Sonntag, 5. Februar 2012

Charlotte Rampling


Die Geburtstagswünsche gehen heute an Charlotte Rampling. Wir fragen nicht nach dem Alter, schöne Frauen bleiben immer jung. Seit beinahe sechzig Jahren ist sie im Filmgeschäft. In ihrem ersten Film, The Knack von ➱Richard Lester, gab es für sie noch keine credits. Als sie in Georgy Girl mitspielte, begannen die Kritiker aufmerksam zu werden. Aber ihre kurze Szene in dem Road Movie Vanishing Point (zu dem kein Geringerer als Guillermo Cabrera Infante das Drehbuch geschrieben hatte) hat man auch wieder herausgeschnitten.

In Italien hat sie zwei Filme gedreht, die großes Aufsehen erregten. Um es zurückhaltend zu sagen. Der erste war La caduta degli dei, der zweite Il Portiere di notte von Liliana Cavani. Den habe ich nur wegen Dirk Bogarde und Charlotte Rampling angeschaut, ansonsten kann man den vergessen. Diese Mischung aus Softporno und SS-Uniformen Ästhetik war damals offensichtlich etwas, worauf Franzosen und Italiener abfuhren. Alles war natürlich künstlerisch ästhetisiert bis zum Abwinken, weil es ja Kunst sein sollte und kein Porno. Der Filmkritiker Roger Ebert sprach allerdings von as nasty as it is lubricious, a despicable attempt to titillate us by exploiting memories of persecution and suffering. Aber, solche Filme waren in den siebziger Jahren irgendwie en vogue.

Schon 1968 hatte Nikolaus Sombart ganz en passant geschrieben: Man muß wissen, daß es in Frankreich so etwa wie eine Romantisierung der SS gibt, der wir eine ganze Reihe von Filmschnulzen zu verdanken haben, und die ihre Rechtfertigung darin findet, daß man ein leidenschaftlicher Leser von Sade sein kann, ohne Sadist zu sein. Ich habe zu solchen Ästhetisierungstendenzen in dem Post ➱Patti d'Arbanville einige gehässige Dinge gesagt. Weshalb das seit Mai über fünftausend Mal angeklickt wurde, weiß ich aber nicht. Wenige Jahre nach Il Portiere di notte wurde der Film Bordel SS gedreht, wieder einmal schwarze SS Uniformen und nackte Frauen. Und wieder sehr um Ästhetik bemüht. Aber Bordel SS war ein Pornofilm mit Brigitte Lahaie und erhob nie den Anspruch, Kunst zu sein. Das ist wenigstens ehrlich.

Ich weiß nicht, warum Charlotte Rampling in diesen Filmen mitgespielt hat - erst sollte ja Romy Schneider die Hauptrolle in Il Portiere di notte spielen, aber die war schlau genug, die Rolle abzulehnen. Ich weiß auch nicht, warum Charlotte Rampling in so viel völlig absurden Filmen mitgespielt hat. Brauchte sie das Geld? Ihr Ehemann Jean Michel Jarre verdiente doch genug mit seiner Synthesizermusik. Sie ist nicht die einzige Schauspielerin, bei der man sich diese Frage stellt. Warum Catherine Deneuve diese Rolle in dem völlig schwachsinnigen Film The Hunger angenommen hat, weiß ich auch bis heute nicht. Manchmal habe ich für einen Augenblick das Gefühl, dass diese wahnsinnig schönen Frauen ein klein bisschen doof sind.

Aber sie wollen ja nur spielen. Sie sind Schauspielerinnen, und sie tun alles was der Regisseur verlangt, être actrice, c'est être exhibitionniste, wird La Rampling in Paris Match zitiert. Es ist nicht so besonders originell, jeder Schauspieler sagt das irgendwann. Brigitte Lahaie hat das sicher auch schon einmal gesagt. Charlotte Rampling hatte jetzt den Ruf weg, die schwierigsten Rollen zu übernehmen und dabei auch noch nackt elegant zu wirken. Wie in dem Film Addio, fratello crudele (einer Verfilmung von John Fords 'Tis pity She's a Whore). Und wenn ein Regisseur jemanden für eine Liebesgeschichte zwischen einer schönen Frau und einem Schimpansen brauchte, kam nur sie in Frage. Der Film heißt Max, Mon Amour und wurde auf der englischen DVD als the greatest ape romance since King Kong bezeichnet. Wenn Sie ihn nicht gesehen haben, haben Sie nichts verpasst.

