Montag, 21. August 2017

Dunkelheit


Heute wird es dunkel in Amerika. Ganz dunkel. Es ist schon dunkel in Amerika geworden, seit Trump Präsident ist, aber jetzt wird es richtig dunkel. Zum ersten Mal seit 1918 gibt es eine totale Sonnenfinsternis. Donald Trump (der während einer Mondfinsternis geboren wurde) könnte seinen Science Advisor fragen, was eine Sonnenfinsternis ist, aber er hat keinen wissenschaftlichen Berater. Er ist der erste Präsident seit Franklin Delano Roosevelt, der keinen Science Advisor hat. Braucht er nicht, er hat ja genügend Berater mit Kurzzeitvertrag. Einer, der gerade gefeuert wurde, sagte in seinem ersten Interview, als er ins Weiße Haus berufen wurde: Darkness is good. Finden manche in Amerika nicht. Die Washington Post hat jetzt den Slogan Democracy Dies in Darkness auf der Titelseite. Seit einigen Tagen kursiert der Spruch Dear God, if you want us to impeach Trump, give us a sign. Like blot out the sun … Anytime in the next week. Thanks, Americans im Internet. Vielleicht ist da ja was dran. Vielleicht sollte man dem hier ausgesprochenen Wunsch noch den Wunsch aus der Apostelgeschichte an die Amerikaner hinzusetzen: To open their eyes, and to turn them from darkness to light, and from the power of Satan unto God, that they may receive forgiveness of sins, and inheritance among them which are sanctified by faith that is in me.

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Sonntag, 20. August 2017

Attolini


Ich guckte das Photo dieses Jacketts bei ebay scharf an und fragte mich, wer wohl der Hersteller sei. Es stand da, dass das Jackett von Patrick Hellmann sei, aber Hellmann macht natürlich keine Jacketts. Am Anfang hatte er in seiner Patrick Hellmann Collection viel von ▹Kiton und Attolini, danach gab es vieles, was in Polen genäht wurde. Das muss nichts Schlechtes sein, auch ▹Regent ließ da mal jahrelang fertigen. Heute kommt beinahe alles, was den Namen Patrick Hellmann trägt, aus Portugal von der Firma ▹Diniz + Cruz. Das habe ich schon in dem Post ▹Berliner Mode gesagt, mehrere Leser haben mir das nach einem Blick auf das Etikett in der Innentasche bestätigt.

Das Jackett hatte bei ebay nur zwei Photos, von vorn und von hinten. Ich kopierte mir die auf den Schreibtisch und vergrößerte sie. Brachte bei der Qualität des Originals wenig. Doch es war mir ziemlich klar, dass das Jackett von Attolini stammte, die barchetta Brusttasche, das opulente Revers und die Schultern wiesen alle auf Attolini hin. Aber man guckt da doch noch mal genau hin, bevor man bei einem Preis von 49 € (portofrei) für ein Kaschmirjackett dieses magische sofort kaufen anklickt. Ich hatte natürlich mit meiner Annahme recht, auch mein Jackett hat dieses Etikett. Aber wo hier der Name des Hamburger ▹Herrenausstatters Braun steht, steht auf meinem Etikett Sartoria Attolini cuce a mano per Patrick Hellmann.

Es gibt in Neapel noch einen anderen Attolini, der auch Anzüge näht. Lange nicht so teuer wie Caesare Attolini, aber gar nicht schlecht. Der Firmengründer heißt Luciano Attolini, und die Firma ist älter als die von Caesare Attolini. Die beiden Familien sollen sogar entfernt miteinander verwandt sein, haben geschäftlich nichts miteinander zu tun. Ich habe seit vielen Jahren einen Anzug von Luciano Attolini, erstklassiger Schnitt, erstklassiger Stoff (Loro Piana), und das Ganze für einen Hunni. Noch D-Mark. Ich kann nichts Böses über Luciano Attolini sagen.

Über Caesare Attolini (hier ein Bild des Firmengründers Vincenzo) natürlich auch nicht. Er ist dafür berühmt geworden, dass er das neapolitanische Jackett erfunden hat. Fließende Linien, kaum Schulterpolster und kaum Einlagen. Das macht man in Neapel noch heute. Attolini arbeitete damals für ▹Gennaro Rubinacci, und diesen Schneider gibt es heute immer noch. Wenn wir ganz genau sind, dann hat wohl Caesare Attolini nicht das neapolitanische Jackett erfunden, sondern ▹Domenico Caraceni. Bei dem der Herzog von Windsor sich auch mal Anzüge machen ließ.

Der ansonsten auf den Holländer ▹Frederick Scholte vertraute, der etwas kreierte, was man den ▹drape look nannte. Natürliche Schultern, viel Platz in der Brust und eine schmale Taille. Das ähnelte dem Schnitt der Uniform der Gardeoffiziere. Auch Anthony Sinclair, der aus Sean Connery James Bond machte, orientierte sich an diesem Stil (lesen Sie mehr dazu in ▹Agentenmode und ▹Scotland Forever), schließlich war der Regisseur Terence Young Offizier in einem Garderegiment gewesen. Da lag es nahe, dass er Connery zu seinem Schneider schleppte.

