Samstag, 13. August 2016

perlegi


Jetzt, wo ich den halben Tag schreibe, lese ich nicht mehr so viel wie früher. Ich lese schon noch, aber das hat meistens mit den Posts zu tun, an denen ich gerade schreibe. Als ich über Vergil und Hermann Broch schrieb, habe ich den halben Tod des Vergil noch einmal gelesen. Für Joseph Anton Koch habe ich Hilmar Franks Büchlein über den Schmadribachfall aus dem Regal geholt, und für den Post über Theodor Fontane habe ich nebenbei eine Menge Fontane gelesen. Was immer ein Vergnügen ist. Manchmal kommen die Anstöße zum Lesen auch vom Fernsehen, der Film Dame, König, As, Spion brachte mich dazu, John le Carrés Roman Tinker Tailor Soldier Spy noch einmal zu lesen. Ist auch ein Vergnügen, liest sich aber schneller als Fontane. Passte allerdings schön zu dem letzten Grabbelkastenfund: Ben Macintyre A Spy Among Friends: Philby and the Great Betrayal, Bestseller No 1 in England, mit einem Nachwort von John le Carré. Wunderbar bösartig in der Beschreibung der bornierten englischen Oberklasse.

Doch all das ist so eine Art des Lesens en passant, nicht das richtige Lesen. Also dieses Lesen wenn man noch jung ist und die ganze Welt der Literatur vor einem liegt. Wenn einem Freunde (oder Freundinnen) sagen, was man unbedingt lesen muss. Die Empfehlungen von Freunden waren (nachträglich gesehen) in meinem Leben für mich fruchtbringender als das Studium der Literaturwissenschaft. Ich hatte nie die Sorge, dass das Lesen zu einem Ersatzleben wurde. Leben gab es nebenbei noch genug.

Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Proceß. Es ist damit, wie wenn beim Schreibenlernen der Schüler die vom Lehrer mit Bleistift geschriebenen Züge mit der Feder nachzieht. Demnach ist beim Lesen die Arbeit des Denkens uns zum größten Theile abgenommen. Daher die fühlbare Erleichterung, wenn wir von der Beschäftigung mit unsren eigenen Gedanken zum Lesen übergehn. Eben daher kommt es auch, daß wer sehr viel und fast den ganzen Tag liest, dazwischen aber sich in gedankenlosem Zeitvertreibe erholt, die Fähigkeit, selbst zu denken, allmälig verliert, – wie Einer, der immer reitet, zuletzt das Gehn verlernt. Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrten: sie haben sich dumm gelesen.

Kaum ist im 18. Jahrhundert der Roman erfunden worden, da treten auch schon die Warner (wie hier Schopenhauer) auf, die vor der neuen Krankheit Lesesucht (oder Lesewut) warnen. Lesesucht, die Sucht, d. h. die unmäßige, ungeregelte und auf Kosten anderer nöthiger Beschäftigungen befriedigte Begierde zu lesen, sich durch Bücherlesen zu vergnügen, heißt es in einem Wörterbuch im Jahre 1809. Noch im 19. Jahrhundert stellten besorgte Eltern die Romane in einen abschließbaren Schrank. Schopenhauers Parerga und Paralipomena (aus dem das Zitat oben stammt) sind 1851 erschienen, da ist der Buchmarkt schon explodiert. Da gibt es schon mehr Trivialliteratur als Literatur.

Man liest immer etwas, was man nicht hätte lesen sollen: Es ist in der Litteratur nicht anders, als im Leben: wohin auch man sich wende, trifft man sogleich auf den inkorrigibeln Pöbel der Menschheit, welcher überall legionenweise vorhanden ist, Alles erfüllt und Alles beschmutzt, wie die Fliegen im Sommer. Daher die Unzahl schlechter Bücher, dieses wuchernde Unkraut der Litteratur, welches dem Waizen die Nahrung entzieht, und ihn erstickt. Sie reißen nämlich Zeit, Geld und Aufmerksamkeit des Publikums, welche von Rechtswegen den guten Büchern und ihren edelen Zwecken gehören, an sich, während sie bloß in der Absicht, Geld einzutragen, oder Aemter zu verschaffen, geschrieben sind. Sie sind also nicht bloß unnütz, sondern positiv schädlich. Das ist auch noch einmal Schopenhauer. Ich habe das Zitat parat, weil ich es schon mal mal in dem Post zu Brigitte Kronauer verwenden wollte. Aber man sollte diesem Zitat auch das schöne Wort All normal people need both classics and trash von Shaw entgegenhalten.

Und man sollte dem pessimistischen Leser Schopenhauer auch die schönen Sätze von Marcel Proust entgegenhalten, denen zufolge das Lesen eher ein Erkenne dich selbst! ist: In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können.

In einer after-dinner speech einer Fachtagung stellte ein Professor der neueren Philologie einmal zehn goldene Regeln für Literaturwissenschaftler auf. Die erste Regel war: Rede in Lehrveranstaltungen nie über Romane, die Du nicht gelesen hast und nur aus 'Kindlers Literatur Lexikon' kennst! Es gab ein riesiges Gelächter, das beinahe die Aufzählung der nächsten neun Regeln verhinderte. Am Anfang meines Studiums bekam ich in der Vorlesung von Professur Rudolf Haas von seinen Hilfskräften ein Papierkonvolut in die Hand gedrückt: die Leseliste des Englischen Seminars der Universität Hamburg. In der Stunde habe ich Haas nicht zugehört (obgleich seine Vorlesung immer sehr gut war), ich arbeitete die Liste durch und machte Häkchen an alle Titel, die ich schon gelesen hatte. Am Ende der Vorlesung musste ich mitansehen, dass manche meiner Kommilitonen beim Verlassen des Audimax die Leseliste in einen Papierkorb neben der Tür warfen. Ich habe mich damals gefragt: warum tun die das? Heute denke ich, dass aus ihnen Professoren geworden sind, die sich ihr ganzes Leben auf Kindlers Literatur Lexikon verlassen mussten. So gut das Lexikon ist, unfehlbar ist es nicht. Manche der Autoren des Lexikons haben das Werk, über das sie schrieben, entweder nicht gelesen oder nicht verstanden. Das gilt natürlich nicht für die Lexikonartikel, die ich geschrieben habe.

In David Lodges Universitätsroman Changing Places spielen Akademiker ein Spiel, bei dem man die meisten Punkte für die Nennung eines Werkes der Weltliteratur bekommt, das man nicht gelesen hat. Der Anglistikprofessor, der bekennt, niemals Hamlet gelesen zu haben, gewinnt. Und verliert wenig später seinen Job. David Lodge selbst hat noch 1985 zugegeben, dass er niemals Krieg und Frieden gelesen habe. Hatte ich damals auch nicht (hatte aber drei Verfilmungen gesehen), jetzt kenne ich den Roman. Ich bin sogar glücklich, dass ich zwei wichtige Romane erst mit einem halben Jahrhundert Verspätung gelesen habe. Der eine ist natürlich Krieg und Frieden, zu dem mich Friedrich Hübner immer wieder gedrängt hat, der andere Roman ist Fontanes Vor dem Sturm. Den ich übrigens (genau wie Krieg und Frieden) ein zweites Mal las, als ich damit fertig war. Es gibt Romane, bei denen man - wie die Maler an der Brücke über den Firth of Forth - wieder von vorne anfängt, wenn man damit fertig ist.

Es ist schon einige Monate her, da unterhielt ich mich mit Friedhard über die Strudlhofstiege. Er hat die längst gelesen, ich fing erst damit an. Letztens erkundigte er sich per Mail, wie weit ich mit meiner Lektüre sei. Ich schrieb zurück, dass ich die Prachttreppe (die man letztens im Fernsehen in Vorstadtweiber sehen konnte) ganz vorsichtig Stufe für Stufe betreten würde. Manchmal einige Stufen zurückgehen würde, manchmal einige Stufen nach oben hin überspringen würde. In seiner nächsten Mail stand: Das ist genau die rechte und beste Art, es zu lesen!

