Freitag, 31. Mai 2013

Ludwig Tieck


Mit der unbrauchbarsten Ausgabe, dem schlechtesten Wörterbuch, ... unternahm ich damals diese Uebersetzung, schreibt Ludwig Tieck an den Philosophen Karl Wilhelm Ferdinand Solger. Es wäre ja schön, wenn man das Zitat auf seine Shakespeare Bearbeitungen beziehen könnte. Aber es geht hierbei um seine Übersetzung von Cervantes' Don Quijote. Die erstaunlicherweise von Heinrich Heine (der in ➱Die romantische Schule in Deutschland nichts Nettes über Tieck sagt) gelobt wurde: Die Übersetzung des 'Don Quixote' ist Herrn Tieck ganz besonders gelungen. Fachleute sind da anderer Meinung und können vielleicht noch höflich sagen, daß sich hier ein Dichter, wenn auch ein extravaganter, eines fremdsprachigen Meisters angenommen und es verstanden hat, die eigene übersetzerische Unzulänglichkeit sprachlich zu überspielen. Und zählen dann auf, dass Tieck im Schnitt 634 Fehler auf hundert Seiten produziert. Also das Spanische ist seine Sache nicht.

Und wie steht es mit dem Englischen? Gilt er doch als der Co-Autor der Schlegel-Tieckschen Shakespeare Übersetzung. Die vom Aufbau Verlag vor zehn Jahren als Der Shakespeare fürs neue Jahrtausend angepriesen wurde: Trotz diverser Neuübersetzungen von Erich Fried, Heiner Müller, Frank Günther u. a. gilt die Anfang des 19. Jahrhunderts entstandene Übersetzung von Schlegel-Tieck nach wie vor als der deutsche Shakespeare. Diese wohl bedeutendste Sprachleistung der Romantik und die größte Übersetzung seit Luthers Bibel ist bis heute unübertroffen in ihrer Poesie und Schönheit. Wie modern und praktikabel sie ist, beweist die Tatsache, daß auch die deutsche Synchronisierung der oscarprämierten Hollywood-Adaption von 'Romeo und Julia' 1996 auf die Schlegel/Tiecksche Übersetzung zurückgriff. Zu dieser in ihrer Poesie und Schönheit unübertroffenen Werbelyrik kann man nur sagen, dass hier wohl irgendetwas daneben gegangen ist. Die größte Übersetzung seit Luthers Bibel in einem Satz und dann die Synchronisierung der oscarprämierten Hollywood-Adaption im nächsten. Fällt das schon unter concordia discors?

Ich mache das mit der Schlegel-Tieck Übersetzung mal ganz kurz. Sie ist nicht von Tieck. Der seinen Shakespeare wahrscheinlich nur durch die Eschenburgsche Prosaübertragung kennt. Wenn da etwas von Tieck ist, dann ist es von seiner Tochter Dorothea. Tieck hatte zwar das Geld kassiert, aber musste dem Verleger gestehen, nichts zu Wege gebracht zu haben: Der Verleger hat mich aufgefordert, die damals angekündigte Ausgabe insofern zu besorgen, daß ich die Übersetzungen jüngerer Freunde, die ihre ganze Muße diesem Studium widmen können, durchsehe, und, wo es nötig ist, sie verbessere, auch einige Anmerkungen den Schauspielen zufüge. Die jüngeren Freunde sind seine Tochter und Wolf Heinrich Graf von Baudissin. Dessen Leistung an dieser Übersetzung wird nie so recht gewürdigt. Die einzige Leistung von Tieck besteht in der Hinzufügung der Anmerkungen. Das ultimative Shakespeare Buch, das er sein ganzes Leben schreiben wollte, versickert jetzt in den Anmerkungen. Ich könnte hierzu eine ganze Menge schreiben, aber das lasse ich einmal. Und empfehle stattdessen das Buch Reinventing Shakespeare: A Cultural History from the Restoration to the Present von Gary Taylor (deutsch: Shakespeare wie er euch gefällt). Eine wunderbar freche Kulturgeschichte unserer Aneignung von Shakespeare. Friedrich Gundolfs ➱Shakespeare und der deutsche Geist wird erstaunlicherweise nicht erwähnt. Ist vielleicht auch gut so.

Dass Tieck das Geld des Verlegers Georg Andreas Reimer erst einmal einsteckt, obwohl er weiß, dass er allein die Shakespeare Übersetzung niemals bewältigen kann, ist kein Zufall. Der Mann ist ein Schnorrer. Ich nehme einmal an, dass er die achtzehn Jahre, die er in ➱Madlitz verbrachte, keinen roten Heller Miete bezahlt hat. Man kann dieses Kapitel seines Lebens sehr schön in Günter de Bruyns Buch Die Finckensteins: Eine Familie im Dienste Preußens nachlesen.

