Donnerstag, 23. Februar 2017

Mordsee


Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder. Regungslos saß die Gemeinde. In die Augen kam eine Dunkelheit wie von aufsteigenden Tränen.
     Denn die See nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee – mit ihren jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrem pfeifenden, brausenden Sturm, mit ihren haushohen, schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und Wetterleuchten, mit Dünung und Gewitter – mit geborstenen Segeln, gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenen Wracks und hilferufenden Fahrensleuten.
     Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommen hätte.


So steht es bei ▹Gorch Fock in ▹Seefahrt ist not! Mit solchen Texten, die von der See handelten, bin ich aufgewachsen, mit dem Schimmelreiter auch. Und mit Ottjen Alldag, der auf einer Eisscholle auf der Weser in Richtung Norsee treibt. Nordsee ist Mordsee, das ist ein Satz, der bleibt im Kopf. Wir wussten in unserem Kaff an der Weser, was Stürme waren. Mehrmals im Jahr stand die ▹Strandstraße unter Wasser, bei der ▹Flutkatastrophe 1962 war es höher als jemals zuvor, 5,35 Meter über Normalnull. Ich wollte in der Nacht noch meinen üblichen Weserspaziergang mit dem Hund machen, da stand das Wasser schon im ▹Stadtgarten. Ich bewunderte den blauschwarzen Nachthimmel und die fliegenden Wolken, die am Vollmond vorbeiwischten. Warum dem Schrecken nicht einen Augenblick der Schönheit abgewinnen? Ich wusste, dass man die Katastrophe nicht aufhalten konnte, Trutz, Blanke Hans ist nur eine Gedichtszeile, man kann dem Meer nicht trotzen. Das Wasser würde kommen, die Nordsee würde bis zum Weserwehr heraufschwappen. Und unser Direx würde in der Nacht in seinem überfluteten Wohnzimmer versuchen, die Abiarbeiten zu retten.

Stürme und Hochwasser hatten wir immer, aber an unserem Teil der Weser gab es keine großen Schiffsunglücke. Auf der Außenweser, da, wo die Nordsee anfängt, da schon. Manchmal schaffte es bei uns ein Kümo nicht, an der Weserbiegung vom ▹Schönebecker Sand die Kurve zu kriegen. Der landete dann auf unserer Weserseite auf dem Strand, da hätte man schon Hein duck di - da kommt'n Damper över'n Diek! sagen können. Der Kümo wurde dann bei der nächsten Flut unter dem Gelächter der Zuschauer von einem Schlepper wieder in die Fahrrinne gezogen.

In meiner Jugend war die Weser das, was für Huck Finn der Mississippi war. Wenn draußen keine Schiffe tuteten, konnte ich nicht einschlafen. Wenn ich frühmorgens die ▹genagelten Stiefel der Vulkanesen hörte, die in der Mitte der Weserstraße zu ihrer Werft marschierten, dann wusste ich, dass ich aufstehen musste. Wenn ich das Radio anmachte, las gerade eine Stimme vor, wo im Hafen noch Schauerleute gebraucht wurden. Danach kam Rudolf Kinau (der Bruder von Gorch Fock) mit Hör mal ’n beten to. Ohne Rudi Kinau konnte der Tag nicht anfangen. Ich las morgens in der Zeitung als erstes die Schiffahrtsnachrichten, an den Teil kam ich immer heran, der interessierte meinen Vater nicht. Würden große Pötte kommen? Die musste man sehen. Mein Vater interessierte sich nicht für den Schifffahrtsteil, weil ihm seine Patienten, die auf dem Vulkan, bei Lürssen oder Abeking & Rassmussen arbeiteten, alles erzählten, was man über die Schiffe auf der Weser wissen musste.

Aber wir kleinen Pökse, wir mussten an die Weser. Wir kannten John Masefields Gedicht I must go down to the seas again, to the lonely sea and the sky noch nicht, aber wir mussten an die Weser. Wir konnten die Heimatflaggen und die Reedereiflaggen lesen. Und wir waren Experten im Schätzen von Bruttoregistertonnen. Wir lagen, wenn es warm war, auf dem Anleger vom ▹Ruderverein und fingen kleine Aale mit der Hand. Der ▹Konny hatte immer mehr als ich. Wir warfen sie aber wieder in den Fluß. Heute ist die Weser so dreckig, dass man keinen Aal mehr darin sehen könnte. Der Anleger vom Ruderverein ist auch nicht mehr da. Der Ruderverein auch nicht. Wenn heute bei einem Kümo an der Weserbiegung die Steuerung versagt, dann landet der nicht sanft auf dem Sand. Dann kracht es in die neue Spundwand.

In meinem Heimatort schien jeder ein Kapitän zu sein, alle Männer trugen Elbsegler oder Prinz Heinrich Mützen. Viele standen den halben Tag am Anleger der Dampfer der Schreiber Reederei oder am ▹Utkiek und guckten auf das Wasser. So wie es Herman Melville im Kapitel ▹Loomings von Moby-Dick beschreibt: Look at the crowds of water gazers there ... Posted like silent sentinels all around the town, stand thousands upon thousands of mortal men fixed in ocean reveries. Dies ist nicht New York, dies ist eine kleine Hafenstadt an der Weser, mit ▹Heringsloggern, Werften und Segelmachern. Es sind auch keine tausende, die da stehen. Bestenfalls zwei Dutzend, aber auch sie haben ihre ocean reveries. Man könnte sie für Arbeitslose halten, die nichts mit sich anzufangen wissen, aber die meisten von ihnen sind wirklich zur See gefahren. Viele als Kapitän oder Steuermann. Sie haben alle diesen leeren Blick in die Ferne.

Ich weiß es noch genau, wie ich vor fünfzig Jahren auf dem Weg nach Hause war und auf der anderen Straßenseite Kapitän ▹Hugo Gottsmann sah. Er war nicht der Mann für einen Klönschnack, er redete eher wenig. Mit ▹Kapitän Biet konnte man stundenlang schnacken, mit Kapitän Gottsmann kaum. Der war nicht schlank und elegant wie Ernst Biet, den die Damen auf seinen schönen und großen Lloyddampfern vergötterten. Hugo Gottsmann war klein und knöterig. Aber er war ein Freund meiner Eltern, war mit meinem Vater in der ▹Freimaurerloge und hatte mir das Segeln beigebracht. Ich überquerte die Straße, um ihn zu begrüßen, überall lagen noch Zweige und Äste, die der Sturm in der Nacht zuvor heruntergefegt hatte. Der kleine Kapitän mit seinem grauen Tweedmantel guckte mich schweigend an und sagte dann: Die Adolph Bermpohl ist untergegangen. Ich wusste nicht, ob er weinte, er hatte immer diese leicht glasigen wasserblauen Augen.

Ich konnte das mit der Bermpohl nicht glauben. Das Schiff mit dem Namen des ▹Gründers der DGzRS war hier bei Abeking & Rasmussen gebaut worden, hier von der 21-jährigen Irmhild Schneider (einer geborenen Bermpohl) getauft worden. Und das Beiboot der Bermpohl hieß auch noch Vegesack. Es war, als hätte der Ort ein Stück Geschichte verloren. Kapitän Gottsmann hatte alle Ozeane gesehen, er war als Kapitän eines Segelschiffs um Kap Hoorn gesegelt, er knüppelte für A&R noch im Alter von über achtzig jedes Jahr eine Luxusyacht über der Atlantik (dafür spendierte ihm die Werft acht oder zehn Mann Besatzung), aber die Sache mit der Adolph Bermpohl  nahm ihm den Atem. Die unsinkbare Adolph Bermpohl untergegangen. Nordsee ist Mordsee.

