Freitag, 31. August 2012

September


Man möchte dem Sommer ein Verweile doch, du bist so schön zurufen, denn die Sommertage haben schon etwas Herbstliches an sich, einsamer nie als im August. Und ein Blick auf den Kalender belehrt uns, dass der 1. September der meteorologische Herbstanfang ist. Was immer das bedeutet. Ich kann mich allerdings an sehr schönes Septemberwetter erinnern, einen Indian Summer ohne Indianer; und ich hoffe mal, dass der September uns für die völlig misslungenen Monate Juli und August entschädigt. Wenn ich erst anfange, ich höre so schnell nicht auf, diese Gedichtzeile aus dem Gedicht Wer im Sommer ich bin von Jürgen Becker stimmt in diesem Jahr nicht. Und die martialische Bildlichkeit von Benns Tag, der den Sommer endet lasse ich auch mal weg. Lieber lege ich Frank Sinatras ➱September Song auf den Plattenteller. Ich scheine jedes Jahr im September so etwas leicht Elegisches zu bekommen. Was den Post kennzeichnete, den ich im letzten Jahr zum ➱Herbstanfang geschrieben habe. Denken wir ruhig an das schöne Gedicht von Wilhelm Lehmann Fahrt über den Plöner See, das da zitiert wurde. Und das hat er an einem Augusttag geschrieben. Der Sommer ist noch nicht zu Ende.

Denn noch sieht man junge Frauen in geblümten Baumwollkleidern auf der Straße, ein Klassiker, der glücklicherweise nicht ausstirbt. Was ruhig aussterben könnte, sind Leggings und Radlerhosen, die vorzugsweise in schwarz von übergewichtigen Damen getragen werden. Das, was die übergewichtigen Herren in der Hitze der wenigen Sommertage trugen, das lassen wir besser unerwähnt. Wir können offensichtlich den wenigen Sonnentagen nicht mit Stil begegnen. Es sei denn, man lebt in Südfrankreich und heißt ➱Dirk Bogarde.

Aber das Schlimmste im Sommer ist etwas ganz anderes. Ich stand letztens bei über dreißig Grad in meiner leichten Leinenjacke vor einem Schaufenster, das die neue Wintermode zeigte. Und die Plastikmodepuppen hatten alle dicke Daunenjacken an, mit einem Waschbärpelz oben an der Kapuze. Da dachte ich mir, wer ist so bescheuert, im August in solch einen Laden zu gehen und eine dicke Daunenjacke mit Waschbärpelz zu kaufen? Ich glaube langsam, dass der Waschbär an der Kapuze so etwas Ähnliches ist wie der Fuchsschwanz an der Antenne der Manta-Fahrer.

Ich hatte auch eine Art déjà-vu, waren dicke Daunenjacken mit Waschbärfell am Kapuzenkragen nicht schon mal Mode? Letztes Jahr? Und im Jahr davor? Der Mode fällt nicht mehr ein. Und diesen ganzen Klamottenläden auch nicht, jedes Jahr ist es das gleiche Spiel. H&M soll seinen Herbstkatalog schon im Juli verschickt haben. Und bei Burberry in London konnten Händler angeblich ausgewählte Looks für die Herbst-/Wintermode 2012/13 bereits im Januar 2012 direkt nach der Fashion Show bestellen. Und bekamen sie dann Ende Februar geliefert - ist aber erst im nächsten Jahr Mode. Normalerweise hat der Engländer dafür ja einen Spruch, der how daft can you get? heißt. Oder wie Oscar Wilde sagte Fashion is a form of ugliness so intolerable that we have to alter it every six months.

Donnerstag, 30. August 2012

Cameron Diaz


Auf dem Kalenderblatt von Wikipedia habe ich gesehen, dass Emily Ruete heute Geburtstag hat. Ich brauche über diese erstaunliche Frau aber nichts zu schreiben, ich habe das längst getan. Vor genau zwei Jahren stand sie ➱hier im Blog, und dieser Post ist erstaunlich häufig gelesen worden. Hat es sogar bei Google unter die Top Ten geschafft. Man sieht das als Amateurblogger ja gerne, dass man mal bei den Google Ergebnissen ganz vorn ist.

Nein, heute ist ein anderes Geburtstagskind zu feiern. Cameron Diaz wird an diesem Tag - man darf es ruhig sagen - vierzig Jahre alt. Da wollen wir doch gerne gratulieren. Man freut sich ja immer, sie auf der Leinwand zu sehen. Am liebsten in den frühen Komödien wie She's the One (obwohl ihr Maxine Bahns da die Show stiehlt), Head Above Water und There's Something About Mary.

In dem Film In Her Shoes sagt Cameron Diaz bei der Hochzeit ihrer Schwester ein ➱Gedicht auf. Es ist ein kleines Gedicht von e.e. cummings, das aber so hübsch ist, dass wir es heute hier einmal zitieren. Für alle Geburtstagskinder.

i carry your heart with me (i carry it in
my heart) i am never without it (anywhere
i go you go, my dear; and whatever is done
by only me is your doing, my darling)
i fear
no fate (for you are my fate, my sweet) i want
no world (for beautiful you are my world, my true)
and it’s you are whatever a moon has always meant
and whatever a sun will always sing is you

here is the deepest secret nobody knows
(here is the root of the root and the bud of the bud
and the sky of the sky of a tree called life; which grows
higher than soul can hope or mind can hide)
and this is the wonder that's keeping the stars apart

i carry your heart (i carry it in my heart)

Mittwoch, 29. August 2012

John Locke


Es ist immer schön, wenn man solche Zeichnungen hat, wenn ein ganzes Buch in ein ➱Schaubild abstrahiert wird. In diesem Fall ist es John Lockes An Essay Concerning Human Understanding, ein Buch, das in meiner Ausgabe 535 Seiten stark ist. Und das ist nur Volume One, in Volume Two kommen (Index inklusive) noch einmal beinahe fünfhundert Seiten dazu. Ich höre Sie schon stöhnen: gestern Augustinus, heute John Locke. Aber es geht nicht anders, John Locke muss heute zumindest einmal erwähnt werden. Der englische Philosoph des common sense, der king of clarity, wurde nämlich heute vor 380 Jahren geboren.

Aus englischem Enlightenment 
Erkenntnistheorie man kennt. 
Der Locke und Berkeley und auch Hume 
erwarben dadurch großen Ruhm, 
daß sie zur Lösung von Problemen 
von daher ihren Ausgang nehmen.  
Wenn die Erkenntnis selbst erkannt 
als Sinnlichkeit und als Verstand, 
so meinten sie, daß sich auch kläre, 
was Inhalt der Erkenntnis wäre. 

Diese unsterblichen Verse stammen aus dem Buch Die Philosophenwelt In Versen vorgestellt von Lutz Geldsetzer. Der gehört nicht der Neuen Frankfurter Schule an, wie man vermuten könnte, er ist ein richtiger Professor für Philosophie. So etwas gibt einem Hoffnung für das Fach. Ich kann mich heute auch sehr kurz fassen. Ich könnte natürlich sehr lang über Locke reden, weil der mal vor Jahrzehnten das Thema meiner mündlichen Doktorprüfung war, aber ich lasse das. Sagen wir einfach, dass er mit Hobbes zusammen auf dem Gebiet des Staatsrechts der wichtigste englische Philosoph des 17. Jahrhunderts ist. Und (ohne Hobbes) auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie überhaupt der wichtigste Philosoph ist. Gegen den common sense und die klare Sprache von Locke wirkt unser guter Immanuel Kant wie ein bedauerlicher Rückschritt der Philosophie.

Ich habe gestern Kurt Flasch herausgestellt, der uns, wie der hodegetos, der die blinden Pilger zum Gnadenbild der Madonna führt, zur mittelalterlichen Philosophie führen kann. Auch heute habe ich einige Wegführer für den Weg zu John Locke. Der amüsanteste ist Paul Strathern mit seinem Locke in 90 Minutes. Das ist ein Band aus der vorzüglichen ➱Philosophers in 90 Minutes Series. Ist etwas anspruchsvoller, weil 87 Minuten länger, als dieses dreiminütige ➱Video bei YouTube. Aber dennoch, man muss die Leistung von Paul Strathern in diesen light-hearted and idiosyncratic books (so der Verlagstext) bewundern.

Es ist auch kein Mangel an deutschsprachigen Einführungen in das Werk des Philosophen. In der Reihe der von Kurt Kusenberg begründeten rororo bildmonographien gibt es einen sehr guten Band von Udo Thiel, der (wie es das Wesen der Reihe ist) auch über den zurückhaltenden Menschen John Locke und seine Zeit sehr anschaulich informiert. Ist zwar leider vergriffen, aber man kann das Buch noch antiquarisch finden. Nicht vergriffen ist das Buch von Walter Euchner, das es in dieser exzellenten Zur Einführung Reihe des Hamburger Junius Verlags gibt. Das die NZZ bei seinem Erscheinen mit Es ist erfreulich, dass der Junius Verlag Walter Euchner als Autor für diese lesenswerte Locke-Monographie gewonnen hat kommentierte. Euchner hatte 1966 bei Iring Fetscher über John Locke promoviert, und Fetscher hatte auch dafür gesorgt, dass diese Dissertation in Buchform (bei der Europäischen Verlagsanstalt) einen größeren Leserkreis erreichte. 1996 erschien der Locke Band beim Junius Verlag, 2004 gab es eine überarbeitete Auflage. Und im Todesjahr von Euchner 2011 erschien die dritte Auflage. Daraus kann man sicher ablesen, dass John Locke doch noch Konjunktur hat.

John Locke bekommt von Zeit zu Zeit strange bedfellows, in den USA hat man ihn als Gewährsmann dafür zitiert, dass man keine wohlfahrtsstaatlichen Elemente in das amerikanische Sozialsystem integrieren dürfe. Aber wenn man sich das intellektuelle Niveau der politischen Diskussion in den USA betrachtet, wo gerade ein Mitt Romney als Präsidentschaftskandidat der Republikaner nominiert worden ist, dann mag man nicht an die Anfänge der Vereinigten Staaten zurückdenken. Als sie jemanden wie Thomas Jefferson hatten, der seinen John Locke sehr genau gelesen hatte und dessen Ideen von den bürgerlichen Freiheitsrechten in die Unabhängigkeitserklärung hinein geschrieben hatte.

Anders als ➱David Hume, den my love of literarey fame, my ruling passion interessierte, hat John Locke von sich selbst nicht viel Wesens gemacht. Wir haben nicht so furchtbar viele Bilder von ihm,  außer dem immer wieder reproduzierten, das Gottfried Kniller aus Lübeck gemalt hat. Der heißt jetzt Sir Godfrey Kneller und ist englischer Hofmaler, aber er ist kein wirklich guter Maler. Aber wenn man Knellers Bild aus dem Jahre 1697 (?), mit den zeitgenössischen Portraits von - in der Reihenfolge von oben nach unten: John Greenhill (1672 ?), Herman Verelst (1689) und Michael Dahl (1696) - vergleicht, können wir uns diesen John Locke ganz gut vorstellen. Zumindest äußerlich. Knellers Bild, das John Locke ohne Perücke und förmliche Kleidung zeigt (dafür kommt damals das Wort Negligé auf), hängt nicht in der National Gallery und nicht in der National Portrait Gallery. Der Enkel von ➱Horace Walpole hatte das von seinem Großvater geerbte Portrait in Geldnöten an die russische Zarin verkauft. Katharina wusste, was sie da kaufte, sie hatte ihren John Locke gelesen.

Lockes Grabstein, von dem er annahm, dass der bald so vergangen und vergessen sei wie er selbst (Memorat haec tabula brevi et ipse interitura), zieren lateinische Sätze. Von denen einer lautet: Hoc ex scriptis illius disce, quae quod de eo reliquum est majori fide tibe exhibebunt, quam epitaphii suspecta elogia. Wir würden mehr über ihn aus seinen Schriften erfahren, die ihn genauer zeigten als eine zweifelhafte Lobrede. Und in seinen Schriften ist er erstaunlich lebendig, auch noch nach 380 Jahren. Nehmen wir einmal den Anfang von An Essay Concerning Human Understanding:

I HAVE put into thy hands what has been the diversion of some of my idle and heavy hours. If it has the good luck to prove so of any of thine, and thou hast but half so much pleasure in reading as I had in writing it, thou wilt as little think thy money, as I do my pains, ill bestowed. Mistake not this for a commendation of my work; nor conclude, because I was pleased with the doing of it, that therefore I am fondly taken with it now it is done. He that hawks at larks and sparrows has no less sport, though a much less considerable quarry, than he that flies at nobler game: and he is little acquainted with the subject of this treatise - the UNDERSTANDING - who does not know that, as it is the most elevated faculty of the soul, so it is employed with a greater and more constant delight than any of the other. Its searches after truth are a sort of hawking and hunting, wherein the very pursuit makes a great part of the pleasure. Every step the mind takes in its progress towards Knowledge makes some discovery, which is not only new, but the best too, for the time at least.

Es lädt zum Weiterlesen ein. Aber kann man es - oder noch besser die Two Treatises of Government - Mitt Romney empfehlen? Der kann lesen und schreiben, er hat einen Doktortitel von der Harvard Universität. Wahrscheinlich kann man da inzwischen auch alles kaufen. Aber er braucht ja keine Philosophen zu lesen, dafür hat er seinen potentiellen Vizepräsidenten Paul Ryan. Der ist Philosoph. Ein bekennender Verehrer von Ayn Rand. Das ist die Frau, die einmal gesagt hat, dass sie an Philosophen nur die drei A's empfehlen könne: Aristoteles, Thomas von Aquin und Ayn Rand. Amerika, du hast es besser.

Dienstag, 28. August 2012

Augustinus


Augustinus (der am 28. August des Jahres 430 starb) ist in den Philosophievorlesungen, die ich in meinem Studium hörte, nicht vorgekommen. Alle meine Lieblinge, Montaigne, Kierkegaard und Schopenhauer übrigens auch nicht. In den Lehrveranstaltungen der Kunstgeschichte und der Literaturwissenschaft kam irgendwie mehr Philosophie vor als bei den Philosophen. Ich gewann den Eindruck, dass die venia legendi im Fach Philosophie den Professor in den Stand versetzte, für den Rest des Beamtenlebens seinen philosophischen Hobbies (oder dem Segelsport) nachzugehen. Auf jeden Fall schienen sie Voltaires Il faut cultiver notre jardin als Maxime zu haben.

Eigentlich hatte ich mir von dem Fach Philosophie erhofft, dass es einen systematischen Überblick über die Geschichte der Philosophie vermittelte, aber das war wohl zu viel verlangt. Allerdings studierte ich zu einer Zeit, als Karl Marx auf der Straße gerade zu dem wichtigsten deutschen Philosophen erklärt worden war, und es (deshalb?) an der Universität ein Überangebot an Hegel gab. Sehr hinderlich beim Studium war auch die Tatsache, dass die meisten Dozenten vielleicht irgendwelche philosophischen Qualitäten besitzen mochten, ihre pädagogischen Fähigkeiten bei der Wissensvermittlung aber gegen Null tendierten. Was bei den alten Griechen der Dialog gewesen war, war hier zum Monolog verkommen. Der auch noch von schlechten Schauspielern dargeboten wurde, die von Zeit zu Zeit auf ungereinigten Tafeln mit krakeligen Zeichnungen zu verdeutlichen suchten, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Meinem Studium der ➱Kunstgeschichte verdanke ich sehr viel, meinem Studium der Philosophie verdanke ich eigentlich gar nichts. Allgemeine Weisheiten und philosophische Plattitüden vermittelten einem ja auch Taxifahrer und Kneipiers, die meist auf ein abgebrochenes Philosophiestudium zurückblicken konnten. In einem Lokal unten an der Küste im Rotlichtbezirk gab es einen Rausschmeißer, der perfekt im Altgriechischen war und Nietzsche verehrte. Heute kriegt man mit einem Studium der Philosophie mit Magisterabschluß oder im Nebenfach viel Sendezeit beim Fernsehen eingeräumt, wie man an ➱Thea Dorn oder ➱Richard David Precht sehen kann.

