Montag, 20. Februar 2017

skandinavische Mode


Könnten Sie nicht einmal über skandinavische Mode schreiben? wurde ich gefragt. Was halten Sie zum Beispiel von Oberhemden von Eton und Stenströms? Wir sind mit diesen Fragen bei der Herrenmode. Über die skandinavische Damenmode kann ich wenig sagen. Wo kauft die Königin Margrethe ein? Vielleicht trägt sie eins dieser Label, die nach Harper's Bazaar ganz heiß sind. Sie hat ja ihren eigenen ➱Stil, der über die ➱Jahre immer gewagter geworden ist, aber sie kann das tragen. Den modischen Mut von Margrethe wünschte man Angela Merkel auch mal. Als ich Margrethe zum ersten Mal sah, trug sie ein blaues Abendkleid, das war noch sehr konventionell. Wenn Sie die ganze Geschichte dazu lesen wollen, dann klicken Sie ➱Des Königs Jaguar an. Die Prinzessinnen in meinem Heimatort, also zum Beispiel meine Freundin ➱Gudrun, trugen damals Kleider von der finnischen Firma Marimekko, die wunderbare Farben und Muster hatten.

Das karierte Hemd, das da aus dem hellen Regenmantel hervorlugt, war in den sechziger Jahren mein Lieblingshemd (die etwas seltsame Handhaltung erklärt sich daraus, dass ich eine Hundeleine halte, an der unten ein Hund zerrt). Das Hemd kam von der schwedischen Firma Melka, die damals in Deutschland stark vertreten war und mit Sätzen wie Sie empfinden ein gutes Stück Schweden, frei leger und persönlichkeitsbetont warb. Das karierte Melka Hemd aus dickem Leinen besaß einen weißen Kragen und eine weiße Knopfleiste, das war damals außergewöhnlich. Ich habe es noch, es liegt irgendwo im Schrank, der schon ein kleines Modemuseum ist.

Melka bot damals auch viele Hemden aus Viyella an, einer Mischung aus Wolle und Baumwolle, Viyella war auch bei englischen Fabrikanten sehr beliebt. Denn in England war es kalt, eine gut funktionierende Zentralheizung war im England der fünfziger Jahre in Seltenheit. Türen, die bis zum Boden gingen auch. Sie kennen das aus ➱Agatha Christie Filmen, wo  kleine Botschaften (oder kleine Schlangen) da unten durch geschoben werden. In diesen Filmen tragen die Herren beinahe immer dicke Tweedanzüge mit Weste oder Pullunder. Cool Britannia hatte damals eine andere Bedeutung.

Ein Jahrzehnt später trug ich Hemden von der schwedischen Firma Stenströms, die einmal der größte Hemdenproduzent Schwedens war. Die hatte ➱Kelly im Angebot, mit vielen runden Kragen und ➱Piccadilly Kragen, die mit einer Nadel die Krawatte umschlossen. Eine University Line (Bild) gab es auch. Das war schon etwas anderes als die deutschen ➱Nyltest Hemden, die Produkte aus Bielefeld mit den furchtbar steifen Kragen, die die Hausfrauen noch stärkten. Oder die fürchterlichen Seidensticker Hemden mit der schwarzen Rose.

Ich habe immer noch Stenströms Hemden, habe mir mit der Zeit aus reiner Nostalgie immer wieder einmal eins gekauft. Die Baumwolle ist erstklassig, aber leider haben sie nicht mehr die tollen Kragen der siebziger Jahre. Die Firma Stenströms gibt es seit 1899, die Firma Eton ist dreißig Jahre jünger. Um die habe ich einen Bogen gemacht, weil die mir zu langweilig ist. Aber ➱Michael Rieckhof von der Firma Kelly's hat mir versichert, dass die Ehefrauen es lieben, wenn der Gatte sich ein Eton Hemd kauft. Weil man die so schön bügeln kann.

Ich bleibe mal in Schweden, nehme Sie mit in die Vergangenheit, als es in Schweden noch Linksverkehr gab. So etwas wie hier hatte ich auch einmal. Mein gelber Lamamantel kam von der schwedischen Firma Tiger. Die stellt heute Billigklamotten für junge Leute her, damals war sie etwas ganz anderes: Företaget, som tidigare hette "Tiger of Uddevalla", tillverkade förr endast herrkläder av klassiskt snitt, och målgruppen var på senare år främst äldre män. Mein Mantel (der schon in dem Post ➱Aimez-vous Brahms? erwähnt wird, kam aus dem Laden von Hans Kalich in Bremen, ein Geschäft, das es heute leider nicht mehr gibt, das damals aber modisch noch vor Herrenausstattern wie Charlie Hespen oder Stiesing rangierte.

