Dienstag, 11. Oktober 2016

Gaudeamus Igitur


Ich erhielt am letzten Wochenende einen Brief. Mit dem Computer geschrieben, aber der Verfasser hatte noch handschriftlich hinzugesetzt, dass dieser Brief am 6. Oktober im Internet stehen würde. Und zwar in diesem ➱Blog. Der Verfasser, einmal einer meiner Studenten, ist heute Lehrer. Ich erinnere mich noch sehr genau an ihn. Ich erinnere mich an sehr viele Studenten, obwohl wir ein Massenfach waren. Manche erinnern sich auch mich. Einige lesen sogar meinen Blog, der Autor des Briefes tut das offensichtlich auch:

       Sehr geehrter Jay,
ich weiß nicht, ob Sie sich an mich erinnern. Der große Mann, der oft schwarz getragen hat, auch mit Lidschatten, wenn nötig. Der in Ihren Seminaren an der CAU immer in der ersten Reihe gesessen hat, von Ihnen aus gesehen links. Der eine Seminararbeit über Andrea Palladio und eine über die Yuppies geschrieben hat. Ich möchte Ihnen mit diesem Brief danken. 
       Schon bevor ich an die Kieler Universität gekommen bin, war mir Ihr Name ein Begriff, denn meine damalige Englischlehrerin hat auch bei Ihnen studiert und Sie mit positiver Konnotation erwähnt. Sie hat mich gedrängt, unbedingt einmal ein Seminar bei Ihnen zu besuchen. „Der ist echt einzigartig“, hieß es. Sie können sich denken, dass ich meine Studienberatung selbstverständlich von Ihnen bekam. Ich weiß es noch ziemlich genau, in diesem Raum 201 der Leibnizstraße 10, da saß ich, noch grün hinter den Ohren, wartete auf Sie – und Sie kamen. Mit aufrechter Haltung, Charisma und Zigarre.
        Sie ermunterten uns, auf die Straße zu gehen, für die Wissenschaft, für die Lehre. Sie schufen ein Bewusstsein in mir, für Missstände an der Uni und die Notwendigkeit, auf den Straßen zu demonstrieren. Das hat gesessen: Ich bin in den folgenden Jahren bei jeder studentischen Demo mitgegangen und habe für die Freiheit der Bildung gekämpft.
        Ich habe immer die Art und Weise bewundert, wie Sie uns Studenten landeskundliches Wissen unglaublich spannend präsentieren konnten. Ich bin ein Mensch, der sich Geschichtliches nicht gut merken kann und der sich eigentlich auch nicht für Geschichte interessiert. Sie hatten ein Seminar angeboten zum Thema „Das Antebellum und der amerikanische Bürgerkrieg“ (oder war es verwoben mit „Der amerikanische Süden“?).
        Normalerweise habe ich über solch ein Seminarangebot hinweg gelesen. Was interessiert mich der amerikanische Bürgerkrieg, ich kann mir die Daten eh nicht merken. Aber der Dozent waren Sie, geschätzter Jay, und genau aus diesem Grund habe ich den Kurs belegt. Ich habe mir gedacht, vielleicht macht der das ja ganz spannend. Und es war nicht nur „ganz spannend“ – ich habe an Ihren Lippen gehangen, ich habe jeden Tropfen Wissen aufgenommen, den Sie über uns ahnungslose Studenten reichlich verschütteten.
        Wir haben drei Wochen lang die Schlacht von Gettysburg behandelt – ich habe noch nie eine so spannende, so lebendige Darstellung von Geschichte erlebt. Sie haben uns quasi mitgenommen auf den cemetery ridge. Sie haben uns die Gegend gezeigt, hier die Lager, da die Kanonen, und dort die Lieferung Schuhe, um die sich am 29.06.1863 alles drehte.
        Und als Sie unser Wissen über britische und amerikanische Mode mehrten – Ermenegildo Zegna, die Bedeutung des Wortes „Revers“, wie die Knopfgröße beim maßgeschneiderten Anzug sein muss und die Atmosphäre der Savile Row. All das haben Sie so lebendig, so leidenschaftlich präsentiert, wir konnten gar nicht anders, als Ihnen gebannt zuzuhören.
        Ich zitiere Sie: „Meine Damen und Herren, dieser Kurs beginnt um 10:15 Uhr und endet um 11:45 Uhr. Sie kommen nicht später. Sie gehen nicht früher.“ Als hätte irgendjemand das tun wollen. Die Zeit ist so schnell verflogen, wenn sie uns auf die Reise durch das „Industrial Design“ mitnahmen, da wollte keiner früher gehen. Der Seminarraum war proppevoll.
        Sie haben ein unglaubliches Charisma – anders kann ich mir jene Szene nicht erklären, die sich im letzten Treffen zum Seminar über die Mode abgespielt hat: Sie priesen die Freiheit der Bildung, die erlaubt, zu unterrichten, was interessiert, was begeistert, und nicht das, was in erster Linie der Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt dient (angesichts der schleswig-holsteinischen Bildungspolitik dürfte sich bei Ihnen der Unmut darüber in verständnislosem Kopfschütteln äußern). Sie schlossen das Seminar ab mit der Bemerkung, dass wir immerhin einmal noch so einen Kurs genießen durften. „We few. We happy few.“ Und ich habe es nie zuvor und auch danach nicht wieder erlebt, dass ein Dozent unter zehnminütigen standing ovations den Raum verlässt.
        Sie haben mich zutiefst beeindruckt und ich wollte so sein wie Sie. Ich wollte andere Menschen für Themen begeistern, so wie Sie es getan haben. Jetzt bin ich endlich auf der anderen Seite des Lehrerpults angekommen, und ich erfahre anhand der Rückmeldungen meiner Schüler, dass es tatsächlich so ist: Ich eifere Ihnen nach, allerdings mittlerweile unbewusst. Sie haben mir tolle Impulse für meine Arbeitsweise gegeben, von der jetzt eine neue Generation von Schülern profitieren kann. Und daher rührt dieses Dankschreiben.
        Und jetzt die Frechheit hoch zwanzig: Lieber Jay, Sie führen einen Blog. Denn noch immer hängen Ihnen die Menschen an den Lippen, noch immer begeistern Sie Ihre Leser. Ich führe ebenfalls einen Blog, und während Sie diese Zeilen lesen, wird Ihnen bewusst werden, dass dieser Brief in diesem Moment auf jenem Blog veröffentlicht wird.
        Wie ich es wagen kann? Ich finde, die Öffentlichkeit hat es verdient, zu erfahren, was für ein großartiger, hochintelligenter und eloquenter Dozent da einst am Englischen Seminar der Uni Kiel war. Und ich möchte meinen Stolz kundtun, dass ich an Ihrem Wissen teilhaben durfte. Und dass ich von Ihnen lernen durfte, was „Freiheit der Bildung“ bedeutet.
        Herzliche Grüße,
        Dr Hilarius

