädagoge und Filmemacher, Köhler Soziologieprofessor. Drei Anführer, ein Dutzend Sympathisanten, aber plötzlich haben sie zwanzig-, dreißigtausend hinter sich. Die aus Frankfurt angereisten Berufrevolutionäre, die im Bremer Rathaus die Räterepublik ausrufen wollen, schickt Hermann Rademann wieder nach Hause. Hätte man zuerst geredet, statt den Kettenhund von Bock und Polach loszulassen, wäre vielleicht nix passiert. Koschnik sieht plötzlich, dass die Gewerkschaften und die Arbeiterschaft der Werften und von Klöckner sich mit den Schülern solidarisieren. Er gibt klein bei. Rühmlich kann man seine Rolle nicht nennen. Auch nicht die vom politischen Zündler Olaf Dinné. Der hatte, als er von den Plänen der Straßenbahnblockierungen hörte, gesagt: Ihr spinnt! und war sicherheitshalber in die Schweiz gereist.

Hermann Rademann ist eine tragische Figur. Er ist auf meiner Schule gewesen, ich bin mit ihm auf zahlreichen Freizeiten der Evangelischen Jugend gewesen. Er ist jünger als wir. Ist ein kleiner Spinner, aber nett und voller Enthusiasmus. Er hat gerade das Abitur in der Tasche und studiert in Tübingen Soziologie. Da ist er aber selten, weil er ja in Bremen die Revolution machen muss. Er hat plötzlich erkannt, dass die Macht auf der Straße liegt. Dass alle linken Bestrebungen auf einen Führer warten. Und das ist nun er, der Sohn aus gutbürgerlichen Hause. Auf den Photos aus dieser Zeit sieht man einen gutaussehenden jungen Mann, noch ein bisschen unerwachsen, mit kurzem Haarschnitt. Mit Schlips und Kragen und Burberry Regenmantel. Und Megaphon. Er hat das sichere Auftreten drauf, dafür bewundern sie ihn. Er hat kein Programm, er ist auch um Ausgleich bemüht. Der Ruhm steigt ihm auch ein wenig zu Kopf, er darf in ➱Zadeks Ich bin ein Elefant, Madame sich selbst spielen. Er wird auch in den Salon von Otto Proksch eingeladen, ist völlig überrascht, mich dort zu treffen. Die Linke wird sich eines Tages radikalisieren, da ist für den kompromissbereiten Bürgersohn kein Platz mehr. Die Revolution frisst ihre Kinder. Alkohol, Drogen, wilde revolutionäre Pläne, absurde Politaktionen, Psychiatrie, Medikamente oder wieder Drogen, das spielt jetzt keine Rolle mehr. Am Ende der Selbstmord, zwanzig Jahre nach seinem kometenhaften Auftritt vor dem Bremer Rathaus, als er Koschnik und die ganze Staatsmacht in die Knie gezwungen hat.

Wasserwerfer und Knüppel sind für Bremen neu, in den Universitätsstädten kennt man das ansatzweise schon. In Kiel sieht die Polizei noch besonders abschreckend aus. Während die Bremer und Hamburger Polizei ein dunkles Blau tragen, trägt die schleswig-holsteinische Polizei eine grünliche Uniform, die mit Knobelbechern und Koppel der Naziuniform doch sehr ähnlich sieht. Auf meiner ersten Demonstration gegen die NPD muss ich fassungslos mitansehen, dass die Staatsmacht mit aller Gewalt die Neonazis schützt und uns harmlose und idealistische Demonstranten niederknüppelt. Das geschieht jetzt überall in Deutschland, mehr fällt dem Staat nicht ein. El sueño de la razón produce monstruos. Es ist sicherlich auch eine Strukturkrise der Polizei, die in ihrer Führungsspitze noch viele Offiziere hat, die ihre Stelle einem Parteibuch der Nationalsozialisten verdanken und seitdem nichts in Bezug auf Menschenführung gelernt haben. Dass der Tod von Benno Ohnesorg ein Einzelfall bleibt, ist eigentlich ein Wunder. Wir haben glücklicherweise kein Kent State Massaker. Auf meinem Schreibtisch liegt ein großer gelber Kugelschreiber, Kent State steht mit schwarzen Lettern darauf. Professor ➱Sandy Marovitz hat ihn mir geschenkt. Er erinnert mich immer an diesen wunderbaren Melville-Spezialisten, aber er weckt auch andere Erinnerungen. Es geht weltweit jetzt nicht anders zu als bei uns. Vielleicht sind Kurras, von Bock und Polach und Nguyên Ngoo Loan eine Person.

Die Polizei hat in dieser Zeit das Problem, dass ihre Führungsetage zu alt ist. Viele sehen sich Weimar zurück (das sie gar nicht mitgemacht haben), als die Polizei in Strassenkämpfen ständig von Schusswaffen Gebrauch machte. Das ist nicht nur die Meinung von Richard Boljahn (der am Ende des Monats nacheinander alle Ämter verlieren wird: Ortsverein, Landesverband, Fraktionsvorsitz in der Bürgerschaft, damit geht eine schlimme Ära zuende), ähnliche Äußerungen hört man überall. Die Polizei hat auch ein Strukturproblem, zu viele Häuptlinge und zu wenig Indianer. So werden manche Beamte zu Revierleitern, die bisher nur jahrelang im Polizeipräsidium gepennt haben. Und die mit dieser Position hoffnungslos überfordert sind. Ein jüngerer Bremer Polizeioffizier schreibt über einen solchen Kollegen, der, vom Präsidium über mögliche Baader-Meinhof Mitglieder informiert wird, die die Autobahnabfahrt Bremen-Mahndorf benutzen könnten, folgendes ausführt:

„Meine Herren,“ hiernach das unvermeidlich im Offizierston geschnarrte „Äh,“ „Das I. Polizeirevier errichtet in Höhe des Mahndorfer Bahnhofs eine Kontrollstelle, die Baader-Meinhoff Bande kommt in Bremen zu Besuch. Die Bahnhof-Meiner-Bande soll nach Erkenntnissen des BKA am Dienstag kommen. Ich bitte um strengste Eigensicherung, äh, da die Baader-Mahndorf-Bande, äh, ich meine natürlich die Bahnhof-Mahndorf-Bande vermutlich schwer bewaffnet ist!“

Das hätte Dieter Hildebrandt nicht besser hinkriegen können. In unserem kleinen Vegesack ist die Welt in Ordnung; es gibt mal eine Entlassung eines Revierleiters, aber der hatte im Vollrausch jemanden totgefahren. Dann schützt einen auch das SPD Parteibuch nicht mehr. Oder er hätte soweit oben sein müssen, wie Herr von Bock und Polach. Dass jenem ein faschistisches Gesellschaftbild von einer Schülerzeitung vorgeworfen wird, ist ja objektiv wahr, auch wenn ein Bremer Gericht, dies als den Tatbestand der Beleidigung wertet. Viele Polizeipräsidenten haben damals (und das noch weit in die siebziger Jahre) ein solches Gesellschaftsbild. Nicht nur die Polizeipräsidenten, auch ein großer Teil der Bevölkerung würde das so sehen. Dass es ein Recht auf Demonstrationsfreiheit gibt, glaubt damals nur etwas mehr als die Hälfte der Bürger der Bundesrepublik. In diesen Jahren schreibt ein hoher Polizeioffizier aus Bonn namens Tonis Hunold:

Wenn durch Besonnenheit, Gelassenheit und Duldsamkeit sich etwas mehr menschliches Denken in den polizeilichen Vorstellungen durchsetzt und hierdurch Provokationen und somit Eskalationen verhindert werden, entspricht ein solcher bewusster Verzicht auf Reaktion eher der freiheitlichen, demokratischen Ordnung, als wenn durch überkommenes Prestigedenken die Voraussetzungen zum harten polizeilichen Einsatz geschaffen werden.

Das ist ein langer Satz, er hätte auch von Heinrich Hannover (Bild) oder Günter Abramzik stammen können. Ich bin sicher, der Herr von Bock und Polach (den ich einmal durch die Nacht nach Hause fahren und mir sein ganzes Geschwätz anhören musste, was tut man nicht alles wegen der schönen Töchter?) hätte ihn nicht verstanden. Es ist kein Satz eines Theoretikers. Hunold ist der Einsatzleiter beim Sternmarsch auf Bonn im Mai 1968, der größten Demonstration in Deutschland. Und es passiert nichts. Keine Gummiknüppel. Stattdessen De-Eskalation, Flugblätter werden von Polizisten an die Bevölkerung verteilt, auf denen steht, dass Demonstrationen ein Grundrecht der Demokratie sind.

