Mittwoch, 14. September 2011

Uli Becker


Ich weiß nicht mehr, wie das Heft Nummer 4 des Literaturmagazins TJA in meinen Besitz gekommen ist. Vor Jahrzehnten hat mir der Name des Herausgebers Alfred Miersch nichts gesagt, aber das ist natürlich heute anders. Das Heft Nummer 4 besagten Magazins steht bei mir neben den Büchern von Uli Becker, weil er da im Jahre 1977 mit zwei Gedichten vertreten ist, mit Perry Rhodan hatte doch recht und Der Mai ist gekommen. Die beiden Gedichte sind im gleichen Jahr auch in dem ersten Gedichtband von Uli Becker, der den schönen poetischen Titel Meine Fresse! trägt. Das 104-seitige Buch erschien in der Edition Nautilus des Verlages Lutz Schulenburg Hamburg und kostete 9,80 DM. Aber wenig später war der Autor aus der Alternativ-, Tunix- und Spontiszene schon bei Rowohlt, später bei Haffmanns. Bei Rowohlt war er für den Leser am preisgünstigsten, bei Haffmanns kostete 1988 die hardcover Ausgabe von Das Wetter von morgen stolze 28 Mark. Ich kann all dies mit schöner Sicherheit sagen, da ich die Werke von Uli Becker nämlich ziemlich komplett habe und die Preise noch drin stehen. Uli Becker steht (wegen der alphabetischen Ordnung) nahe bei Rolf Dieter Brinkmann, und da gehört er auch hin.

Und auch wenn ich ihn wohl nicht in der gleichen literarischen Liga sehe wie Robert Lowell, über den ich letztens schrieb, gestehe ich gerne, dass Uli Becker einer meiner Lieblingsautoren ist. Robert Lowell auch. Das ist jetzt kein Widerspruch, dieser ganze Blog ist ja eine Fusion von HIGH Culture und Popular Culture. Ich könnte auch Leslie Fiedlers Cross the Border – Close the Gap oben drüber schreiben. Robert Lowell hat Ewigkeitswert, Uli Becker schreibt über das wirkliche Leben. Über Das Lebensgefühl des Etagenhundes - der sich Lassie in Farbe ansieht - und dann wortlos - seinen Gummiknochen unterm Teppich vergräbt und du fragst -: 'Was hab denn ich damit zu tun?' (Trouble comin' every day). Also, damit es allen Lesern klar ist, ob wir es wollen oder nicht: dieser Uli Becker ist ein deutscher Dichter. Er ist der Dichter einer ganzen Generation, wenn Sie sich in Alles kurz und klein (die atomisierte Autobiografie einer kompletten Generation [aber mindestens]) wiedererkennen, dann gehören Sie dazu.

Dieser Dichter ist auch das, was Harald Schmidt gerne wäre - und trotz all seiner Ghostwriter nicht ist - nämlich geistreich. Ich wünschte mir manchmal, dass jemand wie Uli Becker (oder andere Schriftsteller) das gleiche Geld verdienen würde wie Harald Schmidt. Vordergründiger Hintersinn titelte der Spiegel vor Jahren. Ja, dieser Uli Becker ist schon geistvoll, obwohl er sich immer haarscharf an den Grenzen des Kalauers (und manchmal auch des guten Geschmacks) bewegt. Aber wer kriegt schon so etwas hin, wie in den letzten Zeilen von Kunst. Was sonst. (das liebevoll bösartig eine Kunstvernissage beschreibt) zu dichten:

Gott ja, die Postmoderne, sagt der Minirock
zum Existenzialistenrolli, anything goes
und alles kommt wieder, für 15 Minuten.

Und damit wir wissen, wir wir uns den Dichter vorzustellen haben (das Photo hier ist ja ein wenig mickrig), geben wir ihm doch selbst das Wort:

Wie Dichter das machen

Den Asphalt grau tret ich mit Füßen,
beiß aber grad so gern ins grüne Gras

und kehre heim und spanne den Bogen
in meiner Maschine: Sowohl – als auch,

ist beides mein Stoff, das Rohe wie
das Hartgesottene, und wer bestimmt,

man könne nicht auf zwei Hochzeiten
tanzen, bei zwei Begräbnissen flennen?

Des Dichters Tag- und Nachtwerk ist
die stete Kümmerei, und zwar um dies

genau wie um das, um beides zusammen
mit süßsaurem Lächeln zu verwursten.

Die späte Tagesschau noch und ins Bett
und sehn, was anliegt oder schmiegt –

so funktioniert das: Eine Hand am Puls der Zeit,
die andere am Arsch der Welt.

Als der Bremer Antiquar Udo Seinsoth zum 50. Geburtstag von Rolf Dieter Brinkmann eine kleine Festschrift herausgab, schickte ihm Uli Becker das Gedicht Paternoster im November (Abwärts 1,2 & 3). Das war keine Erstveröffentlichung, das war schon mit einer Widmung an den gerade zuvor verstorbenen Rolf Dieter Brinkmann 1977 in Meine Fresse! erschienen. Doch der beiliegende handschriftliche Brief, den Seinsoth im Original abdruckte, sagt eine Menge über das Verhältnis von Uli Becker zu Rolf Dieter Brinkmann aus. Ich tippe das mal ab, und ich hoffe, Herr Seinsoth erlaubt mir das, denn die kleine Festschrift ist ja rettungslos vergriffen.

