Freitag, 5. August 2011

Cato Bontjes van Beek


Zu den schönsten Tagen meiner Jugend gehörte im Sommer der Schönebecker Sand mit seiner Badeanstalt. Man fuhr mit einer kleinen Fähre, die den Namen Hol Ober trug, zu der Halbinsel zwischen Lesum und Weser hinüber. Das kostete einen Groschen. Wenn man drüben angekommen ist, muss man noch ein Stück laufen. Die viereckigen Betonplatten auf dem Weg vom Anleger zur Badeanstalt sind im Sommer  - und das waren damals noch richtige Sommer - immer so heiß,  dass man manchmal besser nicht barfuss auf ihnen ging.

Die Betonplatten sind ein Rest des Krieges. In meiner Jugend sind überall Reste des Krieges. Sie sind in den dreißiger Jahren nicht für die Badegäste gelegt worden, denn drei Jahre nach ihrer Eröffnung hat die Badeanstalt auf dem Schönebecker Sand ihren Betrieb eingestellt: es ist Krieg. Auf dem Schönebecker Sand wird eine Flak-Stellung errichtet. Hier hat der junge Soldat Helmut Schmidt nach seinen eigenen Erzählungen die schönste Zeit seines Krieges verbracht. Er war in Grohn in der 1938 neu gebauten Roland Kaserne stationiert, wie alle Flaksoldaten der Luftwaffe, die jetzt die Bremer Werften schützen sollten. Helmut Schmidt  konnte in der Weser schwimmen, besuchte in seiner Freizeit Fischerhude und Worpswede und knüpfte Verbindungen zu allen noch lebenden Künstlern des Teufelsmoors.

Dabei hat er auch die zwei Jahre jüngere Cato Bontjes van Beek kennengelernt, die Nichte des Malers Otto Modersohn. Helmut Schmidt war dann mit ihr und ihrer Familie befreundet und verbrachte viel Zeit in Fischerhude in der Bredenau. Cato Bontjes van Beek, überaus temperamentvoll, vielseitig interessiert und voller Unternehmungslust, so Schmidt, ist heute vor 68 Jahren gestorben. Unter dem Fallbeil von Plötzensee. Hingerichtet wegen Beihilfe zur Vorbereitung des Hochverrats und zur Feindbegünstigung. Das Gnadengesuch ihrer Familie hat Adolf Hitler abgelehnt, man kann seine krakelige Unterschrift auf dem Dokument hier lesen.

Den Kontakt zu den Widerständlern wie der Familie Bontjes van Beek in Fischerhude hat Helmut Schmidt allerdings 1942 abgebrochen, als ihm das zu gefährlich wurde. Als er auf einer Party in Berlin merkte, dass Cato und ihre Freunde nicht nur über den Widerstand gegen Hitler redeten, sondern wirklich beim Widerstand waren, so daß ich angesichts der rückhaltlosen Debatte mit Schrecken dachte: Die spielen ja alle mit ihrem Leben. Ich bin deshalb später nicht wieder hingegangen. Schreibt er in dem Buch Kindheit und Jugend unter Hitler. Mit dieser Haltung Ich bin deshalb später nicht wieder hingegangen unterscheidet er sich von einem Klassenkameraden seiner Abiturklasse an der Lichtwarkschule in Hamburg, der zu dieser Zeit schon bei den Widerständlern des Kreisauer Kreises ist. Ich will das jetzt nicht vertiefen, da das ein naher Verwandter von mir war.

Helmut Schmidt hat, als er im Alter immer gesprächiger wurde, ja gerne Geschichten erzählt und niedergeschrieben, so dass ein größeres Publikum plötzlich Ortsnamen wie meinen Heimatort Vegesack und das benachbarte Grohn kennenlernte. Manches von ihm klingt einfach unerträglich wie Als junger Mann kam ich nach Fischerhude und lernte alsbald auch Worpswede kennen. Beide Orte waren für mich geistige Zuflucht und Bereicherung. Mich begeisterte die dort entstandene Malerei ebenso wie auch die Maler selbst.  Ich weiß nie so recht, wie ich solche Sätze nehmen soll. Ist das nun großartig oder einfach nur eine Platitüde? Wenn er über Cato Bontjes van Beeks Mutter redet, dann spricht er von Olga. In deren gastfreundlichem kleinen Haus atmete man die Luft der Musik, der Malerei, der Keramik. Es gab bisweilen zugleich andere Besucher, die der Kunst zugetan waren, darunter keine Nazis, wohl aber Menschen von innerer Freiheit. Für mich sind im Kriege und in der Nazi-Zeit die Horizonte über der flachen, weit gespannten Marschlandschaft des Binnendeltas der Wümme, vor allem aber das Bontjes-Haus in der Bredenau ein Inbegriff der Freiheit geworden. Schreibt er das selbst oder hat er einen Ghostwriter? Ich würde solche Sätze nicht hinkriegen. Er hat auch über Cato Bontjes van Beek, die Widerstandskämpferin aus Fischerhude, in dem Buch Kindheit und Jugend unter Hitler geschrieben, da heißt es: Aber nach jener Fête im Sommer 1942 habe ich mich vor mir selber geschämt, weil ich nicht eine abermalige Verbindung zu Cato gesucht habe, um sie wegen ihrer Leichtfertigkeit zu warnen.

Aus der 1938 gebauten Kaserne in Grohn ist nach dem Krieg unter der Leitung der amerikanischen Armee von der International Refugee Organization ein Flüchtlingslager eingerichtet worden. Später ist dann die Bundeswehr in die Gebäude eingerückt, es wurde eine Panzerjägerschule. Heute ist es die Jacobs University. Als die eröffnet wurde, hat der ehemalige Bundeskanzler Schmidt die Eröffnungsrede gehalten. Ob er dabei an die Sommertage auf dem Schönebecker Sand, Worpswede und Fischerhude und seine Freundin, die kleine Cato Bontjes van Beek, gedacht hat?

Das Strandbad auf dem Schönebecker Sand gibt es nicht mehr. Die heißen Sommertage meiner Jugend, die in der Erinnerung länger und wärmer waren als alles, was kommen sollte, gibt es auch nicht mehr. Das Paradies meiner Kindheit mit dem riesigen Sandstrand, wo ich bei dem Bademeister Hermann Plebansky in der Weser Schwimmen gelernt habe, ist hinter einer Spundwand verschwunden. Die Weser ist zu dreckig, um darin zu baden.

Die Mutter von Cato, die Malerin Olga Bontjes van Beek, hat zwölf Jahre lang gegen das Land Niedersachsen prozessieren müssen, um die Rehabilitierung ihrer Tochter zu erreichen. Zu dieser Zeit erhielt Marion Freisler, die Witwe des Blutrichters Roland Freisler, eine schöne Rente. Die später noch einmal mit der abenteuerlichen juristischen Begründung aufgestockt wurde, dass er, wäre er nicht im Krieg zu Tode gekommen, in der Bundesrepublik sicher noch Karriere gemacht hätte.

Schade, daß ich nichts auf der Welt lasse als nur die Erinnerung an mich, hat Cato Bontjes van Beek in ihrem letzten Brief geschrieben.

lest we forget, lest we forget.

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