Donnerstag, 28. Februar 2013

Michel de Montaigne


Es gibt nur einen angeborenen Irrtum, und es ist der, dass wir da sind, um glücklich zu sein, sagt Schopenhauer. Neuerdings machen Philosophen und Pseudophilosophen Kasse, indem sie Bücher über das Glück schreiben. Das reicht von dem Glücksforscher Wilhelm Schmid über Richard David  Precht bis zu Florian Langenscheidts Handbuch zum Glück oder Eckart von Hirschhausens Glück kommt selten allein. Alles hinausgeworfenes Geld. Für all diese neumodischen Glückforscher gilt der Satz Mancher will sprechen lernen zu einem Zeitpunkt, wo er lernen sollte, endgültig zu schweigen. Es gibt nur einen, den es zu lesen lohnt. Und das ist natürlich niemand anderes als Michel Eyquem de Montaigne, der heute vor 480 Jahren geboren wurde.

Natürlich wäre das ein Grund, einen richtig schönen Montaigne Artikel zu schreiben. Aber - Sie ahnen das schon - der steht ➱hier schon im Blog. Montaigne hat den Essay zu einer Vollendung gebracht, die kaum wieder erreicht worden ist. Es ist nicht jedermanns Literaturform, für Ben Jonson waren es nur a few loose paragraphs and that's all. Glücklicherweise haben Ben Jonsons Landsleute nicht auf ihn gehört und den Essay beständig als eigene Gattung gepflegt. Die schon zu Ben Jonsons Lebzeiten mit Francis Bacon einen Höhepunkt hat. Und der wir Essays von Samuel Johnson, William Hazlitt, Matthew Arnold, T.S. Eliot, George Orwell und Graham Greene verdanken, werfen Sie doch einmal einen Blick auf diese (sicher nicht vollständige) Liste. Und da sind die Amerikaner von ➱Ralph Waldo Emerson bis Joan Didion noch nicht einmal dabei. Und natürlich habe ich von all denen ein wenig profitiert. Denn sind nicht alle Blogger Essayisten? Wäre Montaigne heute Blogger?

Leider steht der Name Zadie Smith nicht auf der Wikipedia Liste. Die Frau, die mit White Teeth zu Recht berühmt geworden war, tendierte in den letzten Jahren immer weiter weg vom Roman. Hin zum Essay. Sie hatte sogar eine Art programmatischen Essay darüber geschrieben, der mit dem Absatz beginnt: Why do novelists write essays? Most publishers would rather have a novel. Bookshops don’t know where to put them. It’s a rare reader who seeks them out with any sense of urgency. Still, in recent months Jonathan Safran Foer, Margaret Drabble, Chinua Achebe and Michael Chabon, among others, have published essays, and so this month will I. And though I think I know why I wrote mine, I wonder why they wrote theirs, and whether we all mean the same thing by the word “essay”, and what an essay is, exactly, these days. The noun has an unstable history, shape-shifting over the centuries in its little corner of the OED. Der Artikel ist viel diskutiert worden (Sie finden ihn, wenn Sie ihn lesen wollen, hier). Den Lesern, die Zadie Smith wegen ihrer Romane lieben, sei aber gesagt: ihr neuestes Buch NW (gerade erschienen) ist wieder ein Roman.

Der fetzig anfängtThe fat sun stalls by the phone masts. Anti-climb paint turns sulphurous on school gates and lampposts. In Willesden people go barefoot, the streets turn European, there is a mania for eating outside. She keeps to the shade. Redheaded. On the radio: I am the sole author of the dictionary that defines me. A good line—write it out on the back of a magazine. In a hammock, in the garden of a basement flat. Fenced in, on all sides. Allerdings würde Joan Didion so etwas auch in einem Essay schreiben, der amerikanische New Journalism mit seiner non-fiction novel und der creative reportage hat neue Formen für alles gefunden. Irgendwann gibt es nur noch Mischformen, panta rhei. Natürlich ist das Internet voll mit guten Ratschlägen für How To Write An Essay. Wenn Sie bei Google How to Write an Essay eingeben, erhalten Sie ungefähr 123.000.000 Ergebnisse in 0,11 Sekunden. Weil der Essay in der englischsprachigen Welt immer noch etwas ist, mit dem Lehrer Schüler quälen können. Aus denen bekanntlich selten berühmte Essayisten werden. Denn wenn man glaubt, es gäbe feste Regeln, sollte man an Dr Johnsons Diktum von A loose sally of the mind; an irregular undigested piece; not a regularly and orderly composition denken.

Gibt man Michel de Montaigne ein, bekommt man nur zehn Prozent dieser Ergebnisse. Aber ich brauche all diese Ratschläge nicht, die in Büchern stehen, deren Titel mit How to anfängt. Ich schreibe ja heute keinen Essay über Montaigne. Das habe ich schon getan, vielleicht haben mir meine Leser ja im Geiste gute Noten gegeben. Why write about Montaigne? fragt die Engländerin Sarah Bakewell, die hier schon einmal erwähnt wurde. Sie hat gerade ein Buch über Montaigne geschrieben hat: How to Live: A Life of Montaigne in One Question and Twenty Attempts at an Answer. Und sie hat auch eine Antwort: One answer is that he is one of the most appealing, likeable writers ever to have lived. Another is that he helped make us the way we are. Had he not existed, or had his own life gone slightly differently, we too would be a little bit different. Sarah Bakewells Buch hat in wenigen Monaten in Deutschland schon seine vierte Auflage erreicht. Was beweist, dass sich Montaigne gegen Schmid, Precht et.al. immer noch leicht behaupten kannDas ist sehr beruhigend. Beginnen wir also den Geburtstag von Montaigne mit einem Zitat:

Wir trachten nach anderen Lebensformen, weil wir die unsere nicht zu nutzen verstehen. Wir wollen über uns hinaus, weil wir nicht erkennen, was in uns ist. Doch wir mögen auf noch so hohe Stelzen steigen - auch auf ihnen müssen wir mit unseren Beinen gehen. Und auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir nur auf unserem Arsch.

Noch mehr Montaigne finden Sie hier: MontaigneImmanuel KantBücherAugustinusErwin ChargaffKarl-Otto ApelKarl MarxChristian HeinekenLaurence SterneLiteraturgeschichteLouis-Ferdinand CélineBlack PrinceÜbersetzerPlagiatWahlplakateSchuhcremeFlanellhosen

Mittwoch, 27. Februar 2013

Dexter Gordon


It begins to tell,
'round midnight, midnight.
I do pretty well, till after sundown,
Suppertime I'm feelin' sad;
But it really gets bad,
'round midnight.

Memories always start 'round midnight
Haven't got the heart to stand those memories,
When my heart is still with you,
And ol' midnight knows it, too.
When a quarrel we had needs mending,
Does it mean that our love is ending.
Darlin' I need you, lately I find
You're out of my heart,
And I'm out of my mind.

Let our hearts take wings
'round midnight, midnight
Let the angels sing,
for your returning.
Till our love is safe and sound.
And old midnight comes around.
Feelin' sad,
really gets bad
Round, Round, Round Midnight

Der Text zu dem Jazz Klassiker 'Round Midnight ist von Thelonious Monk, nicht von Dexter Gordon. Aber natürlich hat Dexter Gordon auch ➱'Round Midnight gespielt. Gordon war nie Avantgarde (What I'm doing, I prefer to call that jazz, because it is a beautiful word - I love it) wie Charlie Parker oder Coltrane, aber man kann ihn immer gut hören. Sozusagen easy listening, wie ➱Don Byas oder ➱Lou Donaldson. Ich kann ja tagelang Jazzsaxophonisten hören, aber auch nicht jeden. Candy Dulfer ist O.K. (das habe ich ➱hier schon einmal gesagt), aber Joe Lovano geht nun gar nicht ((obgleich Kids: Live At Dizzy's Club großartig ist). Da höre ich eher Alvin Tyler. Natürlich habe ich CDs von Joe Henderson, aber ich tue so, als ob ich keine hätte. Weil der irgendwann Mode war und alle Welt (vor allem die, die keinerlei Ahnung hatten) über ihn redete. Mein Geheimtip, der längst nicht mehr geheim ist, ist ➱Heinz Sauer. Der Mann ist über achtzig - ein Alter, das viele der amerikanischen Saxophonisten nicht annähernd erreicht haben - und spielt wie ein junger Gott.

Ich habe den Titel 'Round Midnight natürlich auch deshalb gewählt, weil Dexter Gordon - der heute vor neunzig Jahren geboren wurde - in dem gleichnamigen Film die Hauptrolle spielt. Hat dafür sogar eine Oscar Nominierung bekommen. Hat leider den Oscar nicht bekommen, aber Herbie Hancock hat einen für die Beste Filmmusik erhalten. Ich zitiere das Lexikon des internationalen Films eigentlich ungern, aber heute tue ich es mal: In meisterhaftem Erzählrhythmus entwickelt der Film behutsam und liebevoll das Porträt eines Musikers. Empfindungen und Leidenschaft, Schönheiten des Augenblicks sowie deren Vergänglichkeit werden in kunstvollen Details zu einem Ausdruck leiser Trauer und doch beständiger Daseinsfreude verdichtet. Wenn man es kürzer fassen will, könnte man sagen: der Film ist von Bertrand Tavernier. Und der dreht immer schöne und traurige Filme. Ich hatte zu seinem siebzigsten Geburtstag ➱hier einen kleine Hommage für ihn geschrieben, die ich auch beinahe zwei Jahre später noch zur Lektüre empfehlen kann.

