Mittwoch, 29. Juni 2016

Engländer


The English are so nice
so awfully nice
they are the nicest people in the world.

And what's more, they're very nice about being nice
about your being nice as well!
If you're not nice they soon make you feel it.

Americans and French and Germans and so on
they're all very well
but they're not really nice, you know.
They're not nice in our sense of the word, are they now?

That's why one doesn't have to take them seriously.
We must be nice to them, of course,
of course, naturally.
But it doesn't really matter what you say to them,
they don't really understand
you can just say anything to them:
be nice, you know, just nice
but you must never take them seriously, they wouldn't understand,
just be nice, you know! Oh, fairly nice,
not too nice of course, they take advantage
but nice enough, just nice enough
to let them feel they're not quite as nice as they might be.


Sie werden es gemerkt haben, das Gedicht von D.H.Lawrence ist ein klein wenig sarkastisch. Sind die Limeys wirklich nice? Wir wollen heute einmal der Frage nachgehen, wer diese Engländer sind.

Just arrived in Scotland. Place is going wild over the vote. They took their country back, just like we will take America back. No games! twitterte ein gewisser Herr Trump am 24. Juni. Die Antwort liess nicht auf sich warten: Scotland voted IN you moron. Die Amerikaner verstehen Europa nicht. Vor Jahrzehnten haben sie bei einem Manöver Planspiel Kiel statt Kiew bombardiert, ist ja so ähnlich.

Nun ist er da, der Brexit. Ist aber schon abgelöst von einem anderen Portmanteau Wort: Bregret. Gebildet aus Britain und Regret. Portmanteau Wörter sind linguistisch eine interessante Sache (Blog ist übrigens auch eins), ➱Alice in Wonderland ist voll davon. Ich möchte dem Plakat im ersten Absatz dies hier entgegenstellen: ➱Keep Calm and Read Silvae, in diesem Blog herrscht keine Aufgeregtheit und kein Katzenjammer (ein deutsches Wort, das die Engländer adaptiert haben). Das kleine Problem dabei ist nur: die Engländer lesen mich nicht. Die sind in der Statistik meines Lesepublikums auf einem der letzten Plätze. Hinter Russland.

Kann man die Engländer verstehen? Das ist eine gute Frage, auf die man aber schwer eine Antwort finden wird. Ich möchte heute einmal eine Anzahl von Büchern aufzählen, in denen wir Anworten finden können, was denn die Bewohner des Vereinigten Königreichs im Innersten zusammen hält. Ich lasse dabei akademische Publikationen mit vielen Fremdwörtern, die schon auf der ersten Seite ➱Lucien Febvres outillage mental zitieren, einfach aus. Was ich zitiere, sind Bücher, die man lesen kann. Und die man antiquarisch (oder in Bibliotheken) finden kann. Dies Bild hier habe ich aus dem interessanten ICONS: A Portrait of England Projekt. Es ist eine interessante Sache, die Kultur eines Landes über ikonisch gewordene Bilder zu definieren. Die Spitfire, Henry VIII, den Tee, das können Sie leicht identifizieren. Aber das Schiff unten rechts? Wenn Sie den Post ➱Notting Hill lesen, dann wissen Sie, was die Empire Windrush für England bedeutet.

Fangen wir mal eben mit den Franzosen an: alles, was André Maurois (der im Ersten Weltkrieg Verbindungsoffizier zu den Engländern war) über ➱England schreibt, lohnt die Lektüre. Und die in diesem Blog schon mehrfach erwähnten Bücher von Pierre Daninos kommen unbedingt auf meine Liste. Wir haben hier auf dem Buchumschlag ja auch ein schönes Beispiel für ein nationales Stereotyp: der englische Gentleman mit kariertem Anzug, ➱Bowler auf dem Kopf, ➱Regenschirm in der Hand und die Times unter dem Arm. Aber nicht alle Engländer sind Gentlemen (Boris Johnson bestimmt nicht), und so wie hier sieht heute kaum noch ein Engländer aus. Leider. Und ➱Pfeife rauchen, das darf man längst nicht mehr, davon kann ich ein Lied singen.

Die Bücher von Pierre Daninos begegneten England mit einem Ton des Humors und der Ironie. Anders geht es offensichtlich nicht. Das hatte schon George Mikes erkannt (der Ghostwriter von ➱The Duke of Bedford's Book of Snobs des Herzogs von Bedford), als er 1946 How to Be An Alien veröffentlichte. Ein Buch, das schnell zu einem Klassiker wurde.

Der würdige Nachfolger von Mikes' Buch war 1989 für die ➱Zeit The English Companion: An Idiosyncratic A-Z of England and Englishness von Godfrey Smith, ein Buch, das auch nicht ohne Humor und Ironie auskam. Nicht nur die Hamburger Wochenzeitung mit dem ➱Bremer Stadtwappen mochte das Buch, auch die englischen Stimmen waren nahezu euphorisch: Evelyn Waugh: A most entertaining book, ➱Kingsley Amis: A mixture of eccentricity and scholarship, highly entertaining, A.J.P. Taylor: Godfrey Smith writes beautiful pithy English, he venerates the beauties of English towns and countryside, luxuriates in English freedoms, cherishes the riches of English civilisation, loves his country.

Zum Thema Europa findet sich bei Smith der Lexikoneintrag: Europe: To an Englishman, still the Continent. Thus one of the great political debates of the last decade was whether or not we should go into 'Europe'; the fact that we were for all other purposes already in it was ignored. To this day 'we' are in England; 'they' are in Europe. Man muss ein wenig über die Sätze nachdenken, sie gelten noch heute.

Ich habe in dem Post ➱Class, der vor vier Jahren (als das Zusammenleben mit den Engländern noch einfacher war) hier stand, geschrieben: Jilly Coopers Buch Class steht in einer Tradition von Büchern, die häufig sehr witzig das Wesen der Engländer zu verstehen suchten. Ich meine damit Bücher wie The English: Are They Human? (1931) von dem Holländer G.J. Renier, How to be an Alien (1946) von George Mikes oder Major Thompson entdeckt die Franzosen (1954) von Pierre Daninos. Und natürlich Nancy Mitfords Noblesse oblige (1956), ihr Buch über U und Non-U nicht zu vergessen. Beinahe all diese Bücher waren Bestseller, sie sind heute schon kleine Klassiker. Wenn ich mal viel Zeit habe, werde ich sie noch einmal besprechen.

Sie merken schon, dass jetzt endlich die Zeit gekommen ist, dass ich dieses Versprechen einmal wahr mache. Ich springe mal eben in die Zeit vor How to be an Alien zurück. 1931 erschienen mit The English: Are They Human? und John Bull at Home gleich zwei Bücher, die uns die Insel und ihre Bewohner mehr oder weniger kritisch beschrieben - wobei uns klar sein muss, dass all diese Bücher nur Momentaufnahmen sind. Sie sind gut für ein Jahrzehnt, wie zum Beispiel die Sozialgeschichte ➱The Long Week-End von Robert Graves und Alan Hodge für die dreißiger Jahre (es gibt nichts Besseres), eine Zeit, in der sich England entscheidend wandelt.

The English: Are they human? war das Werk eines Holländers namens Gustaaf Johannes Renier, der Professor in London war. Es war ein Buch, das die Engländer erschütterte. Lesen Sie doch einmal diesen ➱Leserbrief aus dem Jahre 1931 an den Spectator (wo Boris Johnson mal Herausgeber war, also damals, als er noch nicht durchgeknallt war), dann bekommen Sie einen Eindruck davon. Das Buch war von Montague Phillip Mendoza illustriert, schon der Buchumschlag zeigt, dass das alles vielleicht nicht so ernst war. In der Überschrift seiner Einleitung fragte der Verfasser etwas scheinheilig May a foreigner raise his voice? Is his distorted vision of 'reality' worth communicating? Wir sind heute noch für diese distorted vision of 'reality' dankbar.

Dagegen war John Bull at Home, das 1931 in London und 1932 bei Tauchnitz in Leipzig erschien (die Ausgabe habe ich), von dem Journalisten Karl Silex geradezu harmlos. Dennoch liefert das Buch (das schon in dem Post ➱Blazer erwähnt wird) eine Bestandsaufnahme der englischen Gesellschaft, die noch heute interessant ist. Aus den dreißiger Jahren haben wir auch den schönen Roman England, Their England eines Schotten namens A. G. Macdonell. Da der ➱hier aber schon einen langen Post hat, brauche ich zu diesem Klassiker nichts mehr zu sagen.

Wenn ich schon einen Roman erwähnt habe, möchte ich noch einen zweiten erwähnen. Anthony Powells ➱Dance to the Music of Time beschreibt uns beinahe ein ganzes Jahrhundert, wir könnten den Roman für ein Abbild Englands nehmen. Es wäre allerdings wohl besser, ➱Friedrich Engels Lage der arbeitenden Klasse in England zu lesen, Romane können ein gutes Bild eines Landes vermitteln, aber sie sind eben nur Romane. Und sie portraitieren allzu häufig nur die Upper und Upper Middle Class. Mr Warburton, der im Dschungel jeden Abend sein ➱Dinner Jacket anzieht, ist ein Geschöpf von ➱Somerset Maugham, in der Wirklichkeit ist er wohl ausgestorben. Wie der Gentleman im karierten Anzug auf dem Cover der Bücher von Pierre Daninos.

Es blieb jemandem wie Joseph Goebbels vorbehalten, eine Romanfigur aus einem satirischen ➱Roman für einen wirklichen Engländer zu halten: Kürzlich ist auch auf dem deutschen Buchmarkt unter dem Titel 'Selbstbildnis eines Gentleman' der Roman eines Engländers mit Namen Macdonell in Übersetzung erschienen, den man gelesen haben muß, wenn man das Wesen und die Seele der heute auf den britischen Inseln und im englischen Weltreich regierenden plutokratischen Herrenschicht ganz verstehen will. Man wird dieses Buch nicht aus der Hand legen, ohne auf das tiefste erschüttert zu sein.

Journalisten sind häufig eine schöne Quelle für das Englandbild einer gewissen Zeit. Da könnten wir mit Theodor Fontane anfangen. Seine Sammlung von Reportagen Aus England (aus der man ➱hier Ein Sommer in London lesen kann) kann man noch immer lesen. Und wird darin immer noch Dinge finden, die man im heutigen England wieder finden kann.

