Freitag, 18. Juli 2014

Die schöne Müllerin: Helle Stimmen


Als ich den Post ➱Die schöne Müllerin (Prolegomena) im November 2013 schrieb, versprach ich, dass hier ein Post mit dem Titel 'Die schöne Müllerin: Helle Stimmen' folgen sollte. Allerdings merkte ich, dass ich mir eigentlich schon die leckersten Rosinen aus dem Kuchen gepickt hatte. Über ➱Fritz Wunderlich habe ich schon häufig geschrieben, ➱Hans Peter Blochwitz hatte einen Post. ➱Peter Schreier auch. Aber versprochen ist versprochen, ich hatte das Ganze nicht aufgegeben. Glücklicherweise hatte ich den Stapel mit den CDs auch so weggepackt, dass ich sie leicht wiederfinden konnte. Sogar Julius Patzaks alte ➱Aufnahme (mit Michael Raucheisen am Klavier) aus dem Jahre 1943 war dabei. Die habe ich mal für eine Mark gekauft, aber ich schwärme nicht für die Aufnahme, der Zeitgeschmack hat sich doch sehr verändert. Mit Joseph Schmidt (den Hannes Wader bewunderte) wäre das vielleicht etwas anderes, aber der hat die Schöne Müllerin nicht in ihrer Gänze gesungen. ➱Peter Anders ja leider auch nicht.

Tenöre begeistern uns ja immer wieder, doch sie scheinen eine bedrohte Spezies zu sein. Ich habe den Eindruck, dass der Müllerbursche neuerdings nur noch von einem Bariton gesungen wird. Die Statistik spricht allerdings dagegen, nach ➱Huib Spoorenbergs Aufstellung stammen 49 Prozent aller Aufnahme von Tenören. Die Stimme eines lyrischen Tenors scheint für Schuberts Schöne Müllerin wie geschaffen zu sein, eine Stimme, die noch etwas von der Jugend, der Verliebtheit und Enttäuschung spüren lässt. Nicht jeder Tenor ist dafür geeignet, Schubert zu singen. So sehr ich ➱Ferruccio Tagliavini schätze, wenn er als Herzog von Mantua sein ➱Ella mi fu rapita singt, für Schubert wäre er nicht der richtige. Und uns ist klar, dass Jussi Björling und Helge Rosvaenge wohl auch nicht in Frage kämen. Obgleich Björling durchaus Schubert singen konnte, sie können ihn ➱hier mit dem Ständchen aus Schwanengesang hören.

Schubert hat Die schöne Müllerin für die Tenorstimme komponiert (was angeblich auch Schuberts eigene Stimmlage gewesen ist). Der Pianist Irwin Gage (der mit Francisco Araiza den ➱Zyklus aufnahm) hat gesagt: Ginge es nach mir, sollte die 'Schöne Müllerin' nur von Tenören gesungen werden, weil die Klavierbegleitung eh schon sehr tief notiert ist.

Wir sollten aber nicht vergessen, dass die ersten Aufführungen nicht von Tenören, sondern von Baritonen stammten. Namen wie Johann Theodor Mosewius, Carl von Schönstein, Johann Michael Vogl und Julius Stockhausen werden da immer wieder von Musikhistorikern genannt. Und auch für mich war (also bevor ich die erste Platte von Wunderlich bekam) die erste Aufnahme die von ➱Dietrich Fischer-Dieskau (hören Sie ➱hier einmal hinein). Natürlich die mit Gerald (Am I too loud?) Moore am Klavier. Es ist eine Aufnahme, die man heute immer noch als Referenzaufnahme empfehlen kann. Und vielleicht sollte ich auch die Aufnahme von Siegfried Lorenz (mit Norman Shetler) erwähnen, die ich sehr schön ausgeglichen finde. Hätte Lorenz nicht in der DDR gelebt, wäre er sicher berühmter geworden, das ist leider das Schicksal vieler deutscher ➱Künstler gewesen.

Ich möchte in diesem Post die Aufnahmen der Schönen Müllerin von deutschen Tenören betrachten, die Ausländer werde ich in einem anderen Post namens 'Fremde Zungen' betrachten. Damit meine ich Aufnahmen von Aksel Schiötz, Peter Pears, ➱Gérard Souzay oder Ian Bostridge. Und den Russen Georgy Vinogradov sollte man nicht vergessen, der um 1951 eine ganz erstaunliche Schöne Müllerin (in russischer Sprache) gesungen hat. Hören Sie doch ➱hier einmal hinein, eine wunderbare Stimme mit viel russischer Seele. Macht einen beinahe süchtig. Glücklicherweise kann man auf YouTube noch viel mehr Schubert von Vinogradov hören.

