Sonntag, 28. Februar 2016

Fettmilch


Nein, man hat nichts in der Milch gefunden, die Katastrophennachrichten betreffen im Augenblick nur Schokoriegel und Bier. Warsteiner, nicht zu glauben. Fettmilch steht hier als Titel, weil man heute vor vierhundert Jahren den Vincenz Fettmilch in Frankfurt hingerichtet hat. Und seinen Kumpel Gerngroß (und noch zwei andere) dazu. Fettmilch & Gerngroß - was für Namen, um einen Aufstand zu machen. Knipperdolling ist natürlich auch nicht schlecht, aber mit dem Namen wären wir in Münster. Oder bei ➱NSU, weil ich eins meiner Autos Knipperdolling getauft hatte. Ich fand den Namen so witzig.

Es geht heute um den Frankfurter ➱Fettmilch Aufstand, der vor vielen Jahren auch mal Gegenstand eines deutschen Fernsehspiels war. Mit Günter Strack als Fettmilch. Dem in der Wirklichkeit natürlich nicht das widerfuhr, was dem Lebkuchenbäcker Vincenz Fettmilch widerfahren sollte: ihm wurden die beiden Schwurfinger abgehackt, dann der Kopf. Danach wurde er gevierteilt und die Körperteile an den Ausfallstraßen aus Frankfurt aufgehängt. Fettmilchs Kopf spießte man an der Brücke auf. Sein Haus wurde abgerissen, seine Frau mit den zehn Kindern aus Frankfurt verbannt. An der Stelle des Hauses wurde eine Schandsäule errichtet. Das sind noch mal Strafen, gelle?

Zu Goethes Zeiten konnte man noch den Schädel an der Brücke sehen, denn der Dichter schreibt in Dichtung und Wahrheit: Unter den altertümlichen Resten war mir, von Kindheit an, der auf dem Brückenturm aufgesteckte Schädel eines Staatsverbrechers merkwürdig gewesen, der von dreien oder vieren, wie die leeren eisernen Spitzen auswiesen, seit 1616 sich durch alle Unbilden der Zeit und Witterung erhalten hatte. So oft man von Sachsenhausen nach Frankfurt zurückkehrte, hatte man den Turm vor sich, und der Schädel fiel ins Auge. Ich ließ mir als Knabe schon gern die Geschichte dieser Aufrührer, des Fettmilch und seiner Genossen erzählen, wie sie mit dem Stadtregiment unzufrieden gewesen, sich gegen dasselbe empört, Meuterei angesponnen, die Judenstadt geplündert und gräßliche Händel erregt, zuletzt aber gefangen und von kaiserlichen Abgeordneten zum Tode verurteilt worden.

Was am 28. Februar 1616 beendet wird, zieht sich über Jahre hin, allein der Prozess gegen Fettmilch dauert ein Jahr. Die Geschichte des Fettmilch Aufstands - in der sich eine Vielzahl von Parallelen zur heutigen Zeit finden - beginnt mit dem Kaiser Matthias, anlässlich dessen Wahl der Frankfurter Rat wie gemeinhin üblich seine Privilegien öffentlich verlesen lassen sollte. Was er nicht tut, man will jahrelange Misswirtschaft verdecken. Hier kämpfen jetzt die Handwerkszünfte mit ihrem Sprecher Fettmilch gegen die Patrizier. Als im Jahre 1613 bekannt wird, dass die Stadt beinahe pleite ist und große Geldmengen veruntreut wurden, wird der Römer gestürmt. Die Zünfte übernehmen dann peu à peu die Gewalt über die Stadt. Heute hat die Stadtverwaltung von Frankfurt 13.000 Mitarbeiter, soviel Einwohner hatte Frankfurt damals nicht. Wenn heute in Frankfurt Geld verbrannt wird, dann macht das nicht die Stadtverwaltung, das macht die Deutsche Bank.

Wo die im Jahre 1613 fehlenden 9½ Tonnen Goldgulden geblieben sind, weiß niemand. Der Rat der Stadt hat keine Belege. Das Schutzgeld, das die Juden damals zu zahlen hatten, war unter den Ratsmitgliedern aufgeteilt worden. Veruntreuung der Einnahmen in großem Stil. Das kennen wir, so etwas haben wir heute noch, von der Armut der Kommunen bis zu verschwundenen Millionen, für die es keine Belege gibt. Und der Herr Schäuble, der in der CDU Spendenaffäre im Jahre 2000 Geld verschwinden ließ, ist heute Finanzminister. Irgendwie hätte Fettmilch etwas Besseres verdient als die Enthauptung.

Es gibt in Frankfurt 1612 und 1613 noch keine wirkliche Revolution, man verhandelt über Interessen. Man macht einen Bürgervertrag, und die Zünfte bekommen durch den Neuner Ausschuss Einsicht in die Finanzen der Stadt. Prekär wird es, wenn Fettmilch die Stadttore von seinen Anhängern besetzen und den Rat für abgesetzt erklären lässt. Zuvor ist noch nichts Böses geschehen. Die Zünfte versuchen, wenn man so will, Recht und Ordnung wieder herzustellen. Da könnten wir noch mit Thomas Jefferson sagen: I hold it that a little rebellion now and then is a good thing, and as necessary in the political world as storms in the physical.

