Donnerstag, 19. Februar 2015

Elmer Kelton


Er saß mit seiner Frau auf dem Sofa im Wohnzimmer. Es ist dieses Sofa, das mein Freund Götz mal das Verlobungssofa getauft hat. Weil es zwar für drei Leute ausreichen soll, aber wirklich nur zwei Menschen bequem Platz bietet. Also, er hatte bequem Platz an diesem Abend. Er hatte sich zurückgelehnt und begann zu erzählen. Er erzählte uns sein Leben. Das war nichts Einstudiertes, er hatte seine Autobiographie Sandhills Boy: The Winding Trail of a Texas Writer noch nicht geschrieben.

Das Sofa gehörte jetzt ganz ➱Elmer Kelton. Wir anderen saßen auf den restlichen Möbeln (die Gäste schonten freundlicherweise die Biedermeiermöbel). Oder lagen auf den Perserteppichen der beiden Wohnzimmer. Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass wir mindestens dreißig Leute waren. Dies war die Jahrestagung der German Association for the Study of the Western (➱GASW). Ich erinnere mich noch gerne an diese Tagung, ein Kollege von mir hatte den größten Teil der Organisation übernommen. Ich hatte die Pressearbeit übernommen, das war einfach. Ich hatte eine Freundin überredet, die bei der Deutschen Presse Agentur arbeitete, einen kurzen Text über den DPA Ticker laufen zu lassen. Das Ergebnis war überwältigend.

Die hatten zwar alle zuvor noch nie von der German Association for the Study of the Western und vielleicht auch noch nie von Elmer Kelton gehört, aber jetzt kamen sie alle. Und mit alle meine ich alle, öffentlich-rechtliche und private Sender traten sich auf die Füße. Unser Stargast Elmer Kelton konnte mit allen gut umgehen, er war selbst einmal Journalist gewesen. Die deutsche Sprache war für ihn auch kein Problem, er war im Zweiten Weltkrieg als Soldat hier gewesen. Als er nach Amerika zurückkam, hatte er zwei Bronze Stars auf der Brust und eine Verlobte in Österreich. Es mussten viele bürokratische Schwierigkeiten überwunden werden, bis die beiden heiraten konnten. Jetzt saßen sie zusammen auf dem Sofa. Das Photo hier zeigt Elmer und Anna Kelton bei ihrer Hochzeit 1947, von der Hochzeitszeremonie hat sie kein Wort verstanden: She just learned to say, ‘I do,' in the proper place without knowing for sure what it meant, hat Elmer Kelton gesagt.

Es war nicht das erste Mal, dass wir uns in den Wohnzimmern meiner Altbauwohnung zusammenfanden, ich hatte da schon am ersten Abend eine conference warming party gegeben. Das hier heute war allerdings improvisiert. Der Juni war außergewöhnlich warm, wir hatten nach einem Tag voller Vorträge und Diskussionen beschlossen, die Konferenz in ein Gartenlokal inmitten eines schönen Parks, der im 18. Jahrhundert im Stil eines englischen ➱Landschaftsgartens angelegt wurde, zu verlegen. Auf die Idee waren allerdings schon einige tausend Kieler gekommen. Und angesichts der langen Schlangen von Leuten, die ohne Hoffnung auf Tisch und Stuhl für Bier anstanden, sagte ich kurzentschlossen: Fahren wir zu mir. Ich hatte vor Tagen genügend Wein und Bier für die erste Party eingekauft, es war noch etwas übrig. Der Geschirrspüler war tätig gewesen und die Wohnung war leidlich aufgeräumt.

Nach den Tagen der Konferenz kannten wir uns schon alle, die Förmlichkeiten des ersten Abends waren abgelegt, manche fühlten sich bei mir schon zuhause. Irgendjemand entdeckte meine Country & Western ➱Plattensammlung. Die würde ich am nächsten Tag aufräumen müssen. Peter Bischoff, der Vorsitzende der GASW (der in dem langen Post zu ➱Red Shuttleworth schon erwähnt wird), holte einen Cassettenrecorder aus seinem Auto. Und Elmer Kelton begann zu erzählen. Er erzählte von der Jugend in der Great Depression. Davon hatten wir alle ein wenig Ahnung, wir waren Amerikanisten. Hatten ➱Steinbecks Grapes of Wrath gelesen und kannten die ➱Photos der Farm Security Administration. Aber dies kam nicht aus Büchern, dies kam von jemandem, der es erlebt hatte.

Es ist eine gewisse Magie, die einen befällt, wenn man einem guten Erzähler zuhört. Ob das ein scop in einer Festhalle im alten England oder ein Troubadour am Hofe von ➱Eleonore von Aquitanien ist. Oder der Sohn eines Cowboys bei Jay im Wohnzimmer. Und erzählen, das kann Elmer Kelton. Er erzählte von dem Zeitungspapier, das in dicken Lagen vor die meist zerbrochenen Fensterscheiben geklebt wurde. Und der dicke Karton darüber, mit dem er lesen lernte: I learned my first letters from a piece of grocery carton nailed upto substitute for a broken window pane: FOLGERS COFFEE. I began to decipher the words on food cans in the pantry. Heute steht das so in Sandhills Boy, vielleicht schrieb er schon damals an dem Buch und testete uns als Publikum. Wir waren fasziniert. Das Photo von Arthur Rothstein oben wurde nicht nachts aufgenommen, es zeigt einen der Staubstürme in der dust bowl von Texas in den dreißiger Jahren. Der historischen Ehrlichkeit wegen sollte man sagen, dass das Bild nachträglich im Labor ein wenig behandelt wurde, das ➱Original war heller.

Growing up listening to eyewitness accounts of the open range and long trails, I saw our part of Texas as a living remnant of a fading frontier. I went with cowboys as they saddled their horses and rode out at sunup to work bawling herds of cattle in the manner of their fathers and grandfathers. Nights, out with the chuck wagon, I looked up at stars crisp and bright, almost within reach of my fingers and was lulled off to sleep by the pleasant aroma of mesquite smoke from a dying campfire. To me, past and present blended. History was still playing out before my eager young eyes.

Das könnte jetzt ein wenig nach How often at night, when the heavens were bright, With the light of the twinkling stars Have I stood here amazed, and asked as I gazed, If their glory exceed that of ours klingen, aber Sandhills Boy ist kein sentimentaler Kitsch. Und auch in den meisten Romanen wird es Kelton vermeiden, in die romantische Sentimentalität abzugleiten, die so viele Western auszeichnet. Es wird allerdings noch lange dauern, bis er in der Lage ist, solche Passagen schreiben zu können wie:  

Frank could not hold back. He spurred until he came to a rock-edged rim from which the ground suddenly fell away. The wind seemed to wrest the breath from him, or perhaps it was not the wind. Perhaps it was the broad, grass-covered valley that spread for miles. Perhaps it was the buffalo, thousands upon thousands, some grazing, some already bedded down and chewing cud in the gentle warmth of a noonday winter sun, some watering in a clear-running creek that came down from the north, where the valley made a long bed. Frank could only guess how far it might be to the head of the creek. He rubbed his eyes, for the wind brought water to them. “Lord in heaven! Did anybody ever see such a sight?” He laughed for no good reason. He felt awash in exhilaration. He was sure he gazed upon the world as God had shaped it and meant it to be, not a human mark visible upon it.

Elmer Kelton hat an der University of Texas in Austin studiert und schrieb danach für die San Angelo Standard-Times über Landwirtschaft. Davon versteht er etwas. Auch wenn er kein Cowboy geworden ist: Had I been a good cowboy I would still be somewhere out in far West Texas working on somebody's ranch for five hundred dollars a month and wishing I were a writer, instead of working as a writer and wishing I were a cowboy. Life has its frustrations.

1963 wurde er Herausgeber des Sheep and Goat Raisers Magazins, und von 1968 bis 1991 war er einer der Herausgeber von The Livestock Weekly. Als er von der Universität kam, hatte er angefangen, in seiner Freizeit Western zu schreiben. I considered myself a failure at least as a cowboy. Though this was a negative attitude, it might have had one good feature. I worked doubly hard on the things I could do. Reading was a refuge. I could put aside the shortcoming that gave me so much anxiety. By the time I was eight or nine years old, I fantasized about someday writing the Great American Novel. It would be a western naturally.

Zuerst schrieb er für pulps wie die Ranch Romances. Egal, was deren Inhalt war, es gab beinahe immer eine junge Frau mit offenen Blusenknöpfen auf dem Titelbild. Das ist so ähnlich wie bei der Sun und dem ➱nackten Mädel auf Seite drei. Doch Kelton wusste, dass dies nicht das war, was er wirklich wollte. 1955 erschien sein erster Roman Hot Iron (Sie können bei ➱Google Books hineinschauen), das war ein Anfang, aber Kelton wollte mehr. In den fünfziger Jahren schrieb er für die Zeitung wöchentlich über die schreckliche Dürre, die sieben Jahre dauern sollte: As a farm and ranch reporter I covered that drought day after day for seven years. I ran out of new ways to say, “It's still dry out there, schreibt er in ➱Sandhills Boy.

Warum nicht darüber einen Roman schreiben? Die erste Fassung gefiel dem Verlag nicht. Die zweite auch nicht. Elmer Kelton legte das Manuskript beiseite und schrieb wieder diese Sorte Western, für die formula fiction ein nettes Wort ist. Also, sagen wir mal: nicht oberhalb von Max Brand, Zane Grey oder Louis L’Amour. Wenn Sie einen festen Beruf haben, behalten Sie ihn, hat er immer wieder jungen Schriftstellern geraten. Aber die Sache mit einem historisch genau recherchierten Roman ließ ihn nicht los. Er holte das Manuskript wieder hervor und schrieb den Roman zu Ende. Der Roman markiert das Ende der formula stories - symbolisch angezeigt durch das Ende der Zusammenarbeit mit Ballantine Books. The Time It Never Rained kam 1973 auf den Markt:

It crept up out of Mexico, touching first along the brackish Pecos and spreading then in all directions, a cancerous blight burning a scar upon the land.
        Just another dry spell, men said at first. Ranchers watched waterholes recede to brown puddles of mud that their livestock would not touch. They watched the rank weeds shrivel as the west wind relentlessly sought them out and smothered them with its hot breath. They watched the grass slowly lose its green, then curl and fire up like dying cornstalks.
        Farmers watched their cotton make an early bloom in its stunted top, produce a few half-hearted bolls and then wither.
        Men grumbled, but you learned to live with the dry spells if you stayed in West Texas; there were more dry spells than wet ones. No one expected another drouth like that of ’33. And the really big dries like 1918 came once in a lifetime.
        Why worry? They said. It would rain this fall. It always had.
But it didn’t. And many a boy would become a man before the land was green again.

Als Peter Bischoff (Bild) mich damals anrief und sagte, dass es ihm gelungen sei, Elmer Kelton nach Deutschland zu locken, konnte ich schlecht sagen: Elmer wer? Ich muss zu meiner Schande gestehen, ich hatte noch nie von ihm gehört. Fünf Minuten nach dem Telephonat war ich in der Bibliothek und hatte die ➱dicke fette Literary history of the American West in der Hand. Ich schloss meine Wissenslücke in den folgenden Wochen, schließlich sollte ich ja auch einen Vortrag halten. Ich hätte über Western Romane und Verfilmungen reden können, denn davon verstehe ich ein wenig. Wenn Sie diesen Blog immer lesen, dann wissen Sie das. Ansonsten sollten Sie vielleicht einmal ➱Spätwestern, ➱Stagecoach und ➱Technicolor lesen.

Aber damals gab es noch keine Verfilmungen von Keltons Romanen, Tommy Lee Jones hatte seinen Film The Good Ole Boys noch nicht gedreht (es gibt ihn ➱hier ganz zu sehen). Da ich den Schauspieler und Regisseur, den ich sehr schätze, gerade erwähnt habe, zitiere ich mal eben, was er über Elmer Kelton gesagt hat: This, then, is Elmer Kelton, an outstanding regional novelist whose work inspires devoted fans but has, to date, failed to gain the critical and popular acclaim of which it is deserving; a writer whose career has spanned more than three decades and seen the western go from popularity to literary ignominy; a cowboy's son who is more comfortable before a typewriter -- or word processor -- than in the saddle; and a respected livestock journalist. But beyond all that, Elmer Kelton is a genuine, unaffected, kind and gentle man, the sort who, in person, makes you want to hunker down and listen to his stories, his voice, and his wisdom.

Unsere Tagung war ein großer Erfolg. Elmer Kelton hielt dann noch, sozusagen als unentgeltliche Zugabe einen Vortrag in der Universität. Die Professoren des Instituts glänzten durch Abwesenheit. Den Mann, den man heute Amerikas bedeutendsten Westernautor nennt und für den es in seiner Heimatstadt San Angelo ein Wandgemälde gibt, wollten sie nicht hören. Aber auch schon andere Gäste hatten es bei uns schwer gehabt, die deutsche Universität beweist im sozialen Bereich immer wieder mangelndes Benehmen. Kein Stil. Cowboys wären höflicher.

