Dienstag, 21. Oktober 2014

François Truffaut


Hier ist der französische Filmregisseur François Truffaut bei den Dreharbeiten von La nuit américaine. Links ist sein alter ego, der Schauspieler Jean-Pierre Léaud, den wir aus dem Antoine Doinel Zyklus kennen. Die schöne Frau in der Mitte ist natürlich Jacqueline Bisset. Leaud ist jetzt (wie Jacqueline Bisset) auch schon siebzig, nur Truffaut lebt leider nicht mehr. Er ist heute vor dreißig Jahren gestorben.

In einem Brief an Annette Insdorf (die viel über ihn geschrieben hat) schreibt er im Januar 1984: Was gibt es noch zu erzählen? Ich gehe wieder regelmäßig ins Kino. Gefallen haben mir Fellinis Film über das Schiff  [E la nave vaund dann noch 'Zelig', nicht nur, weil er in Schwarzweiß ist. Er gibt auch noch der Hoffnung Ausdruck, dass es in dem Jahr ein Wiedersehen gibt. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Die Aufführung seines Films Vivement Dimanche mit Fanny Ardant (die ihm gerade ein enfant de l'amour geschenkt hat) hat er aber noch erlebt.

Die Briefe Truffauts, Briefe eines Jungen, der heftig darunter litt, nicht schreiben zu können, wie Godard in seinem Vorwort sagt, sind 1990 von Robert Fischer herausgegeben und übersetzt worden. Man merkt auf jeder der über siebenhundert Seiten, dass er etwas davon versteht. Ich war mal bei einem dreitägigen Truffaut Seminar, Freitagnachmittag bis Sonntagmittag. Außer Mittags- und Kaffeepause keine Pausen. Keine Diskussion. Der Referent überschüttete uns mit seinem Wissen und hunderten von Filmbeispielen. Die Filme von Truffaut kannte ich, aber der halbe Tag über den ➱Einfluss von Jean Renoir war sehr interessant.

Ich habe leider den Namen des Referenten vergessen, aber ich vermute mal, dass das Robert Fischer war. Fischer hat auch die Filmkritiken Truffauts unter dem Titel Die Filme meines Lebens herausgegeben. Weiterhin hat er das lange Interview La leçon de cinema de François Truffaut, das der Regisseur mit José-Maria Berzosa, Jean Collet und Jérome Prieur geführt hat, übersetzt und ediert. Es ist 1991 unter dem Titel Monsieur Truffaut, wie haben Sie das gemacht? bei der Kölner vgs Verlagsgesellschaft erschienen. Der Titel lehnt sich natürlich an das berühmte Interview-Buch Mr Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? an (das Robert Fischer auch herausgegeben hat). Das Photos zeigt Truffaut mit Bernadette Lafont bei den Dreharbeiten von Ein schönes Mädchen wie ich (Une belle fille comme moi) im Jahre 1972.

Den Namen Bernadette Lafont kannte ich damals schon seit Jahren, weil ich sie in dem unheimlich spannenden Kriminalfilm von Costra-Gavras, Mord im Fahrpreis inbegriffen (Compartiment tueurs), mit ➱Yves Montand gesehen hatte (➱hier in mehreren Teilen bei YouTube). War eine Verfilmung des Romans von Sébastien Japrisot. Der war damals bei Rowohlt in der von ➱Richard K. Flesch herausgegebenen Krimireihe auch vertreten. Die Frau neben Truffaut auf diesem Bild ist natürlich nicht Bernadette Lafont, das ist seine Freundin Jeanne Moreau, die durch Jules et Jim weltberühmt wurde. Wo sie auch singt. Sie hat ihm auch den Film Das Geheimnis der falschen Braut (La sirène du Mississipi / Waltz into Darkness) finanziert. Den Film, von dem ➱Brigitte Bardot später behauptete, Truffaut habe ihr die Rolle versprochen, die die Deneuve bekommen hatte.

Im Gymasium zeigte unser Schüler Film-Club, der natürlich nur pädagogisch wertvolle Filme zur Aufführung brachte (manchmal aber auch gute wie Tod eines Radfahrers), den Film Sie küßten und sie schlugen ihn. Mit einer Einleitung vom Direx. ➱Bardems Tod eines Radfahrers der ➱hier schon erwähnt wird, hat mich schwer beeindruckt, weil da tolle Trenchcoats und ➱Lucia Bose drin vorkamen. Sie küßten und sie schlugen ihn, der der erste Teil der Antoine Doinel Saga war (aber das wusste damals noch keiner von uns), hat mich damals nicht so beeindruckt. Kamen zu wenig schöne Frauen drin vor. Wir waren in dem Alter, wo man Filme nicht wegen der pädagogischen Probleme oder der Filmkunst guckte, sondern der schönen Frauen wegen. Dass dies die Basis des französischen Kinos ist, hat Truffaut auch gewusst, schließlich ist er es gewesen, der gesagt hat: Le cinéma c'est l'art de faire de jolies choses à de jolies femmes. Die schöne Frau auf diesem Photo ist Claire Maurier, die in Sie küßten und sie schlugen ihn die Mutter von Antoine Doinel spielte.

