Donnerstag, 22. März 2012

Sommer in Lesmona


Eine fünfundsechzigjährige Dame, ihr Mann ist gerade gestorben, zwei ihrer Kinder haben in dem letzten Jahrzehnt Selbstmord begangen, findet in einem Koffer ein Bündel Briefe, beinahe ein halbes Jahrhundert alt. Es sind die Briefe an ihre beste Freundin, die bald darauf gestorben ist. Und es sind Briefe an ihre erste große Liebe, an den Mann, den sie nicht heiraten durfte. Nach langem Zögern wird sie die Briefe, redigiert von einem Freund ihres Mannes, für eine Publikation vorbereiten. Ihr letzter Sohn fällt im Kriege. Als das Buch erscheint, ist sie fünfundsiebzig. Das Buch wird ein Bestseller.

Courths-Mahler? Rosamunde Pilcher? Nein, es ist das wirkliche Leben der Magdalena Melchers, einer Bremer Kaufmannstochter, die ihren Cousin Percy Rösing nicht heiraten darf. Sie wird den Sohn des Bremer Bürgermeisters Dr. Alfred Pauli, den Kunsthallendirektor Gustav Pauli (links), heiraten. Ihre große Jugendliebe wird in Amerika Selbstmord begehen. Hätte Theodor Fontane dieses Leben gekannt, er hätte es ohne Zögern in einen Roman geschrieben, so wie er es schon mit Effi Briest, Schach von Wuthenow und Graf Petöfy getan hat. Gesellschaftliche Skandale sind bei Fontane gut aufgehoben, bei der Klatschpresse natürlich auch. Aber Fontane macht aus dem gesellschaftlichen Skandal Kunst, das kriegt die Bild Zeitung nicht hin.

Uns Bremern (und natürlich auch den Nicht-Bremern) bleibt zwar kein Fontane-Roman, aber doch etwas Lesenswertes: der Briefroman Sommer in Lesmona: Mädchenbriefe. 1951 unter dem Pseudonym Marga Berck bei Christian Wegner in Hamburg erschienen. Ediert von dem Hamburger Senator Hans Harder Biermann-Ratjen, den die Nazis 1936 als Vorstand des Kunstvereins abgesetzt hatten genauso, wie sie 1933 Gustav Pauli aus dem Amt des Kunsthallendirektors gedrängt hatten. Kurz darauf wird der Roman bei Rowohlt als Taschenbuch erscheinen.

Marga Berck hat ihrem Roman ein Gedicht von Lamartine vorangestellt: 

Le livre de la vie est le livre suprême
Qu’on ne peut ni relire, ni fermer à son choix.
La fatal feuillet se tourne de lui-même
Et le passage adoré ne se lit pas deux foix.

Ein Gedicht, das seine Sentenzenhaftigkeit angesichts der wahren Geschichte verliert. Wenig später wird die Autorin ihrem überaschenden Bucherfolg einen weiteren Band Jugenderinnerungen, Die goldene Wolke: Eine verklungene Bremer Melodie, folgen lassen. Mit diesem Buch erinnert sie an eine Vereinigung junger Bremer Kaufleute, Juristen und Schriftsteller, die um die Jahrhundertwende das geistige Niveau der Gesellschaft heben wollten. Rudolf Alexander Schröder (für Marga Berck damals noch Rudi), sein Cousin Alfred von Heymel und Gustav Pauli bilden die Kernzelle der Goldenen Wolke. Ständige Gäste werden Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Borchardt, Eberhard von Bodenhausen und Harry Graf Kessler sein. Dies ist das Bremer Äquivalent zu den Souls, der Gruppe um Duff Cooper und Lady Diana Manners oder der späteren Brideshead Generation. Und sicherlich ein höherer Beitrag zur Kultur als Bremens selbsternanntes Kunstgenie Arthur Fitger (der ➱hier schon einmal auftauchte). Den erwähnt man in diesen Kreisen überhaupt nicht mehr, man hat sich eher den Worpswedern zugewandt.

Ein halbes Jahrhundert nach der Gründung der Gruppe wird sich ein kleiner Rest von Überlebenden im Bremer Essighaus treffen, Rudi Schröder wird die Festrede in Form eines Gedichts halten. Aber das tippe ich jetzt nicht ab, da müssen Sie sich schon ein Exemplar von Die goldene Wolke besorgen. Man kann es noch finden, den Roman Sommer in Lesmona bekommt man bei Amazon Marketplace ab einem Cent.

Sommer in Lesmona ist eine Liebesgeschichte, aber auch ein Sittenbild aus der Bremer High Society um 1900. Es wird da viel geflirtet, getanzt und gesungen. Ich fand es irgendwie rührend, dass ich damals, als ich den Roman zum ersten Mal las, gleich dieses Lied wiederfand:

Daisy - Daisy - give me your answer, do!
I'm half crazy, all for the love of you!
It won't be a stylish marriage
I can't afford a carriage,
But you'll look sweet
upon the seat
Of a bicycle built for two!


