Dienstag, 30. November 2010

Terrence Malick


Herzliche Glückwünsche, Terrence Malick. Der amerikanische Regisseur wird heute 67. Hat nur drei Filme gedreht, aber was für welche! Drei Filme, und bei den Kritikern berühmt wie Sergei Eisenstein! Er zeigt sich selten in der Öffentlichkeit, ist aber nicht ganz so scheu wie Greta Garbo und J.D. Salinger es waren. Vor Jahren ist er zu aller Überraschung bei der Berlinale aufgetaucht, als dort Days of Heaven gezeigt wurde. Manchmal taucht er auch in seinen Filmen kurz auf. Wenn sie hier klicken, können Sie ihn in seinem ersten Film Badlands sehen. Aber ansonsten bleibt er geheimnisvoll wie Citizen Kane.

Seine ersten beiden Arbeiten, Badlands und Days of Heaven, blieben lange Zeit die einzigen Filme. Dann zwanzig Jahre später The Thin Red Line. Und massenhaft Gerüchte, was er jetzt gerade macht. The Thin Red Line hatte das Pech, dass er gleichzeitig mit Saving Private Ryan ins Kino kam. Der kriegte natürlich fünf Oscars, Malicks Film nur zwei Nominierungen. Die Academy ist für jeden Spielberg Kitsch empfänglich. Natürlich ist unter ästhetischen Gesichtspunkten The Thin Red Line der bessere Film, aber das sind für die Academy keine Kriterien. Meine Lieblingsfilme haben nie die Academy Award bekommen.

Malicks Filme sind schon ein klein wenig intellektuelles Kino, und die Filmemacher, die ihren Film über Terrence Malick Rosy-fingered Dawn nannten, wussten schon was sie taten (Sie können den Film hier ganz sehen). Homers epitheton für die Morgenröte ist für Malick sicher passend. Zum einen hat Malick in Harvard und Oxford Philosophie studiert (und am MIT unterrichtet), zum anderen ist das genau das Licht, in dem er gerne seine Filme dreht, diese magic hour: a euphemism, hat Néstor Almendros gesagt, der den Film photographierte. because it's not an hour but around 25 minutes at the most. It is the moment when the sun sets, and after the sun sets and before it is night. The sky has light, but there is no actual sun. The light is very soft, and there is something magic about it. It limited us to around twenty minutes a day, but it did pay on the screen. It gave some kind of magic look, a beauty and romanticism.  Auch wenn man da nur eine halbe Stunde am Tag drehen kann. Dann dauern die Dreharbeiten eben länger. Das macht Malick nichts aus. Er hat ja auch Jahre lang nachgedacht, bevor er mit den Filmarbeiten begann.

Das New Hollywood der siebziger Jahre, dieses kurze Aufflackern einer wirklich interessanten Filmkultur, bedeutete auch eine Intellektualisierung des Kinos. Die jungen Regisseure kamen plötzlich von den Universitäten (an denen man plötzlich Film studieren konnte), und hatten sich nicht mehr über eine Lehrlingszeit als Regisseur von TV-Serien nach oben gearbeitet. Francis Ford Coppola, Martin Scorcese, Brian De Palma, George Lucas und Terrence Malick wären Beispiele dafür. In Frankreich machte man das anders, da saß man jahrelang im Kino und schrieb Filmkritiken. Dann fing man an zu filmen, so haben es Truffaut, Godard oder Rohmer gemacht. In Amerika ist Peter Bogdanovich einen ähnlichen Weg gegangen. In einer der ersten Bestandsaufnahmen des neuen amerikanischen Films, James Monacos American Film Now von 1979, hieß es über Malick he already has to be regarded as one of the most interesting American filmmakers of the 1970s.

Malick begins with the reality, sagt Monaco, then draws his his impressively mythic material out of it. Und er fährt fort: If a filmmaker wants to be consciously mythic this is obviously the modus operandi that will result in the most valid and affective movies. Yet of all the Homers and Joyces working in  American film today, Terrence Malick seems to be the only one who uses this sophisticated approach. In Badlands erzählt Malick die Geschichte von Charles Starkweather, aber er erzählt sie anders als das Oliver Stone in Natural Born Killers tut. Wir haben eine durchgehende voice over narration von Cissy Spacek. Aber was die Stimme erzählt, passt nicht zur Handlung. Und die ausgesucht poetischen Bilder verfremden das Ganze noch ein zweites Mal. Badlands ist eine Parabel über die Landschaft des Westens, über die Rolle der Medien, über Amerikas Besessenheit von der Gewalt. Der Film, der so mit dem Mythos vom Westen und dem Mythos der Gewalt spielt, ist letztlich hoch ironisch. Ist natürlich das, was Filmkritiker lieben, weil die Mordgeschichte hier Filmkunst wird. Das amerikanische Publikum liebt so etwas nicht unbedingt.

In Days of Heaven wird Malick das gleiche Mittel der voice over narration verwenden. Während Sissy Spacek in Badlands den Film erzählte, ist es hier Linda Manz, die in die Rolle einer jugendlichen Erzählerin schlüpft. Der Kommentar ist sparsamer, aber häufig auch symbolischer: I been thinkin' what to do wit' my future. I could be a mud doctor. Check out the earth. Undernet'. Malicks Filme handeln von dem underneath. Obgleich die Oberfläche betörend schön ist. Malick hatte dafür den Meister des magic realism, Néstor Almendros, als Kameramann für Days of Heaven geholt. Weil er a very visual movie wollte, die Geschichte nur durch Bilder erzählen. Eigentlich macht er das in allen Filmen. Ich habe einmal das Experiment gemacht und mir The Thin Red Line ohne Ton angesehen, nur die Flut der Bilder. War auch schön.

Die drei Filme von Malick sind als DVD erhältlich. Im Internet kann man die filmscripts von Badlands, Days of Heaven und The Thin Red Line lesen. Seit wenigen Jahren gibt es auch Literatur zu dem Regisseur in Buchform wie zum Beispiel The Cinema of Terrence Malick: Poetic Visions of America von Hannah Patterson.

Montag, 29. November 2010

Tatort


Das Böse ist immer und überall! sang vor Jahren die Erste Allgemeine Verunsicherung. Wir wissen das natürlich längst, weil wir seit vierzig Jahren den Tatort haben. Früher war es ein nationales Ereignis, wenn sonntags ein Tatort-Kommissar ermittelte, heute guckt da schon keiner mehr hin. Höchstens bei Thiel und Boerne in Münster. Es gibt zuviel Tatorte, zuviel Kommissare. Und das Qualitätssiegel, das die ersten Sendungen trugen, ist längst abgelaufen. In der DDR hatten sie keinen Tatort, da hatten sie den Polizeiruf 110. Nach der Wende bekamen wir den auch. Wobei der aus Schwerin mit Uwe Steimle und Kurt Böwe der beste war. Böwe krönte damit auch seine schauspielerische Karriere, deren beste Filme man hierzulande kaum sehen konnte. Filme wie Konrad Wolfs Ich war Neunzehn oder Der nackte Mann auf dem Sportplatz. Gute Schauspieler im Tatort sind heute rar, und wenn man einem Serienstar heute eine Pistole und einen Dienstausweis in die Hand drückt, dann ist das ja eher das berufliche Abstellgleis. Statt Rente Tatort-Kommissar, oder Kommissar in irgendeiner der anderen Krimisendungen, die die ganze Woche über laufen. Sogar Iris Berben war schon Polizistin, Veronica Ferres auch. Nur Ingrid Steeger noch nicht. Vielleicht kommt das ja noch.

Bevor wir den Tatort hatten, hatten wir Stahlnetz im Fernsehen. 22 Folgen in zehn Jahren. Das war noch seriöses Handwerk, alle Drehbücher von Wolfgang Menge, Regie Jürgen Roland. Und alles in schwarz-weiß. Links ist Rudolf Platte als Oberkommissar Roggenburg in Das Haus an der Stör, wahrscheinlich dem berühmtesten Film aus der Reihe. Die Filme waren noch sehr langsam, hatten nichts von der heutigen Hektik in Schnitt und Einstellung. Zeigten aber ein Bild der bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Und sie beruhten auf wahren Fällen, und wahre Fälle sind immer langweiliger und mühseliger als das, was uns heute im Tatort aufgetischt wird. Warum sind wir so begierig, das alles zu sehen?

In diesen Tagen hat ja beinahe jede Zeitung einen Bericht über vierzig Jahre Tatort. Mit Bildern von allen Tatort-Kommissaren, ich gucke die an, und ich kenne sie nicht. Ich kenne die Namen der Schauspieler, aber ich weiß, dass ich sie nie als Kommissare in Aktion im Ersten Deutschen Fernsehen gesehen habe. Weil da viele dabei sind, die ich für unerträglich halte. Hätte ich mir nicht mal aus beruflichen Gründen angeguckt, damals, als ich noch wissenschaftliches Zeug über den Krimi schrieb. Selbst schrottige Edgar Wallatze Filme sind häufig noch besser als das Elend vieler Tatort Folgen. Die wirklich erinnerungswerten Tatort Filme hießen Kressin stoppt den Nordexpress (Drehbuch: Wolfgang Menge) und all die, die den Namen Trimmel im Titel hatten oder den Hamburger Hauptkommissar Paul Trimmel das Verbrechen bekämpfen liessen.