Aber wenn die Verhältnisse an der Universität auch nicht so waren, dass man ohne ἀπορία ein Freund der Weisheit werden konnte, habe ich doch niemals aufgehört, die Schriften von Philosophen zu lesen. Das haben mir die staatlich alimentierten Universitätsphilosophen nicht austreiben können. Eigentlich war die Situation ja auch sehr schön - je magerer das Lehrangebot war, desto mehr gab es für einen selbst zu entdecken. Und die Philosophen standen mit ihren Hauptwerken auf dieser Liste des St John's College, die ➱Fred M. Hechinger in seinem Artikel über die Lage der amerikanischen Universitäten im Heft 16 der Zeitschrift ➱Perspektiven zitierte. Die Liste der Great Books war mir zu einer Richtschnur geworden - ich habe mit einer gewissen Rührung festgestellt, dass es sie immer noch gibt. Man kann sie ➱hier im Internet lesen. Sie ist nach einem halben Jahrhundert ein wenig abgemagert worden, von Augustinus stehen nur noch die Bekenntnisse auf der Liste, De civitate Dei ist gestrichen. Ich möchte jetzt diese Liste, die zu einem Programm der Allgemeinbildung des St John's Colleges gehört, ungern in Kontrast zu einem Bologna-Studiengang setzen. Mit einem schönen Gruß an Frau Schavan möchte ich aber den Spruch If you think education is expensive, try ignorance zitieren.

Augustinus war ganz und gar meine eigene Entdeckung, als mir die von William Watts übersetzten Confessions in der Reihe der Loeb Classical Library in die Hände fielen. Handliches Format, außen quietscherot, innen links Latein, rechts Englisch. Der Millionär James Loeb hatte der Harvard Universität eine schöne Summe gestiftet, damit diese Klassikerreihe gegründet werden konnte. Man hat ja nicht so häufig Bankiers, die Altphilologen sind. Als er sich aus dem Geschäft zurückzog, ist er nach München gezogen. Wo er zuerst in der ➱Rumfordstraße wohnte, etwas anderes geht für Deutschamerikaner ja nicht.

Ich habe Augustinus vor einiger Zeit neu entdeckt. Weil ich im Antiquariat ➱Eschenburg für sieben Euro fünfzig den Band Augustinus aus der Reihe Philosophie Jetzt! kaufte. Ausgewählt und vorgestellt von Kurt Flasch (links). Die 20-bändige Reihe Philosophie Jetzt!, die von Peter Sloterdijk herausgegeben wird, ersetzt ja ein ganzes Philosophiestudium. Es gibt Bildungshilfe allerorten, die Liste der Great Books des St John's College, die Loeb Classical Library, die Reihe Philosophie Jetzt! Und natürlich Kurt Flasch. Der hat gerade den hoch dotierten und hoch angesehenen Joseph Breitbach Preis bekommen, seit seiner Emeritierung im Jahre 1995 scheint er nur noch Preise zu bekommen. Er bekommt offensichtlich auch viel Kritik, wie ich diesem ➱Video bei YouTube und den Kommentaren entnehmen kann. Ein Teil der Kritik richtet sich gegen seine Übersetzung von Dantes Göttlicher Komödie. Dazu kann ich nix sagen, weil ich nur die schöne alte Ausgabe des Atlantis Verlags mit der Übersetzung von Karl Vossler besitze. Auf einem etwas höheren Niveau als dem YouTube Video ist Kurt Flasch von dem Philosophen Vittorio Hösle angegriffen worden. Den nannte man früher einmal den Boris Becker der Philosophie, aber ich glaube, ich lasse das mal weg. Flasch kann sich selbst wehren, die Polemik gehört bei ihm zum Repertoire. Glücklicherweise haben seine intellektuellen Fähigkeiten im Alter nicht nachgelassen.

1958 war der Band Augustinus in Rowohlts verdienstvoller Reihe rowohlts monographien von Henri Marrou verfasst, das war damals sicherlich das state-of-the-art Buch. Ein halbes Jahrhundert später geht nichts mehr ohne Kurt Flasch. Denn wenn heute jemand in der Lage ist, das philosophische Denken im Mittelalter zu vermitteln, dann ist das Flasch. Nicht nur, weil Das philosophische Denken im Mittelalter der Titel eines seiner Bücher ist (bei Reclam erschienen, 807 Seiten stark). Dies Buch aus dem Jahre 1986 ist 2000 in überarbeiteter Fassung neu aufgelegt worden ist, war einige Zeit ausverkauft, ist jetzt aber wieder lieferbar. Ein Rezensent hatte das Buch bei seinem Erscheinen als quellennah, frisch und unprofessoral beschrieben. Das Zitat hat Flasch im Vorwort zur zweiten Auflage mit Dank wieder aufgenommen, denn das wollte er, frisch und unprofessoral sein. Eine verständliche Geschichte der Philosophie von Augustinus bis Machiavelli schreiben. Nicht nur theoretische Schriften referieren, sondern zeigen, was eine philosophische Schrift in ihrer Zeit bedeutet, und wie eine bestimmte Epoche mit ihren sozialen Gegebenheiten in eine Philosophie eindringt. Wenn man so will, ist es auch eine Sozialgeschichte der mittelalterlichen Philosophie (hier spürt man die Einflüsse der französischen Annales Schule). Und das alles, bei aller Gelehrsamkeit des Autors, in einer klaren, verständlichen Sprache. Ohne philosophisches Gewese und theoretische Verquastheit. Als das, was unser sogenanntes Abendland ausmacht, in Entwicklungslinien, von der Antike bis zur Renaissance. Wobei Flasch einer der wenigen ist, der auch dem Morgenland Gerechtigkeit widerfahren lässt, das hat er auch in ➱Interviews immer wieder betont. Es gibt keinen direkten Weg von den alten Griechen zu uns, die arabischen Gelehrten sind dazwischen. Seien wir ihnen dankbar.

Als eine Art Komplementärband zu dem Buch gab es bei Reclam, wiederum von Flasch herausgegeben, einen Band in der Reihe Interpretationen: Hauptwerke der Philosophie Mittelalter. Hier interpretiert Flasch Augustinus' Hauptwerk De civitate Dei, und er macht das in seiner unnachahmlichen Art. Klar und verständlich, frisch und unprofessoral. Wobei er erst einmal mit all den Vorurteilen gegen die Schrift von Augustinus aufräumt, wie zum Beispiel der Behauptung, dass sie ein Manifest der päpstlichen Weltherrschaft sei. Denn natürlich ist in anderthalbtausend Jahren viel in das Werk des algerischen Bischofs hinein interpretiert worden, was so bei ihm nicht steht. Wie die angebliche Rechtfertigung eines gerechten Krieges.

Der Augustinus von Kurt Flasch ist ein anderer als der Augustinus des jetzigen Papstes. Und natürlich ein anderer, als der, den uns ➱Karlheinz Deschner präsentiert. Es gibt bei Reclam noch einen weiteren Band von Kurt Flasch, der Augustin: Einführung in sein Denken heißt und auch über 500 Seiten stark ist. Flasch sagt da in seinem Vorwort, dass er die Textarbeit und Diskussion von Argumenten suche und erbauliche Sprüche, christlich-existentialistische Besinnlichkeit und theologische Belletristik vermeiden wolle. Ach, hätte das doch zu meinen Studentenzeiten ein Philosophieprofessor einmal laut gesagt!