Am 23. Februar 1967 haben in einem Orkan vor Helgoland der Vormann Paul Denker und drei Rettungsmänner der Adolph Bermpohl den Tod gefunden. Auch die drei Holländer im Beiboot Vegesack, die die Bermpohl kurz zuvor gerettet hatte, starben. Denn die See nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee – mit ihren jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrem pfeifenden, brausenden Sturm, mit ihren haushohen, schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und Wetterleuchten, mit Dünung und Gewitter – mit geborstenen Segeln, gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenen Wracks und hilferufenden Fahrensleuten.

War es ein Kaventsmann, eine Grundsee? Die ▹Unglücksursache wurde nie geklärt. Der Seenotkreuzer wurde einen Tag später gefunden, er war zwar schwer zerstört, aber wirklich unsinkbar. Den Orkan, bei dem achtzig Seeleute in der Nordsee ertrunken sind, haben Meteorologen später den Adolph Bermpohl Orkan getauft. Man hatte am 23. Februar mit 14 Beaufort die höchsten Windstärken gemessen, die jemals in der Nordsee gemessen wurden (ein normaler Orkan hat die Beaufort Stärke 12). An die vier Rettungsmänner der Adolph Bermpohl erinnerten später noch die Namen von vier Rettungskreuzern: Paul Denker, H.J. Kratschke, Otto Schülke und G. Kuchenbecker.

Denken wir mal einen Augenblick an sie.


Mittwoch, 22. Februar 2017

Russen


Zur Wiedereröffnung der Kunsthalle im Juni 1986 präsentierte der Kieler Kunsthallendirektor ➱Jens Christian Jensen aufsehenerregende Neuerwerbungen: Malerei des 19. Jahrhunderts aus Russland und Polen. Erworben aus der Sammlung Georg Schäfer, zu der Jensen im Ruhestand als Kurator wechselte. Berater war er in Schweinfurt schon lange. Die Kunsthalle Kiel war plötzlich das einzige öffentliche Museum in der Bundesrepublik, das russische Malerei besaß. Das ist ungewöhnlich, von der russischen Malerei des 19. Jahrhunderts weiß man ja meistens nicht so viel, von der russischen Literatur schon.

Ich hatte mal eine Phase, in der ich nur russische Literatur gelesen habe, von Gontscharow bis Lermontow (obgleich ich lange brauchte, bis ich ➱Krieg und Frieden las), aber von der russischen Malerei wusste ich nichts. ➱Friedrich Hübner schon, aber der ist Slavist. Ist mit einer Kunsthistorikerin verheiratet und hat die Wohnung voller Kunst der Düsseldorfer Schule. Dass wir in Kiel plötzlich so viele Russen hatten, ist natürlich irgendwie passend, denn hier oben haben sich auch der Zar Peter und ➱Katherina kennengelernt.

Friedrich Hübner hat später auch noch Delegationen von russischen Kunsthistorikern durch die Säle der Kunsthalle geführt. Die wollten gerne wissen, wo und wie die Bilder ihrer Maler in diesen Räumen hingen. Was Friedrich Hübner dabei mit den Nachfolgern von Jens Christian Jensen erlebte, kann ich leider nicht weitergeben, sonst lacht ganz Deutschland über die Direktoren. Würde ich einen Roman schreiben, dann kämen sie natürlich hinein. Das ist das Problem beim Bloggen, man bekommt wunderbare Geschichten erzählt, aber man kann sie nicht verwenden Zwischen SILVAE und der Gala sind doch noch Unterschiede, auch wenn ich ziemlich geschwätzig bin.

Ich stelle mal eben das hierhin, was ich in dem Nachruf für Jens Christian Jensen über seine Nachfolger gesagt habe: Jensen bringt die Kieler Kunsthalle in kürzester Zeit in die Champions League, um es salopp auszudrücken. Sein Nachfolger wird sie in kürzester Zeit in die Bezirksliga führen. Wenn der geht und man denkt, es kann nichts Schlimmeres kommen, wird man eines Besseren belehrt werden. Gewiss ist es ungerecht, diese beiden Herren (die ungenannt bleiben sollen) an den Paulis, ➱Lichtwarks und ➱von Bodes messen zu wollen, aber es finden sich für sie in der Bundesrepublik auch keine Vergleichsgrößen. Wobei Größe eigentlich das falsche Wort ist. Jens Christian Jensen hat mir kurz vor seinem Tod geschrieben, dass er sehr, sehr unglücklich über seine beiden Nachfolger war.

1986 habe ich in einer inzwischen untergegangenen Universitätszeitung etwas über die großartige Leistung der Architekten des Neubaus geschrieben. Und dabei en passant einige gehässige Bemerkungen über das Landesbauamt II gemacht, das so etwas nie hingekriegt hätte. Das Landesbauamt hat daraufhin einen halben Tag lang getagt und sich überlegt, ob man mich verklagen könnte (für so etwas haben die Zeit!). Das hat mir einer der Architekten des Erweiterungsbaus auf einer Party bei Volker erzählt. Er hat mir auch von den ➱Problemen mit seiner IWC erzählt, aber das mit dem Landesbauamt war natürlich viel interessanter.

Das Bild von Iwan Kramskoj im ersten Absatz oben ist berühmt, Sie haben das bestimmt schon auf einer Postkarte oder einem Buchumschlag gesehen (es ist auch auf dem ➱Cover der LP, wo Gert Westphal Anna Karenina liest). In dem Post ➱La Belle Inconnue findet sich einiges dazu, auch noch zu den anderen Russen, die in Kiel hängen.

Und da wird auch noch der Kommentar eines Lesers veröffentlicht, der natürlich aus der Feder von Friedrich Hübner stammt. Was Kiel leider nicht besitzt, das sind Bilder von dem russischen Maler Fjodor Wassiljew, der nach dem gregorianischen Kalender heute vor 167 Jahren geboren wurde. Er wurde, aus kleinen Verhältnissen kommend und ohne eine akademische Bildung, zu einem der bedeutendsten russischen Landschaftsmaler seiner Zeit. Hatte einen kurzen Höhepunkt und ist dann schon mit dreiundzwanzig Jahren an der Lungenschwindsucht gestorben.

Er hat den Himmel für uns entdeckt, soll der russische Maler Nikolai Ge gesagt haben. Nach einer anderen Quelle hat Ge nicht vom Himmel, sondern vom Nachthimmel gesprochen. Wenn wir dieses Nachtbild von St Petersburg betrachten, können wir das glauben. Man wagt sich gar nicht vorzustellen, was Wassiljew noch hätte malen können, hätte er länger gelebt. Der Artikel bei Wikipedia zu dem Maler ist ganze drei Zeilen lang, der englische Artikel ist sehr viel ausführlicher. Aber der deutsche Artikel hat einen Link zu einer ➱Seite, auf der man 135 Werke des Malers sehen kann (bei ➱Wikiart gibt es 119 Bilder). Das ist doch schon mal etwas. Alle Bilder heute, bis auf die schöne Unbekannte im ersten Absatz, sind von Fjodor Wassiljew.