Bei mir liegt heute den ganzen Tag die Musik von dem Mann auf, der einmal gesagt hat: Jazz to me is a living music. It's a music that since its beginning has expressed the feelings, the dreams, hopes, of the people. So ein Tag mit Dexter Gordon bringt mich in Versuchung, mir eine Packung Gauloises zu kaufen und von der Zeit zu träumen, als das Leben zwischen Kino und Jazzkeller stattfand. Und am Abend gucke ich mir noch einmal 'Round Midnight an. Wie ich das Fernsehen kenne, gibt es da eh nix. Warum senden die nicht mal anstelle von Florian Silbereisen gute Jazzfilme? Also 'Round Midnight oder Clint Eastwoods Bird? Oder Jazz on a Summer's Day? Das ist ja der ultimative Jazzfilm (hatte ich schon das Saxophon von Jimmy Giuffre erwähnt?), den könnte ich ständig sehen. Kann ich auch, weil ich die DVD habe.

Wenn Sie noch nicht wissen, ob Sie das Saxophon mögen, kann ich nur den Kauf von Battle of Saxes (Volume I und II) empfehlen. Das sind acht CDs, die zum Billigpreis verramscht werden. Beinahe jeder ist dabei, natürlich auch Dexter Gordon. Und wenn Sie jetzt mehr Dexter Gordon haben wollen, hätte ich ➱hier noch eine kleine Dexter Gordon Dokumentation.

Dienstag, 26. Februar 2013

Buffalo Bill


Am 26. Februar 1846 wurde William Frederick Cody geboren, den wir besser unter dem Namen Buffalo Bill kennen. Ich weiß sogar, wo er begraben ist, weil mir ein Student einmal eine Postkarte mit dem ➱Grab auf dem Lookout Mountain geschickt hat. Vor hundert Jahren war Buffalo Bill weltweit wahrscheinlich der berühmteste Amerikaner. Seine Show, die den barocken Titel Buffalo Bill's Wild West and Congress of Rough Riders of the World hatte, war auch mehrfach in Deutschland. Und schon seit den 1870er Jahren gibt es die von Ned Buntline geschriebenen Romane unter dem Titel Buffalo Bill Cody, König der Grenzer auch in Deutschland.

Unser bester Kenner des amerikanischen Westens urteilte damals: Buffalo Bill kenne ich persönlich; er war Spion und guter Führer, sonst nichts. Zu den Westmännern à la Old Firehand wurde er nicht gerechnet. Aber was Karl May hier von sich gibt, ist wahrscheinlich der reine Neid. In dem bitterbösen Theaterstück Indians von Arthur Kopit steht Buffalo Bill im Mittelpunkt des Geschehens. Szene für Szene wird hier sein Mythos entzaubert. Er kommt sich noch großartig vor, wenn er Wild Bill Hichok seine Zukunftspläne enthüllt: When a man...has a talent, I think it's his godly duty t'make the most of it...Ya see, Bill, what you fail to understand is that I'm not being false to what I was. I'm simply drawn' on what I was... and liftin' it to a higher level.

Der Journalist Ned Buntline hilft ihm dabei, auf diesen higher level zu kommen, zu einem Mythos zu werden. Wobei es zu so wunderbaren Dialogen kommt wie: BUNTLINE. Go on, tell'm. It'll help what I'm plannin' t' write. BUFFALO BILL. [delighted] It will? BUNTLINE. Absolutely. Look: de West is changin' right? Well, people wanna know about it. Wanna feel...part o' things. I think you're what dey need. Someone t' listen to, observe, identipy wid. No, no, really! I been studyin' you? I think you could be de inspiration o' dis land. BUFFALO BILL. Now I know you're foolin'! BUNTLINE. Not at all...Well go on. Tell 'm what he wants t' hear. T'rough my magic pen, other will hear also...Donmentionit. De Nation needs men like me, too.

Was Buntline hier zu Cody sagt, ist das Dilemma Amerikas. Der magic pen der Ghostwriter verändert die Wirklichkeit. Ähnlich klang das schon in ➱John Fords The Man Who Shot Liberty Valance, wenn Senator Ransom Stoddard (➱James Stewart) den Zeitungsredakteur fragt: You're not going to use the story, Mr. Scott? Und die Antwort erhält: No, sir. This is the West, sir. When the legend becomes fact, print the legend. In Kopit Indians wird Buffalo Bill mit seiner eigenen Legende nicht fertig. Verbissen verteidigt er seinen Glauben, dass er keine Schuld an der Vernichtung der Indianer trüge: Anyone who thinks we have done something wrong, is wrong! Ich hätte gerne ein Photo von Stacy Keach bei seinem Broadway Debüt gehabt, aber das offeriert das Internet leider nicht. Das Farbphoto oben ist natürlich nicht Buffalo Bill, das ist Paul Newman, der in ➱Robert Altmans Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bull's History Lesson den Titelhelden spielt. Eigentlich sieht er eher aus wie ➱Custer, aber diese amerikanischen Westernhelden stilisieren sich in der Zeit offensichtlich alle gleich. Auf diesem Schwarzweißphoto ist der echte Buffalo Bill zu sehen, aber der eindrucksvolle Hintergrund ist nur eine gemalte Kulisse für den Showman, der in Kopits Stück sagt: Well, my plan is t' help people. Like you, ferinstance. Or these people I'm with. More...even...than that, maybe. And , and, whatever...it is I do t' help, for it, these people may someday jus' possibly name streets after me. Cities. Counties. States! I'll ...be as famous as Dan'l Boone!...An' somewhere, on top of a beautiful mountain that overlooks more plains 'n rivers than any other mountain, there might even be a statue of me sittin' on a great white horse, a-wavin' my hat t' everyone down below, thankin' 'em, fer thankin' me, fer havin' done...whatever...it is I'm gonna...do fer 'em all. How...come you got such a weird look on yer face?

Seit sich ➱John James Audubon als Lederstrumpf inszeniert hat, sehen ihm beinahe alle Westernhelden in den billigen Dime Novels ähnlich. Es scheint sich ein gewisser ➱Dandyismus an der amerikanischen frontier zu entwickeln. Die ersten Illustrationen von Coopers Romanen versetzen die Helden noch in europäischer ➱Kleidung in den Wald (lediglich eine Fellmütze gibt etwas Lokalkolorit). Aber in dem Augenblick, in dem ➱Seth Jones und ➱Lew Dernor in den Dime Novels auftauchen - also bevor Ned Buntline Buffalo Bill vermarktet - entsteht in den Illustrationen all dieser Heftchenliteratur ein beinahe stereotyper Westernheld. Ein bisschen Hinterwäldler, ein bisschen Dandy. Schon Melville spöttelt in Moby-Dick über den bumpkin dandy, der buckskin gloves for fear of tanning his hands trägt. There's no business like show business. Amerikas Westernhelden, die sich von Ghostwritern vermarkten lassen, haben das frühzeitig erkannt.

Der erste Auftritt von Buffalo Bill in Kopits Stück zeigt den Westernhelden bei einem verzweifelten Comeback Versuch, gerade zuvor hatte ihn sein Manager in einer ghost town gebucht. Buffalo Bill kommt vielleicht zu seiner letzten Vorstellung. Und Kopit, der Meister des absurden Theaters, kann es nicht lassen, ihn auf einem glorious white artificial stallion with wild, glowing eyes auf die Bühne kommen zu lassen.

BUFFALO BILL Yessir, BACK AGAIN! That triumphant brassy music, those familiar savage drums! Should o' known I couldn't stay away! Should o' known here's where I belong! The heat o' that ol' spotlight on my face. Yessir...Should o' known here's where I belong...
BUFFALO BILL. Before we start, I'd···just like to say...
VOICE. Bill!
[The Indians slowly approach.]
BUFFALO BILL. ... to say that...I am a fine man. And anyone who says otherwise is WRONG! VOICE [softly] Bill, it's time.
BUFFALO BILL. My life is an open book; I'm not ashamed of its bein' looked at!
VOICE [coaxing tone] Bill...
BUFFALO BILL, I'm sorry, this is very...hard...for me t' say. But I believe I...am a...hero...A GODDAM HERO!

Ich könnte jetzt wochenlang über den amerikanischen Mythos und die Wirklichkeit schreiben, aber ich lasse das. Ich wollte mal einen kurzen Post schreiben. Und ich habe auch einen wunderbaren Schluss, der von dem Dichter e.e.cummings stammt:

Buffalo Bill's 
defunct 
              who used to 
              ride a watersmooth-silver 
                                              stallion 
and break onetwothreefourfive pigeonsjustlikethat 
                                                                                    Jesus 
he was a handsome man 
                                              and what i want to know is 
 how do you like your blueeyed boy 
 Mister Death


Mehr zu dem Thema Indianer in diesem Blog unter ➱Indianer. Kopits Indians finden Sie auf dieser ➱Seite. Dieser Text ist ein wenig fehlerhaft, ist aber besser als nix.

Montag, 25. Februar 2013

Tellheim


Graf: So recht, mein Sohn! Ich höre es; wenn dein Mund nicht plaudern kann, so kann dein Herz doch reden.—Ich bin sonst den Offizieren von dieser Farbe (auf Tellheims Uniform weisend) eben nicht gut. Doch Sie sind ein ehrlicher Mann, Tellheim; und ein ehrlicher Mann mag stecken, in welchem Kleide er will, man muß ihn lieben. Das steht natürlich in Lessings Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück. Ein Stück, über das Goethe sagte: Eines Werkes aber, der wahrsten Ausgeburt des Siebenjährigen Krieges, von vollkommenem norddeutschen Nationalgehalt, muß ich hier vor allen ehrenvoll erwähnen; es ist die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion, von spezifisch temporärem Gehalt, die deswegen eine nie zu berechnende Wirkung tat: Minna von Barnhelm. Ihm sekundiert Heinrich Christian BoieTellheims preußischen Officiersrock hat man mit Vergnügen auf dem Theater gesehen, weil das etwas ganz neues war.