Ja, Vivat academia, vivant professores! vivat membrum quodlibet, vivant membra quaelibet, semper sint in flore! Dr Hilarius versteht das, weil er neben dem Fach Englisch auch Latein studiert hat. Ich muss zwei Dinge in dem Brief korrigieren: ich habe keine Zigarren geraucht, immer nur Pfeife. Und ich glaube, dass die Schlacht von ➱Gettysburg etwas kürzer als drei Wochen bei mir war. Ich muss mich aber bei Dr Hilarius herzlich bedanken, solch nette Dinge hat noch niemand über mich geschrieben. Viele Studenten mochten mich. Und damit meine ich nicht die Studentinnen, die mir Liebesbriefe schrieben: Vivant omnes virgines, faciles, formosae, vivant et mulieres, tenerae, amabiles, bonae, laboriosae.

Von Zeit zu Zeit fand ich eine Dose Gold Block Tabak in meinem Postfach im Geschäftszimmer. Natürlich durfte ich keine Geschenke annehmen, aber die herren- und obdachlosen goldenen Dosen nahm ich in Verwahrung. Zwei Studentinnen malten mir ein Bild, eine Variation von Magrittes Ceci n'est pas une pipe. Das habe ich natürlich aufgehängt. Eine Studentin schenkte mir nach ihrem Staatsexamen eine pinkfarbene Krawatte, ich sagte ihr, dass ich die leider nicht annehmen könne. Sie sagte mir, dass dies kein Geschenk sei, sondern die Rekompensation dafür, dass ihr Dackel mir die ganzen Fransen von meinem Teppich abgefressen hatte. An die kleine Misttöle konnte ich mich noch gut erinnern. Eine Rekompensation ist natürlich etwas ganz anderes als ein Geschenk oder eine Bestechung. Den Schlips habe ich immer noch. Er ist wirklich sehr geschmackvoll, obwohl er von Rudolf Moshammer ist.

