Montag, 2. Dezember 2013

Inspector Lewis


Was schlimm ist,
Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.


dichtete einst ➱Gottfried Benn. Die Lage hat sich seit den fünfziger Jahren sicherlich gebessert, die meisten guten englischen Kriminalromane sind ins Deutsche übersetzt. Gute Kriminalromane waren einmal ein Markenzeichenzeichen der Engländer. Wie gute englische Regenmäntel, Oberhemden aus der ➱Jermyn Street und gute englische Schuhe. Heute schreiben die Engländer zwar nicht mehr so viele gute Krimis, das ➱golden age of the detective novel ist schon Geschichte, aber gute Krimiserien drehen die Engländer immer noch.

Zu Beginn der ersten Folge von Lewis läuft der von einem langen Flug übermüdete Detective Inspector Lewis (Kevin Whately) beinahe gegen ein fahrendes Auto. Das Auto bremst und kommt groß ins Bild, es ist ein weinroter Jaguar (Sie können diese Szene ➱hier am Anfang des Interviews mit Kevin Whately und Laurence Fox sehen). Der Jaguar ist noch das alte Modell mit der springenden Raubkatze, die heute aus Sicherheitsgründen nicht mehr auf den Kühler geschraubt wird. Für Lewis ist es eine Art déjà vu. Und wir als Kenner englischer Krimiserien wissen natürlich, dass der Chef von Lewis in einer anderen Serie einen roten Jaguar gefahren hat. Damals war Robbie Lewis noch Sergeant, und sein etwas exzentrischer Chef ist niemand anderer als Inspector Morse. Der Wagner Liebhaber Morse verkörpert die englische middle class, sein Sergeant Lewis kommt definitiv aus der working class.

Inspector Morse (mit dem schönen Vornamen Endeavour) hatte ein Vorleben, bevor er in 33 Folgen auf dem Bildschirm erschien. Da war er nämlich der Held der Kriminalromane von Colin Dexter. Musste leider in The Remorseful Day an einem Herzinfarkt sterben, in der gleichnamigen Fernsehfassung dann auch. Der wirkliche Morse, der Schauspieler John Thaw (der in den siebziger Jahren schon in The Sweeney mitgewirkt hatte), starb anderthalb Jahre nach Episode 33. In The Remorseful Day war Sergeant Lewis schon in den Mittelpunkt gerückt, er musste sechs Jahre warten, bis er zum Detective Inspector befördert wurde und eine eigene Serie bekam.

Abby Sciuto aus NCIS hatte ihren ersten Auftritt in den Episoden Ice Queen und Meltdown der Serie JAG. Die eines Tages als spin-off NCIS produzierte (die Serie brachte dann als eigenes spin-off  NCIS LA hervor). Ohne dieses Verwursten von Serien geht es heute wohl nicht mehr. Wenn Sie einmal einen Blick auf diese ➱Liste der spin-off Produktionen werfen, werden Sie das schnell einsehen. Die englischen Krimiserien kennen das Phänomen seit den ersten Tagen des Fernsehens. Ich habe schon in dem Post ➱Englische Krimiserien gezeigt, dass der Film The Blue Lamp (mit Dirk Bogarde als Bösewicht) sofort TV-Serien produzierte. Dieser Post endet mit den schönen Worten: Auf langlebige Serien wie Z-Cars, Softly, Softly und die kurzlebige Serie Gideon's Way werde ich in einem anderen Post irgendwann mal eingehen, das wird sonst heute zu lang. Und wenn mich die Energie zum Schreiben nicht verlässt, gibt es dann noch einen dritten Teil über die Inspektoren Morse, Lewis und Barnaby.

Also gut, der zweite Teil ist noch nicht geschrieben, aber den schönen Post ➱Inspector Barnaby und die Mode, den habe ich geschrieben. Und heute sind Morse und Lewis dran. Jay, dieser Hennecke der Bloggerwelt, liegt doch voll im Soll. Und die siebziger Jahre machen wir mal eben im Schnelldurchlauf. Die Fans von Inspector Morse erkennen auf diesem Photo den Schauspieler John Thaw wieder (neben ihm Dennis Waterman), aber hier heißt er nicht Morse sondern Detective Inspector John Regan. Die Serie hieß The Sweeney und lief von 1975 bis 1978 im englischen Fernsehen. Die Liebe zum Alkohol teilt Inspector Regan mit Morse, aber er fährt keinen roten Jaguar und hört auch nicht Richard Wagner wie Morse. Die Serie von ITV war so erfolgreich, dass sie als spin-off zwei Spielfilme produzierte, aus einem der beiden ist das obige Photo.