Noch eine weitere Gruppe möchte ich von der Betrachtung ausschließen - obgleich der Titel 'Helle Stimmen' sie vielleicht assoziiert: counter tenors und Frauenstimmen. Ich weiß, dass Brigitte Fassbaender und Christa Ludwig Schubert gesungen haben, aber irgendwie passen die Damen nicht so recht für die Rolle des verliebten Müllerburschen, der die Frau mit dem leichten losen kleinen Flattersinn anbetet. Andere Lieder von Schubert sind für Frauenstimmen sicherlich ideal (die ➱Hyperion Aufnahme der Schubert Lieder bietet da viele Stimmen an). Hören Sie doch einmal Julia Kleiter mit dem ➱Hirt auf dem Felsen. Ich habe von dem Lied eine ➱Aufnahme mit Barbara Hendricks (mit Radu Lupu am Klavier), die nur wegen der schönen Klarinette von Sabine Meyer zu ertragen ist. Doch gegen Christa Ludwigs ➱Im Abendrot ist natürlich nichts zu sagen.

Aber zurück zu den Tenören. Die ersten Plätze - wenn es überhaupt eine Rangliste geben kann - würden bei mir Fritz Wunderlich (sowohl die alte Aufnahme mit Kurt Heinz Stolze) als auch die neuere mit Hubert Giesen (➱hier gibt es eine informative Seite dazu) einnehmen. Bevor Sie jetzt Geld ausgeben, können Sie sich die Aufnahme mit Kurt Heinz Stolze ➱hier anhören. Das Fono Forum schrieb damals zu der Aufnahme: Hier verströmt sich voller Naivität ein großes Talent. Das war durchaus positiv gemeint, und in der Tat strahlt diese Aufnahme, die für die Mitglieder des Europäischen Phonoclubs und nicht für den freien Verkauf bestimmt war, eine große Unbekümmertheit aus.

Und natürlich kommt Werner Krenn (den es leider nicht auf CD gibt) mit auf die ersten Plätze der imaginären Rangliste. Selbstverständlich auch Hans Peter Blochwitz, den es - und das ist eine kleine Sensation - neuerdings wieder auf CD gibt. Auf jeden Fall bietet Amazon die CD als Importware für 33,99 € an. Sie können ➱hier einmal hinein hören, um einen Eindruck zu bekommen. In der allgemeinen Konsensbildung zu der besten, schönsten, gelungensten Aufnahme der Schönen Müllerin vermisse ich den Namen des Schweizers Ernst Haefliger. Er ist jemand, den ich sehr gerne höre. Ich hätte ➱hier mal eben ein Beispiel aus der Aufnahme der Deutschen Grammophon mit Jacqueline Bonneau (die auch viel Schubert mit Gérard Souzay aufgenommen hat).

Aus der gleichen Zeit wie Blochwitz' Schöne Müllerin stammt die Aufnahme von Christoph Prégardien mit Adreas Staier am Hammerflügel, eine Aufnahme, gegen die nichts Böses zu sagen ist. Sie erhielt 1993 den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Prégardien hat viel Schubert gesungen - und ich habe auch zahlreiche CDs von ihm. Er hat auch Lieder aus Die Schöne Müllerin mit Gitarrenbegleitung gesungen, hören Sie ihn doch ➱hier zusammen mit Tilman Hoppstock. Für den Müllerburschen, der da Meine Laute hab' ich gehängt an die Wand singt, scheint die Gitarre das geeignete Instrument zu sein.
 
Die Gitarre war das Lieblingsinstrument des Biedermeier. Schubert soll selbst eine Gitarre aus der Werkstatt Johann Georg Stauffers besessen haben, für dessen Erfindung einer Bogenguitarre er die Sonate für Arpeggione und Klavier in a-Moll (D 821) schrieb. Auf diesem Bild der fröhlichen Gesellschaft vor dem Schloss Atzenbrugg könnte Schubert rechts von seinem Freund Josef von Gahy sitzen. Gahy ist zwar eigentlich Pianist, aber hier spielt er Gitarre. In einer Wiener Zeitung aus dem Jahre 1824 wurde der Zyklus der Schönen Müllerin mit dem Zusatz annonciert: In Kurzem folgen diese Lieder mit Guitarre-Begleitung. Von daher scheint es durchaus gerechtfertigt, die Lieder zur Gitarrenbegleitung zu singen. Peter Schreier  hat das 1980 zur Gitarre von Konrad Ragossnig getan (hören Sie ➱hier einmal hinein), von ➱Hannes Wader wollen wir gar nicht erst reden.

Eine der erfreulichsten Neuerscheinungen ist die 1999 aufgenommene Schöne Müllerin von Werner Güra, über die das englische Magazin Gramophone schrieb: The tenor Werner Güra is also outstanding for hypersensitive response to verbal inflexion dissolved into so liquid a line. Und ein Amazon Rezensent namens sagittarius urteilte: Lyrische Tenöre stehen im Schatten der heldischen, die zur Begeisterung der Massen ihr hohes C schmettern. Liedgesang erfordert aber lyrische Begabungen. Die Lieder sind so zart, melancholisch, dass ein Forte-Singen sie zerstört. Die letzten Lieder der schönen Müllerin, der Gang in den Selbstmord, erfordern höchste Begrenzung des Stimmvolumens, die Fähigkeit, die Bruststimme durch Kopfstimme ganz weich zu formen. 