Fontane kann schreiben, das wissen wir. Nicht jeder Journalist und Auslandskorrespondent kann schreiben. Rolf Seelmann-Eggebert ist zwar immer ordentlich angezogen und kann für einen Engländer der Upper Middle Class durchgehen; er hat auch alle Orden, die die Königin einem Deutschen verleihen kann, aber er ist ein furchtbarer Langweiler. Er konnte niemals schreiben wie Heinz Ohff (➱Gebrauchsanweisung für England) oder Karl-Heinz Wocker. Der war für die Zeit, als sie seinen Nachruf schrieb ➱Die Stimme aus England, er (und auch Heinz Ohff) fehlen mir. Aber natürlich gibt es junge Leute, aus denen noch viel werden kann. Ich denke da an Christian Zaschke, der die schöne Kolumne ➱Little Britain in der Süddeutschen schreibt. Der liest auch manchmal meinen Blog. Nicht weil ich so berühmt bin, er war mal einer meiner Studenten.

Kann man Bill Bryson noch zu den Journalisten zählen? Sein Bücher Notes From A Small Island (deutsch: Reif für die Insel) und The Road to Little Dribbling: More Notes From a Small Island sind auf jeden Fall eine Leseempfehlung. Bryson ist inzwischen nicht nur Amerikaner, er besitzt jetzt auch die englische Staatsbürgerschaft. Und darf OBE hinter seinen Namen schreiben. Der Langweiler Seelmann-Eggebert hat einen CBE Orden, aber er darf das nicht hinter seinen Namen schreiben, das dürfen nur Engländer. Ich könnte jetzt noch viel mehr Bücher zum Thema England aufzählen, das ahnen Sie schon, aber ich möchte doch zum Ende kommen.

Nicht ohne Großbritannien von A bis Z, das der Brockhaus Verlag 1983 herausbrachte, zu erwähnen. Alle Artikel des Großen Brockhaus, die sich auf England bezogen, in einem Paperback versammelt. Und Hans-Dieter Gelferts Typisch englisch: wie die Briten wurden, was sie sind ist auch ganz nett. Das Buch Traurige Insulaner: Als Ethnologe bei den Engländern (Native Land) von Nigel Barley finde ich überschätzt. Jilly Coopers Class bietet eine bessere Beschreibung der englischen Gesellschaft als dieses Buch. Die Idee, als Ethnologe die eigenen Landsleute so zu beschreiben, wie man einen Südseestamm beschreiben würde, ist ja ganz nett. Aber leider ist Barley kein ➱Clifford Geertz, dem wäre das besser gelungen.

Doch ich habe noch zwei wirklich gute Dinge zum Schluss. Das eine ist Karl Heinz Bohrers Ein bißchen Lust am Untergang: Englische Ansichten. Der Autor sagt über seine Essays, die aus den sechziger und siebziger Jahren stammen, im Vorwort: Dieses Buch handelt von Untergängen. Von englischen Untergängen. Also doch nicht ganz so ernst gemeinten, gewiß nicht pathetischen. Die Ereignisse, die Personen, die Stimmungen, die hier geschildert sind, erklären, warum in der vielzitierten 'Englischen Krankheit' soviel Frivolität, Romantik und Anarchie steckt. 

Karl Heinz Bohrer ist einer der bedeutendsten Intellektuellen unseres Landes, er verlor seinen Posten als Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen, weil man Reich-Ranicki auf der Position haben wollte. Es wäre besser für die deutsche Literaturkritik gewesen, wenn Bohrer den Posten behalten hätte. Die FAZ machte ihm aber das Angebot, Englandkorrespondent der Zeitung zu werden. Das nahm Bohrer, der seit seinem Abi im Jahre 1953 die grüne Insel immer wieder besucht hatte, dankend an. Seine Berichte aus England, die zuerst in der Frankfurter Allgemeinen und im Merkur abgedruckt wurden, erhielten 1978 den Johann Heinrich Merck Preis.

Solch schönen Preis hat Peter Nonnenmacher, der für die Frankfurter Rundschau arbeitete, nicht bekommen. Aber seine Bücher Das blau-rote Königreich: Nachrichten und Geschichten aus Britannien und Insel sucht Anschluss: Wohin treibt Grossbritannien? sind unbedingt die Lektüre wert. Peter Nonnenmacher sitzt immer noch in London, die FR gibt es nicht mehr, jetzt schreibt er für den Züricher ➱Tagesanzeiger. Für diese Seite sollten Sie sich ein Lesezeichen machen.

Engländer sind awfully nice, aber auch leicht beleidigt, das To this day 'we' are in England; 'they' are in Europe von Godfrey Smith ist nur zu wahr. Ich hätte da zum Schluss noch ein nettes Zitat: We judge the inhabitants of other European nations, it is said, from our own insular point of view, are very unjust, admire the wrong men, and adore or detest equally without foundation. In contrast with these shifting, confused, and ill- informed judgments, we are asked to compare, greatly to the disadvantage of our more democratic times, the steady purpose and definite aims of England when it was under the rule of a governing class, and was the soul of the coalition against Napoleon. Das stammt nicht etwa aus der Diskussion der letzten Woche. Das stand 1874 im Saturday Review.

Dienstag, 28. Juni 2016

Island


Das grüne da oben, das ist Island. Orange darunter ist das Vereinigte Königreich, das jetzt aus der EU austreten möchte. Island hat diesen Wunsch nicht. Die isländische Sprache hat zahlreiche ➱Lehnwörter aus dem Englischen, aber die sind schon seit der Zeit des Altenglischen und Mittelenglischen in der Sprache. So heißt kurteis höflich, im Mittelenglischen ist es curteis. Heute lernt jedes Schulkind in Island die englische Sprache. Englische Schulkinder lernen nie Isländisch.

Es gibt Dinge, die England und Island verbinden. Also zum Beispiel isländische Vulkane. Denen verdanken wir Frankenstein und die ➱Vampirliteratur (das steht schon in ➱Vulkane und ➱Wintersonnenwende). Davon abgesehen hatten die Engländer zu Island nicht immer gute Beziehungen. 1940 haben sie es besetzt, und in den sechziger und siebziger Jahren gab es die Kabeljaukriege (hier ein Bild aus dem dritten Kabeljaukrieg). Es ist eine große Schmach für eine Nation, die so gerne Rule Britannia! Britannia rule the waves singt, einen Kabeljaukrieg führen zu müssen. Wie tief kann man fallen, wenn man einmal die ganze Welt beherrschte?

Schon Rudyard Kipling hatte in seinem Gedicht ➱Recessional die Engländer vor ihrem imperialen Größenwahn gewarnt:

Far-called, our navies melt away;
On dune and headland sinks the fire:
Lo, all our pomp of yesterday
Is one with Nineveh and Tyre!

Das Mutterland des Fussballs verliert gegen Island: die EM hat ihre Sensation. Und England hat seinen ersten Brexit, raus aus der EM. Aber sie können sich trösten. Sie haben ja dieses Lied, das davon handelt, dass sie immer verlieren:

Everyone seems to know the score
They've seen it all before
They just know
They're so sure

That England's gonna
Throw it away
Gonna blow it away
But I know they can play
'Cos I remember

Three lions on the shirt
Jules Rimet still gleaming
Thirty years of hurt
Never stoppped me dreaming

Morgen gibt es hier einen langen Post, der Engländer heißt. Ohne Fußball. Und beinahe ohne Schmäh.

Samstag, 25. Juni 2016

Dementia Americana


Der weiße Klotz in der Bildmitte macht schon etwas her. Das Haus mit dem Namen Rosecliff steht in Newport am Strand. Johann Gerhard Oelrichs, Enkel eines Bremer Kaufmanns, hat es sich von den Architekten McKim, Meade und White bauen lassen. Genau genommen hatte seine Gattin den Auftrag erteilt, sie hatte das Geld. Wir sind in der Zeit des ➱Gilded Age, wo Leute, die man so nett Robber Barons nennt, viel, viel Geld haben.

The problem of our age is the proper administration of wealth, so that the ties of brotherhood may still bind together the rich and poor in harmonious relationship, beginnt Andrew Carnegie sein Gospel of Wealth. Wenn man viel Geld hat, kann man gute Werke tun, man will aber auf jeden Fall repräsentativ wohnen. Und das kann man nur in Häusern, die McKim, Meade und White gebaut haben. Dieses Haus in Newport (für den Anwalt von Cornelius Vanderbilt gebaut) ist architektonisch interessanter als Rosecliff, das nur eine schlechte Kopie vom Grand Trianon mit ein bisschen ➱Palladio ist. McKim, Meade und White haben diesen Shingle Style popularisiert, Frank Lloyd Wright (der ➱hier einen Post hat) hat auch in diesem Stil gebaut. Ansonsten setzt das Architekten Trio auf den französischen Beaux Arts Stil, wirkliche Neuerer sind sie nicht.

Nach der Familie Oelrichs wohnte hier in Rosecliff der große ➱Gatsby, auf jeden Fall in der ➱Verfilmung von ➱Fitzgeralds Roman im Jahre 1974. Und auch Grace Kelly war hier in dem Film ➱High Society zu Hause. Und Teile des Filmes Amistad wurden hier gedreht. Die Geschichte des Sklavenschiffs Amistad wurde schon in den Posts ➱Sklavenschiff, ➱Biographien, ➱Bounty und ➱John Quincy Adams erwähnt.

Ich schreibe diesen Post mal eben, weil Stanford White heute vor 110 Jahren gestorben ist. Nicht am Herzinfarkt wegen Überarbeitung, weil sich die Firma McKim, Meade und White nicht vor Aufträgen retten kann. Nein, erschossen auf dem Dachgarten eines Hauses, das er selbst gebaut hatte. Es geht bei diesem Mord um eine Frau, sie heißt Evelyn Nesbitt. Beruf: Model und Schauspielerin. Stanford White war von ihr hingerissen, als er sie auf der Bühne sah. Sie war sechzehn, als er über sie herfiel, vielleicht war sie auch nur vierzehn.

