Sonntag, 28. April 2013

Kutusow


Ist der römische Feldherr Quintus Fabius Maximus Verrucosus, den man den cunctator nannte, sein Vorbild gewesen? Ist der russische Edelmann ein genialer Stratege, dessen Plan aufgeht, oder ist er ein zögernder Versager? Für Tolstoi ist die Sache klar, Michail Illarionowitsch Kutusow ist in dem Roman Krieg und Frieden (den wir meistens als ➱Film besser kennen denn als ➱Buch) sein Held: Diese schlichte, bescheidene und darum wahrhaft majestätische Gestalt ließ sich nicht in jene lügenhafte Form eines europäischen Heros, eines vermeintlichen Lenkers der Menschen bringen, in jene Form, die die Geschichtsschreibung ersonnen hat. Natürlich gibt es in dem Roman auch kleine Helden, wie den Pfeife rauchenden Artilleriehauptmann Tuschin, der mir eine der liebsten Figuren in dem Roman ist: Wohin er feuern solle und mit welcher Art von Geschossen, darüber hatte Tuschin von niemandem Befehl erhalten; sondern er hatte sich mit seinem Feldwebel Sachartschenko, vor dessen Sachkenntnis er großen Respekt hatte, beraten und war zu der Ansicht gelangt, daß es zweckmäßig sei, das Dorf in Brand zu schießen. Vielleicht entscheidet er an diesem Tage eine Schlacht, weil er vernünftig handelt und sich mit seinem Feldwebel berät. Generäle beraten sich nicht mit Feldwebeln.

Die Historiker sind sich in der Bewertung Kutusows, der heute vor zweihundert Jahren starb, ziemlich uneins. Was schon an den Quellen liegt, die sie zur Beurteilung des Schülers von Alexander Suworow heranziehen. Wem kann man glauben? Ein Beispiel dafür mag unser Theoretiker des Krieges (der niemals auch nur eine Kompanie geschweige denn eine Armee im Kampf kommandiert hat) Carl von Clausewitz sein. Er hat die preußische Armee verlassen, weil sein König mit Napoleon paktiert. Nun ist der Oberstleutnant, der kein Wort Russisch spricht, bei der russischen Armee. Zuerst im Stab von General von Phull, danach in verschiedenen Stäben. Also da, wo er kein Unheil anrichten kann. Zuerst heißt es bei ihm über Kutusow: Bisher war es nach der Meinung der Russen sehr schlecht gegangen, jeder Wechsel ließ also schon Besserung hoffen. Der Ruf Kutusows in der russischen Armee war indes nicht sehr groß, so daß es eine Partei gab, welche ihn für einen ausgezeichneten Feldherrn hielt, und eine andere die dies nicht that; aber alle waren darüber einig, daß ein tüchtiger Russe, ein Schüler Suwarows [sic] besser sei als ein Fremder und in diesem Augenblicke sehr Noth thue. (…) Kutusows Ankunft erweckte also in dem Heere ein neues Vertrauen; der böse Dämon des Fremden war durch einen ächten Russen, einen Suwarow in etwas verkleinertem Maßstabe, beschworen. Doch wenig später ist Kutusow für ihn fast eine Null. Er scheint ohne innere Regsamkeit, ohne klare Ansichten der vorhandenen Umstände, ohne lebhaftes Eingreifen, ohne selbständiges Wirken.

Man muss auch bedenken, dass nur wenige Historiker wie ➱Jewgeni Tarle oder Dominic Lieven den Krieg gegen Napoleon aus der Sicht Russlands sehen. Dominic Lieven sagt in seinem Buch Russland gegen NapoleonKein Professor aus einem westlichen Land hat je ein Buch über Russlands Kriegführung gegen Napoleon geschrieben. Ein Grund liegt darin, dass die russischen Militärarchive erst seit 1991 für ausländische Forscher zugänglich sind. Ein wichtigeres Motiv ist jedoch der Glaube, die französische und die preußische Armee stellten viel lohnendere Forschungsgegenstände dar, weil sie moderner erscheinen. Damit hat er wahrscheinlich recht, doch leider ist sein Buch genau betrachtet nicht so gut, wie die Rezensenten es gemacht haben. Lieven zieht in seinem Buch das Resümee: Die historische Gestalt Kutusows verselbständigte sich. Der den Luxus liebende Fürst verwandelte sich in eine Art Bauernführer, der auf unklare Weise in Konflikt mit dem Zaren stehen sollte. Jeder seiner groben Fehler wurde als Kriegslist hingestellt, deren Ziel unbestimmt blieb, und jede hilflose Untätigkeit als genialer Schachzug.