Im großen Supermarkt der Geistesgeschichte können wir heute ans Regal gehen und einen Band der Werke von Augustinus herausnehmen. Tolle lege, nimm und lies. Wir brauchen dazu keine Stimme zu hören, die bei Augustinus angeblich die Bekehrung bewirkt hat. Wir können das Buch in unseren Einkaufskorb tun, es beobachtet uns kein Warenhausdetektiv des Vatikans. Wir gehen zur Kasse, es fragt uns niemand nach unserer Religionszugehörigkeit. Die Confessiones, herausgegeben und kommentiert von ➱Kurt Flasch und Burkhard Mojsisch (mit einer Einleitung von Kurt Flasch) kosten 14,80 €. Lesen müssen wir es selbst. Wir dürfen dabei unsere Zweifel haben, ob dies wirklich alles so gewesen ist, die Confessions von Rousseau sind auch eher schöne Literatur als die Wahrheit. Augustinus' Confessiones sind eine Erzählung, und Erzähler sind nicht immer zuverlässig, credituri tamen volunt, numquid cognituri? dicit enim eis caritas, qua boni sunt, non mentiri me de me confitentem, et ipsa in eis credit mihi. Wir glauben ihm das mal. Noli foras ire, in te ipsum redi, in interiore homine habitat veritas.

Sonntag, 26. August 2012

Jogginghosen


Ich habe gerade ein Farbphoto geschenkt bekommen. Auf dem ist Karl Lagerfeld zu sehen. Und der Satz Wer Jogginghosen anzieht, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Ich nehme einmal an, dass der Satz wirklich von ihm ist. Ich habe mich gleich für das schöne Geschenk bedankt. Es bekommt bei mir einen Ehrenplatz. Bei den Jogginghosen. Nein, das ist jetzt ein Scherz, ich besitze gar keine Jogginghose, ich besitze allerdings auch nichts von Karl Lagerfeld. Es hat mich immer wieder fasziniert, dass dieser Mann des geistvollen Aphorimus, diese Ikone des Stils, dieser arbiter elegantiarum etc. etc., unter seinem Namen drittklassige Klamotten verkauft.

Wie alle Bilder lässt auch das Bild Wer Jogginghosen anzieht, hat die Kontrolle über sein Leben verloren eine Vielzahl von Interpretationen zu. Meine erste Reaktion war der Satz: So wie Du aussiehst, Karl, hast Du die Kontrolle über Dein Leben schon lange verloren. Irgendwie sieht er ein klein wenig zombiemäßig aus, der gute Karl, der auch einmal gesagt hat: Das Leben ist kein Schönheitswettbewerb. Was ich hasse, sind dumme, hässliche Menschen. Das sind die Worte eines Mannes, der eigentlich wie Oscar Wilde in das fin de siècle gehört.

Und der bestimmt in seiner Bibliothek, die 300.000 Bücher umfassen soll, auch ein Exemplar von The Picture of Dorian Gray hat. Und auch Thomas Mann wird da nicht fehlen: Wie irgend ein Liebender wünschte er, zu gefallen und empfand bittere Angst, daß es nicht möglich sein möchte. Er fügte seinem Anzuge jugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an und benutzte Parfüms, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit für seine Toilette und kam geschmückt, erregt und gespannt zu Tische. Angesichts der süßen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib, der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszüge stürzte ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich körperlich zu erquicken und wiederherzustellen; er besuchte häufig den Coiffeur des Hauses. 

Der ultimative Kommentar zum Thema Jogginghose ist von dem Berliner  Karikaturisten Olaf Schwarzbach. Der signiert mit OL, und man kann seine Cartoons unter anderem in der Zeit sehen. Diese kolorierte Zeichnung hat den Titel Reinkarnation und datiert aus dem Jahre 2012. Man kann das Original ➱hier für dreihundert Euro bestellen. Für das Geld kriegt man bei Ebay schon einen Kleiderschrank voll Lagerfeld Klamotten, das Zeug will ja niemand haben. Und wenn man noch eine Saison wartet, bringt Lagerfeld vielleicht doch  noch eine Lagerfeld Jogginghose heraus, der Rest von Paris hat so etwas ja schon auf seinen Catwalks gezeigt.

Natürlich kann man auch im Alter von Karl Lagerfeld Jogginghosen tragen. Man muss das aber mit Stil tun. Da fällt mir natürlich Sir Jimmy Savile ein (nein, die Savile Row ist nicht nach ihm benannt), der den Jogging Anzug zu seinem Markenzeichen gemacht hatte. Als ihn die Königin zum ➱Ritter schlug, hat er allerdings keinen shell suit getragen. Neben seinen farbenprächtigen Jogging Anzügen besaß er auch diesen bunten Superman Anzug, der hier in dem Post ➱Swinging London schon einmal zu sehen war. Auf dem Photo war er mit einer anderen Stil Ikone zu sehen, nämlich mit Prince Charles. Der konnte immer gut mit solchen Menschen wie Jimmy umgehen, er hatte ja auch Spike Milligan damals zu seiner Hochzeit eingeladen.

Sir Jimmie Savile ist vor einem Jahr gestorben, Charles hat es sich damals nicht nehmen lassen, öffentlich zu kondolieren: The Prince of Wales and the Duchess of Cornwall were saddened to hear of Jimmy Savile's death and their thoughts are with his family at this time. Wie es sich für den King of Bling gehörte, wurde er in einem ➱vergoldeten Sarg beerdigt. Vor Wochen hat man seinen Besitz bei einer ➱Auktion verkauft. Da hätte man einen Jimmy Savile tracksuit schon für 190 Pfund bekommen können (der goldene brachte 550 £). Sein Rolls Royce erzielte 130.000 £, die brillibesetzte Rolex 30.000 £, die quietschegelbe BMW Isetta 22.000 £. Er hatte testamentarisch verfügt, dass alles für einen guten Zweck verkauft wurde. Denn für gute Zwecke hatte Jimmy Savile sein Leben lang Geld gesammelt, mehr als vierzig Millionen Pfund sind so zusammengekommen. Wenn man so etwas macht, dann darf man auch Jogginghosen (und eine Rolex mit Brillanten) tragen.


P.S. Die aktuellen Ereignisse haben diesen Post eingeholt. Man kann ihn jetzt nicht mehr ohne den Post ➯Jimmy Savile lesen.

Samstag, 25. August 2012

Thomas Chatterton


Es ist eins der ersten Bilder, die Henry Wallis gemalt hat, es ist auch sein berühmtestes Bild. John Ruskin war davon begeistert: Faultless and wonderful: a most noble example of the great school. Examine it well inch by inch: it is one of the pictures which intend and accomplish the entire placing before your eyes of an actual fact - and that a solemn one. Give it much time. Es ist nicht schwer, es inch by inch zu studieren, das Bild in der Tate Gallery ist nicht sehr groß. Die Viktorianer lieben ja diese narrative paintings, im Wasser treibende Ophelias, auf dem Fußboden liegende Ehebrecherinnen und so'n Zeug. Sentimentalität, Melodrama und ein verlogener Appell an die Emotionen kommen im Goldrahmen beim Publikum gut an. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass Augustus Egg, dem wir diese schaurig schöne ➱Past and Present Serie verdanken, das Bild gekauft hat. Ich gebe ja gerne zu, dass ich seit Jahrzehnten auch eine Postkarte von dem Chatterton Bild besitze, ich bin für jede Sorte Kitsch empfänglich. Ich würde es aber, im Gegensatz zu Ruskin, nicht für große Kunst halten.

Das Dachzimmer mit dem Ausblick auf London erinnert ein wenig an das Bild, das ➱Benjamin West von dem General ➱Kosciouszko gemalt hat. Auch da haben wir eine Chaiselongue, die Kathedrale von St Paul's im Hintergrund und Papier auf dem Boden. Aber hier liegt keine Phiole auf dem Boden, hier verlöscht nicht gerade die Kerze auf dem Tisch. Dicker kann man die Symbolik ja nicht auftragen.  Man kann natürlich noch Cut is the branch that might have grown full straight And burned is Apollo's laurel bough drunterschreiben, dann hält es John Ruskin für große Kunst. Eine andere Generation würde wahrscheinlich mit der Spraydose live fast, die young, leave a pretty corpse dazu setzen.

