Montag, 23. April 2012

Bücher

Die Batterie der Quarzuhr aus rotem Plastik ist alle. Aber die Uhr mit den Zahlen 23 und 4 auf dem Zifferblatt, die mir mein ➱Buchhändler mal schenkte, erinnert mich immer an den Tag des Buches. Den gibt es seit dem Jahre 1995, der bibliophile Feiertag ist ein Jahr jünger als ein anderer Feiertag: der 23. April ist auch der Tag des deutschen ➱Bieres. Das ist sehr praktisch, da kann man gleich zwei Gedenktage feiern, indem man ein Buch liest und dazu ein Bier trinkt. Verkaufen die Buchhändler an dem Tag eigentlich mehr Bücher als sonst? Also, ich meine die wirklichen Buchhändler, nicht diese Ketten, die alle gleich aussehen und Thalia, Hugendubel oder Weltbild heißen. Die zusammen mit Amazon dabei sind, dem richtigen Buchhändler den Garaus zu machen. Und damit meine ich Buchhandlungen, die so aussehen, wie die hier von Felix Jud in Hamburg.

In der technologiehörigen schönen neuen Welt haben wir stattdessen  Glatzköpfe ohne Schlips, die ein Kindle Fire in der Hand halten. Das muss eine neue Mode, ja, geradezu ein neues ästhetisches Ideal sein. Überall sieht man Glatzen ohne Schlips in schlecht sitzenden Anzügen, die der Welt etwas verkaufen wollen. Dieser Herr hier heißt Jeff Bezos, er ist der Gründer von Amazon.

Die Geste von Bezos hat etwas von jemandem, der der Welt ein neues Evangelium bringt. Das Fire heißt. Brennt es bei Fahrenheit 451? Die Geste von Bezos ist etwas anderes als die Geste dieses Mannes, der zerschmettert gerade etwas. Nicht sein Kindle Fire - obgleich viele Käufer in den USA das in den letzten Monaten gerne getan hätten - er zerschmettert Tafeln, auf denen Wörter stehen. Weniger Wörter als in ein Kindle Fire passen auf diese Tafeln, die Moses vom Berg Sinai mitgebracht hat. Aber wahrscheinlich sind es wichtigere Sätze gewesen als in einem Kindle stehen. Doch man kann sich inzwischen die Lutherbibel für 89 Cent auf sein Kindle herunterladen, eine englische Bibelversion kriegt man bei Amazon schon für 0,00 Cent. Die Salafisten bieten auf den Straßen noch kein kostenloses Koran-Download an. Wird sicher auch noch kommen.

Wetten, dass Sie bis zu 3.000 Bücher mit einer Hand halten können? heißt es in der Amazon Werbung für das Kindle Touch. Und auf der Abbildung des Kindle Touch kann man auch sehen, welche Bücher das sind. Die Weltliteratur. Die Bücher der Bücher. Stephen King, Jussi Adler Olsen, Charlotte Link und Luca di Fulvio.

Dazu sage ich jetzt mal nichts, ich musste ja auch erst einmal nachgucken, wer diese Autoren überhaupt waren. Stephen King sagte mir etwas, weil ich einmal Pet Sematary gelesen habe. Ich nehme mal an, dass die anderen 2.996 Bücher auf dem Kindle Touch ähnlicher Art sind. Ein Buch wie Endlich Nichtleser kann man nicht herunterladen, ich habe bei Amazon nachgeschaut. Diese Kindle Dinger haben sicher einen Vorteil, man braucht keine Bücherregale mehr. Ikea wird sich umstellen müssen. Aber wie sieht das denn im Wohnzimmer aus, wenn die Bildungstapete an den Wänden fehlt? Wo doch mehr als die Hälfte der Bücher nur gekauft werden, um ins Regal gestellt zu werden.

Brave new world, aber irgendwie ein bisschen leer. Eine Horrorvorstellung für Innenarchitekten und Bücherwürmer. Books do furnish a room. Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne die Seele. Soll Cicero gesagt haben, hat er aber nicht, doch an dem Satz ist etwas dran. Sie waren der beste Vorrat, den ich auf meiner Lebensreise zu finden wußte, deshalb bedaure ich verständige Leute sehr, wenn sie desselben beraubt sind, hat Michel de ➱Montaigne über Bücher gesagt. Glauben wir ihm einmal, es ist viel Wahrheit in seinen Essais. J’ay faict ce que j’ay voulu: tout le monde me recognoist en mon Livre et mon Livre en moy, diesen Satz von Montaigne hat Thomas Mann einmal zu Anfang des 20. Jahrhunderts in sein Notizbuch geschrieben. Ob er so etwas auch gesagt hätte, wenn er Kindle gekannt hätte?

Natürlich habe ich auch heute ein Gedicht, allerdings nicht von Kindle. Kindle is not kind to poetry, hat der amerikanische Dichter Billy Collins (Poet Laureate der Jahre 2001-2003) in einem Interview gesagt. Auf die Frage How did you find the meaning of your poetry changed on the screen? antwortete er: Well it wasn't so much the meaning, it was just that poetry comes in lines, like gasoline comes in gallons. If you wanted the name of the creature that is the poet, they are like homolinearium -- they're like line-making creatures. And that's what we do, we make lines. Charles Olson, the poet, said no line must sleep, every line in a poem should be wakeful to the lines around it. And when you put a poem on a Kindle, the lines are broken in order to fit on the screen. And so instead of being the poet's decision, it becomes the device's decision.

Das wollen wir natürlich nicht. Und so gibt es hier heute zum Schluss einmal Hermann Hesse. Mit richtig geschriebenen Zeilen:

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.


Dort ist alles, was du brauchst,
Sonne, Stern und Mond,
Denn das Licht, danach du frugst,
In dir selber wohnt.

Weisheit, die du lang gesucht
In den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt —
Denn nun ist sie dein.

1 Kommentar:

  1. Lieber Jay,
    sie finden immer wieder die richtigen Worte, und den passenden Ton. Nichts brachiales, immer charmant, etwas brittisch wie mir scheint. Solches sucht man im deutschen Feuilleton vergeblich. Um so schöner, daß es ihre silvae gibt.

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