Die Paranoia geht weiter. 1977 diskutiert der Bremer Senat über eine Lehrerin, die im Unterricht das Gedicht Die Anfrage von Erich Fried aus der Gedichtsammlung So kam ich unter die Deutschen behandelt hat. Es ist mir immer noch nicht klar, was Literaturbehandlung im Unterricht den Bremer Senat angeht, aber so sind die Zeiten. Der Abgeordnete ➱Bernd Neumann, Vorsitzender der Bremer CDU, wird sich in seinem Hass auf den jüdischen Exilanten in London zu der Forderung nach einer neuen Bücherverbrennung hinreißen lassen: Ja, so etwas würde ich lieber verbrannt sehen, das will ich Ihnen ganz eindeutig sagen! Er nimmt diese Bemerkung auch nicht zurück. Er versucht sogar noch zu erreichen, dass die Lehrerin disziplinar gemaßregelt wird. Als er im Jahre 2005 Staatsminister für Kultur wird und ihn Journalisten mit dieser Geschichte konfrontieren, ist die Bemerkung von damals für ihn aus dem Zusammenhang gerissen. Er überlebt eine ganze Legislaturperiode auf diesem Posten, obgleich sich die Journalisten der gebildeten Gazetten über ihn totlachen, weil er keinen Namen in einer Fremdsprache richtig aussprechen kann. Ein würdiger Erbe Heinrich Lübkes. Ja, wo soll es denn herkommen? Wir haben uns an unserer Schule schon vor fünfzig Jahren seinetwegen geschämt. Unser Parzival mit dem Holzschwert auf der Bühne des Gerhard Rohlfs Gymnasiums! Kaum hat er Abitur, ist er schon in der CDU. Und dann hat es mal gerade für die PH Bremen gereicht. Die hatte damals nun wirklich keinen guten Ruf (ich nehme mal ein paar gute Leute aus). Aus diesem Grunde macht man auch (mangels Masse) neben den ganzen Linken, die man für die rote Kaderschmiede einstellt, jeden PH Dozenten zum Universitätsprofessor. Und nun das. ➱Bücherverbrennung. Ich habe die ganze Diskussion von damals, Zeitungsausschnitte, Flugblätter und offene Briefe, gesammelt und aufbewahrt, weil mir das so ungeheuerlich erschien. Ich glaube, ich werfe das mal jetzt weg. Oder vielleicht doch nicht, ich habe manchmal das Gefühl, es kommt alles wieder.

Samstag, 30. Oktober 2010

il miglior fabbro


Der amerikanische Dichter Ezra Pound wurde heute vor 125 Jahren geboren. il miglior fabbro hat T.S. Eliot ihn in der Widmung zu The Waste Land genannt und damit gezeigt, wie gebildet er ist. Denn dieses il miglior fabbro hatte Dante über Arnaut Daniel de Riberac gesagt, den Troubadour, den auch schon Petrarca gelobt hatte. Und den Ezra Pound zu Anfang des Jahrhunderts als den größten Dichter aller Zeiten gefeiert hatte. Nun sagt es Eliot über seinen Freund Ezra Pound. Wahrscheinlich will er sich damit bedanken, dass ihm Ezra Pound das ganze Gedicht überarbeitet und umgeschrieben hat.

Früher dichteten die Dichter um Mitternacht bei einer Flasche Rotwein, geküsst von der Muse. Und manchmal hockt bei ihnen auch ein Rabe auf einer Pallas Athenae Büste, der nevermore krächzt. Jetzt schreiben die Dichter mit der Schreibmaschine und schicken es einem Kollegen zum Korrigieren. Das ist der Beginn der modernen Lyrik. Schreibmaschine, Tippex und befreundete Dichter. Keine Musen mehr. Und keine Raben. Es ist ein wenig demoralisierend, wenn ich über einen meiner Lieblingsdichter Robert Lowell lesen muss, wie viele seiner Freunde in einen Gedichttext ihre Anmerkungen und Streichungen notiert haben, bis er damit fertig war. Ich weiß allerdings nicht, ob Pound auch andere an seine Gedichte gelassen hat. So wie ich ihn kenne, hat er das wahrscheinlich nicht zugelassen.

Ezra Pound begleitet mich schon länger als ein halbes Jahrhundert, und ich habe, bis auf seinen tendenziell faschistoiden Unsinn, den er im italienischen Rundfunk verbreitete, auch alles von ihm gelesen. Ich weiß heute nicht mal, wie ich auf ihn gestoßen bin. Wahrscheinlich war es in der Zeitschrift Perspectives, wo ich ihm begegnet bin. Das Beste, was in den fünfziger Jahren aus Amerika kam. Bei der ersten Nummer 1952 schrieb das Time Magazin so nett:

The idea of "Perspectives" was presented to the foundation by James Laughlin, 37,... founder and angel of the avant-garde book publishing house, New Directions. Laughlin will be publisher and straw boss of Perspectives, but "to avoid any taint of cultism," each issue will have a different editor. Such critics and writers as Lionel Trilling, R. P. Blackmur, Malcolm Cowley, Jacques Barzun, Harry Levin and Mortimer Adler have already agreed to sit in. The [Ford] foundation is setting aside $500,000 for Perspectives for the first three years, will print 30,000 copies of its first issue. 'Perspectives'' "pilot" issue is a handsome, 236-page slick-paper job with a full-color abstract design on the cover. Inside are reprints of articles by Selden Rodman, Meyer Schapiro, Thornton Wilder and others, poetry by Archibald MacLeish and Robert Lowell, and fiction by William Faulkner. The pilot issue, foundation officials explained, is not an exact standard by which to judge "Perspectives"; only about half the pilot articles will be in the first issue. Nevertheless, the pilot issue gave the whole project—unless substantially changed—the flavor of a "little magazine's" fragile view of American culture, blown up to Ford-plant size. Leider wurde dies Kulturprojekt des Kalten Krieges 1956 nach sechzehn Heften eingestellt, aber es hat mir das Beste der amerikanischen Kultur vermittelt. Von Singleton Copley bis Edward Hopper, von Flannery O'Connor bis William Faulkner, von Wallace Stevens bis Ezra Pound.

Auf den ersten Blick scheint es erstaunlich, dass Pound überhaupt im Heft 16 der Perspectives vorkommt, denn da ist er noch in der Irrenanstalt in Washington eingesperrt. Aber so erstaunlich ist das wiederum nicht, wenn man weiß, dass der Millionenerbe und Harvard Student James Laughlin, der die Perspectives herausgeben hat, Pound 1934 in Italien besucht hatte. Und Pound ihn überzeugt hatte, dass Laughlin mit seinem Vermögen die Kultur fördern und einen Verlag gründen müsse. Was Laughlin tut, New Directions heißt der Verlag. Laughlin hat Pound immer Boss genannt und ihn als At heart he is simply a hopeful-helpless reformer and liberator bezeichnet.

Die Irrenanstalt ist immerhin besser als der Eisenkäfig unter der gleißenden italienischen Sonne, in den ihn die Amerikaner im Sommer 1945 gesperrt haben. So eine Art privates Guantanamo nur für Ezra Pound. Da hat er die Pisan Cantos geschrieben. Hätte T.S. Eliot, immer so fein in seinen dunklen Anzügen, so etwas bei Wasser und Brot schreiben können? Man hat ihn 1958 freigelassen, sogar Ernest Hemingway hat sich für seine Freilassung eingesetzt, normalerweise setzt sich Ernest kaum für seine Freunde und Mitmenschen ein. Der Löwenjäger mit dem Minderwertigkeitskomplex versucht sonst ja eher, anderen zu schaden: Sherwood Anderson, F. Scott Fitzgerald, Gertrude Stein - die Liste ist lang. Aber diesmal hält er zu Ezra, dem er damals in Paris das Boxen beigebracht hat. Und der ihm das Schreiben beigebracht hat. So hat es Hemingway erzählt. Es kann sein, Pound besitzt etwas Pädagogisches, Didaktisches.