Wir sind jetzt mittendrin in einer der schmutzigsten Geschichten des Gilded Age. Denn der Millionenerbe Harry Kendall Thaw, der die Nesbitt heiratet, ist genau so schmutzig wie der pädophile Stanford White, der so schöne weiße Häuser baut. Thaw lebt von Drogen und Sado Phantasien, peitscht die kleine Evelyn aus. Auf diesem Photo von der berühmten Gertrude Kaesebier sieht sie auch nicht gerade wie ein Unschuldslamm aus. Harry Kendall Thaw kommt für den Mord vor Gericht, die Presse nennt das Ganze The Trial of the Century. Na ja, das Jahrhundert hat erst angefangen, es wird noch viele Prozesse geben, die diesen Namen tragen.

Evelyn Nesbit wird noch lange in der amerikanischen Popular Culture sein, sie lebt bis 1967 und ist noch als Beraterin bei den Dreharbeiten zu ➱The Girl in the Red Velvet Swing (1955) dabei. Dass E.L. Doctorow sie in seinen Roman Ragtime hineinschreibt, das wird sie nicht mehr erleben. Doch dass Dana Gibson aus ihr ein Gibson Girl gemacht hat, das hat sie natürlich erlebt. Das Gibson Girl ist in diesem Blog keine Unbekannte, klicken Sie doch einmal ➱Somewhere West of Laramie und ➱Liberty Girls an. Der deutsche Wikipedia Artikel zu Stanford White hat das noch nicht mitgekriegt, dass Stanford White und Evelyn Nesbit auch in Doctorows Ragtime vorkommen.

Vor zwanzig Jahren ist über den Architekten Stanford White (der in dem Film Ragtime von Norman Mailer gespielt wird) ein seriöses Buch von Suzannah Lessard geschrieben worden: The Architect of Desire: Beauty and Danger in the Stanford White Family. Nicht so seriös ist das, womit die Assistenzprofessorin Paula Uruburu durch die Lande zieht. Sie können sich ihren etwas wirren Vortrag hier anhören. Stanford White und seine Kollegen McKim und Meade sind in diesem Blog schon aufgetaucht, so zum Beispiel in den Posts ➱Louis Henry Sullivan, ➱William Merritt Chase und ➱West Point.

Das hier ist der Madison Square Garden, erbaut von Stanford White, irgendwo da oben auf dem Dachgarten ist er zu Tode gekommen. Sein Mörder plädierte auf temporary insanity und sah sich als Rächer der Ehre und Unschuld der amerikanischen Frau, der durch das, was Stanford White ihm angetan hatte, aus der Balance geraten war. Die Boulevardpresse hat dafür einen neuen Begriff, dementia Americana, gefunden. Da muss man ja geradezu freigesprochen werden. Diese dementia Americana ist eine schöne Wortschöpfung, uns allen fallen für die amerikanische Demenz sofort viel Beispiele ein. Selbst ohne ➱Donald Trump zu zitieren. Sie können die Rede von Thaws Verteidiger Delphin Delmas, der als erster die dementia Americana bemühte, ➱hier lesen.

Die Mutter des Mörders (der hier im Gefängnis luxuriös speist) hatte für Ärzte und Anwälte Millionen ausgegeben, damit sie sich diese Sache mit der temporary insanity einfallen ließen. Ihm musste eine Geisteskrankheit attestiert werden, damit er der Todesstrafe entging, aber er durfte nur ein klein wenig geisteskrank sein (nicht so geisteskrank wie viele in seiner Familie). Also erfanden die Juristen die temporary insanity und die Yellow Press die dementia Americana.

Diese Dementia Americana hat sich der amerikanische Schriftsteller Keith Maillard 1994 als Titel seiner Gedichtsammlung genommen. Es sind 27 Sonette, die thematisch um den Golfkrieg kreisen, um Tod und Gewalt. Die kanadische Dichterin Marilyn Bowering (die ➱hier einen Post hat) hat zu den Gedichten gesagt: In 'Dementia Americana' Maillard puts the emotional extremes of America under the knife. The surprise is the song, an icy mountain stream of language that spills through forms as old as Ovid and Petrarch: it is human, sorrowful, cruelly acute.

Ich zitiere mal eben eins dieser ➱Sonette:

There’s plenty to do without the Ninja Turtles. It’s better
to be out of work in Moundsville, West Virginia, and bored,
than to be a soldier in Baghdad and owe your life to the whim
of some miserable little turd—and American skies still bleed
beauty down the sunset over the puzzling flatness of North Dakota.
Even now, the night is preparing a single, perfect
diner in Georgia where everything will be revealed.
In a tender moment, thin as a dime, all American boys and girls
are brave and beautiful and true; angels with bent, grey wings
enfold all roads that go nowhere. Now you can forgive
each other, and neither you, nor anyone, anywhere, will ever again
be slaughtered in your beds. Learn to be harmless, for those at war
reflect each other. There’s plenty to do. Don’t trust the word
of men who stand at Armageddon and battle for the Lord.

Da sind wir noch auf der Ebene des Golfkrieges, doch am Schluss des Bandes, da sprechen Stanford White, Evelyn Nesbitt und Harry Kendall Thaw zu uns. Weil für Maillard diese Geschichte vom Anfang des Jahrhunderts der Beginn von Mord, Lüge und Wahnsinn in Amerika ist. Es lohnt sich, mal darüber nachzudenken.

Donnerstag, 23. Juni 2016

Abdankung


Heute entscheidet es sich, ob Großbritannien die EU verlassen will, man hat den schönen Namen Brexit dafür gefunden. Es stellt sich natürlich die Frage, ob das Vereinigte Königreich überhaupt jemals in der EU gewesen ist. Die haben ja so viele Ausnahmen eingeräumt bekommen wie kein anderer Staat. Der Engländer redet nicht gerne von Europe, eher von dem Continent. Wie in der berühmten Schlagzeile: Fog in Channel; Continent Cut Off.

Es scheint nur angemessen, heute ein wenig über England zu schreiben. Ich schreibe einmal über zwei englische Könige, die beide zurückgetreten sind - die einzigen in den letzten tausend Jahren. Der eine kommt aus Frankreich und geht nach England. Er ist der Nachfolger des Königs Edward III, der 1373 mit Portugal den ältesten europäischen Vertrag in Windsor abgeschlossen hat.

Wo man lesen kann: As true and faithful friends the contracting parties shall henceforth reciprocally be friends to friends and enemies to enemies and shall assist, maintain and uphold each other mutually by sea and by land against all men that may live or die, of whatever dignity, station rank or condition they may be, and against their lands realms and dominions (lesen Sie mehr in ➱Schuhe aus Portugal). Der andere König ist ein Engländer, der nach Frankreich geht, damit seine Ehefrau die Engländer nicht mehr ertragen muss: I hate this country. I shall hate it to my grave, hat sie zu ihm gesagt. Ich fange mal mit dem Franzosen aus Bordeaux, der nach England kommt, an.

What, are they dead? fragt der Diener den Gärtner in Shakespeares Richard II. Und der antwortet:

They are; and Bolingbroke
Hath seized the wasteful king. O, what pity is it
That he had not so trimm'd and dress'd his land
As we this garden! We at time of year
Do wound the bark, the skin of our fruit-trees,
Lest, being over-proud in sap and blood,
With too much riches it confound itself:
Had he done so to great and growing men,
They might have lived to bear and he to taste
Their fruits of duty: superfluous branches
We lop away, that bearing boughs may live:
Had he done so, himself had borne the crown,
Which waste of idle hours hath quite thrown down.

Wir sind in der berühmten ➱garden scene des Theaterstücks. Die hat nichts mit dem englischen ➱Landschaftsgarten zu tun, dieser Garten steht symbolisch für das Königreich: O, what pity is it That he had not so trimm'd and dress'd his land As we this garden! Der König Richard wird von seinem Vetter Henry Bolingbroke zur Abdankung gezwungen und wandert in den Tower. Danach in das Schloss Pontefract (oder Pomfret), das wir hier im Bild sehen können. Dort kommt er im Februar 1400 zu Tode. William Shakespeare hat in seinem Drama Richard III (Richard III, der am Erfolg von ➱Leicester City nicht ganz unschuldig ist, hat ➱hier schon einen Post) gedichtet:

Pomfret, Pomfret! O thou bloody prison,
Fatal and ominous to noble peers!
Within the guilty closure of thy walls
Richard the second here was hack'd to death;
And, for more slander to thy dismal seat,
We give thee up our guiltless blood to drink.

Und er bringt in Richard II auch die Abdankung und den Tod auf die Bühne. Die Abdankungsszenen wurden ihm von der Zensur gestrichen, keine Ausgabe des Stückes, die zur Zeit von Elisabeth I gedruckt wurde, enthält sie. Könige danken nicht ab. Wahrscheinlich wurde Richard auch nicht ermordet, wie der grandiose Geschichtsfälscher William Shakespeare uns sagt. Wahrscheinlich ist er in dem kalten Februar 1400 in Pomfret erfroren. Oder verhungert. Das Schicksal seines Cousins ist Bolingbroke, der jetzt Henry IV ist, ziemlich gleichgültig. Er will die Herrschaft des Hauses Lancaster sichern.

Und obwohl das royale Gemetzel der Rosenkriege noch nicht begonnen hat, beginnt es vielleicht doch schon mit der Abdankung von Richard von Bordeaux. Er ist dreiunddreißig Jahre alt, wenn er stirbt. Auf den Thron kommt er mit zehn Jahren, in einer unsicheren Zeit, ständig vom Tode bedroht. Er ist ein seltsamer Mann gewesen. Einer der ersten englischen Könige, der Englisch spricht und in Maßen ein Schöngeist ist. Er fördert Dichter wie ➱Geoffrey Chaucer und John Gower. Und ist sehr modebewusst. Auf der anderen Seite ist er ein Tyrann, der seine Feinde erbarmungslos niedermetzeln lässt. Und der seinen Garten verkommen lässt, wie uns der Gärtner des Duke of York in Shakespeares Stück sagt. Am 30. September 1399 wird Richard im Tower seine Abdankung unterzeichnen. Und der Hoffnung Ausdruck verleihen that his cousin would be a good lord to him.

Es wird länger als ein halbes Jahrtausend dauern, bis wieder ein englischer König abdankt. Der hat heute Geburtstag. Edward VIII wandert aber nicht in den Tower oder nach Pomfret. Dass er von Hitler begeistert war, wird ihm nicht vorgehalten. Er bekommt den Titel eines Herzogs von Windsor und kann endlich seine geliebte Wallis Simpson heiraten. Und zieht nach Frankreich, dem Land, aus dem Richard von Bordeaux kam. Es hat ihm nicht gefallen, König zu sein: The ceremonial framework that provides the public with a romantic illusion of the higher satisfaction of kingship actually disguises an occupation of considerable drudgery. Irgendwie kann man da nur Weichei sagen. Hat sich ➱Lisbeth jemals über die Mühen des königlichen Alltags beklagt?

Edward VIII ist neben Edward V der einzige englische König gewesen, der nicht gekrönt wurde. Er war zurückgetreten, bevor man die Krönung ausrichten konnte, Edward V (hier mit seinem Bruder im Tower) war schon umgebracht worden, bevor es dazu kam. König zu sein ist in England eine gefährliche Sache. Königin zu sein noch viel mehr, denken wir an die ➱Gattinnen von Heinrich VIII. Richard II war zweimal verheiratet (Edward VIII hatte zahlreiche Geliebte, bevor er Wallis Simpson begegnete), beide Frauen waren minderjährig.

Richards Witwe Isabelle de Valois (die hier gerade von ihrem Vater dem englischen König Richard übergeben wird) geht nach Frankreich zurück. Sie ist elf Jahre alt. Sechs Jahre später heiratet sie ihren elfjährigen Cousin Charles d’Orléans, sie stirbt bei der Geburt ihrer Tochter. Charles wird Herzog von Orléans und ein Dichter werden. Und wird nach England kommen, allerdings unfreiwillig. Er wird in der Schlacht von Azincourt gefangen genommen und bleibt für ein Vierteljahrhundert der Gefangene des englischen Königs. Da kann er dann besser Englisch als Französisch - das Englische hat seit Richard II das Französisch am Hof verdrängt. Er schreibt auch Gedichte auf Englisch:

Whan fresshe Phebus day of seynt valentyn 
Had whirlid vp his golden chare aloft 
The burned bemys of it gan to shyne 
In at my chambre where y slepid soft 
Of which the light that he had with him brought  

He wook me of the slepe of heuynes 
Wherin forslepid y all the nyght dowtles 
Vpon my bed so hard of newous thought 

Of which this day to parten there bottyne 
An oost of fowlis semblid in a croft 
Myn eye biside and pletid ther latyn 
To haue wt them as nature had them wrought 
Ther makis forto wrappe in wyngis soft 
ffor which they gan so loude ther cries dresse 
That y ne koude not slepe in my distres 
Vpon my bed so hard of newous thought 

Tho gan y reyne wt teeris of myw eyne 
Mi pilowe and to wayle and cursen oft 
My destyny and gan my look enclyne 
These birdis to and seide ye birdis ought  
To thanke nature where as it sittith me nought 
That han yowre makis to yowre gret gladnes 
Where y sorow the deth of my maystres 
Vpon my bed so hard of noyous thought 

Als wele is him this day that hath him kaught  
A valentyne that louyth him as y gesse 
Where as this comfort sole y here me dresse 
Vpon my bed so hard of noyous thought 

Sie können das Gedicht ➱hier in mehreren Sprachen lesen und es sich vorlesen lassen. Das Wort newous (oder noyous) in der Zeile Vpon my bed so hard of newous thought bedeutet so viel wie harmful, painful, displeasing - der Dichter ist immer noch unglücklich mit seiner Gefangenschaft, die Tränen und Schlaflosigkeit bringt. Der Brexit wird den Engländern auch Tränen und Schlaflosigkeit bringen.

Mit Dichtern hat der zweite König, um den es heute geht, nun überhaupt nichts am Hut. Ich stelle hier noch einmal einen Post hin, der schon am ➱20. Januar 2011 hier stand. Wurde nicht so recht gelesen, was war da los. Eigentlich hieß er David, auf jeden Fall in seiner Familie. König wurde er als Edward VIII, später war er Herzog von Windsor. Er bewunderte die Nazis und war der bestgekleidete Mann seiner Zeit. Er hatte auch eine Knopfsammlung von allen englischen Uniformknöpfen. Viel weiter gingen seine intellektuellen Interessen nicht.

Look at this extraordinary little book which Lady Desborough says I ought to read. Have you ever heard of it? fragt er seinen Privatsekretär. Das extraordinary little book war Charlotte Brontës Jane Eyre. Einmal bewirtet er den Romanautor ➱Thomas Hardy. Um in der etwas frostigen Atmosphäre ein wenig Konversation zu machen, verblüfft er Hardy mit den Sätzen: Now, you can settle this, Mr Hardy. I was having an argument with my Mama the other day. She said you had once written a book called 'Tess Of The d'Urbervilles', and I said I was sure it was by somebody else. Hardy hat nicht einmal mit der Wimper gezuckt und nur Yes, Sir, that was the name of one of my novels gesagt. Vielleicht hätte sich David weniger um die Knöpfe und mehr um die englische Literatur kümmern sollen.

Heute [20. Januar 2011] vor 75 Jahren starb sein Vater George V. Der einmal gesagt hatte - und das war schon recht weitsichtig von ihm: After I am dead, the boy will ruin himself in 12 months. Nicht einmal die zwölf Monate hat er es auf dem Thron ausgehalten. Sein Vater ist nicht ganz unschuldig an dem, was aus seinen Söhnen geworden ist. Der wunderbare Satz von George My father was afraid of his mother, I was frightened of my father, and I'm damned well going to see that my children are frightened of me ist wahrscheinlich so nicht gesagt worden. Er beschreibt aber, se non vero è ben trovato, die Situation im Schloss von Windsor seit den Tagen von Königin Victoria. Man kann über Edward VIII lächeln, man kann ihn aber auch als eine tragische Figur sehen. Soll ich noch einmal ➱Larkins They fuck you up, your mum and dad zitieren?

Als Edward VIII abdankte, entstand da, wo er eines Tages einmal Gouverneur sein würde, ein Calypso (➱hier von Lord Caresser gesungen), der später durch Harry Belafonte bekannt wurde. Der Calypso It was love, love alone, caused King Edward to leave his throne zeigte, dass diese Musikform ja einmal eine politische Kommunikationsform gewesen war. Was den englischen Kolonialherren nie so recht gefallen hat. Und ich glaube, dass dieser Calypso dem Herzog von Windsor auch nicht gefallen hat:

It was love, love alone
Caused King Edward to leave his throne
It was love, love, love, love, love alone
Caused King Edward to leave his throne

On the 10th of December we heard the talk
He gave his throne to the Duke of York
It was love, love, love, love, love alone
Caused King Edward to leave his throne

King Edward was noble, King Edward was great
it was love that caused him to abdicate
It was love, love, love, love, love alone
Caused King Edward to leave his throne

He said he was sorry that his Mommy would grieve
he cannot help it, he would have to leave
It was love, love, love, love, love alone
Caused King Edward to leave his throne

You can take his power you can take his bought
leave him with his yachting boat
It was love, love, love, love, love alone
Caused King Edward to leave his throne

You can take his money you can take his store
but leave him that lady from Baltimore
It was love, love, love, love, love alone
Caused King Edward to leave his throne

I don't know what Mrs Simpson got in her bone
that caused the king to leave his throne
It was love, love, love, love, love alone
Caused King Edward to leave his throne

On the 10th of December 1936
the Duke of Windsor went to get his kicks
It was love, love alone
Caused King Edward to leave his throne

It was love, love, love, love,
love, love, love, love
love, love, it was love, love alone
Caused King Edward to leave his throne.

Ich mag eigentlich Philip Ziegler als Biographen nicht so sehr (langweiliger Stil, kein panache), aber sein Buch King Edward VIII: The Official Biography von 1990 bleibt wohl vorerst das Standardwerk. Viel amüsanter sind die Tagebücher von Sir Alan Lascelles, der einmal Privatsekretär des zukünftigen Königs war. Faszinierend ist das Buch The Last of the Duchess von Lady Caroline Blackwood, das die Zeit des Herzogs (und natürlich der Herzogin) im selbstgewählten Pariser Exil beschreibt. Über die als "Dokumentation" apostrophierte Peinlichkeit, die das ZDF vorgestern gesendet hat, möchte ich nichts sagen. Es war aber ein trauriger Versuch, journalistisch Bild und Bunte noch zu unterbieten. Über den Herzog von Windsor als Ikone der Herrenmode werde ich bei Gelegenheit noch einmal etwas schreiben. Nicht jetzt, weil ich das Gefühl habe, dass dieser Blog in den ersten Wochen des Jahres schon etwas modelastig geworden ist. Was mir allerdings auf den Seiten des Stilforums den Satz Jay produziert so ziemlich das Brillanteste, was es im deutschsprachigen Blog-Universum zu lesen gibt eingetragen hat. Das höre und lese ich natürlich gerne.

Hier steht der Herzog von Windsor im Garten seines Hauses in Frankreich und blinzelt in die Sonne. Unter seinem linken Knie sieht man ein blaues Bändsel, eigentlich gehört da der Hosenbandorden hin. Wahrscheinlich war der gerade im Safe. Oder schon versetzt? Er läuft normalerweise nicht so herum, aber drinnen im Haus sitzt ein Maler, der ihn als Ritter des Hosenbandordens malen soll. ➱David schnappt nur mal nach Luft. Wenn ich in dem Post Edward VIII sagte: Über den Herzog von Windsor als Ikone der Herrenmode werde ich bei Gelegenheit noch einmal etwas schreiben, dann habe ich das irgendwie wahr gemacht. Sie könnten jetzt auch noch die Posts ➱Guinness, ➱Etiquette, ➱Uniformen, ➱Tab Kragen, ➱Haikragen, ➱Hosenumschlag, ➱Wildlederschuhe, ➱Kiton/Chiton, ➱George IV, ➱Lisbeth, ➱Charles und ➱Walter Sickert lesen.