Aber die Mitglieder des Rats verhaften, das geht nun nicht. Der Kaiser Matthias (Sie kennen den aus ➱Franz Grillparzers Ein Bruderzwist im Hause Habsburg) droht am 22. August 1614 die Reichsacht an. Den Kaiser wähnten die rebellischen Zünfte eigentlich ein wenig auf ihrer Seite, jetzt wendet sich ihre Wut gegen eine ganz andere Gruppe: man stürmt und plündert die Frankfurter ➱Judengasse. Aus Kritik, Auflehnung und Aufstand wird ein Pogrom. Dazu beigetragen hat eine Urkunde aus dem Jahre 1349 mit der Kaiser Karl IV seine Rechte über die jüdischen Einwohner an die Stadt abgetreten hatte. Darin steht der Satz, dass wenn Juden von Todes wegen abgingen oder verdürben oder erschlagen würden, falle ihr Eigentum an die Stadt. Was umgehend zur Frankfurter Judenschlacht von 1349 führte. Es ist ein Satz, den man 1614 wieder gebrauchen kann. Später braucht man für Pogrome keine Rechtfertigung mehr.

Nach der Hinrichtung Fettmilchs (Bild) wurden die ausgewiesenen Juden, die in Höchst und Hanau Zuflucht gefunden hatten, wieder nach Frankfurt zurückgeführt. Die Jüdische Gemeinde von Frankfurt feiert seit 1616 alljährlich am 20. Adar das Freudenfest Purim Vintz (Purim Vincenz), das an Fettmilchs Aufstand, das Pogrom und an die feierliche Rückführung der Gemeinde in die Judengasse erinnert. Die Entschädigungen, die ihnen zugesprochen wurden, haben sie nie erhalten.

Aus der Zeit von Fettmilch ist das Vintz Hans Lied erhalten, das nach der Melodie des Frundsberg Liedes gesungen wurde:

Ein schön Lied hübsch und bescheidlich
Für Weiber un Meidlich,
Zu erkennen Gotts Kraft un Macht
Wie der Schomer Isroel hat bei uns gewacht.

Es hat hundert Strophen, im Internet findet sich nur diese erste Strophe, deshalb lassen wir das jetzt mal weg und lassen den Vinzenz Fettmilch reden. Auf jeden Fall so, wie er das in dem Drama von Adolf Stoltze (➱hier im Volltext) tut:

Fettmilch (allein). Ihr Glücklichen, die nur die eigenen Sorgen drücken; fast neide ich euch um euren frohen Sinn. (Läßt sich auf die Bank nieder. Abendröte.) Erquickung spendet dieser stille Ort; – vor mir des Altkings sanftgeschweifte Höhen, die abschiednehmend noch der Tag umglüht. Ein milder West kühlt mir die heiße Stirne und gibt dem Körper neuen frischen Schwung. Ist's doch, als zög mein ganzes Leben in diesem Augenblick an mir vorüber, belastend und versöhnend mein Gewissen ... Tief senkte sich die Schale des Erfolges an meiner Lebenswage, doch ob ihr Zünglein niemals schwankend wird, ist eine Frage, die die Zeit nur löst ... Schon steigen dunkle Schatten auf vor meiner Seele und bange Ahnungen umschleichen mein Gehirn ... Zum Teufel, Fettmilch, bist du noch der alte?! der Mann der Tat, den kein Bedenken schreckt? Der Zweifel ist des Handelns größter Feind, er drängt dich in das Nebelmeer der Schwäche. Beklagenswert sind auch für mich die Opfer meiner Taten, doch fühle ich frei mich von der Schuld, die sie geboren. Wär ich ein schwacher Mann gewesen, hätte ich der Bürger Gunst schon längst verscherzt. Zusammenfassen mußte ich die Leidenschaften des wild erregten Volkes und Richtung geben ihr nach einem Ziel. Ich mußte handeln wie ich es getan, das Urteil überlasse ich dem ewigen Richter, der sicher gnädig sein Verzeihen spricht. Bei Gott, ich lieb' mein Weib und meine Kinder, doch höher noch steht mir das Wohl der Stadt und seiner Bürger. Schon in der Jugend zog's mich mächtig zu ihr hin, in ihr erbaute ich den eigenen Herd und fand die neue Heimat, die mir lieb und teuer. Auf Rosen war ich wahrlich nicht gebettet, und bitterschwer ward mir der Kampf ums Brot. Doch habe niemals mit gekrümmtem Rücken nach Amt und Würde ich geäugt, für die Befähigung mir ein Anrecht gaben. Ein offen Wert ist meines Daseins Atem. Ich fand das Recht gebeugt durch einen Adel, der in dem freien Bürger Untertanen sah. – Mit Gleichgesinnten schloß ich mich zusammen zum Schutz der Freiheit und der heiligen Rechte. (Stützt den Kopf müde in die Hand.) Der Sonne letzter Strahl verglüht und mahnt zur Heimkehr und zu – neuen Sorgen.

Donnerstag, 25. Februar 2016

Alain Delon


Er war Kino-Ikone und Herzensbrecher, schön und überheblich, anziehend und egozentrisch zugleich. Alain Delon hat im Laufe seiner Karriere eine Vielzahl von Persönlichkeiten verkörpert. Er wirkte in mehr als 80 Filmen mit: Luchino Visconti, Jean-Pierre Melville, Jean-Luc Godard, Volker Schlöndorff - Delon hat mit den Großen seiner Branche gedreht.
     Arte zeigt den unnahbaren Einzelkämpfer mit stechend kühlem Blick in vier Spielfilmen: "Monsieur Klein" von Joseph Losey, "Rette deine Haut, Killer" - Delons Regie-Debüt, in dem er selbst die Hauptrolle spielt, "Der Schocker - Der Preis für ein Leben" von Alain Jessua und das Eifersuchtsdrama "Der Swimmingpool" von Jacques Deray. Begleitend dazu gibt die Dokumentation "Alain Delon, persönlich" bisher unbekannte Einblicke in das Privatleben des französischen Stars. Steht so auf der Seite von Arte, die aus irgendeinem Grund einen Schwerpunkt Alain Delon haben.

Hätten sie ja im November des letzten Jahres zeigen können, als er achtzig wurde. Ich habe mir die Dokumentation Alain Delon, persönlich angeschaut und am Montag Rette deine Haut, Killer gesehen. Das Regiedebüt von Delon hatte ich noch nie gesehen. Ich hatte nichts verpasst. Bevor ich anfange, diesen Verriss zu schreiben, möchte ich Sie bitten, sich das Revers von diesem Anzug anzuschauen. Es ist ein sogenanntes Knize Revers, das viele Schneider in Paris bevorzugten (Sie können in dem Post ➱Waltz into Darkness mehr dazu lesen). Delon, der den Burberry Trenchcoat und den ➱Borsalino wieder belebt hat, war - wie viele seiner französischen Kollegen - in Filmen immer gut gekleidet. Deshalb wird er auch schon in den Posts ➱['bɜ:bərᴗi], ➱Trenchcoats, ➱Hüte, ➱Brioni und ➱Lederjacken erwähnt. Über seine rechtsradikalen Ansichten, seine Macho Attitüden und seine Gewaltphantasien schweigt des Sängers Höflichkeit. Es soll aber nicht vergessen werden, dass er sich für Tiere und Tierschutz engagiert.

Rette deine Haut, Killer ist ein Kriminalfilm. Eine ➱Gattung, die das französische Kino perfektioniert hat. Ein Gattung, die Delon kennt, er hat in genügend Filmen dieser Sorte mitgespielt. Und sogar in ➱Filmen des Meisters des Genres Jean-Pierre Melville. Diese Filme (Der eiskalte EngelVier im roten Kreis und Der Chef) gehören auch zu den besten Filmen Delons. Er hätte von Melville etwas lernen können, aber er hat nichts gelernt. Gar nichts. Delon spielt einen Privatdetektiv, der früher einmal bei der Polizei war. Das Motiv ist alt, schon als ➱Raymond Chandler es in The Big Sleep verwandte (ja, Philip Marlowe war einmal im Staatsdienst), war es nicht mehr neu.

Privatdetektive brauchen eine Sekretärin, das ist eine Gattungskonvention. Wir erinnern uns gerne an Effie Perrine, die die Sekretärin bei ➱Hammetts Detektiv Sam Spade ist. Oder an Hélène Chatelain, die die Sekretärin von Nestor Burma ist (➱Léo Malet hat zugegeben, dass er in Bezug auf Detektiv und Sekretärin seine Kollegen Chandler und Hammett ganz schön beklaut zu haben). Der Privatdetektiv Alain Delon hat eine Sekretärin namens Charlotte, die von Anne Parillaud gespielt wird. Sie war damals einundzwanzig und hatte gleich mit Delon eine Affaire.

Das bleibt bei Delon nicht aus, er hatte Affairen mit vielen Frauen. Lange mit Mireille Darc, die in Rette deine Haut, Killer einen klitzekleinen Cameo Auftritt hat (und ➱hier einen vielgelesenen Post hat), kürzer mit Romy Schneider. Und dann ist da noch die Beziehung zu ➱Nico, die einen Sohn von ihm hatte. Den Delon nie anerkannt hat. Obgleich der genau so aussieht wie er. Diese beiden jungen Menschen hatten wohl nichts miteinander, aber im Alter sind sie sich näher gekommen: Delon schwärmt wie ➱Brigitte Bardot für die Front National.

Anne Parillaud zeigt viel nackte Haut in Rette deine Haut, Killer. In dieser Szene sagt sie mit dem nettesten Lächeln ihren beiden Rettern gerade, dass das Sexuelle schon stattgefunden hat. Ach, ist das cool. Und lustig. Dies ist ein Film voller Humor. Alain Delons Humor. Ist wahrscheinlich so ähnlich wie Til Schweigers Humor.

Der größte Erfolg von Anne Parillaud war Luc Bessons Actionfilm Nikita, in dem sie eine Killerin spielt. Da brauchte sie auch nicht so viel anzuziehen. Alain Delon hat der Film wahrscheinlich gefallen. Wenn Anne Parillaud als staatliche Auftragsmörderin ein Erfolg war, als Vampir war sie das nicht. Obgleich sie ein Vampir um Anbeissen war. Ich habe den ➱Film von John Landis Bloody Marie: Eine Frau mit Biß schon in dem Post ➱Fantasy erwähnt. Falls Sie den Post noch nicht gelesen haben, sollten Sie das tun. Der ultimative Artikel zu Vampiren, Zombies, Zeitreisen, Rittern usw.