Aber man hat das Bild niemals weggeräumt, wie so vielen viktorianischen Kitsch, der im Magazin verschwand. Denn offensichtlich bedeutet der Dichter, den zu seinen Lebzeiten niemand beachtete, nach seinem Tod für jede Generation etwas Neues. Auf jeden Fall seit Keats sein ➱Sonett auf Chatterton und seit ➱Wordsworth I thought of Chatterton, the marvellous Boy / The sleepless Soul that perished in his pride geschrieben hatte. Der Chatterton Kult hat längst begonnen, als Wallis sein Bild malt. Und er hält noch immer an, ich zitiere dazu einmal die köstlich freche Bloggerin Molly Flatt aus dem Blog des GuardianHenry Wallis has a lot to answer for. On exhibition in 1856, his deliciously necrophilic painting of the 17-year-old poet Thomas Chatterton – lolling in a garret, poisoned by his own elegantly consumptive hand and blighted by the unappreciative cruelty of the cold hard world – became instantly, and enduringly, iconic. Forget Benjamin Zephaniah or Carol Ann Duffy; this skinny eighteenth century Emo kid with a penchant for self-harm and a dodgy taste in cornflower blue pantaloons still epitomises most people's notion of what a poet should be. The stereotype may be romantically appealing, but it's also alienating and disempowering. In a time when we have such a diverse and modern poetry scene, why does it still have such an abiding hold?

Das Modell für den Dichter auf dem Bild von Henry Wallis ist sein Freund, der damals noch erfolglose Schriftsteller George Meredith,  gewesen. Der hatte gerade mit The Shaving of Shagpat seinen ersten Roman geschrieben. Jetzt schlüpft er in die Rolle von Chatterton und
nimmt für Wallis diese romantische Todespose ein. In der Wirklichkeit hat der tote Chatterton wohl etwas anders ausgesehen: he was found the next morning a most horrid spectacle, with limbs and features distorted as after convulsions, a frightful and ghastly corpse. Wallis wird mit dem Bild berühmt, Meredith mit The Shaving of Shagpat nicht. Wenig später wird Henry Wallis mit Meredith' Frau Mary Ellen (hier von ihm gezeichnet) durchbrennen. Da schreibt Meredith The Ordeal of Richard Feverel, einen Roman, in dem die Frau des Titelhelden mit einem Dichter durchbrennt und ihm die Erziehung des Kindes überlässt. Und er verarbeitet seinen Verlust in einem Zyklus von fünfzig ➱Sonetten, der Modern Love heißt, und der so beginnt:

By this he knew she wept with waking eyes:
That, at his hand's light quiver by her head,
The strange low sobs that shook their common bed
Were called into her with a sharp surprise,
And strangled mute, like little gaping snakes,
Dreadfully venomous to him. She lay
Stone-still, and the long darkness flowed away
With muffled pulses. Then, as midnight makes
Her giant heart of Memory and Tears
Drink the pale drug of silence, and so beat
Sleep's heavy measure, they from head to feet
Were moveless, looking through their dead black years,
By vain regret scrawled over the blank wall.
Like sculptured effigies they might be seen
Upon their marriage-tomb, the sword between;
Each wishing for the sword that severs all.


Das braucht Mary Ellen Meredith aber nicht mehr zu lesen, denn drei Jahre nach dem elopement ist sie schon tot. Yea! filthiness of body is most vile, / But faithlessness of heart I do hold worse. Aber ➱Modern Love ist keine rührselige Abrechnung des gehörnten Gatten, hat nichts mit dem Kitsch zu tun, denn Augustus Egg in Past and Present präsentiert. Hier in der Abbildung die Nummer Eins des vierteiligen viktorianischen respectability Cartoons.

Modern Love ist eine schonungslose Analyse dessen, was damals den Namen Woman Question bekommt, Mary Shelleys A Vindication of the Rights of Woman: with Strictures on Political and Moral Subjects aus dem Jahre 1792 erweist sich in der viktorianischen Ära als Sprengstoff mit Spätwirkung. John Stuart Mills ➱The Subjection of Women hat seine Wirkung sofort. Meredith, der in seinen Romanen auf viele Leser wie einer dieser viktorianischen Langweiler wirkt, besitzt in seinem Werk (im wirklichen Leben vielleicht nicht) erstaunlicherweise ein feines Gespür für die Fragen der Zeit, wird beinahe zu einem feministischen Schriftsteller. So wenn er in Diana of the Crossways die Heldin sagen lässt: we women are the verbs passive of the alliance, we have to learn, and if we take to activity, with the best intentions, we conjugate a frightful disturbance. We are to run on lines, like the steam-trains, or we come to no station, dash to fragments. I have the misfortune to know I was born an active. I take my chance...

Im kurzen Leben von Thomas Chatterton gibt es keine Frauen. Nur die Mutter und die Schwester, die den kleinen Engel, der ohne Vater aufwächst, abgöttisch lieben und verzärteln. Charles Bonnycastle Willcox, der Herausgeber der Werkausgabe von 1842, sagt im Vorwort: A question arises, from the perusal of this letter, respecting the amatory inclinations of Chatterton. His was scarcely a disposition to fall in love, though he here confesses to three-and-twenty flames. Sparks only they must have been, — not actual flames, with a smoke to them. Und schon 1803 hatte George Gregory, einer der ersten Biographen von Chatterton, geschrieben: He was for a considerable time remarkably indifferent to females. He declared to his sister, that he had always seen the whole sex with perfect indifference, except those whom nature had rendered dear. He remarked, at the same time, the tendency of severe study to sour the temper and indicated his inclination to form an acquaintance with a young female in the neighbourhood, apprehending that it might soften that austerity of temper which had resulted from solitary study. The juvenile Petrarch wanted a Laura, to polish his manners and exercise his fancy. Hat er seine Laura gefunden? Hat er sich bei ihr eine Geschlechtskrankheit geholt, die er mit Arsen und Opium zu bekämpfen suchte?

Thomas Chatterton ist am 25.8.1770 gestorben. Als ich so alt war wie der Selbstmörder, hatte ich eine schlimme Chatterton Phase. Ich las Ernst Penzoldts Der arme Chatterton und Hans Henny Jahnns gerade in Suhrkamps Spectaculum 11 publiziertes Theaterstück Thomas Chatterton. Mein Chatterton Phase ging vorüber. Spätestens, als ich Chaucer las. Der natürlich besser ist als dies schwache Imitat der ➱Rowley Poems. Und was Literaturfälschungen betrifft, kommt das auch nicht an den ➱Ossian heran. Ich habe gestern noch einmal alles von Chatterton gelesen, was in dem kleinen blauen Band der Oxford University Press English Verse: From Dryden to Wordsworth enthalten ist, aber da sprang nix von der alten Magie über. Ich ertappte mich dabei, dass ich anfing, John Dyers ➱Grongar Hill und ➱James Thomsons The Seasons zu lesen. Die Gedichte von the marvellous Boy / The sleepless Soul that perished in his pride hatten den Reiz verloren, den sie einmal gehabt hatten.

Das Leben von Chatterton hat von den Romantikern bis Peter Ackroyd immer wieder Schriftsteller angeregt, über ihn zu schreiben. Die Romantiker waren ja ganz hin und weg von ihm, sie werden alle über ihn schreiben (außer Byron, der hält sich bedeckt). Um noch einmal Molly Flatt zu zitieren: However, it was the self-mythologising 19th-century Romantics, with their trembling apprehensions of the sublime, who really cemented the impression that a poet's life must be as incompetent as his art is transcendent. Chatterton hat Glück, dass sein Tod mit dem Höhepunkt des Geniekults zusammenfällt. Wenn man erst einmal zum Genie erklärt worden ist, kann einem das niemand mehr nehmen. Und ein früher Tod macht einen Dichter natürlich für die Nachwelt interessant, das ist schon, wie Molly Flatt richtig sagt, ein Stereotyp geworden: The stereotype may be romantically appealing, but it's also alienating and disempowering. In a time when we have such a diverse and modern poetry scene, why does it still have such an abiding hold?

Die Hälfte der englischen Dichter der Romantik wird nicht sehr alt. We Poets in our youth begin in gladness; But thereof comes in the end despondency and madness, sagt Wordsworth, der sie alle überlebt. Keats wird sechsundzwanzig, Shelley ertrinkt mit dreißig, und Lord Byron stirbt mit sechunddreißig. Am Strand von Viareggio begraben zu werden oder in Missolonghi im griechischen Freiheitskampf am Wundfieber zu sterben, ist natürlich viel spektakulärer als in London in einer Dachkammer in der Brook Street zu sterben. Bei Amazon.com kann man für 29.95 $ ein Photo Jigsaw Puzzle of Chatterton's House, Brook Street, 1857 kaufen. Ich weiß jetzt nicht, für welche Zielgruppe das kalkuliert ist.