Pound ist ein aussergewöhnlicher Lehrer. Ich bin bei ihm in die Schule gegangen. Ich habe sein ABC of Reading gelesen und jeden Satz ernstgenommen. Es ist nicht die schlechteste Methode, um die Geheimnisse der Dichtung zu ergründen. Und es enthält auch ein exzentrisches und idiosynkratisches Leseprogramm, dem man folgen kann. Ich bin Pound damals gefolgt, und ich habe es nicht bereut. Der Dichter eröffnet sein Bildungsprogramm mit einer Art Parabel, einer kleinen Anekdote über den berühmten Naturforscher Louis Agassiz:

The proper METHOD for studying poetry and good letters is the method of contemporary biologists, that is careful first-hand examination of the matter, and continual COMPARISON of one "slide" or specimen with another.
No man is equipped for modern thinking until he has understood the anecdote of Agassiz and the fish:
A post-graduate student equipped with honors and diplomas went to Agassiz to receive the final and finishing touches. The great man offered him a small fish and told him to describe it.
Post-Graduate Student: 'That's only a sunfish.'
Agassiz: 'I know that. Write a description of it.'
After a few minutes the student returned with the description of the Ichthus Heliodiplodokus, or whatever term is used to conceal the common sunfish from vulgar knowledge, family of Heliichtherinkus, etc., as found in textbooks of the subject.
Agassiz again told the student to describe the fish.
The student produced a four-page essay. Agassiz then told him to look at the fish. At the end of three weeks the fish was in an advanced state of decomposition, but the student knew something about it.
By this method science has arisen, not on the narrow edge of medieval logic suspended in a vacuum.


Ich weiß, dass der Literaturkritiker Robert Scholes in seinem Buch Textual Power einiges gegen diese Methode einzuwenden hat, aber für mich war Pounds ABC of Reading vor fünfzig Jahren eine aufgestossene Tür in eine neue Welt. Wir machten damals viele Türen auf, wobei wir nicht wussten, was uns dahinter erwartete. Was Schule und Elternhaus vermittelten, war ja schön und gut. Aber wir wussten, dass die Geheimnisse der wirklichen Welt (wie Frauen, Literatur, Jazz) hinter verschlossenen Türen warteten. Und es waren solche von Freunden zugeraunten Sätze wie Du solltest mal Juliette Gréco hören - wir sollten mal anfangen, Proust zu lesen - hör Dir doch mal diese Blues Platte an - die die Schlüssel für die verschlossenen Türen waren. Wir infizierten uns gegenseitig mit Geheimtipps: Jacques Prévert, Le grand Meaulnes, Glenn Gould, Jack Kerouac, Michelangelo Antonioni, William Faulkner, Ezra Pound. Und ich weiß noch heute, welchem meiner Freunde ich welchen Geheimtipp verdanke. Und ich bin für viele dieser Hinweise, für viele Buch- und Plattengeschenke bis zum heutigen Tag dankbar. Sie haben mein Leben bestimmt.

Ezra Pound beendet seine Vorrede zu ABC of Reading mit dem Hinweis, dass die Musik ihr Leben verliert, wenn sie sich zu weit vom Tanz entfernt. Und die Dichtung ihr Leben verliert, wenn sie sich zu weit von der Musik entfernt. Und dann sagt er Bach and Mozart are never too far from physical movement. Und schließt seine Einführung mit Horaz' Nunc est bibendum Nunc pede libero Pulsanda tellus. Ich wußte, was das heißt. Nicht weil ich im Lateinzweig der Schule war, sondern weil in Eichendorffs Die Freier Flitt das zu Schlender sagt: FLITT. Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus! – Aber du verstehst nichts von der klassischen Literatur, als bibendum. SCHLENDER. Was heißt das andere zu deutsch? Das spielte unsere Theatergruppe damals (die damals auch horribili dictu Laienspielschar hieß), und ich war Regieassistent und Souffleur. Ich kannte das Stück auswendig, inklusive bibendum. Ein Dichter wie Pound, der so tänzerisch erdverbunden war, musste einem ja sympathisch sein. In seinem Käfig damals in Pisa bewegte er sich zur Irritation der amerikanischen Wachen die ganze Zeit, tänzelte, spielte ein imaginäres Tennismatch. Nunc pede libero pulsanda tellus.

Ezra Pound ist ein Außenseiter in der Welt, ein politischer Narr, ein Querulant, der diese typische amerikanische Eigenheit besitzt, allein gegen alles zu sein und auf seine Rechte zu pochen. So wie Henry David Thoreau, aber auch so wie all die bescheuerten Spinner, die Amerika hervorbringt. All jene, die von Verschwörungstheorien leben. Die Men in Black sind da noch die harmlosesten. Ezra Pounds Verschwörung heißt usura, und er schreibt sie in seine Pisaner Gesänge. Wucher und Habsucht sind die Todsünden des Jahrhunderts. Eine kapitalistische Weltverschwörung (hinter der auch die Juden stehen) ist an allem Schuld, auch am Weltkrieg. Hätte er die Sache mit den Juden beiseite gelassen, wäre es vielleicht eine passable, wenn auch krude, Kapitalismuskritik geworden.

Ich würde das alles lieber weglassen, aber ich gebe doch ein Beispiel für seine home-spun Theorien mit einer Radiosendung aus dem Jahre 1942, in der er wie so häufig das gesamte Weltwährungssystem reformieren möchte: Well, as Lord Rothermere said: they are unteachable. I don't know how much more they reckon to drop before they get ready for physic. I have said on this radio before now that along about 1695 or 94 the Bank of England was put together, and in 1750 they shut down on the Pennsylvania colony money, and the system of lending paper money out to the farmers. And in 1776 the natural consequences of that dirty London policy of starvin' and cheatin' became, as they say, more apparent. And a year or two later Johnnie Adams said to the British commander: They were havin' a parley, sez John Adams. 'I don't care what capacity I am received in, receive me in any capacity you like except that of a British subject.' So the first large scale effect of the London cheatin', and money monopoly was the loss of American colonies. The Chinese have a method of countin' cycles of 80 years. I don't know that there is much in it, but it seems to work sometimes. Eighty years, from the bank to the American Revolution. About 80 years from startin' the American government to the great betrayal of 1863. Think it over. And from 63 to the present. OUR rise as a state, thru three or four major, but POSITIVE convulsions, like Jefferson's revolt against Hamilton's dirtiness, the Jackson-VanBuren war for the liberation of the American Treasury. Lincoln's sayin', 'give to this people the greatest blessin' they ever had, their own paper to pay their debt. 

Troubadoure aus dem Languedoc, chinesische Philosophie, japanische Haikus, die Erfindung der modernen Lyrik, all das. Und nun so was. Es ist ja in dem, was über Jefferson, Hamilton, Jackson, Van Buren und das amerikanische Währungssystem gesagt wird, ein Körnchen Wahrheit. Aber was ist aus dem Gleichnis mit Louis Agassiz und dem Fisch geworden in seinem Kopf? Stand nicht das genaue Beobachten am Anfang jeder wissenschaftlichen Beschäftigung? Das, was er über den Rundfunk erzählt (wenn Sie noch etwas mehr davon lesen wollen, klicken Sie hier), ähnelt streckenweise dem Unsinn, den dieser Thilo Sarrazin erzählt. Sarrazin ist allerdings daneben nicht wie Ezra Pound einer der bedeutendsten Dichter der Moderne.

Ezra Pound ist für Mussolini ein nützlicher Idiot, ein nonkonformistischer Amerikaner, der sein Land auf einem falschen Weg (und in einem falschen Krieg) sieht. Der in der Art religiöser Wanderprediger wie Hazel Motes in Flannery O'Connors Wise Blood seine eigene Botschaft predigt. Der Roosevelt für eine Art Teufel hält. Aber das tun in Amerika jetzt mehr als die Hälfte der Amerikaner - denen man nach 1945 keinen Hochverratsprozess macht. Eigentlich ist nichts von dem, was Pound sagt, wirklich neu. Er hat das alles schon vorher gesagt, in seinen Gedichten, in seinen Schriften. Seit dem Ersten Weltkrieg hat er sich damit beschäftigt. Hat gepredigt, dass Materialismus, Wuchertum und Kapitalismus jede Kultur töten. Und natürlich die Bereitwilligkeit der Amerikaner zur konformistischen Anpassung gegeißelt (in dem Punkte gibt man ihm gerne Recht). 1939, als seine Frau eine kleine Erbschaft gemacht hatte, ist er (immer noch der hopeful-helpless reformer and liberator) einmal nach Jahrzehnten nach Amerika zurückgekehrt, um dem Präsidenten seine Botschaft zu bringen. Er musste sich mit Roosevelts Stellvertreter begnügen, der später sagte, er habe nichts von dem verstanden, was ihm Pound sagen wollte. Aber er sagte auch: Pound schien mir ganz normal, als er mich besuchte. Ich war erstaunt, als ich später erfuhr, dass er für Mussolini Radioansprachen gehalten hat. Ich glaube nicht, dass er die Absicht hatte, den Vereinigten Staaten zu schaden. Aber ich meine schon, dass er auf einer ganz anderen Wirklichkeitsebene lebte als die meisten von uns.