In dem Post La Belle Inconnue habe ich ein Bild (das in Kiel hängt) von Iwan Schischkin abgebildet und besprochen. Und dieser Schiskin, der zu den ➱Peredwischniki, den russischen Wandermalern gehört, ist wichtig für Wassiljew. Der verliebt sich nämlich in Wassiljews Schwester und bringt, als er Wassiljews Talent entdeckt, dem jungen Mann die Grundlagen der Landschaftsmalerei bei. Stellt ihn auch den Malern Iwan Kramskoj und Ilya Repin (von dem die Kunsthalle Kiel drei ➱Bilder besitzt) vor und bereist mit ihm Rußland. Und - und das ist vielleicht noch wichtiger - er macht ihn mit dem Sammler Pawel Michailowitsch Tretjakow bekannt. Das ist der Mann, nach dem die Tretjakow Galerie ihren Namen hat.

Dieses Bild, das den Titel Tauwetter hat, war eins der ersten Bilder, das Tretjakow dem jungen Maler abkaufte. Da ist der Ruhm des jungen Mannes schon gemacht, ein Wunderkind wird man ihn nennen. Er wird den Ruhm nicht lange genießen können. Es ist eine erstaunliche Geschichte, da wird einer zum Maler, weil sich ein Maler in seine Schwester verliebt. Man könnte einen Roman daraus machen. So einen langen russischen Roman mit ganz vielen Personen, deren Namen man nicht richtig aussprechen kann.

Das Tauwetter oben hat nicht mit einem politischen Tauwetter zu tun, aber die Peredwischniki sind schon ein wenig revolutionär. Sie wenden sich gegen die Petersburger Akademie, wo das Studium bis zu fünfzehn Jahre dauerte und wo immer ein Polizist im Zeichensaal stand. Sie orientieren sich auch erst einmal nach Paris, weil sie wissen, dass in Frankreich eine neue Malerei begonnen hat. Und so haben ihre Bilder ein wenig von der Freiluftmalerei von Barbizon, haben ein wenig von dem ➱licht en lucht der Holländer, haben viel russische Weite und viel russische Seele.

Montag, 20. Februar 2017

skandinavische Mode


Könnten Sie nicht einmal über skandinavische Mode schreiben? wurde ich gefragt. Was halten Sie zum Beispiel von Oberhemden von Eton und Stenströms? Wir sind mit diesen Fragen bei der Herrenmode. Über die skandinavische Damenmode kann ich wenig sagen. Wo kauft die Königin Margrethe ein? Vielleicht trägt sie eins dieser Label, die nach Harper's Bazaar ganz heiß sind. Sie hat ja ihren eigenen ➱Stil, der über die ➱Jahre immer gewagter geworden ist, aber sie kann das tragen. Den modischen Mut von Margrethe wünschte man Angela Merkel auch mal. Als ich Margrethe zum ersten Mal sah, trug sie ein blaues Abendkleid, das war noch sehr konventionell. Wenn Sie die ganze Geschichte dazu lesen wollen, dann klicken Sie ➱Des Königs Jaguar an. Die Prinzessinnen in meinem Heimatort, also zum Beispiel meine Freundin ➱Gudrun, trugen damals Kleider von der finnischen Firma Marimekko, die wunderbare Farben und Muster hatten.

Das karierte Hemd, das da aus dem hellen Regenmantel hervorlugt, war in den sechziger Jahren mein Lieblingshemd (die etwas seltsame Handhaltung erklärt sich daraus, dass ich eine Hundeleine halte, an der unten ein Hund zerrt). Das Hemd kam von der schwedischen Firma Melka, die damals in Deutschland stark vertreten war und mit Sätzen wie Sie empfinden ein gutes Stück Schweden, frei leger und persönlichkeitsbetont warb. Das karierte Melka Hemd aus dickem Leinen besaß einen weißen Kragen und eine weiße Knopfleiste, das war damals außergewöhnlich. Ich habe es noch, es liegt irgendwo im Schrank, der schon ein kleines Modemuseum ist.

Melka bot damals auch viele Hemden aus Viyella an, einer Mischung aus Wolle und Baumwolle, Viyella war auch bei englischen Fabrikanten sehr beliebt. Denn in England war es kalt, eine gut funktionierende Zentralheizung war im England der fünfziger Jahre in Seltenheit. Türen, die bis zum Boden gingen auch. Sie kennen das aus ➱Agatha Christie Filmen, wo  kleine Botschaften (oder kleine Schlangen) da unten durch geschoben werden. In diesen Filmen tragen die Herren beinahe immer dicke Tweedanzüge mit Weste oder Pullunder. Cool Britannia hatte damals eine andere Bedeutung.

Ein Jahrzehnt später trug ich Hemden von der schwedischen Firma Stenströms, die einmal der größte Hemdenproduzent Schwedens war. Die hatte ➱Kelly im Angebot, mit vielen runden Kragen und ➱Piccadilly Kragen, die mit einer Nadel die Krawatte umschlossen. Eine University Line (Bild) gab es auch. Das war schon etwas anderes als die deutschen ➱Nyltest Hemden, die Produkte aus Bielefeld mit den furchtbar steifen Kragen, die die Hausfrauen noch stärkten. Oder die fürchterlichen Seidensticker Hemden mit der schwarzen Rose.

Ich habe immer noch Stenströms Hemden, habe mir mit der Zeit aus reiner Nostalgie immer wieder einmal eins gekauft. Die Baumwolle ist erstklassig, aber leider haben sie nicht mehr die tollen Kragen der siebziger Jahre. Die Firma Stenströms gibt es seit 1899, die Firma Eton ist dreißig Jahre jünger. Um die habe ich einen Bogen gemacht, weil die mir zu langweilig ist. Aber ➱Michael Rieckhof von der Firma Kelly's hat mir versichert, dass die Ehefrauen es lieben, wenn der Gatte sich ein Eton Hemd kauft. Weil man die so schön bügeln kann.

Ich bleibe mal in Schweden, nehme Sie mit in die Vergangenheit, als es in Schweden noch Linksverkehr gab. So etwas wie hier hatte ich auch einmal. Mein gelber Lamamantel kam von der schwedischen Firma Tiger. Die stellt heute Billigklamotten für junge Leute her, damals war sie etwas ganz anderes: Företaget, som tidigare hette "Tiger of Uddevalla", tillverkade förr endast herrkläder av klassiskt snitt, och målgruppen var på senare år främst äldre män. Mein Mantel (der schon in dem Post ➱Aimez-vous Brahms? erwähnt wird, kam aus dem Laden von Hans Kalich in Bremen, ein Geschäft, das es heute leider nicht mehr gibt, das damals aber modisch noch vor Herrenausstattern wie Charlie Hespen oder Stiesing rangierte.

Sie können hier sehen, dass die Firma ➱Tiger von Marcus Fredrik Schwartzman den schwedischen König belieferte, der heutige König würde bestimmt nicht mehr diese Marke tragen. Heute produziert Tiger Kleidung für junge Menschen, alles slimline, nichts mehr von der Qualität von damals. Wird auch nicht solange halten wie mein gelber Lamamantel. Zweireihige gelbe Kamelhaarmäntel waren in den sechziger Jahren chic, Karajan und Carlo Ponti trugen so etwas, und in ganz Deutschland konnte man billige Kopien dieses Klassikers sehen, den man im anglo-amerikanischen Bereich einen ➱Polo Coat nannte. Ich bin aus meinem königlichen Tiger Mantel herausgewachsen, heute habe ich einen Mantel von Caruso aus gelbem Loro Piana Doeskin, der nach viel Geld aussieht. War aber vor zehn Jahren bei ebay ganz billig.