I find, for example, that they exaggerate the cases of Hegesippe Moreau, Chatterton, and others in an unwarranted manner. Hegesippe Moreau was a second-rate poet. His great cleverness was in dying as he did. If he had lived no one, perhaps, would have known his name. You can pity the poor devils whom literary ambition kills in the garrets ; but it is silly to regret their talent. It is a crime to support the pride of men of no ability. The writer who is big with a world always brings forth that world. Das sind böse Worte, die Emile Zola hier sagt - aber schon Baudelaire konnte der Dichtung von Hégésippe Moreau, dem französischen Chatterton, nichts abgewinnen. Doch man sollte den Gedanken von Zola nicht beiseite schieben. Was würden wir von dem dichterischen Werk Chattertons halten, wenn er nicht mit siebzehn in der Dachkammer in der Brook Street gestorben wäre?

Es ist keine Schande, wenn ein deutscher Leser nicht weiß, daß es einen englischen Dichter Thomas Chatterton (1752 bis 1770) wirklich gegeben hat, beginnt Ernst Penzoldt 1928 sein Nachwort zu dem Roman Der arme Chatterton: Geschichte eines Wunderkinds. Wenn Ihnen der Name Chatterton bisher überhaupt nichts sagte und Sie heute bei mir eine von diesen hübschen kleinen Lebensskizzen vermissen, die ich sonst immer so schreibe, kann ich Ihnen nur Niels Höpfner ans Herz legen. Als ich seinen hervorragenden Artikel ➱Ein Wunderkind aus England: Zum 250. Geburtstag von Thomas Chatterton aus dem Jahre 2002 im Netz entdeckte, sagte ich mir: mit dem konkurrierst du nicht. Den empfiehlst du zur Lektüre. Und was ich natürlich unbedingt zur Lektüre empfehle, ist Ernst Penzoldts Roman Der arme Chatterton. Auf die Gefahr hin, dass ich das in dem Post über ➱Penzoldt schon einmal gesagt habe: man kann gar nicht genug Ernst Penzoldt lesen. Und er ist auch viel netter zu Chatterton als ich: Es gibt Engel. Chatterton konnte einer sein, einer von den flügellosen Engeln, jenen halb wirklichen, halb jenseitigen Wesen, die Gesichte, manche (nun quälende) Fähigkeiten und Sehnsucht (des Fliegens etwa) behalten haben aus dem andern Reich.

Donnerstag, 23. August 2012

Nymphos


She was twenty or so, small and delicately put together, but she looked durable. She wore pale blue slacks and they looked well on her. She walked as if she were floating. Her hair was a fine tawny wave cut much shorter than the current fashion of pageboy tresses curled in at the bottom. Her eyes were slate-grey, and had almost no expression when they looked at me. She came over near me and smiled with her mouth and she had little sharp predatory teeth, as white as fresh orange pith and as shiny as porcelain. They glistened between her thin too taut lips. Her face lacked colour and didn't look too healthy. Das ist ja nun nicht gerade die feine englische Art, wie Philip Marlowe hier in The Big Sleep die Tochter des Generals Sternwood beschreibt: predatory teethher thin too taut lips, her face lacked colour and didn't look too healthy. Später wird er über ihre Augen sagen: Her eyes became narrow and almost black and as shallow as enamel on a cafeteria tray. Raymond ➱Chandler findet immer wieder Bilder und Vergleiche, für die ihn die Metaphysical Poets beneidet hätten.

Als professionelle Krimileser sind wir natürlich gewarnt, wenn uns junge Frauen so beschrieben werden. Vor allem, wenn sie auch noch am Daumen lutschen: She put a thumb up and bit it. It was a curiously shaped thumb, thin and narrow like an extra finger, with no curve in the first joint. She bit it and sucked it slowly, turning it around in her mouth like a baby with a comforter. Wenige Augenblicke später hat Marlowe die junge Frau in den Armen. Das ist eine dieser Konventionen der hard-boiled novels, wie es auch eine der Konventionen ist, dass diese leicht verruchten Frauen immer blond sind. Eine Beschreibung wie A blonde to make a bishop kick a hole in a stained glass window ist natürlich typisch Raymond Chandler.

"You didn’t say anything. You’re just a big tease.” She put a thumb up and bit it. It was a curiously shaped thumb, thin and narrow like an extra finger, with no curve in the first joint. She bit it and sucked it slowly, turning it around in her mouth like a baby with a comforter.
“You’re awfully tall,” she said. Then she giggled with secret merriment. Then she turned her body slowly and lithely, without lifting her feet. Her hands dropped limp at her sides. She tilted herself towards me on her toes. She fell straight back into my arms. I had to catch her or let her crack her head on the tessellated floor. I caught her under her arms and she went rubber-legged on me instantly. I had to hold her close to hold her up. When her head was against my chest she screwed it around and giggled at me.
“You’re cute,” she giggled. “I’m cute too.”
I didn’t say anything. So the butler chose that convenient moment to come back through the French doors and see me holding her.
It didn’t seem to bother him. He was a tall, thin, silver man, sixty or close to it or a little past it. He had blue eyes as remote as eyes could be. His skin was smooth and bright and he moved like a man with very sound muscles. He walked slowly across the floor towards us and the girl jerked away from me. She flashed across the room to the foot of the stairs and went up them like a deer. She was gone before I could draw a long breath and let it out.
The butler said tonelessly: “The General will see you now, Mr. Marlowe.”
I pushed my lower jaw up off my chest and nodded at him. “Who was that?”
“Miss Carmen Sternwood, sir.”
“You ought to wean her. She looks old enough.”
He looked at me with grave politeness and repeated what he had said.


Das sind so die Szenen, die wir bei Chandler lieben. Und wir lieben es auch, wie er so ganz nebenbei den Fußboden mit dem Adjektiv tessellated versehen hat, das könnte fehlen, aber Chandler hat nun mal diesen Hang zum kleinen Detail. Wenige Zeilen darüber konnten wir lesen: Above the mantel there was a large oil portrait, and above the portrait two bullet-torn or moth-eaten cavalry pennants crossed in a glass frame. Wunderbar ist natürlich dieses nachgestellte moth-eaten. Und da wir gerade bei kleinen Details sind: achten Sie einmal auf das Knopfloch auf dem Revers. Normalerweise würde man sagen, dass das Photo falsch herum kopiert ist. Aber nein, Humphrey Bogart trägt in diesem Film Sakkos, bei denen das Knopfloch auf der falschen Seite ist.

Natürlich haben wir in diesem Blog (wo sonst?) auch dafür eine Erklärung. Und die heißt James Oviatt (1888-1974). Der ➱Besitzer des luxuriösesten ➱Art Déco ➱Klamottentempels von Los Angeles war der Meinung, dass die Blume im Knopfloch und das Ziertüchlein in der Brusttasche dem Jackett eine zu große Betonung auf der linken Seite gäben. Deshalb wanderte das Knopfloch bei seinen Jacketts Ende der dreißiger Jahre auf das rechte Revers, sodass sich Boutonnière und Ziertuch ausbalancierten. Solche Sorgen hat man wohl nur in Hollywood, der Rest der Nation hat in der Great Depression andere Sorgen. Vielleicht will Oviatt mit diesem modischen Firlefanz auch nur davon ablenken, dass er gerade dem Konkurs entkommen ist. Aber wie wir diesem Etikett entnehmen können, wird der Laden noch lange florieren. Wir können wohl mit Sicherheit annehmen, dass Bogie seinen eigenen Anzug trägt (was er häufig in Filmen tat), und dass der Anzug aus dem Laden von Oviatt stammt. Bogie ist nicht der einzige aus dem Filmgeschäft, der hier einkauft; Oviatt zählt Cecil B. DeMille, John Barrymore, Gary Cooper, Errol Flynn, Clark Gable und Adolphe Menjou zu seinen Kunden. Philip Marlowe hätte sich da wohl keinen Anzug leisten können.

