Samstag, 22. Februar 2014

Findorff


Jürgen Christian Findorff (* 22. Februar 1720 in Lauenburg / Elbe; † 31. Juli 1792 in Bremervörde; beigesetzt am 3. August 1792 in Iselersheim bei Bremervörde) ist als Moorkolonisator bekannt geworden. Er hat die Moore zwischen Wümme und Hamme, das Teufelsmoor nordöstlich von Bremen, vermessen, entwässert und durch Kolonisten bevölkert. Durch seinen Einsatz für die Kolonisten bekam er den Beinamen „Vater aller Moorbauern“. So steht es im Wikipedia Artikel für den Mann, nach dem ein ganzer Stadtteil in Bremen heißt und der ein kleines Denkmal auf dem ➱Weyerberg hat. Dort, wo heute das Denkmal steht, hatte hundert Jahre bevor Findorff zum Moorkommissar ernannt wurde, die Landgräfin Eleonore Katharine von Hessen-Eschwege ihr Lusthaus abreißen lassen.

Ihr Gatte Friedrich (hier auf einem Porträt von Matthäus Merian) hatte seinen Schwager, den König von Schweden, auf dem Feldzug nach Polen begleitet und war da 1655 gefallen. Die Fürstin, die im Osterholzer Kloster residierte (die Straße, in der ihr Haus lag, wird später Findorffstraße heißen), wollte Worpswede zu ihrer Sommerresidenz machen. Es entsteht ein Wildgehege, ein Haus für den fürstlichen Entenjäger und die Schlossscheune. Und man beginnt den Bau des Lusthauses. Aber als ihr Mann stirbt - der in seiner Jugend der tolle Fritz genannt, der aber unter seinen wunderlichen Reden und Handlungen ein redliches Gemüth und viel Scharfsinn verbarg - gibt die Schwester des schwedischen Königs alle Pläne auf, die Kultur nach Worpswede zu bringen. Der nächste, der Kultur in die Gegend bringt (wenn auch eine andere Art von Kultur), ist dann Jürgen Christian Findorff. Über dem Portal der Kirche in Gnarrenburg, die nach seinen Plänen errichtet wurde, steht Gloria in desertis Deo. Aus der Einöde hat er etwas geschaffen, neunundfünfzig Moorkolonien mit 1.242 Feuerstellen. Platz für fünftausend Siedler auf 53 000 Morgen neu gewonnenen Kulturlandes, der englische König kann stolz auf seinen Untertan sein.

Seine Bestallung als königlicher Moorkommissar hat er nämlich von König George III erhalten, weil das Teufelsmoor zum Kurfürstentum Hannover gehört. Ein festes Gehalt war mit der Ernennung zunächst nicht verbunden, sondern nur ein Gnadengeschenk von 100 Reichstalern. Erst ein Jahr später bewilligt der königliche Hof in St James ein bescheidenes Gehalt von hundert Reichstalern jährlich (ein Pastor in der Gegend verdient damals im Jahre achtzig Taler, hat aber noch Nebeneinkünfte). Der englische König und Findorff kommen auch in einem historischen Krimi vor, der Die Köchin oder die Leiche im Moor heißt. Ich habe ihn mal geschenkt bekommen, kann ihn aber nicht empfehlen. Gut gemeint, aber schlecht geschrieben.

In Stendhals De l'amour kommt le beau lieutenant Findorff vor, aber der hat mit unserem Findorff natürlich nichts zu tun. Oder vielleicht doch. Wenn es wahr ist, dass der Schriftsteller sich den Namen Stendhal nach dem ➱Ort, aus dem seine Liebe Minna von Griesheim kam (die er mehrfach in seinem Werk erwähnt), gegeben hat, dann könnte es sein, dass er den Namen Findorff kannte. Denn der Bruder des Moorkommissars war Hofmaler in Ludwigslust, was nicht so weit von Stendal entfernt ist. Wir nehmen das jetzt mal als einen interessanten Beitrag zur Stendhal Forschung. Wenn ich jetzt noch behaupten würde, dass ich 1965 den schönen kleinen Film De l'amour mit Elsa Martinelli und Anna Karina in einem Kino in Findorff gesehen hätte, dann wäre das aber gelogen.