Der spezifisch temporäre Gehalt ist das Ende des Siebenjährigen Krieges. Viele Offiziere sind jetzt arm dran, nicht nur der Major von Tellheim. Friedrich verkleinert die preußische Armee. 1763 hat Lessing begonnen, seine Minna von Barnhelm zu schreiben, und im Jahre 1763 spielt das Stück auch. Der Major Tellheim ist gerade unehrenhaft entlassen worden. Ein anderer preußischer Major ist glücklicher dran als unser Tellheim, der Major Wilhelm René Baron de l’Homme de Courbière. Der rückt mit seinem Bataillon im Jahre 1763 in Emden ein. Und im Jahre 1763 wird übrigens auch Johann Gottfried Seume geboren, dessen Leben eines Tages schicksalhaft mit dem des Barons Courbière verbunden sein wird.

Der Mann aus einer hugenottischen Familie aus der Dauphiné war (wie sein Vater und Großvater) Offizier im Dienste der Generalstaaten gewesen. Mit solch einem Namen muss man ja Offizier werden, sein Sohn wird das auch. Er fällt in der Schlacht von Großgörschen. Und auch die Wehrmacht wird noch einen Generalleutnant René de l’Homme de Courbière in ihren Reihen haben. Das Holländische wird sein Courbière Leben lang beherrschen, das Französische sowieso. Nur mit dem Deutschen hat er Schwierigkeiten. Wie heißt es so schön in Minna von BarnhelmOh, was ist die deutsch Sprak für ein arm Sprak! für ein plump Sprak! Zu Beginn des Siebenjährigen Krieges hatte er die Uniform des preußischen Königs angezogen. Lessings Satz ein ehrlicher Mann mag stecken, in welchem Kleide er will, man muß ihn lieben, gilt für ihn wie für kaum einen anderen.

Obgleich er auch einige negative Seiten hat, er ist jähzornig. Und ehrpusselig wie Tellheim, zu dem das Fräulein von Barnhelm sagt: Oh, über die wilden, unbiegsamen Männer, die nur immer ihr stieres Auge auf das Gespenst der Ehre heften! für alles andere Gefühl sich verhärten! Das Fräulein Minna hat sowieso erstaunlich moderne Ansichten in diesem Theaterstück. Aus ihr spricht die Aufklärung, aus Tellheim die Vergangenheit. Oh, mein Rechthaber, so hätten Sie sich auch nicht unglücklich nennen sollen. - Ganz geschwiegen oder ganz mit der Sprache heraus. - Eine Vernunft, eine Notwendigkeit, die Ihnen mich ganz zu vergessen befiehlt? - Ich bin eine große Liebhaberin der Vernunft, ich habe sehr viel Ehrerbietung für die Notwendigkeit. - Aber lassen Sie doch hören, wie vernünftig diese Vernunft, wie notwendig diese Notwendigkeit ist.

Obgleich der König das Duell verboten hat, wird Courbière sich mehrmals duellieren. Er herrscht in Ostfriesland, wohin ihn der König mit seinem Freibataillon (was für andere eher ein Strafbataillon ist) geschickt hat, mit strenger Hand. Bis auf das Courbièrsche Freibataillon hatte der König diese Einheiten nach dem Krieg aufgelöst. Sie haben nicht eben den besten Ruf. Als sich Johann Friedrich Adolf von der Marwitz weigert, ein Schloss des Gegners auszuplündern, sagt er seinem König: Weil sich dies allenfalls für Offiziere eines Freibataillons schicken würde, nicht aber für den Kommandeur von Seiner Majestät Gensdarmes.

In Emden, das seit 1744 zu Preußen gehört, ist Courbière eine Art  preußischer Militärgouverneur. Wer die Ostfriesen kennt, weiß, dass die das nicht so gerne haben. Die hätte wohl lieber jemanden wie den Major Tellheim gehabt, der - ebenso wie Marwitz - so gut und edel zu den Besiegten ist. Aber einen solchen Offizier, über den Minna sagt Freund und Feind sagen, daß er der tapferste Mann von der Welt ist. Aber wer hat ihn von Tapferkeit jemals reden hören? Er hat das rechtschaffenste Hertz, aber Rechtschaffenheit und Edelmut sind Worte, die er nie auf die Zunge bringt, gibt es nur auf der Bühne.

In der Wirklichkeit sehen sie wahrscheinlich eher ein wenig menschlich aus, so aus wie Courbière. Der aber für viele ein Vorbild sein kann. Aus anderm Holz geschnitten wie jene Schwächlinge, die dem französischen Usurpator königl. preußische Festungsschlüssel überlieferten, schreibt Ernst Graf zur Lippe-Weißenfeld in der Allgemeinen Deutschen Biographie über den Ritter sämmtlicher Orden Preußens. Da hat er als Gouverneur von Graudenz seine große Stunde. Als er dem Abgesandten Napoleons sagen läßt: Votre Général me dit ici qu'il n'ya plus un Roi de Prusse, puis que les Français ont occupé ses états. Eh bien, ça se peut; mais s'il n'ya plus un Roi de Prusse, il existe encore un Roi de Graudenz. Dites cela à votre général. Das ist ein halbes Jahrhundert nach dem Siebenjährigen Krieg, der General ist immer noch in preußischen Diensten. Er ergibt sich Napoleon nicht.

1807 ist der Major von Tellheim bestimmt nicht mehr bei der Armee. Aber er ist immer noch auf der Bühne. Ist das sein Soldatenglück? Er ist schutzlos mit seiner Soldatenehre den wildesten Verirrungen des sogenannten Regietheaters ausgeliefert. ➱Hans-Joachim Kulenkampff (der den Tellheim einmal auf der Bühne gespielt hatte) antwortete auf die Frage: Sie wollten als junger Mann Charakterdarsteller werden. Ihre Fernsehkarriere haben Sie als Abstieg bezeichnet in seiner klaren Art: Ja, aber ich hatte auch großes Glück, denn müßte ich heute mein Geld beim Theater verdienen, dann müßte ich vertreten, daß die Töchter von König Lear auf der Bühne in einen Eimer pinkeln und der Herzog von Burgund das dann säuft. Ich möchte auch nicht Hamlet auf dem Motorrad spielen oder mich im Schlamm auf dem Boden wälzen. Den heutigen Regisseuren ist doch scheißegal, was der Autor will. Ein gütiges Geschick hat mich davor bewahrt, das machen zu müssen. 

Dass es so etwas eines Tages geben würde, hätte der Autor der Hamburgischen Dramaturgie sich bestimmt in seinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können. 240 Jahre nachdem Lessing Dramaturg in Hamburg geworden war und sein Stück aufführte, führte eine gewisse Karin Henkel (O, Komödiantinnen! ich hätte euch doch kennen sollen) am Deutschen Schauspielhaus ihre persönliche Interpretation des Theaterstückes vor. Dessen Ende aber nach Beobachtungen der Berichterstatter viele Zuschauer nicht mehr miterleben wollten, weil sie längst das Theater verlassen hatten. Heinrich Christian Boie schrieb nach der Uraufführung von Minna von Barnhelm in einem Brief: Der Geschmak des Hamburgischen Publikums ist höchst verdorben; um einen Beweis Ihnen davon zu geben, will ich nur sagen, daß Lessings Minna fast gar keinen Beifall gefunden hat. Im Jahre 2007 war nicht der Geschmack des Hamburgischen Publikums verdorben, sondern der der Regisseurin. Falls Sie Rezensionen lesen wollen, klicken Sie doch ➱dies oder ➱das an.

Der preußische Feldmarschall Guillaume René de l’Homme, Seigneur de Courbière wurde heute vor 280 Jahren geboren. Man wird sich an ihn als den großzügigen Förderer von ➱Johann Gottfried Seume erinnern. Und an den Mann, der den großen Satz gesagt hat: mais s'il n'ya plus un Roi de Prusse, il existe encore un Roi de Graudenz. Glücklicherweise gibt es kein Theaterstück über ihn, das von durchgeknallten Vertretern des Regietheaters verhunzt werden könnte. Dieses Schicksal muss der arme Major von Tellheim erleiden. Ich weiß nicht, wie er sich dabei fühlt.

Sonntag, 24. Februar 2013

Lasagne


Also Lasagne kommt bei mir heute nicht auf den Tisch. Obgleich manche der kursierenden Lasagne Witze ja ganz komisch sind. Die englische Firma Tesco war sicherlich auch nicht so gut beraten, als sie dieses Pferd für Tesco Finest Reklame laufen ließen. Letzte Woche mussten sie sich offiziell bei den englischen Verbrauchern für ihre Produkte entschuldigen.

Nein, bei mir gibt es an diesem schönen Wintertag mit dem frischen Schnee draußen ein Gericht, das in Bremen ein Nationalgericht ist. Und auch wir Butenbremer bekommen dabei immer wieder heimatliche Gefühle, wenn wir an Kohl und Pinkel denken. Man kann ja alle Zutaten bekommen, außer der Grützwurst, die den schönen Namen Pinkel hat. Aber auch ohne die muss es gehen, zumal ich noch in einem anderen Punkt gegen die vorgeschriebenen Zutaten des hanseatischen Nationalgerichts verstoße: ich nehme in den letzten Jahren immer bayrischen Senf dazu. Das würde kein Bremer tun. Aber Händlmaier süßer Hausmachersenf passt nicht nur zur Weißwurst, es passt auch wunderbar zu den süßen Kartoffeln des Grünkohlgerichts.

Und während ich das zubereite, können Sie hier diesen wunderbaren Post über Kohl und Pinkel lesen. Ich gebe zu, der stand hier vor einem Jahr schon einmal. Aber das macht nichts, er ist immer noch gut. Und Grünkohl wird auch mit jedem Aufwärmen besser.

