Donnerstag, 22. Dezember 2016

Improvisationen


Wenn ich Hannes Meyer, dem Leiter des Jugendheims Alt-Aumund, abends beim Aufräumen half, dann durfte ich im im großen Saal noch am Flügel sitzen und spielen. Bis er nach Hause wollte. Der Saal war schon dunkel, Licht brauchte ich nicht: dies waren Improvisationen. Wäre ich damals technisch besser gewesen als ich es war, dann wäre ich Keith Jarrett geworden. Allerdings ohne die Scientology. Was hätte aus mir werden können, wäre ich besser gewesen? Barpianist ist das erste, was mir einfällt. Aber die nehmen auch nicht jeden in der Kneipe.

Theodor Adornos Bemühungen als Barpianist waren nicht von Erfolg gekrönt, Jean Améry hatte da mehr Erfolg. Der liebste unter diesen Barpianisten, die später richtig berühmt geworden sind, ist mir Alphons Silbermann. Nicht weil er in Australien die erste Fast Food Kette begründet hat, sondern weil er dieses wunderbare imaginäre Tagebuch von Jacques Offenbach geschrieben hat (das wird schon in den Posts ➱Arkadien und ➱Jacques Offenbach erwähnt). Früher gab es in Warenhäusern Pianisten, heute gibt es da Muzak, diese Fahrstuhlmusik, die eigentlich gar keine Musik ist. Auch in besseren Hotels blieb man von Pianisten nicht verschont. Ich kann mich noch daran erinnern, dass in einem holländischen Hotel ein Flügel an den Tisch gerollt wurde, bevor das Essen serviert wurde. Und bevor die Suppe kam, kam der Pianist. Die Suppe hätte man eventuell zurückgehen lassen können, den Pianisten nicht.

Manche Pianisten sind mit ihren Improvisationen berühmt geworden. Keith Jarretts ➱The Köln Concert ist schon ein Klassiker. Kann man nach vierzig Jahren immer noch hören. Seinen Mozart besser nicht. Und dann ist da noch Ludovico Einaudi, der für eine Greenpeace ➱Aktion auf (speziell präparierten) Eisschollen spielt. Das hätte ➱Glenn Gould bestimmt nicht getan, der trug schon in geheizten Räumen Handschuhe.

Improvisationen für das Klavier habe ich immer gekauft, zuerst Platten, heute CDs. Man kann sie auflegen und hat den Raum voller Musik, strengt nicht an, ist hervorragend zum Tippen. Was ich empfehlen kann, wäre zum Beispiel Craig Urquharts Songs without Words. Der Mann, der lange der Assistent von Leonard Bernstein gewesen ist, spielt nicht so einfach vor sich hin. Dies ist (wie bei Einaudi) durchkomponierte ➱Musik, die auch schon von ➱anderen gespielt wird: Ihr ist eine trügerische Schlichtheit und Ehrlichkeit zu eigen, die in zeitgenössischen Werken nur selten zu hören ist. Sein klanglicher Ansatz ist nicht bloß aufrichtig sondern in seiner ureigenen Schönheit zutiefst ergreifend, hat Bernstein über Urquhart gesagt. Das ist für die Werbung sicherlich schön, aber Werbung braucht der Künstler wohl nicht, die CDs von Craig Urquhart sind beinahe unbezahlbar. Ich habe einen Euro für Songs without Words bezahlt, bei Amazon kann man auch dreistellige Summen dafür bezahlen.

Hier oben im Norden hatten wir auch mal zwei Pianisten, die für Solo Pianomusik berühmt waren. Ist länger her, das sehen Sie an diesem Plattencover. Der Mann mit dem Namen einer Plattenspielerfirma hieß eigentlich Achim Torpus, aber er sang als Achim Thorens. Und er war producer für alle möglichen Leute. Also zum Beispiel ➱Egon Müller, falls Sie sich an den Speedway Weltmeister noch erinnern können. Und für Joachim Kühn, der zwar nicht aus Kiel kommt, aber von Achim Torpus produced wurde. Mein Gott, wie oft hat der Achim mir das erzählt. Ich konnte ihn eigentlich nicht ausstehen, weil er ein furchtbarer Aufschneider war, aber man wurde ihn nicht los. Er ist schon lange tot (seine nette Frau Carola seit einigen Jahren auch), niemand weiß, ob es ein Unfall oder Selbstmord war. Eigentlich war er trotz seines Diplomatenkoffers und seinem nach außen getragenen Selbstbewußtsein ein armes Schwein, das bleibt im Showbusiness wohl nicht aus.