Und Taxi nach Leipzig mit Paul Trimmel, alias Walter Richter, war auch der erste Tatort, heute vor vierzig Jahren. Der Roman stammte von einem gewissen Friedhelm Werremeier. Der hatte gerade angefangen, für die Reihe der rororo thriller zu schreiben. Da hatte Richard K. Flesch, den die ganze Branche Leichenflesch nannte, bei Rowohlt schon ein gutes Händchen gehabt. Wenn Sie ➱hier hineinschauen, werden Sie sehen, ich wiederhole mich gerade ein wenig. Aber ich will jetzt auf etwas ganz anderes hinaus, nicht auf Sjöwall/Wahlöö und auch nicht auf Richard K. Fleschs Whiskykonsum. Nein, ich meine ein ganz anderes Phänomen, das Der neue deutsche Kriminalroman hieß. So hieß auf jeden Fall 1985 ein Sammelband, in dem die Ergebnisse einer Tagung im Kloster Loccum zusamengetragen waren. Den ich aus unerklärlichen Gründen jetzt nicht im Regal finde. Das ist ärgerlich, weil ich nicht nachgucken kann, was ich damals geschrieben habe.

Wenn wir plötzlich in den sechziger Jahren einen neuen deutschen Kriminalroman hatten, dann heißt das allerdings nicht, dass wir einen alten gehabt hätten. Engländer, Amerikaner und Franzosen haben in diesem Genre eine Tradition, die ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Wir nicht. Es wäre verwegen, eine Entwicklungslinie von Schillers Der Verbrecher aus verlorener Ehre, E.T.A. Hoffmanns Das Fräulein von Scuderi, Fontanes Unterm Birnbaum bis zu Jakob Wassermanns Der Fall Maurizius ziehen zu wollen. Aber jetzt ist der Krimi plötzlich da. Werremeier, Hansjörg Martin, Irene Rodrian, Fred Breinersdorfer, Michael Molsner, Paul Henricks und Horst Bosetzky (der unter dem Pseudonym -ky) schrieb. Und viele andere. Selbst im kommunistischen Bruderstaat, wo man sich zuerst bemühte, einen Damm gegen die westliche Schundliteratur zu errichten, fügte man sich drein und ließ Krimis zu: Nicht länger mehr blieb das Feld dem Gegner überlassen, mit dessen geistiger Rüstung wir uns vertraut machten.

Was den deutschen Krimi der sechziger Jahre auszeichnet, ist eine Hinwendung zu soziologischen Bestandsaufnahme der deutschen Gesellschaft, am prominentesten in den Büchern von -ky. Der zuerst auch noch glaubte, mit seinen Krimis einen - wenn auch noch so bescheidenen - Beitrag zur Veränderung unserer Gesellschaft in Richtung auf einen humanistisch-demokratischen Sozialismus zu erbringen. Er musste aber Jahre später, als er sein Thesenpapier Dreizehn Flüche und eine Träne. Die Unmöglichkeit des Sozio-Krimis Über das Elend des bundesdeutschen Krimimachers bis zum kriminalliterarischen Selbstmord veröffentlichte, resignierend feststellen, dass das wohl nicht so ganz funktionierte. Die Formeln der Kriminalliteratur sind nicht zu überwinden, es gibt nur Variationen der erzählerischen Einkleidung.

Die aber damals, und das haben die Romane von Werremeier, -ky und Co. gezeigt, recht originell ausfallen konnten. Auf jeden Fall origineller als das, was heute im Tatort geboten wird. Taxi nach Leipzig ist da nur eins der Beispiele. Der Film präsentiert uns eine glaubwürdige Hauptfigur (und mit Walter Richter eine überzeugende Verkörperung), auch wenn Simenons Kommissar Maigret (und Jean Gabin) in dieser Figur ein wenig durchscheint. Dazu eine schöne Frau (Renate Schroeter), ein DDR Grenzpolizist (Hans Peter Hallwachs, durch Zadeks Theater in Bremen berühmt geworden) und eine deutsch-deutsche Problematik.

Der bullige Paul Trimmel war von Anfang an, daran hat Werremeier in Interviews keinen Zweifel gelassen, als Serienfigur konzipiert. Allerdings war der Film Taxi nach Leipzig gedreht, bevor es die Tatort Reihe gab. Es war aber ein geschickter Zug von Tatort-Erfinder Gunther Witte, den als ersten Film der Reihe zu nehmen, nachdem er dem WDR die Idee verkauft hatte:  Das Schreckliche war nur, die wollten es dann sofort! So eine Reihe muss man doch erst einmal entwickeln, das braucht schon so anderthalb Jahre. Aber nein, das sollte gleich losgehen. Und so haben wir alle erst mal Projekte aufgegriffen, die sowieso schon in der Schublade lagen...Es begann mit „Taxi nach Leipzig“, ein Krimi, der schon fertig entwickelt war. Der wurde sofort umgesetzt. Am peinlichsten war mir, was wir vom WDR als erstes einbrachten. Meine Kriterien waren ja grob: Es muss sich um einen Kommissar drehen, es muss regional und es muss realistisch sein. In unserer Schublade lagen aber Drehbücher mit Kressin. Das war ein Zollfahnder und kein Kommissar, das war ein deutscher Bond und keineswegs eine realistische Polizeifigur. Ich war da auf schlimmste Diskussionen vorbereitet, aber es hat keiner gemault.

Da sind wir aber dankbar, dass von den Intendanten der ARD keiner gemault hat, und wir so auch Sieghardt Rupp als Kressin bekommen haben. Hat das Genre zweifellos belebt.

Taxi nach Leipzig gibt es als DVD (Kressin stoppt den Nordexpress auch, demnächst wird es noch einen Dreierpack Kressin geben), und es lohnt sich auch heute noch, diesen Film zu sehen. Es lohnt sich natürlich auch, alle Werremeier Romane zu lesen. Die Krimiautoren der sechziger Jahre haben die Türen geöffnet für eine beständige Produktion deutscher Krimis. Sind die wirklich gut? Ich weiß es nicht, aber wenn jemand wie Thea Dorn im Jahre 2000 den Deutschen Krimipreis gewinnt, dann kann das nix sein. Manchmal gibt es was Nettes wie Norbert Klugmann und Peter Matthews' Beule oder wie man einen Tresor knackt (1984), aber der Rest ist irgendwie Hausmannskost. Da lohnt es sich eher, die Autoren des Neuen deutschen Kriminalromans wieder zu lesen. Und wenn man wirklich gute deutschsprachige Krimis lesen will, dann sollte man doch zu dem Schweizer Friedrich Glauser und seinem Wachtmeister Studer greifen. Dagegen sehen viele neuere Autoren alt aus.

Deutschsprachige Krimiautoren sind inzwischen organisiert, schauen Sie auf die Seite von dem Syndikat, mehr als 600 deutschsprachige Autoren. Wir sind ein kriminelles Volk. Über alles was neu ist, informiert hervorragend der immer rührige Thomas Przybilka und seine Alligatorpapiere.

Sonntag, 28. November 2010

Grand Ole Opry


Heute vor 85 Jahren hat die Radiostation WSM zum ersten Mal die Barn Dance Show ausgestrahlt. Die Sendung hieß später Grand Ole Opry und ist heute die älteste noch existierende amerikanische Radio-Musiksendung. Country Music. Mag ja nicht jeder. Floriert in Amerika immer noch. Garth Brooks, ein rhinestone cowboy aus der Retorte, stand vor wenigen Jahren mit seinen verkauften Platten weit vor Michael Jackson und Madonna.  C&W florierte auch mal in Deutschland, als die Band Truck Stop sang Ich möcht' so gern' Dave Dudley hör'n. Aber für richtige aficionados, die mit Hank Williams groß geworden sind, ist das natürlich nichts. Die brauchen dieses hohe Falsetto Genöle und diese engelsgleichen Sopranstimmen. Hören Sie mal Trio mit Emmylou Harris, Dolly Parton und Linda Ronstadt und raten Sie, wer wer ist.

Linda Ronstadt ist fett geworden, und Dolly Parton sieht aus wie eine Dolly Parton Imitation. Aber Emmylou Harris bleibt immer jung und schön. C&W ist ein sehr demokratisches Medium, hier singen Männer und Frauen, Kinder und ganze Familien. Sie können schön oder hässlich sein, dick oder dünn. Aber singen und Gitarre spielen, sollten sie schon können. Man braucht nicht aus Nashville zu kommen (aber die meisten Karrieren haben hier begonnen) oder aus den Blue Ridge Mountains. Obgleich das genau die Gegend ist, wo die Musik herkommt.

Die ganze Musik Amerikas kommt aus dem Süden. Aus dem Norden kommen nur die sittenstrengen Quälgeister von Puritanern mit ihrer selbstquälerischen Moral. Die bringen einige Kirchenlieder zu dem Music Mix Amerikas mit. Aber der Rest der Musik, der kommt aus dem Süden. Englische und schottische Balladen, die in den südlichen Appalachen die Jahrhunderte überdauert haben, Musik der schwarzen Sklaven, Kirchenmusik von deutschen Religionsgemeinsschaften, deutsche Polkamusik (mit Hohner Ziehharmonikas) in Texas, Cajun und Zydeco. Bluegrass, Spirituals, Blues und Jazz - alles kommt aus dem Süden. Und dann sollten wir die Musik nicht vergessen, die ohne Einreisegenehmigung von südlich der Grenze kommt und den Namen Tex-Mex bekommen hat.