Ich weiß, was ich gelesen habe, ich brauche mir nur die Bücherregale anzuschauen. Früher, als ich noch ein kleiner literarischer Snob war, schrieb ich mit Bleistift perlegi und das Datum in ein Buch, wenn ich es gelesen hatte (das perlegi habe ich inzwischen aufgegeben, heute notiere ich nur vor Monat und Jahr mit Bleistift in einem Buch). In manche, ganz besondere Bücher, schrieb ich das perlegi in Gold. Mein Vater bekam von der Degussa zu Weihnachten immer kleine mit Gold beschichtete Folien, wenn man darauf schrieb, übertrug sich das Gold auf das Papier. Fand ich toll. Man konnte natürlich nicht nur perlegi mit der Goldfolie schreiben, man konnte auch ein goldenes je t'aime als Widmung in ein Buch schreiben. Damit konnte man junge Frauen schon beeindrucken.

Ich hätte gerne den Ausweis der Volksbücherei gehabt. Als Minderjähriger brauchte man dafür das Einverständnis der Erziehungsberechtigten. Meine Vater wollte nicht, dass ich mit den schmuddeligen Büchern (und die waren in der Nachkriegszeit wirklich schmuddelig) der Volksbücherei in Berührung komme, ich bekam von ihm zusätzlich zum Taschengeld ein Büchergeld. Damit beginnt das Verhängnis. Lebenslanges Büchersammeln.

Ich legte Hefte an, in die ich eintrage, was ich gelesen habe und was ich noch lesen will. Diese Jahr für Jahr geführten Hefte mit der gelesenen Literatur waren für mich auch eine Art von Rechtfertigung gegenüber meinem Vater für das großzügig gewährte Büchergeld (obgleich er auf diese Idee gar nicht gekommen wäre und da nie reinguckt, wenn ich sie ihm am Jahresende hinlege). Die Hefte geben mir nach Jahrzehnten einen ganz klaren Blick auf meine Entwicklung als Leser. Gleichzeitig rufen sie mir auch das ganze Jahr ins Gedächtnis zurück. Man liest niemals im luftleeren Raum, Jahreszeiten, das Wetter und schöne Frauen haben auch eine Bedeutung für die Lektüre, und man erinnert sich noch nach Jahren daran. Ich habe die Hefte noch alle, ich greife mir einmal das Jahr 1962 (also ungefähr die Zeit von den Gefährlichen Liebschaften in Berlin) heraus, dann sieht meine Leseliste so aus:

Melville: Billy Budd – Augustinus: De civitate Dei – Schiller: Wallenstein – Machiavelli: Il Principe – Poe: Tales and Poems – Prévost: Manon Lescaut – Catull: Gedichte – Vigny: Glanz und Elend des Militärs – Kierkegaard: Der Begriff Angst – Montherlant: Die jungen Mädchen – Bronte: Wuthering Heights – Goethe: Faust – Aquinas: Sein und Wesen – Proust II – Montaigne: Essays – Thukydides: Peleponesischer Krieg – Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode – Kierkegaard: Die Wiederholung – Sartre: Zeit der Reife – Leonardo da Vinci: Schriften – Proust III – rowohlt monographie Proust – Proust: Fünf Essays – Gracian: Criticon - Hocke: Manierismus I+II – Platon IV – Platon II – Johnson: Mutmaßungen über Jakob – Büchner: Dramen – Mann: Tod in VenedigFragmente der Vorsokratiker – Pascal: Pensées – Lawrence: Sons and Lovers – Faulkner: Intruder in the Dust – Faulkner: Go down, Moses - Eliot: Selected Prose – Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem Totenhaus – Hippokrates: Schriften – Malraux: Psychologie der Kunst – Baudelaire: Les Fleurs du Mal – Manzoni: Die Verlobten – Apuleius: Der goldene EselRömische Satiren – Euripides: Hippolyth – Sartre: Der Aufschub – Johnson: Five Plays – Marlowe: Complete Plays – Blake: Selected Prose – Chaucer: Canterbury Tales – Sterne: Tristram Shandy – Platon: Phaidon – Tasso: Arminta – Montherlant: Erbarmen mit den Frauen – Rochefort: Das Ruhekissen - Rousseau: Bekenntnisse – Stendhal: Lucien Leuwen – James: The Turn of the Screw – Proust IV - Melville: Weißjacke – Prévert: Gedichte – Kierkegaard: Tagebücher I – Goethe: Wahlverwandtschaften – Meredith: Diana vom Kreuzweg - Sartre: Was ist Literatur? – James: The Aspern Papers – Zeltner-Neukomm: Der französische Gegenwartsroman - Céline: Voyage au bout de la nuit – Conrad: Lord Jim – Musil: Der Mann ohne Eigenschaften – Wittgenstein: Schriften

Man kann hier diagnostisch ablesen, dass ich eine schwere Kierkegaard Phase habe, dass ich Faulkner und Melville für mich entdecke (Moby-Dick hatte ich schon im Vorjahr gelesen). Und dass die existentialistische Phase (Camus, Sartre) noch anhält, im September werde ich in Berlin Juliette Grèco sehen und hören. Manches sind Jugendsünden, wie zum Beispiel die Lektüre von Henri de Montherlant. Christiane Rocheforts Das Ruhekissen habe ich nur gelesen, weil ich im September den Film mit Brigitte Bardot gesehen hatte. Daneben arbeite ich mich durch Proust und das Programm der Rowohlt Klassiker (das erklärt die Vorsokratiker, Platon, Gracian etc.) und der Exempla Classica des Fischer Verlags (zum Beispiel Sterne, Manzoni, Meredith, Stendhal).

Diese beiden Reihen sind mein Leitfaden durch die Literatur. Mit einundzwanzig will ich durch die Weltliteratur durch sein; ich weiß nicht, wann mir diese Idee gekommen ist, aber ich halte mich zäh daran. Kaum etwas von meinem Leseprogramm stand auf dem offiziellen Stundenplan der Schule, mit Ausnahme von Goethe, Thomas Mann, Uwe Johnson, Franz Kafka und Vergils Äneis. Mein größtes Leseerlebnis im Französischen ist Voyage au bout de la nuit. Was ich mit hätte sparen können, war Walter Jens. Der ist kein wirklicher Schriftsteller.

Vieles von der Lektüre des Jahres 1962 habe ich später ein zweites Mal (und dann im Original) gelesen. Manches habe ich auch nicht verstanden. Aber es hat mich sehr getröstet, als ich im Fernsehen den österreichischen Filmregisseur Michael Haneke in einem Interview sagen hörte, dass er immer über seinem Niveau gelesen habe und vieles nicht verstanden habe. Und dann nach einer Pause hinzufügte, dass man immer über seinem Niveau lesen solle. Es bliebe immer irgendetwas hängen.

Das bringt mich zu Wittgenstein, den ich auch 1962 las, aber natürlich nicht verstand. Jahrzehnte später habe ich einmal einen amerikanischen Philosophieprofessor zu Gast, der sich als erstes auf den Tractatus stürzt. Und feststellt, dass bei mir Seiten verdruckt sind und fehlen. Der Henry kennt sich bei Wittgenstein aus, er hat ein Buch über Wittgenstein und Derrida geschrieben (mit Vorwort von Derrida). Mit schöner Ehrlichkeit muss ich ihm gestehen, dass ich gar nicht bis zu diesen Seiten vorgedrungen bin. Ein echter Leser weiß, wann er ein Buch aufgeben muss.

Und dann erzähle ich Henry noch die wunderbare Geschichte von C.K. Ogden, der den Tractatus ins Englische übersetzt hat. Und der Neurotiker Wittgenstein fegt hin zu Lord Russell, um sich zu beklagen, dass Ogden ihn überhaupt nicht verstanden hätte und dass die ganze Übersetzung falsch sei. Und da lächelt Lord Russell und sagt dem österreichischen Spinner, dass er nur durch diese Übersetzung eine Ahnung von dem bekommen hätte, was Wittgenstein vielleicht meinte. Am nächsten Tag schreibe ich an den Suhrkamp Verlag, und ich bekomme sogar Jahrzehnte nach dem Kauf ein nagelneues Exemplar zugesandt. Habe ich natürlich immer noch nicht gelesen.


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