Sonntag, 19. Juni 2016

Langeoog


Wenn man seine Kurtaxe bezahlt hat, darf man in Langeoog heutzutage täglich einmal umsonst ins Schwimmbad. Und auf den Wasserturm. Und man darf auch ganz umsonst mit der Bimmelbahn zum Hafen und zurück fahren. Langeoog tut etwas für seine Kurgäste, dafür sind sie aber auch Spitzenreiter bei der Kurtaxe. Das war vor Tagen der Inhalt eines Berichts auf N3. Ich erkannte bei all den bunten Bildern mein altes Langeoog nicht wieder. Am gleichen Tag, an dem ich den kleinen Film über Langeoog sah - den ich auch nur sah, weil ich den schlechten Fußball nicht sehen wollte - erhielt ich eine Mail von Ingbert Lindemann mit einem langen Anhang. Es war eine Geschichte der Evangelischen Jugend und des Gemeindelebens meines Heimatorts. Mit vielen Photos, auch von Langeoog. Pure Nostalgie.

Da waren sie alle wieder: Werner, der so gut Fußball spielen konnte; der lange Roder, der schon tot ist. Wolfgang, immer umsichtig und fleißig, Konny voller Dynamik. Und natürlich Ingrid, bei der mein Herz immer einen kleinen Hopser macht, wenn ich ein Bild von ihr sehe. Ingbert Lindemann hat Theologie studiert und ist Pastor geworden, deshalb ist er dazu prädestiniert, objektiv über die Gemeindearbeit zu schreiben. Er hat auch über die Geschichte seiner Aumunder Gemeinde geschrieben, so zum Beispiel in dem Buch Die H. ist Jüdin! Aus dem Leben von Aumunder Juden nach 1933, zu dem der ehemalige Bremer Bürgermeister Hans Koschnick ein Vorwort geschrieben hat.

Ich darf als Blogger subjektiver schreiben. Und Sie lieben mich natürlich für meine Subjektivität. Und für meinen Stil, der ja schon manchmal etwas Literarisches hat. Eine Leserin aus Dänemark schrieb mir zu dem Satz: In der Tiefgarage meines Herzens, wo die Autos stehen, von denen man träumt, wird immer ein dunkelblauer großer Jaguar Mark VII stehen (der sich in Des Königs Jaguar findet): Oh wie schön poetisch. I like. Der Satz ist an der Grenze des Kitsches, das weiß ich. Aber es ist irgendwie auch ein wahrer Satz, und ich mag ihn. Wie ich den ganzen Post mag, ich habe es nun mal mit der Nostalgie. Es reicht bei mir nicht für die Suche nach der verlorenen Zeit, aber manchmal sind meine Rückerinnerungen ein klein wenig davon. Memory Hold-the-Door hat John Buchan seine Lebenserinnerungen genannt, das ist ein wunderbarer Titel. Und da dachte ich mir, ich hole aus dem großen Worthort der Erinnerungen (sprich Bremensien) ein Kapitel heraus, das Langeoog heißt. Sie brauchen dafür auch keine Kurtaxe zu bezahlen.

Wir bekommen in den fünfziger Jahren in der Evangelischen Kirche Vegesack nicht nur ein neues Gemeindehaus, sondern auch einen Diakon für die Jugendarbeit namens Klaus Nebelung. Er wird zusammen mit seiner Frau Waltraut unser Leben verändern. Er wird eine Jugendarbeit auf die Beine stellen, die es in keiner Nachbargemeinde gibt. Und wahrscheinlich in ganz Bremen nicht. Unsere Volksschulklasse wandert beinahe geschlossen in die Eva, wie sie als Abkürzung für Evangelische Jugend schnell heißt. Wir tragen grüne Fahrtenhemden (manchmal, nicht immer, so chic sind die Sachen auch nicht) und ein schwarzes Halstuch, das wir durch einen Ring mit dem Kugelkreuz ziehen. In hoc signo vinces. Ich habe immer noch einen hellblauen Ausweis (ohne Ausweise geht es in Deutschland nicht) auf dem steht, dass ich berechtigt bin, das Zeichen der Evangelischen Jugend Deutschlands zu tragen. Datiert vom 14.6.1959 und unterschrieben von Klaus Nebelung. Auf der Rückseite steht unter dem Kugelkreuz Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Wir haben auch ein rotes Fähnlein mit dem Kugelkreuz, das wir überall hin mitnehmen. Sogar auf dem Rad bis Bornholm, was bei Wind ganz schön am Gepäckträger zerrt. Bei der Evangelischen Jugend gibt es jetzt in Frühjahr und Herbst eine Freizeit in Jugendherbergen, kirchlichen Heimen oder Zeltlagern. Und im Sommer eine große Freizeit oder eine Wanderfahrt. Wir haben ein kleines Gesangbuch namens Mundorgel, das 50 Pfennig kostet. Ein Kirchengesangbuch brauchen wir nicht. Ein dutzend Kirchenlieder können wir spätestens seit dem Konfirmandenunterricht auswendig. Und in der Mundorgel sind auch geistliche Lieder drin, schließlich ist sie vom CVJM herausgegeben. Natürlich sind hier auch Lieder drin, die die Hitlerjugend gesungen hat. Aber das liegt daran, dass sich die Nazis alle Lieder unter den Nagel gerissen haben, die schon viel älter waren und niemals Nazilieder gewesen sind. Auf eine eingängige Melodie kann man alles singen. Flamme empor kommt aus den Freiheitskriegen von 1814, nicht von den Nazis. Das Horst Wessel Lied ist ursprünglich eine Moritat zu einer Leierkastenmelodie aus dem 19. Jahrhundert. Und was ist nicht alles auf die Melodie von Prinz Eugen, der edle Ritter gesungen worden.

Ich habe ein selbst gemachtes Liederbüchlein aufgehoben, das 1936 datiert ist. Hier haben zwei Mitschülerinnen meiner Mutter aus der Vulkanstraße alle Lieder aufgeschrieben, die sie damals gesungen haben. Das meiste da drin ist unverfänglich und steht auch in der Mundorgel und ist vorher das Repertoire der Wandervogelbewegung gewesen: Wilde Gesellen, Jenseits des Tales, Der Wind streicht über Felder oder Hoch auf dem gelben Wagen. Aber dazwischen findet sich auch, in der gleichen Schrift und ohne zu zögern geschrieben, Brüder in Zechen und Gruben. Da ist in der zweiten Strophe die Rede von Börsengauner und Schieber knechten das Vaterland und dann kommt es:

Hitler ist unser Führer,
Ihn lohnt nicht goldner Sold,
der von den jüdischen Thronen
vor seine Füße rollt.


Dies ist einmal ein russisches Studentenlied gewesen, irgendwann hat jemand Brüder, zur Sonne, zur Freiheit dazu gedichtet. Und dann hat ein junger HJ Führer aus Wien namens Roman Hädelmayr, der noch mehr von solchen Texten auf dem Gewissen hat, diesen Text geschrieben. Die Hymne der Sozialisten wird zum Kampflied der SA, heute offiziell verboten nach § 86a des Strafgesetzbuches, aber mit Text und Musik im Internet überall erhältlich. Findet sich auf Seiten, die Deutsche Volkslieder heißen. Wir Deutschen haben ein seltsames Erbe. Hätten wir das damals gesungen?

Für meinen Opa sind alle Jugendorganisationen gleich, solange es nicht die Roten Falken sind, die Jugendorganisation der Arbeiterjugend. Hauptsache, sie machen Geländespiele, was für ihn ein Teil der vormilitärischen Ertüchtigung ist. Für uns sind Geländespiele eher ein großes Programm, um die Natur besser kennenzulernen. Unser Diakon kennt sich, genau wie Opa, mit allem, was da kreucht und fleucht aus. Das Belehrungsprogramm für Flora und Fauna hört nie auf. Es wird aber auch immer ein kulturelles Programm geben, Besichtigungen von Kirchen und Museen und sonstigen Sehenswürdigkeiten. Das ähnelt in manchem einer Klassenfahrt, doch auf Klassenfahrten wird nicht gebetet, da gibt es keine Bibelarbeit. Das ist hier selbstverständlich, wir sind wahrscheinlich eine der letzten Generationen, die noch bibelfest ist. Heute gibt es Generationen von Jugendlichen, die die Bibel nicht kennen, aber darauf stolz sind, dass ihre Ideale Pornos und Komasaufen heißen. Das sind wirkliche Errungenschaften.

Klaus Nebelung hat mit uns keine großen pädagogischen Probleme, wir trinken nicht und rauchen nicht (na ja, nicht bevor wir achtzehn sind). Die einzigen Spannungen treten an einer ganz anderen Stelle auf, ich beobachte das mit einer gewissen Belustigung. Waltraut Nebelung, die immer als weibliche Betreuungsperson mit dabei ist, wenn wir als Gruppe mit Mädchen und Jungen unterwegs sind, hat manchmal mit atmosphärischen Störungen innerhalb der Gruppendynamik zu kämpfen. Sie sieht Annäherungsversuche von gut aussehenden achtzehnjährigen Gymnasiastinnen an ihren Ehemann nicht so gerne. Der ist ja noch nicht so alt und ist ein durchaus vorzeigbares Mannsbild. Und es sind immer wieder kleine Intrigantinnen dabei, die ihre Geduld auf die Probe stellen. Zickenkriege, würde man heute sagen. Ich bewundere sie, wie sie damit fertig wird.

Man kann ja über das Wandern in der Natur und das Schlafen in großen Pfadfinderzelten, die in der Mitte oben offen sind, und die Lagerfeuerromantik geteilter Meinung sein. Aber dies ist nicht die HJ, die hat nicht gebetet. Oder wenn, dann an den falschen österreichischen Gott. Um stille Feuer liegen, im Feld bei dunkler Nacht, wenn jemand eine Gitarre dabei hat, das ist schon schön. Mit all diesen Vorgängern seit der Wandervogelbewegung haben wir etwas gemeinsam: wir besitzen nicht viel. Die Fahrten mit der Eva sind für uns ein Besitz und ein Gewinn. Wir haben nicht, wie die heutige Jugend, Mobiltelephone, TV Geräte, Spielekonsolen, Computer, Hi-Fi Anlagen und all das, womit sich die Japaner sonst noch so nach dem verlorenen Krieg an der westlichen Welt rächen. Wir haben Lederhosen (wie Generationen vor uns), einen Anorak und ein Fahrrad. Wir haben eine Junghans Konfirmationsuhr, und das ist schon Luxus. Das Erlebnis von Städten und Landschaften außerhalb unseres kleinen Ortes ist für uns etwas Elementares. George Orwell fand in den dreißiger Jahren den Gedanken erschreckend, dass Menschen eines Tages auf die Idee kommen könnten, den ganzen Tag Radio zu hören. Wenn man 1956 im Zeltlager in Oerlinghausen ist, dann hört man 14 Tage kein Radio, und Fernsehen gibt es eh noch nicht. Die erfahrbare Welt des Teutoburger Waldes bedeutet einem mehr ohne die Segnungen der Technik. Und mit ein bisschen Losglück (das ich nicht habe), darf man sogar in einem Segelflugzeug mitfliegen.