I hear America singing, the varied carols I hear;
Those of mechanics—each one singing his, as it should be, blithe and strong;
The carpenter singing his, as he measures his plank or beam,
The mason singing his, as he makes ready for work, or leaves off work;
The boatman singing what belongs to him in his boat—the deckhand singing on the steamboat deck;
The shoemaker singing as he sits on his bench—the hatter singing as he stands;
The wood-cutter’s song—the ploughboy’s, on his way in the morning, or at the noon intermission, or at sundown;
The delicious singing of the mother—or of the young wife at work—or of the girl sewing or washing—Each singing what belongs to her, and to none else;
The day what belongs to the day—At night, the party of young fellows, robust, friendly,
Singing, with open mouths, their strong melodious songs.


Zugegeben, das gemeinschaftliche Musikerlebnis, das Walt Whitman so typisch für Amerika erschien, ist inzwischen ein klein wenig kommerzialisiert. Aber dennoch gibt es in vielen Kirchengemeinden des Südens immer noch eine Musikkultur, die sich seit dem 18. Jahrhundert kaum verändert hat, in der das lining out noch lebendig ist. Seit John und Alan Lomax Amerikas Lieder aufgezeichnet haben, seit Moses Asch sein Label Folkways gegründet hat, wird die Musik Amerikas von der Library of Congress und kleinen Labels (von Folkways/Smithsonian einmal abgesehen) durchaus gepflegt. Also Labels wie Rounder Records und tausenderlei kleine Independent Labels. Und dann gibt es solche Labels, die sich auf die Wiederveröffentlichung spezialisiert haben und sehr schöne Zusammenstellungen herausbringen. Wie Rhino Records oder Bear Family Records (die erstaunlicherweise nicht in Nashville oder Bakersfield sitzen, sondern in der Nähe von Bremen ihre Heimat haben).

Ich muss jetzt vorsichtig mit dem sein, was ich sage. Denn dezidierte Meinungen zu einzelnen Sängern oder Sängerinnen der Country und Western Musik zu haben, ist ein wenig so, als würde man eine Polka in einem Minenfeld tanzen. Wat den een sien Uhl, is den annern sien Nachtigal. Nirgendwo ist man so schnell beleidigt, wie in der Welt der C&W Fans. Nicht nur in der Welt der Sängerinnen. Ich habe auch nichts gegen Linda Ronstadt, aber sie sah besser aus, als sie noch schlank war. Wenn Sie sich mal diesen Wikipedia Artikel anschauen, dann können Sie sehen, welches Ansehen sie in Amerika hat - oder ihre Fanclubs haben kollektiv diesen Artikel geschrieben.

Man kann auch seinen Ruf als Intellektueller beschädigen, wenn man sich zu C&W bekennt. Also, wenn man nur schwarze Klamotten trägt, einen Dreitagebart pflegt, Gauloises raucht und welsche Modephilosophen in seinen Diskurs einfließen lässt, dann ist es natürlich für dieses mühsam aufgebaute Image absolut tödlich, zu bekennen, dass man gerne Tammy Wynettes Stand by Your Man oder Johnny Cashs Ring of Fire hört. Dann müssen Sie erzählen, dass sie John Cage hören. Oder Luigi Nono und so'n Zeuch. Und wenn Sie überhaupt an einen Countrymusiker denken, dann höchstens an Lyle Lovett. Nicht, weil der mal mit Julia Roberts verheiratet war oder weil er Deutsch kann, sondern weil er in schwarzen Armani Klamotten wie einer der so genannten Kreativen aussah.

Ich dagegen, immer ein enfant terrible jeder Art von intellektueller Szene, kann das hemmungslos bekennen: ich liebe Country&Western. Und ich habe eine große Kommodenschublade voller CDs (die LPs wollen wir mal gar nicht zählen). Ich kann aber auch sagen, dass ich mit dem Zeug aufgewachsen bin, im amerikanisch besetzten Bremen hatte man einen erstklassigen Empfang von AFN.

Man kann es nicht immer hören. Man kann auch nicht immer Schokolade essen. Man kann immer Mozart hören, aber Hank Williams (so sehr ich ihn mag) geht nach drei Tagen nicht mehr. Das high lonesome Gesinge hat leichte Abnützungseffekte. Aber man muss es natürlich einmal gehört haben. Und dann später immer wieder, wenn er I'm so lonesome I could cry singt.

Hear that lonesome whippoorwill
He sounds too blue to fly
The midnight train is whining low
I'm so lonesome I could cry

I've never seen a night so long
When time goes crawling by
The moon just went behind a cloud
To hide its face and cry

Did you ever see a willow weep
its leaves began to die?
That means he's lost the will to live
I'm so lonesome I could cry

The silence of a falling star
Lights up a purple sky
And as I wonder where you are
I'm so lonesome I could cry


Es gibt Augenblicke im Leben, da muss es einfach Country sein. Und man sollte immer bedenken: auch Elvis hat so angefangen. Wenn Sie sich diese Kompilation Golden Inspirations for the King kaufen (bei Zweitausendeins, die immer gute Sampler herausbringen und im Bereich Country gut sortiert sind, nur 4,99€), werden sie die country roots von Elvis kennenlernen. Natürlich kann der Beginner's Guide to Country, den es bei Zweitausendeins gibt, auch nicht schaden.


Aber bevor ich jetzt den ganzen ersten Adventssonntag, wo draußen Schnee liegt, und der Adventskranz so frisch im Wohnzimmer duftet, mit einer Aufzählung meiner C&W Lieblinge vertändele, höre ich jetzt lieber mal auf (natürlich gibt es auch Country Christmas Collections). Gebe Ihnen aber noch schnell drei Buchtips. Das Beste, was es zur Musik des Südens gibt, ist der aus der New Encyclopedia of Southern Culture von Charles Reagan Wilson ausgekoppelte Band Music von Bill C. Malone. Nicht ganz billig, aber es gibt nichts Besseres. Von Bill Malone gibt es auch Country Music, U.S.A, sicherlich ein Standardwerk, das in der überarbeiten Auflage von 1985 im Jahre 2002 wieder aufgelegt wurde. Und auch von der Wissenschaft wird C&W inzwischen ernst genommen, wie das schöne Buch High Lonesome: The American Culture of Country Music von der Professorin Cecelia Tichi zeigt. In Deutschland gibt es einen C&W Guru namens Walter Fuchs (seit 1974 Ehrenbürger von Nashville), der jahrelang für stereoplay geschrieben hat, und von dem Sie in diesem Blog einiges lesen können. Und die oben abgebildete CD Will the Circle be Unbroken von der Nitty Gritty Dirt Band sollte natürlich jeder besitzen. Und, da wir gerade bei bluegrass sind, sollte ich noch Allison Krauss erwähnen, die mit 27 Grammys mehr Auszeichnungen, Country oder Pop, bekommen hat als alle anderen (Michael Jackson hat nur acht bekommen).


Samstag, 27. November 2010

drei, zwei, eins


Das mit dem drei, zwei, eins - meins ist wahrscheinlich auch das Beste, was Ebay eingefallen ist. Als sie anfingen, hatte es wirklich noch etwas von einem Flohmarkt an sich. Mit all dieser Normalität des Gesprächs bei Verkaufsverhandlungen. Ich habe dabei wirklich nette Leute kennengelernt. Einer hat mir einmal bei einem Wolna Chronometer noch drei Ersatzwerke des russischen Nachbaus des legendären ➱Zenith Kaliber 135 beigelegt. Irgendwie ist dieser Geist über die Jahre verloren gegangen. Obgleich der nette Händler, bei dem ich letzte Woche zwei nagelneue Hemden von Fray (cucita a mano) für 34 Euro ersteigerte, auch noch einen Gruß und eine Tüte Gummibärchen beilegte.

Aber das ist leider nicht mehr die Regel. Jetzt gibt es nur noch halbe Juristen als Händler. Und gleichzeitig beobachten offensichtlich tausend Abmahnanwälte (die niedrigsten einer Spezies, die Luther Mietmaul nannte) die Angebote. Und alle Händler mit zehntausend Transaktionen hinter ihrem Ebay-Namen erklären natürlich, dass sie keine Händler sind, sondern rein Privat verkaufen. Ebay beschäftigt die Gerichte, und in den Finanzämtern sitzen schon Sachbearbeiter den ganzen Tag vor dem Computer. Nicht, um sich preiswert Ärmelschoner zu ersteigern, sondern weil sie Verkäufer unter die Lupe nehmen.

Und dann sind natürlich tausende von echten Kriminellen und hunderttausende von Kleinkriminellen unterwegs. Wenn man jetzt bei Ebay bietet, muss man wissen, was man tut. Man muss vor allem Texte lesen können. Das ist wie mit den Beschreibungen im Prospekt eines Reisebüros, alles, was da steht kann eine ganz andere Bedeutung haben. Wenn Ebay die beliebtesten Artikel nach einer Suche ganz oben plaziert, dann bedeutet das, dass hier die Luschen nach oben gerückt werden, die schon seit einem Jahr wie Blei liegen.

