Freitag, 28. November 2014

Lieutenant Lindhövel


Ich hatte vorgestern ein langes Telephongespräch mit meinem Freund Jimmy. Er warf mir vor, dass ich mein Talent mit dem Bloggen im Internet verschleudere, ich solle endlich einen Roman schreiben. Jimmy hat keinen Computer, er hasst das Internet. Was Flaubert an Turgenjew schreibt, das könnte auch von ihm sein: Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben: doch eine Flut von Scheiße schlägt an seine Mauern, so dass sie einzustürzen drohen. Ich kenne das Argument schon. Er sagt das seit Jahrzehnten, als ich noch gar nicht wusste, was ein Blog ist: wann schreibst Du endlich einen Roman? Ich antworte ihm immer das gleiche: dass ich kein Talent zum Romanautor habe. Ich könnte einen schlechten Roman schreiben. Aber das will ich nicht, schlechte Romane gibt es schon genügend. Damit wir nicht wie Papageien immer das gleiche Gespräch wiederholten, gestand ich ihm, dass ich ein einziges Mal einen Roman geschrieben hätte. Und ich erzählte ihm die Geschichte, die unter dem Titel Das schwarze Heft im ersten Kapitel meiner Bremensien steht.

Gestern las ich dann im Wikipedia Artikel für den 28. November, dass heute vor 350 Jahren der Bremisch-Schwedische Krieg durch den Stader Vergleich beendet wurde. Das erste, das mir dazu einfiel, war ein Name: Leutnant Lindhövel. Den werden Sie wahrscheinlich nicht kennen, aber wenn man mit sechs Jahren (wenn der Opa Lehrer ist, dann kann man mit sechs lesen und schreiben) Trude Wehes Roman Vryheit do ik ju openbar: Roman aus dem alten Bremen gelesen hat, dann kennt man den Mann schon. In einer alten Chronik mit dem barocken Titel Warhafte, kurtze und einfältige Beschreibung dessen, was sich von anno 1600 bishero in der Kayserlichen Freyen Reichs und Hansestadt Bremen Merkwürdiges zu Kriegs- und Friedenszeiten, auch in andern Begebenheiten zugetragen heißt es über ihn: Der bremische Commandante, Lieutenant Paul Lindhövel, eines Burgers Sohn, wehrete sich mit seinen etwa 130 Soldahten tapfer, schoß mit glüenden Kugeln wacker in die von den schwedischen Soldahten bezogene, der Schantze zu nah gelegene Häuser.... Den Rest lasse ich mal. Sie können sich das denken, die Schweden unter Carl Gustav Wrangel bleiben Sieger. Der Leutnant kommt übrigens in dem Kapitel Das schwarze Heft vor, da dachte ich mir, dass dies zu viel der Fügung sei. Ich muss das jetzt veröffentlichen:

Die siebte Klasse meines Gymnasiums trug keinen hochtrabenden lateinischen Namen wie Quarta. Hier in Bremen wurden die Klassen prosaisch durchgezählt, sechs Jahre Volksschule für alle, und die siebte war dann die erste Klasse des Gymnasiums. Genauer: Allgemeine Volksschule/Oberschule Zweig D. In dieser siebten Klasse mussten wir im Deutschunterricht über unsere Heimatstadt Bremen schreiben. Was immer wir wollten: Erlebtes, Gehörtes, Anekdotisches, alles war erlaubt. Nach kurzem Überlegen legte ich mein Deutschaufsatzheft beiseite und holte aus meiner Schultasche ein neues schwarzes Heft, das ich am Vortag bei der Schreibwarenhandlung Six gekauft hatte (bei diesen Sixens war ich viel lieber als bei den Sixens vom Fischgeschäft, ich mag keinen Fisch). Und dann schrieb ich in rasendem Tempo einen Roman über Bremen, der das Heft von der ersten bis zur letzten Seite füllte.

In der Er-Form geschrieben, sah mein fiktiver Held hinter dem Lärmen und Treiben des Nachkriegsbremens ein anderes, historisches Bremen. Der Mini-Roman endete auf dem Bremer Markplatz, wo mein Held im Lichte der untergehenden Sonne, die sich rot in den Scheiben des Rathauses spiegelte (das musste sein), die Inschrift auf dem Schild des steinernen Rolands liest: Vryheit do ik ju openbar / de Karl und mennich vorst vorwar / desser stede ghegheven hat / des danket gode is min radt. Musste natürlich so pathetisch enden, Roland mit de spitzen knee, segg’ mal, deit di dat nich’ weh? wäre eine Antiklimax gewesen. Ich kassierte dafür 34 Fehler (alles Flüchtigkeitsfehler wegen des hohen Schreibtempos) und den guten Rat meines Klassenlehrers Hermann Bollenhagen, dass ich so etwas nie wieder machen solle. Aber es stand auch eine Eins darunter, weil ich der erste und einzige war, der jemals in der siebten Klasse ein ganzes Schulheft mit einem Roman gefüllt hatte. Ich verdanke Hermann Bollenhagen, der unseren jugendlichen Schwärmereien eine prosaische, nüchterne Vernunft entgegenzusetzen wusste, sehr viel. Ich habe sowieso mit meinen Lehrern in Volksschule und Gymnasium sehr viel Glück gehabt.