Vor The Sweeney gab es die langlebige Serie Z-Cars (1962–1978), die ihren Namen nach den Ford Zephyrs hatte. Das Auto hatte einen großen Bruder namens Zodiac, das war die Luxusvariante des Zephyr. Mein Vater liebäugelte damals aus unerklärlichen Gründen mit dem Zodiac Mark III, der allerdings gar nicht auf den deutschen Markt kam. Aber wir haben in einem Hollandurlaub damit Probefahrten gemacht, einmal durfte auch ich mit meinem frischen Führerschein ans Steuer. Damals wusste ich noch nicht, das dies Auto eine Rolle in der Serie The Sweeney spielte, die später einmal zusammen mit ihren spin-offs wie Softly, Softly (1966–1976), Barlow at Large (1971–1975) und Second Verdict (1976) zu meiner Lieblingsserie wurde. Wenn Sie diese beiden Herren - Stratford Johns als DCI Charlie Barlow und Frank Windsor als Detective Sergeant John Watt - erkennen, dann wissen Sie, dass Sie die Serie auch einmal gesehen haben.

Dieser Herr gehört natürlich in keine dieser Serien, das ist Michael Caine in Get Carter (natürlich dem ➱Original und nicht diesem grauenhaften Remake), in dem allerdings einer der Darsteller aus Softly, Softly mitspielte. Aber diesmal ist Terence Rigby nicht der gute PC Snow mit dem Schäferhund sondern ein Gangsterboss. Als der Schauspieler, der auf der Bühne in Stücken von Harold Pinter berühmt wurde, vor fünf Jahren starb, hat es kein ➱Nachruf ausgelassen, auf seine Rolle als PC Snow in Softly, Softly und den Schäferhund hinzuweisen. Woraus wir sehen können, welchen Einfluss unsere Fernsehhelden haben. Da kann jemand sein Leben lang auf der Theaterbühne stehen und kann von Harold Pinter bewundert werden, aber im Nachruf kommt PC Snow und der Schäferhund! Wenn Sie Terence Rigby in einem Pinter Stück sehen wollen, klicken Sie ➱hier No Man's Land (mit Ralph Richardson und John Gielgud) an.

So, das waren die sechziger und siebziger Jahre im Fast Forward Modus. Nun sind wir wieder bei Lewis, dem spin-off Produkt von Inspector Morse. Eine Serie, die Erfolg haben soll, braucht bekannte Darsteller, einen wiedererkennbaren Ort. Und vielleicht noch eine wiedererkennbare Musik. Wenn Ernie in der Sesamstraße sagt Das ist Detektivmusik, dann wissen wir, dass der Mann mit dem Schlapphut und dem ➱Trenchcoat kommt.

Vor dem großen Erfolg von Barnaby und Lewis gab es noch einige Serien, die erwähnt werden sollten. Die Serie Heartbeat wurde achtzehn Jahre lang von Yorkshire Television mit großem Erfolg produziert, eine Verlagerung der Handlung in die sechziger Jahre und das schön photographierte ländliche Yorkshire waren sicherlich ein Garant für den Erfolg. Von ganz anderer Art waren allerdings Prime Suspect (1991–2006) mit Helen Mirren und die kurzlebige Serie The Cops, die vielleicht zu realistisch war. Es waren Serien, die ungeschminkt den Polizeialltag und die dunkle Seite der Polizei zeigten. Denn wir sollten nicht vergessen, dass die englische Polizei, deren Symbolfigur der Bobby einst der Garant für Recht und Ordnung war, im letzten Vierteljahrhundert durch eine Vielzahl von Skandalen erschüttert wurde (deren letzter den schönen Namen Plebgate hatte). Dass Gangster mit High Society und Polizei miteinander freundschaftlich verkehren, hat mit den berüchtigten ➱Kray Zwillingen nicht aufgehört. Die Ehrlichkeit, die Morse, Lewis und Barnaby auszeichnet, scheint nicht mehr das Ideal englischer Polizeioffiziere zu sein.

Beginnen wir bei unserer Betrachtung der Serie Lewis einmal mit den Hauptpersonen. Wir sehen hier DI Lewis neben Detective Sergeant Hathaway, gespielt von Laurence Fox. Hathaway ist all das, was Lewis nicht ist: er war auf einer Public School und hat in Cambridge Theologie studiert. Lewis dagegen ist ein Geordie aus Tyneside (in den Romanen von Colin Dexter kommt er aus Wales), die Welt der Public Schools und Universitäten ist nicht unbedingt seine Welt. Und doch weiß er sich in ihr zu behaupten. Das bunte Hemd von Lewis ist etwas befremdlich. Kann man das Hemd auch leiser stellen, fragt ihn die Gerichtsmedizinerin Dr Laura Hobson (Clare Holman), als sie ihn nach Jahren wieder sieht. Lewis ist gerade von einem Posten als englischer Polizeioffizier auf den Virgin Islands zurückgekehrt, den er nach dem Unfalltod seiner Frau angenommen hat. Ansonsten ist unser Inspector Lewis in den Filmen durchweg besser gekleidet als sein Kollege Tom Barnaby. Und sein Kollege Hathaway trägt richtig scharfe Klamotten, in einem Interview hat er augenzwinkernd gestanden: I try to steal as much of the wardrobe budget as possible.

Detektive brauchen immer einen seinen sidekick, das ist seit den Tagen von ➱Edgar Allan Poes C. Auguste Dupont so. Dem genialen armchair detective hatte Poe als Erzähler einen normalen Menschen zur Seite gestellt, das Genie braucht einen alltagstauglichen Kumpanen. Sir Arthur Conan Doyle hat die Formel mit ➱Sherlock Holmes und Dr Watson wieder aufgenommen. Und ➱Agatha Christie gab ihrem Genie Hercule Poirot, der auf die little grey cells seines Gehirns vertraut, den bodenständigen Major Hastings als Assistenten.

Der Vater von Laurence Fox ist auch Schauspieler gewesen, sein Onkel Edward ebenso. Der darf auch in einer Folge mitspielen, wie man hier sieht. Die Fox Familie ist eine Famile von Schauspielern. Edward Fox ist schon mehrfach in diesem Blog erwähnt worden, zum Beispiel im Post ➱Rosamunde Pilcher oder dem Post ➱The Go-Between. Ich weiß, dass Sie jetzt sofort Rosamund Pilcher anklicken, aber es wäre mir lieber, wenn Sie den Post über den Film The Go-Between lesen würden. Steckte mehr Arbeit drin.

Hathaways Gibson L-5 Gitarre, die in manchen der einzelnen Folgen von Lewis vorkommt, ist kein bloßes Dekorationsstück, Laurence Fox, der mit der englischen Sängerin und Schauspielerin Billie Paul Piper verheiratet ist, spielt wirklich Gitarre. Und singt auch noch. Klicken Sie ➱hier. Und ja, für den Vater von Larry Fox ist in Lewis natürlich auch einmal Platz. In der Folge Allegory of Love spielt er einen Oxford Professor. Solche Rollen liegen ihm.

Laurence Fox' Vater James Fox ist nicht so berühmt geworden wie sein Bruder Edward. Aber seine Rolle in Joseph Loseys The Servant werden Filmfreunde nie vergessen. Hier liegt er schlafend in einem Stuhl, mit seinem ➱British Warm ganz die Verkörperung der englischen Upper Class. Abschätzig betrachtet von Dirk Bogarde, den er gerade als Diener eingestellt hat. In dem ➱Film A Question of Attribution (nach dem Theaterstück von Alan Bennett) ist James Fox auch großartig, schauen Sie doch ➱hier einmal hinein.

Wir brauchen für eine erfolgreiche Krimiserie (und Morse und Lewis waren wirklich erfolgreich) nicht nur ein Gespann von Ermittlern, wir brauchen auch einen Background. Die Großstadt London war für Sherlock Holmes und die TV Serien von den fünfziger bis in die siebziger Jahre der Hintergrund, von Dixon of Dock Green bis hin zu Softly, Softly. Dass man in England das Verbrechen im Moloch Großstadt ansiedelt, ist seit dem 18. Jahrhundert eine schöne Konvention. ➱Henry Fielding gründet 1749 mit seinem Bruder die Bow Street Runners, die Vorläufer der Londoner Polizei.

Die kleine englische Ortschaft Mayhem Parva (wie Colin Warson sie genannt hat) der Romane des golden age of the detective novel mochte für die dreißiger Jahre gut sein. Miss Marple hätte nie in London leben können. Mayhem Parva war, wie D.H. Auden in ➱The Guilty Vicarage sagte, the Great Good Place; for the more Eden-like it is, the greater the contradiction of murder. Die Barnaby Serie mit ihren grotesk grausigen Morden in Midsomer und Umgebung (a murder rate that would shame the Bronx) hatte das ins Absurde getrieben.

Aber heute will man keine synthetische Scheinidylle von ye olde England haben, man will etwas haben, was man auch schön ins Bild setzten kann. Und im Fall von Lewis geradezu als Touristenattraktion verkaufen kann. Die Universität als Schauplatz ist nicht unbedingt etwas Neues. J.C. Masterman (The Oxford Tragedy, 1933), Dorothy Sayers (Gaudy Night, 1935), Michael Innes (Death at the President's Lodging, 1936) und Edmund Crispin (mit seinen Gervase Fen Romanen in den vierziger Jahren) haben von dem Ort schon ausgiebig Gebrauch gemacht. Und ➱hier können Sie noch eine lange (und sicher unvollständige) Liste einsehen.

Ich habe Edmund Crispin schon einige Male erwähnt (auf jeden Fall in dem Post über Nicolas Freeling und dem über Dorothy Sayers), ich will jetzt nichts versprechen, aber irgendwann schreibe ich noch über ihn. Heute nur ein Häppchen. An den englischen Komponisten Bruce Montgomery (der auch die Filmmusik zu zahlreichen Carry On Filmen geschrieben hat) wird man sich vielleicht eines Tages nicht mehr erinnern. Sein alter ego Edmund Crispin aber wird unvergesslich bleiben. Unter diesem Pseudonym (das er aus dem ➱Roman Hamlet Revenge von Michael Innes genommen hatte) hat Montgomery Kurzgeschichten und Romane geschrieben, die sich durch ihr intellektuelles Niveau und aberwitzige Komik auszeichnen.

Sein Held, der Professor Gervase Fen, ist nicht der standardisierte englische Detektiv. Gervase Fen (das hier ist nicht Professor Fen sondern Edmund Crispin) ist etwas anders als Sherlock Holmes oder Hercule Poirot. Zwar ebenso exzentrisch, aber viel komischer. Wenn man einen Gervase Fen Roman gelesen hat, wird man alle lesen wollen. Glücklicherweise sind sie (bis auf den letzten, The Glimpses of the Moon), alle neu aufgelegt und wieder erhältlich. Es ist traurig, dass der Autor in seinem Leben dem Alkohol zu sehr zugesprochen hat (was ihn mit ➱Raymond Chandler verbindet), sonst hätten wir vielleicht noch einige Gervase Fen Mysteries mehr. Das wäre doch mal eine schöne Aufgabe für die BBC, aus den Gervase Fen Romanen eine TV Serie zu machen.

Aber ich schweife ab. Wie immer. Für D.H. Auden war die Universität der ideale Ort für den Detektivroman: It is a sound instinct that has made so many detective-story writers choose a college as a setting. The ruling passion of the ideal professor is the pursuit of knowledge for its own sake so that he is related to other human beings only indirectly through their common relation to the truth; and those passions, like lust and avarice and envy, which relate individuals directly and may lead to murder are, in his case, ideally excluded. If a murder occurs in a college, therefore, it is a sign that some colleague is not only a bad man but also a bad professor. Further, as the basic premise of academic life is that truth is universal and to be shared with all, the gnosis of a concrete crime and the gnosis of abstract ideas nicely parallel and parody each other.