Ich weiß eine ganze Menge über Findorff, weil ich schon als Kind Jürgen Christian Findorffs Erbe von Karl Lilienthal gelesen habe, ich weiß aber nicht, wo das Buch abgeblieben ist. Weiß deshalb auch nicht, ob man es empfehlen kann. Ich benutze heute lieber die Gelegenheit von Findorffs Geburtstag, um hier mal wieder ein Häppchen von meinen Jugenderinnerungen einzustellen. Es ist das zweite Kapitel aus den Bremensien, das Das Teufelsmoor heißt, in dem Jürgen Christian Findorff erwähnt wird. Es gab im Teufelsmoor übrigens niemals einen Teufel. Das Wort stammt vom Niederdeutschen duven, was so viel wie taub oder unfruchtbar heißt, Gloria in desertis Deo.

Der Sonntagnachmittag, den ich da beschreibe, liegt über sechzig Jahre zurück, aber ich habe nichts von der Stimmung vergessen. Ich habe etwas geerbt, was in der Familie läuft, von dem ich manchmal nicht weiß, ob es ein Segen oder ein Fluch ist. Es ist dieses Gedächtnis. Ich kann mich an beinahe alles erinnern, noch nach Jahrzehnten. Ich kann es mir visuell wieder vor Augen führen, es ist auch ein eidetisches Gedächtnis. Ich habe den Kopf voller kleiner Filme. Manche Augenblicke im Leben, der genius loci mancher Orte, manche Stimmungen scheinen mich zu überwältigen. Ich scheine gleichzeitig alles zu sehen, hören, riechen. Es ist aber nicht immer schön, an manche Dinge möchte man lieber nicht erinnert werden. An diesen Tag im Moor schon:

Teufelsmoor. Allein schon der Name. Wenn man fünf Jahre alt ist und die ganze Familie aus westfälischen Geschichtenerzählern besteht, in deren Geschichten der Teufel eine Person ist, die Opa oder Onkel Gustav, Onkel Werner oder wem auch immer schon mehrfach begegnet ist, dann hat der Teufel schon eine Bedeutung. Zumal Pastor Hemmelgarn auch jeden Sonntag von der Kanzel herunter gegen den Teufel wettert. Aber irgendwie schien Pastor Hemmelgarns Teufel anders zu sein als der Teufel von Opa. Der Teufel von Opa erschien natürlich nicht, ohne eine schweflige Spur zu hinterlassen: die kannste da noch sehen, in Drebber (oder war es Hilter? oder Dissen? Bad Rothenfelde?). Die Spuren des Teufels waren für mich in meiner Vorstellung gleich neben der Brandspur des Feuerrades, das Opa mitternachts die ganze Dorfstraße herunter verfolgte und dem er nur durch einen Sprung in die Tenne von Vahlenkamps Bauernhaus entkommen konnte, und da an der Tür, da kannste die Brandspur noch sehen. Die Geschichten mit den übernatürlichen Erscheinungen spielten alle in der Heimat meines Großvaters, niemals in Bremen. Immer wenn wir von Bremen kommend die Dammer Berge am Horizont sahen, waren wir in einem Land, in dem sich Sagen, Märchen und familiäre Anekdoten übergangslos mischten. Vorher hatten wir noch eine Pause eingelegt, bei der Opa im Wald verschwand. Erst Jahre später habe ich erfahren, dass dies keine normale Pinkelpause war: der Gang Opas in den Wald war ein Gang zu einem Albert Leo Schlageter-Denkmal, dem Opa rituell seine militärische Reverenz erweisen musste.

Aber über den Teufel redete mein Opa an diesem Sonntag im Teufelsmoor nicht. Während die Familie, Bauern und einige Lohnarbeiter mit Torfstechen und Verladen beschäftigt war, klärte er uns über das Lebenswerk des Königlichen Moorkommissars Jürgen Christian Findorff auf, der dieses Moor der Natur abgerungen hatte und Vater aller Moorbauern genannt wurde. Diese zivilisatorische Leistung wurde verglichen mit Friedrich dem Großen und dem Oderbruch. Diejenigen, die den ganzen Tag gearbeitet und keine Maulaffen feilgehalten hatten, nahmen solche Belehrungen eher unwillig auf, auch wenn sie mit plattdeutschen Weisheiten wie Den ersten sien dood, den tweeten sien noot, den drütten sien broot gewürzt waren. Aber wahrscheinlich erwarteten sie von einem pensionierten Lehrer auch nichts anderes. Findorff kannte ich, ein Bremer Stadtviertel hieß nach ihm, und damals konnte man da auf einem Kanal auch noch die Halbhuntschiffe sehen, die Torf aus dem Teufelsmoor zum Findorffer Torfhafen brachten. Dort war auch ein kleiner Markt mit Buden, das war immer aufregend. Das Oderbruch sagte mir nichts, ich war noch nicht bis zu Fontane vorgedrungen. Ich war ja auch erst fünf.