Die offiziell angesetzte Stunde zur Feier des Kriegsendes fiel bei Bollenhagen, dessen Kriegsverletzungen man jeden Tag sehen konnte, ohne jede Verherrlichung aus. Trocken und spröde erzählte er, wie er als junger Soldat in Russland mit seiner Kompanie in einen Birkenwald ging und links und rechts von ihm die Soldaten plötzlich tot am Boden lagen. Man sah den Feind nicht, man hörte die Schüsse kaum. Da waren nur dieser Birkenwald, der blaue Himmel eines Spätsommertages und der Tod. Dies war offensichtlich ein anderer Krieg als der Krieg meines Großvaters dreißig Jahre früher in Frankreich. Ich dachte dabei an den kleinen russischen Friedhof, den ich einmal beim Spielen mit meinen Freunden entdeckt hatte. Er lag in einem Birkenwäldchen bei Meyenburg, das wie eine Landzunge in die Äcker hineinreichte. Das war auch an einem Spätsommertag mit blauem Himmel. Viele Lehrer erzählten uns in den fünfziger Jahren ihren ganzen Krieg. Ohne dass wir das wussten, waren wir ihre Therapeuten, die ihnen zuhörten. Aber niemand sprach von den Zwangsarbeitern, die den U-Boot Bunker in Farge gebaut hatten, an Unterernährung und Entkräftung gestorben waren oder von den russischen Kriegsgefangenen aus dem Ersten Weltkrieg, die da in dem kleinen Birkenwäldchen lagen, mit Grabkreuzen in kyrillischer Schrift. 

Meinem Romanerstling sollte kein weiterer Roman folgen, ich wusste, dass Bollenhagen recht hatte: dies war grauenhafter Kitsch. Das Elaborat verdankte den Meistern des Realismus des 19. Jahrhunderts, die in der Bibliothek meines Großvaters standen, nicht das Geringste. Aber vieles einem historischen Roman, den ich einmal auf dem Nachttisch meines Vaters gefunden hatte. Von dem weiß ich nur noch, dass er Vryheit do ik ju openbar hieß. Und dass eine historische Figur, ein junger Leutnant namens Lindhövel, darin die Hauptrolle spielte. Ich habe mich nie dafür geschämt, dass mich dieser Roman einmal begeisterte (all normal people need both, classics and trash, hat Shaw einmal gesagt), aber wenige Jahre später wusste ich, dass die wirkliche Literatur aussehen sollte wie Proust oder Joyce. Was wäre gewesen, wenn ich einen anderen Bremen-Roman, Tami Oelfkens Maddo Klüver oder ➱Rudolf Lorenzens Alles andere als ein Held, zuerst gefunden hätte? Allerdings zeigte mein kleiner Roman auch eine gewisse stilistische Nähe zu ➱Friedo Lampe, wenn ich heute das 1949 bei Rowohlt erschienene Buch Ratten und Schwäne in die Hand nehme. Ich muss damals offensichtlich schon Friedo Lampe gelesen haben. Na ja, immature poets imitate, mature poets steal, hat T.S. Eliot geschrieben. 

Vryheit do ik ju openbar: Roman aus dem alten Bremen von Trude Wehe, 1936 im Friedrich Trüjen Verlag in Bremen erschienen, ist vom Markt verschwunden. Mammis Exemplar mit dem angeschmuddelten Leineneinband trägt die Unterschrift meines Opas, den Namen meiner Mutter mit dem Zusatz Weihnachten 1936 und einen späteren Zusatz in der Handschrift meiner Mutter Zum Andenken an Hans Bünte gefallen 1940 vor Rotterdam. Ich weiß nicht, was Hans Bünte meiner damals zwanzigjährigen Mutter bedeutet hat, er war Unteroffizier, knapp 25 Jahre alt, als er starb. Das weiß ich dank des Internets, das auch ein Zwischen-Netz zwischen Vergangenheit und Gegenwart sein kann, und das seinen Namen in einer Liste der Gefallenen eines Bremer Infanterieregiments enthält. 

Lesen Sie weiter im Post ➱Gräber

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