Dem widerspricht eine Romanfigur in Timothy Robinsons Tödliche Logik (When Scholars Fall, 1961): Mord... Ich kann mich irren, aber ich erinnere mich nicht daran, daß zu meiner Zeit oder früher je in Oxford ein Mord begangen wurde. Außerdem ist es kein Verbrechen, das zu einer Universität paßt. Es ist zwar das älteste Verbrechen, aber zugleich auch das geistloseste. Timothy Robinson gehörte mit seinem Namensvetter Robert Robinson, der 1956 Landscape with Dead Dons geschrieben hatte, zu einer jüngeren Generation von Autoren, die der Meinung waren, dass Edmund Crispin den Oxford Roman noch nicht ausgereizt hatte. Richard K. Flesch (genannt Leichen-Flesch) vom Rowohlt Verlag, der die Reihe der rororo thriller ins Leben rief, hatte Timothy Robinson damals gleich unter Vertrag, er hatte immer ein gutes Händchen für qualitätsvolle Krimis.

None but the most blindly credulous will imaging the characters and events in this story to be anything but fictitious. It is true that the ancient and noble city of Oxford is, of all the towns of England, the likeliest progenitor of unlikely events and persons. But there are limits, hatte Edmund Crispin im Vorwort zu The Moving Toyshop geschrieben. Dass jedermann Oxford kennt, hat für Schriftsteller einen Vorteil, man braucht nicht viel Zeit, um den Raum zu beschreiben. Die Nennung von einigen Straßennamen und Colleges reicht völlig aus. Die Radcliffe Camera (zu der es ➱hier einen Post gibt) kennt ja jeder Tourist. Natürlich kann sie auch Handlungsort sein, wie in dem furiosen Finale von Michael Innes' Operation Pax.

Während sich der Leser mit allgemeinen Beschreibungen zufriedengibt, will der Fernsehzuschauer natürlich, dass ihm Oxford vorgeführt wird. Wird es auch, aber nicht immer. Die deutsche Serie Der Fahnder (mit dem unvergessenen Klaus Wennemann) spielt im Kohlenpott, gedreht wurde in München. NYPD Blue spielt in New York, gedreht wurde die Serie in Los Angeles. Viele Filme, die uns London zeigen, wurden aus Kostengründen in Liverpool gedreht etc. Aber die Serie Lewis, die im Deutschen Lewis – Der Oxford Krimi heißt, wurde schon größtenteils in Oxford gedreht. Man hat den Eindruck, als hätte der Fremdenverkehrsverband VisitEngland die Serie finanziert. Vielleicht haben sie das ja auch.

Im Jahre 1977 gab Ann Thwaite das Buch My Oxford heraus, in dem sich eine Vielzahl von Berühmtheiten an ihr Oxford erinnerten. Und natürlich gibt es eine Vielzahl von ➱Romanen, die in Oxford spielen. Von denen mir Max Beerbohms Zuleika Dobson der liebste ist. Aber all die Oxford novels, alle Reiseführer, sind ja nichts gegen die Inspector Morse Vermarktungsindustrie. Im letzten Jahr erschien zur 25-Jahrfeier der Serie Inspector Morse's Oxford, a showcase of the inspirational beauty history and tradition of Oxford itself. Und an der Universität Oxford gibt es inzwischen am St John's College einen Crime Fiction Day. Schauen Sie sich doch hier einmal die ➱Vorlesung Dons, Deaths and Detectives: Oxford in Crime Fiction von Professor Colin Bundy an. Am gleichen Tag sprach übrigens Colin Dexter über seine Inspector Morse Romane.

Eine Krimiserie braucht auch ein wenig Musik. Man entsann sich bei der BBC, dass der Australier Barrington Somers Pheloung schon mit der Musik von Inspector Morse großen Erfolg gehabt hatte (hören Sie mal eben in die ➱Titelmelodie). Also bekam er den Auftrag für die Series Lewis. Eine schöne dahin wabernde, getragene ➱Musik. Unaufgeregt, zu der Sendung passend. Und Sergeant Hathaway darf auch ➱einmal in der Serie singen, und das gar nicht schlecht.