Eine verworrene Handlung, viel Gewalt und Brutalität, Bösewichte aus der Retorte (auch noch ein klein wenig Gestapo Assoziationen), dumme Polizisten, verbrecherische Polizisten und eine Autojagd (die mit ➱Steve McQueen in Bullitt ist besser) zeichnen den Film aus. Und der infantile Humor. Und schlechte, dröhnende Musik. Oscar Bentons ➱Bensonhurst Blues ist ja ganz nett, brauchte aber nicht so laut zu sein. Ich habe hier eine vierminütige Version des ➱Films, ist alles drin (eine ganze Fassung findet sich ➱hier). Der Film ist offensichtlich jahrelang in Deutschland in einer gekürzten Fassung gezeigt worden, aber das macht nichts. Diesen Film kann man beliebig kürzen. Beliebig verlängern kann man dagegen die Aufzählung der erreurs dans le film auf der französischen Wikipedia Seite.

Wenn ich jetzt bösartig wäre, dann würde ich sagen, dass das Beste in dem Film der kurze Auftritt von Brigitte Lahaie ist, der Königin des französischen Pornofilms. Die Actrice war ja immer mal in Spielfilmen des mainstream Kinos zu sehen (wie in I as in Icarus oder Diva). Oder sie verschönte Naziploitation Filme wie Bordel SS und Horrorfilme wie La Nuit des traquées (The Night of the Hunted).

Es ist ein Film, von dem ich eine DVD besitze, lag im Grabbelkasten, hat mich zwei Mark gekostet. Ich hatte einmal den Plan, über die schlechtesten (und komischsten) Filme des Fantasy Genres zu schreiben. Also Filme wie The Lair of the White Worm (hat ➱hier schon einen Post) oder The Hunger mit ➱Catherine Deneuve. Und ähnliche Filme. Man muss dabei aber ganz vorsichtig sein, ich glaube Jean Rollins La Nuit des traquées hat schon Kultstatus. Ist filmisch gesehen auf jeden Fall besser als Delons Rette deine Haut, Killer.

Arte hat in seinem Delon Schwerpunkt auch gute Delon Filme gezeigt, so etwas gibt es natürlich auch. Aber da hat Delon keine Regie geführt. Für Rette deine Haut, Killer gilt der schöne Satz Ne sutor supra crepidam!, was auf deutsch Schuster bleib bei deinen Leisten heißt. Und seien Sie unbesorgt, ich rede jetzt nicht wieder über ➱Schuhe. Aber dass Delon Kunde bei ➱Berluti war, dass darf man ja wohl noch erwähnen.

Regie zu führen ist eine Kunst, bei der man etwas von dem Handwerk verstehen muss. Davon versteht Delon überhaupt nichts, deshalb die continuity Fehler und die Löcher in der Handlung. Der Drehbuchautor heißt übrigens auch Alain Delon. Der Schriftsteller Christopher Frank hat ihm dabei geholfen. Der hatte zehn Jahre zuvor einen Roman geschrieben, der La Nuit américaine hieß. Ein Titel, den wir kennen, ➱Truffaut hat einen Film mit ➱Jacqueline Bisset daraus gemacht. Allerdings muss man sagen, dass die Dialoge von Christopher Frank in Rette deine Haut, Killer nicht auf dem Niveau von Truffaut sind.

Als der Regisseur Delon den Film Rette deine Haut, Killer dreht, ist er sechsundvierzig Jahre alt. Er möchte gerne jünger sein, er möchte auch gerne so tough sein wie sein Konkurrent Belmondo. Ist er aber bei dem ganzen violence is fun Getue nicht. Wenn er einen karierten Anzug tragen würde, wäre dies die perfekte ➱Nick Knatterton Verfilmung. Mit der Kunstform des französischen ➱Kriminalfilms hat dies nichts zu tun.

Delons Filmdebüt erregte nicht das Aufsehen renommierter Kritiker. Zwar finden sich im Internet viele Lobhudeleien, aber die berühmten Cinéasten blieben stumm. Stumm blieb auch Hans Gerhold, ein Kenner des französischen Films. In seinem souveränen Überblick Kino der Blicke: Der französische Kriminalfilm sucht man den Titel Rette deine Haut, Killer vergebens. Am besten hat mir aber gefallen, was Jean-Patrick Manchette, dessen Roman Delon verfilmte, im Gespräch mit Martin Compart
zu Alain Delons Film gesagt hat: Egal was die Kritik sagt: Ich halte die Verfilmungen von Chabrol oder Bral nicht für besser als die durch Delon und Deray. Von mir wird man kein schlechtes Wort über Delon hören; er hat mir mein Appartement bezahlt.


Dienstag, 23. Februar 2016

Die letzte Omega


Diese Uhr ist nicht jedermanns Sache. Edelstahl mit integriertem Band. Zifferblatt, das einem TV Screen ähnelt (es gab das Modell offensichtlich in einer runderen Version - und auch mit blauen Zifferblättern). Es ist dieser coole siebziger Jahre Retro Style, der heute schon wieder akzeptabel ist. Wenn man lange genug wartet, kommt alles wieder (nur die geliebten Frauen aus der Vergangenheit nicht). Und wenn man lange genug wartet, kommt auch das schönste Wetter. Mir fällt bei Sätzen mit dem Wiederkommen (hatte nicht ➱Kierkegaard bewiesen, dass die Sache mit der Wiederholung nicht so richtig funktioniert?) immer dieser wunderbare Dreizeiler von ➱Uli Becker ein:

Gott ja, die Postmoderne, sagt der Minirock
zum Existenzialistenrolli, anything goes
und alles kommt wieder, für 15 Minuten.

