Sonntag, 6. Februar 2011

Beau Brummell


Obgleich Lord Alvanley, Scrope Davies und der Comte d'Orsay in ihrer Zeit auch berühmte Dandies waren, niemand hat einen solchen Einfluss gehabt wie George Bryan Brummell, den man Beau Brummell nannte. Der Begriff Dandy war noch nicht allgemein in Gebrauch, man nannte die jungen Gentlemen, die sich durch ihre Kleidung und Konversation hervortaten, noch SwellsBucks, Macaronis oder Beaux. Die Franzosen hatten diese Spezies Mensch vorher Incroyables genannt. Wir sind jetzt in der Welt des schönen Scheins, und die Regency Dandies scheinen uns bis heute zu faszinieren. his ghost walks among us still, hatte Virginia Woolf über Brummell geschrieben. Es gibt eine Vielzahl von Dandy Blogs im Internet, die Literatur zum Dandy ist seit Barbey d'Aurevilly und Charles Baudelaire ins Unüberschaubare angeschwollen. Und der Begriff wird inzwischen schon etwas inflationär. Vor allem, wenn man im Internet für 9,99€ eine 30-seitige Seminararbeit Der Dandy bei d'Aurevilly und Baudelaire, geschrieben an der Universität Lüneburg, kaufen kann. Das Seminar, in dem diese Arbeit geschrieben wurde, hatte übrigens den Titel Zur Ästhetik der Moderne: Von Wittgenstein zu Warhol und wieder zurück. Muss ich noch meinen Abscheu vor solchen Titeln äußern? Das ist doch schon wieder unfreiwillig komisch. Hier siegt sicherlich der Schein über das Sein. Zur Ästhetik der Moderne: Von Wittgenstein zu Warhol und wieder zurück, ich fasse es nicht.

Eleganz ist diejenige Verhaltensweise, die das höchste Maß von Sein in Scheinen umwandelt, hat Sartre gesagt. Obgleich, das eine gefährliche Sache ist, wenn der Schein das Sein überdeckt. Nicht nur in Lüneburg. Brummell wird das zu seinem Lebensende hin merken. Was für Brummell & Co. noch eine Frage der Eleganz ist, in einem Spiel der one-upmanship, das die englische Aristokratie und die upper class wie angeboren zu beherrschen scheint, wird wenig später mehr. Es wird bei Baudelaire und Barbey d'Aurevilly zu einer Art Philosophie, die le dandyisme heißt. Was wären wir ohne die Franzosen, wenn sie uns nicht zu allem eine Theorie liefern würden? An deren Ende natürlich auch leicht sinnentleertes Geschwafel stehen kann. Aber auch das beherrschen die Franzosen brillant.

Dabei hätten die Engländer, wenn sie eine philosophische Untermauerung des Dandyismus gesucht hätten, ja einen Philosophen in ihrem Lande gehabt, der gerade ein ganzes philosophisches Buch schreibt, in dem ein Schneider schon im Titel vorkommt. Es heißt Sartor Resartus, verfasst von Thomas Carlyle. Über den der große Dandy Max Beerbohm (der in den 1890er Jahren seine wunderbaren Skizzen schrieb, die als Dandies and Dandies erschienen sind) etwas säuerlich sagte: That anyone who dressed so badly as did Thomas Carlyle should have tried to construct a philosophy of clothes has always seemed to me one of the most pathetic things in literature. Allerdings hat kein Geringerer als Whistler, der ein großer Dandy war, Thomas Carlyle portraitiert. Und ein mindestens ebenso großer Dandy wie Whistler, nämlich Marcel Proust, hatte eine Reproduktion dieses Bildes in dem Zimmer, in dem er Auf der Suche nach der verlorenen Zeit schrieb.

Carlyle ist nicht der erste, der sich als Philosoph mit der Mode befasst. An Texten über Mode herrscht kein Mangel. Noch im 19. Jahrhundert in Randgebiete der Philosophie verwiesen, dorthin, wo diese zur Kulturkritik ausfranst oder in Soziologie übergeht, ist sie neuerdings ins Zentrum der Aufmerksamkeit vieler Disziplinen gerückt - mit verwirrendem Effekt: Die Theorien über Mode sind just so bunt geworden wie das Phänomen, das sie beschreiben. Angesichts dieser »Neuen Unübersichtlichkeit« ist deshalb an einen Autor zu erinnern, der schon früh versucht hat, ein ebenso umfassendes wie differenziertes Bild der Mode zu gewinnen. Ich klaue mir dieses schöne Zitat mal eben bei Thomas Pittrof, ich könnte es nicht besser sagen. Pittrof schreibt dies in seiner Einleitung zu einem Buch mit dem Titel Über die Moden. Das Buch ist allerdings nicht so modern (obgleich es heute immer noch erstaunlich modern ist) wie das Vorwort von Pittrof - es stammt aus dem Jahre 1792. Von dem deutschen Philosophen Christian Garve. Womit natürlich bewiesen ist, dass wir Deutschen bei der Modetheorie ganz klar die Nase vorn hatten.

Wenige Jahre nachdem Brummell einsam und geistig umnachtet in Caen gestorben ist, erblicken zwei Bücher über Brummell das Licht der Welt. Das eine heißt The Life of George Brummell, Esq., commonly called Beau Brummell und ist von einem gewissen Captain Jesse, einem ehemaligen Armeeoffizier. Der in diesem Buch alles zusammengetragen hat, was die Welt damals über Brummell weiß, inklusive aller Briefe Brummells, deren er habhaft werden konnte. Brummells eigene Schriften machen ein Drittel des Buches von Jesse aus. Der Leutnant im 46th Regiment of Foot hatte sich im August 1837 seinen Rang als Captain gekauft, er ist zu dem Zeitpunkt, wie das Titelblatt verrät, unattached. Das heißt, er gehört keiner militärischen Einheit mehr an, er ist jetzt Berufsschriftsteller und schreibt über alle Gegenden der Welt, in die ihn die Army geschickt hatte. Schon als junger Leutnant in Indien hatte er angefangen, alle Berichte über Brummell zu sammeln, die in der Presse erschienen. Er hatte Brummell ein einziges Mal in Frankreich getroffen und sich sofort notiert, dass Brummell einen blue coat with a velvet collar trug. Dazu einen buff waistcoat, black trowsers and boots. Dass Brummell schon die ersten Zeichen einer fortschreitenden Syphilis zeigte, verschweigt er vornehm, die Krankheit wird auch in seiner Biographie nicht erwähnt. Die die reine hero worship ist. So etwas ist gerade en vogue, wenige Jahre zuvor hatte Carlyle (da ist der schlecht gekleidete Philosoph schon wieder) sein On Heroes, Hero-Worship, and The Heroic in History veröffentlicht. Den Anfang der Heldenverehrung Brummells hatte sicherlich Lord Byron mit seinem Satz There are three great men of our age: myself, Napoleon and Beau Brummell. But of we three, the greatest of all is Brummell gemacht.

Ein Jahr später als Jesses Biographie erscheint Du Dandysme et de G. Brummell von dem französischen Schriftsteller Jules Barbey d'Aurevilly. Es ist 1909 in der Übertragung von Richard Schaukal in deutscher Sprache erschienen (Jay besitzt natürlich eine Erstausgabe). Dieser Richard Schaukal ist in Dandykreisen kein Unbekannter, hatte er doch kurz zuvor das bezaubernde kleine Büchlein voller dandyesker Aphorismen, Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, veröffentlicht. Irgendein Komiker hatte auf der Wikipedia Seite geschrieben, dass Richard von Schaukal 1942 in Wien geköpft wurde. Es hat über ein Jahr gedauert, bis das korrigiert wurde. Das fiel mir wieder ein, als die Zeit vor Wochen einen Lobgesang über Wikipedia anstimmte, man darf nicht alles glauben, was im Internet steht. Barbey d'Aurevilly besitzt nicht die Fakten, die der nüchterne Engländer Captain Jesse zusammengetragen hat. Aber er hat diesen flamboyanten Stil voller Geistreicheleien, den die Franzosen offensichtlich bei der Geburt mitbekommen. Und sein Buch, das auch schon der Anfang einer Theorie des Dandys ist, hat einen großen Einfluss. Auf Baudelaire, auf Huysmans, wen immer man nennen will.

