Montag, 25. Mai 2015

silvae: Wälder: Lesen


Das lateinische Wort silvae ist der Plural von silva, es heißt Wälder. Es ist aber auch der Titel von Texten des römischen Dichters Publius Papinius Statius, und seit dem Barock haben viele deutsche Schriftsteller Gelegenheitspublikationen mit dem Namen Wälder oder Wäldchen betitelt. So zum Beispiel Gottfried Herder mit seinen Kritischen Wäldern von 1769. Noch bevor der Name SILVAE der Name eines Blogs wurde, hatte mein Computer den schon abgespeichert. Weil Silvae der Name des 36. Kapitels meiner unvollendeten Memoiren ist. Es ist ein Kapitel, in dem es um das Lesen und die Literatur geht, das ich heute einmal hierher stelle.

Das erste Wort, das ich lesen konnte, war Anna. Es war der Name eines Schiffes auf der Weser. Ich rannte nach Hause, konnte gar nicht schnell genug durch die Haustür und die Tür des Windfangs kommen, und rief in der Küche: Ich kann lesen. Ich war fünfeinhalb. So hat alles angefangen. Vieles von dem, was hier steht, ist die Keimzelle für kleine Bäumchen im Blog (sprich Posts) geworden. Ich habe die mit einem Link versehen. Und alles, was hier steht, ist wirklich wahr.

Ich kann lesen (nicht nur Schiffsnamen wie Anna) und schreiben, als ich zur Volksschule komme. Ich lese (bevor ich eines Tages ein eigenes Zimmer bekomme) immer bei Opa, der oben im Haus wohnt. Hinter seinem Mahagonisekretär, wo in einer Schublade seine gute silberne Taschenuhr, sein EK I und sein Hanseatenkreuz liegen, gibt es eine kleine abgeteilte Zimmerecke, wo mich niemand auf den ersten Blick findet. Das Haus ist nach dem Krieg wuselig voll, in allen Zimmern hocken noch Verwandte, die ausgebombt wurden und noch nichts Neues gefunden haben. Da ist man dankbar für seine kleine ruhige Ecke.

Ich lese mich durch Opas Bibliothek. Gottfried Keller, Wilhelm RaabeOtto Ludwigheavy stuff, wenn man sechs, sieben oder acht ist. Ich habe niemals Karl May gelesen. Einmal einen Roman von Fritz Steuben mit einem heldenhaften Indianer namens Tecumseh. Der ist leicht zu verstehen. Sonst verstehe ich vieles von dem, was ich lese, überhaupt nicht. Ich lese ein kleines Buch von jemandem, der von Gagern heißt. Es kommt sehr viel Wald da drin vor. In den Büchern, die ich damals las, war immer viel Wald. Also zum Beispiel in Wilhelm Raabes Odfeld, das ich mit sieben oder acht sicher nicht verstanden habe. Sehr viel Wald kam auch schon in Stifters Der Hochwald vor, das ich aber nach wenigen Seiten weggelegt habe. Ich neige heute dazu anzunehmen, dass das instinktiv der Literaturkenner in mir war, denn die ersten Seiten vom Hochwald sind das Beste, was Stifter geschrieben hat. Obgleich ich nichts mit Tiburius Kneigt gemeinsam habe, mag ich den Waldsteig, wahrscheinlich wegen des darin beschriebenen Walderlebnisses.

Was mich fasziniert, ist die Atmosphäre und Schönheit von geheimnisvollen Wäldern. Das kenne ich von Tante Margret in Bad Essen, wenn ich den Georgsweg neben ihrem Haus hinaufgehe, bin ich nach einem Kilometer im Hochwald. Obgleich ich noch ein kleiner Pöks bin, habe ich keine Angst vor dem Wald. Am Anfang kommt meine Mutter mit, später gehe ich ganz alleine. Drachen und Hexen gibt es nicht mehr, was soll mir passieren? Ich glaube jetzt auch langsam die Geschichten von Opa mit dem Teufel und dem Feuerrad nicht mehr so ganz. Ich verlaufe mich auch nie. Einmal werde ich, immer am Waldrand entlang, um den ganzen Ort herumwandern, bis ich oben am Berghotel oberhalb der Wassermühle ankomme. Das war ein richtiges Abenteuer, das ich aber zu Hause nicht erzähle.

Wenn man klein ist, erobert man sich die Welt. Die Welt der Literatur und die der Wälder. Man kann diese Erlebnisse auch nicht den Eltern erzählen. In einem Sommer in Bad Essen bin ich mittags aus dem Bett geklettert, wo ich eigentlich meinen Mittagsschlaf machen sollte und bin auf der Landstraße aus dem Ort hinausgegangen. Ich war fünf oder sechs. Tante Margrets Haus war das letzte Haus des Ortes, was dahinter war, kannte ich nicht. Zur anderen Seite hin kannte ich den ganzen Ort bis in den Berg hinauf, das war vertrautes Gelände. Aber die Landstraße nach Wittlage und Rabber war geheimnisvolles Neuland. Bäume an der Straße, Weiden mit Kühen auf beiden Seiten, erste Elektrozäune (die kenne ich seit mein blöder Vetter mir gesagt hat, ich solle mal die leere Milchkanne daran halten), Kornfelder, und dann kommt Wittlage. Die Straße liegt in der sonnigen Mittagsstille verlassen da. Auf dem ganzen Weg bis hierher habe ich nur ein Pferdefuhrwerk und einen Bauern auf dem Fahrrad mit einem Münsterländer gesehen. Mit Hunden kenne ich mich aus, meine Eltern haben immer Hunde gehabt. Auf der Dorfstraße ist keine Seele, irgendwo kreischt eine Kreissäge, sonst ist alles still. Und dann komme ich um eine Kurve und es ist, als hätte man in dem großen Bilderbuch der deutschen Romantik eine neue Seite umgeblättert.

Ich habe plötzlich eine Art Vision, die ich nie wieder aus dem Kopf bekomme. Hinter dem Ort macht die verlassene Straße einen Bogen und senkt sich dann zu einem kleinen Fluß mit einer Brücke hinunter, um gleich danach wieder anzusteigen und hinter dem Wald zu verschwinden. Ich kann nicht weitergehen, nicht über diese Brücke, diesen Fluss. Ich weiß, wenn ich über die Brücke gehe, werde ich von dieser Märchenlandschaft verschluckt. Es ist still, in der Ferne hört man einen Hahn krähen, hin und wieder bellten Hunde über die stillen Felder, die Kreissäge hört man nicht mehr. Dieses kleine Tal mit der Brücke, dem Fluß und dem Wald zur rechten Hand, ist die deutsche Romantik. Die schöne Einsamkeit, in der alle Vögel sangen. In diesem kühlen Grunde könnte ein Mühlenrad gehen. Hier fangen die Märchen an, hier beginnt Schuberts Schöne Müllerin. Manche Bilder von Edward Hopper mit ihrer Einsamkeit atmen etwas von dieser Stimmung.