Wobei ich sagen muss, dass ich in der letzten Zeit kaum Miniröcke oder Existentialistenrollis gesehen habe. Die Uhr in dem Absatz da oben, kann man viel häufiger sehen. Geben Sie einfach bei Google Bilder 'Omega Seamaster 366.0845' ein. Ich weiß nicht, ob das hier als Minirock durchgeht, aber das Bild gibt mir die Möglichkeit, Cindy Crawford mal eben mit Verspätung zum fünfzigsten Geburtstag zu gratulieren. Ich hätte ja auch ein Bild von Jessica Ennis-Hill hier einstellen können, die trägt zwar für die Omega Werbung einen kürzeren Rock, aber ich weiß nicht, wann die Geburtstag hat.

Die Omega im obersten Absatz ist eine Omega Seamaster, und wenn alle Daten von Gehäusenummern und Werknummern nicht täuschen, dann ist dies eine der letzten Omegas. Weil Omega im Jahr 1984 der Fédération de l'industrie horlogère suisse mitteilt, dass man leider den Manufakturstatus aufgeben muss. Manufaktur ist man, wenn man eigene Werke herstellt, jetzt schalt man bei Omega (die gerade zusammen mit der Konzernschwester Tissot Teil der Swatch Group geworden war) nur noch Fremdwerke ein. Es wird bis zum Jahre 2011 dauern, dass Omega mit dem Kaliber 8500 (Bild) wieder ein Manufakturwerk bauen wird (das zuletzt verwendete Kaliber 2500 war nur ein aufgerüschtes ETA Werk).

Das einzig Positive, was die Omega Firmengeschichte für das Jahr 1985 aus Deutschland berichten kann, ist, dass der Professor Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik eine Omega Constellation Manhattan am Arm trägt. Hier ist sie im Bild, die hässlichste Constellation, die je gebaut wurde, eine Quarzuhr noch dazu. Zehn Jahre zuvor war Deutschland der Ort einer der größten Fehlentscheidungen der Firma gewesen. Man hatte beschlossen, Omega Uhren nicht mehr allein über den Fachhandel zu verkaufen, sondern auch die Kaufhäuser zu beliefern. Wenn man eine Omega bei Hertie kaufen kann, trägt das nicht unbedingt zum Nimbus der Marke bei. In der Firmenchronik Omega Saga von Marco Richon steht dann Jahrzehnte später: C'est l'année de l'aventure des grandes magasins, qui tournera rapidement au désastre.

Uhrmacherisch ist der Gigant Omega 1984 am Ende. Wie viele kleine Firmen. In ähnlicher Krise steckte Omega schon einmal in den zwanziger Jahren, als es noch keine Quarzuhren gab, die die Schweizer Uhrenwelt erschütterten. Zwar hatte der Amerikaner Warren Alvin Marrison schon 1929 eine Quarzuhr gebaut, aber die war so groß, dass man sie nicht am Arm tragen konnte. Im gleichen Jahr schlossen sich Tissot und Omega zur Société Suisse pour l'Industrie Horlogère SA (SSIH) zusammen.

Omega stand 1929 vor der Pleite. Bei der Firma Tissot, die im Rußlandgeschäft mit Uhren für den Zaren groß geworden war (dies hier ist allerdings nicht the real thing sondern eine Nachbildung), hatte man Geld. Madame Marie Tissot pflegte noch Jahrzehnte später im Aufsichtsrat die Vertreter der inzwischen viel mächtigeren Konzernschwester Omega daran zu erinnern, wer sie damals gerettet hatte. Die Enkelin des Firmengründers, die wie ihr Bruder Paul noch in Russland geboren wurde, hat fünfundfünfzig Jahre für die Firma gearbeitet, deren Namen sie trug. Die Firmengeschichte von Tissot kann man in dem Buch Tissot: 150 Jahre Geschichte 1853-2003 von Estelle Fallet nachlesen.

Das Gehäuse von der Omega Seamaster kam von der Bieler Firma Maeder-Leschot. Über die man im August 1977 lesen konnte: Der Presse ist zu entnehmen, dass wegen der andauernden Rezession und des ungenügenden Auftragseinganges die Firma Maeder-Leschot SA sich genötigt sieht, die Uhrenschalenfabrikation einzustellen. Am Ende des Jahres kaufte Omega die Firma, doch Ende August 1984 wurde Maeder-Leschot geschlossen und die dort seit der letzten Restrukturierung verbliebenen 66 Arbeitnehmer entlassen. Konkurse sind in der Schweizer Uhrenindustrie keine Seltenheit, die Uhrenfirma in Schaffhausen, die im Dezember 1879 dieses Plakat aushängte, hat sich inzwischen wieder erholt.

Der Amerikaner F.A. Jones (lesen Sie ➱hier mehr über ihn) hatte gehofft, dass die USA die während des Bürgerkriegs erhobenen Schutzzölle nach dem Krieg aufheben würden. Dann hätte er seine Swiss Made amerikanischen Taschenuhren (hier ein Kaliber Jones) in die USA exportieren können. Aber er hätte wissen sollen, dass Regierungen niemals Zölle und Steuern wieder aufheben. Die Sektsteuer wurde in Deutschland eingeführt, damit Willem zwo seine Schlachtschiffe bauen konnte. Die Sektsteuer haben wir heute immer noch, aber kein einziges Schlachtschiff.

Dieser Herr, in einem Werk der Firma photographiert, steht heute für Omega. Weil James Bond neuerdings Omega trägt. Als er geboren wird, beginnt die Quarzkrise. Es gibt viele Gründe für den schleichenden Untergang der Firma, die vor der großen Krise 1970er Jahre 3.000 Beschäftigte hatte und ca. 1,7 Millionen Uhren im Jahr baute. Es gibt zu viele Modelle und zu viele verschiedene Uhrwerke. Und zu viele Direktoren. Mit zu dem Ruin von Omega beigetragen hat das Uhrwerk in der Seamaster, das die Kalibernummer 1000 trägt.

Ein potthässliches Werk, das nichts von der Schönheit des Kalibers 551 hat (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Officially Certified). Aber man wollte partout ein flacheres Werk haben, das Kaliber 551 war 4,5 Millimeter hoch, das Kaliber 1000 maß nur 4,35 Millimeter. Leider funktionierte es selten. Omega konstruierte es um, es hieß dann 1010 oder 1020. Hatte eine Höhe von 4,8 Millimetern. Da fragt man sich, wozu der ganze Aufwand, der Millionen verschlang?

Bei Omega hieß es: Calibers 1010 to 1022 have been developed on mathematical bases. Indeed, a method of calculation has been perfected in our laboratories whereby maximum data is obtained with regard to the chief features of the various movement parts. Thus, having the most information possible, the constructor is able to  carry out his research under better-controlled conditions than previously. Trial series have confirmed the advantages of this method for, with the said caliber, we are securing timekeeping results which have as yet never been achieved by movements of the same category. Moreover, let us mention that, if this new caliber presents obvious similarities to caliber 1000, it has nevertheless been entirely reconceived and can in no way be compared with it.

Die Uhrenindustrie ist (wie die Automobilindustrie) ja immer auf der Suche nach Neuerungen, das Rad muss immer wieder neu erfunden werden. Bewährte Konstruktionen bedeuten nichts. Obwohl man die ideale Größe von Uhrwerken kannte, wollte man immer flachere und kleinere Werke bauen. Der Chefkonstrukteur der IWC Albert Pellaton hatte sich einst geweigert, ein flacheres Werk zu konstruieren. Die Besitzer einer IWC mit dem Kaliber 401 wissen weshalb. Sie können mehr zu diesem Thema in dem Post ➱Max Bill lesen. Wenn man bedenkt, dass die Gehäuse in den siebziger Jahren immer voluminöser wurden, weshalb dann das Streben nach flacheren Werken?

Rolex hat übrigens diesem Streben nie nachgegeben, ihre Automatikwerke waren beinahe sechs Millimeter hoch. Ein Millimeter mehr oder weniger macht bei den massiven Gehäusen nichts aus, da hätte man wahrscheinlich noch ein zweites Werk einbauen können. Ich muss jetzt einmal Rolex loben - nachdem der Post ➱Rolex die Freunde der Marke so vergrellt hat. Es ist, was die Langlebigkeit von Uhren betrifft, nur vernünftig, größere und höhere Werke zu bauen. Und als man bei Omega endlich die 1010er und 1020er Kaliber baute (die drei Millimeter höher waren als das 551er), war für Omega die Welt wieder in Ordnung. Bis zu dem Augenblick, als sie keine Manufakturwerke mehr bauten.

Was das Design betrifft, so verrät die Omega Seamaster mit der Modellnummer 366.0845 natürlich, dass sie aus der Dekade des schlechten Geschmacks kommt. Ist eine Art Patek Nautilus für Arme (links das Patek Modell aus dem Jahre 1976, rechts die von 2006). Mein Kumpel Keith hat eine Patek Nautilus in Platin, wäre mir zu schwer. Er hat sie einem Typen abgekauft, der mit der Patek durch ganz Südamerika getrampt ist. Sein Freund trug auf der Reise eine goldene Rolex. Am Ende der Reise hatte er die nicht mehr. Nur der Comandante Che Guevara kommt mit einer Rolex unbehelligt durch Südamerika. Die Räuber verschmähten die Patek aus Platin. Sie hielten die für eine Seiko. Das ist designmäßig das Schlimmste, was passieren kann.

Kann einem bei meiner Seamaster (die glücklicherweise das Kaliber 1020 in ihrem stählernen Gehäuse hat) nicht passieren. Hier steht Omega drauf. Und sie hat das Omega Symbol im Glas und auf der Krone. Und hat auf dem Boden dieses Seeungeheuer, das natürlich kein Seepferdchen, sondern ein ➱ἱππόκαμπος ist. Die letzte echte Omega mit Day-Date und Sekundenstopp ist mir lieb und teuer, vor allem, weil sie nicht teuer war. Mein Uhrmacher hat sie mir vor vielen Jahren geschenkt. Der Kunde, der sie zur Revision gebracht hatte, hat sie nie abgeholt. Als der Uhrmacher ihn anrief, sagte der, dass er die Uhr niemals wieder zurückhaben wollte. Mein Uhrmacher konnte viele Geschichten von seltsamen Kunden erzählen.

Am besten hat mir die Geschichte von der Rolex gefallen, die ein Kunde drei Jahre nicht abgeholt hatte. Es stellte sich heraus, dass der Mann die Uhr zur Revision gebracht hatte, bevor er eine mehrjährige Haftstrafe antrat. Bei einem Uhrmacher ist sie sicherlich besser aufgehoben als im Gefängnis. Das sagt jetzt aber nichts über Rolex Besitzer im Allgemeinen aus. Und ich sage auch nichts dazu, dass der Rolex Liebhaber Karl-Heinz Rummenigge vorbestraft ist. Aber wenn man mal beobachtet hat, wie ein Loddel aus Essen eine Rolex kauft und die 500er Scheine aus der Lederjacke holt, während sein Kumpel draußen den Amischlitten (auf dem Bürgersteig geparkt) mit dem Gasfuß am Laufen hält, dann macht man sich schon seine Gedanken über Rolex Besitzer.