Wir sind nicht die einzige Jugendorganisation in den fünfziger Jahren. Dies ist die große Zeit der konfessionellen, gewerkschaftlichen und anderen Jugendarbeit, man will eine Jugend, die mit demokratischen Zielen und Idealen aufwächst (die Jungen Pioniere lassen wir mal eben aus). Diese Ziele werden auch gefördert, wenn man sich die Geschichte der großen Jugendhöfe anschaut, wird man sehen, dass in den Fünfzigern sehr viel Geld für Neubauten oder eine neue Ausstattung aus amerikanischen Quellen fließt. Steinkimmen in Niedersachsen, wo Hannes Meyer (der zuvor bei uns das Jugendheim leitete) Leiter wird, wäre ein Beispiel. Hierhin gehen nicht nur Gelder von Bremen und Niedersachsen, sondern noch mehr Geld aus der McCloy-Stiftung. (Der hat hier in Berlin in einer ganz kleinen bescheidenen Villa gewohnt, sagt mir Jimmy.) Und auch das moderne Berufsschulzentrum, das 1951 inmitten von Ruinentrümmern in Walle entsteht, ist mit zwei Millionen D-Mark von der McCloy Stiftung finanziert. Wir schwimmen immer noch auf einer von Amerika bezahlten Demokratisierungswelle. Das sind alles noch die Auswirkungen der Re-Education. Und das ist sicherlich ebenso wichtig, wie die Care Pakete ein Jahrzehnt vorher. Es sind andere Dimensionen als in den zwanziger Jahren, als mein Opa in Eggestedt ein Schullandheim gründete. Das hatte noch ein wenig mit der Wandervogelbewegung zu tun. Obgleich meine Mutter immer sagte, dass das nur als Heimat für seine alten Kumpels aus dem Stahlhelm gedacht gewesen sei.

Aber Geld und Ausstattung bedeutet gar nichts, solange die schönen Ideen nicht mit Leben erfüllt werden. Und dafür braucht man Pädagogen und wirkliche Menschen mit Ecken und Kanten. Wie Nebelung und seine tatkräftige Frau, die ein Glücksfall für die Gemeinde sind. Jahrzehnte nach der Gründung der Eva im Jahre 1956 gibt es ein Ehemaligentreffen im großen Saal des Gemeindehauses. Hier haben wir unsere Jugend verbracht, von hier aus haben wir halb Norddeutschland und halb Europa erobert. Es ist ein wichtiger Teil unseres Lebens gewesen. Und sicherlich hat das Ehepaar Nebelung durch sein Vorbild auch viele von uns geprägt. Ich, der ich mein ganzes Leben lang Schwierigkeiten mit dem Akzeptieren von Autoritäten habe, gebe das gerne zu. Vierzig Namen (plus Ehefrauen: manche haben sich hier kennen und lieben gelernt) stehen auf der Einladungsliste. We few, we happy few. Alte Dias von den schönsten Freizeiten werden gezeigt, glücklicherweise hat Klaus Nebelung immer photographiert.

Wir besaßen im Keller des Gemeindehauses sogar ein Photolabor. Dort habe ich mit anderen viele Stunden verbracht, bevor ich mir bei uns im Keller ein kleines Labor einrichten durfte. Wir alle haben immer photographiert, die Jugendarbeit der Gemeinde Vegesack ist besser dokumentiert als die Gemeindearbeit in dem halben Jahrhundert davor. Klaus Nebelung photographiert mit Diafilm und in Farbe (und das ist mit Blick auf zukünftige Dia Abende ja auch völlig richtig). Ich bin damals noch schwarz-weiß Purist. Mein gelungenstes Photo stammt aus Zetel im Frühjahr 1958. Ich habe Konny, Heidi und Ingrid in der schönen kleinen St. Martinskirche sorgfältig ausgewogen placiert und sie angehalten, jetzt gläubig zu gucken. Und das möglichst lange, ich muss mit meiner Werra lange belichten, available light photography. Aber es wird ein tolles Photo, diese chiaroscuro Schatten, die leichte Diagonale der Empore. Henri Cartier-Bresson wäre mit mir zufrieden. Und dann diese fromm guckende Dreiergruppe. Wenn man genau hinschaut, ist auf Ingrids gläubigem Gesicht ein leichtes ironisches Lächeln zu spüren. Sie kann eben nicht anders.

Die Ostfriesischen Inseln liegen für Bremer vor der Tür. Sylt nicht, das überlässt man den Hamburgern. Anfang der fünfziger Jahre wird meine Familie einige Sommer Urlaub auf Sylt machen, auf einem kleinen Zeltplatz südlich von Westerland. Damals hat Sylt noch gar nichts Fashionables an sich. Hinter dem Campingplatz in den Dünen ist ein FKK Badestrand, den meine Eltern bevorzugen. Das müssen bei ihnen noch die Reste der Freikörperkultur der zwanziger und dreißiger Jahre sein. Aber vom FKK Strand einmal abgesehen, geht Sylt für Bremer gar nicht.

Langeoog schon. Spiekeroog wiederum nicht (war ich auch nur ein einziges Mal), obgleich es da wirklich hübsch ist. Es gibt in Bremen eine Rangfolge der Vornehmheit der Inseln, die ich nie eingesehen habe. Norderney (wo Klaus Groth und der König von Hannover Urlaub machten) geht immer. Borkum geht gar nicht, das ist ja schon Holland. Juist gilt als fein, da hat Hans Kalich ein zweites Herrenmodegeschäft (heute haben sie da eine schnuckelige Insel-Bloggerin). Andere Inseln gibt es für Bremer nicht. Außer Helgoland, aber das ist eine andere Geschichte. Langeoog ist für Bremer eigentlich auch nur außerhalb der Saison chic, also im Herbst und Winter, zu Weihnachten und im Frühjahr. Dann ist es wirklich schön, keine Touristen mehr. Die Ostfriesischen Inseln in den fünfziger und frühen sechziger Jahren haben wenig mit den Inseln heute gemein, die Übernachtungszahlen kommen nicht annähernd an die heutigen Zahlen heran. Hatte Langeoog um 1960 vielleicht 30.000 Besucher im Jahr, so sind es heute weit über 200.000.

Norderney strahlt selbst 1949 noch etwas von dem Glanz vergangener Zeiten aus. Ich bin da mit irgendeinem Programm zur Kinderlandverschickung gelandet (gut, das heißt jetzt etwas anders als bei den Nazis), ich kenne keins von den anderen Kindern. Und ich bin, da meine Eltern das bezahlt haben, Selbstzahler. Das Ganze soll gut für meine Gesundheit sein. Mangelkrankheiten gibt es genug. Auch bei dem grässlich schmeckenden Lebertran wird einem eingeredet, dass er gut für die Gesundheit sei. Am ersten Tag, wenn eine brüllende Stimme die Namen vorliest, heißt es Jay, Selbstzahler. Ich weiß damals nicht, was das ist, aber das Kainsmal Selbstzahler haftet mir für die nächsten drei Wochen an. Die Pädagogik im Umgang mit kleinen Bötzeln muss nach dem Krieg offensichtlich mühevoll neu erfunden werden, bei allem Tun herrscht hier noch der Kasernenhofton, da hat sich seit Adolfs Kinderlandverschickung nichts geändert. Für alles müssen wir uns aufstellen und werden angebrüllt, selbst bei Wanderungen über die Insel wird in Zweierreihen marschiert. Wir kommen nicht zur Entfaltung unserer Huckleberry Finn Freiheiten, die wir im Heimatort gewöhnt sind, wo wir im Nachkriegsdeutschland auf der Straße und in den Trümmergrundstücken machen können, was wir wollen.

Ein einziges Mal habe ich Heimweh, nachts im großen Schlafsaal, aber ich weiß nicht, was Heimweh ist, weil ich das Wort nicht kenne. Ich liege wach und habe dieses Gefühl einer großen Einsamkeit und Verlorenheit, das ich nie zuvor kannte. Und auch nicht beschreiben kann. Wenn man keine Wörter dafür hat, weiß man nicht, was es ist. Dann schlafe ich wieder ein. Der Schlafsaal, in dem ich für einen Augenblick Heimweh habe, ist in meinem filmischen Gedächtnis gespeichert, ich kann ihn jederzeit als Bild abrufen. Am letzten Tag kaufe ich für meine Eltern und für Oma Muscheln, auf denen Gruß aus Norderney steht. Wenn man die ans Ohr hält, hört man die Nordsee rauschen. Sagt der Verkäufer. Wenn ich Jahre später wieder einmal in Norderney bin, erkenne ich beinahe alles wieder, ich muss mir damals alle architektonisch interessanten Gebäude gemerkt haben. Diesmal kaufe ich aber keine Muscheln, obgleich die immer noch unverändert im Angebot sind.

Die Evangelische Kirche des Landes Bremen hat in Langeoog ein Jugendfreizeitzentrum von respektablen Ausmaßen. 1947 hatte sich der Bremer Landesjugendpfarrer Werner Brölsch für die Bremer Kirche eine Baracke und das umliegende Land Meedland gesichert. Dass hier ein Gefangenen- und Arbeitslager für sowjetische Kriegsgefangene war, von denen viele hier gestorben sind, hat man ihm damals nicht erzählt, das ist auch erst sehr viel später bekannt geworden. Wahrscheinlich haben sich die Inselbewohner dafür geschämt. Zur Feier von fünfzig Jahren Haus Meedland hat die Bremische Kirche allerdings das dunkle Kapitel der Insel aufgearbeitet.