Es kam noch mehr aus Schweden als der Hoflieferant Tiger of Sweden, zum Beispiel die Firma ESSGE, die sich King of Tailoring nannte und auch noch handmade auf ihre Etiketten schrieb. So etwas hatte ich mal in der Hand, war aber nicht toll. Sehr steife Einlagen, das konnte die deutsche Firma ➱Regent vor fünfzig Jahren besser. Die können allerdings bei allem Werbeaufwand immer noch nicht die Karos anpassen, was bei ESSGE ebenso war. Was ➱Caruso, Canali, ➱Nervesa und Pal Zileri mit links machen, das sollte man bei Regent auch mal irgendwann hinkriegen.

So sah es in Kopenhagen in den sechziger Jahren aus. Ich habe das Photo aus dem Internet, aber meine Photos von Kopenhagen zeigen ganz ähnliche Bilder. Auf der Ströget habe ich 1960 einen eleganten dänischen Herren gesehen, der einen braunen Glencheckanzug mit einem braunen Bowler und einem braunen ➱Schirm komplettierte. Als ich mir meinen ersten englischen Schirm kaufen durfte, war das ein brauner Schirm, einen braunen Bowler (von Christie's) besitze ich auch. Mir fehlte zu meiner sartorialen Nostalgie nur noch der braune Glencheckanzug. Den sah ich eines Tages bei Charlie Hespen im Schaufenster, ich konnte ihn anprobieren, so lange ich wollte, er war leider zu klein. Es war ein Anzug von der dänischen Firma Hobson of Copenhagen, die bei Herrenausstattern in Norddeutschland gut vertreten war.

Und die natürlich Hoflieferant für das dänische Königshaus war, wie man diesem Etikett entnehmen kann. Die Firma exisitierte von 1952 bis 1985, dann kaufte die italienische Firma ➱d'Avenza den Namen. Die Firma aus Avenza war 1957 von Myron Ackerman gegründet worden. Er war der Sohn von Simon Ackerman, der die englische Firma Chester Barrie gegründet hatte, eine Firma, die ja heute leider nur noch ein Schatten ihrer selbst ist.

Die Firma ➱d'Avenza, die gerade einen Neuanfang gemacht hat, ist heute immer noch im Hochpreissegment tätig ist. Sie sollen auch die RTW Kleidung für große Namen (wie zum Beispiel ➱Battistoni) machen. Einer ihrer Klassiker ist das Forte Jacket (keine Angst, das ist nur innen eingestickt), ungefüttert, Blasebalgtaschen und ein kleiner Rückengürtel. Ich habe solch ein Teil, und ich liebe es. Ich weiß nicht, ob die Firma Hobson damals so etwas auch im Programm hatte. Das Forte Jacket ist ja nix als die Kopie eines englischen Sportjacketts aus den dreißiger Jahren - so wie Dänemark in den fünfziger und frühen sechziger Jahren eine kleine Kopie von England war: überall englische Autos und englische Tweedjacketts.

Es ist eigentlich die Frage, ob sie es sich leisten können, zu Hause zu bleiben, wenn die Dänische Herrenmode Messe während der Tage vom 4. bis 7. September die bedeutenden Kollektionen der dänischen Fabrikanten für das Frühjahr 1966 zeigt. So rührend naiv konnte man 1965 im Herrenjournal die dänische Mode bewerben. Die ersten Kopenhagener ➱ModemessenDansk Modeuge und Dansk Herremodeuge, waren 1958 abgehalten worden. Die Firma Christonette (die schon in dem Post ➱Overcoats vorkommt) bewarb ihre Mäntel mit Wenig teurer, viel besser und versprach: Christonette kreiert die Mantellinie der Zukunft. 

Die Werbung war damals noch nicht so aggressiv wie heute, damals genügte: Erzählen Sie dem Christonettehändler ihre Wünsche - robuster maskuliner Tweed oder Luxus. Probieren Sie andere Mäntel, bevor Sie einen Christonette kaufen. Ich brauchte damals nicht viele Mäntel anzuprobieren, ich fand meinen Christonette Mantel bei Kelly's im Ausverkauf. Der Mantel war hellgrau und war mit großen schwarzen und braunen Karos übersät, so etwas hatte niemand im Ort. Obgleich die Karos auffällig waren, so wie das Hobson Sakko weiter unten sah der Mantel natürlich nicht aus.

Christonette traute sich sogar auf den amerikanischen Markt und warb im New Yorker (wo sonst?) mit dem Text: Introducing Christonette of Copenhagen - not only protection, but fashion. Fully weather-proofed cotton trench coat, styled with that indefinable look of good taste - Christonette of Copenhagen. See it. Try it. Buy it - at Paul Stuart, New York and other fine stores. Irgendwann gab es keine Mäntel von Christonette mehr, da hatte Otto Aulbach aus ➱Miltenberg den Namen gekauft.

Amerika ist für die Europäer ein schwieriger Markt, aber dort kaufen die Herren vielleicht schon einmal so etwas. In England würde man den Stoff vielleicht als Pferdedecke verwenden. Dies ist ein Jackett der Firma Hobson of Copenhagen, das den Weg nach Amerika gefunden hatte. Solche wunderbaren Geschmacksverirrungen findet man heute manchmal in Second Hand Läden oder bei ebay. Ich glaube nicht, dass man so etwas in Dänemark hätte verkaufen können. Obgleich der Prinz Henrik, der ja einen sehr exzentrischen Geschmack hat, das vielleicht getragen hätte. In den siebziger Jahren habe ich auch immer großkarierte Jacketts getragen, natürlich nicht so große Karos wie Peter Frankenfeld. Und auch nicht wie dieser ➱Gauland. Aber stilvolle, großkarierte Jacketts. Als der Geschäftsführende Direktor des Instituts mich am Anfang des Semesters den neuen Studenten einmal als Jay, den Sie immer an seinen Jacketts erkennen, vorstellte, habe ich damit aufgehört.

Elegante Damenmode kommt immer noch aus Dänemark, hier ein Modell von Baum und Pferdgarten. Wenn die dänische Königin keinen Schneider oder eine Schneiderin hätte (einen Teil ihrer Garderobe entwirft sie selbst), könnte sie in Kopenhagen sicherlich Dinge finden, die ihr gefallen. Wir müssen dabei immer bedenken, dass die Königin (im Gegensatz zu Frau Merkel) nicht nur ein modisches Gespür hat, sondern dass sie neben ihren eigenen Kleidern auch Kostüme für die Kopenhagener ➱Oper entwirft.