Der Anglist Helmut Schrey, Gründungsrektor der Universität Duisburg, hat in seiner Autobiographie gesagt, dass die Anglisten nicht so bedeutende Gelehrte hätten. Aber sie seien meistens nett zu ihren Studenten. An der Sache ist natürlich etwas dran, obgleich es natürlich auch große Gelehrte gab, wie Sie dem Post ➱Rudolf Sühnel entnehmen können.

Nicht alle Studenten haben mich geliebt, you can't win them all. Ich habe da noch diesen Satz im Ohr: Einen so arroganten Hund wie Sie habe ich noch nie an der Uni erlebt! Ich hatte den Studenten, der weder auf der Teilnehmerliste noch auf der Warteliste stand, höflich, aber bestimmt, vor die Tür gesetzt. Dass er Mitglied in einer K-Gruppe war, spielte für mich dabei keine Rolle. So nett ich sein konnte, ich konnte arrogant sein. Für Faulheit und Dummheit hatte ich kein Verständnis, für vieles andere schon. Wenn man Mitglied einer Härtefallkommission ist und Bafög-Beauftragter ist, dann lernt man das menschliche Elend kennen. Und lässt auch schon mal Fünfe gerade sein. Manchmal ist es auch besser, lieber gar nichts zu sagen. Eine Studentin erzählte mir, sie würde im nächsten Semester zur Uni Hamburg wechseln, sie hielte den Leistungsdruck hier nicht mehr aus. Welchen Leistungsdruck? fragte ich. Na, Sie zum Beispiel. Sie verlangen doch, dass jeder jede Woche zu Ihren Seminarsitzungen kommt. In Hamburg ist das ganz anders. Ich wünschte ihr viel Spaß in Hamburg.

Diesem schrecklichen Anwesenheitszwang musste natürlich begegnet werden, und da hat die Regierung von Herrn Albig (der ➱hier und ➱hier schon mit allerlei Tollheiten erwähnt wird) im letzten Jahr ein Gesetz geschaffen, dass die Studenten jubeln lässt: Vivat et res publica, et qui illam regit! vivat nostra civitas, maecenatum caritas, quae nos hic protegit! Die Studenten brauchen keine Seminare mehr zu besuchen, die Anwesenheitspflicht ist abgeschafft. Ein Satz wie: Meine Damen und Herren, dieser Kurs beginnt um 10:15 Uhr und endet um 11:45 Uhr. Sie kommen nicht später. Sie gehen nicht früher, würde kein Publikum treffen. Man kann heute ein Examen bekommen, ohne in einem Seminar gewesen zu sein. O, wonder! How many goodly creatures are there here! How beauteous mankind is! O brave new world, that has such people in’t!

In meinen angefangenen ➱Memoiren (die 500 Seiten dick sind) kommt die Universität nicht vor, es war eine bewusste Entscheidung. Es ist traurig und langweilig über sie zu schreiben. Entweder man schreibt einen satirischen Universitätsroman, oder man lässt es sein. Ich hatte immer ein normales Leben neben der Uni. Aber ich war auch der einzige in meinem Institut, der Reserveoffizier der Bundeswehr war. Und der in seinem Studium in den Semesterferien Bierfahrer gewesen war. Mein größtes Kompliment in meinem Beruf war eine E-Mail eines jüngeren Kollegen, der gerade eine Professur in Süddeutschland erhalten hatte. Es war viel (berechtigter) Hass auf das Institut, das er hinter sich ließ, in der Mail. Und es stand da dieser Satz, dass ich der einzige Ehrliche in diesem Seminar gewesen sei. Nun kommt noch Dr Hilarius' Brief hinzu. Wenn Du dann wieder auf der Erde bist, was machst Du - Hemden bügeln? fragte mein Freund Georg, nachdem er das gelesen hatte. Nö. Ich habe Klavier gespielt.

Noch mehr Uni in diesem Blog: Wende, Gisela von Stoltzenberg, Peter Nicolaisen, Trauer, Erich Trunz, Rudolf Sühnel, Schwarzenbek, Goten, Hansjörg Schneider, Kunstgeschichte 1965, Fußballmannschaft, Ehemalige, Abschiedsgeschenk, Québec, Mai-Unruhen, Carl Otto Czeschka, Erich Trunz, Min Jehan

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