Lieven versteht vielleicht viel von der russischen Aristokratie (da sollte er sich auskennen, kommt er doch aus der Familie der Fürsten Lieven), die er in seinen anderen Büchern behandelt hatte, aber wenig von Militärgeschichte. Ein Genre der Geschichtsschreibung, das eigentlich fest in englischer Hand zu sein scheint, wenn man zum Beispiel an ➱John Keegan denkt. Aber leider nicht bei Dominic Lieven. Und so unterlaufen ihm bei seinem Unterfangen, die Geschichte, wie und weshalb Russland Napoleon besiegen konnte, auf ... wahrhaftigere Weise neu zu erzählen, doch eine Vielzahl von schweren Fehleinschätzungen. Was zum einen daran liegt, dass er keinerlei deutsche Quellen benutzt. Nur so kann er zu einer völlig grotesken Fehlbewertung der militärischen Leistungen von einer Randfigur wie ➱Tettenborn kommen.

Das soll jetzt nicht heißen, dass man den Russlandfeldzug Napoleons nur aus deutscher Perspektive sehen soll, wie es das von Julius Hahn herausgegebene Buch ➱Mit der großen Armee 1812 tat: 'Napoleon oder ich, ich oder er!' das war sein [Kutusows] felsenfester Entschluß. Der Freiherr vom Stein war hierin sein treuer Berater. Im Lager aber stand dem alten Feldherrn der geniale Oberst von Toll zur Seite. Zum genialen Oberst von Toll schreibt übrigens Gneisenau 1813 an Hardenberg: Heute habe ich bei dem General v. Blücher den General Toll, russischen Generalquartiermeister, kennengelernt. Es ist dies ein höchst arroganter Mensch, mit nur ganz gemeinen militärischen Kenntnissen. Für höhere Ideen ist er ganz unempfänglich und unfähig. Die Herren mit den Epauletten auf den Schultern sind sich alle nicht grün. Unglücklicherweise verwenden viele Historiker ungeprüft jeden Schmäh aus der Feder von pensionierten Generälen.

Leider ist Lieven auch einer der vielen Historiker, die sich auf die ➱Aufzeichnungen des Generals Sir Robert Wilson verläßt, der zum Leidwesen des englischen Gesandten in St. Petersburg eine unspezifizierte Rolle als Militärbeobachter hat. An dem Mann ist eigentlich alles falsch. Obgleich er den Titel eines Generals hat, hat er niemals Truppen der regulären englischen Armee kommandiert. Sein Rittertitel ist nicht wie der fehlerhafte englische Wikipedia Artikel behauptet (der auch die Biographie von Michael Glover unterschlägt), ein Knight Bachelor, sondern ein österreichischer Titel, der mit der Verleihung des Militär-Maria-Theresien-Ordens einherging. England hat diesem Mann nie einen Orden verliehen. Wellington hat über ihn gesagt: He is a very slippery fellow who had not the talent of being able to speak the truth upon any subject. Es wäre jetzt etwas gemein, wenn man ihn mit Harry Paget Flashman vergleichen würde, aber er hat viel von dieser bezaubernden Romanfigur. Belassen wir es mal bei dem, ich schreibe irgendwann über Robert Thomas Wilson. Ich liebe solch schräge Existenzen, die durch die Geschichte irrlichtern.

Wilson ist der Hansdampf in allen Gassen, der nach seinen eigenen Ausführungen dafür gesorgt hat, dass Kutusow das Oberkommando bekam, der bei jeder geheimen Besprechung mit dem russischen Zaren dabei war. Und in jedem entscheidenden Augenblick auf jedem Schlachtfeld auftaucht. Der nach Borodino dem Fürsten Bagration am Sterbebett versichert, der Kampf werde weitergehen. Und Bagration sagt ihm: Dear General, you have made me die happy, for then Russia will assuredly not be disgraced. Und der nicht mit gehässigen Bemerkungen über Kutusow spart: He is a sad old rogue, hating English connection, and basely preferring to independent alliance with us a servitude to the canaille crew who govern France and her fiefs. Oder: Marshal Kutusow affords a memorable instance of incapacity in a chief, of an absence of any quality that ought to distinguish a commander. 