Sie können hier sehen, dass die Firma ➱Tiger von Marcus Fredrik Schwartzman den schwedischen König belieferte, der heutige König würde bestimmt nicht mehr diese Marke tragen. Heute produziert Tiger Kleidung für junge Menschen, alles slimline, nichts mehr von der Qualität von damals. Wird auch nicht solange halten wie mein gelber Lamamantel. Zweireihige gelbe Kamelhaarmäntel waren in den sechziger Jahren chic, Karajan und Carlo Ponti trugen so etwas, und in ganz Deutschland konnte man billige Kopien dieses Klassikers sehen, den man im anglo-amerikanischen Bereich einen ➱Polo Coat nannte. Ich bin aus meinem königlichen Tiger Mantel herausgewachsen, heute habe ich einen Mantel von Caruso aus gelbem Loro Piana Doeskin, der nach viel Geld aussieht. War aber vor zehn Jahren bei ebay ganz billig.

Es kam noch mehr aus Schweden als der Hoflieferant Tiger of Sweden, zum Beispiel die Firma ESSGE, die sich King of Tailoring nannte und auch noch handmade auf ihre Etiketten schrieb. So etwas hatte ich mal in der Hand, war aber nicht toll. Sehr steife Einlagen, das konnte die deutsche Firma ➱Regent vor fünfzig Jahren besser. Die können allerdings bei allem Werbeaufwand immer noch nicht die Karos anpassen, was bei ESSGE ebenso war. Was ➱Caruso, Canali, ➱Nervesa und Pal Zileri mit links machen, das sollte man bei Regent auch mal irgendwann hinkriegen.

So sah es in Kopenhagen in den sechziger Jahren aus. Ich habe das Photo aus dem Internet, aber meine Photos von Kopenhagen zeigen ganz ähnliche Bilder. Auf der Ströget habe ich 1960 einen eleganten dänischen Herren gesehen, der einen braunen Glencheckanzug mit einem braunen Bowler und einem braunen ➱Schirm komplettierte. Als ich mir meinen ersten englischen Schirm kaufen durfte, war das ein brauner Schirm, einen braunen Bowler (von Christie's) besitze ich auch. Mir fehlte zu meiner sartorialen Nostalgie nur noch der braune Glencheckanzug. Den sah ich eines Tages bei Charlie Hespen im Schaufenster, ich konnte ihn anprobieren, so lange ich wollte, er war leider zu klein. Es war ein Anzug von der dänischen Firma Hobson of Copenhagen, die bei Herrenausstattern in Norddeutschland gut vertreten war.

Und die natürlich Hoflieferant für das dänische Königshaus war, wie man diesem Etikett entnehmen kann. Die Firma exisitierte von 1952 bis 1985, dann kaufte die italienische Firma ➱d'Avenza den Namen. Die Firma aus Avenza war 1957 von Myron Ackerman gegründet worden. Er war der Sohn von Simon Ackerman, der die englische Firma Chester Barrie gegründet hatte, eine Firma, die ja heute leider nur noch ein Schatten ihrer selbst ist.

Die Firma ➱d'Avenza, die gerade einen Neuanfang gemacht hat, ist heute immer noch im Hochpreissegment tätig ist. Sie sollen auch die RTW Kleidung für große Namen (wie zum Beispiel ➱Battistoni) machen. Einer ihrer Klassiker ist das Forte Jacket (keine Angst, das ist nur innen eingestickt), ungefüttert, Blasebalgtaschen und ein kleiner Rückengürtel. Ich habe solch ein Teil, und ich liebe es. Ich weiß nicht, ob die Firma Hobson damals so etwas auch im Programm hatte. Das Forte Jacket ist ja nix als die Kopie eines englischen Sportjacketts aus den dreißiger Jahren - so wie Dänemark in den fünfziger und frühen sechziger Jahren eine kleine Kopie von England war: überall englische Autos und englische Tweedjacketts.

Es ist eigentlich die Frage, ob sie es sich leisten können, zu Hause zu bleiben, wenn die Dänische Herrenmode Messe während der Tage vom 4. bis 7. September die bedeutenden Kollektionen der dänischen Fabrikanten für das Frühjahr 1966 zeigt. So rührend naiv konnte man 1965 im Herrenjournal die dänische Mode bewerben. Die ersten Kopenhagener ➱ModemessenDansk Modeuge und Dansk Herremodeuge, waren 1958 abgehalten worden. Die Firma Christonette (die schon in dem Post ➱Overcoats vorkommt) bewarb ihre Mäntel mit Wenig teurer, viel besser und versprach: Christonette kreiert die Mantellinie der Zukunft. 

Die Werbung war damals noch nicht so aggressiv wie heute, damals genügte: Erzählen Sie dem Christonettehändler ihre Wünsche - robuster maskuliner Tweed oder Luxus. Probieren Sie andere Mäntel, bevor Sie einen Christonette kaufen. Ich brauchte damals nicht viele Mäntel anzuprobieren, ich fand meinen Christonette Mantel bei Kelly's im Ausverkauf. Der Mantel war hellgrau und war mit großen schwarzen und braunen Karos übersät, so etwas hatte niemand im Ort. Obgleich die Karos auffällig waren, so wie das Hobson Sakko weiter unten sah der Mantel natürlich nicht aus.

