Mittwoch, 20. Juli 2016

20. Juli



Wir gedenken in Deutschland an diesem Tag des Widerstandes gegen Adolf Hitler. Und es gibt jedes Jahr einen Staatsakt in Berlin und eine Kranzniederlegung im Bendlerblock. Und jedes Jahr wird der Oberst Graf von Stauffenberg gefeiert, den ja jetzt jeder kennt, weil er von Tom Cruise gespielt wurde. Um den stillen James Graf von Moltke, dessen Patenkind mein Freund Jimmy war, wird nicht ein solcher Rummel gemacht. Aber das Wissen um die Vergangenheit geht von Jahr zu Jahr verloren, und eines Tages werden nachfolgende Generationen die deutsche Geschichte nur noch in der Version von Tom Cruise oder Guido Knopp kennen. Ich bin jedes Jahr an diesem Tag ein wenig unglücklich, mir gefallen die Feiern nicht, die häufig nur verlogene Schauspiele mit schlechten Laiendarstellern sind. Und ich frage mich, wie viele Schüler jemals in Plötzensee gewesen sind? Oder wie viele den Namen Georg Elser kennen? Denn der ist irgendwie eher mein Held als Stauffenberg mit dem ganzen Gewese des George Kreises und dem heiligen Deutschland. Vielleicht war auch das geheime Deutschland gemeint, über das Stauffenbergs Mentor Stefan George gedichtet hatte:

Wer denn o wer von euch brüdern
Zweifelt o schrickt nicht beim mahnwort
Dass was meist ihr emporhebt
Dass was meist heut euch wert dünkt
Faules laub ist im herbstwind
Endes- und todesbereich:
Nur was im schützenden schlaf
Wo noch kein taster es spürt
Lang in tiefinnerstem schacht
Weihlicher Erde noch ruht -
Wunder undeutbar für heut
Geschick wird des kommenden tages.

Niemand redet über all die kleinen Leute, die auf ihre Art und Weise Widerstand geleistet haben, und die Opfer des Terrors geworden sind. Mir ist Stauffenberg als Held ein wenig unheimlich. Das, was ich von meiner Mutter (die ihn gekannt hatte) über ihn erfahren habe, hat nicht gerade dazu beigetragen, dass ich ihn mag. In der TAZ vom 17.2. 2009 hat Michael Wildt geschrieben:

Aber warum Stauffenberg und nicht Elser? Auf die Kritik des britischen Historikers Richard Evans, dass sich Stauffenberg mit seiner elitär-reaktionären Weltanschauung wohl nicht zum Helden eigne, antwortete Karl Heinz Bohrer heftig, dass es darauf gar nicht ankomme, sondern Stauffenberg und seine Mitverschwörer "eine Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats" repräsentierten, von dem Mitglieder der heutigen Elite nur träumen könnten.

Darum also geht es! Im gegenwärtigen Diskurs um Eliten und ihre Ethik eignet sich der gebildete Generalstabsoffizier Stauffenberg, der zunächst den Verheißungen des Regimes vertraut, engagiert mitgemacht hat und erst spät umgekehrt ist, dann aber desto entschiedener zur Tat schritt, offenbar weit besser zum öffentlichen Helden als der spröde, eigensinnige Elser, der unter Beweis stellt, dass man auch in Zeiten, in denen die Stauffenbergs wie Millionen andere Deutsche noch den "Führer" unterstützten, als Tischler mit Volksschulabschluss den destruktiven Charakter des NS-Regimes erkennen und den Entschluss zum Widerstand fassen konnte. "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat" (Bertolt Brecht).

Wir können das in Deutschland offensichtlich nicht, dass wir einen größeren Zusammenhang des Widerstandes herstellen. Wir brauchen die aristokratischen Offiziere des Generalstabs auf der einen Seite (die wir dann auch feiern) und die sozialistischen oder kommunistischen Arbeiter auf der anderen Seite (die wir lieber nicht erwähnen). Vielleicht noch ein wenig Bekennende Kirche in der Mitte. Das Bürgerlied von 1848 mit den Zeilen ob wir just Collegia lesen oder aber binden Besen, das tut, das tut nichts dazu. Drum ihr Menschen, drum ihr Brüder, alle eines Bundes Glieder, was auch jeder von euch tu, das ist immer noch nicht bei uns angekommen.

Wenn Churchill 1946 gesagt hat: In Deutschland lebte eine Opposition, die zum Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte aller Völker hervorgebracht wurde. Diese Menschen kämpften ohne Hilfe von innen und außen, einzig getrieben von der Unruhe des Gewissens. Solange sie lebten, waren sie für uns unsichtbar, weil sie sich tarnen mussten. Aber an den Toten ist der Widerstand sichtbar geworden. Diese Toten vermögen nicht alles zu rechtfertigen, was in Deutschland geschah. Aber ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaus, dann ist er in seiner Bewertung der Meinung der jungen Bundesrepublik weit voraus. Denn in den fünfziger Jahren war das Bild der Widerständler in der Bevölkerung nicht unbedingt positiv. Die Nazipropaganda von einem Verrat und einer zweiten Dolchstoßlegende wirkte noch nach. Über die Bewertung des Attentats aus der Sicht der DDR wollen wir lieber den Mantel des Schweigens decken. Aber auch bei uns hat es bis 1963 gedauert, dass die öffentlichen Gebäude beflaggt wurden.

Wir haben nach dem Krieg auch unsere juristischen Schwierigkeiten mit den Opfern. Die Mutter der jungen Widerstandskämpferin ➱Cato Bontjes van Beek aus Fischerhude (mit der Helmut Schmidt einmal befreundet war), die in Plötzensee hingerichtet wurde, hat zwölf Jahre gegen das Land Niedersachsen prozessieren müssen, damit ihre Tochter juristisch rehabilitiert wurde. Erst 1999 (56 Jahre nach ihrem Tod) wurde das Todesurteil juristisch aufgehoben. Da hatte es die Witwe des berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler einfacher. Sie bezog eine Kriegsopferrente und ab 1974 bis zu ihrem Tode 1997 noch einmal zusätzlich monatlich 400 Mark Schadensausgleich mit der Begründung, dass wenn ihr Mann überlebt hätte, er höherer Beamter oder gutverdienender Rechtsanwalt geworden wäre. Was kann man gegen eine solche Logik sagen?

Die antike Philosophie hat das Problem des Tyrannenmords diskutiert, und seit dem 17. Jahrhundert findet sich dieser Gedanke auch bei den Staatsrechtsphilosophen. Schon Thomas Hobbes räumt dem Volk ein gewisses Widerstandsrecht ein, wenn der Souverän sein Volk nicht mehr ausreichend schützt. Samuel Pufendorf empfiehlt dagegen in De iure naturae et gentium, auf den Tyrannenmord zu verzichten und stattdessen zu fliehen oder auszuwandern. Unser deutscher Denker mit dem kategorischen Imperativ hat das Widerstandsrecht dann im 18. Jahrhundert allerdings kategorisch abgelehnt. Aber seit dem Jahre 1968 steht es im Artikel 20 Absatz 4 in unserem Grundgesetz: Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Möge es nie dazu kommen.

Meine Heimatstadt Bremen, die gerne den Eindruck erweckt, dass man ja so hanseatisch gewesen sei und mit den Nazis nichts am Hut hatte, hat in den zwölf Jahren des Tausendjährigen Reiches Nazis und Kriegsverbrecher in ihren Reihen gehabt, aber auch gute und mutige Menschen und Widerständler aus allen politischen Gruppierungen. Aber die einen wie die anderen waren niemals in der Zeit nach dem Krieg Thema des Unterrichts an meiner Schule (an der Hermann Böse Schule vielleicht, da musste man ja zumindest wissen, weshalb die Schule so hieß). Dass wir in unserem Ort einen Kriegsverbrecher wie ➱Walter Többens hatten, hat erst Jahrzehnte nach dem Krieg der Journalist Günther Schwarberg öffentlich gemacht (Schwarberg ist auch der Mann, der das Buch über den SS Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm geschrieben hat).

