Donnerstag, 11. April 2013

die Gottschedin


Luise Adelgunde Victorie Gottsched. Ein schöner Name. Man nennt sie auch die Gottschedin. Ihr Gatte nennt sie die geschickte Freundin. Sie wurde heute vor dreihundert Jahren geboren, deshalb muss das gelehrte Frauenzimmer mal eben erwähnt werden (Maria Theresia hat sie die gelehrteste Frau von Deutschland genannt). Seien Sie unbesorgt, dies wird jetzt keine Minivorlesung über Johann Christoph Gottsched und die deutsche Aufklärung.

Falls Sie eine gute Literaturgeschichte für die Zeit suchen, ich hätte da einen Tip für Sie: Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Band 6: Aufklärung, Sturm und Drang, frühe Klassik (1740-1789). Ist der Band VI der Literaturgeschichte von Helmut de Boor und Richard Newald. Wäre stinkelangweilig, wenn es der alte Band von Richard Newald wäre. Aber 1990 hat man bei C.H. Beck ein Erbarmen gehabt und den Band neu schreiben lassen. Von drei skandinavischen Autoren: Sven Aage Jorgensen,  Klaus Bohnen und Per Øhrgaard. Die Herren De Boor und Newald hatten ja in der Germanistik den Status von Hohepriestern, die das Heiligste von Deutschland, die deutsche Literatur bewachten. Und nun lässt man Skandinavier in diesen Tempel und lässt sie über unsere Aufklärung und Sturm und Drang schreiben. Kann das gut gehen? Es geht nicht besser. Diese mustergültige Literaturgeschichte hat nichts mehr von Staub und Schimmel an sich, den der gute alte deBoor/Newald angesetzt hatte. Ein halbes Jahrhundert (1740-1789) in einem Band dargestellt, vielleicht der Höhepunkt der deutschen Literatur. Immens lesbar, ohne mit all der soliden Wissenschaftlichkeit, die in dem Band steckt, zu protzen. Nicht nur eine Literaturgeschichte, auch eine Sozialgeschichte der Literatur. Und nicht nur für Fachgelehrte. Und frei von Foucault, Lacan, Derrida und ähnlichem modischen Unsinn. Zwei Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen immer noch neuwertig.

Die Gottschedin ist nicht nur die geschickte Freundin ihres Gattin gewesen, sie schrieb auch selbst. Und übersetzte aus dem Englischen. Wie die Neue Sammlung auserlesener Stücke aus Popens, Eachards, Newtons, und andrer Schriften, die 1749 in Leipzig erschien. Darin findet sich ein wunderbarer philosophischer Dialog (mit sehr satirischen Untertönen) zwischen einem gewissen Timotheus und dem Philosophen Thomas Hobbes. Im Original heißt das Mr. Hobbs State of Nature considered; in a dialogue between Philautus and Timothy. Wurde von dem Gegner von Hobbes, dem Satiriker John Eachard 1672 veröffentlicht. 1673 ließ der Autor den Band Some Opinions of Mr Hobbs considered in a second dialogue folgen. Hobbes hätte es noch lesen können. Ich weiß nicht, ob er der diesen Eachard wirklich beachtet hat.

Hobbes: So will ich euch denn, Timotheus, aber als ein Geheimniß entdecken, daß alle Menschen, von Natur, raubgierig und mürrisch, giftig und beissend, sind. Kurz, sie sind an und für sich selbst, bloße Wölfe, Tyger und Centuren.
Timotheus: Gott bewahre! Was? ihr und ich? wir wären Wölfe, Tyger und Centauren?
Hobbes: Das mag euch freylich jetzt Wunder nehmen; allein wenn ihr so viel werdet gelesen, so viel beobachtet und so viel erwogen haben, als ich; so werdet ihr finden, daß es so wahr ist, als daß ich ein Paar Stiefel anhabe.