Das hier [leider ist das originale Bild im Internet verloren gegangen. Sie müssen sich dies in einem lila Fischgrät vorstellen] habe ich gerade ersteigert, weil es so aussieht, wie das Sportjackett, das ich seit Jahrzehnten suche. Ein wenig, wie das rostrote Tweedjackett, das mein Vater aus den dreißiger Jahren hatte, aber mir partout nicht überlassen wollte, weil er es durch den Krieg gerettet hatte. Der Verkäufer hatte mein Objekt der Begierde von allen Seiten, innen und aussen, photographiert und eine seriöse Beschreibung beigefügt.

Nicht so etwas wie dies Mirino [sic!] Jackett hier: X ist ein herausragender und erstklassiger Herrenausstatter in der Hamburger Innenstadt, der vornehmlich den klassischen englischen Stiel pflegt - dieser engliche Blazer ist aus hervorragendem Tuch gefertigt, dass von Carlo Barbera & C in italien aus Australischer Merino Wool gewebt wurde - er ist klassisch mit 3 Knöpfen zu schließen (hochwertige echte Hornknöpfe), hat zwei wohlproportionierte Rückwertige Gehschlitze und vier Ärmelknöpe - der Blazer ist mit einem dezenten und dennoch edlem Überkaro belegt (prince check) - farblich ist das Innenfutter bestens abgesätzt - ausgezeichnet ist das Sakko in der Größe 98 (bitte die maße am Ende des Angebotes beachten) welches einer 50 L entspricht (bitte die Maße am Ende des Angebotes beachten) - klassisch mit drei hochwertigen Knöpfen zu schließen - perfekt geschnitten, mit wohlproportionierten Revers und zwei rückwertigen Gehschlitzen -  funktionale Ärmelknöpfe (echte Ärmelknöpfe) - farblich dezent abgestimmte Innenfutter - lediglich ca 4 x getragen - und als NEU bzw NEUWERTIG zu bezeichnen.

Was kann man sich von der Beschreibung mehr wünschen? Besseres Deutsch werden Sie sagen. Aber Vorsicht, viele Händler bauen ganz schlimme Fehler in ihre Texte ein (beschäftigen sie angehende Schriftsteller, die diese Texte als creative writing Kurs betrachten?), um den Eindruck zu erwecken, das isse arme Ausländer, was kann keine deutsch, kannse misch über tisch ziehen. Die produzieren dann so etwas: brittisch Hacking Tweed Blazer. Und dieser Händler hat, genau wie ein anderer Händler, immer Hacking und Hackett in der Beschreibung. Hat ihm da mal jemand was falsch erzählt? Die Beschreibung geht dann weiter: ein perfekt geschnitten Hacking Tweed Sakko im engl Stiel mit wohlproportionierten Revers und zwei rückwertigen Gehschlitzen in einem sehr gut getragenen neuwertigen Zustand. leider passt er mir nicht mehr. Interessant ist die Kombination von neuwertig und sehr gut getragen (=ständig angehabt). Aber nicht nur Sakkos sind bei ihm hackin Hackett Jacketts, auch bei einer Weste findet sich der Satz: hacking fine brittisch Clothing.

Darf ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass wir in der deutschen Literatur schon einmal eine solche Sprache hatten? ein Namen wünscht Ihro Gnad? – Vous voyés en moi – Ihro Gnad seh in mik le Chevalier Riccaut de la Marliniere, Seigneur de Pret-au-val, de la Branche de Prensd'or. – Ihro Gnad steh verwundert, mik aus so ein groß, groß Familie zu hören, qui est veritablement du sang Royal. – Il faut le dire; je suis sans doute le Cadet le plus avantureux, que la maison a jamais eu – Ik dien von meiner elfte Jahr. Ein Affaire d'honneur makte mik fliehen. Darauf haben ik gedienet Sr. Päbstliken Eilikheit, der Republik St. Marino, der Kron Polen, und den Staaten-General, bis ik endlik bin worden gezogen hierher. Ah, Mademoiselle, que je voudrois n'avoir jamais vû ce paisla! Hätte man mik gelaß im Dienst von den Staaten-General, so müßt ik nun sein, aufs wenikst Oberst. Aber so hier immer und ewik Capitaine geblieben, und nun gar sein ein abgedankte Capitaine – Und als Leser von Lessings Minna von Barnhelm haben wir jetzt doch gewisse Vorbehalte gegen den Herrn.

Vollends natürlich, wenn er diesen berühmten Satz ausspricht, der das Motto vieler Ebay Händler ist:  Comment, Mademoiselle? Vous appellés cela betrügen? Corriger la fortune, l'enchainer sous ses doits, etre sûr de son fait, das nenn die Deutsch betrügen? betrügen! O, was ist die deutsch Sprak für ein arm Sprak! für ein plump Sprak! Das ist nach Jahrhunderten immer wieder schön, Und so aktuell.

In dieser Welt der Lügner und Kleinkriminellen sind ja alle Teile nur einmal getragen, höchsten circa 4 x (das circa hat der juristische Berater eingefügt), das wissen die Verkäufer ganz genau. Weil sie auch wissen, wo die Teile herkommen. Mein Mann hat abgenommen/zugenommen, deshalb passen ihm diese schönen Jacketts nicht mehr. Allerdings ist die angebliche Verkäuferin ein Mann, und der angebliche Gatte muss ungefähr 500 Jacketts im Schrank gehabt haben. Gut ist auch Herzlich willkommen zur Auktion Ladies & Gentlemen, angeboten wird eine KITON Größe 48 - perfekt für Geschäfts oder Viel Reisende mit STIL !!!!! habe noch ein Brioni Travelling Sakko in meiner anderen Auktion...Travelling Kleidung zeichnet sich aus das Sie leicht.. strapazierfähig ist und viele Taschen hat Innen wie Aussen, bin komplett auf Loro Piana umgestiegen, deshalb muss die Teile gehen.. Ja, wenn man von Kiton und Brioni auf Loro Piana umsteigt, dann muss die Teile gehen, das ist verständlich. Und immer sind dem Träger irgendwelche Schicksalsschläge zugestoßen: Leider ist er nun viel zu groß, da der Träger fast 2 Kleidergrößen abgenommen hat und seine komplette Garderobe erneuern muss, einfach schade für die hochwertigen Sachen. Nichtraucher-Haushalt, keine Haustiere. Der letzte Satz ist es überall Standard, kommt alles nur noch aus Nichtraucher Haushalten.

Etwas irritierend war der Satz bei einem grünem Tweed Sakko: Nur einmal getragen, hatte ich für eine Beerdigung gekauft. Wo trägt man grüne Tweed Jacketts zur Beerdigung? In Irland? Das wird nur noch übertroffen von dem Hinweis, dass das Sakko von dem bekannten italienischen Designer Mario Barutti stammt. Mario Barutti sitzt nicht in Milano in der Via Monte Napoleone, der sitzt in Wilhelmshaven, vulgo Schlicktown. Und der wunderschöne 3 Knopf Anzug der aus dem Mailänder Atelier, TOYNER Milano, stammt. Der Anzug wurde 2008 im Frühjahr in Mailand für 1.250 € gekauft und laut Händler mit Kiton, Brioni und Etro vergleichbar ist, stammt aus keinem Mailänder Atelier, sondern von der Firma Kastell in Goldbach. Wenn man dafür in Mailand 1.250 Euro bezahlt hat, dann hat man bestimmt einen Händler sehr glücklich gemacht.

Schön finde ich auch die rührende Geschichte Ich bin mit meiner Freundin zusammengezogen, und sie hat mein Schränke aufgeräumt. Deshalb muss ich mich leider von meinen Lieblingsstücken trennen. Die Geschichte gibt es auch leicht variiert: Dies ist eine Aufräumaktion in meinem Kleiderschrank, denn meine Freundin zieht bei mir ein und braucht Platz! Ich muss alle Sakkos aussortieren, die mir ohnehin nicht richtig passen (Urteil meiner Freundin...) oder die ihr einfach nicht an mir gefallen. Was man nicht alles tut für die Liebe... Ja, und deshalb verkloppt er auch 56 Jacketts, die alle unterschiedliche Größen haben. Hoffentlich hat die Freundin hinterher in seinem Kleiderschrank Platz. Ich hätte ja gerne eine genau Beschreibung des Objekts und nicht diese rührenden Geschichten, die alle erlogen sind. Und all den Händlern, die jetzt in drangsalierende Notlagen wegen ihrer Freundin gekommen sind, kann man nur sagen: tauscht die Freundin doch gegen 'ne Flasch Flens. Fairer Tausch, sagt die Radiowerbung.

Nun müssen Verkäufer ja offensichtlich die Wahrheit ein wenig verdrehen. Die Wurzel allen Verkaufens scheint im Pferdehandel zu liegen. Und die Pferdehändler hatten nie den besten Ruf. Auch ohne Michael Kohlhaas. Den Klassiker aus dem Bereich des Kleidungskaufes kennen wir ja alle, er ist von Loriot (immer elegant gekleidet, ein Herr vom Scheitel bis zur Sohle). Also, wenn Sie da mal eben reinschlüpfen wollen, dann klicken Sie hier. Beliebt ist bei Ebay auch, das Teil unter anderen Namen anzukündigen, wenn das Jackett einen Stoff von Mario Zegna hat, wird es selbstverständlich zu einem Zegna Jackett. Das ist schon mal klar. Und fünf Prozent Kaschmir im Stoff, machen das Teil selbstverständlich zu einem Caschmir Jackett. Aber Händler lieben es auch sinnlos sogenannte tags zu setzen, wonach das Teil von Brioni, Kiton, Hermes und Attolini ist. Wenn man das dann anklickt, ist von den wohlklingenden Namen nicht mehr die Rede. Da bleibt dann lediglich ein klein gedruckter Satz wie die Kiton Krawatte ist nicht Gegenstand der Auktion. Was mir letzte Woche sehr gut gefallen hat war ein Attolini Hermes Mantel von Scabal mit Knöpfbahren knopflöchern an den Armleisten. Der passt hervorragend zu Geschäftssitzungen aber man kann ihn auch schick zu Jeans tragen. Zu Geschäftssitzungen trägt man ja gemeinhin einen Mantel, auch wenn man in Jeans kommt.