Ob Prinz Henrik dänische Kleidung trägt, weiß ich nicht (zeitweilig hatte er einen Schneider in Hong Kong, wo er damals studierte). Der französische Graf hatte ja immer Schwierigkeiten, sich an die Dänen anzupassen: Wenige Monate nach meiner Ankunft wurde alles, was ich tat, kritisiert. Mein Dänisch war schwankend, ich bevorzugte Wein statt Bier, Seidenstrümpfe statt Stricksocken, Citroën statt Volvo, Tennis statt Fußball. Selbst für die Gauloises, die ich anstelle von Virginia-Tabak rauchte und die hierzulande den Ruf hatten, die Marke gesellschaftskritischer Intellektueller zu sein, konnte ich nicht auf Nachsicht hoffen. Ich war anders. Ich schien mit dieser Position zufrieden zu sein und mich nicht zu schämen. Das waren gleich zwei Fehler! Wir sehen Henrik hier, noch rank und schlank, mit der Prinzessin Margrethe und seinem ➱Citroen.

Die Textilwirtschaft und die Bekleidungsindustrie trugen erheblich zu Dänemarks Wirtschaft bei, es gab 1961 beinahe tausend Textilbetriebe. Die im übrigen mehr erwirtschafteten als die 748 Betriebe der dänischen Möbelindustrie, die immer Dänemarks Vorzeigeindustrie war. Damals wurden in der Bekleidungsindustrie keine schlechten Löhne gezahlt (an eine Verlagerung nach Asien dachte noch niemand), laut Wirtschaftsstatistik des Jahres 1959 lagen die Löhne für die Textilindustrie im oberen Viertel der Lohnskala.

Es geht der dänischem Bekleidungsindustrie auch heute gar nicht so schlecht. 2015 verbuchte die dänische Bekleidungsindustrie neue Rekorde: der Gesamtumsatz dänischer Firmen stieg gegenüber dem Vorjahr um 5,0 Prozent auf 42,2 Milliarden Dänische Kronen (5,68 Milliarden Euro). Der Umsatzzuwachs von H+M ist natürlich größer, mit Billigklamotten ist viel Geld zu machen. Was heute aus Skandinavien kommt (H+M, Dressman, J. Lindeberg, Scandic, Gant - you name them), ist - mit der Ausnahme von Stenströms und Eton - nicht auf dem Niveau von Tiger of Sweden der sechziger Jahre, von Hobson und Christonette. Und von der Firma Winkler's Mayfair of Copenhagen, von der ich drei rattenscharfe Flanellhosen hatte, habe ich auch nie wieder gehört. Modegeschichte ist Nostalgie, aber eins bleibt: der Qualitätsverfall ist leider überall zu finden. Davon, wie vom Wandel der Mode, bleibt diese junge ➱Dame in Kopenhagen natürlich unberührt.


Lesen Sie auch: Herrenausstatter, TyroneOvercoatsMein Dänemark

Samstag, 18. Februar 2017

O tempora, o mores!


Kaum redet man wie ➱gestern über den Lateinunterricht, da hat man auch schon Gelegenheit, die dort vor mehr als einem halben Jahrhundert vermittelten Kenntnisse zu gebrauchen. Der Titel dieses Posts O tempora, o mores! stammt von Cicero. Den kennen Sie bestimmt, der kleine Scherz Kikero und Kaesar gingen in den Kirkus, der eine in Zylinder, der andre in Zivil stand am Anfang des Lateinunterrichts. Da lernte man schöne Sätze wie Caesar ora classis romana, was Caesar küsste eine flotte Römerin heißt. Sätze, die einen wie O tempora, o mores! oder ➱Gaudeamus igitur ein Leben lang begleiten.

Wie auch Cicero. Er ist ein Autor, den man immer lesen kann. Er ist auch der Mann, der gesagt haben soll: Ut conclave sine libris, ita corpus sine anima (Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele). Das ist nicht ganz dasselbe wie Books do furnish a room, das steht bei Anthony Powell, einem Autor, der auch viel klassische Bildung vermittelt. Der amerikanische Präsident Donald Trump kann kein Latein, er kann Cicero nicht lesen, die goldene Latinität fehlt seinen Reden.

Latein ist für die Amerikaner wichtig, sie haben ein Capitol, einen Senat und Senatoren. Und den Spruch e pluribus unum im Wappen. Das war der einzige lateinische Satz, den Andrew Jackson verstand. Jackson war der erste amerikanische Präsident, der kein Latein konnte. Selbst wenn sich ➱John Adams über Washington mokierte, That Washington is not a scholar is certain. That he is too illiterate, unlearned, unread for his station is equally beyond dispute, muss man sagen, dass Washington durchaus gut Latein konnte. Die Damen da oben finden sich im Kapitol in Constantino Brumidis Apotheose Washingtons. Sie könnten dazu noch eben den Post ➱Liberty Girls lesen. Ist witzig, kommt aber auch viel Klassik drin vor. Das Bild im ersten Absatz zeigt natürlich nicht Cicero, sondern George Washington in antiker Pose.

So wie hier Sarah Middleton (deren Bruder die ➱Declaration of Independence unterzeichnete) kurz vor ihrer Hochzeit mit Charles Cotesworth Pinckney, einem Freund Washingtons, sah sich die amerikanische Gesellschaft im revolutionären Amerika gerne: als flotte Römerin verkleidet blickt sie uns an, im Hintergrund die Anmutung einer römischen Villa. Es war für Amerika schön, dass seine Staatsgründung mit dem herrschenden Klassizismus zusammenfällt. Von ➱Thomas Jeffersons Villa ➱Monticello bis zum ➱Weißen Haus waren römische Republik und griechische Demokratie die Blaupause für das junge Amerika. Und natürlich liegt Washington nicht am Goose Creek, sondern am Tiber Creek. Manche Frauen gehen noch weiter als Mrs Pinckney, die kleiden sich nicht nur römisch, sie legen sich auch noch einen römischen Namen zu. So unterschreibt ➱Abigail Adams eines Tages ihre Briefe mit ➱Portia.

Zu dem Thema (hier Benjamin Franklin in einer modischen Toga) hat die Stanford Professorin Caroline Winterer einiges zu sagen. Sie können sich ➱hier eine knappe Stunde lang ihren Vortrag Are We Rome or Greece? America's Infatuation with Classical Antiquity anhören, sie könnten sich in der Zeit aber auch die ➱Pressekonferenz reinziehen. Also die, wo er sagt: I’m here today to update the American people on the incredible progress that has been made in the last four weeks since my inauguration. We have made incredible progress. I don’t think there’s ever been a president elected who in this short period of time has done what we’ve done. Für den Kommentator bei ➱Spiegel Online war das schon ein Grund, nach dem Arzt zu rufen. Auf dieses durchaus mögliche Schicksal des Präsidenten habe ich schon in dem Post Doktor Pinel hingewiesen (vielen Dank, dass Sie den alle gelesen haben). Der Vortrag von Dr Winterer über Amerikas Geburt aus der Idee der Klassik, die Pressekonferenz des Plebejers Donald Trump über die Großartigkeit seiner Regierung: zwei Seiten Amerikas.

Ich bleibe noch mal eben beim Latein. Als ich gestern alle möglichen Nachrichten und Kommentare zu Trumps Pressekonferenz hörte, fiel mir plötzlich ein Zitat ein. Ich war dabei, mir einen Tee aufzubrühen und hatte von dem Zitat nur dieses usque tandem Catilina im Kopf. Ich trank erst einmal meinen Tee, ich wusste, mein Computer würde den Rest schon finden. Fand er auch. Cicero sagt in seiner ➱Catilina Rede - und ich finde das ein wunderbar für Trump passendes Zitat: Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra? Quam diu etiam furor iste tuus nos eludet? Quem ad finem sese effrenata iactabit audacia? Das heißt auf deutsch so etwas wie: Wie lange noch wirst du, Catilina, unsere Geduld mißbrauchen? Wie lange wird uns auch dieser dein Wahnsinn verspotten? Bis zu welchem Zeitpunkt wird sich deine zügellose Frechheit aufschaukeln?