Das hatte uns auch unser Englischlehrer beigebracht, woraus man ganz klar sehen kann, dass unsere Lehrer damals noch ein halbes Jahrhundert hinter der Wirklichkeit zurück waren, denn das Lied Daisy Bell stammt noch aus dem 19. Jahrhundert. Der Roman von Marga Berck ist 1985 unter der Regie von Peter Beauvais mit der jungen (und vielleicht noch nicht so zickigen) Katja Riemann in der Hauptrolle verfilmt. Das kam aber nicht ins Kino, war ein ➱Fernsehfilm, den Radio Bremen produziert hatte (die DVD Fassung ist noch immer im Handel). Die Musik zu dem Film schrieb..., nee, da kommen Sie nie drauf. Es ist derselbe, der ein Jahr davor mit einer LP namens Bochum großen Erfolg hatte. Hören Sie ➱hier doch mal in die Titelmelodie hinein. Klingt ganz gefällig. Solange man nicht an Currywurst denkt.

Die Goldene Wolke, die das das geistige Niveau der Gesellschaft heben wollte, gibt es nicht mehr (die Villa, in der Marga Berck ihre Sommermonate verbrachte, ist wieder restauriert). Es gibt noch eine Rudolf Alexander Schröder Stiftung und den Bremer Literaturpreis. Und natürlich die Wittheit zu Bremen. Aber ist da sonst noch was? 1960 erschien bei Schünemann in Bremen ein Buch mit dem Titel Geistiges Bremen, herausgegeben von Alfred Faust aber was da drin stand, war alles Geschichte. Keine Gegenwart, keine Zukunft. Als das Buch erschien, war Willy Dehnkamp für Bremens Kultur zuständig, über den sage ich jetzt nichts, ich habe ihn schon einige Male erwähnt. Aber vielleicht doch noch eine kleine Erinnerung. Ich saß hinter Dehnkamp und seiner Frau in den Kammerspielen in der Böttcherstraße, Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf wurde gespielt. Und als in der Pause das Licht anging, sagte Frau Dehnkamp zu ihrem Mann: Ischa bis jetzt noch nich viel Sinn in. Gefällt mir immer noch der Satz.

Die Mitglieder der ➱Goldenen Wolke wären über so viel Banausentum entsetzt gewesen (sie wären auch über Edward Albee entsetzt gewesen), aber ich fand das eigentlich ganz down to earth. Bei all dem Heiligenkult, der in Bremen mit diesem kurzen Aufflackern der Hochkultur betrieben wird, sollte man immer bedenken, dass nicht nur die Rudolf Alexander Schröders dieser Welt für Bremen stehen. Und so sehr ich für die Lektüre des schönen Romans Sommer in Lesmona werbe, würde ich auch jederzeit die Lektüre des von Doris Kachulle herausgegeben Buches Die Pöhlands im Krieg: Briefe einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie aus dem Ersten Weltkrieg empfehlen.

Sommer in Lesmona wird immer noch gelesen. Und inzwischen gibt es - das musste ja kommen - unter dem Titel Sommer in Lesmona einen Kulturevent. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen musiziert da in Knoops Park, und es gibt ein Picknick. Ursprünglich war das wohl mal so gedacht, dass die Gäste in der Kleidung von 1900 kommen. Aber inzwischen sieht das eher aus wie ein x-beliebiges ☞Straßenfest im Grünen, könnte auch im Stadtpark von Bochum stattfinden. Eher hoi polloi als happy few. Ich sage nur Currywurst. Falls Sie die Erwähnung des Herbert Grönemeyer Liedes weiter oben im Zusammenhang mit der Bremer Lesmona-Romantik unpassend fanden, hier ist sie zu riechen, die Currywurst.

Wenn Sie Tickets für das Ereignis bestellen wollen, dann klicken Sie doch ☞hier. Ansonsten kostet es aber überhaupt nichts, an jedem anderen beliebigen Tag in Knoops Park oder an der Lesum den Admiral Brommy Weg entlang spazieren zu gehen. Sich auf eine Parkbank zu setzen, eine Erstausgabe von Sommer in Lesmona aus der Tasche ziehen und genüsslich zu lesen beginnen.


Es gibt im Internet ein interessantes ➱Lesmona Projekt. Das ist von dem pensionierten Bielefelder Professor Bernd W. Seiler ins Leben gerufen worden. In Bremen hat man so etwas natürlich nicht hingekriegt. Mit dem Heben des geistigen Niveau der Gesellschaft ist das in Bremen so'ne Sache.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen