Montag, 2. Januar 2012

Class


Es ist schön zu sehen, dass das witzigste und gleichzeitig geistreichste Buch über die englische Klassengesellschaft nach 30 Jahren immer noch lieferbar ist. Es zeigt vielleicht auch, dass sich am englischen Klassensystem in den letzten 30 Jahren wenig geändert hat. Das Buch heißt Class mit dem Untertitel A View from Middle England. Es erschien 1979 bei Methuen und ein Jahr später als Paperback bei Corgi. Wurde sofort dreimal nachgedruckt. In den folgenden zehn Jahren gab es regelmäßig Neuauflagen. Die Autorin Jilly Cooper war in England keine Unbekannte, sie schrieb regelmäßig Kolumnen für die Sunday Times. Das war das Witzigste, was die Sunday Times zu bieten hat. Ihre Kolumnen waren auch beinahe das einzige, was mich bewog, mein Abonnement nicht zu kündigen, denn was die Lieferung von Zeitschriften (und Büchern) betraf, waren die Engländer in den siebziger Jahren eine geradezu hinterwäldlerische Nation.

Neben ihren Kolumnen und Büchern wie How to Stay Married und Supermen and Superwomen, begann sie Liebesromane zu schreiben. Das ist ja eine Gattung, die sich in England großer Beliebtheit erfreut, und Autorinnen wie Barbara Cartland und Rosamunde Pilcher sehr reich gemacht hat. Jilly Coopers romances sind natürlich nicht die typischen Rosamunde Pilcher Liebesromane, sondern die typischen Jilly Cooper Liebesromane. Frech, bösartig, geistvoll, for undiluted, unpretentious fun they're close to unbeatable urteilte der Guardian. Ist aber nicht unbedingt mein Ding, ich habe einige von den Rutshire Chronicles gelesen, sie aber dann weiterverschenkt.

Ihr Buch Class hat nichts von der Welt der Rutshire Chronicles. Abgesehen davon, dass es frech und witzig ist, ist es eigentlich eine ernstzunehmende soziologische Untersuchung der Engländer. Von John Majors Diktum, dass England eine classless society sei, ist außer Gelächter wenig übrig geblieben. Es war auch sehr unglücklich für John Mayor, dass ein Pressephoto entlarvte, dass er sein Leben lang seine Oberhemden in seine Unterhose gesteckt hatte. Das tut man in der upper class nun wirklich nicht. Ich glaube durchaus, dass es John Mayor mit der classless society ernst war. Aber die Engländer lieben nun einmal ihr Klassensystem, das sich im 18. Jahrhundert entwickelt und im 19. Jahrhundert festzementiert wird.

Jilly Coopers Buch steht in einer Tradition von Büchern, die häufig sehr witzig das Wesen der Engländer zu verstehen suchten. Ich meine damit Bücher wie The English : Are They Human? (1931) von dem Holländer G.J. Renier, How to be an Alien (1946) von George Mikes oder Major Thompson entdeckt die Franzosen (1954) von Pierre Daninos. Und natürlich Nancy Mitfords Noblesse oblige (1956), ihr Buch über U und Non-U nicht zu vergessen. Beinahe all diese Bücher waren Bestseller, sie sind heute schon kleine Klassiker. Wenn ich mal viel Zeit habe, werde ich sie noch einmal besprechen.

Jilly Cooper nimmt sich für jede Gesellschaftsschicht eine Musterfamilie mit sprechendem Namen, von Mr Definitely-Disgusting (working class) bis Harry Stow-Crat (natürlich ein aristocrat) und verfolgt diese Familien von der Geburt bis zum Tod. Mit allen Sitten und Gebräuchen, Spleens und Überzeugungen. Und natürlich ihrer Sprache, denn Englisch ist eine klassenspezifische Sprache, das wissen wir spätestens, seit Alan Ross das in Nancy Mitfords Noblesse obglige verdeutlicht hat. Die ganze Analyse der englischen Gesellschaft ist schreiend komisch und zugleich lebensecht. Man mag mit einem moralischen Unterton, wie es P.N. Furbank in Unholy Pleasure, or The Idea of Social Class tut, dieses etwas perverse englische Insistieren auf Klassenzugehörigkeiten bedauern, aber man wird die Tatsache nicht leugnen können. Dieses Buch hilft einem, die Engländer zu verstehen.

Jilly Cooper, die Fachfrau für gesellschaftliche und zwischenmenschliche Beziehungen, war vor vier Wochen im Radio sehr still, als sie plötzlich zu den Liebesaffären ihres Gatten befragt wurde. Ich zitiere einmal den TelegraphMrs Cooper, 74, was speaking by telephone from her marital home in Gloucestershire to Dame Jenni Murray on BBC Radio 4's Woman's Hour when the presenter broached the subject, the 'Daily Mail' reported. Dame Jenni was questioning the writer about her 1969 book 'How To Stay Married', which has now been reissued. After a few questions about whether it was appropriate for wives to dress up for their husbands, she said: "Just one other thing, Jilly. "You suggested in the book that an affair might blow over if you turn a blind eye. How useful did you find your own advice when Leo strayed in the 1990s?" After an embarrassing nine-second silence, Mrs Cooper said: "I don't want to talk about it." Das war ja nun ein bisschen fies von der gerade geadelten Dame Jenni, aber die Szene hätte aus einem Jilly Cooper Roman stammen können. Und was macht die englische Lady in einem solchen Fall? Sie macht, was der Engländer in einem solchen Fall immer macht: stiff upper lip heißt das Zauberwort, I don't want to talk about it.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen