Montag, 11. April 2016

Jacques Prévert


In seinem Vorwort in der Manier von Jacques Prévert zu dem Buch Gedichte und Chansons dichtet Préverts Übersetzer Kurt Kusenberg: Er ist ein Bänkelsänger ein Kabarettist ein Moritäter/ein Rattenfänger ein Moralist ein Attentäter/wie sein Ahne François Villon/er dichtet für den Tag/und für die Stunde/er ist in aller MundeGedichte und Chansons war zweisprachig, das war 1962 praktisch, mein Französisch (über das ich hier schon schrieb) war noch nicht so gut.

Es wurde damals aber von Woche zu Woche besser, weil ich wie viele meiner Klasse diese Exi Phase hatte. Schwarze Rollis und alte Tweedjacketts und ➱Camus unterm Arm. Nur noch Juliette Gréco hören und französische Filme gucken. Und nebenbei angefangen Proust zu lesen. Ich weiß, dass ich Sie jetzt langweile, ich habe das schon mehrfach hier im Blog gesagt, zuletzt in ➱Liaisons Dangereuses. Aber es ist ja wahr. Und es sitzt immer noch im Herzen. Die Bücher und Platten sind immer noch da. Die Eintrittskarte für das Juliette Gréco Konzert liegt noch im Schreibtisch. Nur die Frauen, denen man Liebesgedichte von Jacques Prévert in die Briefe schrieb, sind entschwunden. Aber Préverts Gedichte bringen alles zurück, les souvenirs et les regrets aussi.

Als Préverts Band Paroles nach dem Krieg erschien (hier der Originalumschlag), wurden mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft. Prévert ist zwar nie in die ➱Academie Française aufgenommen worden, aber ein Unsterblicher war er für viele Franzosen doch. In Deutschland hatte Prévert das Glück, einen Übersetzer zu finden, der mit ähnlicher Leichtigkeit Nachdichtungen schuf: Kurt Kusenberg, schrieb die Zeit 1977 in ihrem ➱Nachruf auf Prévert, der am 11. April 1977 starb.

Dass der andere Teil Deutschlands den Franzosen auch kannte, wurde nicht erwähnt. Sollte aber hier Erwähnung finden, dass der Band Ein schöner Wal mit blauen Augen: Gedichte, Chansons, Prosa in der Übersetzung von Henryk Keisch 1975 beim Verlag Volk und Welt erschienen war. Der Name Kurt Kusenberg sagte mir etwas, als ich 1962 Gedichte und Chansons kaufte, denn Kusenberg war der Herausgeber der Reihe rowohlts monographien (die später rororo bildmonographien hieß). Es war eine Reihe, der ich viel verdanke. Ich habe mehr als einen Meter von diesen hervorragenden Büchlein. Das kann ich mit einem Blick sehen: das Lundia Regal ist 98 cm lang, es ist pickepacke voll. Und es liegen noch viele oben drauf. Obgleich in der Literaturwissenschaft der biographische Ansatz etwas verpönt ist, ist es doch interessant, etwas über einen Autor zu wissen. Ich habe immer erst die Biographien gelesen, bevor ich mich über die sogenannte Sekundärliteratur hermachte, wenn ich mich mit einem Autor beschäftigte. Es wäre schön gewesen, wenn Kurt Kusenberg durchgesetzt hätte, dass es auch einen Jacques Prévert Band in der Reihe rowohlts monographien gegeben hätte.

Jacques Prévert war nicht nur Schriftsteller, er leistete auch einen großen Beitrag zum französischen Film. Er schrieb Drehbücher für seinen sechs Jahre jüngeren Bruder Pierre, der eines Tages die Dokumentation ➱Mon frère Jacques drehen würde. Er hat auch ein Drehbuch für Jean Renoir geschrieben. Zwar nicht für La Règle du Jeu (ein Film, der hier einen ausführlichen Post hat), aber für Le Crime de M. Lange. Einem Film, der übrigens in Le Tréport gedreht wurde (ein Ort, der ➱hier auch schon einen Post hat). Das alles reicht ihm noch nicht, zusammen mit Marcel Carné (und dem Kameramann ➱Eugen Schüfftan) erfand er den Poetischen Realismus. Was wäre aus ➱Jean Gabin geworden, hätte es Hafen im Nebel oder Der Tag bricht an nicht gegeben? Irgendwann schreibe ich noch einmal über Prévert und den französischen Film.

Als Gedicht des Tages würde ich ja gerne Les feuilles mortes nehmen, die Hymne der Nachkriegsära in Frankreich, wie sie der Deutschlandfunk bezeichnet hat. Kann ich immer noch auswendig. Aber dies Gedicht, das dank der Musik von Joseph Kosma zu einem Chanson (und als Autumn Leaves zu einem Jazzstandard) wurde, habe ich schon zu häufig zitiert. Es muss etwas ganz anderes her. Ich nehme ein Gedicht, das Sanguine heißt:

La fermeture éclair a glissé sur tes reins
et tout l’orage heureux de ton corps amoureux
au beau milieu de l’ombre
a éclaté soudain
Et ta robe en tombant sur le parquet ciré
n’a pas fait plus de bruit
qu’une écorce d’orange tombant sur un tapis
Mais sous nos pieds
ses petits boutons de nacre craquaient comme des pépins
Sanguine
joli fruit
la pointe de ton sein
a tracé une nouvelle ligne de chance
dans le creux de ma main
Sanguine
joli fruit

Soleil de nuit.

Blutorange

Der Reißverschluß ist über deine Hüften hingeglitten
das Glücksgewitter deines liebedurst’gen Leibes

mit seiner schönen Schattenmitte
ist plötzlich ausgebrochen
Und als dein Kleid auf das gebohnerte Parkett
herabfiel hat es nicht mehr Lärm gemacht

wie wenn ein Stück Orangenschale auf den Teppich fällt
Doch unter unsern Füßen krachten
die kleinen Knöpfe aus Perlmutt wie Kerne

Blutorange
schöne Frucht
die Spitze deiner Brust
hat eine neue Linie des Glücks

ins Innre meiner Hand gezogen
Blutorange
schöne Frucht

Sonne der Nacht.

Habe ich ➱hier auch von Yves Montand gesungen. ➱Les Feuilles Mortes natürlich auch. Von dem Chanson habe ich noch eine Version von ➱Edith Piaf, die wohl für den amerikanischen Markt bestimmt war. Ich habe natürlich in diesem Blog noch mehr Prévert. Sie könnten auch noch diese Posts anklicken: Jean-Louis Trintignant, Kulturwandel, Französisch, Jean Gabin, Liaisons dangereuses, Yves Montand, Lastkraftwagen, Lohn der Angst, Klippen, Léo Malet, Arletty


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