Freitag, 17. Februar 2017

Adam Oeser


Ich gab bei Google Adam Oeser ein und bekam als erstes Ergebnis eine Anzeige von Adam Opel. Der Kommerz kommt vor der Kunst. Das ist bei Google immer so. Gibt man den Namen des Malers Adam Oeser bei Googles Bildersuche ein, bekommt man unter anderem diese junge Dame. Sie heißt Jennifer Oeser und ist eine Siebenkämpferin, ist aber wahrscheinlich nicht mit Adam Oeser verwandt. Die Bildauswahl bei Google wird ja immer seltsamer, seitenweise bekommt man Bilder, die garantiert nichts mit dem gesuchten Namen oder Begriff zu tun haben. Auch hier kommt der Kommerz meistens vor der Kunst. Wenn Sie mal etwas Nicht-Kommerzielles sehen wollen, dann Sie klicken Sie ➱dies an: massenhaft Bilder aus SILVAE. Da bekommen Sie auch einen Eindruck davon, was im Kopf dieses Bloggers vorgeht.

Der Maler und Bildhauer Adam Friedrich Oeser ist bisher in diesem Blog nicht vorgekommen. Was daran liegt, dass ich ihn nicht mag. Ich hätte ihn in dem Post zu ➱Anton Raphael Mengs erwähnen können, weil er bei Mengs gelernt hat, aber ich habe es gelassen. So wie Kindlers Malerei Lexikon ihn auslässt, die kennen zwar ➱Oelze, aber nicht Oeser. Adam Friedrich Oeser wurde heute vor dreihundert Jahren geboren, und nur deshalb bekommt er einen kleinen Post. Dieses Portrait Oesers ist von dem Maler Nikolaus Lauer, der auch hübsche Bilder von der ➱Königin Luise gemalt hat. Eigentlich ist ➱Nikolaus Lauer ein viel interessanterer Maler als Oeser, aber der hat heute keinen dreihundertsten Geburtstag. Das Pastellbild, das er kurz vor Oesers Tod gemalt hat, das ähnelt schon beinahe einem ➱Gainsborough - was beweist, das wir im Zeitalter der Empfindsamkeit sind.

Oeser war zu seinen Lebzeiten berühmt, seine Schüler liebten ihn, schrieben Gedichte auf ihn:

In Deiner Kunst lebt noch mit seinem ganzen Ruhm/
Athens und Roms geprießnes Alterthum:
Das Unnachahmliche, das uns mit jenen Zeiten
verloren ging, rufst Du aus ferner Nacht zurück, 
und weißt sein ganz Verdienst auf jedes Meisterstück
Von Deiner Hand mit Einsicht auszubreiten.

Das hier sind die Kinder des Malers. Sicher eine rührende Szene, besser kann er nicht malen. Seine Berühmtheit verdankt er der Tatsache, dass er Goethe im Zeichnen unterrichtete (von einem ächten Lehrer spricht Goethe) und lebenslang mit ihm befreundet war. Und dass er mit Winckelmann, der auch bei ihm wohnte, befreundet war. Diesem Mann aus ➱Stendal, der nie in ➱Griechenland war, aber alles über die Griechen wusste. Sie erinnern sich: edle Einfalt und stille Größe. Und der ganze klassizistische Unsinn, der im deutschen Gymnasium mündet.

Ich will nichts Böses gegen Latein sagen. Mein erster Lateinlehrer ➱Hermann Bollenhagen war der beste Lehrer, den ich hatte. Mein zweiter Lateinlehrer war adlig und ein Nazi, mein dritter Lateinlehrer war völlig inkompetent in allen Sprachen (er sprach Diepholz Diefolz aus). Und dennoch mag ich Latein. Aber dieses ganze Gewese im 18. Jahrhundert mit Griechenland und Rom und der sogenannten klassischen Antike, das geht mir auf die Nerven. Ich halte nicht viel von Nietzsche, aber diesen gehässigen Satz von ihm muss ich doch mal eben zitieren: Winckelmanns und Goethes Griechen, V. Hugo’s Orientalien, Wagners Edda-Personnagen, W. Scotts Engländer des 13. Jahrhunderts – irgend wann wird man die ganze Komödie entdecken: es war Alles über alle Maaßen historisch falsch, aber – modern, wahr!

Oeser ist nicht nur mit Goethe befreundet, Goethe geht bei ihm auch zeitweise ein und aus. Und ist mit Oesers Tochter Friederike befreundet, er schreibt ihr Briefe und Gedichte, wie dieses erstaunliche autobiographische ➱Gedicht:

Mamsell,
So launisch wie ein Kind, das zahnt,
Bald schüchtern wie ein Kaufmann, den man mahnt,
Bald still wie ein Hypochondrist
Und sittig wie ein Mennonist,
Und folgsam wie ein gutes Lamm,
Bald lustig wie ein Bräutigam,
Leb ich und bin halb krank und halb gesund,
Am ganzen Leibe wohl, nur in dem Halse wund;
Sehr mißvergnügt, daß meine Lunge
Nicht so viel Atem reicht, als meine Zunge
Zu manchen Zeiten braucht, wenn sie mit Stolz erzählt
,
Was ich bei euch gehabt, und was mir jetzt hier fehlt...

Im Jahre 1717 werden nicht nur Oeser und Winckelmann geboren, auch der italienische Maler Giuseppe Zocchi wird da geboren, der schöne Veduten gemalt hat. Und dieses charmante Federballspiel, gemalt wie eine Theaterdekoration, eine Inszenierung des Rokoko. Im Rokoko fängt Oeser an, dann wendet er sich dem Klassizismus zu. Malt aber niemals solch charmante Bilder wie dieses hier.

Und solch ein Familienbild, wie es ➱John Singleton Copley gemalt hat, das würde Oeser schon rein technisch nicht hinkriegen. Es wird auch nicht lange dauern, dass es mit der Lobhudelei zu Ende ist. Der erste, der mit der Winckelmann Begeisterung abrechnet, ist Daniel Nikolaus Chodowiecki: Was hat aber Winckelmann dem Künstler genutzt, nichts. Raphael und Rubens, Rembrandt, selbst der von vielen verachtete Tenier waren ohne Winckelmann was, Mengs ebenfalls und ohne Mengs wäre Winckelmann das geblieben was er war, da er Deutschland verließ. Er hat die Antiquen ange­staunt wie so viele andre und nicht verstanden. Wo sind die Künstler, die von Winckelmann profitiert haben, und die mit Raphael, Rubens und so vielen andren, die nach ihnen waren, zu vergleichen sind? Winckelmanns Schaffen kann einen Gelehrten, aber nicht einen Künstler bilden. Waß ist aus unsern Künstlern , die seit 10 Jahren nach Rom gegangen sind geworden? Was wird aus denen werden die jetzt in Rom sind. Rehberg [ein ehem. Schüler Oesers] geht rückwärts, Genelli verzehrt das Geld was die Akademie ihm reichte. 