In die Arme fallen darf Carmen Sternwood unserem Detektiv mit dem Oviatt Anzug, aber ansonsten verändert der Film doch sehr viel. Man hat damals Angst vor der Zensur (das bedeutet im Endprodukt in Deutschland: FSK ab 16). Also darf Carmen Sternwood nicht total bekifft und total nackt im Haus von Arthur Gwynn Geiger vor dem Photoapparat sitzen, das darf sie nur im Roman: She had a beautiful body, small, lithe, compact, firm, rounded. Her skin in the lamplight had the shimmering luster of a pearl. Her legs didn't quite have the raffish grace of Mrs. Regan's legs, but they were very nice. I looked her over without either embarrassment or ruttishness. As a naked girl she was not there in the room at all. She was just a dope. To me she was always just a dope.

Bekifft sein geht offensichtlich im Film, nackt geht nicht. Also denkt sich die Kostümabteilung für Carmen irgendetwas Orientalisches aus. Orientalisch ist natürlich ganz verworfen. Im Roman ist es der Pornohändler Geiger, der exotisch gekleidet ist: Geiger was wearing Chinese slippers with thick felt soles, and his legs were in black satin pajamas and the upper part of him wore a Chinese embroidered coat, the front of which was mostly blood. Bei solcher Beschreibung können wir uns als Leser ja unser Teil denken.

Und dann gibt es im Roman noch die Szene, als Carmen Sternwood nackt im Bett von Philip Marlowe liegt. Und kichert: The giggles got louder and ran around the corners of the room like rats behind the wainscoting. Das sind wieder diese Sätze, für die man Chandler bewundern muss. Die natürlich nie ihren Weg auf die Leinwand finden. Und natürlich bekommen wir keine nackte Carmen Sternwood auf der Leinwand zu sehen. Wir bekommen sowieso sehr wenig Carmen Sternwood auf der Leinwand zu sehen. Den Grund dafür, können wir einem Brief von Raymond Chandler an seinen englischen Verleger Hamish Hamilton vom 30. Mai 1946 entnehmen:

The 'Big Sleep' has had an unfortunate history. The girl who played the nymph sister, Martha Vickers, was so good she shattered Miss Bacall completely. So they cut the picture in such a way that all her best scenes were left out except one. The result made nonsense and director Howard Hawks threatened to sue to restrain Warners from releasing the picture. After long argument, as I hear it, he went back and did a lot of re-shooting. I have not seen the result of this. The picture has not even been trade-shown. But if Hawks got his way, the picture will be the best of its kind. Since I had nothing to do with it, I say this with some faint regret.

Und so dreht das Studio noch ein paar Szenen mit Bogie und Bacall, die auch ein klein wenig erotisch knistern. So, wenn die beiden in einem Nachklub sitzen und scheinbar über Pferde reden: Bacall: "...speaking of horses, I like to play them myself. But I like to see them work out a little first. See if they're front-runners or come from behind... I'd say you don't like to be rated. You like to get out in front, open up a lead, take a little breather in the back stretch, and then come home free...." Bogart: "You've got a touch of class, but I don't know how far you can go." Bacall: "A lot depends on who's in the saddle." Das geht im Hays Office gerade noch durch, aber wir wissen natürlich, dass die beiden nicht über Rennpferde reden.

Und was wird aus Martha Vickers, die die Carmen Sternwood gespielt hat? Der Regisseur Howard Hawks, der all die Frauen im Film nur die little bitches nennt, ist da zynisch bis zum Abwinken: Okay, she got her first salary check and went out and bought a lot of girly dresses with a lot of…little bows and ruffles and…she started playing a nice girl and they fired her after six months. And she came to me and said ‘What happened?’ I said, ‘You’re just stupid. Why didn’t you just keep playing that part?’ ‘Well, that was a nymphomaniac.’ ‘Look, it’s only a nymphomaniac because I told you so. They liked you on the screen. And you did such a good job of it because you weren’t trying to get sympathy or anything. You were a little bitch. Why didn’t you keep doing that?

Und damit ist die Karriere von Martha Vickers auch schon zu Ende. Das ist Hollywood, täuschen wir uns nicht. Wir brauchen uns über den frühen Tod von Marilyn Monroe nicht zu wundern. Lauren Bacall, die in der Kombination mit Bogie in To have and Have Not großen Erfolg hatte, wird jetzt ein Star. Ich bin froh, dass ich dieses Photo gefunden habe, weil Bogie hier noch ein Oviatt Jackett trägt, das ein Knopfloch auf dem rechten Revers hat! Hat sich modisch aber nicht durchgesetzt. James Oviatt wird seiner Kundschaft irgendwann wieder normale Jacketts offerieren, er selbst wird aber lange das Knopfloch am rechten Revers tragen.

Der Look von Lauren Bacall setzt sich natürlich durch, der heißt jetzt The Look. An so etwas arbeitet ein ganzes Filmstudio. Wenn man so will, ist Lauren Bacall das Kunstgeschöpf von Hawks' zweiter Frau Nancy Gross 'Slim' Hawks. Die hatte Bacall nämlich im Frühjahr 1943 in Harper's Bazaar entdeckt und sie gleich unter ihre Fittiche genommen. Die achtzehnjährige  Bacall war schon im Januar und im Februar 1943 in Harper's Bazaar zu sehen gewesen, im März hatte sie es auf das Titelbild geschafft. Es ist eins der perversesten Modephotos, das während des Krieges gemacht wurde. Wir wollen mal hoffen, dass die blonde Vampirella mit der blutroten Handtasche gerade vom Blutspenden kommt.

Die ➱Jahre mit Slim (hier bei der Hochzeit mit dem Trauzeugen Gary Cooper) sind für Howard Hawks künstlerisch seine beste Zeit. Obwohl er seiner Frau keinen Augenblick lang treu ist. Sie ihm auch nicht. Als sie ihn traf, war sie zwanzig - so alt wie Martha Vickers oder Dorothy Malone in The Big Sleep. Aber sie kommt aus der Partyszene von Hollywood, und alle Männer von Clark Gable bis Ernest Hemingway sind hinter ihr her. Mit zweiundzwanzig war sie auf dem Cover von Harper's Bazaar gewesen, jetzt ist sie Mrs Hawks und modelt Lauren (die noch Betty heißt) Bacall zu einem Abbild ihrer selbst um. Hawks' dritte Ehefrau Dee Hartford (die ihre Vorgängerin bewunderte) sagte über diesen Prozess: Slim was Lauren Bacall—I mean, just mannish, striding around with these great clothes and able to say four-letter words trippingly. And the wit.… Betty really emulated Slim—she became Slim.

Of course, it was Howard Hawks who changed my life, hat Lauren Bacall in einem Interview gesagt: Despite all of his great accomplishments—'Bringing Up Baby', 'Scarface', some of the best pictures to that date—his one ambition was to find a girl and invent her, to create her as his perfect woman. He was my Svengali, and I was to become, under his tutelage, this big star, and he would own me. And he would also like to get me into his bed, which, of course—horrors! It was the furthest thing from my mind. I was so frightened of him. He was the old gray fox, and he always told me stories of how he dealt with Carole Lombard and Rita Hayworth, how he tried to get them to listen to him and they didn’t, so they never got the parts they should have gotten, and their careers took much longer to take off.

Dorothy Malone wird auch ohne Howard Hawks noch Karriere machen. Natürlich nicht in Rollen wie der kleinen Buchhändlerin, die den Laden schließt, die Brille abnimmt und ihre Haare herunterlässt (We just did it because the girl was so damn good-looking), wenn Humphrey Bogart in den Laden kommt. Den einen Augenblick noch Blaustrumpf, den nächsten Augenblick Flittchen. So stellt sich Howard Hawks die Frauen vor. In einem Interview hat sie einmal gesagt, wie sie zu dieser Rolle gekommen war: Howard Hawks saw me at a western party where I was the only one dressed as an Indian. I had on a really short costume, black shoe polish in my hair and dark makeup all over me. Hawks asked to be introduced, and then called me in for an interview. He liked to act outrageous. He liked to throw people off, so you had to be very sharp and a little contrary. He preferred you to be a little contrary. But on the picture, we stopped at 3 o'clock and had tea, with the crumpets and the pinafores. We were treated royally, and Hawks let me do what I wanted in the scene, like pulling down the window shade. 