Und die Bremer Geschichtsschreibung hat auch lange gebraucht, um sich zu äußern. Erst im Jahre 1980 hatte die Kultusministerkonferenz empfohlen, den Widerstand auch in seinen alltäglichen Formen der Verweigerung und Nichtanpassung zu erforschen und in den Unterricht einzubringen. Dem hat sich der Bremer Senat 1981 angeschlossen und ein Projekt Widerstand und Verfolgung unter dem Nationalsozialismus in Bremen 1933-1945 finanziell gefördert. Daraus ist ein bemerkenswertes Buch entstanden: Inge Marßolek und René Ott Bremen im Dritten Reich: Anpassung - Widerstand - Verfolgung (Schünemann 1986). Das Buch steht im völligen Gegensatz zu dem vierten Band der Geschichte der Freien Hansestadt Bremen des selbsternannten Bremer Historikerpapstes Herbert Schwarzwälder, der letztlich nur eine Geschichte der Gauleiter schreibt. Marßolek und Ott schreiben eine Geschichte von unten, in der Tradition der französischen Historikerschule von Lucien Febvre und der Annales.

Und sie tun das mit erstaunlichen Ergebnissen, weil sie sich weniger für die Gauleiter als für die kleinen Leute interessieren. Wenn die russischen Fremdarbeiterinnen bei Borgward am Internationalen Frauentag 1944 mit rotgefärbten Kopftüchern zur Arbeit kommen, dann ist das auch ein Zeichen des Widerstandes. Und wenn der Chef der AG Weser ➱Franz Stapelfeldt (des Teufels Generaldirektor) auf der einen Seite mit den Nazis paktiert, weil das der Werft Aufträge bringt, und auf der anderen Seite kommunistische Werksangehörige persönlich aus dem KZ freikauft, dann ist das eine andere Form des Widerstands. Ich wünschte mir, dass bei Schünemann in Bremen jemand auf die Idee käme, das vergriffene Buch wieder auf den Markt zu bringen. Und es wäre als Pflichtlektüre für Geschichtslehrer vielleicht auch nicht schlecht. Nicht nur in Bremen.

Martin Walser hat in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 gesagt: Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ja und nein, ich kann ihn in gewisser Weise verstehen, ich habe damals die ganze Rede gehört. Ich finde, angesichts dessen, was man mit den Mitteln des Fernsehens aufklärerisch machen könnte; das, was Guido Knopp macht, nur widerlich. Aber wir können nicht wegschauen, das tun schon genug andere.

Tho' much is taken, much abides; and tho'
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Das stand hier am 20. Juli 2010, ich war ein halbes Jahr lang Blogger. Google hatte gerade angefangen, mich zu zählen. Ich dachte, ich müsste das schreiben. Vor drei Jahren erinnerte der Post ➱Moabiter Sonette an den 20. Juli. Derjenige aus meiner Familie, der bei den Verschwörern des Kreisauer Kreises war, ist ungeschoren davongekommen. Er war damals nur ein kleiner Oberleutnant. Er hat nie über das geredet, was er getan hatte, was er erreichen wollte. Als ich achtzehn wurde, bekam ich von ihm einen Bananenkarton voller Bücher. Alles, was der deutsche Buchmarkt zum Thema Widerstand damals hergab. Die Titel der Bücher sind inzwischen zahlreicher geworden. Und das Vergessen größer.

Kommentare:

  1. Was Walser gesagt hat - und was er gemeint hat

    Ich halte dafür, die Walser-Sache sei sehr einfach: Er sprach nicht für das Vergessen oder für das Abwenden von der Vergangenheit, sondern - ähnlich wie Sie in Bezug auf Knopp - von einer falschen Form des Erinnerns; und er sprach gegen diese falsche Form, weil er auch an sich selbst bemerkte, wie diese falsche Form das Erinnern bedroht.
    Vergleichbar einem rein mechanischen Vollzug eines Gebets.
    Den einen rhetorischen oder stilistischen Fehler hat er mittlerweile eingeräumt: Dass er nicht die Namen derer nannte, die Auschwitz instrumentalisierten, seiner Meinung nach: Nämlich Grass, Jens et. al., die der weitverbreiteten Ansicht waren, die deutsche Teilung müsse wg. Auschwitz bestehen bleiben.
    Unglaublich, dass es Jahrzehnte gebraucht hat, diese paar Gedanken zu sortieren. Und dass das immer noch weiter geht.
    Noch gar nicht lange her, im NY Linksintellektuellen-Magazin n+1: Walser, who wants Auschwitz to disappear from the mental map of Europe (o. s. ä. - zitiert aus dem Gedächtnis). - Eine Monstrosität. Ich hab' hingeschrieben, die berühmte "Intern" antwortete zuerst freundlich, dann zunehmend kühl: Oho - alles sei so, wie in n+1 beschrieben - man habe sich an der New School rückversichert bei leading experts. Von einem dieser Leute kenne ich den Namen - eine sehr (sehr) zweifelhafte Figur, irgendwie jung, links, irgendwie ohne festen Job und zwischen den Kontinenten hin und herfahrend auf der Suche nach der einen Stelle, oder wenigstens dem nächsten Zeitvertrag usw. - nicht zu beneiden und innerlich natürlich komplett unfrei.
    Am wüstesten abgebürstet haben sie bei n+1 meinen Hinweis auf Walsers Aufsatz "Unser Auschwitz", indem sie darauf hinwiesen, dass der leider schon 1965 erschienen sei. Die Wiederauflagen ließen sie nicht gelten. Ich ließ es dann sein.
    1990 schrieb Walser: "Seit Auschwitz ist noch kein Tag vergangen." Auch diesen Satz hat er acht Jahre später in der Paulskirche mit keinem einzigen Wort zurückgenommen.
    Einer derer, denen er - neben eigenen, aber eigentlich kleinen Fehlern (s. o.) dieses Schlamassel verdankte, hat er nachgerufen, irgendjemand hätte ihm helfen sollen, langsamer zu machen, damit er nicht so früh sterben müsse. Bubis hat irgendwann erklärt: Seine Differenzen mit Walser seien ausgeräumt. Walser hat mit Blick auf Bubis rückblickend bedauert, dass er es seinem Gegenüber so schwer gemacht habe, zu verstehen, wie die Sache eigentlich intendiert war. Der simple Satz: Herr Bubis, Sie waren an keiner Stelle gemeint wg. Instrumentalisierung von Auschwitz, der wahr ist, kam Walser vor lauter Wut über den Unflat, der sich über ihn ergoß, zu lange nicht über die Lippen.
    Insgesamt hat die Angelegenheit dem besten Autor Deutscher Zunge ab 1955 kann sein den Nobel-Preis gekostet. Vielleicht ist er darüber heute froh.

    Knopp finde ich nicht so schlimm, obwohl ich jahrelang persönlich - als jemand, der praktisch spaßeshalber auch der Rhein-Neckar-Zeitung zuarbeitete - ein wenig unter dem unglaublichen Geiz seiner Familie litt; aber ich hab sicher nicht mehr als zwei Fernsehstunden (vorwiegend Diskussionen) mit ihm gesehen.
    Elser hat hier in Konstanz (u. a.) das verdiente Denkmal. Mir kommt er manchmal so wundersam vor wie eine Sternschnuppe. Bohrers Status-Gedröhn (wie auch Georges Bestenkult) kann einem schon bös' auf den Zeiger gehen. Dabei legt Bohrer doch soviel Wert auf Stil...

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  2. Die Rolle der Bremer Polizei im Nationalsozialismus wurde erst vor wenigen Jahren thematisiert, nach dem alle Protagonisten (von denen keiner nach dem Kriege verurteilt worden ist) nicht mehr im Dienst waren und überwiegend schon verstorben sind.
    Eine umfangreiche Studie dazu wurde von dem pnsionurten Professor der Polizeihochschule, Karl Schneider, gemacht,
    nachdem sich der Innensenator Mäurrer vollmundig dafür einsetzte, dass dies nun zum Thema der Ausbildung gemacht werden müsse, wurde Karl Schneider in die Hochschule eingeladen.
    Leider stießen seine Erkenntnisse bei den jungen Studenten kaum auf Interesse.

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    1. Das verunglückte Wort heißt:" pensionierten"

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