Der Maler und Kunstschriftsteller Heinrich Meyer (nicht zu verwechseln mit dem Meyer aus Bremen, über den mein Freund ➱Dommie alles weiß), lebenslang ein Freund Goethes, bezeichnet Oeser als einen Nebulisten. Das können wir bei diesem Bild nachvollziehen. Seine besten, ausgeführten Arbeiten haben noch zu viel Schwebendes, Unbe­stimmtes, zu leichten Sinn und halb aufgelöste Gestalten. Im Übrigen sind es meist anmuthige Bilder, Ergießungen einer harmlosen kindlichen Seele, eines schönen begabten Geistes. Man kann Meyer auch darin folgen, wenn er davon redet, dass Oeser mit gefäl­ligen doch zu leicht und nebelhaft ausgeführten Mahlereien großes Lob erwor­ben hat.

Vor allem, wenn das obige Bild eines Mädchens mit dem Portrait der Töchter des Künstlers von Thomas Gainsborough vergleicht, einem Bild, an dem nichts Nebulöses ist. Man könnte auch das ➱Shrimp Girl von ➱Hogarth zum Vergleich heranziehen, Oeser schneidet bei solchen Vergleichen immer schlecht ab. Der Kunsthistoriker Timo John hat in dem hervorragenden ➱Goethezeitportal die Rezeption Oesers durch die Jahrhunderte verfolgt.

Was im Goethezeitportal steht, kommt natürlich aus der ➱Dissertation des Autors, der im Jahre 2000 mit seiner Studie über Oeser an der Universität Halle-Wittenberg promoviert wurde. Erstaunlicherweise sind Timo Johns Publikationen auch im Wikipedia Artikel erwähnt, da hat man es ja leider normalerweise nicht mit solcher Genauigkeit. Studie über einen Künstler der Empfindsamkeit heißt Johns Buch im Untertitel. Es war Johann Joachim Christoph Bode, der (auf Anraten Lessings) das Wort empfindsam in die deutsche Sprache gebracht hat, als er ➱Laurence Sternes Sentimental Journey mit Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien übersetzte.

Da haben wir sie nun, die ➱Empfindsamkeit. Goethes Werther, Klopstock und viele schöne Gefühle. In England Henry Mackenzies Roman ➱The Man of Feeling und Gainsborough. Und viel Maliziöses zu dem sentimental feelings. Und bei uns Schäferszenen, wie diese hier von Oeser. Konnte Watteau besser. Wenn Goethes satirisches Stück ➱Triumph der Empfindsamkeit aufgeführt wird, ist das das Ende der Epidemie der Gefühlsduseligkeit. Und mein Post zu Adam Friedrich Oeser ist hier auch zu Ende. Ich hätte über Jennifer Oeser schreiben sollen. Oder über Adam Opel.

Oder über RB Leipzig. Denn es ist Leipzig gewesen, wo man Oeser beinahe ein halbes Jahrhundert lang für einen großartigen Maler hielt (es gibt da noch eine Adam Oeser Schule). Oeser ist natürlich kein großartiger Maler, in Dresden hätte er wohl nicht diesen Erfolg gehabt. Ich habe hier noch einen letzten Beweis, dass der Mann überhaupt nicht malen kann. Selbst Goethe hätte diesen Abschied Hektors von Andromache hingekriegt. Da findet man Tischbein (zu dem es ➱hier einen Post mit viel Goethe gibt) schon wieder gut.

Mittwoch, 15. Februar 2017

Yellow Press


Die berühmte ➱Clara Barton, Gründerin des amerikanischen Roten Kreuzes und Heldin des amerikanischen Bürgerkriegs ist im Jahre 1898 im revolutionären Kuba. Die Verhältnisse in den Gefängnissen von Valeriano Weyler schreien geradezu nach dem Roten Kreuz. Auf jeden Fall sind da hunderte von amerikanischen Reportern auf der Insel, die so etwas nach Washington drahten. Washington schickt das Kriegsschiff USS Maine zu einem 'Freundschaftsbesuch' nach Havanna. Der Kapitän Charles Dwight Sigsbee lädt Clara Barton auf sein Schiff ein. Sie wird in ihren Memoiren schreiben: A cordial invitation from Captain Sigsbee to visit the "Maine" that afternoon had been received. His launch courteously came for us; his officers received us; his crew, strong, ruddy and bright, went through their drill for our entertainment, and the lunch at those polished tables, off glittering china and cut glass, with the social guests around, will remain ever in my memory as a vision of the "Last Supper."

Und ein Last Supper ist es für viele gewesen. Es ist nie geklärt worden, weshalb das Schlachtschiff Zweiter Klasse USS Maine am 15. Februar im Hafen von Havanna in die Luft geflogen ist. Alles spricht heute für einen Schwelbrand im Kohlebunker. Aber die sogenannte öffentliche Meinung weiß im Jahre 1898, dass es natürlich die Spanier gewesen sind, die das Schiff torpediert haben. Maine Blown up by Torpedo titelte das San Francisco Chronicle mit Großbuchstaben. Und darunter ganz klein: Such is the belief now gaining ground. Dr Johnsons Satz There is no crime more infamous than the violation of truth interessiert niemanden mehr. Kellyanne Conway und Sean Spicer vollenden heute das, was Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst angefangen haben.

Die Herren Pulitzer und ➱Hearst sind berühmt dafür geworden, dass sie den Sensationsjournalismus perfektioniert haben. Und sie werden unglaublich reich damit werden. So wie Axel Springer, dem die Leser seiner Bild Zeitung seinen Rolls-Royce, das ➱Gut Schierensee, die Apanage für viele Ehefrauen und die Abfindungen für die zahlreichen Geliebten bezahlt haben. Mit Lügen kann man immer gut verdienen. Es war ein schöner ➱Augenblick, als der Bundespräsident ➱Theodor Heuss dem Verleger Axel Springer sagte: Sie sind der Verderber der Presse.

Yellow Press heißen die amerikanischen Erzeugnisse nach einem Comic The Yellow Kid, bei dem die Figur des Yellow Kid gelb eingefärbt war: They colored the comics but they colored the news as well. Auf diesem Cartoon sind die niedlichen yellow kids Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst gerade beim Spielen, was sie mit ihrem Spielzeug zusammenbasteln, heißt War. Die ➱Sensationspresse schreit: Remember the Maine. To hell with Spain!, der Spanisch-Amerikanische Krieg ist unausweichlich. Das ist der Krieg, in dem Teddy Roosevelt mit seinen rough riders seine Cowboyphantasien ausleben kann. Ein anderer Cowboydarsteller im Weißen Haus namens Ronald Reagan wird noch 1987 in einer Rede vor Marinekadetten den Schlachtruf Remember the Maine ausstoßen, einen Schlachtruf der nach dem ➱Remember the Alamo gebildet wurde. Muss man noch erwähnen, dass es einen Remember the Maine Cocktail gibt? Ein Brettspiel auch. Man kann alles vermarkten.