Als wir mit der Evangelischen Jugend hier Anfang der sechziger Jahre ankommen, erinnert nichts an die dunkle Zeit. Außer Lale Andersen, die einen Kilometer Luftlinie weiter in den Dünen wohnt, und die mit Lili Marleen berühmt geworden ist. Aber die ist nie eine Nationalsozialistin gewesen, die Nazis wollten sie sogar mal ins KZ sperren. Alle Gebäude von Meedland, große Häuserkomplexe und eine kleine hölzerne Kapelle mit einer Loggia, sind neu. Allerdings bleibt hier in Wind und salziger Luft nichts lange neu. Deshalb hat die Evangelische Jugend für Frühjahr und Herbst die Arbeitsfreizeiten (eine nette contradictio in adjecto) erfunden, da hat man Kost und Logis frei, muss aber den halben Tag arbeiten.

Wir sind in dem Sommer das erste Mal mit der Eva in Langeoog, da wollte ich eigentlich gar nicht hin. Ich war von unserer Eva inzwischen mehr gewöhnt: FrankreichParis, Bornholm, Jütland. Und nun dieser Sommer auf Langeoog. Hatte mich gar nicht erst angemeldet. Aber der Hollandurlaub mit meinen Eltern in Egmond aan Zee war irgendwie eine Katastrophe. Das lag nicht nur am schlechten Wetter. Eltern verstehen Neunzehnjährige einfach nicht. Obgleich mein Vater mir häufig den Autoschlüssel in die Hand drückte. Ich nix wie ab nach Amsterdam, habe ich meinen Eltern aber nie erzählt. Als Käptn Janssen zu Besuch war und noch in der gleichen Nacht zurückfahren wollte, sah ich meine Chance. Dann doch lieber Langeoog. Meine Eltern hatten nichts dagegen.

Hein Janssen hatte auch nichts dagegen, denn er hatte schon so viel Genever und Heineken (vulgo Grachtenpisse) getrunken, dass er gar nicht mehr hätte fahren dürfen. Das einzige Problem war sein Opel, dessen Getriebe kaputt war. Wenn man einmal einen halbwegs geeigneten Gang drin hatte, musste man damit fahren, schalten ging nicht, nicht einmal mit Zwischengas. Ich bin in der Nacht von Holland bis Grohn im dritten Gang gefahren und durfte keinen Augenblick anhalten. Die Straßen waren damals noch nicht so gut wie heute. Wir haben uns einen kleinen Grenzübergang ausgesucht, wo alle Grenzer schon schliefen und die Schranken oben waren. Und als wir frühmorgens in Bremen waren, waren die Ampeln glücklicherweise noch nicht wieder angeschaltet, wir brauchten nie zu bremsen. 

Dann habe ich den Opel vor dem Haus von Janssens gegen den Berg rollen lassen, mir mein Gepäck geschnappt und bin damit nach Hause marschiert. Ich habe geduscht, meine Wäsche gewechselt, mir frisches Zeug eingepackt und einen Kaffee getrunken. Und stehe dann eine Stunde später mit Jeans und Lederjacke bettelnd in der Kirchheide vor dem Gemeindehaus am Bus. Unser Diakon Klaus Nebelung hat als guter Hirte sein verlorenes Schäflein mitgenommen. Mit sehr gemischten Gefühlen sehe ich, dass Ingrid auch mitfährt, damit habe ich nicht gerechnet. Oder habe ich es gehofft, als ich aus Holland geflüchtet bin? Sie sitzt im Bus hinter mir. Jetzt, wo wir achtzehn und neunzehn sind, werden die Freizeiten der Eva auch zu richtigen Flirtfahrten. Sie will natürlich an den Kopfstützen vorbei mit mir flirten, aber ich bin davon überzeugt, dass es wieder so eine Laune ist, und lasse die Finger davon. Ich weiß schon, dass ich nur ein Lückenfüller sein würde. Sie verliebt sich immer in die total falschen Männer und kommt dann heulend zurück. Ich sage ihr, dass ich todmüde sei: fahr Du mal ‘nen schrottigen Opel mit kaputtem Getriebe in der Nacht quer durch Holland und Ostfriesland

Dies ist die Frau, die ich liebe, seit ich klein bin, dies ist die Frau, deretwegen ich Gedichte schreibe. Deretwegen ich beim Nachtspaziergang immer einen Umweg mache, der mich an ihrem Haus vorbeiführt. Wie der arme Hund, dessen Liebe die Winterreise ausmacht, schreib im Vorübergehen, ans Tor Dir ‚Gute Nacht’, damit Du mögest sehen, an Dich hab ich gedacht. Wenn ich Mahlers Die zwei blauen Augen von meinem Schatz (was er irgendwie bei Schubert geklaut hat) höre, könnte ich heulen. O Augen blau, warum habt ihr mich angeblickt? Nun hab ich ewig Leid und Grämen. Schubert hat das gewusst, zwei Liederzyklen über die Liebe, und alles steht da drin. Wenn in der Schönen Müllerin der Müllerbursch im Tränenregen in den Bach blickt, dann sieht er die Augen der Liebsten herauf aus dem seligen Bach. Er sieht ihr nicht in die Augen, es ist dieses Abbild aus der Tiefe. Und es ist die Tiefe, die ihn hinab ziehen will. Dieser Bach, der Geselle, mir nach ruft. Und wenn unserem romantischen Liebenden in der letzten Strophe die Augen übergehen, dann ändert Schubert die Melodie und die Tonart. Und die Angebetete sagt lapidar: ade, ich geh nach Haus

So endet das immer. Man kann sich mit Frauen in den Dünensand setzen und aufs Meer gucken, aber in rieselnden Bächen im Abbild ihrer Augen die ewige Liebe sehen zu wollen, da sollte man vorsichtig sein. Unser despektierlicher Biologielehrer Ernstaugust Michaelis (den wir aber alle respektieren) hat mal in einer Stunde gesagt, dass das alles auf in Formeln berechenbare Hormone, Beleuchtung und Make-Up hinausläuft. Das haben die Verfasser der europäischen Liebeslyrik von Petrarca bis Wilhelm Müller oder Jay aber nie geglaubt. Und wenn man achtzehn ist, will man das auch nicht wahrhaben. 

Ich bin lieb und nett zu Ingrid, aber ich halte sie auf Distanz, ich habe eine wunderbare Freundin, rothaarig mit Stupsnase und Sommersprossen. Warum soll ich hier wieder für 14 Tage eine amour fou mit einer femme fatale anfangen? Eher würde ich, um sie zu ärgern, mit ihrer Freundin Antje flirten. Die wird eines Tages einen Hochseesegler heiraten und der Traum aller Admiral’s Cupper sein. Als mir Jahrzehnte später ein Chirurg, der Admiral’s Cup Segler ist, nachts in der Uniklinik eine Unfallverletzung näht, kommen wir ins Schnacken. Als er hört, dass ich Antje seit Kindertagen kenne, legt er Nadel und Faden beiseite. Und fängt an, von ihrer Schönheit zu schwärmen. Ich will ihn jetzt nicht unterbrechen, um ihm zu sagen, dass Antje mir seit zehn Jahren eine Flasche Whisky schuldig ist. Seine Naht ist aber trotz der amourösen Begeisterung sehr gut geworden. Offensichtlich sind alle Jungärzte von Bremen bis Kiel mal auf einem Admiral’s Cup Boot gesegelt, von Lubinus in Kiel wollen wir jetzt nicht reden. 

Ingrid gerät durch Antje in diese Kreise, die 1973 zum ersten Mal für Deutschland den Cup gewonnen haben. Verliebt sich unsterblich in einen Arzt, der sie kurz danach abserviert. Kann da aber nicht die Finger von lassen, bei jeder Kieler Woche müssen wir im Yachthafen nach der Yacht Ausschau halten. Leid und Sorgen. Ich kenne auch Millionäre, die privat mit ihrer Yacht beim AC mitsegeln. Die haben ihre Millionen geerbt, für sie ist das Boot ein Spielzeug. Nur die Besatzung besteht aus Profis, der Eigner hat wenig Ahnung. Aber er hat eine Patek Philippe und Schuhe von John Lobb. Und Sprüche wie: Als Privatmann beim AC mitzusegeln, ist wie unter einer kalten Dusche zu stehen und Hundertmarkscheine zu zerreißen. Ist das schon Selbsterkenntnis oder nur Protzerei? Ich für mich weiß, dass das nicht meine Welt ist, auch wenn mich manche aus diesen Kreisen auf ihrer Yacht mitnehmen. Aber das wird immer unbequemer. Früher waren das noch Mahagoniyachten, jetzt sind diese Rennziegen nur noch aus Kunststoff. Und wenn man unter Deck geht, nix mehr mit Salon und Gemütlichkeit. Hängematten und in der Mitte des Bootes eine Nähmaschine zum Segelnähen.

Warum hast Du mich damals in den Dünen nicht aufgefangen, als ich sagte, fang mich auf? Du hättest mich haben können. Es ist Jahre später, Ingrid liegt neben mir im Bett und raucht eine Zigarette. Das weißt Du genauso gut wie ich, sage ich, wir kennen uns so gut, dass wir die Gedanken des anderen lesen können. Vielleicht doch nicht so gut, wir leben auch alle damals an einander vorbei. Vielleicht wäre wirklich etwas aus uns geworden? Wir sind damals achtzehn, neunzehn, aber auch wenn unsere Generation mit achtzehn viel erwachsener ist als spätere Generationen, in der Liebe bleibt man ein Kind. Wir beziehen unsere Idee von der Liebe aus der Literatur, diese wunderbare Sublimierung unserer Gedanken, Träume und Hoffnungen. Eine zärtliche Gebärde, eine halbe Wendung des Kopfes, die Andeutung eines Gefühls, ein verhaltenes Wort. Oft nur ein Duft oder die flüchtige Erinnerung eines solchen genügen, und das schafft ja Marcel Proust beinahe auf jeder Seite, um das Wunder der Liebe aufleuchten zu lassen. Und wir sammeln atemlos diese Augenblicke des Glückes, so wie Opa seine Schmetterlinge und Hirschkäfer aufspießt.