Grünkohl für Holland heißt ein Theaterstück von Otto Jägersberg. Der Autor hat sich einmal vor dem Straßenschild der gleichnamigen Kieler Straße Jägersberg photographieren lassen und dann scherzhafterweise behauptet, sie sei nach ihm benannt. Kann man noch auf Diogenes Paperbacks aus den siebziger Jahren sehen. Ich habe damals alles gekauft, was Otto Jägersberg geschrieben hat, habe es gelesen und im Regal stehen. Das habe ich nur von wenigen deutschen Autoren gemacht, die mein Leben begleitet haben: Rolf Dieter Brinkmann, Uli Becker und Arno Schmidt. Arno Schmidt hat nette Dinge über den ersten Roman von Jägersberg gesagt, und wenn Diogenes einen als Autor nimmt, dann kann man nicht ganz schlecht sein. Jägersberg ist so alt wie ich, er kommt aus Westfalen. Wie Uli Becker. Und die Gegend, wo Brinkmann herkommt, ist ja eigentlich auch schon Westfalen. In Jägersbergs ersten Romanen habe ich in Diktion und Akzent die ganze Verwandtschaft von Oppa wieder reden hören. Irgendwann hat Jägersberg aufgehört zu schreiben, er hat noch Drehbücher geschrieben und ich habe mal im Nachtprogramm des Fernsehens einen Film über Mode von ihm gesehen. Aber er schreibt leider nicht mehr so tolle Dinge wie Weihrauch und Pumpernickel, Nette Leute oder Grünkohl für Holland. Das hat er selbst fürs Fernsehen inszeniert, die ARD hat es am 5.6.1973 um 21 Uhr gezeigt. Das war ein Dienstag, ich weiß das noch, weil ich mir in jener Woche am Freitag beim Fußball den Daumen gebrochen habe.

Grünkohl für Holland gehört mit zwei anderen Stücken zu einem kleinen Band, der Cosa Nostra: Drei Stücke aus dem bürgerlichen Heldenleben, heißt. Die Stücke haben viel gemeinsam, aber nur in einem wird über Grünkohl geredet. Die da reden, haben keine Namen, sie heißen SIE und ER. Eigentlich haben sie eine Ehe- und Lebenskrise, aber sie reden die ganze Zeit über übers Essen. Das absurde Theater hat die deutsche Küche erreicht. Das Stück ist eine Kreuzung aus Beckett und Loriot. Der wird das sicher gelesen haben, denn sein Schwiegersohn ist der Cheflektor von Diogenes. Den Otto Jägersberg hatte der Verlagschef Daniel Keel schon Anfang der sechziger Jahre entdeckt und sofort Weihrauch und Pumpernickel: Ein westpfählisches Sittenbild auf den Markt gebracht, wahrscheinlich auch deshalb, weil ihm Arno Schmidt diesen lobenden Brief geschrieben hat. 

Die großen Fragen der Menschheit, die in Grünkohl für Holland behandelt werden, sind Leitsätze für jeden Grünkohlliebhaber in Bremen. Dass Holländer keinen Grünkohl anbauen können und dass der Kohl den ersten Frost gehabt haben muss, damit er so richtig knackig ist. Beides stimmt wahrscheinlich nicht, aber man gibt seine Vorurteile ungern auf. Hier reden zwei Menschen in der Küche über Tomatenmark, Paprika, Rosenkohl, Käse und Bratkartoffeln, aber eigentlich reden sie über etwas anderes. Dies ist die Vorwegnahme von Unterhaltungen von Yuppies, deren Leben so inhaltsleer ist, dass sie nur noch die Namen von angesagten Lokalen austauschen können. Die amerikanische Soziologin Deborah Silverman schilderte auf dem Höhepunkt dieses Unwesens eine Gesprächsrunde, bei der der New Yorker Gastgeber (dem das stundenlange Aufzählen von Insiderlokalen zu blöd wird) den Namen Proust ins Gespräch bringt. Die Gäste halten das für ein neues angesagtes Lokal.

Der Ehemann in Jägersbergs Theaterstück schwärmt vom Hotel Graf Anton Günther in Oldenburg, wo er 1957 diesen tollen Grünkohl gegessen hat, seine Frau hat die Geschichte schon tausendmal gehört, wie alle seine Geschichten. Im Graf Anton Günther haben wir häufiger gegessen. Wenn man in Oldenburg ist, muß man da einfach essen. So wie man in Bremen damals ins Essighaus ging, wenn man fein essen wollte. Ansonsten ist der gastronomische Tourismus in den fünfziger Jahren noch nicht ausgebrochen. Das einzige Lokal von einer gewissen Berühmtheit ist der Blaue Fasan in Wiesmoor. Und im Fernsehen gibt es damals noch keine dreißig Kochsendungen, sondern bestenfalls den Fernsehkoch Clemens Wilmenrod, der allerdings nur Schauspieler war und niemals Koch gelernt hatte. Das Hotel in Oldenburg, das nach dem berühmtesten Landesherrn heißt (der sein Land aus allen Wirren des dreißigjährigen Krieges herausgehalten hat), ist alt und hat Butzenscheiben. Und ein großes Fresko aus dem Jahre 1894 vorne an der Wand, das den Grafen auf seinem Lieblingspferd Kranich zeigt.

Aber Grünkohl haben wir da nie gegessen, den isst man am besten bei Muttern zu Hause oder auf einem Grünkohlausflug. Der führt uns immer mit den Familien der Skatklubgruppe (Kapitäne, Kaufleute und Ärzte) nach Bookholzberg am Rande des Hasbruch. Und da sitzen dann fünf Familien mit Kind und Kegel an langen Tischen und essen Kohl und Pinkel. Letzteres verwirrt Nicht-Bremer immer sehr. Laut dem Bremischen Koch- und Wirthschaftsbuch enthaltend eine sehr deutliche Anweisung wie man Speisen und Backwerk für alle Stände Gut zubereitet. Für junge Frauenzimmer, welche ihre Küche und Haushaltung selbst besorgen und ihre Geschäfte mit Nutzen betreiben von der Pädagogin Betty Gleim enthält die Pinkelwurst Hafergrütze, Nierenfett, Zwiebeln, Pfeffer und Salz. Diese Masse wird in den Pinkeldarm (den Mastdarm des Rindes) gefüllt und (mit dem Kohl gekocht) als Beilage zum Grünkohl serviert. Zusätzlich zu Kassler Rippenspeer, durchwachsenem Speck und Kochwurst. Die Fleischbeilagen können in Norddeutschland regional etwas anders ausfallen, in Emden kriegt man keinen Pinkel zum Kohl.

Die Kartoffeln, die dazu gereicht werden, sind häufig in Zucker glasiert oder Röstkartoffeln. Meine Mutter wirft auch immer noch einen Esslöffel Zucker in den Kohl. Dazu muß man natürlich Bier und Doppelkorn trinken, etwas anderes geht nicht. Für ständigen Nachschub an Kohl, Kartoffeln und Fleisch sorgen die Kellner, die immer wieder ungefragt Schüsseln auf den Tisch stellen. Kohl und Pinkel satt heißt es in den Werbeanzeigen, die man jetzt in jeder Zeitung lesen kann (die erste ist 1843 in den Bremer Nachrichten belegt). Dennoch, die Fleischbeilagen können so satt sein wie sie wollen, wenn es mit dem Kohl nicht stimmt, dann fährt man da im nächsten Jahr nicht wieder hin. Wer am meisten essen kann, wird Kohlkönig. Manche Vereine bringen bei der Kohl- und Pinkelfahrt eine Waage mit, auf der die Vereinsmitglieder vor und nach dem Essen gewogen werden. Das ist alles schon streng ritualisiert. Diese Kohl- und Pinkelfahrten gibt es in Norddeutschland (sprich Bremen, Oldenburg und Ostfriesland) seit dem frühen 19. Jahrhundert. Aus einer solchen Fahrt ist 1829 die Bremer Eiswette hervorgegangen. Anfänglich hatten sie auch den Namen Langkohlpartien und waren eine reine Herrengesellschaft der besseren Gesellschaft. Der Schriftsteller Eduard Beurmann (der Bremen wegen einer Liebesaffaire verlassen musste) schreibt 1836 etwas boshaft über die Bremer:

Gott! Ein bremischer Tabak- oder Weinreisender würde er nicht an den Quellen des Nils, in Is-und Lappland als Bremer zu erkennen seyn? Er würde dem Vicekönig von Egypten die Bremer Cigarren vor dem türkischen Rauchtabak anempfehlen, dem Isländer würde er „Pinkeln“ und Braunkohl anpreisen, dem Lappen würde er den Bremer Wallfischthran rekommandieren...wie er im Winter, beim Anblick der Schweizer Gletscher, ausrufen möchte: „Es flimmert und glänzt wie Silber, aber der Braunkohl von Bremen wächst nicht unter dem Schnee der Gletscher, und wenn ich jetzt in Bremen wäre, ich würde eine „Langkohlparthie“ nach Horn mitmachen.“ 

Die Langkohlpartien werden zunehmend demokratisiert, auch Frauen werden zugelassen und irgendwann sind sie etwas, was jeder in Bremen einmal im Jahr macht. Obgleich der braune Langkohl des 19. Jahrhunderts, von dem die Bauern die unteren 90 Prozent an das Vieh verfütterten, gar nicht mehr angebaut wird. Angeblich sagt man in Oldenburg Grünkohl und in Bremen Braunkohl, aber das kann ich nicht bestätigen, weil ich in Bremen noch nie jemanden Braunkohl habe sagen hören. Da, wo Opa herkommt, heißt das Zeug etwas ironisch Lippische Palme. Diese Kohlsorte ist im Übrigen sehr alt, schon die alten Römer haben sie gekannt. Die Oldenburger und Bremer streiten sich immer darüber, wer das Gericht als erster auf den Tisch gebracht hat. Da siegen die Bremer ganz einwandfrei: seit 1545 steht Kohl und Pinkel auf der Speisekarte der Schaffermahlzeit

Aus den Langkohlpartien werden die Kohl- und Pinkelfahrten, raus aus Bremen, rein in die Landgasthöfe der Umgebung. Die haben im Januar und Februar Hochsaison. Diese Fahrten werden von Kegelklubs, Schützenvereinen, Fußballvereinen, Lehrerkollegien und Betrieben gemacht und sind aus dem Bremer Leben im Januar und Februar (wenn der Kohl schön knackig angefroren ist) nicht mehr wegzudenken. Sogar die Wissenschaft hat sich schon auf sie gestürzt. Seit dem Jahre 1988 gibt es eine Doktorarbeit mit dem schönen Titel Kohl- und Pinkelfahrten: Geschichte und Struktur einer Festzeit in Norddeutschland, die soziologisch volkskundlich alles über diesen Brauch enthält. Einschließlich ausgewerteter Fragebögen von hunderten von Teilnehmern. Ich weiß nicht, ob der Verfasser Martin Westphal an der Uni Münster zum Dr. phil. promoviert wurde oder ob er Dr. kohl ist. Die Arbeit hat seiner Karriere nicht geschadet, er ist heute der Leiter des Historischen Museums in Rendsburg. Sein Buch gehört zu den am häufigsten angefragten Titeln in der Bibliothek der Oldenburger Grünkohl-Akademie. Auch so was gibt es, die Nordddeutschen nehmen ihren Grünkohl schon sehr ernst.