Plakative Schlagzeilen sind in Amerika immer gut. Das beginnt schon früh in der amerikanischen Geschichte. Beim sogenannten Boston Massacre (das die Engländer zurückhaltend als Incident on King Street betitelten) sind fünf Menschen umgekommen. Reicht das für den Begriff Massaker? Beim Bowling Green Massacre sind überhaupt keine Menschen umgekommen, das Massaker hat ➱Kellyanne Conway erfunden. Wir leben heute in einer Welt der Fake News und der alternative facts. Auch schon 1898, als die Yellow Press den Spanisch-Amerikanischen Krieg zum Laufen bringt. Und Thomas Edison die ersten filmischen Fälschungen ins Kino bringt: diese Erschießung von Aufständischen hat nie stattgefunden. Da ich Ronald Reagan gerade erwähnt habe: er ist übrigens derjenige, der das Make America Great Again lange vor Donald Trump verwendet hat, das muss einmal gesagt werden.

Hundert Jahre nach dem Beginn des ➱splendid little war unterzog die ➱New York Times die Rolle der Presse im Jahre 1898 einer kritischen Betrachtung. In dem Artikel konnte man lesen: Many an American history student will recall the telegraphed exchange between William Randolph Hearst, publisher of The New York Journal, and Frederic Remington, the great illustrator of the American frontier dispatched by Hearst to Cuba to cover the Cuban guerrilla uprising against Spain. ''There will be no war,'' Mr. Remington wired home. ''I wish to return.'' Hearst, bent on beating Joseph Pulitzer's New York World at the newsstands, told the artist to do no such thing: ''You furnish the pictures and I will furnish the war.'' So schön die Geschichte ist, sie ist wahrscheinlich nicht wahr. Wie so vieles aus der Zeit des Beginns der Yellow Press.

Es ist nicht das Jahr 1898, in dem die Fake News zu Kuba beginnen, es hat schon früher angefangen. Schon im Jahre 1895 hatte ein gewisser Ambrose Bierce, Hauptmann im Bürgerkrieg, den Zustand der amerikanischen Presse beschrieben als: War—Horrid War!—between the United States and Spain has already broken out like a red rash in the newspapers, whose managing commodores are shivering their timbers and blasting their toplights with a truly pelagic volubility and no little vraisemblance. Da müssen sich amerikanische Frauen vor spanischen Beamten nackt ausziehen, entwürdigend. Was würde Trump da twittern? Nichts an dieser Geschichte, die Frederic Remington ins Bild gesetzt hat, ist wahr.

Mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg und der Besetzung Kubas  waren die Amerikaner zu dem geworden, was man heute einen Global Player nennt, vorher hatten sie gezögert, in die Weltpolitik einzugreifen. Mit Kuba und den ➱Philippinen sind sie mittendrin im Imperialismus. ➱Take Up the White Man's Burden hatte Rudyard Kipling die USA aufgefordert. Um seinem Gedicht noch mehr Nachdruck zu verleihen, hatte Kipling damals an Roosevelt geschrieben: Now, go in and put all the weight of your influence into hanging on, permanently, to the whole Philippines. America has gone and stuck a pick-axe into the foundations of a rotten house, and she is morally bound to build the house over, again, from the foundations, or have it fall about her ears. Kiplings Take Up the White Man's Burden ist das klassische Gedicht des Imperialismus geworden (lesen Sie ➱hier mehr). Es forderte natürlich zu Parodien und Cartoons heraus. Wie diesem, der den Titel hat: The British John Bull and the American Uncle Sam bear The White Man's Burden (Apologies to Rudyard Kipling), taking the coloured peoples of the world to civilisation.

Auf dem alten Globus meines Opas, der bei mir auf dem Fensterbrett steht, ist der größte Teil der Welt mit einem rötlichen Pink gefärbt, das stand 1900 für England. Jetzt wollen die USA auch einen Teil von dem Kuchen. Mit der Quasireligion der ➱Manifest Destiny hatte man Amerika erobert und Mexiko viel Land weggenommen. Aber ➱The Winning of the West reicht den Amerikanern nicht aus, jetzt kämpft der Cowboy Roosevelt mit seinen Rough Riders gegen Spanien. Man eignet sich nicht nur Kuba an, auch Puerto Rico wird von Amerika abhängig. Man hat keine Kolonien wie die europäischen Großmächte, man hat jetzt Außengebiete.

Das Schiffsunglück im Hafen von Havanna produziert eine Vielzahl von Gedichten und Liedern, die es aber nicht wie Fontanes John Maynard oder Gerald Manley Hopkins' The Wreck of the Deutschland in die Anthologien schafften. Die in ihrem patriotischen Gehalt natürlich interessant sind, ich zitiere von einem ➱Lied einmal den Refrain:

We'll never forget the sad events of that night. 
Our lads were killed, with no chance to fight; 
The foul deed was done by treach'rous Spain. 
That's why America fought and avenged the Maine.

Und dann hätte ich auf einer hervorragenden Dokumentationsseite der Lieder aus den Ozarks noch My Sweetheart went down with the Maine. Einmal gesungen von ➱Mrs Barnes. Und dann noch von ➱Mrs Scruggs, da wird das richtig peppig:

Once I had a sweetheart,
Noble, brave, and true,
Fearless as the sunrise,
Gentle as the dew.
We had loved and waited.
He had named the day.
We had pledged to wed each other
In the month of May.
We had pledged to wed each other
In the month of May.
Out on the high sea he sailed,
Under the red, white, and blue,
Faithful to country and home,
Faithful to captain and crew.


Anchored in Havana
On a Cuban shore,
Conscious of no danger,
Dreaming love days o'er.
Peacefully he slumbered
In a hammock bed,
While the stars with glowing beauty
Benediction said,
And while the stars with glowing beauty
Benediction said.
Then came a death . . . crash,
Wrecked the vessel in twain.
Down went my sweetheart to death,
Down with the gallant ship Maine.

Der Kapitän Charles Dwight Sigsbee (hier sein Telegramm an den Marineminister), der unter Admiral Farragut im Bürgerkrieg gedient hatte, hat das Unglück überlebt. Er ➱telegraphiert am nächsten Tag seiner Gattin: Maine blown up last night totally wrecked all officers Saved but Jenkins and Merritt who were probably Killed about 250 Killed I am uninjured but have lost absolutely Everything but thin Sack Coat trousers and shirt will borrow money of General Lee estimate My pecuniary loss fifteen hundred dollars CD Sigsbee.

Sigsbees Taschenuhr hat den Untergang des Schiffes auch überstanden. Die hatte ihm der Taucher, der die militärischen Papiere aus dem Schreibtisch holen sollte, mit nach oben gebracht. Er dachte, dass er dem Kapitän, der gerade sein Schiff verloren hatte, damit eine kleine Freude machen könnte (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Havanna). Sigsbee hatte große Schwierigkeiten gehabt, überhaupt einen Taucher zu finden, die waren alle schon von den Journalisten, die in Heerscharen in Havanna ankommen, unter Vertrag genommen. Sigsbee spült die Taschenuhr mit klarem Wasser aus, füllt sie dann voller Öl und schickt sie an den Hersteller. Das hat er schon zweimal gemacht, Admirale gehen manchmal über Bord. Ist nicht so schlimm. Wenn die Wahrheit über Bord geht, ist das viel schlimmer.

Die Wahrheit ist das erste, das in einem Krieg über Bord geht (Aischylos und hundert andere sollen das gesagt haben). Wenn der Satz stimmt, dann führt Donald Trump gerade Krieg. Oh Mann, was hätten Pulitzer und Hearst diesen Kerl mit den aufgenähten Ponyfelllappen gebrauchen können!