Und wenn Napoleon geschlagen ist, gesteht der Zar unserem englischen General, dass er Kutusow nur widerwillig den Titel eines Fürsten von Smolensk verleihen würde: You have always told me truth — truth I could not obtain through any other channel. I know that the Marshal has done nothing he ought to have done — nothing against the enemy that he could avoid; all his successes have been forced upon him. He has been playing some of his old Turkish tricks, but the nobility of Moscow support him, and insist on his presiding over the national glory of this war. In half an hour I must therefore (and he paused for a minute) decorate this man with the great Order of S. George, and by so doing commit a trespass on its institution; for it is the highest honour, and hitherto the purest, of the empire. But I will not ask you to be present — I should feel too much humiliated if you were; but I have no choice — I must submit to a controlling necessity. I will, however, not again leave my army, and there shall be no opportunity given for additional misdirection by the Marshal.  He is an old man, and therefore I would have you show him suitable courtesies, and not refuse them when offered on his part. Können wir das glauben, dass der Zar seine geheimsten Gedanken diesem englischen Münchhausen anvertraut? Wenn man Wilsons Erinnerungen für eine verlässliche Quelle nimmt, dann kann man auch gleich G. A. Hentys Abenteuerroman ➱Through Russian Snows als Geschichtsquelle nehmen.

Als Kutusow den Oberbefehl über die russische Armee bekommt, ist er seit einem halben Jahrhundert in der Armee. Man braucht ihn nicht aus dem Ruhestand zurückzuholen, er hat gerade mit der Moldauarmee die Türken besiegt und den Frieden von Bucharest abgeschlossen. Jetzt ist er wieder einmal Oberbefehlshaber, hat Barclay de Tolly (hier ein Bild von George Dawe) abgelöst. Den mag die Armee nicht, obgleich er wohl der beste Stratege ist, den die russische Armee hat. Aber er ist Balte, also mögen ihn die russischen Generäle nicht. Es gibt da in der Generalität keinen esprit de corps. Die sind alle untereinander zerstritten, Balten, Deutsche (wie ➱Bennigsen) und Russen. Und da ist da noch Bagration, der einzige, vor dem Napoleon Angst hat. Aber der kommt aus Georgien, den mögen die Russen auch nicht wirklich. Dann eher den alten Lebemann Kutusow, der inzwischen so beleibt ist, dass er kaum noch aufs Pferd kommt (Napoleon benutzt übrigens auch die meiste Zeit die Kutsche, aber das wird nie gegen ihn verwendet). Kutusow mag zwar ein Säufer sein, ist aber wenigstens Russe.

Kutusows Ernennung geht eine Art Putsch einer Gruppe von Generälen voraus, die Barclay de Tolly nicht mehr als Oberbefehlhaber anerkennen wollen. Unser General Wilson ist bei all den Intrigen mittendrin. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Generäle den Engländer als Überbringer ihrer Denkschrift an den Zaren auswählen. Der Zar (hier auf einem Bild von ➱Franz Krüger, bei dem man den Eindruck hat, dass sich Krüger mehr für das Pferd als für den Zaren interessiert hat) zögert zuerst.

Er mag diesen Kutusow trotz seiner Verdienste nicht, der war ein Günstling seines Vaters gewesen (also jenes Zaren, den Alexander - hier im Portrait von George Dawe - ermorden ließ). Le public a voulu sa nomination, je l'ai nommé: quant à moi, je m'en lave les mains, soll er gesagt haben. Michail Kutusow mag ein Lebemann und Säufer sein, aber er ist nicht dumm. Dass die Schlacht von Austerlitz eine Katastrophe werden würde, hat er gewusst. Alexander hat ihm Austerlitz nie verziehen. Kutusow hat es Alexander auch wohl nicht verziehen, dass er ihn zu dieser Schlacht gezwungen hat. Das ist ähnlich wie mit Longstreet und Lee bei ➱Gettysburg.

Der Plan, Napoleon immer tiefer in die russische Weite zu locken und ihn da untergehen zu lassen, ist der Plan seines Vorgängers gewesen (aber auch ➱Scharnhorst, Clausewitz und von Phull sind angeblich Väter dieses Plans gewesen). Kutusow weiß, dass Barclay mit dieser Strategie Recht hatte. Als er in der 1770er Jahren in London war, hatte er alle Berichte über General Washington sorgfältig studiert. Sagt Roger Parkinson, der mit The Fox of the North: The Life of Kutuzov eine der wenigen Kutusow Biographien geschrieben hat. Washington hatte der Welt gezeigt, dass man gegen einen überlegenen Gegner einen Krieg gewinnen kann, ohne spektakuläre Schlachten zu gewinnen.

Die russischen Armeen sind weit über das Reich verstreut: Barclay im Norden, Wittgenstein im Baltikum, Bagration bei den Pribet Sümpfen und Tschitschagow muss mit der Moldauarmee erst von der türkischen Grenze zurückkehren. Keine der einzelnen Armeen hätte gegen Napoleon in offener Feldschlacht siegen können, das weiß Kutusow. Und wenn es ihm auch die Patrioten übelnehmen, dass er Moskau und halb Russland preisgibt, am Ende geht sein Plan auf. Da hat Seine Durchlaucht der selige Fürst Michailo Illarionowitsch Golenischtschew-Kutusow-Smolenskij das Bonapartlein mit Gottes Hilfe aus den russischen Grenzen zu verjagen geruht, wie es in Turgenews Aufzeichnungen eines Jägers heißt.