Hier sind richtige Modefachleute am Werk, die mit einer eines italienischen Landadligen würdigen grandezza dem potentiellen Käufer erzählen, dass er mit diesem Teil bella figura macht. Die Händler würden das, was sie schweren Herzens hergeben, ja alles am liebsten selbst tragen, aber da findet sich immer wieder der Satz leider komme ich nicht dazu, es zu tragen. Zu bewundern ist aber immer diese grandezza : Der Blazer ist im englischen Stil gehalten, aus einem feinen Schurwolltuch, das dicht gewebt ist, sich wunderbar anfühlt, exzellent fällt und in einem Landhaus Curry Ton mit dezentem Überkaro und Herringbone Webart gehalten ist. Hier spricht der Fachmann aus der großen Welt, der natürlich einen Landhaus Curry Ton (was immer das sein soll) sofort erkennt. In der Welt der Möchtegern Adligen kommen auch schon solche Sätze zustande: Das Jackett ist in hell und dunkelbraunen Herbstfarben kariert, und geht im Business Kontext gut zusammen mit z. B. einer schwarzen Hose, einem weissen Hemd und einer ruhig gemusterten Krawatte (kleine Paisleys, Dunkelblau / Dunkelrot). Da es durchaus zwischen Country und Casual angesiedelt ist, passt es aber auch gut zu einer dunkelbraunen Cordhose und grünen Gummistiefeln, wenn Ihr mit dem Landrover auf Euer Gestüt fahrt. Und es alles natürlich edel. Seit Boss den Spruch in die Welt gesetzt hat, Leinen knittert edel, ist jetzt alles edel. Es gibt hier im vestimentären Bereich eine Inflation von Wörtern und Wortbedeutungen. Hier sind überall Amateurwerbetexter am Werk. Und nicht nur bei Ebay, auch bei anderen Auktionshäusern. 

Manche Händler sind auch einfach nur frech. So las ich letzten als Antwort auf die Frage, welche Größenmaße das angebotene Jackett hätte: Also, ich vermute mal, daß hier nicht die Masse (die dürfte bei ein paar hundert Gramm liegen), sondern die Maße erfragt werden sollten. Und die sind: Größe 52, wie es in dem abgebildetem Innenetikett zu lesen ist. Hallo - ich verkaufe hier ein Teil, daß neu weit über tausend gekostet hat, in nahe neuwertigem Zustand für derzeit 3 Euro!!! Falls da wirklich was nicht passt, sollte noch genug Geld für ne kleine Anpassung beim Schneider übrig sein. Und die Mühe, selbst nachzumessen mache ich mir erst, wenn der Preis über fünfhundert steigt. Vorher kann man gerne selbst ins Geschäft gehen und ein Zegna anprobieren, dann weiß man, ob die Größe passt. Funktioniert natürlich nicht, denn bei ➱Zegna ist Größe 52 nicht gleich 52.

Auktionshäuser haben für Auktionen Kataloge. Die im Bereich von Büchern und Kunst häufig sehr detailliert und genau sind, Muster an wissenschaftlicher Beschreibung. Je teurer das Objekt wird, desto schneller weicht die genaue Beschreibung der emotionalen Fiktion. Die luxuriös gemachten Uhrenkataloge von Dr. Crott enthalten zum Teil Texte, die der Fabulierfreude orientalischer  Märchenerzähler in nichts nachstehen. Es ist ja auch verdächtig, dass in großen Auktionshäusern überdurchschnittlich viel deutsche Adlige beschäftigt werden. Also echte Adlige und nicht die Halbweltschattenpflanzen, die sich einen Titel gekauft haben und bei Frauke Ludowig auftreten. Wenn man einen falschen Gainsborough von einer Prinzessin verkauft bekommt, ist das ja irgendwie schon den halben Kaufpreis wert. Vous appellés cela betrügen?

In den Anfangstagen der Firma Manufactum höhnte das deutsche Feuilleton über deren werbelyrische Beschreibungen, irgendwann bekamen die Kataloge sogar Kultcharakter. Inzwischen gehört Manufactum dem Otto Versand, und die Texter der ersten Stunde sind nicht mehr da. Die schreiben jetzt wahrscheinlich für Dr. Crott und Sothebys. Oder sie sind Schriftsteller geworden. Ich habe letzte Woche einen Lachanfall bekommen, als ich einige Leseproben von Uwe Tellkamps neuestem Buch Die Uhr zu mir nahm (nach dem Turm die Uhr, als nächstes vielleicht Die Turmuhr?). Das hatte ja nun mit irgendeiner Art von Prosa nichts mehr zu tun, es sei denn es wäre eine Parodie auf Werbetexte. Der Perlentaucher fasst die Rezension von Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung vom 11. November 2010 (und offensichtlich kein Karnevalsscherz) so zusammen: Artikelbeschreibungen aus dem Manufactum-Katalog kommen Christopher Schmidt in den Sinn beim Lesen der 24 Prosaminiaturen von Uwe Tellkamps Band "Die Uhr". Der Autor, Uhrmacherenkel, lege hier offen, "wie er tickt", meint der Rezensent, der das Geraune und das Pathos um Handwerkerehre, mechanische Zeitmessung gemischt mit "verschwurbelten Philosophismen" nur ungern gelesen hat. Man müsse das Wort "Uhrmacher" bloß mal versuchsweise durch "Fliesenleger" ersetzen um die ganze altväterliche Trivialität und "pompöse Nichtigkeit" dieser Miniaturen zu ermessen, empfiehlt Schmidt maliziös. Also, falls Sie die Süddeutsche jetzt im Altpapier suchen, wie ich es getan habe, die wunderbare, vernichtende Rezension steht auf Seite 14. Es ist ja zu begrüssen, dass ein deutscher Autor die Textsorte Warenbeschreibung dem Manufactum Katalog entrissen und in die Hochliteratur befördert hat. Die Verfasser der Texte mit dem brittisch Stiel und dem Landhaus Curry Ton müssen wohl noch ein wenig an ihrem Stiel arbeiten, bevor sie von der Literaturkritik ernst genommen werden.

Ein verblüffender Text stammt von einem englischen Händler, der offensichtlich ganz der Google Übersetzungsmaschine vertraute: Eine bemerkenswerte, authentische und herausragende Neu mit Etikett grau Chester Chester Barrie [Savile Row] Super- Luxus Konstrukteur. Der Stoff ist aus 100 % Wolle, mit der Auskleidung 64% Viskose und 36% Acetat Material. Dies ist ein fabelhaftes formal / Business / Executive Anzug, der ist geeignet für alle Gelegenheiten. Zustand: Dies ist ein Neu mit Tags Anzug was in einem sehr guten (präsentiertAusgezeichnet) Zustand. Jacke: Einzel-breasted Mit 2 -LÜFTUNGSÖFFNUNGEN, Kommt mit einer 2 -Taste Vorder-und 4 X-Manschetten (Alle Tasten vorhanden). Es kommt auch mit ein 2-Tasche vorne, und ein Brust Tasche. Es ist voll und ganz gefüttert, mit 3 -Interne Pockets. Hose: kommen mit einem WOHNUNG Front und sind Straight Cut. Die Lüftungsöffnungen sind natürlich im Englischen vents, also Rückenschlitze. Und die Wohnung Front soll wohl eine flat front sein.

Wenn ich noch einmal auf mein Tweed Jackett zurückkommen darf, das nicht ganz billig (aber noch immer sehr preiswert) war, entsprach in allen Details der Beschreibung. Alles war korrekt. Der Verkäufer hatte auch darauf hingewiesen, dass der Farbton nicht braun (wie auf dem Photo) sondern eher LILA ist. Ist er. Als ich das Teil im Laden meines Herrenausstatters zeigte (was ja auch ein bisschen fies von mir ist, all die schönen Dinge aus dem Internet dort zu zeigen), konnte sich der vorwitzige Praktikant, den sie da für zwei Wochen hatten, nicht beherrschen, und es entfuhr ihm ein: Boaarr, ist das ein geiles Teil. Aber genau für diesen Effekt hatte ich es ersteigert.

Wenn Sie jetzt etwas unsicher geworden sind und nicht mehr so recht wissen, ob Sie bei ebay bieten sollen: ich habe ➱hier eine sehr vernünftige Seite, die Ihnen Rat erteilt.

Freitag, 26. November 2010

William Cowper


Ich nehme einmal seinen Geburtstag zum Anlass, um einige Zeilen über William Cowper zu schreiben. Der Dichter ist seit 210 Jahren tot. Man kennt ihn heute kaum noch, zu seinen Lebzeiten war er einer der beliebtesten Dichter Englands. Man kann ihn mit drei Wörtern charakterisieren: Religiosität, Naturlyrik und Melancholie. Oder religiöse Melancholie und Naturlyrik. Und man spricht seinen Namen /ˈkuːpər/ aus. Muss man mehr wissen?