Wir brauchten nicht auf Israel Zangwills Roman The King of Schnorrers zurückzugreifen, der Titel eines Königs der Schnorrer war längst an Tieck vergeben. Am anschaulichsten sagt uns das Caroline Schlegel in einem ➱Brief an Pauline Gotter, der so schön ist, dass man ihn etwas länger zitiert:

Mit den Tieks ist überhaupt eine närrische Wirtschaft hier eingezogen. Wir wußten wohl von sonst und hatten es nur vor der Hand wieder vergessen, daß unser Freund Tiek nichts ist als ein anmuthiger und würdiger Lump, von dem einer seiner Freunde ein Lied gedichtet, das anfängt:

Wie ein blinder Passagier
Fahr ich auf des Lebens Posten,
Einer Freundschaft ohne Kosten
Rühmt sich keiner je mit mir.

Aber ich meyne, wir haben hier nach der Hand wieder erfahren, was es mit dieser Familie für eine Bewandniß hat, und wie sehr die Gaunerei mit zu ihrer Poesie und Religion gehört. Sie kamen von Wien her, weiß der Himmel warum und was sie für Anschläge dabei gefaßt haben mochten, leben 8 Wochen lang auf's splendideste im Wirtshaus, beziehen dann ein Privatquartier für 100 fl. monatlich, haben einen Bedienten und sonst noch 3 Domestiquen, einen Hofmeister für die Kinder der Bernhardi usw., zu dem allen aber keinen Heller eignes Geld. Es ist bekannt, daß Tiek nie welches hatte, daß er stets auf Kosten seines Nächsten lebte...


Und da ich gerade bei Klatsch und Tratsch bin, könnte ich natürlich auch noch einige Stimmen von Zeitgenossen zitieren. So zum Beispiel den Verleger Friedrich Nicolai: Herr Ludwig Tieck war vom Anfang seiner literarischen Laufbahn an ein höchst unbedeutendes Wesen. Er schrieb allerlei Romane, wovon keiner Wurzel fassen konnte, sondern jeder in dem Augenblicke verwelkte, da er aufsproßte. Und an anderer Stelle heißt es bei ihm: sonderlich ein gewisser Herr Tieck, der, ohne irgend etwas Sonderliches geschrieben zu haben, wegen eines ganz elenden Romans, genannt die Geschichte William Lovells, von Herrn A. W. Schlegel plötzlich im Intelligenzblatte der Allgemeinen Literatur-Zeitung zum großen Dichter geschaffen ward.

Ich könnte jetzt seitenlang so weitermachen. Ich sage auch gerne mit Grillparzer Trotz seiner mannigfachen Gaben, habe ich doch Tieck nie leiden mögen. Doch man sollte auch Stimmen zitieren, die Tieck (der heute vor 240 Jahren geboren wurde) loben. Nun, nach Goethes Tod, ist er der erste Dichter Deutschlands! Mit diesem Satz steht Justinus Kerner allerdings ziemlich allein da. Wenn man ein so schlechter Dichter wie Kerner ist, muss man das wahrscheinlich so sehen. Goethe hatte Tieck zwar Talent bescheinigt, aber ihm doch keinen Platz im deutschen Olymp zugestanden: Tieck ist ein Talent von hoher Bedeutung, und es kann seine außerordentlichen Verdienste niemand besser erkennen als ich selber; allein wenn man ihn über ihn selbst erheben und mir gleichstellen will, so ist man im Irrtum. Aber das sagt er natürlich nur so, damit wir nicht merken, dass Ludwig Tieck in Wirklichkeit sein Sohn ist. Ach, das wussten Sie nicht? Dann lesen Sie doch einmal dies ➱hier von einem gewissen Herrn ➱Lothar Baus. Es ist schön, dass das Internet Forschern wie ihm ein Sprachrohr bietet.

Wenn man bei Google Tieck eingibt, serviert einem dieses autocomplete System ➱Der gestiefelte Kater. Diesmal irrt es nicht, das würde ich auch empfehlen. Sonst nix. Außer einer Leseempfehlung: ➱Rüdiger Safranski, Romantik: Eine deutsche Affäre (Hanser 2007).

Kommentare:

  1. Daß von Tieck nach 240 Jahren nur sein Pumpgenie überleben soll und die gehässigen Kommentare seiner Verleger und Dichterkollegen, stimmt einen doch recht trüb.

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  2. Aber wie haben auch Jean Paul, Novalis, E.T.A. Hoffmann, de la Motte-Fouqué und Eichendorff - das ist doch genug an deutscher Romantik.

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