Aber sonst ist der Sommer schön, wir baden in der Nordsee, fahren mit Pferdekutschen durchs Watt, machen einen Ausflug mit einem Krabbenfischer, und ich füttere neben den Möwen auch Ingrid mit selbstgepulten Krabben. Ich füttere sie auch abends vorm Kamin mit Rothmans Zigaretten, meine Lucky Strikes und Camels sind alle, ich habe nur noch die Rothmans. Natürlich aus Helgoland geschmuggelt. Eigentlich rauche ich nicht, aber jetzt wo man mit achtzehn rauchen darf, tun das vor allem die jungen Frauen. Klaus Nebelung und seine Frau Waltraud sehen das gar nicht gerne, die zählen die Ziggis mit. Die jungen Frauen mögen wahrscheinlich nicht wirklich gerne Zigaretten rauchen, für sie ist das auch eine coole Pose, ein Akt der Selbstbehauptung. So wie Carmen, wenn sie in der Zigarettenpause der Zigarettenfabrik ihre Zigarette raucht, bevor sie sie fortschleudert und L’amour est une oiseau rebelle singt.

Wir gehen jeden Tag bei Lale Andersen vorbei und gucken, ob sie zuhause ist. Aber die wird ‘nen Deubel tun und in der Hochsaison in ihrem Haus sein. Ich habe noch ein Dia, das mir unser Diakon geschenkt hat, wie ich auf einem Barren (der mit anderen Sportgeräten auf dem Strandsportplatz steht) einen Handstand mache. Ich trage einen gelben Kamelhaarpulli (englisch, aus Helgoland) und eine Levis 501. Die habe ich extra nach Langeoog mitgenommen, damit ich sie in der Nordsee tragen kann. Das Salzwasser holt die Farbe aus dem Stoff. Diejenigen, die heute ihre Jeans im used look kaufen, wissen gar nicht, wie schwer es in den Fifties und Sixties ist, diesen Look hinzubekommen. Ich passe heute in die Hose nicht mehr hinein, aber ich habe sie immer noch im Schrank. Die Lederjacke auch.

Die schon erwähnten Arbeitsfreizeiten im Frühjahr und im Herbst sind eigentlich viel toller als der Sommerurlaub. Den halben Tag arbeiten, ab spätnachmittags frei, ist die Devise. Keine Aufsicht, nur ein riesiger Arbeitsplan des Heimleiters, der abgehakt werden muss. Dies ist ein Hotelkomplex mit mehreren Häusern und einem Forum von Tagungsräumen. Hier läuft man tagelang mit Ölkännchen und Werkzeug herum, nur um die Türen und Türschlösser zu überprüfen. Und dann kommen die Fenster dran. Und meine malerischen Fähigkeiten werden hier auch zum Anpönen gebraucht. Danach kann man für den Rest des Tages über die Insel wandern, in den wenigen Gaststätten, die offen haben, einen Tee mit Kluntjes trinken. Die Mädels beziehen hunderte von Betten und kontrollieren alles Porzellan und alle Bestecke in der Großküche. Zu tun ist genug, man kann mal eine Pause machen und beim Bettenmachen zuschauen. Was dann noch etwas weiter gehen kann, wenn zwei achtzehn- oder zwanzigjährige Jugendliche verschiedenen Geschlechts in einem Raum umgeben von Bettwäsche sind. 

Davon abgesehen ist das hier wirklich Arbeit, wir treffen uns zu den Mahlzeiten, und wir beten zusammen. Die Freizeit gehört jedem allein. Bei schlechtem Wetter finden wir uns in der Penthousewohnung des Landesjugendpfarrers zusammen, das dürfen wir, das hat er uns erlaubt. Er hat uns auch erlaubt, seinen Plattenspieler zu benutzen. Er hat, und das ist sehr stilvoll, einen Braun Schneewittchensarg. Allerdings das größere Modell, nicht den, den ich habe. Er hat auch Jazzplatten, aber das ist leider alles Zickenjazz. Massenhaft Louis Armstrong. Und Spirituals. Aber besser als gar nichts, die Wohnung hat eine riesige Fensterfront, und man kann hier oben schön über die Dünen gucken. Und die Regenwolken vorbeirennen sehen. Und dabei Satchmos When Israel was in Egypt’s land oppressed so hard they could not stand und Down by the riverside hören. Und Bücher am Fenster liegend lesen. Wir liegen in dieser Zeit in dieser Wohnung immer auf dem Fußboden. Tut man damals auf Parties auch.

Auf der Abschlussparty liegen wir nicht auf dem Boden, da tanzen wir. Unter zunehmendem Rotweingenuss auch enger. Heute Abend bekommen auch wallflowers jemanden ab. Ich will mich da eigentlich heraushalten. Aber dann werde ich plötzlich diese kleine unbekannte Hübsche nicht mehr los. Kletten oder Pattex sind nix dagegen. Die gehört nicht zu unserer Nordbremer Gruppe, die kommt aus Bremen, ist auch später gekommen. Und die ist auch viel jünger als wir, vielleicht ist die noch gar keine achtzehn (ist sie nicht). Aber gut aussehen tut sie. Unbedingt. In diesem Licht sowieso. Aber auch die ganze letzte Woche im Tageslicht sah sie gut aus. Ein bisschen wie Rita Hayworth oder wie Ingrid Bergman, als die vierzehn war. Ich will da gar nicht so genau hingucken, ich habe meine rothaarige Freundin mit den grünen Augen zu Hause, und dann ist da noch Traute, die ich gerade kennengelernt habe. Ich kenne auch noch nicht das Photo von dieser Frau hier, wo sie in Südfrankreich neben einem Verkehrsschild steht. Und da drauf steht Danger

Aber ich habe jetzt gar keine Wahl, die Initiative liegt jetzt völlig bei dieser Frau namens Gudrun. Das sie so heißt, ist das einzige, was ich seit einer Woche von ihr weiß. Wir brauchen jetzt auch nicht mehr zu wissen. Der Rest ist etwas, was genau so funktioniert, wie die Erdanziehung. Hier braucht jetzt niemand la ci darem la mano zu singen. Wir verlassen den Tagungsraum mit der leisen Musik und der schummrigen Beleuchtung, uns gehört jetzt die ganze Nacht und die ganze Insel, sie wird unsere Bühne. Ich weiß nichts mehr über die Sterne oder den Mond. Die Nacht ist mild, es ist April. Wo lernen so junge Mädchen so hemmungslos zu küssen? Dies sind die Ausläufer der Fifties, da ist noch alles geregelt. Erstmal Monate lang Blicke tauschen, dann eine Verabredung zum Spaziergang (meistens eine Freundin von ihr dabei). Dann mal ein zufälliges Berühren der Handoberflächen, später Händchenhalten. Später ein keuscher Kuss auf die Wange. Hier sind alle Regeln hinweggefegt. Es ist wunderbar.

Am nächsten Morgen ist sie distanziert. Wenn unsere Gruppe abreist, fährt sie nicht mit, sie bleibt noch einige Tage auf Langeoog. Sie steht unten am Kai, nachdenklich, mit niedergeschlagenen Lidern. Ich halte mich an der frisch mit silberbronzener Farbe gestrichenen Reling der Fähre fest. Das Wasser des Hafens ist dreckig. Der Schlick des Wattenmeers taugt nicht als Opernbühne für Abschiede. Bahnhöfe wären ideal. Wunderbar inszenierte Abschiede in Paris auf dem Gare du Nord, wenn man in der Nacht den Zug nach Bremen nimmt. Langsam bugsiert das Schiff aus dem Hafen in die Fahrrinne des Wattenmeers. Warum muss ich Reling umklammern, warum kann ich nicht winken? Keine Kusshand werfen?

War das alles nur ein Traum? Aber dieser Abschied ist kein Abschied für immer, wir werden uns wiedersehen. Tagelang, jahrelang. Warum hast Du später gesagt, dass Du Dich an diese Nacht überhaupt nicht erinnern könntest? will ich Jahrzehnte später von ihr wissen. Ach, sagt sie, das sagt man so dahin, wenn man sich nicht sicher ist. Ich habe Dich die ganze Woche angestarrt, Du hast mich überhaupt nicht beachtet. Wir telephonieren, zwischen uns liegt der halbe Erdball, aber die Stimme am Telephon klingt wie nebenan. Zwischen uns liegen Ehen und mehrere Jahrzehnte und der Atlantik, wir mögen uns noch immer, und jetzt, wenn wir miteinander reden, sind wir genauso jung wie 1962.

Ein sonderbares Ding um die Liebe. Man liegt ein Jahr lang schlafwachend zu Bette, und an einem schönen Morgen wacht man auf, trinkt ein Glas Wasser, zieht seine Kleider an und fährt sich mit der Hand über die Stirn und besinnt sich und besinnt sich. – Mein Gott, wieviel Weiber hat man nöthig, um die Scala der Liebe auf und ab zu singen? Kaum daß Eine einen Ton ausfüllt. Warum ist der Dunst über unsrer Erde ein Prisma, das den weißen Gluthstrahl der Liebe in einen Regenbogen bricht? (Er trinkt.) In welcher Bouteille steckt denn der Wein, an dem ich mich heute betrinken soll? Bringe ich es nicht einmal mehr so weit? Ich sitze wie unter einer Luftpumpe. Die Luft so scharf und dünn, daß mich friert, als sollte ich in Nankinghosen Schlittschuh laufen. – Meine Herren, meine Herren, wißt ihr auch, was Caligula und Nero waren? Ich weiß es. Komm Leonce, halte mir einen Monolog, ich will zuhören. Mein Leben gähnt mich an, wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an. Ich stülpe mich jeden Tag vier und zwanzigmal herum, wie einen Handschuh. O ich kenne mich, ich weiß was ich in einer Viertelstunde, was ich in acht Tagen, was ich in einem Jahre denken und träumen werde. Gott, was habe ich denn verbrochen, daß du mich, wie einen Schulbuben, meine Lection so oft hersagen läßt? – Bravo Leonce! Bravo! (Er klatscht.) Es thut mir ganz wohl, wenn ich mir so rufe. He! Leonce! Leonce!