Der Dandy ist für diese Autoren inzwischen mehr geworden, als der Regency Buck. Gemessen an denen war Brummell überhaupt kein Dandy: Brummell most assuredly was no dandy. He was a beau...His chief aim was to avoid anything marked. Das sagt auch Baudelaire zwanzig Jahre später: Das Dandytum besteht nicht einmal, wie viele gedankenlose Leute zu glauben scheinen, darin, an seiner Toilette und der Eleganz seiner äußeren Erscheinung übermäßigen Gefallen zu finden. Diese Dinge sind für den perfekten Dandy nur Symbol für den überlegenen Adel seines Geistes. In seinen Augen, denen vor allem die Distinktion, das Sich-Abheben, als Ideal vorschwebt, besteht nämlich die Vollkommenheit der Toilette in ihrer unbedingten Schlichtheit, die ja in der Tat die beste Art ist, sich hervorzuheben. Proust wird etwas Ähnliches über seinen Baron de Charlus schreiben. Womit beide mit der Schlichtheit wohl etwas anderes meinten als den Standardanzug des FBI oder den der Mormonen Werber.

Für die Nachfolger von Brummell (die es natürlich in der romantisch ästhetisierenden Philosophie von Barbey d'Aurevilly nicht geben kann: ein Brummell hat keine Nachfolger) hatte Captain Gronow nur Hohn und Spott übrig: Wie unausprechlich widerlich - mit wenigen glänzenden Ausnahmen, wie Alvanley und andere - waren die Dandies der zwanziger Jahre! Sie waren ein Haufen von Hanswürsten, an denen nichts Bemerkenswertes war, als ihre Unverschämtheit...Offensichtlich ist der Dandyismus schon zu einem mythischen Konzept geworden. Da reicht es nicht mehr aus, elegante Klamotten zu haben und arrogant zu sein.

Das Dandytum tritt besonders in den Übergangsperioden auf, in denen die Demokratie noch nicht allmächtig, die Aristokratie erst teilweise wankend geworden und diskreditiert ist. In den Wirren solcher Zeitläufte kann es geschehen, daß einige Männer, die deklassiert, angeekelt und zur Untätigkeit verurteilt, aber voller angeborener Kraft, auf den Gedanken kommen, eine neue Art von Adel zu gründen zu bilden, der um so schwieriger zu zerstören ist, als er auf den kostbaren, absolut unverwüstlichen Fähigkeiten gegründet ist, Göttergaben, die weder die Arbeit noch das Geld verleihen können. Das Dandytum ist das letzte Aufflammen von Heroismus in einer Zeit des Niedergangs, schreibt Charles Baudelaire in Le peintre de la vie moderne über den Maler Constantin Guys. Er schreibt in diesem Schlüsseldokument des Dandyismus über keinen anderen als sich selbst, deklassiert, angeekelt und zur Untätigkeit verurteilt. Er hat gerade das väterliche Erbe verjubelt, nun ist er mit einer kleinen Monatsrente unter Kuratel gestellt. Der Dandyismus als Ausflucht des Dichters, so wie er im Albatros dichtet: Der dichter ist wie jener fürst der wolke - /Er haust im sturm - er lacht dem bogenstrang /Doch hindern drunten zwischen frechem volke/ Die riesenhaften flügel ihn am gang.

Selbst wenn er nicht mehr die finanziellen Mittel hat, den Dandy in der großen Welt zu spielen, inszeniert sich Baudelaire, der neue Adelige mit seinen Göttergaben, jetzt als Dandy in der Boheme. Und dem armen Beau Brummel, nachdem er seinen Posten als englischer Konsul verloren hat, bleibt auch nur das sich Klammern an seinen unfehlbaren Stil. Und er hat jetzt einen Schirm, einen braunen Schirm (wie mein erster Schirm). Dessen Griff ziert eine Büste des Monarchen, der einmal sein Freund war. Das Abbild als Schirmgriff ist künstlerisch nicht so recht gelungen. It was not flattering, notiert Captain Jesse, and perhaps the more prized by Brummell on that account. Wenn es auch nie zu dem rührenden Zusammentreffen, wie es Stewart Granger und Peter Ustinov in dem Brummell Film spielen, gekommen ist - wenn Brummell seinen Schirm in die Hand nimmt, hat er George IV immer noch in der Hand.


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