Christonette traute sich sogar auf den amerikanischen Markt und warb im New Yorker (wo sonst?) mit dem Text: Introducing Christonette of Copenhagen - not only protection, but fashion. Fully weather-proofed cotton trench coat, styled with that indefinable look of good taste - Christonette of Copenhagen. See it. Try it. Buy it - at Paul Stuart, New York and other fine stores. Irgendwann gab es keine Mäntel von Christonette mehr, da hatte Otto Aulbach aus ➱Miltenberg den Namen gekauft.

Amerika ist für die Europäer ein schwieriger Markt, aber dort kaufen die Herren vielleicht schon einmal so etwas. In England würde man den Stoff vielleicht als Pferdedecke verwenden. Dies ist ein Jackett der Firma Hobson of Copenhagen, das den Weg nach Amerika gefunden hatte. Solche wunderbaren Geschmacksverirrungen findet man heute manchmal in Second Hand Läden oder bei ebay. Ich glaube nicht, dass man so etwas in Dänemark hätte verkaufen können. Obgleich der Prinz Henrik, der ja einen sehr exzentrischen Geschmack hat, das vielleicht getragen hätte. In den siebziger Jahren habe ich auch immer großkarierte Jacketts getragen, natürlich nicht so große Karos wie Peter Frankenfeld. Und auch nicht wie dieser ➱Gauland. Aber stilvolle, großkarierte Jacketts. Als der Geschäftsführende Direktor des Instituts mich am Anfang des Semesters den neuen Studenten einmal als Jay, den Sie immer an seinen Jacketts erkennen, vorstellte, habe ich damit aufgehört.

Elegante Damenmode kommt immer noch aus Dänemark, hier ein Modell von Baum und Pferdgarten. Wenn die dänische Königin keinen Schneider oder eine Schneiderin hätte (einen Teil ihrer Garderobe entwirft sie selbst), könnte sie in Kopenhagen sicherlich Dinge finden, die ihr gefallen. Wir müssen dabei immer bedenken, dass die Königin (im Gegensatz zu Frau Merkel) nicht nur ein modisches Gespür hat, sondern dass sie neben ihren eigenen Kleidern auch Kostüme für die Kopenhagener ➱Oper entwirft.

Ob Prinz Henrik dänische Kleidung trägt, weiß ich nicht (zeitweilig hatte er einen Schneider in Hong Kong, wo er damals studierte). Der französische Graf hatte ja immer Schwierigkeiten, sich an die Dänen anzupassen: Wenige Monate nach meiner Ankunft wurde alles, was ich tat, kritisiert. Mein Dänisch war schwankend, ich bevorzugte Wein statt Bier, Seidenstrümpfe statt Stricksocken, Citroën statt Volvo, Tennis statt Fußball. Selbst für die Gauloises, die ich anstelle von Virginia-Tabak rauchte und die hierzulande den Ruf hatten, die Marke gesellschaftskritischer Intellektueller zu sein, konnte ich nicht auf Nachsicht hoffen. Ich war anders. Ich schien mit dieser Position zufrieden zu sein und mich nicht zu schämen. Das waren gleich zwei Fehler! Wir sehen Henrik hier, noch rank und schlank, mit der Prinzessin Margrethe und seinem ➱Citroen.

Die Textilwirtschaft und die Bekleidungsindustrie trugen erheblich zu Dänemarks Wirtschaft bei, es gab 1961 beinahe tausend Textilbetriebe. Die im übrigen mehr erwirtschafteten als die 748 Betriebe der dänischen Möbelindustrie, die immer Dänemarks Vorzeigeindustrie war. Damals wurden in der Bekleidungsindustrie keine schlechten Löhne gezahlt (an eine Verlagerung nach Asien dachte noch niemand), laut Wirtschaftsstatistik des Jahres 1959 lagen die Löhne für die Textilindustrie im oberen Viertel der Lohnskala.

Es geht der dänischem Bekleidungsindustrie auch heute gar nicht so schlecht. 2015 verbuchte die dänische Bekleidungsindustrie neue Rekorde: der Gesamtumsatz dänischer Firmen stieg gegenüber dem Vorjahr um 5,0 Prozent auf 42,2 Milliarden Dänische Kronen (5,68 Milliarden Euro). Der Umsatzzuwachs von H+M ist natürlich größer, mit Billigklamotten ist viel Geld zu machen. Was heute aus Skandinavien kommt (H+M, Dressman, J. Lindeberg, Scandic, Gant - you name them), ist - mit der Ausnahme von Stenströms und Eton - nicht auf dem Niveau von Tiger of Sweden der sechziger Jahre, von Hobson und Christonette. Und von der Firma Winkler's Mayfair of Copenhagen, von der ich drei rattenscharfe Flanellhosen hatte, habe ich auch nie wieder gehört. Modegeschichte ist Nostalgie, aber eins bleibt: der Qualitätsverfall ist leider überall zu finden. Davon, wie vom Wandel der Mode, bleibt diese junge ➱Dame in Kopenhagen natürlich unberührt.


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