Montagmorgen

Lieber Udo,
...
Dieses Gedicht, auf das ich schließlich zurückgefallen bin, hat immerhin die Unmittelbarkeit des zeitlichen Anschlusses und die Frische des Aufbruchs für sich. Aber natürlich ist es kein Erstdruck, wie ich es versprochen hatte. (Wenn man auch wird sagen können, daß die meisten, die die Publikation in die Hand bekommen werden, nicht damals "Meine Fresse!" gekauft oder gelesen haben; der Band
blühte ja im Off.)
...

Ich persönlich finde das Gedicht - auch "mit Abstand" präsentabel, es ist eben meine "Anverwandlung" des Erbes, wie ich das seinerzeit gesehen habe.
...

Aber pragmatisch gedacht: Hier wäre TEXT, der nicht völlig daneben ist, die Hommage eines aufbrechenden Nachgeborenen, der das Glück hatte, zur rechten Zeit auf Brinkmann zu stoßen.
...

Uli

Der Brief, mit einer wunderbar klaren Handschrift geschrieben (die kleinen Pünktchen sind keine Auslassungszeichen, die stehen da so), ist einer der vielen kleinen highlights in der Festschrift, die zugleich ein Katalog der Schriften von Brinkmann ist. Der Frankfurter Rundschau war das Büchlein damals immerhin eine Rezension wert, man lobte Udo Seinsoth, der auf nobelste Art an Brinkmann erinnert hatte und hob Uli Beckers Gedicht (und das Faksimile des Briefes) heraus. Von einem großen Stück trotziger Trauerarbeit sprach der Rezensent. Ich dachte mir damals: hier ist jemand, der etwas davon versteht und hob die Rezension auf. Denn was wären wir ohne solche Rezensenten? Ohne Alfred Miersch, der in TJA No. 4 die erschütternde Finanzlage des Literaturmagazins beklagt aber trotzdem weitermacht (vielleicht auch, weil Uli Becker dranbleiben! gesagt hat)? Oder ohne Udo Seinsoth, der so ausser lamäng eine kleine Festschrift mit zweitausend Exemplaren auflegt? Heute werden literarische Erfolge wie Axolotl Roadkill mit der Dampfwalze gemacht, damals entsteht das noch in den Mühen der Ebenen.

Zuletzt ist bei ihm eine weitere Tendenz zur Verknappung bis hin zum Haiku festzustellen, lese ich im Wikipedia Artikel über Uli Becker. Ist das so? Zuletzt? Verknappung? Schon Ezra Pound hatte die Formel von dichten=condensare geprägt. Und die dichterische Verknappung war von Anfang an ein Markenzeichen von Uli Becker. Der anonyme Verfasser des Artikels will wohl auf den köstlichen kleinen Band Frollein Butterfly (Abbildung mit dem Leopardenfell Cover ganz oben) oder auf Fallende Groschen. Asphalthaiku anspielen. Die Form des Haiku hatte ja auch schon Ezra Pound für die westliche Kultur entlehnt (und Ian Fleming spielt in You Only Live Twice auch damit) und sein berühmtes Haiku In a Station of the Metro geschrieben:

In a Station of the Metro

The apparition of these faces in the crowd;

Petals on a wet, black bough.

Uli Becker hat dem Band Frollein Butterfly ein herausnehmbares Vorwort/Nachwort beigegeben, in dem er den Japanern (die ja alles kopieren) zeigt, dass man auch ihre kulturellen Produkte kopieren kann:  Mit diesem Haiku "made in Germany", die der in Japan entwickelten Technologie abgeguckt sind und dann erfinderisch und ohne falsche Skrupel nachgebaut, wird der Spieß endlich mal umgedreht; hier kriegen die Herrschaften ihren lylischen Klassikel retour serviert wie einen Pingpongball, leicht angeschnibbelt, auf daß Schwung ins Spiel kommt. Und so serviert er uns dann 69 Quickies zwischen Sehnsucht und Schweinigelei, von denen ich mal eben (aus meinem numerierten Exemplar!) das auf Seite 73 zitiere:

Tun kein Auge zu
heut nacht vor lauter Vögeln,
Hommage à Hitchcock.

Falls für die Qualität von Literatur auch dies ein Kriterium ist, daß man mit der Lektüre eines Buches nicht mehr aufhören kann, dann ist der 26jährige Schriftsteller Uli Becker ein vorzüglicher Schriftsteller, schrieb der Spiegel 1979. Das muss wahr sein, denn mehr als drei Jahrzehnte später haben seine Gedichte nichts von ihrem Reiz verloren. Ich kann das bestätigen, ich habe gestern begonnen, sie wieder zu lesen. Ich konnte auch nicht aufhören.

Und bevor ich das vergesse: Happy Birthday Uli Becker! Write On!

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