Auch bei uns am Tisch ist das Essen eine ernste Sache, alle Teile des Gerichtes werden sachkundig kommentiert und mit anderen Kohl-und Pinkelgerichten verglichen, die man irgendwann irgendwo gegessen hat oder selbst gekocht hat. Jedes Jahr werden wieder Rezepte ausgetauscht, an die sich aber niemand hält. Butenbremer, die jetzt schon studieren, bekommen von ihren Eltern Pinkelwurst an den Studienort nachgeschickt, außerhalb Bremens kriegt man vielleicht Kohl, aber keinen Pinkel. Nach dem Essen gehen wir erstmal stundenlang im Hasbruch spazieren, das ist besonders schön, wenn der Boden gefroren ist und Schnee liegt. Wenn der Boden vom Regen naß und matschig ist, kann man den Hasbruch vergessen. Das ist nämlich ein echter Urwald. Tausendjährige Eichen. Die vierhundertjährigen Franzosenbuchen mussten gerade gefällt werden, weil sie eine Gefahr für Spaziergänger darstellten. Nach dem Verdauungsspaziergang geht es wieder zurück in den Gasthof für Kaffee und Kuchen, es ist eigentlich unglaublich, dass der Magen schon wieder aufnahmefähig ist. Wenn die Kegelbahn frei ist, kegeln wir vorher alle noch eine Runde.

Mittlerweile sind die Tische umgestellt worden, eine Tanzfläche wurde freigeräumt. Eine Kapelle ist erschienen und spielt langsame Tanzmusik. Dicke Bäuerinnen mit Strickjacken überm Kleid tanzen miteinander, ihren Kerl kriegen die jetzt nicht mehr vom Tisch hoch. Nachdem der Kaffee und Kuchen und fett Sahne intus hat, fängt er an Konjäckchen zu schnasseln. Den Asbach lass’ mal gleich hier auf dem Tisch stehen, sagt er gönnerhaft zur Serviererin. Danach wird es bei den meisten Festivitäten gemischt, wie man so schön sagt. Auch das hat Dr. Westphal untersucht. Wir bekommen davon aber nichts mit, weil wir alle wieder in unsere Limousinen gestiegen sind und auf dem Weg nach Bremen sind. Aber für viele ist das jetzt der Ersatz für Karneval. Geben auf dem Fragebogen von Westphal viele an. Es gibt auch einen Fragebogen für das Personal, wo auch Fragen nach alkoholisierten Übergriffen der Gäste auf weibliche Bedienstete drinstehen. Der Doktor, der seinen Titel den Kohl- und Pinkelfahrten (KPF) verdankt, hat an alles gedacht. Ist natürlich scheinwissenschaftlicher Tüddelkram. Wenn man einmal eine KPF bis zum bitteren Ende mitgemacht hat, dann weiß man, wie das läuft.

Die Gattin in Jägersbergs Theaterstück, die die Geschichte mit dem Hotel Graf Anton Günther in Oldenburg, mit dem besten Grünkohl aller Zeiten und dem Frost, den der Kohl braucht, um knackig zu werden, schon tausendmal gehört hat, hat diesmal im sanften Ehekrieg etwas Neues. Grünkohlflöhe. Hat ihr der Gemüsehändler gesagt, der Kohl braucht den Frost, damit die Grünkohlflöhe absterben. Grünkohlflöhe, ich werde wahnsinnig, sagt der Mann. Die Dialoge werden lauter. Sie schreit Wenn Du immer mit Deinem Grünkohl anfängst, und Dein blöder Grünkohl. Am Ende, nach ein paar gehässigen Bemerkungen über die Langsamkeit der Holländer scheinen sie wieder versöhnt. Es könnte jetzt aber auch ein Mord passieren.

Samstag, 23. Februar 2013

Sacramento


Ja, so wollen wir ihn sehen: deutsch und energisch in die Zukunft schauend. Wir sind im Jahre 1936, da hat man noch Träume. Allerdings sind weder Darsteller noch Dargestellter deutsch. Luis Trenker ist Österreicher, und der sogenannte Kaiser von Kalifornien Johann August Sutter - der heute vor 210 Jahren geboren wurde - kommt aus der Schweiz. Der Film Der Kaiser von Kalifornien von Luis Trenker - wenn man so will ein deutscher Western - hat auch Sutters Lebensgeschichte ein klitzeklein wenig geschönt. Aber dennoch schrieb Joe Hembus in seinem Western-Lexikon: Der Kaiser von Kalifornien ist trotz der deutschen Western-Schwemme der sechziger Jahre einer der besten deutschen Western geblieben: Rhythmus und Realismus der Reise nach Kalifornien, der Massenszenen beim Aufbau von Nova Helvetia und der Szenen auf den Goldfeldern sind allem, was vergleichbare deutsche und sogar die meisten amerikanischen Produktionen der Zeit zu bieten hatten, weit voraus.

Joe Hembus kann man eigentlich immer vertrauen. Wenn Sie Western Fan sind, sollten Sie unbedingt versuchen, noch ein Exemplar der alten Ausgabe des Hanser Verlages von seinem Western-Lexikon zu bekommen. Der Kaiser von Kalifornien ist ein deutscher Western, hervorragend photographiert, gedreht beinahe an Originalschauplätzen. Kaum Studioaufnahmen, ein Bergfex wie Trenker braucht die Naturkulisse. Abenteuer und Sentimentalität, was will man mehr? Es ist auch nach über 75 Jahren immer noch ein beeindruckender Film. Nur dass er kein richtiges Bild von dem Schweizer Johann August Sutter zeichnet, auf dessen Ländereien man 1848 Gold fand.

Der Goldrausch, bei dem Hundertausende wie eine biblische Heuschreckenplage über Sutters Kolonie Neu-Helvetien herfielen, hat eine breite Spur in der Popular Culture hinterlassen. Von Songs wie My Darling Clementine bis zum Hamburger Veermaster. Ich weiß nicht, ob das den Shanty Chören, die das mit seemännischer Verkleidung (Buscheruntje und Prinz Heinrich Mütze) bewusst ist, die hingebungsvoll Ik heff mol en Hamburger Veermaster sehn singen. Was übrigens eine plattdeutsche Version des englischen Shanties The Banks of Sacramento ist. Ich habe das schon vor Jahren in ➱Charlie Parker spielt La Paloma erwähnt. Und wir alle wissen seit Kindertagen: there's plenty of gold, so I've been told, on the banks of Sacramento. Das Bild hier ist von einem Maler namens Charles Christian Nahl. Es heißt Sunday Morning in the Mines, vielleicht hat es wirklich in der Mitte des Jahrhunderts am Sonntagmorgen in Kalifornien so ausgesehen. Denn Charles Christian Nahl, der 1818 als Carl Christian Heinrich Nahl in Kassel geboren wurde, gehörte zu denen, die der Goldrausch nach Kalifornien getrieben hatte.

Das Leben in Kalifornien ist ja nicht ungefährlich, wie dies Bild von dem kalifornischen Pionier Peter Quivey mit einem frisch erlegten Berglöwen zeigt. Es liegt eine biedermeierliche Ruhe über den Bildern von Nahl. Das schätzte man offensichtlich, der Künstler hatte mit Szenen aus Kalifornien sein Auskommen. Der Sunday Morning in the Mines ist allerdings (wie das Komplementärbild ➱Saturday Evening in the Mines nicht 1848, sondern erst 1872 gemalt worden (der Berglöwe stammt aus dem Jahre 1857), vielleicht verschönt da die Erinnerung an die Vergangenheit die Ereignisse.

Luis Trenkers Film Der Kaiser von Kalifornien kostet bei Amazon 9,99 €. Und wenn Sie noch einen sehr interessanten Artikel zu dem Film lesen wollen, klicken Sie den Aufsatz Nazis on the ranch? Revisiting the popular German Western 'Der Kaiser von Kalifornien' (1936) and the International Aspirations of Third Reich Cinema von ➱Tobias Hochscherf an.

Freitag, 22. Februar 2013

Stadtansichten


In einem Blog, der peu à peu immer umfangreicher wird, verschwindet vieles. Weil ja nur das Neueste immer oben steht. Das neue Suchfeld oben links auf der Seite erleichtert natürlich manches, weil man damit auch nach Themen suchen kann. Ich bringe in meinen Posts in letzter Zeit immer Links zu interessanten Posts in diesem Blog an. Wenn man das in der wissenschaftlichen Welt machen würde, hieße es hartnäckiges Selbstzitat. Hier aber dient es eher dazu, Wege in die Zauberwälder (silvae) dieses Blogs zu finden.