Als ABC of Reading 1934 erscheint, ist Ezra Pound gerade in der Phase, dass er als Repräsentant einer Ein-Mann-Universität die Welt zur Kultur und zur Literatur bekehren will. Das ABC of Reading ist die Studienordnung dafür. James Laughlin wird sein erster Student und gründet New Directions. Ein zweiter Student wird Robert Lowell sein, der Pound aus Harvard schreibt All my life I have been eccentric according to normal standards. Ja, da haben sich zwei exzentrische Seelen gefunden. Ein Vierteljahrhundert später schreibe ich mich an dieser Universität ein und habe das ABC of Reading unter dem Kopfkissen. Die Kurse mit der Wirtschaftsverschwörung, die von Professor Pound auch angeboten wurden, habe ich geschwänzt. Es war für mein Fernstudium an der Ezra Pound Universität damals sehr förderlich, dass beim Arche Verlag in Zürich Jahr für Jahr ein Band Ezra Pound erschien, zweisprachig, herausgegeben und übersetzt von Eva Hesse. Der lag nur wenige Tage im Schaufenster der Buchhandlung Conrad Claus Otto, dann gehörte er auch schon mir. Ich weiß nicht, was aus Pound in Deutschland geworden wäre, wenn er Eva Hesse nicht gehabt hätte.

Pounds (und Eliots) Dichtung ist erstaunlicherweise leicht zu parodieren, eine der bösesten Pound Imitationen ist von Robert Lowell (er hat sie übrigens umgehend an Pound geschickt) und heißt Adolf Hitler von Linz (Siegfried):

Hitler Adolfus? Shall I weigh him?
Expende Hannibalem: quot libros in Duce summo
Invenies? Crepat ingens Sejanus.
The lungs of Luther burn. You might say
He laid his cards on the table face-up, and called the hands.
Short suits, short suits: a ten year Marathon talker
For ten years talking the State on his talking tongue
To plum-pudding. For what?
For six million Jews?
The salt of the earth has burned like flax
To dirt in the craw of the lime-pits in Auschwitz.
Ach, das schrecklichsten UnMensch in diesem unmenschlicher Welt!
Vielleicht. Vielleicht? Das schrecklichsten!
He was. You were. Du! Du! Believing in Germany
Enough to break the Prussian spine.
Or the stiff neck of Europe?
Chiropractor, I went to jail
In my own country to save those German cities
You smashed like racks of clay pigeons,
Gyring through colored glass balls on Christmas trees
And Manchesters of Chicago Gothic - broken windows!
And my gorge stuck in my bowels
When they sent me down the Hudson, through neat Connecticut,
Through an alchemist's autumn, and hand-cuffed to two-bit
Porto Ricans for Danbury, for my place of correction.
You nothing, whom we might have called Lucifer,
If only you had lasted un poco -
una cosa picciola, animula blandula, believing in Italy,
Like no other German, no, not the Duce
Dragged for four hours by his bootstraps
Down the Uffizi a Firenze
By this thick Linz dumkopf cracked on the paint of Florence,
By a Barbarous Induperator, a German tourist,
Federigo Secondo, Manfredi, Winkelman,
By Freud!
Six million...Ma basta, un poco...
May the bastard rest in peace,
May the burn-out dust rest.

Robert Lowell, der sich zuerst freiwillig zur Navy melden wollte, hatte nachdem er von der Bombardierung Hamburgs erfuhr, Präsident Roosevelt einen Brief geschrieben (ähnlich wie Vogeler im Ersten Weltkrieg dem Kaiser einen Brief schreibt), der mit den Worten endet: With the greatest reluctance, with every wish that I may be proved in error, and after long deliberation on my responsibilities to myself, my country and my ancestors who played responsible parts in it is making, I have come to the conclusion that I cannot honorably participate in a war whose prosecution, as far as I can judge, constitutes a betrayal of my country. Man sperrt ihn ein (In my own country to save those German cities), es gibt keine Kommunikation zwischen den Künstlern und den Mächtigen. Was wäre gewesen, wenn Roosevelt auf Pound und Lowell gehört hätte?

Freitag, 29. Oktober 2010

Don Giovanni


Als ich vor beinahe einem halben Jahrhundert mein ganzes Taschengeld zusammengekratzt hatte, um Dietrich Fischer-Dieskau als Don Giovanni in der neuen Deutschen Oper in Berlin zu sehen, da war er schon nicht mehr da. Der hatte die Premiere gesungen, in der zweiten Woche war er schon weg. War vielleicht auch gut so, er ist eh nicht meine Idealbesetzung für den Don Giovanni. Und da wir gerade bei der Idealbesetzung sind, es ist schwer, eine zu finden. In der Welt der Kunst ist natürlich die Darstellung des Sängers Francisco d'Andrade von Max Slevogt nicht zu übertreffen (wie oft hat der den eigentlich gemalt?), aber wie ist es mit der Welt der CD? Ich möchte an dieser Stelle mal die Wikipedia loben, denn der Don Giovanni Artikel ist von jemandem geschrieben worden, der etwas davon versteht. Das muss man hervorheben, das ist leider nicht immer so.

Generell kann man bei den zitierten Aufnahmen der Oper wohl sagen, dass man keine großen Fehler macht, wenn man dem Verfasser folgt. Obgleich, gerade bei Opernaufnahmen gibt es ja große geschmackliche Differenzen bei den Kritikern. Hat eine Aufführung einen guten Don Giovanni, so hat sie vielleicht einen unerträglichen Ottavio. Hat sie eine hervorragende Donna Ana, so ist die Elvira vielleicht nicht auszuhalten. Nur bei Masetto und Zerlina gibt es selten Fehlbesetzungen, die beiden Rollen sind beinahe immer gut besetzt. Der Commendatore auch, aber der braucht ja auch nicht so viel zu singen. Und stimmen alle Rollen - was selten der Fall ist - dann hat vielleicht der Dirigent überhaupt kein Verhältnis zu Mozart. Oder die Aufnahme klingt technisch so, als wäre sie in einer Garage oder unter Wasser aufgenommen.

Ich möchte das an einem Beispiel erläutern. Es gibt eine Live-Aufnahme aus Salzburg von 1960 von Herbert von Karajan mit Wächter, Price, Schwarzkopf, Valletti, Berry, Panerai, Sciutti, Zaccaria. Zu Karajan sage ich jetzt nichts. Aber die Schwarzkopf als Elvira? Und dann noch den Schmalspurtenor Caesare Valletti ertragen? Nicht auszuhalten. Nun hat es diese Aufnahme drei Jahre später als Live-Mitschnitt im Radio aus Wien noch einmal gegeben. Und im Prinzip bleibt alles beim alten, lediglich Frau Schwarzkopf wird durch Hilde Güden ersetzt. Hilde Güden ist immer gut und immer etwas unterschätzt, hier singt sie die Rolle zum ersten Mal. Und Caesare Valletti weicht glücklicherweise Fritz Wunderlich. Da ist sie plötzlich, die Traumbesetzung! Eberhard Wächter ist sicher einer der besten Don Giovannis gewesen, Leontyne Price ist eine sehr gute Donna Anna, obgleich sie, wie viele Sängerinnen, diese Rolle etwas zu sehr in Richtung Rachegöttin anlegt. Walter Berry ist als Leporello kaum zu übertreffen, und Rolando Panerai ist sowieso immer gut. Und dann noch Graziella Sciutti als Schnuckelchen Zerlina. Und Wunderlich als Don Ottavio, was kann man sich noch mehr wünschen? Sie ahnen schon, was jetzt als Antwort kommt. Man wünscht sich eine bessere Aufnahmequalität - man wünscht sich ja am liebsten den Decca Standard (dessen Mikrophonanordnung als Decca Tree bekannt wurde). Ist hier leider nicht. Da ist es wieder, das fehlende Eckstück bei der Quadratur des Kreises.

