Mittwoch, 19. Oktober 2016

Peepshow


Er hat erstaunliche Dinge gemalt, dieser Samuel van Hoogstraten, der am 19. Oktober 1678 in Dordrecht starb. Dieses kleine Objekt hat er auch gebastelt. Man guckt in den kleinen ➱Perspektivkasten (der im Holländischen Perspectiefkast oder Kijkdoos heißt), und man hat eine Peepshow der besonderen Art: ein Blick in das ➱Interieur eines holländischen Hauses. Die Holländer lassen sich ja gerne in ihre Häuser schauen. Ich muss an dieser Stelle einmal etwas zitieren, was schon in dem Post ➱Holländer steht. Eine kleine Theorie über die Holländer, selbst zurechtgebastelt aus vielen Besuchen des Landes und den Romanen von ➱Nicolas Freeling:

Der brave Handwerksbursche aus Tuttlingen von Johann Peter Hebel, der im Leichenzug des Herrn Kannitverstan mitgeht, würde noch vor einem halben Jahrhundert in jeder holländischen Straße bei Anbruch der Nacht festgestellt haben, dass man in jedes Wohnzimmer hineinschauen kann. Keine Vorhänge. Lauter aneinandergereihte holländische Interieurbilder. Die uns sagen: wir haben nichts zu verbergen. Die roterleuchteten Wohnzimmerstübchen der Nutten in den Walletjes sowieso. Das reine Gewissen, die makellose Sittlichkeit des Kalvinismus wird, vielleicht nicht gerade im roten Licht vom Rosse Buurt, aber sonst überall in Holland, demonstrativ zur Schau gestellt. Aber niemand ist ganz gut, wir haben alle etwas zu verbergen.

Everything could be seen. The Dutch, especially the more provincial Dutch, do not draw their curtains even at night. There are many explanations of this. Van der Valk had always thought it was due to anxiety – the Dutch neurosis. The anxiety lest anyone think them not normal, not conforming, not respectable, heißt es in Freelings Roman Double Barrel.

Zwar hält Albert Vigoleis Thelen, der vom Niederrhein kommt und lange im holländischen Exil gelebt hat, diese Offenheit des Wohnzimmers und des Lebens in seinem wunderbaren Roman Der schwarze Herr Bahßetup für eine zivilatorische Errungenschaft, aber wahrscheinlich sollten wir doch eher dem Kommissar Van der Valk von Nicolas Freeling trauen. Dessen Schöpfer ist zwar in London geboren, kennt aber sein Amsterdam genau. Und so ist für ihn der fehlende Fenstervorhang nur eine Scheinheiligkeit. Hinter aller nach vorn gestellten Frömmigkeit lauern Sünde und Verbrechen, da sind sich die Helden der Romane von Georges Simenon, Nicolas Freeling und Janwillem van de Wetering einig. 

Kriminalromane haben auch eine religiöse Dimension, auf jeden Fall ist das die These des Theologen Erik Routley in seinem Buch The Puritan Pleasures of the Detective Story. In dem Roman Double Barrel beobacht Kommissar Van der Valk nachts eine Wohnung: the very conventional living room of an unmarried woman living alone . . . A calvinist interior, bare, impersonal, dull. No books to be seen, no frivolities. Die Frivolität kommt noch, wenn er die Bewohnerin im Negligé mit seinem Fernglas entdeckt, den Mund rot bemalt, bald wird sie sich ausziehen.


Hoogstratens aufgeräumte Bilder sind voller Symbole, die dargestellte Welt scheint uns vertraut, und doch verlangen die Alltagsgegenstände des kalvinistischen ➱Hollands nach Interpretation. Wie zum Beispiel die ➱Pantoffeln auf diesem Bild, das im Louvre hängt. Es ist das tägliche Brot für Kunsthistoriker, alles auf der Leinwand wieder zu dekodieren. Da ist man schon gut beraten, wenn man ein Symbollexikon griffbereit und den ➱Andreas Alciatus im Kopf hat.

Der Perspektivkasten von Hoogstraten, den die ➱Londoner National Gallery 1923 kaufte, macht uns zu Voyeuren. Es sind im 17. Jahrhundert noch andere gebaut und bemalt worden, aber der in London ist der berühmteste. Der Kauf bewirkt im übrigen auch, dass sich die Kunsthistoriker endlich einmal ein wenig mit Samuel van Hoogstraaten beschäftigten. Bis dahin war er nur im Gefolge der Rembrandtschüler behandelt worden. Als erste interpretierte die französische Kunsthistorikerin Clotilde Misme die holländische Besessenheit von realistisch gemalten Alltagsthemen:

Mais tandis que Pieter de Hooch et Vermeer exaltaient dans leur „Intérieurs‟ recueillis et vivants le culte d'une race patriarcale pour l'intimité. La boîte de Hoogstraten, comme les maisons de poupée du Rijksmuseum, flatte un fétichisme mesquin qui adore le simulacre de son objet. Ich sollte noch hinzufügen, dass Hoogstraten auch als trompe l'oeil Maler hervorgetreten ist. Sie können hier eine ➱Dissertation zu dem Thema lesen. Wenn Sie wollen. Die trompe l'oeil Malerei ist auch im Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts sehr beliebt gewesen.  Schauen Sie doch einmal in den Post ➱Charles Willson Peale und in den Post ➱Samuel Colt.

Halbgeöffnete Türen lassen uns in Räume schauen, es ist nicht ganz verboten, sonst wäre die Tür geschlossen. Ich habe ➱hier eine wunderbare Seite voller Bilder zum Stichwort offener Türflügel gefunden (man kann auf der Seite auch nach anderen Motiven suchen). Auch ein Bild von ➱Anna Ancher, das ich auch schon gezeigt habe, ist hier zu finden. ➱Hammershoi natürlich auch. Besonders gefallen haben mir diese Türen von Félix Valloton, ein Bild, das das Kunsthaus Zürich besitzt.

Der Amerikaner ➱Jimmy Sanders hat in Florenz studiert und Europa bereist, besonders die niederländischen Meister des 17. Jahrhunderts haben ihn beeindruckt. Und dann sah den
Perspectiefkast von Samuel van Hoogstraten. Und dachte sich, dass er so etwas auch einmal malen sollte. Und malte dann sein ➱Atelier in Florenz, aufgeräumt wie ein holändisches Interieur, nur etwas moderner. Und vielleicht mit etwas weniger Symbolik.

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