Martha Vickers und Dorothy Malone sind zwanzig, als der Film gedreht wird - Lauren Bacall, die irgendwie dank der Stilberatung von Slim Hawks erwachsener und damenhafter wirkt, ist einundzwanzig. Rita Hayworth ist in ➱Gilda (kam im gleichen Jahr wie The Big Sleep in die Kinos) achtundzwanzig. Hollywood offeriert allen G.I.s, die jetzt aus dem Krieg zurückkommen, neue weibliche Ideale. Wenn sie die nicht schon vorher - wie zum Beispiel Rita Hayworth - im Spind gehabt haben. Alle Frauen sind ein klein wenig nymphomanisch, oder ein good-bad girl, oder doch ein klitzeklein wenig anrüchig. Oder in den Worten von Howard Hawks: little bitches. Aber zehn Jahre später, wenn es keinen film noir mehr gibt, wenn die Zeiten so langweilig wie Eisenhower geworden sind, dann darf Dorothy Malone in Written on the Wind bei Douglas Sirk eine Nymphomanin spielen. Und spielt da Lauren Bacall an die Wand. Damals kriegt die kleine Martha Vickers schon keine Rollen mehr: You were a little bitch. Why didn’t you keep doing that?

I slapped her face. She blinked and stopped chuckling. I slapped her again - steht so bei Chandler im Roman. Marlowe versucht da die völlig weggetretene nackte Carmen Sternwood in die Wirklichkeit zurückzuholen. Aber wir finden dies I slapped her face auch in einer Vielzahl von pulp novels in dieser Zeit. Und die Filmszenen, in denen James Cagney in The Public Enemy eine halbe Grapefruit ins Gesicht von Mae Clarke presst, oder wenn Lee Marvin in The Big Heat Gloria Grahame heißen Kaffee ins Gesicht schüttet, sind ebenso wenig erfreulich wie die Attitüde von Hawks, in Frauen nur little bitches zu sehen. Als ich dieses Bild sah, musste ich es einfach kopieren. Cool. Da müsste nur die Bildunterschrift That's for you, Howard Hawks drunter. Denn wie sagte William Faulkner zu Dee Hartford (der dritten Frau von Howard Hawks) so schön: Miz Dee, I wouldn’t want to be a hoss, a dawg, or a woman around Mr. Hawks.

Die überarbeitete Fassung von The Big Sleep mit mehr Bacall und weniger Vickers kam am 23. August 1946 in die Kinos. So nett der Film ist, er ist nichts gegen den ➱Roman. Die Sprache von Chandler kann man nicht auf die Leinwand bringen. Wenn Sie alles über den Film wissen wollen, lesen Sie The Big Sleep von David Thomson, erschienen in der hervorragenden Reihe BFI Film Classics.

Dienstag, 21. August 2012

Der Reichsgraf von Rumford


Thomas Gainsborough hat ihn gemalt, ein Jahr bevor der englische König diesen Benjamin Thompson aus Amerika zum Ritter schlug. Er ist heute vor 198 Jahren in Auteuil gestorben, und ich nutze mal diese Gelegenheit, ihn meinen Lesern vorzustellen. Er ist irgendwie mein Liebling. Der self-made man hat ein Leben, aus dem man ein Dutzend Romane (oder Filme) machen könnte. Und ich kann nur hoffen, dass man ihn in Bayern heute noch kennt. Denn wenn Bayern in der Zeit der Aufklärung zu einem modernen Staat geworden ist (was Norddeutsche natürlich bezweifeln), dann ist das sein Verdienst.

Es ist ein langer Weg aus einem kleinen Kaff in Hamphire namens Rumford (heute Concord) über London und München bis Paris. Dort liegt er auf dem Friedhof von Auteuil begraben. Und was hat der Mann, der als Geheimagent  für die Engländer seine Laufbahn begann (wo er eine unsichtbare Tinte erfand), nicht alles an Titeln angehäuft! Um einmal nur im militärischen Bereich zu bleiben: Major in der amerikanischen Miliz, Oberst im englischen Heer, General in der bayrischen Armee. Und dabei ist das eigentlich gar nicht sein Metier, seine Verdienste liegen auf einem ganz anderen Feld. Und wenn Sie sich jetzt fragen, was dieser Kamin hier soll, so habe ich natürlich dafür auch eine Erklärung.

In Bayern macht der ehemalige Unterstaatssekretär für Amerika Sir Benjamin, der über keine abgeschlossene Schulbildung verfügt, eine erstaunliche Karriere. Man macht ihn zum Generalmajor, Generalleutnant, Oberkommandierenden der Armee, Kriegsminister und Polizeichef. Und der bayrische Kurfürst erhebt Thompson als Graf von Rumford in den Reichsgrafenstand. Sein einziger Karriereknick ist seine Ernennung zum kurfürstlichen Gesandten am Hofe von St James. Es wird ihm auf vielerlei Wegen mitgeteilt, dass der König diese Akkreditierung nicht wünscht; jemand, der einmal englischer Staatsbürger (und Under-Secretary in the American Office) war, könne nicht Botschafter einer fremden Macht sein. Das sind die offiziellen Gründe, dahinter steckt aber, dass man ein wenig Angst hat, weil Rumford inzwischen enge Bindungen an Frankreich hat. Sir Benjamin Thompson wird niemals mehr nach Rumford zurückkehren (aber sein Titel wird ihn immer an den Heimatort erinnern), er ist überall und nirgends zu Hause, in London, München und Paris.

Der Gründer der Royal Institution war solch ein Weltbürger - er wurde zum Kosmopoliten mehr durch die Macht der Umstände und durch seine eigene innere Entwicklung als durch Herkunft und Ehrgeiz: ein Mann, der auszog, um Ruhm und und Reichtum mit allen Mitteln zu erringen, und der zum Wohltäter der Menschheit wurde; ein skrupelloser Streber, der als Sozialreformer in die Geschichte einging; ein Anbeter militärischer und politischer Macht, der in den Annalen der Wissenschaft einen Ehrenplatz erhielt, sagt Egon Larsen in seinem schönen Buch Graf Rumford. Ein Amerikaner in München (1961 bei Prestel erschienen).

Treffender kann man ihn in dieser Kürze wohl nicht beschreiben. Er ist eine widersprüchliche Figur, manche halten ihn für einen Scharlatan. Die Grenzen der Wissenschaft sind noch nicht so eng gesteckt wie heute, es gibt noch so viel zu entdecken. Es sind ja auch zu viele Alchimisten unterwegs. Hätte jemand wie der Graf von Saint-Germain in einem anderen Jahrhundert Karriere machen können? Johann Friedrich Böttger produziert ja immerhin weißes Gold. Der Chemiker Justus von Liebig sagt ein Jahrhundert später: Unter den Alchimisten befand sich stets ein Kern echter Naturforscher, die sich in ihren theoretischen Ansichten häufig selbst täuschten, während die fahrenden Goldköche sich und andere betrogen. Und bezogen auf Glauber (dem wir das Glaubersalz verdanken), Böttger und Kunckel fährt er fort: Was Glauber, Böttger, Kunckel in diese Richtung leisteten, kann kühn den größten Entdeckungen unseres Jahrhunderts an die Seite gestellt werden. Was hätte er erst über Rumford gesagt?

Die von Rumford gegründete Royal Institution gibt es immer noch, die Rumford Medaille wird immer noch verliehen. Kamine nach seiner Erfindung (nicht zu verwechseln mit dem Rumfordofen zur Herstellung von Branntkalk) werden heute immer noch hergestellt. Und in alten Kochbüchern findet sich auch noch die von ihm erfundene Rumfordsuppe, die für die Armenspeisung gedacht war. Und falls Sie jetzt bei dem schönen Wetter im Englischen Garten in München sitzen sollten: den verdankt München auch dem Grafen Rumford.