Ich liste mal, für den Fall, dass Sie sich zufälligerweise gerade eine Gesamteinspielung von dieser Oper kaufen wollten, die heute vor 223 Jahren in Prag uraufgeführt wurde, die meiner Meinung nach besten Aufnahmen auf. Auch wenn ich damit bei manchen Lesern Ärger bekomme. Ich habe natürlich für meine Hitliste auch ein wenig Literatur zu Rate gezogen wie den Penguin Guide to Compact Discs (sehr zu empfehlen), den Classical Good CD&DVD Guide (na ja) und das Hermes Handlexikon: Opern auf Schallplatten. Das ist nun wirklich unübertroffen (und leider vergriffen, obgleich es noch einzelne Exemplare bei Amazon und dem ZVAB gibt), denn auf das fachmännische Urteil von Karl Löbl und Robert Werba  kann man sich eigentlich immer verlassen.

Auf Platz 1 setze ich, und da gehe ich auch kein Risiko ein (denn das tun beinahe alle Kritiker), Carlo Maria Giulinis Aufnahme von 1961, auch wenn die Schwarzkopf da mitsingt und ich lieber Hilde Güden hätte. Auf Platz zwei und drei sind zwei historische Aufnahmen, die so mangelhaft sie in Teilen sind, man doch besitzen sollte. Das ist zum einen die Fritz Busch Aufnahme aus Glyndebourne 1936 (Mildmay, Souez, Helletsgruber, Pataky, Brownlee, Henderson, Baccaloni, Franklin), die leider nicht an seine großartigen Aufnahmen von Cosi fan Tutte und Le nozze di Figaro heranreicht. Aber trotz der mangelnden Homogenität der Besetzung doch einen schönen Mozart bietet.

Und da ich gerade in England bin, hätte ich an dieser Stelle auch noch einen schönen Don Giovanni Cartoon aus dem wunderbaren Jane Austen Blog für Sie. Hier wird der dicke Möchtegern ➱Dandy und Möchtegern Don Giovanni George (das Lieblingsobjekt von allen englischen Karikaturisten der damaligen Zeit) von seiner Frau Caroline überrascht.

Ja, so ähnlich ist es auch auf der Bühne der Oper. Nicht alle Don Giovannis sehen aus, als wären sie God's gift to woman. Optisch sehr überzeugend sind die Sänger auf der DVD einer minimalistischen Inszenierung aus Aix-en-Provence von dem berühmten Peter Brook. Mit einem kaum glaublichen Leporello (Gilles Cachemaille, der auch auf der Glyndebourne DVD einen guten Don Giovanni abgibt) und einer sehr gut aussehenden Mireille Delunsch als Elvira. Als Inszenierung brillant, schauspielerisch exzellent, kann man das sicher empfehlen. Musikalisch gibt es vielleicht Besseres. Es wäre wahrscheinlich nicht auszuhalten, wenn Mireille Delunsch stimmlich mit ihrem großen schauspielerischen Talent und ihrem guten Aussehen mithalten könnte (hier links ist sie als Marilyn Monroe Kopie in der gefeierten La Traviata wiederum aus Aix-en-Provence zu sehen). Mein zweiter DVD Tipp wäre eine Billigproduktion, bei der ich von keinem der Sänger je gehört habe. Aber sie ist da aufgenommen worden, wo Don Giovanni uraufgeführt wurde. Und der Dirigent Charles Mackerras bürgt für das richtige Mozart Verständnis [(1991. Charles Mackerras. Chor & Orchester des Nationaltheaters Prag. Commendatore: Dalibor Jedlicka, Don Giovanni: Andrei Bestchansky. Don Ottavio: Vladimir Dolezal, Donna Anna: Nadezdka Petrenk, Donna Elvira: Jirina Markov, Leporello: Ludek Vele, Masetto: Zdenek Harvánek, Zerlina: Alice Randova. Amado V6:1 DVD 152' live)]. Insgesamt ist das ein erstaunliches, liebenswertes Gesamtkunstwerk. So hat Mozarts Oper vielleicht damals ausgesehen. Gut, die Aufnahme ist nicht zu vergleichen mit dem ultimativen Don Giovanni Film von Joseph Losey. Der auch ein schöner Andrea Palladio Film ist. Den sollte man gesehen haben (man bekommt ihn bei Amazon als DVD ab fünf Euro, da kann man nicht viel falsch machen). Mehr sage ich dazu nicht, weil ich irgendwann hier noch lang über ➱Joseph Losey schreiben will.

Nach diesem kleinen Ausflug in den Bereich der bewegten Bilder möchte ich wieder zu meiner Hitliste zurückkommen. Auf Platz drei steht die New Yorker Aufnahme vom 7. März 1942 von Bruno Walter. Mit Ezio Pinza (links) als Giovanni und Alexander Kipnis als Leporello (und Bidu Sayao als Zerlina). An dieser Aufnahme hat man inzwischen computermäßig mit verschiedenen CEDAR Prozessen solange herumgewerkelt, dass man sich das durchaus (im Gegensatz zur alten Plattenaufnahme) anhören kann. Ist bei Naxos in der Reihe Immortal Performances erschienen. Und hat große Momente, da gibt es nichts.

Und an dieser Stelle weiß ich nicht weiter. Ich habe noch ein Dutzend Aufnahmen neben mir liegen, aber kann ich die wirklich empfehlen? Und es gibt ja noch so viel mehr, wie man auf dieser ziemlich vollständigen Liste hier sehen kann. Manche habe ich gekauft, weil da Sänger oder Sängerinnen dabei waren, die ich mag. Wie Alfredo Kraus als Don Ottavio. Andere wurden gekauft, weil das Label für Qualität steht, wie die Decca Aufnahme von 1955 von Josef Krips (mit Caesare Siepi und Lisa della Casa), eigentlich eine perfekte Aufnahme, wenn man eine andere Donna Anna als Suzanne Danco gehabt hätte. Dann gab es CDs, die lagen im Grabbelkasten und verführten mich durch ihren Preis. 79 Cent für Barenboim (mit Heather Harper, Sir Gerard Evans, Luigi Evans), und ich habe gerade eben dem Rezensenten bei Amazon, der als Resümee seiner Rezension schrieb: Meine Empfehlung zur Aufnahme: Besser eine andere kaufen, ein Kreuzchen in das Kästchen War diese Rezension für Sie hilfreich? gemacht.

Was fällt mir nach zwei Tagen Don Giovanni Hören noch dazu ein? Man kann das Musikerlebnis natürlich literarisch überhöhen, indem man Shaws Man and Superman liest. Man kann es philosophisch überhöhen, indem man ➱Kierkegaard liest (dazu hätte ich eine interessante Einführung durch einen Theologen). Man kann aber auch einfach nur die Musik hören, die nach 223 Jahren immer noch nichts von ihrem Zauber verloren hat. Lautesten Beyfall habe es gegeben, notierte Mozart nach der Uraufführung. Der Kompositeur war extra zum Dirigieren nach Prag gereist. In Wien war man ein Jahr später nicht so begeistert. Banausen.

Leider habe ich die Don Giovanni Aufführung des Music Theatre London vor Jahrzehnten verpasst. Ich finde von denen auch keine DVD im Internet, nur die einzelnen Meinungen von Kennern, die sagen, dass die BBC einfach zu blöd ist, diese herrlichen Aufnahmen auf eine DVD zu pressen. Aber damit ich beweisen kann, dass es die Truppe wirklich gab, bilde ich einmal Jacinta Mulcahy ab. Die zwar nicht soo toll sang, aber hervorragend aussah. Die Truppe glänzte bei ihren Auftritten in Hamburg (übertragen vom NDR) durch völlig schräge Mozart Interpretationen, die auch einer anderen Klientele als dem bürgerlichen Bildungspublikum Spaß machten. Sicher auch dem Kompositeur, dem Herrn Mozart in seinem roten ➱Frack.

Und inzwischen wird diese Truppe auch schon ➱hier im Blog gewürdigt.



Donnerstag, 28. Oktober 2010

Larcum Kendalls K2


Presented to
THE UNITED SERVICE INSTITUTION
By
REAR-ADMIRAL SIR THOMAS HERBERT, K.C. B., M.P.,
This Timekeeper belonged to Captn. Cook, R.N.,
and was taken by him to Pacific in 1776.
It was again taken to the Pacific by Captain
Bligh in the "Bounty", 1787.
It was taken by the Mutineers to Pitcairns Island
and was sold in 1808 by Adams to a citizen of
the United States,
who sold it at Chili, where
it was purchased by
Sir Thomas Herbert.

Das steht auf dem Deckel der Uhr, die auch als Larcum Kendalls K2 bekannt ist. Manchmal wird sie auch als der Bounty time-keeper bezeichnet, es war jene Uhr, die der amerikanische Kapitän Mayhew Folger von den Pitcairns mitbrachte. Er bekommt sie von dem letzten Überlebenden der Bounty Meuterer John Adams, der sich Alexander Smith nennt. Geld erhält Adams dafür nicht (was soll er auch auf der Insel damit?), lediglich a small silk handkerchief he prizes. Die Admiralität hatte dem Uhrmacher Larcum Kendall 200 Pfund Sterling für die Uhr bezahlt (multiplizieren Sie es mit hundert), jetzt wechselt sie für ein seidenes Taschentuch den Besitzer. Die Meuterer haben ihr Beutestück gut behandelt. Einundzwanzig Jahre, nachdem sie William Bligh übergeben worden war, ist sie noch immer funktionstüchtig.

Mayhew Folger schreibt in seinem Brief an die britische Admiralität:  I remained but a short time on the island, and on leaving it Smith presented me with a time-piece, and an azimuth compass, which he told me belonged to the Bounty. The time-keeper was taken from me by the governor of the island of Juan Fernandez, after I had had it in my possession about six weeks. Der Gouverneur hatte Folger und seine Mannschaft ins Gefängnis geworfen und sich den Schiffschronometer angeeignet. Folger kommt wenig später wieder frei, als der Gouverneur abgesetzt wird, aber K2 ist erst einmal verschwunden. Die Uhr ist also nicht, wie auf dem Deckel eingraviert ist, in Chile verkauft worden. Das ist nicht der einzige Fehler bei dieser Inschrift, die Uhr ist auch nicht die Uhr gewesen, die Captain Cook auf seiner zweiten Reise benutzt hat.

Denn das war Larcum Kendalls K1, eine Kopie von John Harrisons berühmter H4. Dafür hatte Kendall, der ein solider Handwerker war (aber kein uhrmacherisches Genie wie John Harrison, Thomas Earnshaw oder John Arnold) von der Admiralität 500 Pfund erhalten. Obgleich Cook zuerst Vorbehalte gegen die Uhr hatte, musste er doch anerkennen, dass sie so genau ging, dass er damit sozusagen auf den Millimeter genau navigieren konnte. Das Rule Britannia, Britannia rule the waves wird jetzt von den englischen Uhrmachern garantiert. Von den drei Reserveuhren von John Arnold wird nur noch eine bei der Rückkehr nach England funktionieren (aber das kriegt Arnold noch in den Griff). Dass die Uhr von Kendall wie eine Taschenuhr aussieht, täuscht ein wenig. Sie ist beinahe dreimal so groß wie eine normale Taschenuhr und wiegt knapp anderthalb Kilo.

Der Marineleutnant Bligh ist ein wenig enttäuscht, dass er für seine wissenschaftliche Expedition wegen der Affenbrotbaumsetzlinge (ich liebe solche Wortbildungen) nur den time keeper K2 bekommt, an dessen Gang er die ganze Reise etwas auszusetzen haben wird. Er ist ja mit Captain Cook gesegelt, und er kennt die Qualitäten des time piece K1 (time piece und time keeper werden in dieser Zeit als Synonyme verwendet, später wird man für Schiffsuhren den Begriff chronometer gebrauchen). Die Uhr ist auch nicht mehr ganz neu, zuerst hatte sie Constantine John Phipps 1773 auf seiner Expedition zum Nordpol gehabt (das ist die Reise, wo der junge Nelson einen ➱Eisbären jagt), danach hatte man sie im Krieg gegen die aufrührerischen amerikanischen Kolonien verwendet. Jetzt ist sie bei Bligh gelandet, niemand ausser ihm darf sie anfassen. Der Fehlgang der Uhr (der in Spithead noch konsequent bei einer Sekunde lag), so notiert er im Logbuch, beträgt täglich zwischen einer und drei Sekunden.

Das ist für eine mechanische Uhr eigentlich eine erstaunliche Leistung. Ist natürlich nichts gegen eine Quarzuhr (links), die leider noch nicht erfunden ist. Und wo wollten Sie in der Südsee eine Batterie her bekommen? Noch heute werden im ganzen pazifischen Raum und im feuchtheißen Klima (wo Batterien nur kurze Zeit halten) mechanische Uhren verkauft. Nein, die Leistung der Uhr ist eigentlich nicht schlecht, irritierend sind nur die Schwankungen. Seit ich im Juli über ➱amerikanische Taschenuhren geschrieben habe, habe ich übrigens die Hamilton, deren Werk ich abgebildet hatte, jeden Tag aufgezogen. Sie verliert in zwei Monaten eine Minute, das bedeutet eine Abweichung von einer Sekunde am Tag. Nach über siebzig Jahren eine phänomenale Leistung für eine Taschenuhr. Kapitän Bligh wäre damit zutiefst zufrieden gewesen, wenn er meine Hamilton gehabt hätte.

Man weiß natürlich inzwischen, weshalb Kendalls K2 soviel schlechter geht als Harrisons H4 oder Kendalls Kopie von dieser Uhr. Die Admiralität wollte preiswertere Uhren, denn inzwischen kosteten diese Dinger ein Drittel von einem kleinen Kriegsschiff. Aber Kendall fehlte - im Gegensatz zu Arnold und Earnshaw - das Talent zu einer völligen Neukonstruktion. Da ließ er aus Preisgründen das Herzstück von Harrisons H4 (und seiner eigenen K1) einfach weg. Dieses Teil hat den Namen remontoire (oder force constante), und Harrison hatte es für seine H2 erfunden.

Harrisons Uhren sind, produktionstechnisch und ökonomisch betrachtet, ein genialer Irrweg. Arnold und Earnshaw werden jetzt Taschenuhren bauen, die man auch in die Tasche stecken kann, deren Preis sich bei 85 Pfund einpendeln wird (dadurch werden sie auch für Kapitäne von Handelsschiffen erschwinglich). Die Ganggenauigkeit bekommen sie durch zwei Erfindungen, von denen niemand genau weiß, wer sie damals gemacht hat, nämlich die Kompensationsunruh und die Chronometerhemmung. Was eine bimetallische Kompensationsunruh ist, stand schon einmal an dieser ➱Stelle. Und für die Chronometerhemmung, die man im übrigen für Schiffsuhren bis ins 20. Jahrhundert gebaut hat, habe ich hier ein wunderbares ➱Modell. Dieser Volker Vyskocil, der die schöne Seite gestaltet hat, baut auch Uhren. Fragen Sie lieber nicht, was die kosten! Umgerechnet fangen die bei einer Summe an, die die Admiralität für die K2 auf den Tisch legen musste.

Man kann an Viskocils Modell sehen, dass die Unruh damals sehr groß war und Regulierungsgewichte enthielt. Man setzte beim Bau auf große, schwere Unruhen und einen langsamen Gang (heute ist das anders), das Prinzip hat man im Chronometerbau noch lange beibehalten. Auch Unruhen von dem Chronometergenie Paul Ditisheim zu Anfang des 20. Jahrhunderts oder ein moderner Schiffschronometer (links) sehen immer noch so aus. Wenn Sie die Unruhe auf der Seite von Vyskocil anklicken, können Sie das Ganze in einem kleineren Fenster in Bewegung setzen. Faszinierend. Man kann genau die Feder der Chronometerhemmung (das am schwierigsten zu fertigende Teil, dessen Reparatur heute nur noch wenige Chronometerbauer in Europa beherrschen) bei ihrer Arbeit beobachten. Der einzige Nachteil, den die Chronometerhemmung hat, ist, dass sie sehr stoßempfindlich ist. Man muss die Uhr schon kardanisch aufhängen und wie ein rohes Ei behandeln.