Ich hatte vor einem Jahr hier einen Artikel zu dem Berliner Maler Eduard Gaertner stehen, der ein Berlin auf die Leinwand gezaubert hat, das es so niemals wieder geben wird. Ich fand den Post eigentlich recht schön. Er ist auch gelesen worden, aber nur knapp zweitausend Mal. Die Posts zu seinen Berliner Malerkollegen ➱Franz Krüger und ➱Carl Blechen bringen es auf das Dreifache dieser Zahl. Vielleicht können Sie das ja einmal ändern, indem sie dies ➱hier anklicken.

Gaertner ist nicht der einzige Berliner Verdutenmaler im 19. Jahrhundert. Dieses Bild vom Gendarmenmarkt ist nicht von ihm, das ist von Carl Hasenpflug. Der ist auch ein beliebter Architekturmaler gewesen, bevor er sich (als Imitator von Caspar David Friedrich Motiven) auf Ruinen und ➱Kapellen im Schnee kaprizierte. Außer Hasenpflug gibt es aber noch eine Vielzahl anderer, die nicht so bekannt geworden sind. Irmgard Wirth hat in ihrem Standardwerk Berliner Malerei im 19. Jahrhundert ein ganzes Kapitel für die Architekturmaler. Die aber nicht ganz - und das sieht man, wenn man Hasenpflug mit Gaertner vergleicht - an Eduard Gaertner heranreichen.

Ich weiß nicht, wieso ich bei Eduard Gaertner immer an Gotthardt Kuehl denken muss, die beiden Maler trennt ein halbes Jahrhundert. Wahrscheinlich sind es die Stadtansichten, die bei Kuehl schon diesen touch von Impressionismus haben. Und so stelle ich hier einmal das schöne Bild von der Dresdner Augustusbrücke im Schnee hin. Ist ja bei diesem Wetter, wo draussen Schnee liegt, auch passend. Und irgendwann schreibe ich mal über Gotthardt Kuehl.

Von Eduard Gaertner hätte ich auch ein Winterbild, den Gendarmenmarkt im Winter. Ist nicht so viel Schnee drauf wie bei Gotthardt Kuehl. Wenn man sich die Architektur Berlins auf Gaertners Bildern anschaut, bekommt man einen Eindruck davon, weshalb man Berlin einmal Spreeathen genannt hat. Jedes Kunstwerk muß ein ganz neues Element in sich haben, auch wenn es im Character eines bekannten schönen Styls gearbeitet ist; ohne dies neue Element kann es weder für den Schöpfer noch für den Beschauer ein wahres Interesse erzeugen. Dies neue Element aber ist es, was ihm das Interesse für die bestehende Welt giebt, welches das Mehr aus dem bestehenden heraustreten läßt und dadurch das bestehende mit einer neuen Farbe verschmilzt und den Reiz eines lebendigen Geistes darüber ausgießt, hat Schinkel einmal (allerdings anderem Zusammenhang) gesagt.

Berlin als städtebauliches Kunstwerk, nach der Niederlage Preußen gegen Napoleon wie Phönix aus der Asche erwachsen, hatte diesen Styl einmal. Hier Gaertners Bild von der Schlossbrücke (aus dem das Bild ganz oben ein Ausschnitt ist), komplett mit der schwarz-weißen Flagge, auf der Hurra ... Preussen steht. Und diesem geradezu pathetischen Himmel. Neben der Flagge ist die Flagge Englands zu sehen: Königin Victoria ist zu Besuch. Sie besucht ihre Tochter Vicky (die eines Tages die Mutter von unserem Willem II sein wird). Irgendwie scheint das die Berliner nicht zu kümmern. Ähnlich wie auf Franz Krügers Bild von der ➱Parade auf dem Opernplatz, scheint das wuselige, quirlige Leben wichtiger als der Staatsakt. Die aufgezogenen Fahnen, eine mit der Aufschrift 'hurra... Preussen', muss die patriotische Begeisterung ersetzen, die bei den Schaulustigen nicht so recht aufkommen will, heißt es im Eduard Gaertner Katalog von Dominik Bartmann. Das ist doch charmant.

Heute schreibt niemand mehr hurra Preussen auf eine Flagge. Schinkels und Gaertners Berlin gibt es nicht mehr. Spreeathen könnten sie sich in Berlin noch nennen. Weil sie genau so weit heruntergekommen sind wie die Griechen.

Donnerstag, 21. Februar 2013

Bob Rafelson


Er hat ja noch andere Filme gedreht als Five Easy Pieces. Aber die interessieren mich nicht so sehr, denn Five Easy Pieces ist sein bester Film. Weil da Karen Black mitspielt. Natürlich ist Jack Nicholson auch in dem Film, und vielleicht ist dies sogar sein bester Film (wir lassen mal seine Rolle als Zahnarztjunkie in The Little Shop of Horrors unerwähnt). Five Easy Pieces erschien 1970, und die siebziger Jahre sind für viele Filmkritiker die anni mirabiles des amerikanischen Films, weil da in schneller Folge die Filme wie The Last Picture Show, ➱Two-Lane Blacktop, Patton, Duel, ➱BadlandsAmerican Graffiti, Mean Streets, The Sting, Taxi Driver, ➱The Last Detail, Chinatown, ➱The Long Goodbye und Nashville in die Kinos kamen [die Links führen alle zu Film-Posts in diesem Blog, New Hollywood ist an Jay nicht spurlos vorbei gegangen]. Five Easy Pieces hatte eine Oscar Nominierung als Bester Film, bekam aber den begehrten Preis leider nicht (den erhielt Patton, zu dem Coppola das Drehbuch geschrieben hatte). Karen Black war als Beste Nebendarstellerin nominiert, ging aber auch - ebenso wie Nicholson - leer aus. Sie erhielt aber immerhin einen Golden Globe.

So sieht Karen Black in dem Film nicht aus. Ich stelle das Bild nur hier hin, damit wir nicht glauben, dass sie immer so aussieht wie in diesem Film, wo sie die kleine Kellnerin Rayette Dipesto spielt, die so gerne eine Countrysängerin wie Tammy Wynette wäre. Wynettes Stand By Your Man ist schon am Anfang zu hören, wenn die Darstellernamen über die ➱Leinwand laufen. Und dieses Stand By Your Man steht symbolisch für die kleine Rayette Dipesto, die gerade gemerkt hat, dass sie schwanger ist. Ein Mann sucht sich selbst war der deutsche Verleihtitel, er traf den Inhalt ganz gut. Der Zusatz des deutschen Verleihs Auf der Suche nach Nirgendwo war er am schnellsten, war allerdings ein wenig daneben.

Robert Eroica Dupea (gespielt von Jack Nicholson) ist auf der Flucht vor sich selbst. Das mit dem zweiten Vornamen ist kein Tippfehler, der Mann, der jetzt auf einem Ölfeld arbeitet, war einmal Konzertpianist. Kommt aus einer upper middle class Musikerfamilie, seine Schwester hat den schönenVornamen Partita. Für seine Rolle hatte er im Jahr zuvor Klavierunterricht bei Josef Pacholczyk genommen (hier ein Bild). Aber der Chopin, den er im Film spielt, kommt vom Band. Er war nicht so gut wie ➱Dirk Bogarde, der den ganzen Liszt in Song Without End hatte spielen können (dann aber im Soundtrack von Jorge Bolet ersetzt wurde).

Rayette Dipesto, herzensgut, hübsch und ein bisschen dim witted, wüsste bestimmt nicht, was die Eroica ist. Aber sie liebt diesen Kerl: I'll go out with you, or I'll stay in with you, or I'll do anything that you like for me to do, if you tell me that you love me. Und bekommt nur zu hören: If you wouldn't open your mouth, everything would be just fine. Er will sie eigentlich schon verlassen, als er zu seiner Familie und seinem sterbenskranken Vater fahren will. I never told you it would work out to anything, did I? sagt er. Und aus dem Plattenspieler tönt Tammy Wynettes ➱D-I-V-O-R-C-E. Da kann er es nicht übers Herz bringen, er nimmt sie mit. Nicht ohne zuvor Tammy Wynette zum Schweigen zu bringen (BOBBY'S HAND slashes at the arm of the recordplayer, pulling it across the grooves and stifling Tammy Wynette). Aber am Ende läßt der Held in seiner Midlifekrise, der nirgendwo hingehört, Rayette an einer Tankstelle sitzen, ohne ihr ein Wort zu sagen. Läßt ihr aber immerhin seine Brieftasche und das Auto.

Amerikanische Helden sind immer auf der Flucht. ➱Pauline Kael sprach in ihrer Rezension von the familiar American man who feels he has to keep running because the only good is momentum. Das Buch von ➱Barbara Deming über das amerikanische Kino der vierziger Jahre, das im Jahr zuvor erschienen war (aber schon zehn Jahre früher geschrieben wurde), hieß Running Away from Myself. Das könnte auch der Titel dieses Filmes sein. Dieses running away hat eine lange Tradition in Amerika. But I reckon I got to light out for the territory ahead of the rest, because Aunt Sally she's going to adopt me and sivilize me, and I can't stand it. I been there before, sind die letzten Sätze von Mark Twains Huckleberry Finn. Amerikanische Helden fliehen. Vor den Frauen und der Zivilisation. Das fängt in der amerikanischen Literatur von früh mit Washington Irvings Erzählung Rip van Winkle an und hört mit Huckleberry Finn nicht auf. Cowboys im Western reiten einsam in den Sonnenuntergang.