Ein wenig interessanter ist er schon. Er war einer der Lieblingsdichter von Jane Austen. Eine Namensvetterin von Jane Austen, Lady Ann Austen, hatte ihn dazu bewegt, The Task zu schreiben: .. a lady, fond of blank verse, demanded a poem of that kind from the author, and gave him the SOFA for a subject. He obeyed; and, having much leisure, connected another subject with it; and, pursuing the train of thought to which his situation and turn of mind led him, brought forth at length, instead of the trifle which he at first intended, a serious affair--a Volume! Das Sofa war ja bisher nicht so häufig ein Gegenstand der Dichtung. Und so beginnt unser Dichter dann, in einem Ton, den man als mock heroic bezeichnet:

I sing the Sofa. I who lately sang
Truth, Hope, and Charity, and touched with awe
The solemn chords, and with a trembling hand,
Escaped with pain from that adventurous flight,
Now seek repose upon an humbler theme;
The theme though humble, yet august and proud
The occasion, - for the fair commands the song.


Und das hört jetzt nicht mehr auf, ist beinahe fünftausend Zeilen lang. Es wird nicht nur um Sofas gehen (nur das erste Buch von The Task heißt The Sofa), bald wird der Dichter sich in die Natur begeben. Naturdichtung ist im England des 18. Jahrhunderts etwas, das immer wichtiger wird und peu à peu zur englischen Romantik führt. Beginnend mit John Dyers Grongar Hill und James Thomsons Seasons, dann Mark Akenside, William Collins (Ode to Evening) und Thomas Grays Elegy Written in a Country Churchyard. The Task ist häufig mit Collins' Ode to Evening verglichen worden, aber die hat Cowper wohl nicht gekannt. Den Einfluss von Thomson wird man nicht leugnen können. Aber sonst entdeckt er seine Natur selbst.








For I have loved the rural walk through lanes
Of grassy swarth, close cropped by nibbling sheep
And skirted thick with intertexture firm
Of thorny boughs; have loved the rural walk
O’er hills, through valleys, and by rivers’ brink,
E’er since a truant boy I passed my bounds
To enjoy a ramble on the banks of Thames;
And still remember, nor without regret
Of hours that sorrow since has much endeared,
How oft, my slice of pocket store consumed,
Still hungering, penniless and far from home,
I fed on scarlet hips and stony haws,
Or blushing crabs, or berries that emboss
The bramble, black as jet, or sloes austere.


Und diese Natur, die im Gegensatz zu Grays Elegy keinerlei Spuren von Sentimentalität trägt, können Stadtleute natürlich nicht verstehen, die kommen vielleicht mal gerade für einen Rokoko Spaziergang vorbei wie auf dem Bild von Gainsborough. Der Junge, der die Schule schwänzt (E’er since a truant boy I passed my bounds To enjoy a ramble on the banks of Thames), penniless and far from home, hat ein anderes Verhältnis zur Natur als die feinen Pinkel aus der Stadt, die gerade Rousseaus Aufforderung revenons à la nature als Anlass für den Sonntagsspaziergang nehmen.

God made the country, and man made the town.
What wonder then that health and virtue, gifts
That can alone make sweet the bitter draught
That life holds out to all, should most abound
And least be threaten'd in the fields and groves?
Possess ye therefore, ye who, borne about
In chariots and sedans, know no fatigue
But that of idleness, and taste no scenes
But such as art contrives, - possess ye still
Your element; there only ye can shine,
There only minds like yours can do no harm.
Our groves were planted to console at noon
The pensive wand'rer in their shades. At eve
The moonbeam, sliding softly in between
The sleeping leaves, is all the light they wish,
Birds warbling all the music. We can spare
The splendour of your lamps, they but eclipse
Our softer satellite. Your songs confound
Our more harmonious notes: the thrush departs
Scared, and th' offended nightingale is mute.
There is a public mischief in your mirth;
It plagues your country. Folly such as yours,
Grac'd with a sword, and worthier of a fan,
Has made, which enemies could ne'er have done,
Our arch of empire, steadfast but for you,
A mutilated structure, soon to fall.

Das ist der berühmte letzte Absatz des ersten Buches, und wir sehen, unsere Autor spart auch nicht mit Zivilisationskritik. Er ist auch streckenweise furchtbar moralisch - in all dem, nicht nur im Blankvers, ist er ein Nachfolger von James Thomson. Dichten ist für ihn Therapie, John Gilpin und The Task zu schreiben, bewahrt ihn vor weiteren Selbstmordversuchen. Denn eigentlich sieht sein Leben jenseits der Natur in seinem Garten eher so aus wie die Mad Kate aus The Task, wie sie Johann Heinrich Füssli gemalt hat.

Ein Leben am Rande des Wahnsinns, die ewige Verdammnis fürchtend, voller Menschenscheu, zu keiner geregelten Berufstätigkeit fähig. Da bleiben ja beinahe nur - neben den Selbstmordversuchen - die Spaziergänge in der Natur, die Übersetzungen von Ilias und Odyssee in den englischen Blankvers und das Schreiben von Kirchenhymnen. Zu dem Schreiben der Olney Hymns ist er von dem Pfarrer John Newton gedrängt worden (er muss immer zum Schreiben gedrängt werden). Wenn auch sein Werk sonst kaum noch gelesen wird, sind seine Hymnen bis heute beliebt:

O for a closer walk with God,
A calm and heavenly frame,
A light to shine upon the road
That leads me to the Lamb!

Where is that blessedness I knew
When first I saw the Lord?
Where is the soul refreshing view
Of Jesus and His Word?

What peaceful hours I once enjoyed!
How sweet their memory still!
But they have left an aching void
The world can never fill.

Return, O holy Dove! return,
Sweet messenger of rest!
I hate the sins that made Thee mourn,
And drove Thee from my breast.

The dearest idol I have known,
What e'er that idol be,
Help me to tear it from Thy throne,
And worship only Thee.

So shall my walk be close with God,
Serene and calm my frame;
So purer light shall mark the road
That leads me to the Lamb.


Wenn er nicht unter seinen nerves und seiner madness leidet, dann glaubt er, dass er auf ewig verdammt ist. Eines seiner letzten Gedichte heißt The Castaway und handelt von einem Seemann, der auf Commodore Ansons staatlich genehmigter Piratenreise über Bord gegangen ist (und das sind ja viele, darüber vielleicht ein anderes Mal an dieser Stelle mehr). Es wird Sie jetzt nicht erstaunen, dass für Cowper das Schicksal des Schiffbrüchigen voll persönlicher Symbolik ist, wenn es in den letzten Strophen heißt:

I therefore purpose not, or dream,
Descanting on his fate,
To give the melancholy theme
A more enduring date:
But misery still delights to trace
Its semblance in another’s case.

No voice divine the storm allayed,
No light propitious shone,
When, snatched from all effectual aid,
We perished, each alone:
But I beneath a rougher sea,
And whelmed in deeper gulfs than he.















The stricken Deer hat David Cecil seine Biographie von Cowper genannt, die 1929 erschien. Und der Titel ist natürlich ein Zitat aus dem Werk des Dichters:

I was a stricken deer that left the herd
Long since; with many an arrow deep infixt
My panting side was charged when I withdrew
To seek a tranquil death in distant shades.
There was I found by one who had himself
Been hurt by th' archers. In his side he bore
And in his hands and feet the cruel scars.


Doch Jesus heilt sein verlorenes Schaf, alles wird gut. The Stricken Deer ist ein erstaunliches Buch. Es ist eins der ersten Bücher von Lord Cecil. Es ist nicht sehr lang, 301 Seiten in der kleinformatigen Ausgabe von Constable in London. Aber es ist ein schönes Buch (wenn Sie hier klicken, können Sie einen enthusiasmierten Blogger lesen, der diese Biographie gerade als Leseerlebnis entdeckt hat), wie so viele Bücher von ihm. Obgleich der selbsternannte englische Literaturpapst F.R. Leavis und seine Gefolgsleute

Cecils Art der Literaturwissenschaft nie gemocht haben, muss man konstatieren, dass normale Leser viel größeren Gewinn aus den Büchern von Lord David Cecil (rechts auf dem Photo, im Gespräch mit Isaiah Berlin) gezogen haben als aus den Schriften seines literaturwissenschaftlichen Kontrahenten, für den Emily Brontes Wuthering Heights nicht zu den großen englischen Romanen zählte. Cecils A Portrait of Jane Austen ist immer noch die beste Einführung in Jane Austens Romankunst. The Stricken Deer ist heute glücklicherweise immer noch lieferbar.

Mit einer preiswerten Werkausgabe von Cowper sieht es dagegen auf dem Buchmarkt etwas mau aus. Vielleicht ändert sich das ja, wo der Ire Brian Lynch einen vielbeachteten Roman, The Winner of Sorrow, über Cowper geschrieben hat. Ich habe eine scheußlich schöne Werkausgabe in grünem Leder mit dreiseitigem Goldschnitt aus der Zeit Queen Victorias. Und ähnliche Ausgaben aus dieser Zeit kann man im ZVAB leicht und nicht zu teuer finden.