Es wird häufig gesagt, dass Tolstoi den General Kutusow in Krieg und Frieden glorifiziert hätte (also bevor Stalins Propaganda das gemacht hat). Aber so ganz stimmt das nicht. Kutusow ritt ihnen grüßend entgegen, sein ganzes Wesen hatte sich plötzlich verändert. Er hatte das Aussehen eines untergeordneten dienstwilligen Menschen mit affektierter Ehrfurcht, welche augenscheinlich den Kaiser Alexander unangenehm berührte. Der unangenehme Eindruck flog nur flüchtig über das junge und glückliche Gesicht des Kaisers und verschwand. In seinen schwarzen Augen lag zugleich Majestät und Milde und der vorherrschende Ausdruck gutherziger, unschuldiger Jugend. Das ist sicher eine Glorifizierung des Zaren, aber keineswegs eine von Kutusow, der in dem Roman mit all seinen Schwächen dargestellt wird. Reizbar, zornig und giftig sind Wörter, die häufig bei seiner Beschreibung fallen. Sie können den Test machen, indem Sie ➱hier alle Textstellen aufsuchen, in denen der General im Roman erwähnt wird.

Tolstois Kutusow ist (wie sein Hauptmann Tuschin) eine literarische Figur. Er ist aber auch, wie Isaiah Berlin in seinem ➱Essay Der Igel und der Fuchs (➱hier eine Zusammenfassung des Essays) ausgeführt hat, eine Verkörperung von Tolstois Geschichtsphilosophie: Das ist auch der Grund, warum er einen Kutusow erfindet, der seinem einfachen russischen, ungeschulten Instinkt folgt und die deutschen, französischen und italienischen Fachleute verachtet oder ignoriert, und warum er ihn in den Rang eines Nationalhelden erhebt, der er, auch dank des Tolstoischen Porträts, seither geblieben ist.

Wir haben über Wellington und Napoleon Biographien bis zum Abwinken, Kutusow bleibt ein Puzzle, bei dem einzelne Teile verloren gegangen sind - es ist wohl bezeichnend, dass es nicht einmal gute Portraits von ihm gibt, selbst die ➱Napoleon Collection der McGill University verzeichnet nur eine Handvoll Stiche. Sicher zu Recht kann Jewgeni Tarle sagen, dass die Analyse der riesigen, sehr komplizierten historischen Figur von Kutusow manchmal in der bunten Masse der Tatsachen versinkt.

Der Engländer ➱George Dawe (dem Puschkin das Gelegenheitsgedicht To Dawe Esq. widmete) hat Kutusow nicht gekannt. Als er vom Zaren den Auftrag erhält, die Generäle des Krieges gegen Napoleon zu malen, ist Kutusow schon lange tot. Wenn Sie all die Portraits sehen wollen, die Dawe mit seinen russischen Assistenten Wilhelm August Golike und Alexander Polyakov gemalt hat (es sind mehr als dreihundert), müssen Sie ➱hier klicken. Kutusow bekommt ein lebensgroßes Portrait (das ist nur wenigen Generälen vorbehalten, der Rest bekommt Halbportraits), das ihn in einer Winterlandschaft zeigt. Irgendwie ist die Komposition dieses Portraits ein wenig missraten - ebenso wie so viele Beschreibungen des Feldherrn.

Unser englischer miles gloriosus Robert Wilson bekommt natürlich keinen Platz
in der Galerie. Aber den Herzog von Wellington, den malt Dawe selbstverständlich für den Zaren. Der kleine Hauptmann Tuschin hätte keine Chance gehabt, mit einem Portrait in dieser Galerie zu hängen. Offiziere und Soldaten mögen in diesem Krieg zu Helden werden, aber hier gibt es nur Generäle. Mit einem schönem Sinn für Symbolik hat man nach der Oktoberrevolution die Galerie um vier kleinformatige Bilder von George Dawe vermehrt. Die zeigen keine Generäle, sondern einfache Soldaten der Palastwache.

