Mittwoch, 20. Juni 2012

Erwin Chargaff


Du solltest mal Erwin Chargaff lesen, sagte mir Peter. Das ist Jahrzehnte her. Ich muss gestehen, ich wusste damals nicht, wer Erwin Chargaff war. Jetzt weiß ich es, ich habe mittlerweile beinahe alles von ihm gelesen. All diese schönen Ausgaben von Klett-Cotta, sie stehen alle nebeneinander im Regal. Die größere Hälfte von ihnen habe ich im Grabbelkasten gefunden. Klett-Cotta Titel landen immer im Grabbelkasten. Außer Ernst Jünger. Erwin Chargaff ist heute vor zehn Jahren gestorben. Ich nehme das einmal zum Anlass, den Rat meines Freundes an meine Leser weiterzugeben: Lesen Sie Erwin Chargaff!

Der Peter stand Erwin Chargaff vom Beruf her näher als ich, weil er Medizinprofessor war und weil Chargaff Biochemiker war. Ein Fach, von dem Literaturwissenschaftler wie ich ja wenig Ahnung haben. Da hatte C.P. Snow mit seiner These von den Two Cultures schon recht. Aber neben dem Biochemiker Chargaff, der eigentlich den Nobelpreis anstelle von Crick und Watson hätte kriegen müssen, gibt es noch einen zweiten Chargaff. Und das ist der Essayist Erwin Chargaff. Der Mann, der in den zwanziger Jahren alle Vorlesungen von Karl Kraus gehört hat, den er als seinen einzigen Lehrer bezeichnet hat. Der hat den Nobelpreis ja leider auch nicht bekommen, obgleich er mehrfach von seinen Freunden dafür vorgeschlagen wurde.

Zu Karl Kraus fällt mir gerade beim Schreiben ein, dass ich einmal (es war 1964 in Hannover) eine Karte für Die letzten Tage der Menschheit gekauft hatte. Wegen dem Qualtinger. Der Beethovensaal, in den beinahe achthundert Leute gehen, war so gut wie leer. Dreizehn Leute habe ich gezählt, die sich quer über den leeren Saal verteilten. Und dann kam Helmut Qualtinger. Blickte einmal durch den Saal. Wenn ich Qualtinger gewesen wäre, wäre ich jetzt wieder gegangen. Aber der Qualtinger lässt sich die Enttäuschung über die geringe Zuschauerzahl mit keiner Miene anmerken, er bittet die Zuschauer im schönsten Wienerisch, dass wir uns doch um ihn herum in die erste Reihe setzen möchten, san’s kommod. Setzt sich dann auf die Bühnenkante, zum Greifen nahe und rezitiert das ganze Stück von Karl Kraus, ganz privat und ohne den Text zu konsultieren. Das war cool. Ich werde das nie vergessen. Immer wenn ich den Namen Karl Kraus höre, muss ich an diesen Abend im Bethovensaal denken.

Die letzten Tage der Menschheit ist ein Titel, der von Erwin Chargaff sein könnte. Versuchsstation des Weltuntergangs hat er immerhin schon als Titel eines Kapitels in Das Feuer des Heraklit verwendet. Er ist mit den Jahren immer düsterer und desillusionierter geworden. Der Mann, der die Formel für die DNA Struktur entdeckte, wurde immer desillusionierter von dem Weg, den die Wissenschaft genommen hat. Den Satz von Kierkegaard, Alles Verderben wird zuletzt von den Wissenschaften ausgehen, hat er genüsslich zitiert. Wahrscheinlich war das Schreiben für ihn ein Ausweg, um nicht in tiefste Depressionen zu verfallen. Und wo fand der Mann, der nach dem Tod seiner Frau aufgehört hatte zu schreiben, seinen Trost?

Bei Michel de ➱MontaigneIch lese gerade, zum fünften Mal, die 'Essais' von Montaigne, das sind über tausend Seiten. Was er vor vierhundert Jahren schrieb, daran hat sich nichts geändert: Wie verblendet die Menschheit ist. Er sagt, der Mensch soll ruhig leben, sich nicht zu viele Gedanken machen. Und er soll von den Tieren, den glücklichsten Lebewesen, lernen: Die übertreiben nichts, sondern tun nur, was notwendig ist. Und der Mensch soll auch Angst und Krankheit akzeptieren. Denn Menschen, die nie Trauer empfunden haben, sind keine Menschen. Ich bin sehr gegen die Abschaffung des menschlichen Schicksals. Schicksal gehört zum Menschsein, das kann man nicht besiegen durch den Arztbesuch, durch Medikamente.

Chargaff ist nicht nur ein Wissenschaftler, er ist auch ein glänzender Essayist. Ein legitimer Erbe von Karl Kraus. Manchmal sind es nur Nebenbemerkungen wie ein Satzanfang Die tiefsinnige deutsche Sprache - sie verfällt immer mehr in Tiefsinn, wie ihre Sprecher leerer werden, und bald wird man sie überhaupt nicht mehr hören - also die hinterhältige deutsche Sprache... Und dieser hinterhältigen Sprache weiß er sich zu bedienen. Auch als er aufgehört hatte zu schreiben, war er noch überall zu lesen. Und er wird immer zu lesen sein und immer lesenswert sein, auch wenn Leute es vorziehen, statt Erwin Chargaff diesen ➱Richard David Precht zu lesen. Ich habe im Internet das ➱Interview wieder gelesen, das der Stern ein Jahr vor Chargaffs Tod mit ihm geführt hatte. Es war mir, als hätte ich das gestern gelesen, ich habe nichts davon vergessen, es ist sowieso erstaunlich, wie viel von Chargaff bei mir hängengeblieben ist. Von Das Feuer des Heraklit, das man als eine Art Autobiographie nehmen kann, bis zu dem Kapitel über die späten Gedichte von Hölderlin in Zeugenschaft.

Glücklicherweise kann man noch alle seine Bücher antiquarisch finden, viele sogar sehr preiswert. Ich wiederhole mich jetzt, wenn ich sage Lesen Sie Erwin Chargaff! Aber da wiederhole ich mich gerne, man kann es gar nicht häufig genug sagen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen