Sonntag, 15. Februar 2015

Gudrun


Sie schob immer den Autositz zurück und legte ihre nackten Füße auf das Armaturenbrett. Ich hasste das mit den Füßen. Obwohl sie hübsche Füße hatte. Sie sah sowieso sehr gut aus. Ein bisschen wie Rita Hayworth oder die junge Ingrid Bergman. Frauen haben es gerne, wenn man ihnen das sagt. Auf einem Photo lehnt sie sich (mit Sonnenbrille) an ein Verkehrsschild, auf dem Danger steht. Da ist sie in Südfrankreich. Ich habe einen Karton voller Photos. Und eine Schublade voller Liebesbriefe.

Als wir uns kennenlernten, haben wir eine Nacht lang in den Dünen von Langeoog geknutscht. O dolce baci, o languide carezze. Ich glaube, sie war damals noch keine sechzehn. Wo lernen so junge Mädchen so hemmungslos zu küssen? Dies waren die Ausläufer der Fifties, da ist noch alles geregelt wie bei den troubadours des Languedoc:

Erstmal Monate lang Blicke tauschen, dann eine Verabredung zum Spaziergang (meistens eine Freundin dabei). Dann mal ein zufälliges Berühren der Handoberflächen, später Händchenhalten. Später ein keuscher Kuß auf die Wange. Hier waren alle Regeln hinweggefegt. Es war wunderbar.

Es ging über Jahre, aber es ist nichts daraus geworden. War es symbolisch, dass sie meinen goldenen Siegelring nachts beim Nacktbaden in Dänemark verloren hatte? Im Herz bleibt immer ein kleines Weh, schrieb sie später einmal.

Ich hatte andere Autos und andere Frauen. Sie hatte andere Männer. Aber wir wussten immer, wo der andere war. Wir redeten miteinander, schrieben einander. Ein halbes Jahrhundert lang. Als sie vor Wochen anrief, war mein Weihnachtsgeschenk immer noch nicht angekommen. Auf die Post in Mexiko ist kein Verlass.

Ostern wird es da sein, sagte sie. Letztes Jahr war das auch so. Ich weiß nicht, ob sie es noch bekommen hat, sie ist vor wenigen Tagen plötzlich gestorben.

Im Herzen bleibt immer ein kleines Weh.

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