Dass Charlotte Rampling sich solche Rollen ausgesucht hat, scheint kein Zufall zu sein. Sie selbst hat gesagt: I generally don't make films to entertain people. I choose the parts that challenge me to break through my own barriers. A need to devour, punish, humiliate or surrender seems to be a primal part of human nature, and it's certainly a big part of sex. To discover what normal means, you have to surf a tide of weirdness. Offensichtlich sind Filme für die zeitweilig unter schweren Depressionen leidende Schauspielerin eine Art Psychotherapie.

Sie kann wunderbar lasziv gucken. Mit ihrem hypnotisch erotischen Blick schrieb Charlotte Rampling als Schauspielerin Filmgeschichte habe ich irgendwo gelesen. Dirk Bogarde hat das the Look genannt: I have seen the Look under many different circumstances, the glowing emerald eyes turn to steel within a second, and fade gently to the softest, tenderest, most doe-eyed bracken-brown. Klingt sehr poetisch, aber Bogarde (der für Rampling immer eine Art väterlicher Freund war) darf das schreiben. Er hat schon während des Zweiten Weltkriegs Gedichte geschrieben, die zwei in Anthologien von War Poetry aufgenommen wurden, und seine zahlreichen autobiographischen Bücher und Romane weisen ihn durchaus als Schriftsteller aus. Dirk Bogarde hat auch auch eine hymnische Liebeserklärung für Rampling in dem Band Charlotte Rampling: With Compliments (1986 bei Schirmer/Mosel erschienen) verfasst. Für den schönen Bildband verlangen Händler heute schon 150 Euro, ich habe vor Jahren eine Mark dafür bezahlt. Habe gleich ein halbes Dutzend davon gekauft und über die Jahre verschenkt. Hätte ich behalten sollen, jetzt wären sie was wert.

Die Sache mit the Look hat beinahe jeder Filmkritiker aufgenommen, der über Charlotte Rampling schreibt. Und so kann es nicht verwundern, dass der neueste Dokumentarfilm über sie ➱The Look heißt. Wenn dies alles etwas negativ klingen sollte, muss ich betonen, dass ich Charlotte Rampling Fan bin. Aber nicht bereit bin, schrottige Filme wie zum Beispiel Zardoz mit Sean Connery schönzureden. Sie ist wirklich toll in Farewell, my lovely an der Seite von Robert Mitchum und in Woody Allens Stardust Memories. In Alan Parkers Angel Heart passt sie wunderbar in die Rolle. Am eindrucksvollsten fand ich sie in den letzten Jahren in Unter dem Sand. Sie scheint auch jetzt im Alter bessere Rollen zu bekommen (zu Melancholia sage ich jetzt mal nix), sie braucht nicht mehr für Helmut Newton nackt auf einem Tisch des Hotels Nord-Pinnus in Arles zu sitzen (ganz oben) oder für Bettina Reims grauenhafte Lederklamotten anzuziehen.

Ihr Vater, der Colonel Godfrey Rampling (der 1936 mit der 4x400 Meter Staffel in Berlin Gold gewonnen hatte), ist hundert Jahre alt geworden. Vielleicht wird sie ja auch so alt. Sie ist auf der Leinwand vornehm und mit Stil gealtert. Das Minirock Girl aus dem ➱Swinging London hat sich auf der Leinwand immer wieder chameleonhaft verwandelt. Sie sehen wundervoll aus. Wie fühlen Sie sich denn als Dame, jetzt, wo Sie sich von Ihrem Minirock getrennt haben? hatte sie Dirk Bogarde bei den Dreharbeiten von La caduta degli dei gefragt. Sie hat nur gelächelt. Lucchino Visconti, der als erster ihr Potential erkannte, sagte damals: Sie hat das Zeug zu einem sehr großen Star. Aber es liegt an ihr, ob sie etwas daraus macht oder nicht. Sie allein wird es entscheiden.

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