Die Spur der K2 verliert sich erst einmal 1808 im Gouverneurspalast. Wenn es da einen Palast gibt. Ich habe kein Bild davon, aber ich habe ein Bild von dem Zelt des englischen Kapitäns George Anson, der sechzig Jahre vor Kapitän Folger hier war. Der spätere Admiral kommt hier bestimmt noch einmal vor, weil seine Weltreise ebenso abenteuerlich ist wie die Geschichte des Bounty time piece. Die Uhr taucht irgendwann im Besitz eines Spaniers namens Castillo in Concepion in Chile auf, der sie für drei Dublonen gekauft haben soll. Nach seinem Tode ist der nächste Besitzer jener Kapitän Thomas Herbert, dessen Name auf dem Boden eingraviert ist. Damals noch nicht Sir Thomas und noch nicht Seeheld und Admiral.

Er kauft den Chronometer knapp siebzig Jahre, nachdem Kendall (der da schon fünfzig Jahre tot ist) ihn gebaut hatte, durch Vermittlung des britischen Konsuls von der Familie Castillo für fünfzig Guineas (die Währung der feinen Welt). Der Consul Alexander Caldcleugh ist schon seit mehr als zwanzig Jahren in Südamerika (er hat auch über diese Zeit Bücher über Südamerika geschrieben), er kennt sich in dieser Welt aus. Vielleicht verdient er auch ein bisschen am Kauf. Ich weiß nicht, ob es Thomas Herbert in diesem Augenblick schon klar ist, dass er die Schiffsuhr der Bounty in Händen hält. Dass ein Kapitän einen Seechronometer kauft, ist in dieser Zeit nichts Aussergewöhnliches. Die Royal Navy ist geizig. Wissen wir aus tausend Romanen, wo die Matrosen kurz vor der Meuterei stehen, weil das Brot voller Maden ist. Die teuren Seechronometer gehen nur an bestimmte Schiffe (Kendalls K1 ist mehr als dreißig Jahre auf der Australienroute unterwegs), im Jahre 1802 haben nur sieben Prozent der Kriegsschiffe einen von der Admiralität gelieferten Chronometer!

Also kaufen die Offiziere die preiswerteren Chronometer von Arnold oder Earnshaw auf eigene Kosten. Die liegen im Jahre 1800 preislich bei 60 bis 100 Pfund, dazu kommen noch einmal 10 Pfund im Jahr für Reinigung und Reparatur. Das ist eine Menge Geld, wenn man bedenkt, dass ein Kapitän damals 28 Pfund im Monat verdient (ein Leutnant nur acht Pfund). Und es genügt ja nicht, dass ein Chronometer an Bord ist, es müssen schon mehrere sein. Erst in den 1840er Jahren, nachdem sich Thomas Herbert seine Uhr in Valparaiso gekauft hat, wird die Admiralität ihre Kriegsschiffe mit genau gehenden Uhren ausstatten. Mit mindestens einer chronometer watch (oder einer H.S.2 Uhr) sowie mehreren H.S.3  und H.S.4 deck watches (H.S. steht für Hydographic Department Standard).

Thomas Herbert ist nicht zum Vergnügen um Kap Hoorn gesegelt. Er ist jetzt in Valparaiso, um den Admiral Charles Ross (der Napoleon nach St. Helena gebracht hatte) mit seiner Flotte zu treffen. Ihr Ziel ist China, der erste Opiumkrieg. Aber erst kauft er diesen schönen Chronometer, lässt ihn in Valparaiso überholen und nimmt ihn mit in den Krieg gegen die Chinesen. Auf dem Bild weiter oben mit der Beschiessung der chinesischen Dschunken ist er bestimmt dabei, da die abgebildete Nemesis mit anderen Schiffen unter seinem Kommando steht. Als Herbert, inzwischen Sir Thomas und Admiral, nach London zurückkehrt, da weiß er inzwischen, welche Uhr er damals in Valparaiso  gekauft hat. Nach siebzig Jahren, zwei Kriegen (der amerikanische Unabhängigkeitskrieg und der erste Opiumkrieg), einer Nordpolexpedition, der Südseeexpedition von William Bligh und der Meuterei auf der Bounty kommt sie jetzt ins Museum. Sie funktioniert immer noch hervorragend.

Warum hat Dava Sobel, die das schöne Buch Longitude geschrieben hat, kein Buch über Kendalls K2 geschrieben? Warum hat noch kein Dichter diesen Chronometer besungen? Ich hätte da aber noch ein kleines Schmankerl zum Schluss, ein Gedicht des australischen Dichters Kenneth Slessor. Es heißt Five Visions of Captain Cook, und man kann es ➱hier lesen. Uhren von Arnold und Kendall kommen auch drin vor.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Bounty


Am 27. Oktober des Jahres 1792 wurden die wegen der Meuterei auf der Bounty zum Tode verurteilten britischen Seeoffiziere Peter Heywood und James Morrison durch königlichen Gnadenerlass begnadigt und am gleichen Tag freigelassen. Steht so im Wikipedia Artikel.

Ist wie so vieles in diesem Lexikon nicht so ganz richtig, Heywood und Morrison sind keine Offiziere. Auch der berühmte Fletcher Christian, dessen Leben für so viele Romane und Filme herhalten musste, ist kein Offizier. Offiziere an Bord der Bounty sind nur der Kapitän Bligh (der ist ein Leutnant) und der Steuermann, der von der Admiralität einen provisorischen Leutnantsrang für diese Reise bekommen hat. So elegant wie der junge Nelson in seiner Kapitänsuniform (links) hat William Bligh allerdings niemals ausgesehen. Nach seiner Begnadigung wird Peter Heywood, der ebenso wie Fletcher Christian einflussreiche Verwandte hat, noch Marineoffizier werden. Post-Captain mit 31 Jahren - die Leser von Patrick O'Brian wissen, was das ist - und Admiral mit der Pensionierung.

Als diese Sache mit der Bounty passiert, befindet sich das Offizierswesen der Royal Navy im Umbruch. Um es vereinfacht zu sagen: all die Fachleute, die man an Bord gebraucht (wie Steuermann, Bootsmann, Navigator, Schiffsarzt etc.), die keine adligen Gentlemen sind und keine commission besitzen, rücken im Status nach oben. Sie werden jetzt wie Offiziere behandelt, obgleich sie eigentlich warrant officers sind. Ohne diese warrant officers wäre aus der Royal Navy sowieso nichts geworden, man kann keine Kriegsmarine nur mit nichtsnutzigen jungen Gentlemen aufbauen. Jetzt zu Ende des 18. Jahrhunderts dürfen die warrant officers die Offiziersmesse betreten, am Tisch des Kapitäns sitzen, und ihre Uniform ähnelt der eines Leutnants. Man merkt es auch an der Bezahlung, ein Steuermann verdient mehr als ein Marineleutnant. Aber ich will jetzt nicht über die Sozialstruktur auf den Schiffen der Royal Navy schreiben (die man sehr schön in N.A.M. Rogers' The Command of the Sea nachlesen kann), und ich will auch nicht noch einmal die Geschichte der Meuterei auf der Bounty nacherzählen.

Ich möchte Sie zu der Insel entführen, die da oben in voller Postkartenschönheit zu sehen ist. Die nach dem 15-jährigen Midshipman Robert Pitcairn benannt wurde, der sie 1767 zuerst entdeckt hatte. Deshalb steht im Logbuch der HMS DolphinIt is so high that we saw it at a distance of more than fifteen leagues, and it having been discovered by a young gentleman, son to Major Pitcairn of the marines, we called it Pitcairn's Island. Allerdings hatte sein Kapitän Philip Carteret sie nicht so ganz richtig auf der Seekarte eingezeichnet, so dass man nicht so recht wusste, wo sie wirklich war. Was ein Glück für Fletcher Christian und einige andere der Bounty Rebellen war. Dass ein amerikanischer Kapitän aus Nantucket namens Mayhew Folger deren Nachfahren Jahrzehnte später auf der Insel entdeckt hat, das hat der junge Robert Pitcairn nicht mehr erlebt, weil er zwei Jahre nach seiner Entdeckung mit allen anderen Seeleuten auf der HMS Aurora untergegangen ist.

Wednesday, February 20th, commenced with light airs from the north east, and thick foggy weather. At six A M. observed a sail opening round the south head of St. Maria, coming into the bay. It proved to be a ship. The captain took the whale boat and crew, and went on board her. As the wind was very light, so that a vessel would not have much more than steerage way at the time; observed that the ship acted very awkwardly. At ten A. M. the boat returned. Mr. Luther informed that Captain Delano had remained on board her, and that she was a Spaniard from Buenos Ayres, four months and twenty six days out of port, with slaves on board ; and that the ship was in great want of water, had buried many white men and slaves on her passage, and that captain Delano had sent for a large boat load of water, some fresh fish, sugar bread, pumpkins, and bottled cider, all of which articles were immediately sent.

