Donnerstag, 1. September 2016

Samuel Fischer


Am 1. September 1886 hat der 26-jährige Samuel Fischer den gleichnamigen Verlag gegründet, den er beinahe ein halbes Jahrhundert leitete. Es gibt den Verlag immer noch, aber nur dem Namen nach, der Verlag ist heute ein Teil der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Autor des Fischer Verlags zu sein oder in der Neuen Rundschau zu schreiben, war schon etwas Besonderes. Wenn man sich das ➱Verlagsprogramm anschaut, dann hat man das Gefühl, dass hier die gesamte Weltliteratur versammelt ist. Aber es sind neben Arthur Schnitzler, ➱Gerhart Hauptmann, ➱Hermann Hesse und ➱Thomas Mann auch nicht so bekannte Namen dabei. Wie Hans Keilson, der letzte jüdische ➱Autor des alten Samuel Fischer. Gerade noch zeitig genug, um verboten zu werden, hat er mit seinem typischen Humor später über seinen Romanerstling Das Leben geht weiter gesagt.

Als im Mai 1933 in Deutschland Bücher verbrannt werden (lesen Sie mehr in ➱Feuer), sind auch viele Bücher des S. Fischer Verlags dabei. Viele Titel werden verboten, kaum dass sie erschienen sind, wie ➱Harry Graf Kesslers Gesichter und Zeiten. Samuel Fischer, der das Tagesgeschäft schon seinem Schwiegersohn Gottfried Bermann Fischer und ➱Peter Suhrkamp überlassen hatte, ahnte was kommen würde, wollte aber seinen Verlag vor der Vernichtung durch die Nazis bewahren. Er bittet seine Autoren, sofern die Deutschland nicht schon verlassen haben, eine Ergebenheitsadresse an Adolf Hitler zu unterschreiben. Deshalb stehen Namen von Fischer Autoren wie Otto Flake (der ➱hier einen Post hat), Oskar Loerke und ➱Hermann Kasack auf dieser Liste, die ansonsten nichts mit den Nazis zu tun hatten.

Samuel Fischer stirbt 1934, er braucht nicht mehr zu erleben, was aus Deutschland unter den Nazis wird. Er wird am 8. Oktober 1934 auf dem jüdischen Friedhof in ➱Weißensee beerdigt. Die Reichskulturkammer schickte keinen Vertreter, der Börsenverein auch nicht. Es waren vielleicht mal eben hundert Menschen gekommen. Ernst Rowohlt, Anton Kippenberg, Otto Flake, Oskar Loerke waren da. Gerhart Hauptmann, der mit seiner Frau gekommen war, hielt eine der Trauerreden. Die zweite wurde von ➱Manfred Hausmann gehalten, was eigentlich sehr erstaunlich ist, denn der war den Nazis näher als seinem jüdischen Verleger. Thomas Mann war schon im Exil, er wird aber (wie Hauptmann) einen Nachruf auf seinen Verleger schreiben.

Suhrkamp und Bermann Fischer (Bild) ersinnen ein kompliziertes System, um den Verlag zu retten. Sie teilen sich Verlag und Autoren, Suhrkamp bleibt als Platzhalter in Deutschland, Bermann Fischer geht nach Stockholm. In der Doktor Faustus Ausgabe von 1949, die ich irgendwann einmal aus dem Bücherschrank meiner Eltern gemopst habe, findet sich als Verlagsangabe: Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer, Berlin und Frankfurt. Und auf der Rückseite der Seite steht: Lizenzausgabe mit Genehmigung des Bermann-Fischer Verlags Amsterdam. Die erste Ausgabe erschien 1947 im Bermann-Fischer Verlag in Stockholm. Das klingt nicht grade nach großer Freundschaft zwischen den zwei Fischer Verlagen. Sie können in dem Magazin ➱Cicero die traurige Geschichte lesen, die sich hinter den Kulissen abspielte.

Gottfried Bermann Fischer, der beinahe hundert wurde, zog sich 1963 aus dem Verlagsgeschäft zurück und dilettierte als Bildhauer und Maler. In einem Interview hat er gesagt: Meine Lebensarbeit stand unter zwei verpflichtenden Aufgaben: den Verlag zu erhalten und gemäß seiner Tradition fortzuführen und meine Familie vor der Vernichtung durch die Naziherrschaft zu bewahren. Daß mir beides […] gelungen ist, erfüllt mich mit unendlichem Dank. Wenn Sie alles über den S. Fischer Verlag wissen wollen, kann ich nur den Kauf von 100 Jahre S. Fischer Verlag 1886-1986: Kleine Verlagsgeschichte von Reiner Stach empfehlen. Hat mich vor Jahrzehnten drei Mark bei ➱Eschenburg gekostet, man kann es heute zum Preis von 0,01 Euro bei Amazon Marketplace kaufen. Ist mehr wert, weil es nicht nur eine Verlagsgeschichte, sondern auch eine Literaturgeschichte ist.

Kommentare:

  1. Der Link Weissensee scheint nicht zu stimmen.

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  2. Weißensee kommt im Text vor. Vielleicht ist es ein wenig kryptisch, aber es ist eine sehr deutsche Geschichte. Da ist ein Architekt, der halb Berlin umbaut, auch Weißensee. Dann kommen die Nazis, er und sein Sohn verlassen Berlin. Jahrzehnte später kommt sein Sohn, mittlerweile ein weltberühmter Professor zurück in seine Geburtsstadt Berlin. Eingeladen vom Regierenden Bürgermeister. Aber er geht nicht zum offiziellen Senatsempfang, er fährt nach Weißensee. Nicht, weil er die Bauten seines Vaters dort sehen will, sondern wegen seiner Familie. Die liegen alle, Mutter, Großmutter, Tanten, auf dem jüdischen Friedhof. Umgebracht von den Nazis. Und wegen dieser kleinen Geschichte, die mit Weißensee zu tun hat, habe ich einen Link gemacht. Damit sich Leser in diesen Post verirren und ihn lesen.

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