Ich muss zum Schluss kommen, das ist eh schon zu lang. Für den Schluss habe ich mir das wahrscheinlich lebensechteste Bild von Kutusow aufgespart. Es ist von dem englisches Graveur James Hopwood nach einer Zeichnung von J. Blood. Hier wird die Körperfülle, die George Dawe unter dem pelzgefütterten Mantel verbirgt, nicht kaschiert. Und man kann auch sehen - was die meisten Bilder von Kutusow nicht zeigen - dass er sein rechtes Auge verloren hat. Als der 29-jährige Oberst Kutusow sein Auge verliert, ist der kleine Napoleon gerade mal fünf Jahre alt, als Napoleon zur Militärschule kommt, ist Kutusow schon Generalmajor.

Zum Schluss zitiere ich doch noch einmal ein deutsche StimmeKutusow hätte gewiss die Schlacht von Borodino nicht geliefert, von der er doch wahrscheinlich keinen Sieg erwartete, wenn ihn nicht die Stimme des Hofes, des Heeres und ganz Rußlands dazu genöthigt hätte. Er sah sie vermutlich nur wie ein nothwendiges Übel an. Er kannte die Russen und verstand, sie zu behandeln. Mit unerhörter Dreistigkeit betrachtete er sich als Sieger, verkündete überall den nahen Untergang des feindlichen Heeres, gab sich bis auf den letzten Augenblick den Anschein, als wollte er Moskau durch eine zweite Schlacht schützen und ließ es an Prahlerei keiner Art fehlen. Auf diese Weise schmeichelte er er der Eitelkeit des Heeres und des Volkes; durch Proklamationen und religiöse Anregungen suchte er auf ihr Gemüth zu wirken, und so entstand eine neue Art von Vertrauen, freilich nur ein erkünsteltes, was sich aber im Grunde an wahre Verhältnisse anknüpfte, nämlich an die schlechte Lage der französischen Armee. So war dieser Leichtsinn und diese Marktschreierei des alten Schlaukops in der That nützlicher als Barclays Ehrlichkeit gewesen wäre.(…) kurz der einfach, ehrliche, an sich tüchtige aber ideenarme Barclay, unfähig, diese großen Verhältnisse bis auf den Grund zu durchblicken, wäre von den moralischen Potenzen des französischen Sieges erdrückt worden, während der leichtsinnige Kutusow ihnen eine dreiste Stirn und einen Haufen Prahlereien entgegensetzte und so glücklich in die ungeheure Lücke hineinsegelte die sich bereits in der französischen Armada fand.

Das ist noch einmal Clausewitz. Der dem Leser allerdings wenige Seiten zuvor gestanden hat, dass er Kutusow gar nicht wirklich kennt: Der Verfasser ist diesem Feldherrn zu wenig nahe getreten um über seine persönliche Thätigkeit mit voller Ueberzeugung sprechen zu können. Er hat ihn nur einen Augenblik in der Schlacht von Borodino gesehen. Da ist mir Tolstoi irgendwie lieber.

Natürlich habe ich auch heute ein Gedicht, es ist von Carl Sandburg und heißt ganz schlicht Grass:


Pile the bodies high at Austerlitz and Waterloo.
Shovel them under and let me work—
                                      I am the grass; I cover all.

And pile them high at Gettysburg
And pile them high at Ypres and Verdun.
Shovel them under and let me work.
Two years, ten years, and passengers ask the conductor:
                                      What place is this?
                                      Where are we now?

                                       I am the grass.
                                       Let me work.

Kommentare:

  1. Da wissen wir doch, was wir an unserem Clauswitz hatten. Die Preußen, die Deutschen haben ihre militärischen Gegner selten (oder gar nicht) über den grünen Klee gelobt. Ihre Verbündeten auch nicht, was auch die jüngere Geschichte beweist. Ob zu recht sei dahin gestellt.
    Stalin wird schon gewusst haben, warum er einen KUTUSOW-, einen SUWOROW- und einen NACHIMOW (Flotte) -Orden stiftete, das dazu noch in jeweils drei Klassen.
    Interessant ist da der BAGRATION. Den lernte ich erst in KRIEG UND FRIEDEN kennen. Lange nachdem ich über die Offensive BAGRATION der Roten Armee las. Ich dachte, das wäre ein militärischer Begriff. War es ja auch, aber ich hätte nachschlagen sollen...
    Nicht das Sie nun denken, der stählerne Dschugaschwili hätte es mir besonders angetan wegen der inzwischen mehrmaligen Erwähnung. Aber er war nun mal da und kann aus der russisch / sowjetischen Kriegsgeschichte nicht weggedacht werden.

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  2. Ausser dass er zu den von mir geliebten 'cunctatores' gehört, wusste ich nichts über Kutusov. Ich weiss jetzt zwar kaum mehr, aber ich weiss jetzt wenigstens, dass ich in bester Gesellschaft bin...

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