Doch durch den Achim Torpus ihn habe ich Joachim Kühn kennengelernt und durfte bei Proben zuhören, LPs und CDs von Kühn habe ich heute immer noch. Kann man auch immer noch hören. So sah er damals aus (die Sonnenbrille kam nicht ganz an  Zbigniew Cybulski heran), die Platte wurde im Schloss Bredeneek aufgenommen. Wenn Sie jetzt nach dem Anblick dieses Covers noch mehr 70er Jahre Feeling brauchen, dann lesen Sie doch mal eben den Post ➱Nico. Oder den Post ➱Nina van Pallandt.

Und dann war da noch Thilo von Westernhagen, dessen Musik junge Frauen verzauberte. Ich weiß das, weil ich eine kannte, die von mir unbedingt die Adresse des Pianisten haben wollte. Nur weil ich mal beiläufig gesagt hatte, dass ich mal bei ihm zum Kaffee eingeladen war. Seine erste Platte Sunbeam habe ich immer noch (Sie könnten von der ersten Seite einmal ➱Ma Petite hören), sie liegt aber selten auf dem Plattenteller. Ist mir mit dieser Fusion von ➱ECM Jazz und RischarKleidermann irgendwie zu schön. Aber Westernhagen (der mit der Sopranistin Monika Borchfeldt verheiratet war) war ein netter Typ. Ist auch schon tot, wie so viele, die in den 70er Jahren Erfolg hatten.

Dass ich Michael Wollny mag, habe ich schon in dem Post ➱Nachtfahrt geschrieben, von Wollny habe ich mehrere CDs. Neu für mich war der Franzose ➱Didier Squiban. Ist sehr interessant, hören Sie hier doch einmal in seine CD Molène hinein. Und dann habe ich zum Schluss noch eine Zufallsentdeckung, nämlich meinen Klavierstimmer. Das ist unser bester Mann, sagte mir André Urban vom Pianozentrum Hoppe in Kiel. Der junge Mann heißt Philipp Otterstein (Bild), er ist Klavier- und Cembalobauer und hat bei Schimmel in Braunschweig gelernt. Deshalb hält er die Marke auch für die besten Klaviere. Obwohl er mir nach dem Stimmen sagte: Ihr Klavier hat einen wirklich schönen Klang. Einen schönen Klang hat auch das, was Philipp Otterstein bei YouTube spielt (hören Sie ➱hier einmal hinein). Vielleicht ist ja YouTube der erste Schritt auf dem Weg zu einer CD.

Oder auch nicht, denn da sind hunderte von Talenten, die auch auf dem Piano improvisieren. Und das Internet ist voll von Leuten, die angehenden Pianisten beibringen wollen, wie man improvisiert. Früher gab es die Harmonielehre und die Geläufigkeitsübungen von ➱Czerny, heute lernt man offensichtlich improvisieren. Was einmal das Divertimento war, ist heute Easy Listening, etwas, das man nicht unbeschränkt hören kann. Das weichgespülte Zeuch geht einem irgendwann auf die Nerven. Auch Erik Satie (der sicherlich nicht weichgespült ist) geht einem irgendwann auf die Nerven. Das einzige, das man immer hören kann ist Johann Sebastian Bach. Wir hätten ➱Jacques Loussier gar nicht gebraucht, um zu erkennen, dass Bach eigentlich Jazz ist. Du kannst nicht Jazz spielen, ohne auch Bach zu spielen, hat Joshua Redman gesagt.

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