There must be no love interest. The business in hand is to bring a criminal to the bar of justice, not to bring a lovelorn couple to the hymeneal altar. Sagt der Krimiautor S.S. van Dine in seinen berühmten ➱Twenty rules for writing detective stories. Aber was für den Roman des golden age of the detective story gilt, hat für heutige Unterhaltungsserien keinen Bestand mehr. Chandlers Philip Marlow bleibt einsam wie die Cowboy im amerikanischen Western (a cowboy adapted to life on the city streets, hat Leslie Fiedler den amerikanischen hard-boiled hero genannt), bei englischen Polizeioffizieren hätten wir gerne eine Lady als Beigabe. Und von der ersten Folge von Lewis an ist uns klar, dass Lewis und die schnuckelige blonde Dr Laura Hobson sich irgendwann kriegen müssen.

Früher waren Gerichtsmediziner in Krimiserien graue Mäuse, die sich erst zum genauen Todeszeitpunkt äußern wollten, wenn sie die Leiche auch ihrem Labortisch haben. Aber seit Jack Klugman als Held von Quincy, M.E. solch großen Erfolg hatte, sind die Pathologen allgegenwärtig. Von Dr. Donald (Ducky) Mallard in NCIS über Professor Boerne in Münster bis zu der Ex-Frau von Hubsi in Hubert und Staller, jeden Tag Gerichtsmediziner auf allen Kanälen. Häufig neuerdings Frauen, das Genre schreit nach Gleichberechtigung. Laura Hobson hatte schon in der Inspector Morse Serie (in The Way Through the Woods) einen ersten Auftritt, wo ihr die Drehbuchautoren den wunderbaren ersten Satz in den Mund legten: Do you know where I might find a Detective Chief Inspector... looks like 'Mouse'?

In der bisher letzten Folge der Serie Lewis ist es dann soweit, die beiden kriegen sich. Alles wird gut. Wir Serienjunkies vergessen an dieser Stelle mal eben, dass dieselbe Schauspielerin in der Folge Pikante Geheimnisse von Inspector Barnaby eine Freizeitnutte spielt. Das tut sie natürlich in Lewis nicht. So etwas passt nicht in diese Serie. Weil die Serie vornehm sein will. Hochglanzlackiert. Und da gibt es nicht diese grausigen Morde wie bei Barnaby, wo ein Motorradfahrer von einem über die Straße gespannten Seil geköpft wird, wo Opfer von Mistgabeln erstochen oder unter Starkstrom gesetzt werden. Reine Sensationshascherei. Zwischen einem alten Trimmel Tatort und einem Til Schweiger Tatort liegen Welten.

Die alte Weisheit von Hilaire Belloc I shoot the Hippopotamus with bullets made of platinum / because if I use the leaden one his hide is sure to flatten 'em gilt für Krimiserien unbedingt. Aber für einen schönen Oxford Krimi sollten eher die Worte aus Timothy Robinsons Roman Tödliche Logik gelten: Nein, der Mord muß kunstvoll, ja sogar geistreich sein. Besonders ein Oxford-Mord. Um der Tradition gerecht zu werden, bedarf es eines Schusses Phantasie. Zum anderen ist Oxford die ideale Brutstätte für Mordgedanken.

Kommentare:

  1. NCIS und JAG waren wohl die einzigen Serien, die ich gern gesehen habe und die ich immer noch einschalte. Auch Num3ers ist nicht schlecht gewesen. Der Hinweis auf Br. Mallard ist schon mal gut... (Aber die waren alle US-Serien)
    Der Post könnte mich dazu bringen, bei BARNABY und BONES demnächt mal bewusst rein zu schauen.
    Eine schöne Adventszeit wünsche ich Ihnen, lieber Jay.

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  2. Zuleika Dobson, vielen Dank für die Erinnerung. Ich muß wieder einmal Beerbohm lesen, sehr amüsant. Haben Sie eigentlich über den schon einmal ausführlicher geschrieben?
    Herzliche Grüße,
    dE

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  3. Beerbohm hebe ich mir noch auf.

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  4. Ist eigentlich Inspector Gently schon auf deutsche Bildschirme gekommen? Hier in Frankreich wurde er vor etwa zwei Jahren mal ins Programm genommen, dann wieder abgesetzt, dann kam er doch letztens noch einmal - und wäre sicher eine Beleuchtung wert.

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    1. Ja, George Gently ist im ZDF schon in einzelnen Staffeln gezeigt worden, aber niemals vollständig.

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