Der kleine Lastwagen von Onkel Gustav ist in der letzten Woche nicht gewaschen worden, Johnny Otten hatte strikte Anweisung von Gustav, nicht wie üblich morgens den Wasserschlauch zu nehmen. Es ist der gleiche Lastwagen, mit dem Mammi wenige Jahre zuvor ihre Schwiegermutter aus dem Feuersturm von Hamburg herausgeholt hat. Jetzt steht er staubüberzogen am Straßenrand, und man kann die blaue Schrift Färberei, Wäscherei, Chem. Reinigung nur ahnen. Camouflage, sagt Opa, und ich weiß nicht, was das ist. Meine Mutter und Tante Tilla tragen geblümte Baumwollkleider und Gummistiefel. Sie kochen Kaffee auf einem Karbidkocher, der noch aus Wehrmachtsbeständen stammt. Wir Kinder dürfen uns dem Karbidkocher nicht nähern. Zu gefährlich, verkündet Opa und erzählt Schauergeschichten von explodierenden Karbidöfen. Im Schauergeschichtenerzählen ist er gut. Oma strickt an einem Pullover, der bestimmt wieder aus dieser immer kratzigen Wolle meiner Kindheit sein wird.

Der Frühsommertag geht zu Ende, es wird langsam dunkel. Der Lastwagen ist mit Torf beladen. Alle sitzen auf der anderen Seite der Birkenallee, die eigentlich nur ein besserer Knüppeldamm ist, unter einer kleinen Baumgruppe. Es sind die einzigen Bäume weit und breit, die Birken zählt hier keiner als Bäume. Man kann hier ungehindert bis zum Horizont sehen. In der Ferne gibt es eine kleine Erhebung und etwas Wald, das muss der Weyerberg sein. Der Sage nach ist er entstanden, als der schlaue Fischer Dietrich den gefürchteten Riesen Hüklüt überredet hatte, sich den Sand der Bremer Düne in die Taschen zu stopfen. Woraufhin dieser prompt im Teufelsmoor versank, noch einmal in die Tasche griff und eine Handvoll Sand nach Dietrich schleuderte, und das ist nun der Weyerberg. Neben dem Berg muss Worpswede sein. Wo die Roten wohnen, sagt mein Opa. Ich weiß nicht, wer die Roten sind. Aber für meinen Großvater, den kaisertreuen Hauptmann des Ersten Weltkriegs, Träger des EK I und des weinroten Hanseatenkreuzes, sind sie überall. Ein Bettlaken ist auf dem Heideboden ausgebreitet, darauf stehen Kaffeetassen und anderes Geschirr. Die Fahrräder sind an einen Baumstamm gelehnt. Unser Schäferhund Hasso liegt hechelnd im Schatten. Ein Kuchen wird angeschnitten, Gustav holt eine Flasche Doppelkorn aus dem Fahrerhaus.

Es wechselt kein Geld den Besitzer an diesem Sonntagnachmittag, Geld gibt es nicht, oder wenn es welches gibt, dann ist es nichts wert. Niemand weiß, was die Währungsreform demnächst bringt. Mein Vater, Onkel Gustav und die Moorbauern stehen in einer kleinen Gruppe zusammen und trinken Doppelkorn. Die Ladung Torf wird in Naturalien bezahlt werden. Gustav wird die Wäsche der Bauern waschen, Kleider und Mäntel umfärben. Und bei meinem Vater ist die nächste Zahnbehandlung umsonst. Die Währungsreform kommt wenige Wochen später, dann werde ich mit meiner Mutter in einer langen Schlange vor dem Backsteingebäude der Oberschule stehen. Später darf ich Oma und Opa ihr Geld bringen, Opa guckt die Scheine skeptisch an. Die Generation, die noch in einem Deutschland geboren wurde, das noch einen Kaiser hatte, haben schon alle möglichen Geldscheine gesehen. Findorff fängt mit hundert Reichstalern an, wir fangen mit vierzig Mark an, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Vor allem, wenn man noch Kind ist.

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