Sänger, die zu viel Oper singen und sich überwiegend meist im Bereich an mindestens mezzo-forte aufhalten, haben zumeist ein recht farbloses piano - das ist dann einfach ein vermindertes forte. Nicht so Werner Güra. Er hat eine originär lyrische Stimme, mischt viel Oberstimme ein, kann so die Worte ganz behutsam formen. Es mag sein, dass Güra den Lied-Zyklus nicht so sehr interpretiert, aber seine Stimme geniessen ist doch auch etwas. So wie Protschka und Blochwitz ist auch Güra einer der seltenen Tenöre, die - wie Fischer-Dieskau als Bariton - die Fähigkeit zu veritablen piano-Gesang besitzen. Allein durch die letztlich schlichte, aber perfekte Wiedergabe von Text und Tönen kann man sich von dieser Musik sehr berühren lassen. Das kann man so stehen lassen. Erstaunlicherweise mäkelt sagittarius hier nicht an Wunderlich herum, was er sonst gerne tut. Aber man ist ja dankbar, bei Amazon mal eine Rezension von solcher Qualität zu lesen.

Und da ich gerade dabei bin, zitiere ich diesen Rezensenten noch einmal, diesmal zu der Schönen Müllerin von Josef Protschka aus dem Jahre 1987: Die 'Schöne Müllerin' ist ein echter Tenorzyklus. Natürlich haben auch großartige Baritone diesen Zyklus gesungen, aber wenn man Tenorversionen hört, denkt man, ja, so soll es klingen. Fritz Wunderlich beherrscht das Tenorsegment ziemlich eindeutig. Dahinter treten Sänger wie Josef Protschka zurück. Zu Unrecht. Protschka hatte Stimmfarben, die Wunderlich nie zur Verfügung standen. Es ist ja nicht nur das traurige Ende eines unglücklich liebenden Müllerburschen, sondern - vielleicht im Gegensatz zur 'Winterreise' - eine zarte Trauer. Die Lieder 18, 19, 20 müssen mit äußerster Innigkeit gesungen werden. 

Ein Piano, das ganz viel Oberstimme mit hineinmischt. Das konnte Protschka wunderbar realisieren. Deswegen war diese Aufnahme bei ihrem Erscheinen auch hochgelobt. Heute ist er als Sänger fast vergessen. Leider. Immerhin ist diese Aufnahme - im Gegensatz zum Pendant Blochwitz - nicht gestrichen. Allerdings gibt er dem Sänger trotz der schönen Rezension nur vier von fünf Sternen. Mehr würde ich auch nicht geben. Ich war beim ersten Hören geneigt, schon nach dem ersten Lied abzuschalten. Protschka will da wohl eine Dynamik hineinbringen, aber es holpert und poltert nur. Doch bei Wohin? war alles vergeben und vergessen. Die Aufnahme hat große Momente, ist aber insgesamt etwas unausgewogen, eher die Aufnahme eines Opernsängers als die eines Sängers von Liedern.

Das gilt auch für den Deutsch-Kanadier Michael Schade, dessen Live Aufnahme in Grafenegg von der österreichischen Presse bejubelt wurde: .. ein Konzerterlebnis der Sonderklasse ... Wort und Ton bilden eine Einheit, die man in dieser Qualität sonst nicht zu hören bekommt. Mit feinstem Anschlag und toller Phrasierung stellen sich die beiden in den Dienst des Werkes (Kurier) oder So viel anrührende Gestaltungskunst ließ niemanden im Auditorium kalt. Die Aufnahme ist sicherlich schön. Zu schön. Ich weiß jetzt nicht, weshalb ich mich an das Dreimäderlhaus mit ➱Karlheinz Böhm erinnert fühlte. Ob sich Buchbinder daran erinnerte, dass er als junger Mann zusammen mit Werner Krenn einst eine viel schönere Aufnahme geliefert hatte? Ich war noch ein Teenager, der Tenor hieß Werner Krenn. Wir interpretierten Schuberts Liederzyklus 'Die schöne Müllerin' - eine traurige Liebesgeschichte. Meine eigene Liebesgeschichte war und ist bis heute Gott sei Dank eine glückliche, hat er in seinen autobiographischen Aufzeichnungen geschrieben.

Meine Kaufempfehlungen kann ich heute ganz kurz machen, sie heißen Fritz Wunderlich, Hans Peter Blochwitz und Werner Güra. Ich werde hier irgendwann mit dem Post 'Die schöne Müllerin: Fremde Zungen' weitermachen. Ich hoffe, dass da nicht wieder ein Jahr vergeht.

1 Kommentar:

  1. "Mäkeln" wäre zu viel.Ich schätze Wunderlich,aber bvei Mozart und Schubert war mir da zuviel Metall. Ein wenig Wasser in den Kultwein. Wunderlich war ein großartiger Alfredo und hätte auf diesem Gebiet sicher noch Großes geleistet,aber zu Zeiten,als er schon ein großartiger Alfredo war, sang er mit dieser Stimme Schubért und Mozart. Das überzeugte mich nicht.
    Danke für den großartigen Beitrag

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