Die meisten Ausgaben lassen eine kurze Autobiographie von Cowper aus, die Memoir of the Early Life of William Cowper, Esq. Written by Himself, ein Werk, das niemals zur Veröffentlichung bestimmt war. Das ist kein Verlust; wenn Sie wollen, können Sie das Werk hier lesen. Es ist ein trauriges Dokument von einem habituellen malade imaginaire, der im Pietismus die Lösung all seiner Schwierigkeiten sucht. Leider ist ja eher das Gegenteil der Fall, religiöse Wahnvorstellungen werden einem psychisch Kranken kaum helfen. Manche Kritiker haben die Memoirs als Schlüssel zu William Cowper gesehen. Was sie wohl kaum sind, sie sind eher ein weiteres peinliches Zeugnis der Bekehrungsliteratur. Denn die Bekehrung ist ja der Grundbaustein der evangelikalen Bewegung des 18. Jahrhunderts. Diese Memoirs (die mit dem Wort Amen enden) wären sicherlich für einen Psychiater interessant, weil sie zeigen, wie ein frisch religiös Konvertierter enthusiastisch überall in seiner Jugend das Werk des Teufels sieht. Und alle Fakten so lange verdreht, bis sie zu seiner neugewonnen pathologischen Frömmelei passen. Ein Höhepunkt des Cowperschen Werkes sind sie sicherlich nicht. Die Zeilen There is a pleasure in poetic pains Which only poets know schon eher.


Donnerstag, 25. November 2010

Laurence Harvey


Heute vor 37 Jahren ist der Schauspieler Laurence Harvey gestorben, er ist nicht alt geworden. Er hat viele Filme gedreht, mehrere gute und viele schlechte. Seinen Durchbruch hatte er mit dem Film Room at the Top (1959), für den er eine Oscar Nominierung als bester Schauspieler erhielt. Er war der erste in Litauen geborene Schauspieler, der eine Academy Award Nomination bekam. Sein richtiger Name war Zvi Mosheh (Hirsh) Skikne, damit wird man im Filmgeschäft nichts. Angeblich hat sich nach der Firma Harvey Nichols (dem großen Harrods Konkurrenten) benannt, nach anderen Aussagen nach Harvey's Bristol Cream. Wie immer es sei, seit Room at the Top ist er als Laurence Harvey weltberühmt.

Der Film von Jack Clayton ist eine filmische Umsetzung des 1957 erschienenen Romans von John Braine, einem Roman, der mit dem Angry Young Men Movement in Verbindung gebracht wird. Joe Lampton, der Held des Romans, ist ein Aufsteiger, der in dem kleinen Ort Warley (im Film heißt er Warnley) in Nordengland dahin will, wo die feinen Leute wohnen. Da oben auf dem Berg. Er will seinen room at the top. Er wird ihn bekommen, emotional tot und leer, wenn er alles verraten hat, was im lieb und teuer war. Er ist Soldat im Krieg gewesen, jetzt will er in Englands Wirtschaftswunder aufsteigen. You have never had it so good, hat Harold Macmillan im gleichen Jahr gesagt, in dem der Roman erschien.

My clothes were my Sunday best: a light grey suit that had cost fourteen guineas, a plain grey tie, plain grey socks, and brown shoes. The shoes were the most expensive I' d ever possessed, with a deep, rich, nearly black lustre. My trench coat and my hat, though, weren't up to the same standard. Er wird schnell lernen: Later I learned, among other things, never to buy cheap raincoats. Laurence Harvey ist der ideale Joe Lampton, Jack Clayton hätte keinen Besseren finden können. Der Film (der noch als DVD erhältlich ist, und den man sich in kleinen Stücken bei YouTube ansehen kann) nimmt diese Kleidungssymbolik auf und lässt den Helden in der ersten Szene neue Schuhe tragen (die er ausgezogen hat, weil sie noch nicht richtig passen).

Das ist die Welt, von der Joe Lampton träumt, feine Gegend, reiche Leute, ein Jaguar Sportwagen. Man sieht in diesem Szenenbild sehr gut die sorgfältige Ausleuchtung und Komposition der Szene, ein wenig im film noir Stil. Jack Clayton ist ein hervorragender Handwerker, zwei Jahre vor diesem Film hatte er mit The Bespoke Overcoat einen Oscar für den besten Kurzfilm erhalten. Room at the Top bekam zwei Oscars und vier Oscar Nominierungen. Simone Signoret erhielt als erste Französin die begehrte Auszeichnung. Wenige Jahre später drehte Clayton noch eine eindrucksvolle Verfilmung von Henry James' Geschichte The Turn of the Screw, die den Titel The Innocents hatte. Im Deutschen hatte der Film den bescheuerten Titel Schloss des Schreckens. Später hat Clayton noch The Great Gatsby gedreht, aber der kommt niemals an das filmische Niveau von Room at the Top heran.

Laurence Harvey hat dieses Gesicht, das genau zu der Stimmung der Angry Young Man Literatur passt, skeptisch und tough, ein Gesicht für die loneliness der fünfziger Jahre. Er wäre auch der ideale James Bond gewesen. Er hat einen Geheimagenten in dem Film A Dandy in Aspic gespielt. Das ist die Verfilmung eines Romans von Derek Marlowe - ein unterschätzter englischer Romanautor (der sein Geld in Hollywood mit Drehbüchern verdiente) - der einige gute Romane geschrieben hat. Wie A Dandy in Aspic oder A Single Summer with L.B. Derek Marlowe fand allerdings die Verfilmung (und Laurence Harvey) völlig daneben: Regarding the film 'Dandy'. The director, Anthony Mann died during the filming (a superb man and great director) and it was taken over by Laurence Harvey, the badly cast Eberlin. He directed his own mis-talent, changed it and the script - which is rather like Mona Lisa touching up he portrait while Leonardo is out of the room.

Nicht sehr nett, aber wenn man lange genug in Hollywood ist, dann schwätzt man wohl so. Branchentalk. Frankieboy Sinatra, mit dem zusammen Harvey in dem hervorragenden Film The Manchurian Candidate spielte, hat sich auch sehr kollegial über Harvey geäußert: What do you expect of a fag Polack Hebe trying to pass as a straight British gent? Angeblich hätte Harvey immer Sinatras Oberschenkel gestreichelt. Schwul, Jude, Polacke, noch was? Und was könnte man alles Nettes über Frankieboy sagen. Die Filmkritiker haben Laurence Harvey nicht gemocht. Aber er war der verkörperte Zeitgeist. Er war der angry young man der fünfziger Jahre, er war eine interessante Alternative zu ➱Sean Connery und ➱Michael Caine in den Agentenfilmen der sechziger Jahre. Und er passte hervorragend in den ➱Zeitgeist des Swinging London von John Schlesingers Film Darling.

Er passte sowieso am besten in Schwarzweißfilme. An seine Rolle als Colonel Travis in John Waynes Alamo möchte ich lieber nicht denken. Vor allem, weil er da zur Feier der Premiere ein lila (?) Dinner Jacket trägt (kam das noch aus dem Kostümfundus?), während John Wayne ganz elegant im ➱Frack daherkommt. Laurence Harvey hätte auch gut in Filme von Visconti oder Losey gepasst, das hätte sein Ansehen bei den Kritikern sicherlich gehoben. Ich fand ihn damals toll. Cool, würde man sagen, wenn dieses Wort nicht inzwischen eine solche Inflation erlebt hätte, dass es schon in der Kita zu hören ist. Aber in Room at the Top gibt es keine Alternative zu ihm. Man ist heute, angesichts des gesamten trash, der auf Kinoleinwände und TV Bildschirme kommt, richtig erschrocken, welch gute Filme damals im Nachkriegsengland gedreht wurden. Jack Clayton, John Schlesinger, Joseph Losey, Tony Richardson, Karel Reisz, Lindsay Anderson, Richard Lester.

Warum schreibe ich nicht mal darüber? Ja, warum eigentlich nicht. Es gab bei mir schon mal einen kleinen Happen davon, als ich über John Schlesinger schrieb. Und ein wenig über Swinging London. Habe ich schon gestanden, dass ich Filmkritiker werden wollte, als ich jung war? Ich bin im Schülerfilmclub gewesen, in den Filmclubs verschiedener Universitäten, und habe glühende Artikel über das Kino geschrieben. Auf Wachsmatrizen getippt und auf der Nüdelmaschine selbst hektographiert, das waren noch schöne Zeiten. Später, als ich ein sogenannter Wissenschaftler war, habe ich seriöses Zeug über Filme geschrieben. Aber wenn man auf der Suhrkamp Ebene angekommen ist, dann hat man zwar keine Farbe vom Umdrucker mehr an den Fingern, aber man darf dann auch nicht mehr con amore schreiben, weil es ja nun Wissenschaft ist. Aber jetzt, jetzt könnte ich ja über englisches Kino schreiben, wie ich es wollte. Ich schreibe das mal auf die Liste der guten Vorsätze für das neue Jahr.

Ich mochte Laurence Harvey noch aus einem anderen Grunde: ich wollte damals aussehen wie er. Also, das war vor einem halben Jahrhundert. Wir inszenieren uns ja immer nach anderen Personen, wenn wir jung sind. Ich wollte niemals wie James Dean oder Marlon Brando aussehen. Oder wie Horst Buchholz oder - um Himmels Willen, nein! - wie Peter Kraus. Ich wollte immer aussehen wie Jean Louis Trintignant oder wie Laurence Harvey. Also den gleichen Hemdkragen, den gleichen Schlips und den gleichen dunklen Anzug haben wir beiden schon mal auf diesen Photos. Diesen verschlagenen Blick, da hätte ich noch ein wenig üben müssen.