Normalerweise schwört man ja bei Gott. Oder beim Bart des Propheten. Oder beim Grab der Mutter. Aber unser Philosoph schwört bei seinen Stiefeln. Das ist sehr witzig. Stiefel sind übrigens dem wirklichen Thomas Hobbes nicht ganz egal. Gut, im Leviathan kommen keine boots oder shoes vor. Aber wenn Lodewijck Huygens Thomas Hobbes (der gerade aus dem französischen Exil zurückgekehrt war) in England besucht, notiert er: He was still dressed in the French manner, however, in trousers with points and boots with white buttons and fashionable tops. Ein Philosoph, der im Alter noch Tennis spielt und elegante französische Stiefel trägt, das hat doch etwas.

Gefällt mir besser, als Heidegger Aufsatz Der Ursprung des Kunstwerks zu zitieren, wo er dies Bild von Van Gogh ➱interpretiert. Obgleich ein Häppchen davon nicht fehlen darf: Aus der dunklen Öffnung des ausgetretenen Inwendigen des Schuhzeuges starrt die Mühsal der Arbeitsschritte. In der derbgediegenen Schwere des Schuhzeuges ist aufgestaut die Zähigkeit des langsamen Ganges durch die weithin gestreckten und immer gleichen Furchen des Ackers, über dem ein rauer Wind steht. Auf dem Leder liegt das Feuchte und Satte des Bodens. Unter den Sohlen schiebt sich hin die Einsamkeit des Feldweges durch den sinkenden Abend. In dem Schuhzeug schwingt der verschwiegene Zuruf der Erde, ihr stilles Verschenken des reifenden Korns und ihr unerklärtes Sichversagen in der öden Brache des winterlichen Feldes. Durch dieses Zeug zieht das klaglose Bangen um die Sicherheit des Brotes, die wortlose Freude des Wiederüberstehens der Not, das Beben in der Ankunft der Geburt und das Zittern in der Umdrohung des Todes. Zur Erde gehört dieses Zeug und in der Welt der Bäuerin ist es behütet. Nein, dieser Text braucht keinen Kommentar, der ist schon komisch genug.

Ich habe es heute mit den Stiefeln, musste einen großen Bogen von der Gottschedin zu Stiefeln schlagen. Das hat einen simplen Grund: dies heute ist nur ein hors d’œuvre für den sensationellen Post namens Chelsea Boots, der morgen hier steht (und der ganz ohne Heidegger auskommt). Ein Gedicht habe ich natürlich auch, sogar ein philosophisches. Im Zweifelsfall ist man da bei Joachim Ringelnatz gut aufgehoben. Es ist sowieso viel besser, Ringelnatz zu lesen als Heidegger zu lesen.

Lackschuh sprach zum Wasserstiebel:
»Lieber Freund, du riechst so übel.
Und du bist nach meiner Meinung
Eine störende Erscheinung.
Darum muß wohl von uns beiden
Einer dieses Schuhhaus meiden.«
Stiefel lächelte dazu
Und begann: »Verehrter Schuh,
Wenn du jenes Sprichwort kennst:
Alles ist nicht Gold, was glänzt,
Nimm es besser dir zu Herzen,
Denn die Welt, sie liebt zu schwärzen,
Was da glänzt, auch zieht sie keck
Das Erhabne in den Dreck.
Will dein Lack mir auch gefallen,
Teurer Schuh, bedenke doch,
Wenn der Lack in Staub zerfallen,
Lebt das fette Leder noch.
Niemals hieltest du den nassen
Kalten Wasserfluten stand,
Denn die Elemente hassen

Das Gebild von Menschenhand.«
Und der Schuh verbeugte sich.
Darauf sprach er ernst und würdig:
»Freund, ich überzeugte mich,
Daß du mir ganz ebenbürtig.
Leider war mir anfangs duster,
Was mir jetzt Gewißheit ist,
Daß du Meisterwerk vom Schuster
Wasser-Dichter Stiefel bist.«

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