Bob Dupea wechselt an der Tankstelle die Autos, er läßt Rayette sitzen und steigt, so wie er ist, in einen Lastwagen, der nach Norden fährt. There isn't anybody gonna look after you and love you, as good as I do, hat sie gerade noch zu ihm gesagt, als er sie wieder einmal zurückwies. Und dann bekommen wir einen Filmschluss, der an Tristesse nicht zu überbieten ist. Ich zitiere mal eben aus dem ➱Drehbuch:

The driver glances over at Bobby: 
DRIVER Haven't you got a jacket or anything with you? 
BOBBY No, I don't, I uh... it got burned up. Everything in the car got the shit burned out of it. All I got left is what I have on... 
DRIVER I've got an extra jacket behind the seat, if you want to put it on. 
BOBBY No, it's okay. 
DRIVER Suit yourself. But I'll tell you, where we're headed is gonna get colder'n hell. 
BOBBY It's all right. I'm fine. 
The driver puts the truck into gear and releases the brake. 
BOBBY (CONT'D) I'm all right. 
And as the truck begins to move forward: 
BOBBY (CONT'D) I'm fine. 
EXT. SEMI - GAS STATION - DAY REMOTE ANGLE: The semi pulls out of the station onto the highway, giving view to Bobby's car. The attendant is cleaning the windshield and Rayette can be seen opening the passenger door. As she gets out and surveys the area for some sign of Bobby, the semi MOVES INTO VIEW, going north on the highway. Rayette looks over the hood of the car, addressing the attendant. He gestures toward the men's room and as she moves across the station and disappears OFF THE SCREEN... ... the semi recedes in the distance, leaving a black trail of smoke from its exhaust stack, dissipating in the air. 
THE END 

Wenn Sie bei den Filmen ➱Brief Encounter oder ➱The Third Man schon heulen mussten, dann sollten Sie sich ➱dies hier gar nicht erst angucken. Lapidar und trist. Mitten in der Handlung ist der Abspann da. Wo dieser Film endet, fangen andere Filme an. Und doch hat der Schluss Schönheitsfehler. Warum redet Nicholson von einem Autowrack (Everything in the car got the shit burned out of it)? Die im Internet allgegenwärtige Rezensentin Stefanie Casey kann das erklären: The original, scripted ending involved a car crash, proving fatal for Bobby, but not Rayette. This ending forces a predictable and poetic resolution, which was replaced by the camera's distant observation of the gas station. Instead, Bobby's departure implies the repetition of his Sisyphean cycle  thereby inflicting a haunting ambiguity, emotional hollowness and pervasive meaninglessness to the film's conclusion. A bleak and nightmarish American vision!

Leider ist das YouTube Beispiel von schlechter Qualität. Die DVD (die sehr preiswert ist) bewahrt die erstklassigen Farben des Originals. Und zeigt natürlich auch die erstklassige Kameraarbeit von László Kovács, der im Jahr zuvor auch Easy Rider photographiert hatte (was wäre aus dem New Hollywood geworden, hätte es diese Ungarn wie László Kovács und Vilmos Zsigmond nicht gehabt?). Dass es mehrere endings gab, hat Jack Nicholson in einem Interview auf die Frage Do you like the ending to Five Easy Pieces? bestätigt: Yes. It had lots of endings. Bob [Rafelson] likes to work with lots of endings. He doesn't like to know the ending while he's shooting it. He likes to feel like something's going to happen. He usually ends up shooting the ending that he had, but he's constantly weird at night. Das Ende verfehlte seine Wirkung nicht, wie der Filmkritiker Roger Ebert schrieb: It is difficult to explain today how much Bobby Dupea meant to the film’s first audiences. I was at the New York Film Festival for the premiere of Five Easy Pieces, and I remember the explosive laughter, the deep silences, the stunned attention as the final shot seemed to continue forever, and then the ovation. We had a revelation. This was the direction American movies should take: Into idiosyncratic characters, into dialogue with an ear for the vulgar and the literate, into a plot free to surprise us about the characters, into an existential ending not required to be happy. Five Easy Pieces was a fusion of the personal cinema of John Cassavetes and the new indie movement that was tentatively emerging.

Bob Rafelson hatte einen Teil des Drehbuches selbst geschrieben, bevor er Carole Eastman (die das Drehbuch zu Monte Hellmans The Shooting geschrieben hatte) kontaktierte: I had done some writing of my own in the 60s, some scripts, and a lot of it was based on friends I had had at college and afterwards. Some of these people were dead already – so I was writing about self-destruction. But I didn’t like the scripts and I showed one of them to Carole and asked her to do what she could with it. Well, the result was Five Easy Pieces, and the only scene of mine she kept was the one in the diner. Die Szene in dem Diner sollten Sie sich unbedingt ➱hier ansehen.

Aber Rafelson hat sich nicht an Eastmans Drehbuch (das den Filmtod von Nicholson vorsah) gehalten. He doesn't like to know the ending while he's shooting it. Und dieses Improvisieren, ähnlich wie Monte Hellman bei Two-Lane Blacktop gearbeitet hat, gibt dem Film sein Leben. Nicht nur in der Szene im Diner. Schließlich ist dies das New Hollywood, schließlich haben die Regisseure einen Status eines auteurs. Für einen kurzen Augenblick der Filmgeschichte zeigen junge Regisseure den Hollywood Studios, wie richtiges Kino aussehen kann. Die kurze Phase des New Hollywood ist heute schon Geschichte. Leider. Die Filme aus dieser Zeit gibt es noch immer. Glücklicherweise.

Bob Rafelson wird heute achtzig Jahre alt. Happy Birthday!


Mittwoch, 20. Februar 2013

Querbinder


Sind Sie Architekt? fragte mich die junge Dame auf einem Empfang. Ich fragte sie leicht konsterniert, wie sie darauf käme. Na ja, Sie tragen eine Fliege, sagte sie. Offensichtlich tragen Architekten Fliegen. An der Sache ist natürlich etwas dran. Obgleich es auch Photos von Walter Gropius mit Krawatte gibt, ist die Schleife eigentlich immer sein Markenzeichen gewesen. Und viele kleine Gropius Nachfolger haben ihm das nachgemacht.

Natürlich kann man die Reihe der ➱Prominenten, die beinahe immer eine Schleife getragen haben, beliebig erweitern. Manche führten dafür auch gute Gründe ins Feld. Wie zum Beispiel der amerikanische Historiker Arthur M. Schlesinger: They are a great convenience. It is impossible to spill soup on a bow tie. In fact, it requires extreme agility to spill anything on it at all. Klingt überzeugend, aber man könnte diesem Argument entgegenhalten, dass man mit der Schleife im Gegensatz zur Krawatte nicht die Brille putzen kann.

Unglücklicherweise wird die Schleife heute vornehmlich von Spinnern und komischen Figuren getragen. Also von diesem Herrn, der mal zum Friseur müsste. Oder dem Herrn Ralf ➱Stegner aus Schleswig-Holstein. Der trägt aber neuerdings keine Schleife mehr, nur noch offenes Hemd. Damit er jugendlich wirkt, er hofft auch, dass ihn so endlich irgend jemand mag. Tut aber niemand. Diese Politiker verschaffen leider einem an sich schönen Kleidungsstück (vor dem die meisten Männer Angst haben, weil sie keine Schleife binden können) einen schlechten Ruf. Der einzig seriöse Schleifenträger unter den Politikern ist der Alterspräsident des Bundestages ➱Heinz Riesenhuber. Der soll zur Schleife gefunden haben, weil ihm als Chemiestudenten der Schlips zu häufig am Bunsenbrenner verbrannte. Später wurde er als der Mann mit der Fliege bekannt, der auf Wahlplakaten ein schwarz-rot-goldenes Modell trug.

Wenn die Schlipsträger mal eine Schleife tragen müssen - zum dinner jacket geht ja nichts anderes (obgleich amerikanische Schauspieler da neuerdings bei Oscar Verleihungen einen schwarzen Schlips tragen) - dann nehmen sie eine, die schon vorgebunden ist. Das geht nun gar nicht. Eine Schleife zu einem Buttondown Hemd geht eigentlich auch gar nicht, doch diesem wunderbar exzentrischen Herrn wollen wir das mal durchgehen lassen. Max Lerner tat das auch, aber jemand, der America as a Civilization geschrieben hat, ist alles erlaubt. The contemporary man wearing a bow tie is often accused of snobbery, elitism, of 'putting on airs' and of being 'overdressed', heißt es in The Men's Fashion Reader von ➱Peter McNeil und Vicki Karaminas. Damit muss man leben, wenn man sich morgens eine Schleife bindet. Und da das Buttondown Hemd schon als no go erwähnt wurde: auch zu einem ➱Tab Kragen oder einem zu weit geschnittenen ➱Haikragen passt die Schleife nicht.

Täuschen wir uns nicht. Wenn wir an die Schleife denken, geht uns Jean Pütz nicht aus dem Sinn. Oder dieser ➱Finanzbesserwisser der ARD, dem man besser kein Geld anvertraut. Der trägt die Schleife doch nur, weil er hofft, dass man ihn mit André Kostolany verwechselt, aber eine Schleife allein macht noch keinen Börsenguru. Clowns im Zirkus tragen immer eine Fliege. Entertainer im Showgeschäft haben die Schleife getragen, von ➱Frank Sinatra bis ➱Peter Frankenfeld. Und all die mad scientists im Kino, immer haben sie eine Fliege um. Das Wort Fliege (noch schlimmer ist Propeller, welches dieses Produkt bezeichnet , das man auf den Kragenknopf steckt) mögen die Träger einer Schleife ja nicht so gerne. Aber für Clowns, Lauterbach, Stegner, Wolfgang Gerke, Jean Pütz ➱Graf Dracula ist das Wort Fliege schon O.K. Für uns soignierte Gentlemen natürlich nicht. Wir bevorzugen eh das Wort bow tie (so heißt das Teil im Englischen).