Ich stiefele in der Hitze nach Hause, bin noch rechtzeitig vor dem Kaffetrinken wieder bei Tante Margret. Niemand hat bemerkt, dass ich weg war. Es ist heute etwas ernüchternd, auf der Satellitenkarte von Google zu sehen, dass mich der lange abenteuerliche Weg in der Mittagsstille knapp zwei Kilometer bis zur Huntebrücke in Wittlage (das heute ein Teil von Bad Essen ist) geführt hat. Aber das Bild in meinem Kopf ist auf keiner Satellitenkarte zu finden. Ich denke immer in solchen Bildern, ich kriege sie seit der Kindheit nicht aus dem Kopf. Und ich werde auch Robert Walsers Sätze nicht vergessen, der einmal bei einer Wanderung mit Carl Seelig sagte: Das ist alles viel hübscher von außen. Man muss nicht hinter alle Geheimnisse kommen wollen: Das habe ich mein ganzes Leben so gehalten: Ist es nicht schön, dass in unserem Dasein so manches fremd und seltsam bleibt, wie hinter Efeumauern? Das gibt ihm einen unsäglichen Reiz, der immer mehr verloren geht.

Manche Augenblicke im Leben, der spiritus loci mancher Orte, manche Stimmungen scheinen mich zu überwältigen. Ich scheine gleichzeitig alles zu sehen, hören, riechen. Mit einer erhöhten Intensität speichert mein Gedächtnis diese Momente auf einer Festplatte namens Memoria ab, offensichtlich leide ich unter dem Stendhal Syndrom. Man muss diese Geheimnisse, wie Romane, die man nicht versteht, für sich behalten. Auf die Standardfrage in Tante Margrets Küche kommt die Standardantwort, dass ich am Waldrand gespielt hätte und Mooshäuschen gebaut hätte. Mooshäuschen aus Zweigen und Moos sind meine Spezialität. Natürlich bleibe ich nie am Waldrand und baue auch keine Mooshäuschen, aber Erwachsene haben es lieber so. Und man soll ihr Weltbild auch nicht durcheinander bringen. Dieser Wald ist geheimnisvoll und dunkel, er hat nichts mit dem Wald im Märchen oder in den Sagen zu tun. Nichts mit Hänsel und Gretel oder Hagen und Siegfried. Das ist mir schon früh klar. 

Aber mit Stifters Hochwald hat dieser Wald schon etwas zu tun, auch wenn die Waldesrücken nicht lieblich schwarzblau dämmernd gegen den Silberblick der Moldau aufsteigen. Adalbert Stifter wird für mich eine Hassliebe bleiben, ich nehme immer wieder ein Anlauf, alle seine Werke zu lesen. Ich scheitere spätestens am Nachsommer. Obgleich ich mir immer wieder vornehme: Dieses Jahr liest Du im Urlaub den 'Nachsommer'. Ich habe sogar zwei Ausgaben, damit ich die Hemmnisse nicht auf das Schriftbild schieben kann. Die Naturbeschreibungen des verhinderten Landschaftsmalers Stifters sind ja sehr schön, mit dem sanften Gesetz habe ich meine Schwierigkeiten. James Fenimore Cooper kann wunderbare Wälder, aber er ist ja auch in den großen Wäldern des Staates New York als Sohn eines Großgrundbesitzers aufgewachsen. Der Anfang von The Pioneers ist, waldmäßig betrachtet, sehr schön. Viele Schriftsteller können das nicht, die rollen nur ein Versatzstück auf die Bühne, auf dem wie bei Shakespeare ein Wald steht. Aber die schönsten Wälder sind bei Eichendorff, der kann Wälder. Ist es die Romantik, die uns die Sehnsucht nach dem Wald vermittelt? Oder ist es etwas tief Deutsches in uns, das sich nach dem Wald verzehrt? Mein Nachbar Uli, der über die Auswirkungen des sauren Regens promoviert hat, sieht Wälder anders als ich. Zwischen Altdorfers Heiligem Georg und Caspar David Friedrichs Chasseur im Wald liegen dreihundert Jahre. Und doch sind beide Bilder sehr ähnlich. Und sehr deutsch. 

Hinter dem großen Garten von Tante Margret gab es für mehr als einen Kilometer bis zum Waldrand früher nur Wiesen und Felder. Heute hat sich die Bebauung bis an den Waldrand herangeknabbert. James Fenimore Cooper wird eine Gruppe von englischen Adligen den Hudson hinauf begleiten. Ein zukünftiger englischer Premierminister wird ihn bei Glen Falls auf dieses schöne romantische Motiv hinweisen. Das wäre doch etwas für einen Roman, Mr. Cooper? Mr. Cooper wird die Wasserfälle in The Last of the Mohicans verwenden, aber viel mehr als die Begeisterung seiner Gefährten für das romantisch Pittoreske (die die Engländer ja überall hin mitnehmen), registriert er das Anwachsen der Fabriken am Hudson. Die zum Teil schon längst wieder aufgegeben sind und jetzt God’s Own Paradise verschandeln. Cooper wird der erste amerikanische Schriftsteller sein, dem die Probleme bewusst sind, die wir heute als die wichtigsten der Welt ansehen. The Pioneers ist reine Ökoliteratur. Es ist nicht Thoreau mit seinem Walden, es ist Cooper mit dem autobiographischen Roman über seine Kindheit in Cooperstown, der die Amerikaner warnt. Henry David Thoreau wäre sowieso ein schlechtes Vorbild. Der hat mal aus Unachtsamkeit einen ganzen Wald abgefackelt. Und dann nicht mal bei den Löscharbeiten geholfen.

Mit Opa zum Hermannsdenkmal zu wandern, führt zwar auch durch den Wald, aber leider eben auch zum Hermannsdenkmal. Opa hat es mit den Denkmälern: Porta Westfalica, Hermannsdenkmal. Und dann diese ewigen Erzählungen vom Treffen der alten Stahlhelmer am Kyffhäuser. Und dann gleich noch das ganze Gedicht aufgesagt. Bei den Zeilen: Er hat hinabgenommen des Reiches Herrlichkeit und wird einst wiederkommen mit ihr, zu seiner Zeit hat man das Gefühl, dass Opa das wirklich glaubt. Ich werde dem Hermannsdenkmal noch einmal in den fünfziger Jahren auf einer Wanderung mit der Evangelischen Jugend begegnen.

Allerdings glücklicherweise auch den Externsteinen, Deutschlands Antwort auf Stonehenge, die sind viel schöner als Arminius. Und zur Mittagsstunde auf dem Höhenrücken des Teutoburger Waldes hat unser Diakon Klaus Nebelung noch eine Überraschung parat. Richtige Adler. Berge, Täler, Adler. Dies ist die Adlerwarte Berlebeck (vor zwanzig Jahren hieß das hier noch Hitlerhöhe). Der Film Geierwally ist hier letztes Jahr gedreht worden. Sagt uns nichts, kein Halbwüchsiger geht in den fünfziger Jahren ins Kino, um sich Heimatfilme anzugucken. Wenn wir genug Adler gesehen haben und schon steife Hälse haben, und uns dann auch noch den Bezwinger der römischen Legionen angetan haben, trudeln wir am Abend den Berg hinunter nach Detmold hinein, wo am Markt auf dem Kopfsteinpflaster unser Bus auf uns wartet.

Ich weiß schon sehr früh, dass Bücher ein einsames Erlebnis sind und man sie man am besten in der Abseite hinter Opas Sekretär liest. Und dass man sie mit niemandem teilen kann. Außer man schenkt sie eines Tages Frauen, die man liebt. In der Hoffnung, dass sie das Buch genauso lesen, wie man es selbst gelesen hat. Aber niemand liest ein Buch, wie man es selbst gelesen hat. Wir lesen immer nur uns selbst, sagt Marcel Proust. Das Geheimnis des Waldes kann ich ebenso wenig mitteilen, wie das Geheimnis eines Buches. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich Stifter und Raabe damals nicht verstehe, vielleicht macht das die Magie aus? Ich habe im Fernsehen den österreichischen Filmregisseur Michael Haneke in einem Interview sagen hören, dass er immer über seinem Niveau gelesen habe und vieles nicht verstanden habe. Und nach einer kurzen Pause fügte er lächelnd hinzu: Man sollte immer über seinem Niveau lesen. Es bleibt immer irgendetwas hängen. 

Beim ersten Lesen von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit habe ich bestimmt nicht alles verstanden, und da war ich schon achtzehn, als ich den vierten Band las. Bei diesem Roman konnte ich sehr langsam lesen: ich musste immer jemanden aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern für ein Halbjahresabo der Welt werben, um den nächsten Band der altrosafarbenen Suhrkamp Ausgabe zu bekommen. Ich lese, als ich klein bin alles, was mir in die Finger fällt. Obgleich unser Haus nicht zerbombt ist, ist die kleine Bibliothek im Bücherschrank durch die Amerikaner, die hier ein Jahr einquartiert waren, stark in Mitleidenschaft gezogen.

Die Bremensien waren alle noch da: Hermann Allmers (den man lesen muss wenn man jung ist), Friedo Lampe, Karl Lerbs, Anton Kippenberg, Trude Wehe. Und natürlich Otjen Alldag. An manches traue ich mich nicht heran, Thomas Manns Der Zauberberg, gerade von meiner Mutter gekauft, muss noch ein paar Jahre warten. Bei den Marmorklippen interessiert mich der rätselhafte Titel, als ich das Buch in die Hand nehme, fällt ein Schreibmaschinenmanuskript heraus. Es ist auf dünnem Durchschlagpapier getippt und heißt Der Friede, es hat keinen Verfasser. Meine Mutter nimmt es mir wieder weg und legt es in das Buch. Das verstehst Du noch nicht, sagt sie, es hat eine Freundin von mir noch 1944 ins Gefängnis gebracht

Meine Mutter ist in den fünfziger Jahre das Opfer eines Buchklubwerbers geworden, und so sind wir jetzt im Bertelsmann Lesering. Die haben häufig auch gute Sachen, und manchmal darf ich die Auswahl der Pflichtbestellungen vornehmen. Auf diese Weise komme ich doch noch an Thomas Mann. Und an Otto Flake, der eine Art Hausautor von Bertelsmann zu sein scheint, aber eigentlich ist er gar nicht so schlecht. Flake, der damals völlig mittellos und krank ist, wird dank der jungen Bertelsmann Lektoren Rolf Hochhuth und Karl Ludwig Leonhardt Autor für den Bertelsmann Lesering. Und er wird, zu seiner und des Verlags Überraschung, Millionenumsätze erzielen.

Ich frage meine Eltern, ob ich zur Volksbücherei gehen dürfte. Man braucht ja als Minderjähriger das Einverständnis der Erziehungsberechtigten, um einen Büchereiausweis zu bekommen. Die Antwort meines Vaters überrascht mich. Er möchte aus hygienischen Gründen nicht (da spricht der Mediziner), dass ich mit den schmuddeligen Büchern der Volksbücherei in Berührung komme. Aber ich bekomme von ihm zusätzlich zu meinem Taschengeld ein Büchergeld. Damit beginnt das Verhängnis. Lebenslanges Büchersammeln. Wir haben zwei Buchhandlungen im Ort, die beide Otto heißen. Die eine heißt Otto+Sohn, die haben auch Schreibwaren. Für alle Bücher, die ich bei denen kaufe, schreiben die Fachliteratur auf die Quittung. Setzt mein Vater von der Steuer ab, sonst geht ja nicht viel. Früher hatte Otto auch eine Leihbücherei, für den anspruchsvollen Leser

Die andere Buchhandlung heißt Conrad Claus Otto, die hat nur schöngeistige Bücher und einen jungen Besitzer, der eines Tages die schönste blonde Frau der Oberstufe heiraten wird. Hier kann man auch (wie bei Geist und Storm in Bremen) Eintrittskarten für die Bremer Wittheit kaufen. Der junge Otto, wie er allgemein heißt, hat auch Autoren zu Gast. Und schreibt Preise für Aufsatzwettbewerbe an meiner Schule aus. Ich gewinne zweimal den ersten Preis, danach beteilige ich mich nie wieder daran. Beim ersten Mal habe ich ein Buch von Hans Hass (oder war es Jacques Cousteau?) über Haie gewonnen (igitt), beim zweiten Mal einen halben Tag mit einem Jugendbuchautor, von dem ich weder vorher noch hinterher gehört habe. Wenn es wenigstens James Krüss gewesen wäre. Der Jugendbuchautor, für dessen Lesung ich als Preisträger zusammen mit C.C. Otto auch noch die Stühle im Jugendheim Alt-Aumund aufstellen muss, schenkt mir eine mit grüner Tinte durchkorrigierte Manuskriptseite aus seinem neuesten Buch. Und tut so, als sei das eine Seite von Goethe. Ich werde weiter bei C.C. Otto kaufen, weil er immer interessante Bücher und manchmal auch antiquarische Angebote hat, aber Aufsatzwettbewerbe, nein danke. 

Es gibt unten im Ort in der Bismarckstraße neben Harjes noch eine kleine Buchhandlung, bei der wir aber selten kaufen. Einmal schicken mich meine Eltern dahin, ich soll Hermann Hesses Das Glasperlenspiel kaufen. Ich werde gefragt, was das für eine Art Spiel sein soll? Mit dieser erschütternden Auskunft kehre ich nach Hause zurück. Das hat schon seinen Grund, dass wir da nicht so häufig kaufen. Die Ausgabe von Das Glasperlenspiel aus dem Jahre 1951 hat auch den kleinen grünen Aufkleber von Otto & Sohn auf dem Innendeckel des Buches. Die haben solche Fragen nicht gestellt.

In die Wälder führen Wege, die manchmal auch Holzwege sind. Gibt es einen richtigen Weg für den Wald? Gibt es einen richtigen Weg zur Literatur? Heute gibt es Unmengen von pädagogisch wertvollen Kinderbüchern. Werden aus den Kindern, die damit aufwachsen, eines Tages richtige Leser? Ich habe niemals Astrid Lindgren gelesen (wohl aber im Radio das Hörspiel Kalle Blomquist, der Meisterdetektiv in tausend Fortsetzungen gehört), auch die anderen so genannten Klassiker des Kinder- und Jugendbuchs sagen mir nicht viel. Außer natürlich The Wind in the Willows.

Mein Vetter Uwe hat ein Buch mit den Heinzelmännchen von Köln. Da kann man an den Rändern an Pappstreifen ziehen, dann bewegen die sich. Sowas will ich auch haben, Versprichst Du mir das, Mammi? Mammi verspricht mir in diesem Augenblick alles, sie will nur das quengelnde Kind durch die gekachelte Unterführung zum nächsten Bahnsteig schleppen. Da soll gleich ein Zug abfahren, man weiß in diesen Tagen nie so genau, wann sie fahren. Ich schwitze in meinem Wintermantel, aber ich schleppe stolz die große, schwere Tasche meiner Mutter, sie trägt zwei Koffer. Es ist kurz nach dem Krieg. Wir kriegen den fauchenden und dampfenden Zug noch gerade eben.

Natürlich kriege ich nicht das Buch mit den Heinzelmännchen, sondern ein Buch, das ich einmal auf einem Spaziergang mit Vati in einem Glaskasten an der Wand einer Buchhandlung in Blumenthal gesehen hatte, und das mich magisch anzog. Den Glaskasten an der Mauer und das Buch mit dem blassblauen Umschlag, auf dem ein Einhorn abgebildet ist, sehe ich noch heute vor mir. Das Buch ist sicher künstlerisch und pädagogisch wertvoll, für mich ist es eine Enttäuschung. Never judge a book by its cover. Die ordinären Heinzelmännchen wären schon richtig gewesen.

Wenn wir die Verwandten in Bremerhaven besuchen, kriege ich von denen (neben der fetten Torte) immer zwei Bücher vorgesetzt, egal, wie alt ich gerade bin. Wahrscheinlich haben sie nur zwei Bücher. Das eine ist Waldemar Bonsels Biene Maja, das andere das Große Högfeldt Buch. Die Biene Maja habe ich nie gelesen. Das Beste an den Verwandten in Bremerhaven ist die Autofahrt dahin auf der alten Landstraße. Da gibt es so eine geheimnisvolle Kurve, in der immer Autos verunglücken, man kann es sich nicht erklären. Alle Wünschelrutengänger und Wasseradersucher und diese Sorte Spökenkieker, an die meine Mutter glaubt, sind schon hier gewesen. Glücklicherweise verunglücken wir nie in dieser Kurve. Bevor man nach Bremerhaven hineinkommt, muß man mit einer 90 Grad Rechtskurve (in der nie jemand verunglückt) über eine Eisenbahnbrücke, und da kann man den Firmennamen lesen, der mich jedes Mal wieder begeistert: Schlotterhose & Co. Was wäre das für ein Romantitel! Was sind die Buddenbrooks dagegen? Nur ein Name, den Tommy bei Fontane geklaut hat.

Mein Lesen fängt mit Opas Büchern und den erwähnten Bremensien an, mit der ganzen Heiligen Schrift (ein von Rezensenten unterschätztes literarisches Werk), mit Grimms Märchen, mit Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums, dem Nibelungenlied in einer Volksausgabe und erstaunlicherweise Longfellows Hiawatha. Und Hans Christian Andersen in einer illustrierten gelben Leinenausgabe, deren Farbe mit den Jahren immer mehr verblasst. Illustrationen sind eigentlich immer eine Enttäuschung, sie engen die Phantasie ein. Was sollen mir die Strichzeichnungen von der kleinen Meerjungfrau, wie sie nachts auf den ins Meer führenden Stufen des Palastes sitzt? Oder der Schneekönigin im ewigen Eis? Ich kann ja noch von Glück sagen, dass meine Ausgabe nicht diese potthässlichen Illustrationen von Vilhelm Pedersen enthielt. Hans Christian Andersens Welt braucht keine Bilder, die Bilder zeichnet unsere Phantasie. Es gibt beim Lesen magische Momente, auch wenn ich damals vieles nicht verstehe. Aber Mädchen mit Schwefelhölzern und kleine Meerjungfrauen werden mir nie wieder aus dem Kopf gehen. Nie.

Für manche Menschen ist die Spiegel Bestsellerliste maßgeblich, manche vertrauen den Lesetipps von Freunden oder der Empfehlung ihres Buchhändlers. Viele trauen sich gar nicht erst in den Wald der Literatur. Gebildete lesen das Feuilleton, vorzugsweise wie Jimmy in der NZZ. Auch im Fernsehen werden Bücher empfohlen. Von Instanzen wie Denis Scheck, Elke Heidenreich, Jürgen von der Lippe oder Marcel Reich-Ranicki. Wobei der letztgenannte wohl die zweifelhafteste Instanz ist. Aber die, auf die Lesedeutschland hört. Wir hören immer auf die Falschen. Deutschlehrer können eine Instanz sein und einem eine Richtung zeigen, welchen Weg man gehen soll. Hermann Bollenhagen war ein hervorragender Lehrer, er war auch Fachleiter im Studienseminar und publizierte Aufsätze in Fachzeitschriften. Und er liebte den Nachgenuss der kunstvoll unsinnig verschlüsselten Frage, vulgo: das Kreuzworträtsel.

Aber in den letzten drei Jahren des Gymnasiums werde ich leider einen Deutschlehrer haben, der in jeder Beziehung unfähig ist, so unfähig, dass er eigentlich auch keine weitere Erwähnung verdient hätte. Wir sind eine gute Schule, wir haben gute Lehrer, manche sind habilitiert und nebenbei noch Privatgelehrte. „Mücke" Freeses Vater leitet die Sternwarte oben auf dem Dach unserer Schule und hat einen Stern entdeckt. Aber zehn Prozent Luschen im Kollegium hat selbst eine sehr gute Schule. Wir sollen sogar mal einen promovierten Kleinkriminellen gehabt haben, der aus dem bremischen Schuldienst entlassen wurde. Ich kannte den nur als netten, etwas fahrigen Kettenraucher, sah aus wie Harry Wüstenhagen und rauchte Gauloises, muss man als Französischlehrer wahrscheinlich machen. Ich weiß auch nicht, ob die Geschichte wahr ist. Ich habe sie aus der Autobiographie Vergessene Zeit: Erinnerungen 1930-1966 eines ehemaligen Lehrers, die genauso niveaulos, peinlich und langweilig ist, wie dieser Lehrer damals war. Na ja, Books on Demand druckt ja alles. Da nehme ich dann doch lieber den angeblichen Kleinkriminellen, der hatte ein gewisses Flair. Und seine Dissertation ist noch heute ein Standardwerk. Irgendwie scheinen der Studienassessor T. und ich damals in weit entfernten Paralleluniversien an der gleichen Schule gelebt haben.

Unser neuer Deutschlehrer (einer der wenigen Freunde des langweiligen Herrn T., das sagt eigentlich schon alles) treibt uns in die innere Emigration des Lesens, dem Lesen unter der Bank. Nicht mehr zuhören, aber das private Lesepensum bei ihm im Deutschunterricht erledigen. In Zeiten von Krieg und inneren Unruhen flüchtet sich die Bevölkerung in den Wald. Wir verlassen die beschilderte Parklandschaft der Literatur und werden Räuber im Wald. Mein Freund Peter schafft es, den Ritterschlag aller heimlichen Leser zu bekommen, einen Eintrag im Klassenbuch: H. liest unter der Bank. Das ist ungefähr soviel wert wie der Titel eines doctor philosophiae. Den wird er später bekommen.

Der Lehrer wird mir eines Tages in der großen Pause auf dem Schulhof einen seltsamen Deal anbieten, er sagt mir, dass ihm meine Art zu schreiben nicht gefiele. Dass mir seine Art zu unterrichten nicht gefällt, das weiß er bereits von mir. Und er fährt fort, dass er in den nächsten zwei Jahren meine Aufsätze nicht mehr lesen wird. Er gesteht mir dabei, dass seine Frau sowieso die meisten Aufsätze lesen und bewerten würde, dafür ist die mit ihrer Kurzausbildung zur DDR Lehrerin ja auch bestens qualifiziert. Dass ich aber im Abitur eine sehr gute Deutschnote bekommen würde, egal welche Noten seine Frau für meine Aufsätze bis dahin würfeln würde. Er gestaltet dieses Gespräch, als würde hier der Teufel dem Dr. Faustus einen gigantischen Plan vorschlagen, er bildet sich sowieso ein, etwas Faustisches zu haben. Ich gehe darauf ein, weil mir der Mann völlig egal ist, mache mir aber am Nachmittag ein beinahe wörtliches Protokoll, mit dem ich jederzeit zum Direx gehen kann. 

Unser Direktor Dr. Johannes Schütze ist ein erstklassiger Mann, hat bei Levin L. Schücking über Dickens promoviert und war 1954 der jüngste Direktor in Bremen. Er schreibt auch bei Diesterweg viele kleine nützliche Bücher für den Englischunterricht. Er hat eine Schulsekretärin, die ihm das Leben leicht macht. Neunzig Prozent von allem Alltagsärger und Schulunfug wird schon in seinem Vorzimmer von der wirklich kompetenten Frau Zastrow geregelt. Ich versiegle mein Memo mit einer Stange rotem Siegellack und drücke meinen Siegelring in den roten Matsch. Ich weiß nicht, wozu man Siegellack und Siegelring braucht, aber damals hat man so was in bürgerlichen Kreisen. Den goldenen Siegelring habe ich nicht mehr, den hat Gu jahrelang getragen und dann nachts beim Nacktbaden in Hennestrand verloren. Hat bei dem bisschen Mondlicht, das nur die Brandung phosphorisierend erleuchtete, nicht gelohnt danach zu suchen.

Ich erzähle die seltsame Geschichte mit dem Deutschlehrer niemandem. Mein Freund Peter hat nicht solches Glück, er bekommt keinen Teufelspakt angeboten und bekommt auch keine so gute Deutschnote. Obgleich er mehr liest als ich. Mit Peter mache ich jahrelang Waldspaziergänge. Wenn nur wenig Zeit ist, durch den Blumenthaler Löh, wenn mehr Zeit ist, durch die Eggestedter Wälder. Wir reden nie über den Wald. Sätze wie Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte, kämen uns nicht in den Sinn. Das ist natürlich Thoreau, der muss immer übertreiben. Wir reden über die Literatur.

Wir sind ein kleiner Club von Leuten, die auf unterschiedlichen Wegen in den Wald der Weltliteratur hineintappen. Wir geben uns gegenseitig touristische Ratschläge, durch Peter bin ich auf Robert Walser gekommen, Charlie (mit dem ich 1962 Konnie Krämers Kneipe gegen das Hochwasser schütze) zwingt mich, Jack Kerouac zu lesen, so geht das in einem fort. Das musst Du unbedingt lesen, so beginnen damals Unterhaltungen. Leider gibt es das charmante Buch Comme un Roman von Daniel Pennac noch nicht, das mir Friedhard eines Tages leihen wird. Ein Buch, in dem sich jeder Leser wiederfindet. Der ungeliebte Deutschlehrer S. weiß, dass in seiner Klasse eine kleine elitäre Lesergruppe ist, er merkt es jeden Tag im Unterricht, wenn er von eben diesen jugendlichen fanatischen Lesern vorgeführt wird. Aber statt diese Schüler zu fördern, ist seine einzige Idee, diese Gruppe zu zerschlagen.

Wenn ein Deutschlehrer in der Elften ein angeblich anonymes deutsches Volkslied namens Letzte Rose des Sommers behandelt und sich dann von einem Schüler namens Jay sagen lassen muss, dass dies eine Opernarie ist und eine schlechte Übersetzung eines englischen Originals von Thomas Moore, dann ist irgendwas mit der Qualifikation des Lehrers nicht in Ordnung. Es wird gemunkelt, dass er aus Ostberlin geflohen sei und eigentlich gar keine wirkliche Lehrberechtigung für Deutsch und Physik habe, weil er in der DDR nur Lehrer mit einer Kurzausbildung in der Nachkriegszeit gewesen sei. Später finde ich heraus, dass das wahr ist. Die stellen jetzt viele in den Schuldienst ein, die man vorher nie genommen hätte. Viele Lehrer sind im Krieg gefallen, andere schwerverwundet vorzeitig pensioniert. Andere sind nicht mehr im Schuldienst, weil sie Nazis waren. Obgleich davon auch noch viele im Schuldienst sind. Die Bremer Politik ist da in den fünfziger Jahren sehr, sehr gnädig gewesen. Selbst einen Kriegsverbrecher wie Walter Többens aus unserem Ort wird man nicht mehr verfolgen.

Der Höhepunkt dieser Unterrichtsfarce ist kurz vor dem Abitur, wenn uns S. zu sich nach St. Magnus einlädt. Bei Kerzenlicht und einem Glas Rotwein wird er aus seinem unvollendeten Romanerstling lesen. Irgendwas Autobiographisches über arme, idealistische Lehrer in der DDR. Ich weiß es nicht mehr genau, es möchte gerne James Joyces Stephen Hero sein, ist aber nur auf dem Niveau des melodramatischen Hör Zu Romans. Beim Lesen bekommt sein Gesicht im Flackern der Kerzen wieder dieses Faustische, Fanatische. Oder ist das einfach nur ein bescheuerter Gesichtsausdruck? Peter und ich werfen uns im Halbdunkel des Zimmers verzweifelte Blicke zu. Mein kleiner Roman in der siebten Klasse bei Bollenhagen war besser als dies hier.

Wenn der Abend endlich zu Ende ist, nehme ich nicht mit den anderen den Bus. Ich gehe die Straße namens Weizenfurt hinunter bis zu Knoops Park. Dies ist nicht die feine Gegend von St. Magnus, dies ist eine Neubausiedlung. Aber ich gehe an dem Haus vorbei, wo die mir vor Wochen noch völlig unbekannte blonde Frau wohnt, die mich nach der Party bei Sigrid vor zwei Wochen auf dem Nachhauseweg überfallartig geküsst hat. Ihr Nachhauseweg wäre damals nur wenige hundert Meter lang gewesen. Wegen des Küssens dauert er Stunden. Ich weiß nicht mal, wo sie in diesem Wohnblock wohnt, aber irgendwie ist das Erinnern an diesen Augenblick besser als die Erinnerung an das Fragment des Romans eben. 

Mit der blonden Frau werde ich mich noch ein- oder zweimal treffen. Sie küsst da immer noch so gut, aber irgendwie wird nichts draus. Den Inhalt des Romanfragments unseres Lehrers habe ich vollständig vergessen, den Namen der blonden Küsserin nie. Ich gehe durch Knoops Park zur Lesum hinunter (das ist ein Ersatz für einen üblichen nächtlichen Weserspaziergang) und dann an der Lesum entlang in der dunklen Sommernacht nach Hause. Irgendwie bin ich stillvergnügt, dass ich das schreckliche Erlebnis der Dichterlesung durch das schöne Erlebnis des Erinnerns des Knutschens ersetzt habe. Es schallte zwar nicht von fern immerfort die Musik herüber, und es fliegen auch keine Leuchtkugeln vom Schloss durch die stille Nacht über die Gärten, und die Donau rauscht nicht dazwischen herauf. Aber es war alles, alles gut!

Dass es Gruppen von Schülern gibt, die mehr als andere lesen, wird es (hoffentlich) immer geben. Die literarische Geschmacksbildung ist auch damals nicht homogen. Viele steigen aus der Weltliteratur aus und lesen Heftchenreihen, die Akim und Prinz Eisenherz heißen und ernähren sich sonst nur noch von den Brosamen des Lehrplans des Deutschunterrichts. Dennoch bleibt das Literaturprogramm von vielen aus meiner Generation erstaunlich. Ekke, der eines Tages Juraprofessor wird, hat mehr von der englischen Literatur gelesen, als jemand, der heutzutage Professor für Anglistik wird. 

Unser Deutschlehrer, der den Namen einer Romanfigur von Nabokov hat, hat sich einen Plan ausgedacht, wie er das Kartell der heimlichen Germanistikstudenten brechen kann. Er greift sich einen sehr mittelmäßigen Schüler heraus, für den eine Drei in Deutsch bisher die beste Zensur gewesen ist, gibt ihm nur noch Einsen und lobt jahrelang dessen Besinnungsaufsätze als ein Muster von Klarheit und gutem Stil. Ludwig Reiners wäre entsetzt gewesen. Der arme E., der nun wirklich ein büsschen doof ist, hält sich für den Größten. Studiert Germanistik. Und scheitert, aber wie. Ich werde S. Jahre später ein einziges Mal wieder sehen, in einem Hallenbad, das gerade neu eröffnet wurde. Er wird mir gesten- und wortreich versichern, dass ich sein bester Schüler gewesen sei. Ich könnte ihn jetzt beschimpfen oder ihn vom Beckenrand stoßen und ihm den Kopf unter Wasser halten (aquis submersus), aber er ist mir völlig gleichgültig. Er wird nur wieder lebendig, weil er hier im Text steht und weil in der Rückerinnerung sein Deutschunterricht skandalös war. 

Ich habe Opas harten Schädel, mir machen auch bescheuerte Fanatiker nichts aus, die sich als Deutschlehrer tarnen. Aber der arme E. ist ein Opfer, das niemals hätte sein dürfen, wahrscheinlich gibt es noch viele andere. Normalerweise produziert ein Germanistikstudium ja Qualität. Man macht es sich heute nicht mehr klar, dass in dieser Zeit das Studium der Germanistik etwas Elitäres ist. Es gibt Anfang der sechziger Jahre noch keinen numerus clausus für Medizin, das kann noch jeder studieren. Leute mit den exzellenten Noten, dem wachen Verstand und der literarischen Bildung studieren Germanistik. Vierzig Prozent meines Abiturjahrgangs am Gerhard Rohlfs Gymnasium werden Geisteswissenschaften studieren, hat ein Mitschüler ermittelt. Nur zehn Prozent werden Ärzte. In der Philosophischen Fakultät wird um die Wahrheit gerungen. Auf jeden Fall bilden wir uns das ein.

Germanistik kann man nicht studieren, wenn man kein Großes Latinum hat und man muss die Scheine für Gotisch, Alt- und Mittelhochdeutsch beibringen. Diese Voraussetzungen braucht man für ein Soziologiestudium in Berlin (was E. dann versucht) nicht. Leider wird das Fach Germanistik 1968 den Spaßvögeln und Berufsrevolutionären, die sich dann in den Seminarräumen einnisten und ausbreiten, nichts entgegenzusetzen haben. Dennoch bleibt es mir immer unerklärlich, wie mein Deutschlehrer (der auch Physik unterrichtet) mit so geringen Kenntnissen des Faches durch ein Germanistikstudium gekommen ist. Selbst in der DDR, die damals noch SBZ heißt. Als ich, aus reiner Neugierde (oder wie man in Bremen sagt: aus schier Schandudel) Jahrzehnte später seinen Namen bei Google eintippe, staune ich nicht schlecht. S. hat, wie Fontane, im hohen Alter angefangen zu schreiben. Über Fontane. Erscheint alles in einer Art Selbstverlag. 

Eines seiner Bücher ist bei Google Books eingeschränkt zu lesen, man sollte es nicht einschränken, man sollte es zur Pflichtlektüre machen. Ich habe in meiner Tätigkeit als Literaturwissenschaftler viel Unsinn lesen müssen, das gebe ich gerne zu. Aber einen solchen Schwachsinn habe ich noch nie gelesen. There is nothing so coherent as a paranoid’s delusion or a swindler’s story, hat Clifford Geertz mal gesagt. Eng am Text und immer hart daneben. Der Titel Originellster Denker außerhalb eines Irrenhauses ist schon an Marshall McLuhan vergeben, sonst hätten wir hier einen Kandidaten. Die Kurzbiographie des Verlags erwähnt, dass er sein Staatsexamen 1957 mit Auszeichnung bestanden hätte. Seine Tätigkeit am Gerhard Rohlfs Gymnasium wird nicht erwähnt, er wird da auch nicht mehr so lange bleiben. Er wird siebzehn Jahre lang Leiter eines privaten Internats sein.

Mit seiner pädagogischen oder fachlichen Qualifikation hätte er nie im Leben irgendwo eine Schulleiterstelle bekommen. Aber es gibt da so geheimnisvolle, geradezu unterirdische Beziehungen eines old boys network. S. hat sein Abitur 1943 am Großen Militärwaisenhaus Potsdam gemacht hat, das schreibt er Jahrzehnte später ungeniert auf die Buchdeckel und in die Verlagsankündigungen seiner Elaborate. Trotz des wohlklingenden historischen Namens und der spätbarocken Architektur ist das Große Militärwaisenhaus damals etwas, was man so schön Napola genannt hat, eine Nazi Eliteschule. Die Abiturienten melden sich hier beinahe alle freiwillig in die Waffen SS. Und im Vorstand des Internats, dessen Direktor er wird, ist bei seiner Berufung ein prominenter Nazi und ehemaliger SS Obersturmbannführer, der schon als Schüler in der SA war, 1933 als studentischer Vertreter bei der Bücherverbrennung in Kiel mitgewirkt hatte und dann Ribbentrops Propagandachef wurde. Jetzt macht er unter Pseudonymen sein Geld mit Kriegsliteratur und schreibt für Axel Springer, verbreitet alle Nazilügen und widerruft sie nie. Sollte es zufälligerweise irgendwelche Verbindungen geben? Honi soit qui mal y pense. Warum habe ich das bloß nachgucken müssen, warum habe ich diese Konservendose von Pandora aufgemacht? Wäre ein Badeunfall damals in dem Hallenbad nicht doch eine Alternative gewesen?

Die Lesefähigkeit ist heute im Schwinden, die PISA Studie hat es gezeigt. Als ich klein war, waren noch alle Bücher in Frakturschrift, Sütterlin wurde noch in der Schule unterrichtet. Heute scheitern junge Leute schon an Baskerville. In der Mittelstufe macht unser neuer Deutschlehrer „Pedro“ Ziegert den Vorschlag, dass wir eine Klassenbibliothek aufbauen sollten, jeder bringt ein Buch mit. Keine ausgesonderten Luschen, etwas Gutes. Ich bringe Alain-Fourniers Der große Kamerad mit, weil ich gerade ein zweites Exemplar geschenkt bekommen habe. Es ist ein geheimnisvolles Buch, das man vielleicht auch gar nicht verstehen kann. Aber wenn es ein geheimes Kultbuch gibt, dann ist es dies Buch. Manche Bücher bewahren ja auch ihren Zauber deshalb, weil man sie nicht versteht. Die pädagogische Maßnahme beschert unserer Klasse eine eigene Bibliothek in einem Schrank in der Klasse, die in jedem neuen Halbjahr aufgestockt wird.

Für mich ist es nicht so interessant, da ich mich dank „Edu“ Schäfer schon durch die Lehrerbücherei lese. Und ich habe jetzt ein festes Leseprogramm. Und ein Ziel: mit einundzwanzig will ich durch die Weltliteratur durch sein. Mit einundzwanzig bin ich Leutnant der Infanterie und besitze einen Smoking für die Oper. Und bin durch die Weltliteratur durch. I'm on the top of the world. Ich hatte früh begonnen, in schwarze Hefte vom Schreibwarengeschäft Six einzutragen, was ich gelesen habe, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Zuerst war das als Rechtfertigung gedacht, damit ich meinem Vater zeigen konnte, dass der kleine Bücheretat nicht verjuxt wurde. Ich habe diese Hefte noch, es erfüllt mich mit Rührung, was ich in den Jahren vor dem Abitur alles gelesen habe. Ich besitze jetzt auch Richtlinien für meine literarische Bildung. Es gibt damals von zwei konkurrierenden Verlagen Buchprojekte, die auf einhundert Bücher konzipiert sind: einmal die Reihe Rowohlts Klassiker der Literatur und der Wissenschaft (die mit den hellgrauen Platon Bänden anfängt) und zum anderen die Reihe Exempla Classica des Fischer Verlages. Ich schaffe es irgendwann, mich durch beide Reihen hindurchzuarbeiten.

Uwe Johnson, dessen Mutmaßungen über Jakob wir damals bei S. lasen, ist nicht wegen seiner literarischen Meriten auf den Stundenplan gekommen. Er wird behandelt, weil er ein Feind des Unrechtsregimes in der SBZ ist. Wir können in Deutschland Literatur nicht als Literatur behandeln, bei uns muss alles immer einen tieferen Sinn haben. Kafka hat irgendeine tiefere Bedeutung, der ist gut für die Oberstufe. Auf den werde ich gar nicht erst reinfallen, im Gegensatz zu Martin Walser, der in Des Lesers Selbstverständnis darüber ironisch berichtet: Als ich, um meine Mutter nicht zu enttäuschen, eine Dissertation schreiben sollte, blieb mir nichts anderes übrig, als über den Autor zu schreiben, der mich während meiner Studentenjahre gehindert hatte, andere Autoren wirklich zu lesen: Franz Kafka. Aber als ich über ihn schreiben wollte, stellte sich heraus, daß ich ihn nicht verstanden hatte. 

Ich habe den Instinkt des Waldgängers. Ich falle nicht in Gruben, verhake meinen Fuß nicht in Kaninchenbauten oder Fuchslöchern. Ich lasse Kafka (wie Goethe und Schiller) erstmal links liegen. Wenn man schwerverständliche Textstellen lesen will, sollte man die Bibel lesen. In der Zeit, in der man Kafka liest, kann man den Ulysses von James Joyce lesen. Zweimal. Die Deutschlehrer reden nicht mit uns darüber, was wir lesen. Man weiß sowieso nie so recht, wer was liest. Ob überhaupt noch Leute lesen, außer den manischen Lesern, die man alle kennt und im Antiquariat Eschenburg trifft?

Was liest der Kieler? hat der Soziologe Lars Clausen einmal eine breit angelegte Untersuchung betitelt. Clausen, der mit Arno Schmidt befreundet war (und bei der Reemtsma Entführung das Lösegeld überbracht hat), wird als Leser von den Ergebnissen enttäuscht gewesen sein. Douglas Waples hat in den dreißiger Jahren schon mal so was in Amerika gemacht, Q.D. Leavis hat die Ausleihzahlen öffentlicher Bibliotheken ausgewertet. Trotzdem bleibt der Leser ein Rätsel. Das liest doch niemand, sagt mir der Buchhändler Beissenhirtz, der jetzt nach der Pensionierung auf dem Flohmarkt einen Tisch voller Raritäten hat. Schon als der Titel noch im Sortiment war, hat er sich nicht verkauft. Ich halte Dieter Kühns Der Parzival des Wolfram von Eschenbachs in der Hand. Es ist ein Jammer. Hat es den Deutschunterricht verbessert, dass ihn Heinz Ide vom Alten Gymnasium mit seinem Bremer Kollektiv politisiert hat? Oder sind sie die nur Totengräber für ein schönes Grab im Wald gewesen, auf dessen Grabstein Pisa steht?

Und wenn man mit einundzwanzig voller bildungsbürgerlicher Arroganz durch die Weltliteratur durch ist, dann bleibt einem doch nichts mehr. Oder? Das Gegenteil ist der Fall, jetzt wird es erst wirklich interessant. Wen hat Arno Schmidt nicht alles an lesenswerten Schriftstellern des 19. Jahrhunderts aus der Dunkelheit des Waldes hervorgeholt? Kein Oberstudienrat für das Fach Deutsch und kein Germanistikprofessor haben das hingekriegt und solchen Einfluss gehabt, kein Germanistikprofessor hätte einen Kultverlag wie Zweitausendeins dazu bringen können, die Lieblingsbücher von Arno Schmidt von Wezel bis Oppermann wieder aufzulegen. Der Kanon der Weltliteratur ist nur der Rand des Waldes, für alle sichtbar, der dort droben vor dem schwarzen und schweigenden Wald aufgebaut ist.

Aber drinnen im Wald gibt es noch vieles, was nicht im Programm der großen Bücher vom St. John’s College steht. Denn solch bezaubernde Sätze wie: Und auch heller wurde es. Schon zeigten sich Lücken im Gewölke. Das flog nun selbst wie eine endlose Folge dunkler Regenschirme in den Händen eilender Riesen am Himmel dahin, stehen nun mal nicht bei Goethe. Der steht am Waldesrand, für alle sichtbar. Wahrscheinlich bewacht er den Wald, damit wir nicht hineingehen und zu lesen beginnen. Waldsterben allerorten, große undurchdringliche Wälder sind nur noch auf den Photos im Reisebüro. Parzival hat keinen Raum mehr.

Wir wissen gar nicht, wie gut wir es haben. Wir haben keine Zensur, wir können beinahe alle Bücher bekommen. Als ich einer russischen Gastprofessorin unsere Seminarbibliothek gezeigt habe und ihr danach am Computer zeige, wie man mit dem Karlsruher Virtuellen Katalog in Sekundenschnelle feststellen kann, welche Bibliothek in Deutschland welches Buch besitzt, hat sie angefangen zu weinen. Wir sind es nicht gewohnt, in einer Schlange im Schnee von Moskau zwölf Stunden lang für ein Buch anzustehen. Die Nazis haben Bücher verbrannt (und mein Mitschüler Bernd Neumann wollte die Werke von Erich Fried verbrannt sehen), wir empfinden das als einen Akt der Barbarei. Wir sind das Volk der Dichter und Denker. Irgendwann vielleicht einmal gewesen. Opa wird im Alter anfangen, Jerry Cotton Hefte zu lesen, die ich ihm am Kiosk auf dem Sedanplatz kaufen muss. Ich lese die auch, wenn er damit fertig ist, aber ich weiß, dies ist keine Literatur. Aber wie George Bernard Shaw so schön sagte: All normal people need both classics and trash.

1 Kommentar:

  1. Jay -

    - Heimito von Doderers Erzählung Das letzte Abenteuer enthält viele anrührende bis atemberaubende Waldschilderungen. Robert Zünds Eichenwald im Kunsthaus in Zürich ist eins meiner Lieblingsgemälde. Das Mittelalter, die Kathedralen als Wald-Reflexe (Lichtführung, die Säulen als Baumstämme..). Kandinskys Märchenritter in ihrer flirrenden punktierten Materialität. Ein Mittelalter-Bild in Rouen, das ebenfalls diesen Zauber birgt - ich hab ein Foto davon gemacht, mit einem wie im flirrenden Frühlings- oder Sommerwaldlicht schwebenden Ritter, das ist aber zu tief im Diakastengebirge, um jetzt aufgefunden werden zu können.
    Eine sehr schöne Stadtrand- und Waldschilderung auch in Henscheids Trilogie - ich meine in der Mätresse des Bischofs - gibt es einen Spaziergang des Erzählers vom Dorfrand aus an einem Schäferhundezwinger vorbei zu einer Höhle - mitten im Sommer - die mir selbst in der Erinnerung immer wieder große Freude macht.
    Dass bei Ihnen das Lesen (und Schauen) und der Wald so eng zusammenhängen ist mir eine große Freude!
    Dieter Kief

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