Elmer Kelton wurde natürlich sofort zum Ehrenmitglied der GASW ernannt, und seit 1999 verleiht die Gesellschaft den Elmer Kelton Award für Verdienste um den Western. Ich habe die Autobiographie und ein halbes Dutzend Romane gelesen (dank Elmer besitze ich signierte Erstausgaben, in die er nette Dinge hinein geschrieben hat), ich kann mich nicht als Elmer Kelton Spezialisten bezeichnen. Aber einen Lesetip kann ich doch geben. Und das sind auf jeden Fall die Romane The Time It Never Rained, The Day the Cowboys Quit und The Good Old Boys. Damit machen Sie nichts falsch. Mit der Lektüre der Autobiographie auch nicht. Dann können Sie noch die anderen Bücher lesen, sechzig sind es mindestens. Früher gab es bei Heyne und Moewig eine Vielzahl von Titeln, aber zur Zeit scheint es keine deutschen ➱Übersetzungen im Handel zu geben.

Als ein Reporter Anna Kelton einmal fragte, welches der Bücher ihres Mannes ihr Lieblingsbuch sei, hat sie geantwortet: I guess my favorite is this one. It's the only one I've read. Es war kein Roman, es war die Autobiographie Sandhills Boy, sie hat seine Romane nie gelesen. Das ist wirklich witzig. Sie hat die Verfilmung von The Good Old Boys gesehen und die Audioversion im Autoradio gehört. She said she's waiting on the rest of them until they come out as movies, sagte Elmer Kelton dazu.

Ich glaube, dass das Urteil von Tommy Lee Jones - an outstanding regional novelist whose work inspires devoted fans but has, to date, failed to gain the critical and popular acclaim of which it is deserving - etwas untertrieben ist. Die Western Writers of America Organisation hat ihn the greatest western writer of all time genannt, das trifft es schon eher. Sein Heimatstaat Texas hat 1997 beschlossen, dass es einen Elmer Kelton Day geben müsse. Seine Leser haben ihn geliebt, seine Kollegen haben ihn geschätzt. 1998 überreichte ihm ➱Larry McMurtry seinen ersten Lone Star Award. Hier ist er mit Red Shuttleworth zu sehen, der in diesem ➱Blog schon sehr häufig erwähnt wurde.

He had a wagonload of Spur Awards, hat Red Shuttleworth gesagt. He told marvelously hilarious stories. Elmer Kelton... a wise and noble soul, a writer of unforgettable magnificent novels about the west we love. Elmer Kelton ist 2009 im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben. Ich bin glücklich, ihn gekannt zu haben. Selbst im New Yorker, einer Zeitschrift, die man normalerweise nicht mit dem Westerngenre verbindet, gab es einen schönen Nachruf von ➱Macy Halford. Ich lasse das letzte Wort einmal dem Harvard Absolventen Tommy Lee Jones, einem Texaner wie Elmer Kelton: But beyond all that, Elmer Kelton is a genuine, unaffected, kind and gentle man, the sort who, in person, makes you want to hunker down and listen to his stories, his voice, and his wisdom.

Im Band XVIII der Zeitschrift Studies in the Western gab es im Jahre 2010 mehrere Nachrufe auf Elmer Kelton. Einer stammte aus der Feder von Sanford E. Marovitz von der Kent State University. Sandy Marovitz ist eigentlich ein anerkannter Melville Spezialist (er kommt in diesem Blog schon in den Posts ➱Ralph Waldo Emerson, ➱Clarel und ➱Moby-Dick vor), aber er war sich nicht zu schade, über einen Westernautor zu schreiben (er hatte übrigens schon 1975 über Elmer Kelton geschrieben). Sein Artikel Elmer Kelton as Social Critic findet sich leider nirgends im Internet, sonst würde ich ihn hier abdrucken. Aber den letzten Satz möchte ich doch zitieren: As a humanistic novelist and social critic, Elmer Kelton provides readers with a lesson in open-mindeness and tolerance while entertaining them with action-filled stories of western Texas in transition over nearly a century.

Lesen Sie auch: ➱This place of memory, ➱Larry McMurtry

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