To its devotees the bow tie suggests iconoclasm of an Old World sort, a fusty adherence to a contrarian point of view. The bow tie hints at intellectualism, real or feigned, and sometimes suggests technical acumen, perhaps because it is so hard to tie. Bow ties are worn by magicians, country doctors, lawyers and professors and by people hoping to look like the above. But perhaps most of all, wearing a bow tie is a way of broadcasting an aggressive lack of concern for what other people think, schrieb Warren St John in der New York Times. Der ist nicht irgendjemand, sein Buch Rammer Jammer Yellow Hammer: A Road Trip into the Heart of Fan Mania ist ein Bestseller in Amerika. Hat aber nichts mit dem bow tie zu tun. Dies abgebildete Magazin täuscht auch ein wenig, ➱Querbinder ist keine Fachzeitschrift für Schleifenträger sondern eins von vielen Lifestyle Magazinen.

Eine Sonderform des Querbinders wollen wir mal eben erwähnen. Und dann gleich wieder vergessen. Es handelt sich um den Colonel Sanders Plantation Tie. Also wenn Sie bei Kentucky Fried Chicken arbeiten, dürfen Sie so etwas tragen. Wahrscheinlich müssen Sie das sogar tragen. Ansonsten lassen Sie lieber die Finger davon. Von Kentucky Fried Chicken auch. Und den Bolo Tie lasse ich lieber auch unerwähnt. Obgleich mein Freund ➱Peter Bischoff manchmal so etwas trägt, aber der darf das.

Das Kleidungsstück Querbinder ist immer wieder totgesagt worden, aber es kommt immer wieder. Seit Matt Smith, der Star der BBC Serie Doctor Who einen bow tie trägt (und auch noch erklärt hat bow ties are cool), sind die Verkäufe von Querbindern in England auf das Doppelte des Vorjahres geklettert. Und wir geben es gerne zu: solch eine Paisley Schleife sieht zu dem Tattersall Hemd und dem kleinkarierten Jackett ja auch sehr englisch aus.

Es ist ein Look, den in den achtziger Jahren die ➱Young Fogeys perfektioniert hatten. Das Young Fogey Handbook von Suzanne Lowry listete unter den typischen Accessoires des Young Fogey natürlich auch assorted coloured bow-ties auf. Leider müssen die Hipster, denen modisch nichts heilig ist, mit dieser schönen Tradition ihren Spaß treiben. Ist aber sehr witzig, schauen Sie doch ➱hier einmal hinein.

Und selbst in englischen Universitäten, Clubs und Regimentern sind die Farben und Motive von College, Club oder Regiment nicht allein den Krawatten vorbehalten. Beinahe überall darf man auch einen bow tie in Farbe und Muster der Krawatte tragen. Dieses Mitglied des MCC übertreibt vielleicht ein wenig, indem er zu seinem MCC bow tie auch noch ein MCC Jackett trägt, aber das ist nun mal England. Falls ihnen die Buchstaben MCC und der egg and bacon Schlips nichts sagen, sollten Sie unbedingt den Post ➱Cricket lesen. Was im übrigen schon weit über fünftausend Leser gemacht haben. Die Liebhaber von Regimentskrawatten könnten natürlich auch den schönen Post ➱Royal Flying Corps lesen.

Nachdem wir nun mit Young Fogeys, Hipsters und dem MCC tief im Herzen der Englishness sind, lassen Sie mich mit einer kurzen Geschichte des bow tie beginnen. Dieser Herr trägt seinen bow tie zu einem Hemd mit steifem Kragen. Daran kann man sehen, dass das Bild schon etwas älter ist. Sein polka dot bow tie (blau mit weißen Punkten) war sein Markenzeichen. Es ist der Hochseesegler (der mit seine Yachten Shamrock I bis Shamrock IV leider nie den America's Cup gewann) und Teekönig Sir Thomas Lipton. Dieser blaue bow tie (von Lipton immer etwas verwegen gebunden) wird in der Herrenmode Karriere machen. Winston Churchill wird ihn tragen, die Schleife wird auch zu seinem Markenzeichen. Die Schleife heißt heute in England (auf jeden Fall bei ➱Turnbull und Asser) noch Churchill Bow Tie.

In den dreißiger Jahren ist der blaue bow tie schon eine Alternative für Plastron oder Langbinder zum Morning Coat geworden. Abgesehen davon wird er jetzt in allen anderen Farben in den Künstlerkreisen heimisch, und ein wenig von Bohème hat die Schleife ja behalten. Da fühlt sich mancher in einer Tradition mit ➱Goethe, ➱Thoreau oder ➱Baudelaire, die auch schon ähnliche Dinge um ihren Hals geschlungen hatten. Wir können daraus sehen, dass die Schleife schon sehr alt ist. Älter als die Krawatte.

Den Beginn unseres Kleidungsstückes müssen wir wohl in der Welt der Uniformen suchen. Wie auf diesem Bild, das Sir Joshua Reynolds von dem englischen ➱General Burgoyne (genannt Gentleman Johnny) gemalt hat. Damals hat das Teil noch den Namen stock oder band. Manchmal etwas schwer von der cravat zu unterscheiden, die im Englischen nicht das gleiche ist wie unsere Krawatte. An dieser Stelle würde ich jetzt gerne einmal sagen: Wie auch immer. Ob das Kleidungsstück, das im 17. Jahrhundert am Hals von kroatischen Soldaten (deshalb im Französischen à la croate cravate wurde) auftaucht, ein Abkömmling der römischen focale war, soll uns jetzt nicht interessieren.

Wenn Sie mehr wissen wollen, lesen Sie doch einfach die Artikel Kragen und Krawatte in Ingrid Loscheks Reclams Mode und Kostümlexikon. Es gibt kein besseres Lexikon der Mode in deutscher Sprache, als das von Ingrid Loschek. Das Buch enthält nicht nur einen 400-seitigen Lexikonteil, sondern auch gleich am Anfang eine kurze Geschichte der Mode durch die Jahrhunderte. Weiterhin gibt es am Ende ein Verzeichnis der wichtigsten Modeschöpfer. Und die wichtigste weiterführende Literatur. Und wenn wir unter Fliege nachschauen, steht da: →Krawatte, →Schleife (1). So wird man verführt, sich von einem Stichwort zum nächsten zu hangeln. À propos weiterführende Literatur: wenn Sie ein gutes Buch zu den Kleidungsstücken suchen, die sich der männliche Teil der Menschheit in den letzten Jahrhunderten um den Hals gebunden hat, kann ich Sarah Gibbings' Buch The Tie: Trends and Traditions (mit einem Vorwort von Hardy Amies) empfehlen.

Bei Ingrid Loschek steht zwischen dem Übersichtsartikel am Anfang und der Sekundärliteratur am Schluss in Stichworten alles von Aba (dem Hauptobergewand der Araber) bis Zylinder. Zweitausend Sachartikel mit ausgesucht guten Illustrationen, Kulturgeschichte und textiles Nachschlagewerk in einem. Bügelfalte, Büstenhalter, Schillerkragen und Halbstarkenmode, kein modischer Fachbegriff (und keine Verirrung der Mode) entgeht der Autorin. Es gibt viele Bücher über Mode, aber kaum eines ist mit solcher Sachkenntnis geschrieben. Deutschlands wichtigster Beitrag zur Herrenmode, der scheußliche Kleppermantel, ist natürlich auch drin. Leider ist Ingrid Loschek (die auch Max von Boehns Klassiker Die Mode. Eine Kulturgeschichte vom Mittelalter bis zum Jugendstil neu herausgegeben hat) vor einigen Jahren viel zu früh gestorben. Das Bild hier zeigt ➱James Whistler gemalt von Giovanni Boldini (und das Bild da oben ist der junge Horatio Nelson, gemalt von John Francis Rigaud). Boldini ist auch für das ikonische Portrait des Dandys Robert de Montesquiou verantwortlich. Das lasse ich mal lieber weg, weil das, was er um den Hals geschlungen hat, ein seltsames ➱Mittelding zwischen Schleife und Krawatte ist.

Natürlich kann ich eine Schleife binden, natürlich habe ich seidene Schleifen im Schrank. Von der blauen mit den polka dots bis zu dunkelbraunen Paisleys. Ich bin froh, dass ich sie im Laufe der Jahrzehnte gesammelt habe, sie sind heute schwer zu bekommen. Am 28. August ist in Amerika Bow Tie Day. Das weiß ich, weil unserer amerikanischer Lektor mich früher immer am 27. August daran erinnerte, dass ich am 28. unbedingt mit einer Schleife kommen müsste. Mehr als drei hat er nie dazu motivieren können. Aber das liegt daran, dass männliche Universitätswissenschaftler damit überfordert sind, einen Schlips zu binden. Für eine Schleife brauchten sie ein Zusatzstudium. Die sogenannte 68er Revolution hat da schlimmes modisches Brachland hinterlassen.

Vielleicht ist die Schleife heute auch nichts mehr für den Herrn von Welt. Thomas Mann trug so etwas noch, eine Vielzahl von Intellektuellen und Künstlern wählte im 20. Jahrhundert die Schleife, um ein klein wenig anders zu sein. Heute scheint sie nur noch etwas für nerds wie diesen jungen Herrn zu sein. Bedienungsanleitungen für das Binden einer Schleife gibt es hier nicht, das ➱Internet ist voll davon. Aber was es hier gibt, ist ein Text vom HipHop Duo OutKast:

Crocodile on my feet
Fox fur on my back
Bowtie `round my neck
That's why they call me the gangsta mack
In the Cadillac!! Yeah!!

Warum muss es der Cadillac sein? Hätten sie doch den ➱Chevrolet genommen. Dessen Markensignet auf dem Kühler heißt nämlich allgemein ➱Chevrolet Bow Tie. Das reimt sich zwar nicht mehr auf gangsta mack, hätte aber so schön zu Bowtie `round my neck gepasst.








Und Sie könnte jetzt noch in dieses ➱Video hineinschauen.