Freitag, 13. Februar 2015

F.C. Delius


Bloggen kann jeder, steht auf der ➱Homepage des deutschen Schriftstellers Friedrich Christian Delius. Der hat heute Geburtstag, da wäre ein kleiner Glückwunsch vielleicht angebracht. Und da ich bei Geburtstagen von deutschen Schriftstellern bin: es ist mir sehr peinlich, dass hier am 1. Februar kein schöner Post zu Dieter Kühn stand, der an dem Tag achtzig Jahre alt wurde. Ich habe mich vor einem ➱Jahr schon gewundert, dass ich noch nie über ihn geschrieben habe. Vielleicht kommt das ja noch mal.

Delius ist in Rom geboren, das weiß ich, weil ich gerade seine ➱Erzählung Bildnis der Mutter als junge Frau lese. Die italienische Atmosphäre des kleinen Romans hat ein wenig etwas von Der Tod in Rom von Wolfgang Koeppen und von ➱Alfred Anderschs Roman Die Rote. Es ist ein schöner Roman, weit entfernt von Werken wie Ein Held der inneren Sicherheit. Ist auch sehr schön groß gedruckt und mit einem roten Lesebändchen versehen. In der Jugend kann man Paperbacks lesen, da sind die Augen noch gut. Aber im Alter schätzt man einen größeren Druck. Vor Jahrzehnten habe ich ➱Sir Walter Scott noch in einer Tauchnitz Ausgabe aus der Mitte des 19. Jahrhunderts lesen können, das könnte ich heute nicht mehr. War das reinste Augenpulver.

Dieses Bloggen kann jeder von Delius fordert ein wenig zum Widerspruch heraus. Aber Delius hat sein ganzes Leben zum Widerspruch herausgefordert. Er ist nicht unbedingt mein Lieblingsschriftsteller (bei Dieter Kühn ist das ganz anders), aber wie es der Zufall will, sind mir in den letzten Wochen zwei Bücher von ihm in die Hand gefallen. Und da mir gerade partout kein Thema einfiel, kam er mir gerade recht. So wie man gewöhnlich, wenn man nichts zu sagen hat, vom Wetter redet, so geht es auch den Schriftstellern: wenn sie nichts zu schreiben haben, dann schreiben sie eben vom Wetter; das sollten sie aber endlich bleiben lassen. So zitiert Boris Eichenbaum ➱Leo Tolstoi.

Zum Thema Wetter gab es hier schon einmal einen ➱Post, und ich zitiere auch gerne einmal Schopenhauers Satz: Wir haben das Wetter nicht in der Hand. Genauso wie wir das schöne Wetter genießen, bleibt uns nichts anderes übrig, als das schlechte Wetter - wie alle Mühen des Alltags - zu »durchleben«. Aber Wetter als Thema der Literaturwissenschaft? Da fällt mir sofort F.C. Delius ein. Weil ich ihn immer auf die Leseliste tippte, wenn ich im Seminar Romantheorie machte. Weil er 1971 eine höchst originelle ➱Dissertation geschrieben hat: Der Held und sein Wetter: Ein Kunstmittel und sein ideologischer Gebrauch im Roman des bürgerlichen Realismus. Die Dissertation ist 2011 vom Wallstein Verlag wieder aufgelegt worden.

Das Thema Wetter und der Raum des Romans haben die Literaturwissenschaft ja lange nicht interessiert. Aber man kommt nicht daran vorbei. Zum Beispiel wenn ein Autor wie ➱Bulwer-Lytton seinen Roman mit It was a dark and stormy night beginnt. Mich hat das Thema immer interessiert. Als Leser wie als Literaturwissenschaftler. Was wären Wuthering Heights oder die ➱Gothic Novels ohne das Wetter? Auch in diesem Blog habe ich mit Beispielen nicht gegeizt. Ob das die Regenwand im Gebirge ist, die Heinrich Drendorf in Stifters Nachsommer den schlimmen Fehler begehen lässt, das Haus des Freiherrn von Risach aufzusuchen (lesen Sie mehr in ➱Adalbert Stifter), oder ob es die Mittagssonne im ersten ➱Kapitel von Effi Briest ist.

Oder denken Sie an ➱Chandlers The Big Sleep. Wenn es im ersten Satz heißt: It was about eleven o’clock in the morning, mid october, with the sun not shining and a look of hard wet rain in the clearness of the foothills, dann warten wir ja nur auf den Regen. Im sechsten Kapitel kann der Held dann endlich seinen ➱Trenchcoat anziehen: Rain filled the gutters and splashed knee-high off the sidewalk. Big cops in slickers that shone like gun barrels had a lot of fun carrying giggling girls across the bad places. The rain drummed hard on the roof of the car and the burbank top began to leak. A pool of water formed on the floorboards for me to keep my feet in. It was too early in the fall for that kind of rain. I struggled into a trench coat and made a dash for the nearest drugstore and bought myself a pint of whiskey. Back in the car I used enough of it to keep warm and interested. I was long overparked, but the cops were too busy carrying girls and blowing whistles to bother about that. Ich weiß, dass das schreckliche Cover des Paperbacks von Ballantine nicht zu dem Bild von Adalbert Stifter oben passt, aber in diesem Blog ist alles möglich. Und um die geschmackliche Entgleisung wiedergutzumachen, zeige ich im nächsten Absatz ein schönes Bild von ➱Wilhelm Busch.

Eine meiner Lieblingsstellen das Wetter betreffend findet sich in Otto Ludwigs HeiteretheiUnd auch heller wurde es. Schon zeigten sich Lücken im Gewölke. Das flog nun selbst wie eine endlose Folge dunkler Regenschirme in den Händen eilender Riesen am Himmel dahin. Der Mond stellte sich auf die Zehen und sah zwischen ihnen hindurch auf die nasse Straße herab. Die hielt ihm tausend Spiegel vor und er sah wohlgefällig, um wie viel schöner und vollwangiger er nun seit gestern wieder geworden war. Sie können dazu mehr in dem Post ➱Otto Ludwig lesen. F.C. Delius hat anlässlich der Neuauflage seiner Dissertation gesagt: Die Idee kam mir, als der Germanist Eberhard Lämmert in einer Vorlesung nebenbei sagte, das gute Wetter sei der beste Stimmungsmacher für schlechte Autoren. Ich habe dann die Tricks untersucht, mit denen Schriftsteller das Wetter so einsetzen, wie sie es brauchen. Das primitivste Muster ist dies: Positive Figuren bekommen Sonnenschein, negative Regen. Wenn sich Konflikte anbahnen, gibt es Sturm oder Gewitter. Bei Wilhelm Raabe zum Beispiel gibt es eine antisemitische Sonne, den Wind als Kuppler und so weiter.

Das mit ➱Wilhelm Raabe und dem Semitismus musste bei einem professionellen 68er ja kommen, ich kann es nicht mehr hören. Der Hungerpastor, an dem das immer festgemacht wird, gehört nun wirklich nicht zu den großen Romanen von Raabe, er selbst bezeichnete ihn als abgestandenen Jugendquark. Und schrieb 1903 an eine Leserin: Auch aus 'Höxter und Corvey' können Sie wohl entnehmen, daß ich nicht zu den Antisemiten zu zählen bin, sondern nur wie unser Herrgott in seiner Welt mein Licht in meiner Kunst leuchten lasse über Gerechte und Ungerechte. — Juden haben in meinem Leben immer mit zu meinen besten Freunden und verständnisvollsten Lesern gehört, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Es ist der holländische Germanist Herman Meyer (den ich dem Post ➱Holländer erwähnte) gewesen, der mit seinem Aufsatz Raumgestaltung und Raumsymbolik in der Erzählkunst 1957 eine Pionierarbeit für die Literaturwissenschaft leistete. Danach kamen das von Alexander Ritter herausgegebene Buch Landschaft und Raum in der Erzählkunst und Gerhard Hoffmanns Raum, Situation, erzählte Wirklichkeit. Und und und. Aber Delius' Buch war immer in der Diskussion, wurde immer zitiert. Wörter wie ideologisch und bürgerlich im Titel schmecken heute natürlich ein wenig nach 1968, und Delius (auf dem Photo unten der zweite von links, neben ihm im weißen Hemd ist Klaus Wagenbach) wird ja wie kein anderer Autor mit 1968 assoziiert. Und was sagt er heute dazu?

Von 1968 habe ich, offen gesagt, die Schnauze voll. Nicht von den alten Erfahrungen, die auch meine Studentenjahre gewürzt haben und nun, ein halbes Leben zurückliegen. Was das Thema 68 so degoutant macht, ist seine mediale Zubereitung zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig Jahre später. Bei fast allem, was man dazu lesen, sehen, hören kann, stellt sich alsbald ein Gefühl des Widerspruchs ein, das vereinfacht in drei Wörtern ausgedrückt werden könnte: Nicht schon wieder! oder, protest-literarisch gesagt: Alles war anders!
Die Bilder, Berichte und Dokumente aus alten Zeiten lügen nicht, aber sie lügen doch. Sie zeigen die Leute aus den ersten Reihen, die wildesten Gesichter, die nacktesten Kommunarden, die plakativsten Plakate, die unordentlichsten Wohnungen, die rotesten Fahnen, die spektakulärsten Aktionen. Zitiert werden die kämpferischsten Reden, das auffälligste Polit-Kauderwelsch, die euphorischen – und nicht die skeptischen Stimmen.
Zu diesem schlechten, aber mediengerechten Brauch gehört es, daß bei allen entsprechenden Jubiläumsfeierlichkeiten in unziemlich privilegierter Weise meistens solche Veteranen zu Wort kommen, die schon 1968 Wortführer waren. Zeitzeugen, die sich im Kreise drehen und vor unseren Augen fossilieren, selbst wenn sie selbstkritisch Richtiges, Nachdenkenswertes sagen. Seit dreißig Jahren vermitteln sie das gleiche Bild: Wir haben den Durchblick...
Keine politische Bewegung ist so auf ihre eigenen Mythen und Klischees hereingefallen wie die 68er. Die meisten dieser Klischees sind sogar nicht einmal falsch. Trotzdem sage ich: Alles war anders, nämlich viel widersprüchlicher, mehrdeutiger, spielerischer. Schon bei der Definition “68” oder “68er” verengt sich alles zur Schablone. Ich sträube mich nach Kräften, als “68er” beschimpft oder gefeiert zu werden. Wenn einem schon ein Jahrgangsetikett angepappt wird, dann ziehe ich den 66er vor: die Phase des Aufbruchs, des Kulturbruchs, der Horizonterweiterungen.

Das musste einmal gesagt werden (wenn Sie den Text ganz lesen wollen, dann klicken Sie ➱hier).

1 Kommentar:

  1. "Sehr warr, sehr warr", wie Dr.Wrschowitz (in Fontanes "Stechlin") sagen würde... Ich schätze Ihren Blog sehr!

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