Ich habe beinahe alle Filme von Truffaut auf DVD, im Filmregal stehen Bücher und Drehbücher zu seinen Filmen nebeneinander. Sein Kino hat mich einen großen Teil meines Lebens begleitet. Dies ist kein Photo von der Beerdigung von Truffaut, das ist ein Filmphoto aus Der Mann, der die Frauen liebte (L’homme qui aimait les femmes), ein Titel, den man auch auf den Regisseur beziehen könnte. Es sind viele Frauen zu seiner Beerdigung gekommen, ➱Catherine Deneuve auch. Truffaut hasste Beerdigungen, im Februar 1971 schrieb er an Tanya Lopert zum Tod ihres Vaters (der Truffauts Filmgesellschaft La société des Films du Carrosse auch in den USA bekannt gemacht hatte):

Il y a beaucoup, beaucoup trop de morts autour de moi, que j'ai aimés, et j'ai pris la décision, après la disparition de Françoise Dorléac, de ne plus assister à aucun enterrement, ce qui, vous le pensez bien, n' empêche pas la tristesse d être là, de tout obscurcir pendant un temps et de ne jamais estomper complètement, même avec les années, car on ne vit pas seulement avec les vivants, mais aussi avec tous ceux qui ont compté dans notre vie.

Auf dem Schwarzweiß Photo oben sitzt Françoise Dorléac neben Truffaut. Ganz eng. Truffaut braucht schöne Frauen in seiner Nähe. Wir auch. Und deshalb lieben wir ihn. Der Film von morgen erscheint mir noch persönlicher als ein Roman, individuell und autobiographisch wie ein Tagebuch ... Der Film von morgen wird eine Liebeserklärung sein, hat er 1957 gesagt. Er dreht gerade seinen ersten Film, zwei Drehbücher von kleinen Filmen hat er schon geschrieben. Aber da ist noch nichts, was darauf hindeutet, was er im nächsten Vierteljahrhundert drehen wird. Aber den Satz Der Film von morgen wird eine Liebeserklärung sein, den wird er wahr machen.

Er wäre gerne Romanschriftsteller geworden, aber er wusste, dass seine Begabung dafür nicht reichte. Die Romane, die er uns jetzt erzählt, sind seine Filme: Ich gebe mir Mühe, ganz unterschiedliche Filme zu machen. Ich habe Angst, immer das gleiche zu erzählen. Aber ich weiß nur zu gut, daß im Grunde immer wieder das gleiche herauskommt. Denn wahrscheinlich arbeitet man in seinem ganzen Leben doch nur mit sehr wenigen Elementen, sehr wenigen Einfällen. Es ist doch so: Romanciers zum Beispiel haben nur ein paar Jahre großer Kreativität zur Verfügung. In den ersten Romanen ist eine starke Kraft spürbar,und im allgemeinen schreiben sie auch nicht mehr als fünf oder sechs Romane. Jedenfalls ist das in Frankreich so. Na, ja. Er hat ➱Theodor Fontane nicht gekannt. Hätte er den ➱Roman Effi Briest verfilmen können?

Das Schwarzweiß Photo im Absatz oben zeigt Truffaut im ➱Smoking an der Seite von Marie-France Pisier. Mit siebzehn war sie in Truffauts Antoine und Colette (hier ein Filmbild). Da hat sie Truffaut so verzaubert, dass er gleich seine Frau verlassen hat. Aber es hat nicht lange gehalten mit den beiden. Das ist bei Truffaut immer so. Zwanzig Jahre später ist sie Clawdia Chauchat, die ➱Hans Castorp im Zauberberg den Kopf verdreht. Und noch einmal Jahrzehnte später konnten wir sie als Madame Verdurin in ➱Raúl RuizLe Temps retrouvé sehen. 

Aber hier sehen wir sie in Liebe auf der Flucht (L'amour en fuite), dem letzten Teil des filmischen Lebensromans des romancier manqué François Truffaut (sie hatte in L'amour en fuit auch eine kleine Nebenrolle gehabt). Sie liest im Schlafwagen der SNCF ein Buch, das wir leider nicht lesen können: Antoine Doinels autobiographischen Roman Les salades de l'amour. Das ist wieder so ein typisches Truffaut Zitat. Denn in La nuit américaine sagt der Regisseur Ferrand (Truffaut) über das komplizierte Liebesleben (das sich von Truffauts eigenem Liebesleben wenig unterscheidet) seines Hauptdarstellers Adolphe (Jean-Pierre Léaud): C' est ça, d'ailleurs un jour je tournerai un film qui s'appellera 'Les salades de l' Amour'. Der größte Teil des Drehbuches von L'amour en fuite wurde übrigens von Marie-France Pisier geschrieben. In den salades de l' Amour von Truffaut kennt sie sich bestens aus.

Eigentlich wollte ich heute nichts schreiben, ich wollte nur die Links zu den wichtigsten Truffaut Posts in diesem Blog hierher stellen. Und vielleicht einige Verse dazu tun. Wie den ➱Text des Chansons Baisers Volées. Oder so etwas wie den ➱Song Truffaut von ➱Angelika Express. Aber es ist, wie es ist. Kaum hatte ich das erste Photo, hatte ich auch den ersten Absatz geschrieben. Warum jetzt aufhören? Draußen regnete es. Ich nahm das als Wink des Schicksals. Und begann zu schreiben. Und ein Photo von Truffaut mit ➱Lederjacke von den Dreharbeiten von Tisch und Bett (Domicile conjugal) habe ich natürlich auch anzubieten.

Lesen Sie auch: ➱Fanny Ardant, ➱Waltz into Darkness, ➱Jean Desailly, ➱Jacqueline Bisset, ➱Henri Langlois ➱Ray Bradbury. Den schönen Film François Truffaut, une autobiographie von Anne Andreu kann man ➱hier sehen.

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