Donnerstag, 14. Juni 2012

Ernst Penzoldt


Er war mein Freund, war mir gerecht und treu. In München sah man sich oft; in meinem trauten Küsnachter Exil, zur Hitlerzeit, scheute er sich nicht, mich zusammen mit seinem Schwager Heimeran zu besuchen; und als ich 1949 zum ersten Mal wieder in München war, war er es, der mir in schönen, warmherzigen Sätzen die Begrüßungsrede hielt.
   Aber den Jüngling schon, siebzehn Jahre nach mir geboren, lernte ich kennen: im Hause Bernstein zu München las er mit taktvoll gedämpfter Dramatik seine Novelle 'Der arme Chatterton' vor, und gleich spürte ich Reiz und Rang seines Talentes, etwas unverkennbar Musisches, einen Geist zart schwebender Leichtigkeit und des romantischen Spottes über die plumpe und hässliche Mühsal eines von den Grazien ungesegneten Lebens, eingeschlossen das Erbarmen mit den Beleidigten, Verstoßenen und Darbenden, den Opfern einer verhärteten Gesellschaft - eine Sozialkritik des Herzens also, die unüberhörbar mitklang in all seiner Produktion, ohne ihrer poetischen Unschuld irgend etwas anzuhaben, ihre Leichtigkeit, ihre spielende Scherzhaftigkeit durch irgendwelche Schärfe stören zu können.


Das schreibt Thomas Mann 1955 in seinem Nachruf auf Ernst Penzoldt. Der Schriftsteller, Maler und Bildhauer Penzoldt wurde heute vor 120 Jahren geboren. Liest den heute noch jemand? Vielleicht die Powenzbande, diesen wunderbaren Schelmenroman, dessen voller barocker Titel Die Powenzbande: Zoologie einer Familie. Ausgabe letzter Hand unter Zugrundelegung der neuesten Forschungsergebnisse und der nachgelassenen Dokumente mit einem Geleitwort des Altbürgermeisters der Stadt Mössel Dr. h.c. Max Dattel - gemeinverständlich dargestellt von Ernst Penzoldt, Kustos lautet. Ich habe die erste Nachkriegsausgabe, S. Fischer Verlag, kartoniert. Hat mich mal eine Mark gekostet, steht noch drin. Aber jeder Penzoldt Leser weiß, dass die Powenzbande unbezahlbar ist.

Er hat nicht nur wunderbare Erzählungen und wunderbare Theaterkritiken geschrieben, er hat auch wunderbare Theaterstücke verfasst. Stücke wie Die portugalesische Schlacht oder So war Herr Brummell. Mit großem Erfolg in Wien 1934 mit Ulrich Bettac in der Titelrolle aufgeführt. Aus dem Stücke zitiere ich einmal kurz: [Brummell]: Ohne Scherz. Georgy, du darfst dich von nun an mit Recht rühmen, der zweitbestangezogene Mensch in England zu sein. [Wales etwas verstimmt]: Du wolltest mir doch zeigen, wie du deine Krawatte bindest. [Brummell hat den Schlafrock abgelegt]: Aber von Herzen gern, sei doch so gut, Robinson, und assistiere. [Robinson reicht die langen weißen Mousseline-Binden. Brummell]: Also paß auf, Georgy. Erst so und dann so und noch einmal herum. [Wales]: Fabelhaft, wie du das machst.  Das ➱Video hier ist natürlich nicht aus dem Stück von Penzoldt, das ist James Purefoy als Beau Brummell in dem Fernsehfilm This Charming Man. Aber es hat auch einmal eine Verfilmung von So war Herr Brummell gegeben, in der Boy Gobert die Hauptrolle spielte.

Im Nachwort zu Die portugalesische Schlacht hat Ernst Penzoldt ganz beiläufig etwas gesagt, das sein ganzes Werk kennzeichnet: Auch hier ist wieder das gleiche Thema: der Konflikt zwischen Phantasie und Realität, zwischen Zauber und Vernunft, zwischen Poesie und Politik behandelt, das auch meinen anderen literarischen Arbeiten zugrunde liegt. Wahrscheinlich ist es das, zwischen Zauber und Vernunft.  Die Vernunft ist bei dem Autor Penzoldt nie fern. Ich zitiere mal eben einen halben Satz aus der Erzählung Korporal Mombour: Graf Schedy war ein ausgezeichneter Soldat, ein prächtiger Haudegen, ein Mnesch ohne jede Furcht, also ohne Phantasie...Dieses eingeschobene also ohne Phantasie ist zu köstlich. Immer wieder schimmert eine liebenswerte Ironie im Text durch. Wenn Ernst Penzoldt Sie durchs Leben begleitet hat, brauche ich eigentlich nichts weiter zu sagen. Denjenigen Lesern, die Der arme Chatterton, Korporal Mombour und Squirrel noch nicht gelesen haben, kann ich den Autor nur unbedingt ans Herz legen.

Es ist schwer, seine Erzählkunst zu beschreiben. Er hat ein wenig von ➱Wilhelm Raabe an sich, etwas von Thomas Mann, manches von ➱Otto Flake. Manchmal klingt er auch wie ➱Gustav Hilllard. Das ist jetzt sehr subjektiv, ich habe in den letzten Tagen viel von Penzoldt wieder gelesen und mich ständig gefragt, an wen er mich erinnert. Ich habe in den letzten Tagen aber auch häppchenweise in einem Buch geschmökert, das das völlige Gegenprogramm zu den meisterlichen Erzählungen von Ernst Penzoldt ist. Ich muss gestehen, dass ich letztens auf dem Flohmarkt bei zwei sehr netten Händlern ein ungelesenes Exemplar (Hardcover) von Der Turm gekauft habe, manchmal schaffe ich es, zwei Seiten davon am Tag zu lesen. Glücklicherweise redet ja niemand mehr über dieses Machwerk, bei Amazon Marketplace ist der Preis auf 1,84 € gesunken. Ernst Penzoldt kann man antiquarisch auch sehr preiswert bekommen, aber er ist natürlich viel mehr wert als alle Türme von Uwe Tellkamp.

Penzoldt war etwas wie der gute Geist unserer zeitgenössischen Prosa. Seine Ironie war wortgewordene Einsicht in vielerlei Unzulänglichkeiten des irdischen Wandels. Er verstand von vielem etwas. Aber am besten verstand er sich darauf, seine zahlreichen Leser mit den Büchern, die er schrieb und die ihn überdauern, glücklich zu machen. Das hat Karl Krolow 1955 in einem Nachruf auf Ernst Penzoldt geschrieben. Besser kann man es nicht sagen. Leser glücklich machen, das wird niemand über Uwe Tellkamp sagen.

P.S. (24.3.2015) Es gibt seit einigen Tagen eine schöne ➱Ernst Penzoldt Seite im Internet.

Kommentare:

  1. Squirrel sollte in jedem Bücherregal neben Felix Krull stehen

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  2. Lieber Jay, ich heisse Sebastian Lentz und bin der Sohn von Ulla Lentz-Penzoldt, der Enkel von Ernst Penzoldt.
    Es ist so schön, was Sie über EP geschrieben haben. Letzte Woche haben wir die Ernst Penzoldt-Webseite veröffentlicht. www.ernst-penzoldt.de
    Ich würde gerne mit Ihrem Blog verlinken.
    Meine Email ist: sebastian@lentz.ch . Sitze mit Family am Bodensee nahe Konstanz und würde mich freuen, von Ihnen zu hören. Herzlichst Sebi

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