So beginnt der amerikanische Kapitän Amasa Delano das 18. Kapitel in seinem Buch A Narrative of Voyages and Travels in the Northern and Southern Hemispheres, das 1817 in Boston erschien. Das Buch, das heute noch als Reprint lieferbar ist (oder bei Google Books gelesen werden kann), ist eine Fundgrube für Erlebtes und Erzähltes aus Jahrzehnten auf See. Es ist auch wichtig für die Geschichte der Bounty Meuterer. Und für die Weltliteratur. Denn aus dem unspektakulären Beginn da oben wird ein Amerikaner namens Herman Melville, der lange genug zu See gefahren ist, um sich in dieser Welt auszukennen, ein literarisches Meisterwerk namens Benito Cereno machen.

IN THE year 1799, Captain Amasa Delano, of Duxbury, in Massachusetts, commanding a large sealer and general trader, lay at anchor, with a valuable cargo, in the harbour of St. Maria -- a small, desert, uninhabited island towards the southern extremity of the long coast of Chili. There he had touched for water.
     On the second day, not long after dawn, while lying in his berth, his mate came below, informing him that a strange sail was coming into the bay. Ships were then not so plenty in those waters as now. He rose, dressed, and went on deck.

     The morning was one peculiar to that coast. Everything was mute and calm; everything grey. The sea, though undulated into long roods of swells, seemed fixed, and was sleeked at the surface like waved lead that has cooled and set in the smelter's mould. The sky seemed a grey mantle. Flights of troubled grey fowl, kith and kin with flights of troubled grey vapours among which they were mixed, skimmed low and fitfully over the waters, as swallows over meadows before storms. Shadows present, foreshadowing deeper shadows to come.
     To Captain Delano's surprise, the stranger, viewed through the glass, showed no colours; though to do so upon entering a haven, however uninhabited in its shores, where but a single other ship might be lying, was the custom among peaceful seamen of all nations. Considering the lawlessness and loneliness of the spot, and the sort of stories, at that day, associated with those seas, Captain Delano's surprise might have deepened into some uneasiness had he not been a person of a singularly undistrustful good nature, not liable, except on extraordinary and repeated excitement, and hardly then, to indulge in personal alarms, any way involving the imputation of malign evil in man. Whether, in view of what humanity is capable, such a trait implies, along with a benevolent heart, more than ordinary quickness and accuracy of intellectual perception, may be left to the wise to determine.


Der gutmütige Kapitän Delano (ein sehr entfernter Verwandter von Franklin Delano Roosevelt) mit seinem biblischen Vornamen und seiner singularly undistrustful good nature (zu der der Name seines Schiffes, Bachelor's Delight, passt) wird jetzt die erstaunlichste Geschichte seines Lebens erleben, shadows present, foreshadowing deeper shadows to come. 

Diese Schatten, die Amaso Delano und uns die Wirklichkeit auf der San Dominick (hinter der vielleicht auch das Schiff Amistad steht) nicht erkennen lassen, werden uns die ganze Erzählung hindurch begleiten. Und den spanischen Kapitän Benito Cereno lassen sie bis zu seinem Tod nicht los. "You are saved, Don Benito," cried Captain Delano, more and more astonished and pained; "you are saved; what has cast such a shadow upon you?" Ich lasse das Ende mal offen, falls einige meiner Leser Benito Cereno noch nicht gelesen haben sollten - was man natürlich unbedingt tun sollte - und komme zu der Bounty zurück.

Denn in diesem kuriosen 600-seitigen autobiographischen Kuddelmuddel von Amasa Delano findet sich eben auch die Geschichte von der Entdeckung derjenigen, die man nach der Meuterei nicht ergriffen, gehängt oder begnadigt hat. Aber das hat unser guter Neuengländer aus Duxbury in Massachusetts, der in drei Jahrzehnten dreimal um die Welt gesegelt war, und hoffte, ein schönes Stück Geld mit dem Buch zu verdienen, nicht selbst erlebt. Das hat ihm sein Freund Mayhew Folger erzählt und in Briefen beschrieben.

At ½ past 1 P.M. saw land bearing SW by W1/2 steared for the land. . . . at 2 A.M. the Isle bore south 2 leagues dis. Lay off & on till daylight. At 6 A.M. put off two boats to Explore the land and look for seals. On approaching the Shore saw a Smoke on the land at which I was very surprised it [Pitcairn] being represented by Captain Carteret as destitute of Inhabitants, on approaching Still more the land – I discovered a boat paddling towards me with three men in her. Er entdeckt ein Boot, in dem Menschen sitzen, die überraschenderweise Englisch sprechen. Und es entspinnt sich jetzt dieser hochkomische Dialog: "Who are you?” “This is the ship Topaz of the United States of America. I am the master, Captain Mayhew Folger, and American. “You are an American?” “You come from America?” “Where is America?” “Is it in Ireland?” Also, zu diesem Zeitpunkt sind die ganzen Iren noch nicht nach Amerika ausgewandert. Folgers Gesprächspartner wissen nicht, wo Amerika ist, weil sie alle auf dieser verlassenen Insel geboren wurden, von England und Irland durch ihre Väter gehört, aber nie etwas anderes als Pitcairn gesehen haben.

Captain Folger wird an Land gehen (was damals der Kapitän Carteret nicht gemacht hatte): I went on shore and found there an Englishman by the name of Alexander Smith, the only person remaining out of the nine that escaped on board the ship Bounty, Captain Bligh, under the command of the archmutineer Christian. Smith informed me that after putting Captain Bligh in the long boat and sending her adrift, their commander – Christian – proceeded to Otaheiti, then all the mutineers chose to Stop except Christian, himself and seven others; they all took wives at Otaheiti and Six men as Servants and proceeded to Pitcairn’s Island where they landed all their goods and Chattles, ran the Ship Bounty on Shore and Broke her up, which took place as near as he could recollect in 1790 – soon after which one of their party ran mad and drowned himself another died with a fever, and after they had remained about four years on the Island their Men Servants rose upon and killed Six of them, Leaving only Smith and he desperately wounded with a pistol Ball in the neck, however he and the widows of the deceased man arose and put all the Servants to death which left him the only Surviving man on the island with eight or nine women and Several Small Children. . . . he Immediately went to work tilling the ground so that it now produces plenty for them all and the[re] he lives very comfortably as Commander in Chief of Pitcairn’s Island, all the Children of the deceased mutineers Speak tolerable English, some of them are grown to the Size of men and women, and to do them Justice I think them a very humane and hospitable people, and whatever may have been the Errors or Crimes of Smith the Mutineer in times Back, he is at present in my opinion a worthy man and may be useful to Navigators who traverse this immense ocean, such the history of Christian and his associates.

Das sollte doch als Stoff für ein halbes Dutzend Robinson Crusoe Romane ausreichen. Folger meldet den Vorfall an die englische Admiralität, aber viel mehr als eine kurze Notiz im Quarterly Review, Heft 3 (1810), bringt das nicht. Aber dann erzählt Mayhew Folger unserem guten Amasa Delano die Geschichte. Die beiden hatten sich bei der Robbenjagd ein Jahr nach der Geschichte mit Benito Cereno auf der Insel Massafuero kennengelernt hatte - das ist in der Gegend, wo Alexander Selkirk, der wirkliche Robinson Crusoe (dieser Crusoe im Roman kommt übrigens aus Bremen, das musste mal eben gesagt werden) gelebt hat. In Melvilles Encantadas kommt die Insel auch vor. Und Delano reichert die Geschichte noch ein wenig an und macht da dann später gleich zwei Kapitel daraus (Kapitel V und VI), die auch nach knapp zweihundert Jahren noch interessant sind.

Kapitän Mayhew Folger, der aus einer alten neuenglischen Walfängerfamilie kommt (und mit Benjamin Franklin verwandt ist) bringt von dieser Begegnung noch etwas mit, nämlich den time keeper der Bounty, eine Taschenuhr von Larcum Kendall. Fletcher Christian wusste schon, warum er die mitgenommen hatte, denn mit Hilfe von Larcum Kendalls K2 hatte er Pitcairn gefunden. But that's another story, wie Rudyard Kipling sagen würde. Sie wird morgen hier folgen.