Mittwoch, 24. November 2010

Laurence Sterne


I know there are readers in the world, as well as many other good people in it, who are no readers at all,—who find themselves ill at ease, unless they are let into the whole secret from first to last, of every thing which concerns you.
   It is in pure compliance with this humour of theirs, and from a backwardness in my nature to disappoint any one soul living, that I have been so very particular already. As my life and opinions are likely to make some noise in the world, and, if I conjecture right, will take in all ranks, professions, and denominations of men whatever,—be no less read than the Pilgrim's Progress itself—and in the end, prove the very thing which Montaigne dreaded his Essays should turn out, that is, a book for a parlour-window;—I find it necessary to consult every one a little in his turn; and therefore must beg pardon for going on a little farther in the same way: For which cause, right glad I am, that I have begun the history of myself in the way I have done; and that I am able to go on, tracing every thing in it, as Horace says, ab Ovo.

So fängt es an. Nein, so fängt es nicht an. So fängt das dritte Kapitel an. Der Erzähler, der sich immer wieder in seinen Gedanken zu verzetteln scheint, braucht lange, bis er zu diesem Anfang gekommen ist. Irgendwo im sechsten Buch sagt er: I write a careless kind of a civil, nonsensical, good-humoured Shandean book, which will do all your hearts good——And all your heads too,—provided you understand it. Das ist es: provided you understand it. Damit werden wir Schwierigkeiten haben. Nicht alle (aber sehr viele) Leser im 18. Jahrhundert lieben den Roman. The dregs of nonsense have universally met the contempt they deserved, schreibt Horace Walpole. Und Dr Johnson sagt lapidar Nothing odd will do long. Tristram Shandy did not last. Wenn sich der gute Doktor da nur nicht getäuscht hat. Lessing war da  ganz anderer Meinung als Samuel Johnson: Gern hätt ich Sterne fünf Jahre meines Lebens abgetreten, ...., und hätt ich auch gewiß gewußt, daß mein ganzer Überrest nur acht oder zehn betrüge, mit der Bedingung aber, daß er hätte schreiben müssen, gleich was, Leben und Ansichten, oder Predigten oder Reisen.

In Laurence Sternes The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman gibt es viele Anfänge. Und kleine Geheimnisse, die erst Seiten später gelüftet werden. Denn ein Absatz wie Pray my Dear, quoth my mother, have you not forgot to wind up the clock?—Good G..! cried my father, making an exclamation, but taking care to moderate his voice at the same time,—Did ever woman, since the creation of the world, interrupt a man with such a silly question? Pray, what was your father saying?—Nothing.
   —Then, positively, there is nothing in the question that I can see, either good or bad.—Then, let me tell you, Sir, it was a very unseasonable question at least,—because it scattered and dispersed the animal spirits, whose business it was to have escorted and gone hand in hand with the Homunculus, and conducted him safe to the place destined for his reception. macht für den Leser beim ersten Lesen wenig Sinn. Erst wenn wir Seiten später in das Familiengeheimnis (das Mrs Shandy nicht kennt) eingeweiht werden: My father, you must know, who was originally a Turkey merchant, but had left off business for some years, in order to retire to, and die upon, his paternal estate in the county of. . ., was, I believe, one of the most regular men in every thing he did, whether 'twas matter of business, or matter of amusement, that ever lived. As a small specimen of this extreme exactness of his, to which he was in truth a slave, he had made it a rule for many years of his life,—on the first Sunday-night of every month throughout the whole year,—as certain as ever the Sunday-night came,—to wind up a large house-clock, which we had standing on the back-stairs head, with his own hands:—And being somewhere between fifty and sixty years of age at the time I have been speaking of,—he had likewise gradually brought some other little family concernments to the same period, in order, as he would often say to my uncle Toby, to get them all out of the way at one time, and be no more plagued and pestered with them the rest of the month.

Das, womit er für den Rest des Monats nach dem Aufziehen der Uhr nicht mehr behelligt werden will, ist die Ausübung der so genannten ehelichen Pflichten. Also am ersten Sonntag des Monats die Uhr aufziehen, danach Sex. Autoren können sich heute einfacher ausdrücken. Sterne kann das nicht, oder er will das nicht. Er scheint viel Zeit zu haben. Die Autoren und die Erzähler (die manchmal den Autoren sehr ähneln) des Romans des 18. Jahrhunderts haben immer viel Zeit. Der Roman braucht ja auch acht Jahre bis alle Bände erschienen sind.

Die unschuldige Frage Pray my Dear, have you not forgot to wind up the clock? führt zur Zeugung von Tristram Shandy. Wenn ein Erzähler ab ovo erzählt, dann ist es dieser. Am Ende des Roman steht eine Geschichte über die Potenz eines Bullen: My father, whether by ancient custom of the manor, or as impropriator of the great tythes, was obliged to keep a Bull for the service of the Parish, and Obadiah had led his cow upon a pop-visit to him one day or other the preceding summer—I say, one day or other—because as chance would have it, it was the day on which he was married to my father's house-maid—so one was a reckoning to the other. Therefore when Obadiah's wife was brought to bed—Obadiah thanked God—
—Now, said Obadiah, I shall have a calf: so Obadiah went daily to visit his cow.
She'll calve on Monday—on Tuesday—on Wednesday at the farthest—
The cow did not calve—no—she'll not calve till next week—the cow put it off terribly—till at the end of the sixth week Obadiah's suspicions (like a good man's) fell upon the Bull.
Now the parish being very large, my father's Bull, to speak the truth of him, was no way equal to the department; he had, however, got himself, somehow or other, thrust into employment—and as he went through the business with a grave face, my father had a high opinion of him.


Und die letzten Worte des Romans sind: L..d! said my mother, what is all this story about?—A Cock and a Bull, said Yorick—And one of the best of its kind, I ever heard. Eine cock and bull story ist ein englisches Idiom, es ist eine unglaubwürdige Geschichte, ein Lügenmärchen. Es ist aber auch wie dieser Roman eine Geschichte, die mit einem cock anfängt und einem bull endet. Laurence Sterne schreckt selbst vor einem unanständigen calembour nicht zurück. Wenn der Roman wirklich so enden sollte und nicht vorzeitig durch den Tod des Autors beendet wurde, wir wissen es nicht.  No—I think, I said, I would write two volumes every year, provided the vile cough which then tormented me, and which to this hour I dread worse than the devil, would but give me leave. 

Er schreibt gegen den Tod an: I will lead him a dance he little thinks of - for I will gallop, quoth I, without looking once behind me, to the banks of the Garonne; and if I hear him clattering at my heels - I'll scamper away to mount Vesuvius - from thence to Joppa, and from Joppa to the world's end, where, if he follows me, I pray God he may break his neck schreibt er nach einem Blutsturz. Er wird noch im Wettrennen mit dem Tod A Sentimental Journey schreiben.

Everything in this world, said my father, is big with jest - and has wit in it, and instruction too - if we can but find it out, heisst es in Tristram Shandy. Dafür ist der Roman geschrieben, dass wir das herausfinden. Als er gerade am Schluß von Sentimental Journey schreibt und noch ein halbes Jahr zu leben hat, sagt er in einem Brief an seine Freundin Mrs. James: I told you my design in it was to teach us to love the world and our fellow creatures better that we do - so it runs most upon those gentler passions and affections which aid so much to it. Was kann ein Romanschriftsteller mehr wollen als to teach us to love the world and our fellow creatures better that we do?

Laurence Sterne, der Autor eines der größten Romans der englischen Literatur wurde am 24. November 1713 in Clonmel in Irland geboren, er starb am 18. März 1768 in London. Seinen Roman Tristram Shandy im Buchhandel zu bekommen, bietet keinerlei Schwierigkeiten. Der Roman ist schon früh ins Deutsche übersetzt worden, wobei Tristram Schandis Leben und Meynungen. Übersetzt von Johann Joachim Christoph Bode (Hamburg, 1774 - verbesserte Auflage 1776) nicht einmal die erste Übersetzung ist. Ein großer Teil der vielen deutschen Übersetzungen basiert auf der Bodeschen Übersetzung. So auch die von Fritz Güttinger bei Manesse, die ich eigentlich charmant finde, aber wahrscheinlich liegt das daran, dass ich den Übersetzer kannte. Von den neueren deutschen Übersetzungen ist sicherlich die von Michael Walter die beste. Diese Übersetzung benutzt auch Harry Rowohlt, wenn er den Roman vorliest (22 CDs).

Wenn man es kann, sollte man es im Original lesen. Als ich den Roman zum ersten Mal las, habe ich auch einen deutschen Text gelesen. Es war der Band in der Reihe von Fischers Exempla Classica mit der Seubertschen Übersetzung, damals war ich achtzehn, da darf man noch eine Übersetzung benutzen. Später nicht mehr. Der preiswerteste und beste englische Text ist die so genannte Florida Edition bei Penguin, sie enthält auch ein sehr gutes Vorwort von Christopher Ricks. Es gibt seit einigen Jahren einen ➱Film zum Buch (aber keine Verfilmung!), sehr englisch und sehr witzig. Der hätte Laurence Sterne wahrscheinlich gefallen.