Der gerade freigelassene Rolex Besitzer hatte an seiner Rolex übrigens ein Stahlband von Tissot angebracht. Ich dachte mir, dass er ein Kenner sein musste, denn in den siebziger Jahren waren die Stahlbänder von Tissot einwandfrei besser als die von Rolex (dazu gibt es ➱hier einen Post). Häufig kamen sie (zum Beispiel bei den T12 Modellen) von der Firma Gay Fréres, dem Nonplusultra der Uhrenbänder. Rolex hat die Firma vor Jahren gekauft, wahrscheinlich, weil man die jahrzehntelange Meckerei über die miese Qualität der Rolex Bänder nicht mehr aushielt.

Samstag, 20. Februar 2016

Landschaftsmalerei


Nach den scheußlichen Bildern von ➱Max Klinger muss mal eben etwas Hübsches in den Blog. Wie diese Ansicht von Windsor (von Eton aus gesehen). Zweihundert Jahre alt und immer noch eine Augenfreude. Es ist ein Bild des englischen Landschaftsmalers Augustus Wall Callcott (dem Bruder des Komponisten), der am 20. Februar 1779 geboren wurde. Er ist heute nicht so bekannt wie Constable und Turner, aber er ist kein schlechter Maler gewesen.

Er hat bei John Hoppner gelernt. Es wird Sie nicht überraschen, dass es in diesem anglophilen Blog (den die Engländer übrigens nicht lesen) schon einen ausführlichen Post zu ➱Hoppner gibt. Calcott kann auch im Stil von ➱Claude Lorrain malen (Zeitgenossen haben ihn schon mal The English Claude genannt), wie er mit dieser Classical Landscape zeigt. Der Königin ➱Victoria gefiel seine Kunst offensichtlich, sie adelte ihn, kaum dass sie Königin geworden war. Calcott ist der erste englische Landschaftsmaler, der zum Ritter geschlagen wurde. Er bekommt den Titel, William Turner nicht.

Die junge Königin hält ➱Turner schlichtweg für verrückt. In die schlicht gestrickte und saubere Welt von Victoria passt Turner - immer leicht verwahrlost und exzentrisch (für ➱Delacroix wirkte er wie ein farmer with his rough black coat and heavy boots) - einfach nicht hinein. Victoria macht Callcott 1843 auch noch zum Surveyor of the Queen's Pictures. Das ist ein Posten, den ➱Kenneth Clark auch einmal innegehabt hat. Und der Spion ➱Sir Anthony Blunt (Sie könnten jetzt den gleichnamigen Post lesen und sich die ➱Schnipsel des dort erwähnten Theaterstücks A Question of Attribution anschauen), der allerdings seinen Posten und seinen Adelstitel verlor.

Dies hier sieht aus wie Turner, es ist Calcotts Kopie eines Bildes von Turner, mit dem er seit Anfang des Jahrhunderts befreundet war. John Ruskin, der größte Verehrer von Turner mochte Augustus Wall Callcott überhaupt nicht: he painted everything tolerably, and nothing excellently; he has given us no gift, struck for us no light, and though he has produced one or two valuable works… they will, I believe, in future have no place among those considered representative of the English School.

Sir Augustus brauchte das nicht mehr zu lesen. Als Ruskin das schrieb, da war Calcott schon tot. Calcott war zu seinen Lebzeiten ein berühmter Mann, im Gegensatz zu ➱John Constable verdiente er gut. Nach dem Tod von ➱Thomas Lawrence kandidierte er 1830 für die Präsidentschaft der Royal Academy, der Posten ging aber an Martin Archer Shee. Calcott wurde noch berühmter, als er die Schriftstellerin Maria Graham heiratete (die sich von ➱Thomas Lawrence malen ließ). Das Ehepaar unterhielt einen Salon, in dem sich die Künstler und Schriftsteller der Zeit trafen.

Und dennoch ist der Maler, der immer bereit war, jüngere Künstler zu fördern, heute beinahe vergessen. Der englische Wikipedia Artikel basiert auf einem alten Eintrag in der National Biography, der deutsche stammt aus Meyers Konversations Lexikon von 1890. Man merkt das an dem Satz Besonders gut gelangen ihm Schleichhändler. Schleichhändler? Wir sagen heute Schmuggler. Der Satz ist irreführend, so viele ➱Schleichhändler finden sich in seinem Werk nicht.

Das hier sind keine Schmuggler, hier wird im Vordergrund um den Preis der Fische gefeilscht. Interessanter als die Szene im Vordergrund ist natürlich die Behandlung des Lichts. Daran arbeitet Calcott immer, obgleich er weiß, dass er das niemals so revolutionär und souverän hinkriegen wird wie ➱Constable und Turner. Ich liebe den Satz aus dem Wikipedia Artikel: ... wie er denn überhaupt in seinen Bildern nicht nach Effekt haschte. Die Färbung ist immer frisch und glänzend, denn Callcott liebte die Heiterkeit; daher der Zauber, den er in seinen Himmel und in den Silberton seiner Gewässer zu legen wusste. Calcott war in seiner Jugend als Maler origineller, später genügte es ihm, eine Art Imitator von Turner zu sein. Dessen ersten Einfluss kann man hier vielleicht sehen, da kennt er Turner erst wenige Jahre.

Das Bild wurde vor vier Jahren bei Sotheby's für 21.250 Pfund verkauft, einen Turner bekommt man dafür nicht. Aber vielleicht ist es gar nicht der Einfluss von Turner, vielleicht ist es eher ➱Aelbert Cuyp mit seinen Seestücken. Diesen Holländer liebten die englischen Sammler des 18. Jahrhunderts.

Seine in goldenes oder silbernes Licht getauchten Felder und Flüsse, seine stillen Meerlandschaften mochte man in England. Und auch Turner verdankt ihm viel, er bewunderte Cuyps Fähigkeit, die genauen Einzelheiten in all die Farben von umgebendem Dunst hineinzulegen. Und dann sind da natürlich noch die englischen ➱Aquarellisten und die ➱Norwich School. ➱Thomas Girtin und ➱Bonington nicht zu vergessen. Turner ist in dieser Zeit nur einer von vielen Magiern des Lichts.

Die Kühe von Cuyp da oben mussten mal eben sein, dann kann ich noch diese hübschen holländischen Kühe von Calcott abbilden. Die Tate Gallery schreibt dazu: This painting was inspired by the work of the Dutch artist Aelbert Cuyp (1620-91). Among the seventeeth-century Dutch masters whose work was collected in Britain during the early 1800s, Cuyp was regarded with particular affection. Many British painters strove to emulate his warm, golden tonality and soft effects of aerial perspective. The taste for Cuyp was further advanced with the opening of Dulwich Gallery in 1814, which had several fine examples of his work. Turner and Callcott were the two most successful reinterpreters of the artist. Wunderbar. Wenn man geschrieben hätte, dass die englischen Sammler Cuyp schon im 18. Jahrhundert entdeckten, dann wäre es ganz richtig gewesen.

Calcott war ein langsamer Maler, auch wenn seine Bilder direkt aus der Natur zu kommen scheinen: er malt sie im Studio. Skizzen ja, aber plein air Malerei: nein. Er ist nicht Turner. Er malt langsam wie ➱John Singleton Copley, manchmal malt er nur vier Bilder im Jahr. Er konzentrierte sich auf die Bilder, die er in der Royal Academy ausstellen wollte. Es gibt erstaunlich wenig Bücher zu dem Maler, der einmal der Konkurrent von Turner war. Ich habe einen kleinen Katalog, den David Blayney Brown 1981 für die Tate Gallery gemacht hat. Der ist der Spezialist zu dem Thema, er hat 1978 an der Universität Leicester eine Dissertation mit dem Titel The Life and Work of Sir Augustus Wall Callcott, R.A., 1779-1844 eingereicht (man kann die im Internet als PDF Version finden).

Es bleibt eine erstaunliche Sache: zu Max Klinger gibt es massenhaft Literatur, zu Calcott (der in diesem Blog schon in dem Post ➱David Wilkie erwähnt wird) fast nichts. Obgleich seine Bilder wahrscheinlich mehr Menschen Freude bereiten können, als die Bilder von Max Klinger. Aber es ist, wie es ist. Ich kann die Kunstgeschichte nicht ändern. Es wäre schön, wenn dieser Post etwas bewirken könnte. Das habe ich schon gehofft, als ich über ➱John Thomson of Duddingston schrieb, auch jemand, der zu Unrecht vergessen ist. Auf der Seite der ➱BBC können Sie 66 Bilder betrachten. Ein Landschaftsbild von Calcott zu kaufen, ist nicht unmöglich. In den letzten Jahren sind in den englischen Auktionshäusern kleine Bilder für weniger als tausend Pfund verkauft worden.

Vor einem halben Jahrhundert sagte mein Freund Peter zu mir, ich sollte mich auf das 18. Jahrhundert spezialisieren, niemand interessierte sich für das 18. Jahrhundert. Es passte damals wunderbar dazu, dass in dem Semester ➱Peter Nicolaisen mich und noch zwölf andere durch das ganze 18. Jahrhundert in England jagte, ➱Landschaftsgärten und ➱Gotik inklusive. Eigentlich wollte ich eine Dissertation über Landschaftslyrik und Landschaftsmalerei schreiben, aber das wäre eine Arbeit gewesen, die zwei Fächer betraf.

Interdisziplinäre Arbeiten waren damals wenig beliebt. Um es zurückhaltend zu sagen. Also schrieb ich etwas ganz anderes, hörte aber niemals auf zu lesen, was seit ➱Elisabeth Manwaring zu dem Thema geschrieben worden war. Und ich hatte mir damals auch gesagt: irgendwann schreibst Du mal darüber. Habe ich in diesem Blog dann immer wieder getan, zum Beispiel in den Posts, die ➱18th Century im Titel haben. Und vielen anderen. Es gibt da immer noch etwas zu entdecken. Augustus Wall Calcott ist im letzten Jahr etwas bekannter geworden. Nicht durch mich. Nein, er kommt in Mike Leighs Film Mr Turner vor. Sie sehen hier die Herren (von links) Turner, Shee (der Präsident der Royal Academy) und Callcott. Vielleicht hat es am ➱Varnishing Day in der Royal Academy ja so ausgesehen.