Der Herzog von Windsor sagte über seinen ▹SchneiderFrom 1919 until 1959 –- a space of forty years -– my principal tailor in London was Scholte. It is a firm which, alas, no longer exists… [Scholte] once told me that as a young man he had had to serve ten years of arduous apprenticeship before he was allowed to cut a suit for a client. He had the strictest ideas as to how a gentleman should and should not be dressed…he disapproved strongly of any form of exaggeration in the style of the coat …As befitted an artist and craftsman, Scholte had rigid standards concerning the perfect balance of proportions between shoulders and waist in the cut of a coat to clothe the masculine torso. Fruity [Metcalfe] who, for all his discretion of costume was always ready for some experiment, had sinned by demanding wider shoulders and a narrower waist. Thus, for some time, he was excluded from Scholte’s sacred precints. These peculiar proportions were Scholte’s secret formula.

Der Unterschied zu Attolini und Caraceni war allerdings, dass die Savile Row in den dreißiger Jahren bei ihrem ▹natural look Stoffe verwendete, die zwischen 13 und 20 Unzen wogen. Die kann man auch zur Moorhuhnjagd anziehen, garantiert thornproof. Die einmal geschneiderte Form blieb immer erhalten, der Anzug veränderte sich nicht; formtreu, wie es bei C&A in den fünfziger Jahren hieß. Noel Coward pflegte seine Anzüge gegen die Wand zu werfen, damit sie weicher wurden. Ich glaube, das war vergebene Liebesmühe. Fred Astaire bat das Personal bei Anderson & Sheppard, wenn er seinen neuesten Anzug anprobierte, die Teppiche wegzuräumen. Und tanzte dann durch den Laden. Er brauchte Bewegungsfreiheit in seinen Anzügen.

Frederick Scholte hielt nicht viel von den Größen des Showgeschäfts, sie mochten Millionäre sein und durch den Laden tanzen, aber sie waren keine Gentlemen. Scholte hatte den jungen Schweden Per Anderson ausgebildet, der später Sidney Sheppard als Kompagnon in seine Firma aufnahm. ▹Anderson & Sheppard ist heute immer noch der berühmteste Name der Savile Row. Genau genommen sitzen sie in der Old Burlington Street, aber das zählt zur Savile Row sozusagen dazu. Das ▹neapolitanische Jackett von Caesare Attolini wird nicht auf der Stelle ein Renner sein, die italienische Oberschicht bevorzugt noch lange den englischen Stil und englische Kleidung. Deshalb werden Firmen wie Chester Barrie und ▹Simon Ackerman in Italien auch noch lange Erfolg haben. Richard Froomberg, der die Boutique Grey Flannel in London besitzt, hat dazu gesagt: The English wear Italian because they think it's chic. And the Italians wear English because they think it's chic.

Wenn man die fließenden Linien des natural style der Engländer mit Stoffen erreichen will, die weniger als 13 Unzen wiegen, dann ist das nicht so einfach. Mein Versuch, meine Oma Ende der fünfziger Jahre zu überreden, die Schulterpolster und den ▹Brustplack aus meinem Tweedjackett zu nehmen, scheiterte. Das geht nicht, Dschunge, sagte sie und erklärte mir, warum das an meinem Jackett nicht ging. Aber ein Oberhemd mit blau-weißen Streifen hat sie mir genäht, ich war der einzige im Ort, der so etwas besaß. Die Modezeichnungen wie diese hier verhießen dem Konsumenten etwas, was an den neapolitanischen Stil und den drape look heranreichte, die Wirklichkeit des Alltags der fifties sah anders aus. Ganz anders.

Der englische Schneider ▹Steven Hitchcock hat zu dem Thema der natürlichen Linie gesagt: You’ve got to have the techniques and the cutting skills and the tailors. The craftsmen have got to be even better than they were thirty or forty years ago. When you look at [one of our suits], hopefully it will look the same as Cary Grant, Fred Astaire and the Duke of Windsor, but the tailoring is actually much better. With more lightweight cloths, the tailoring is much more luxurious now, but it’s very difficult to achieve – we can only make 150 suits a year. You have to be a much better craftsman today. Das Bild hier zeigt ein Sakko von Attolini mit der neapolitanischen Schulter, die das Gegenteil einer Cifonelli Schulter ist, bei der Giacca a Mappina ist sie locker eingesetzt wie ein Hemdärmel.

Als Vincenzo Attolini den berühmten Gennaro Rubinacci verlässt, macht er sich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in der Via Vetriera in Neapel mit einem Atelier selbstständig. Das hat noch nichts von der Fabrik seines Sohnes Caesare in Casalnuovo di Napoli (die liegt zwischen IKEA Napoli und dem Fiat Werk) an sich. Hier arbeiten heute 130 Schneider und Schneiderinnen, ich nehme mal an, dass die Mädels hier die Knopflöcher nähen. Attolini macht gute Knopflöcher, aber die von Kiton sind viel eindrucksvoller.

Und ich möchte an dieser Stelle einmal anfügen, dass ich letztens ein zwei Jahre altes, aber nie getragenes Regent Jackett gekauft habe (5 € bei ebay), das so erstklassige Knopflöcher hat, wie ich sie in den letzten Jahrzehnten noch nie an einem Regent Jackett gesehen habe. Knopflochfetischischten lesen an dieser Stelle bitte einmal die Posts ▹Ärmelknöpfe und ▹Ärmelfutter. In letzterem findet sich das schöne Zitat von Tom Wolfe über die Cypriot seamstresses who made buttonholes and can't speak any English findet. Wer wunderbare Knopflöcher kann, verdient nie so viel wie ein Schneider, das wird bei Attolini nicht anders sein.

Das Atelier von Vincenzo ist etwas mehr als fünfzig Quadratmeter groß. Eine Art Wohnzimmer für die Bourgeoisie von Neapel. Die Wände sind voller Gemälde, viele Kunden von Attolini bezahlen ihren Anzug mit Kunstwerken, weil sie wissen, dass der Meister das mag. Attolini liebte auch die Oper, über die er mit Kunden und Freunden gerne diskutierte. Zu seinen Freunden zählte auch der Schauspieler Totò (der Mann mit den längsten Adelstiteln Italiens). Attolini hatte im Gegensatz zu Frederick Scholte nichts gegen Schauspieler. Diese beiden Herren tragen Attolini, ob der Bikini von der jungen Dame auch von Attolini ist, das weiß ich nicht.

Der Film ▹It Started in Naples, in dem Clark Gable und Vittoria de Sica in Anzügen von Attolini zu sehen sind, war eine gute Reklame für Attolini. Heute ist es ein Film wie La Grande Bellezza (Filmbild), aber heute braucht die Firma Werbung wahrscheinlich nicht mehr. Der Schnitt der Jacketts ist dergleiche geblieben, aber das Bild der Frau hat sich in einem halben Jahrhundert doch verändert. War es 1960 noch ein halbwegs züchtiger blauer Bikini, räkeln sich jetzt nackte Schlampen auf dem Fauteuil.

Film und Mode gehen in Italien nach dem Zweiten Weltkrieg Hand in Hand, Sie könnten jetzt mal eben den Post ▹Cinecittà und die Mode lesen, dann wissen Sie mehr. Und ich brauche das nicht zu wiederholen, dieser Post hier wird eh zu lang. Vittoria de Sica war Kunde bei Rubinacci gewesen, aber als Attolini Rubinacci verließ, folgte de Sica dem Meisterschneider in die Via Vetriera. Er wusste, dass er bei ihm richtig war, um das oberste Ziel des italienischen Mannes zu erreichen: fare una bella figura

Das wusste auch Marcello Mastroianni, der auch Kunde bei Attolini war, obgleich es ihm nicht klar war, dass er plötzlich ein Star war, den jeder imitieren wollte: Jemand sagte zu mir viele Jahre später: 'Als wir dich in 'Das süße Leben' in so bestimmten gestreiften Hemden, in diesem weißen Anzug und mit dieser Sonnenbrille gesehen haben, wollten wir wissen, wo wir diese Sache kaufen könnten'. 

Oder das Auto, das ich fuhr, diesen Triumph Spider, der wieder Mode wurde. Denn es stimmt,dass jener Marcello aus 'Das süße Leben', der den Antihelden darstellte, fast schon die Rolle des Helden übernommen hatte. Damals habe ich das nicht begriffen, weil noch nie ein Fan-girl auf mich am Hoteleingang oder vor einem Filmsaal gewartet hatte. Meine Oma hat nie einen Film mit Mastroianni gesehen, deshalb wusste sie auch nicht, weshalb ihr Enkel ein Hemd mit Streifen brauchte, kaum dass er ▹Das süße Leben gesehen hatte.

Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkner Selbstvergessenheit. Mit geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch. Gestern dacht' ich: 'Entweder du warst sonst toll, oder du bist es jetzt', schreibt Goethe in seiner Italienischen Reise. Man glaubt in Neapel, nicht erst seit den Tagen von Goethe oder des Schneiders Vincenzo Attolini, dass dies die eleganteste Stadt Italiens ist. Dass hier die besten Schneider sitzen und hier die bestangezogenen Herren auf den Straßen flanieren. Nicht in Rom oder Mailand. Nein, in Neapel, wo der Müll und die Mafia zu Hause sind. Es wird die Neapolitaner geschmerzt haben, dass ihre Stadt in Alan Flussers Style and the Man überhaupt nicht erwähnt wird. Rom und Mailand schon.

In den neunziger Jahren kam Kiton nach Deutschland, niemand redete damals on Attolini. ▹Hans Carl Capelle nahm in seinem Laden ▹Kelly's einige Stücke ins Angebot und sicherte sich selbst einen grauen Zweireiher. Den er immer trug, wenn er zur Industrie- und Handelkammer musste. Aber er konnte sich nicht wirklich entschließen und vertraute lieber auf ▹Zegna, die damals noch Qualität lieferten, und ▹Caruso.

Es waren eher die Händler in Süddeutschland, die die Marke Kiton propagierten. W.J. Stamm in Nürnberg (der sich 2002 zum vierzigjährigen Jubiläum sogar eine Festschrift gönnte), Rudolf Böll (der ▹hier schon einen Post hat) oder Max Dietl. Für Fritz Unützer gab es neben Kiton nur noch ▹Caruso, er sagte in einem Interview, Caruso sei das einzige Produkt in dieser Preislage, das in der Anmutung in die Nähe eines Kiton-Sakkos kommt. Warum redet niemand von Attolini? Die Antwort ist ganz simpel: die sind noch gar nicht im Geschäft.

In der Selbstdarstellung der Firma Attolini wird uns vorgegaukelt, dass es eine direkte Linie von Vincenzos neapolitanischem Jackett zur heutigen Firma gibt. Hier ist eins, das Attolini in den dreißiger Jahre in seiner Zeit bei Rubinacci gemacht hat, man kann sehr schön die barchetta Form der Brusttasche sehen. Aber es gibt diese ungebrochene Tradition nicht. Vincenzo Attolinis Sohn Cesare arbeitet in den fünfziger und sechziger Jahren für alle möglichen Firmen. In den neunziger Jahren gründet er eine eigene Firma, die er Sartorio nennt, er verkauft sie 2002 an ▹Kiton. Kiton bringt dann die Marke Sartorio 2009 auf den amerikanischen Markt, preislich etwas günstiger als ihr Kiton Label.

Zu Kiton hat Cesare Attolini, der immer noch in der Firma ist, ein besonderes Verhältnis. Denn als Ciro Paone und Antonio Carola die Firma gründen, sind zwei Spezialisten für die Kollektion verantwortlich. Der eine heißt Enrico Isaia, er ist für das Design von Kiton zuständig. Ganz nebenbei hat er mit seinen Brüdern schon seit 1957 eine eigene ▹Firma. Die noch ein etwas preiswerteren Zweitlabel namens Michelangelo hat (für den amerikanischen Markt hat Isaia noch eine Zweitmarke namens Eidos). Der zweite Spezialist, dem die ganze Schneiderei untersteht, ist niemand anderer als Cesare Attolini. Wenn man so will, könnte man sagen, dass aus Kiton nichts geworden wäre, wenn sie nicht Cesare Attolini gehabt hätten. Das wird allerdings auf den Seiten von Attolini niemals erwähnt.

Heute sitzen keine Schneider mehr im Schneidersitz auf dem Tisch, die Fabrik von Attolini sieht aus wie jede andere Fabrik, die ▹Maßkonfektion herstellt. Es gibt 130 Schneider, und man produziert ungefähr 35 Anzüge am Tag. Für einen Anzug braucht man 25 bis 30 Stunden. Was Attolini am Tag herstellt, wird in einer der vielen Fabriken von Boss wahrscheinlich in der Stunde fertiggestellt werden. Trotz einer großen Nachfrage werden die Produktionszahlen nicht erhöht. Der jüngste Sohn von Cesare Attolini hat auch noch eine eigene kleine Fabrik, in der dreißig Schneider arbeiten.

Seine Marke heißt ▹Stile Latino und die Klamotten sehen ziemlich wild aus. Das ist nicht jedermanns Geschmack. In einem Blog namens Seestrasse7 kann man diesen wunderbaren Schmäh lesen: das Preis-Leistungsverhältnis einen Anzuges aus dem Hause Partenopea sucht in der sartorialen Welt ihresgleichen. Kiton ist, abgesehen von absurder Preisgestaltung, heute nur noch in Gebrauchtwagenhändler-Kreisen ein Muß. Attolini hat auch ordentlich Glanz verloren, die neue Linie „Stile Latino“ überzeugt uns nicht und Brioni ist der textile Seniorenteller. 

Seniorenteller? Das hier ist ein neues ▹Brioni Modell. Bestimmt nicht vom Seniorenteller, aber ein Ausdruck der reinen Verzweiflung. Als die Marke von dem französischen Pinault Konzern übernommen wurde, feuerte man den Chef ▹Umberto Angeloni, den man einmal Mr Brioni nannte. Und das war saudumm. Angeloni kaufte sich bei Caruso ein, und Brioni ist ▹finanziell im freien Fall nach unten. Und versucht sich mit solchen Scheußlichkeiten an ein jugendliches Publikum ranzuschmeißen. Italiens Problem ist, dass sie zuviele Sartoria Firmen besitzen, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Das Problem haben wir in Deutschland nicht. Da haben wir niemanden, der in der Liga von Kiton, Attolini, Partenopea, Brioni, d'Avenza, Isaia, Belvest, Caruso, Luciano Barbera, Cantarelli, Santandrea, Antonio Fusco, Canali und Pal Zileri (um nur mal einige Namen zu nennen) mitspielen kann. Auch Regent nicht. Ein Schneider wie Heinz-Josef Radermacher in Düsseldorf schon, aber der produziert keine Massenware.

Mein erstes Attolini Jackett hat mich 19 Euro gekostet, es hatte dieses Label. Denn Attolini hat mal eine Zeit lang für ▹Luciano Barbera die collezione sartoriale hand made in Italy gemacht. Luciano Barbera hatte für seine Luxuslinie auch andere Lieferanten als Attolini, aber mein Jackett ist einwandfrei von Cesare Attolini. Vielleicht hätte ▹Luciano Barbera lieber die Finger von der ▹Konfektion lassen und sich auf die von seinem Vater Carlo geerbte Weberei konzentrieren sollen. Denn die ist vor Jahren in finanzielle Schwierigkeiten geraten, 2010 hat sich Kiton die Aktienmehrheit gesichert. Was natürlich irgendwie passend ist, denn bei der Geburtsstunde der Firma Kiton war Luciano Barbera im Hintergrund auch dabei. Die neue Luxusfirma brauchte ja gute Stoffe, und die kommen immer noch von ▹Carlo Barbera. Heute kann man Luciano Barbera (aber nicht die Luxuslinie) bei ▹Amazon kaufen, da möchte Attolini nie hin.

Attolini-Menschen lieben Qualität, aber sie haben nicht nötig, das zu zeigen. Unser Stil ist es, natürlich zu sein, einfach natürlich, hat Massimiliano Attolini (im Bild rechts neben seinem Bruder Giuseppe) gesagt. Wunderbare Sprüche können sie, die Italiener. Wunderbare Jacketts auch. Konfektionsgrößen können sie überhaupt nicht, das ist bei Kiton, Brioni und Isaia nicht anders. Da hilft nur anprobieren, anprobieren.

Und wenn Sie ein Attolini Jackett bei ebay ersteigern wollen, lassen Sie sich vom Händler die genauen Maße für Schulter, Brust, Bauch und Ärmel geben. Alle Größen, die die Italiener auf die in den Taschen verborgenen Etiketten schreiben, sind erlogen. Mein Attolini Jackett war mir eine Spur zu lang, ich brachte es zum Schneidermeister ▹Yesilyurt, damit er es zwei Finger kürzer machte. Was er wirklich perfekt gemacht hat, man kann nicht sehen, wo Attolini aufhört und wo Yesilyurt anfängt. Er könnte bestimmt bei Attolini einen Job kriegen, aber ich bin froh, dass er hier bei mir um die Ecke ist.

Samstag, 19. August 2017

What do I wear in bed?


Die Antwort auf die Frage der Titelzeile ist natürlich: Why, Chanel No. 5, of course. ▹Marilyn Monroe soll das gesagt haben. Sie hat es wirklich so ähnlich gesagt. In einem ▹Interview mit Georges Belmont, dem Chef von Marie Claire, hat sie 1960 gesagt: You know, they ask you questions. Just an example: What do you wear to bed? Do you wear a pyjama top? The bottoms of the pyjamas? Or a nightgown? So I said Chanel No. 5. Because it's the truth.

Es ist jetzt etwas pikant, nach der Frage What do you wear to bed? einen Buchtitel wie Sleeping with the Enemy zu präsentieren, ist aber nicht ohne Witz. Die Firma Chanel vermarktet Marilyn Monroe mit ihrer Frage What do I wear in bed? heute neu, das ist sehr peinlich. Aber was kann man von einer Firma erwarten, die von einer Nazi Kolloborateurin namens Gabrielle Bonheur Chasnel gegründet wurde? Und für die Karl Lagerfeld arbeitet? Coco Chanel hat heute Geburtstag, sie bekommt keinen neuen Post. Sie hatte hier schon einen. Der war nicht sehr nett, ging aber nicht anders.

Aber morgen, da gibt es hier was Nettes: einen langen Post über die italienische Firma Attolini und die italienische Luxusmode. Ganz ohne Kollaborateure. Und ohne Karl Lagerfeld.

Donnerstag, 17. August 2017

Jean-Jacques Sempé


Der französische Zeichner Sempé, der denselben Vornamen wie Rousseau hat, wird heute 85. Aber eigentlich kennt niemand seinen Vornamen, er ist einfach Sempé. So wie Rousseau einfach Rousseau ist. Sempé ist nicht nur Zeichner, er ist genau wie Rousseau auch Philosoph. Das ist jedem klar, der seine Zeichnungen kennt. Rousseau hat seine Kinder im Findelhaus abgegeben und mit Émile ou De l'éducation einen Roman über die Erziehung geschrieben. Aber wir erfahren vielleicht mehr über die Erziehung, wenn wir die Geschichten vom kleinen Nick lesen. Die erste hieß Rien n'est simple, und das ist sehr philosophisch.

Sempé ist sein Leben lang geradelt, heute radelt er nicht mehr, es geht ihm gesundheitlich nicht so gut. Aber passend zu seinem Geburtstag wird gerade Das Geheimnis des Fahrradhändlers verfilmt. Das hat ihn gefreut. Der französische Zeichner, der uns allen vielleicht mehr Freude bereitet hat als sein Namensvetter Rousseau, war schon am 17. August 2011 in diesem Blog. Ich stelle das heute noch einmal ein. Nicht ohne zu sagen: Je vous souhaite un chaleureux anniversaire.

Wenn ich auf das blicke, was Wikipedia am 229. Tag des Jahres als denkwürdig erscheint, dann gibt es für mich nur zwei Ereignisse, die man herausheben sollte: die Veröffentlichung von Miles Davis Kind of Blue Album 1959 und der Geburtstag von Jean-Jacques Sempé. Und so werde ich den Tag damit verbringen, Kind of Blue zu hören und Bücher mit den wunderbaren Zeichnungen von Sempé durchzublättern.

Eigentlich wollte ich nach diesem Satz aufhören. Aber dann wären Sie wahrscheinlich enttäuscht, weil Sie von diesem Blogger mehr gewöhnt sind. Also gut. Zuerst muss ich bekennen, dass ich kein großer Miles Davis Fan bin. Weil ich vor vierzig Jahren den Fehler gemacht habe, und mir Bitches Brew gekauft hatte. Habe ich mich nie dran gewöhnt. Ich finde auch die Filmmusik von Fahrstuhl zum Schafott (Ascenseur pour l’échafaud) viel besser als Kind of Blue. Denn es war diese Platte, die Miles Davis dazu gebracht hat, Kind of Blue aufzunehmen. Und da wir gerade bei musikalischen Bekenntnissen sind, möchte ich noch At Last! Miles Davis and the Lighthouse All-Stars von 1953 empfehlen. Konnte man jahrzehntelang nicht bekommen, aber ich war immer stolz, die Platte zu haben. Jetzt habe ich bestimmt alle Miles Davis Fans vergrellt.

Ascenseur pour l’échafaud ist 1957 in Paris aufgenommen worden, mit der Band von René Urtreger, der auch in der schönen Jazz in Paris Reihe von Gitanes mit einer CD (No. 67) vertreten ist. Und Paris bringt mich natürlich zu unserem Geburtstagskind Jean-Jacques Sempé. Der im gleichen Jahr seinen großen Durchbruch hatte und von dem Jahr an regelmäßig mit seinen Zeichnungen in Paris-MatchPunchL'Express, der New York Times und dem New Yorker zu sehen war. Ein Jahr später hatte er schon einen Vertrag von Diogenes. Wenn man als Karikaturist vor einem halben Jahrhundert einen Vertrag mit Daniel Keel hatte, war man in den Olymp aufgenommen worden. Denn da waren sie alle: Edward Gorey, Gerard Hoffnung, Norman Thelwell, Shel Silverstein, Sam Cobain, Chas Addams, Saul Steinberg, Ronald Searle. Und die Franzosen wie Chaval, Bosc, Siné und Topor. Loriot (dessen Tochter der Diogenes Lektor Gerd Haffmanns geheiratet hat) und Paul Flora waren da seit ihren Anfängen, Tomi Ungerer nicht zu vergessen. Später kamen aus Deutschland noch Waechter, Traxler, Deix und Franziska Becker dazu.

Sehr gehrter Herr Sempé, Bosc hat uns freundlicherweise Ihre Adresse gegeben. Zur Zeit bereiten wir unseren vierten Sammelband Cartoons 1959 vor. Wenn Sie Lust haben, schicken Sie uns doch etwa zwanzig Ihrer besten Zeichnungen, hatte Daniel Keel 1958 nach Paris geschrieben. Das war der Beginn einer jahrzehntelangen Freundschaft. Die nicht immer ungetrübt war, irgendwann hatten sich Sempé und Keel gründlich verkracht.  So dass der Schöpfer des kleinen Nick ihm schrieb: Entweder entscheiden wir, daß ich nicht mehr für Diogenes arbeite. Oder ich arbeite weiter für Diogenes, aber wir, Du und ich, haben keinen Kontakt mehr. So ist es auch gekommen, die nächsten Jahre lief alles über Keels Freund und Teilhaber Rudolf C. Bettschart. Der schickte immer seine Assistentin nach Paris, damit sie die Cartoons abholte und Sempé sein Geld brachte. Aber irgendwann haben sich die beiden Streithähne in einer Pariser Brasserie wieder versöhnt. Als Verleger von Leuten, die witzig Geschichten zeichnen, hat man es nicht immer leicht.

Denn auch die Welt von Sempé ist nicht lustig, wie vor Jahren Patrick Süskind in einem kleinen Essay über unser Geburtstagskind schrieb: Darum genügt es nicht, ein Album von Sempé rasch im Stehen in der Buchhandlung wie ein Daumenkino durchzublättern - ach wie nett, schau wie lustig! -, nein, man muss es mit nach Hause nehmen, den günstigen Moment abwarten, wo man für eine gute Weile ungestört ist, sich in eine Ecke damit setzen, am besten auf den Boden, und es Seite für Seite anschauen, darin lesen (auch wenn es keinen Text hat) und es langsam dechiffrieren. Was für ein Gewinn, was für ein Vergnügen!

Auch interessant: Jean-Pierre Desclozeaux

Mittwoch, 16. August 2017

Bremerhaven


Es gibt heute einen Anlass, einmal kurz über Bremerhaven zu reden. Liegt in Niedersachsen, gehört aber zu Bremen. Bremer fuhren da nur hin, um an der Columbuskaje das Schiff zu besteigen, dass sie nach ▹Helgoland bringen würde. Als ich klein war, begann Bremerhaven mit dem wunderbaren Schild ▹Schlotterhose & Co und hörte mit der Columbuskaje auf. Die ist das bedeutendste Kulturdenkmal von Bremerhaven, sonst ist in Fischtown nicht so viel los. Aber ich habe hier ein schönes Hafenbild von dem Bremerhavener Maler Paul Ernst Wilke. Und da ich bei Hafenbildern bin, möchte ich noch auf die Ausstellung der Bilder des Marinemalers Robert Schmidt-Hamburg hinweisen, die noch bis zum 29. Oktober im Warleberger Hof in Kiel ausgestellt sind. Lohnt sich nicht wirklich, es gibt bessere Marinemaler.

Der deutsche Regissseur Peter F. Bringmann hat Filme für Fernsehreihen wie ▹Ein starkes Team, ▹Tatort und Wilsberg gedreht. Das bringt sicher schönes Geld. Als Bringmann seine Karriere begann, drehte er schöne Filme. Wie zum Beispiel 1983 die ▹Heartbreakers, die schon in dem Post ▹Ingeburg Thomsen erwähnt werden. Vier Jahre vor dem Film über die kleine Band, die nach oben will, hatte Bringmann den Film Der Tag, an dem Elvis nach Bremerhaven kam (hier ein Filmphoto) gedreht. Das Drehbuch zu dem Film kam von keinem Geringeren als Horst Königstein, der kam aus Bremen, der wusste, wo Bremerhaven war. Als Bringmanns Film in die Kinos kam, war Elvis schon tot.

Elvis kam 1958 mit der USS General Randal nach Bremerhaven, den Seesack vorschriftsmäßig geschultert. Während der Überfahrt hatte er seine Kameraden unterhalten, indem er Klavier spielte. Die Army hatte ihm einen Job als Entertainer in den Special Services angeboten, aber das hat er abgelehnt, er wollte ein normaler GI sein. Er wollte auch diesem jungen Mann ein Autogramm geben, aber dazu ist es nicht ganz gekommen (lesen Sie hier die ganze Geschichte).

Bremerhaven ist nach 1945 für die Amerikaner der wichtigste Hafen in Europa. Der Hafen, der das Letzte von Deutschland für die Auswanderer des 19. Jahrhunderts war (wenn ihr Schiff nicht schon auf den ▹Ostfriesischen Inseln strandete), wird jetzt zum ▹Port of Embarkation für die Amerikaner. Zuerst waren ja, genau wie in Bremen, die ▹Engländer hier, aber die Amerikaner haben ihnen klargemacht, dass die Hansestadt Bremen und Bremerhaven nichts für sie seien.

Die Limeys können ganz Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben, aber nicht Bremen. Vom Kriegsende bis zur Ankunft von Elvis werden mehr als 10 Millionen Tonnen Güter, mehr als dreieinhalb Millionen Menschen und 200.000 Privatfahrzeuge ausgeladen. Selbst die Güter für die Berliner Luftbrücke kommen über Bremerhaven. Die ▹Columbuskaje, wo Elvis ankommt, und der Columbusbahnhof, wo er in den Zug steigt, heißen heute Columbus Cruise Center. Es ist immer schön, wenn die Dinge einen englischen Namen bekommen. Na ja, Kiel hat jetzt ja auch den Zusatz Sailing City.

Die Bremer Polizei hat neue Uniformen bekommen, dunkelblau mit einem silbernen Schild auf der Brust, sieht nach einem überdimensionierten Sheriffstern aus (später wird die Gewerkschaft gegen dieses amerikanische Relikt Sturm laufen). Dieser Beamte trägt schon eine Schirmmütze, aber bei uns im Ort liefen die Schupos noch mit dem Tschako herum. Die Polizisten haben wenig zu sagen, die Herren mit den weißen Mützen (oder den Helmen auf denen MP steht) haben das Sagen. Als uns in Bremerhaven ein amerikanischer Armeelaster den ganzen Chrom vom neuen Opel Olympia an der Fahrerseite abfährt und ohne anzuhalten verschwindet, fährt mein Vater zur nächster Polizeiwache. Der Beamte, der das Ganze unwillig aufnimmt, lässt sich am Ende des mit zwei Fingern getippten Protokolls zu dem Satz hinreißen: Na ja, sie sind schließlich die Sieger.

Elvis Presley ist heute vor fünfzig Jahren gestorben, er war 42 Jahre alt. Viele seiner Fans haben nicht an seinen Tod geglaubt, es gibt da die wildesten ▹Theorien. Mir wurde gestern erzählt, dass Elvis zusammen mit Hitler und Kennedy auf einer Südseeinsel lebt. Solche Geschichten halten sich ja beharrlich. Die Geschichte steht übrigens auch in dem Buch Elvis’ Tod: Szenen aus meinem Leben von Michael Schulte.

Ich war noch keine Woche Blogger, als ich am 8. Januar 2010 zum 75. Geburtstags des Kings den Post ▹Elvis ins Netz stellte. Ich kann jetzt nicht zu meiner üblichen Lamentatio anheben, dass den niemand gelesen hat. Nein, der wurde schon gelesen. Aber ich stelle ihn heute, am fünfzigsten Todestag von Elvis noch einmal hier her. Der Post ist ein klein wenig ironisch, aber das werden die Elvis Fans abkönnen.

Wenn man König ist, hat man ein großes Anwesen. Das kann man Graceland nennen, oder Neverland oder Xanadu. Wenn man das Anwesen geerbt hat, kann man ihm keinen neuen Namen geben. Dann heißt es weiterhin Balmoral oder Buckingham Palace, und man darf es nicht Disneyland taufen. Wenn man König ist, hat man keinen Nachnamen, dann heißt man nur Elvis oder Elisabeth. Wenn man kein ganz so richtiger König ist, dann heißt man Lotto King Karl oder Michael Jackson, the King of Pop. Wenn man König ist, fährt man ganz große Automobile. Wenn man König von Graceland ist, kommt die Karosserie der Autos bestimmt nicht von Mulliner Park Ward. Wenn man König von Graceland oder Neverland ist, nimmt man ganz viele Drogen. Die bringen einen dann um, nur nicht den König von Graceland. Der ist unsterblich. Wenn man König von England ist, nimmt man nur einen Gin Tonic zu sich. Bestenfalls schmiert man sich wie Philip die gichtigen Knöchel mit Butazolidin ein, mit dem man vorher die lahmen Pferde kuriert hat. Zusammen mit einem Single Malt reicht das auch für einen Trip. Wenn man König von Graceland ist, hat man beinahe so viel Diener wie der König von England. Aber man hat viel mehr Fans. Wenn man als König auf der Bühne lasziv mit der Hüfte wackeln kann, kriegt man ganz viele Frauen. Auch blonde Schnuckelchen wie Cybill Shepherd. Wenn man nur den Moonwalk kann, kriegt man überhaupt keine Frauen und muss die Tochter vom König von Graceland heiraten. Wenn man König von England ist, wird man General und Admiral und Ehrenoberst vieler Regimenter. Der König von Graceland ist nur Private First Class, aber er darf soviel Phantasieuniformen tragen, wie er will.

Der King wird heute 75. Wenn Sie ihn sehen: don't step on his blue suede shoes!

Sonntag, 13. August 2017

mehr Jazz?


Mein dritter Post als frischgebackener Blogger im Jahre 2010 hatte den Titel ▹Jazz. Der kanadische Professor Jack Chambers, den ich da vorstellte, ist im Nebenberuf  ein berühmter Jazzkritiker. Er taucht zwei Jahre später in dem Post ▹Richard Twardzik wieder auf, dazwischen gab es aber doch schon den einen oder anderen Post zum Thema Jazz. Es könnten mehr sein, sagte mir letztens ein Bekannter, den ich auf der Straße traf. Da ist etwas dran, aber leider haben die Jazz Posts das traurige Schicksal, dass niemand sie so recht liest. Nehmen wir mal ▹Lush Life: von der Statistik gesehen ein Flop, dabei ist das ein netter Post. Nur der Post ▹Ingeburg Thomsen ist so etwas wie ein Bestseller.

Viele Leser haben den Eindruck, ich würde nur über Schuhe schreiben. Das bekomme ich immer wieder zu hören. Ich muss dem widersprechen, ich habe mal nachgezählt: die Posts über ▹Schuhe machen etwas mehr als ein Prozent in diesem Blog aus. Und es gibt mehr Posts zum Thema Jazz als zum Thema Schuhe. Hinter den Satz sollte ich eine ▹Brüllstange setzen. Und diese Schuhe sind keine gewöhnlichen Schuhe, das sind die Schuhe von ▹Billie Holiday.

Um Jazz zu hören, braucht man ein Abspielgerät. Wenn man nicht in Bremen im Jazzclub ▹Lila Eule hockt oder sich nicht immer auf Jazzkonzerten herumtreibt (es war ein Fehler, bei Albert Mangelsdorff in der ersten Reihe zu sitzen). Wenn man mutig war, schlich man sich nach dem Konzert hinter die Bühne, um dem Solisten die Hochachtung auszudrücken. Mein Freund Hannes Hansen hat so ▹Louis Armstrong kennengelernt. Und auf diese LP hat ▹Champion Jack Dupree mir mit ganz dickem Filzer Yours Champion Jack Dupree 1975 geschrieben. Im Jahre 1975 war es keine Schwierigkeit, Jazzplatten zu bekommen. Zwanzig Jahre zuvor schon. Da war man glücklich, wenn ein Freund in Amerika war und einem nicht nur ▹Harry Belafonte, sondern auch Jazz Begins vom Label ▹Folkways schickte.

Mein erster Plattenspieler war von der Firma Braun, er hat vom Volksmund den Namen ▹Schneewittchensarg bekommen. Ich habe ihn heute noch, auch wenn er nur dazu da ist, dass alle Glenn Gould CDs auf ihm gestapelt liegen. Dann kam die Zeit von ▹HiFi, heute habe ich natürlich einen ▹CD Player. Einen Plattenspieler habe ich selbstverständlich heute auch noch, sonst hätte ich Eugenie Baird nicht hören können, als ich ▹Lush Life schrieb.

Der Jazz begleitet mich schon lange, schließlich bin im amerikanisch besetzten ▹Bremen aufgewachsen und hörte täglich zum Entsetzen meiner Eltern AFN (manchmal auch BFN). Viele ▹Musiklehrer mochten diese Negermusik überhaupt nicht, sie hielten sie für den Untergang des Abendlands. Sie hatten nicht gemerkt, dass das Abendland längst untergegangen war.

In Bremen begann eine neue Zeit, es ist ja kein Zufall, dass ▹Elvis 1958 in Bremerhaven an Land geht, da ist noch das Hauptquartier der US Army. Da wurden wir früher in amerikanischen Armeebussen hingekarrt, um amerikanische Theaterstücke zu sehen. Mann, hatten die fette Ledersessel und tausend Tischtennisplatten. Und natürlich eine kleine Bühne. Das Schönste war die Rückfahrt in der Nacht, die Busse hatten keine Fenster, weil sie Armeebusse waren. Aber sie hatten oben kleine Halbfenster, wenn man den Sitz zurücklehnte konnten man einen langen Film mit dem Sternenhimmel sehen. Die VW Werbung mit Nick Drakes ▹Pink Moon ist nichts dagegen.

Immer wenn wir in ▹Langeoog im Frühling und im Herbst Haus Meedland in Schuss brachten, hockten wir bei schlechtem Wetter in der Penthousewohnung des Landesjugendpfarrers (ganz oben auf dem Photo) zusammen. Das dürfen wir, das hat er uns erlaubt. Er hat uns auch erlaubt, seinen Plattenspieler zu benutzen. Er hat, und das ist sehr stilvoll, einen Braun Schneewittchensarg. Allerdings das größere Modell, nicht den, den ich habe. Er hat auch Jazzplatten, aber das ist leider alles ▹Zickenjazz. Massenhaft ▹Louis Armstrong. Und Spirituals. Aber besser als gar nichts, die Wohnung hat eine riesige Fensterfront, und man kann hier oben schön über die Dünen gucken. Und die ▹Regenwolken vorbeirennen sehen.

Und dabei Satchmos When Israel was in Egypt’s land oppressed so hard they could not stand und Down by the riverside hören. Und Bücher am Fenster liegend lesen. Wir liegen in dieser Zeit in dieser Wohnung immer auf dem Fußboden. Tut man damals auf Parties auch. Außer, wenn man Klammerblues tanzt. In dieser Zeit höre ich (und die Jazz Fans in meiner ▹Klasse) noch ▹Chris Barber und all den Zickenjazz. Und wir haben eine ▹Skiffle Group. Der englische Dichter ▹Philip Larkin ist da stehen geblieben, wir bewegten uns schon in Richtung ▹Charlie Parker.

Wohin der berühmte Philosoph Adorno, der so gerne Barpianist geworden wäre, nie gekommen ist. Er musste natürlich auch etwas über den Jazz sagen, ein deutscher Philosoph muss immer etwas zu allem sagen. Der berühmte englische Historiker ▹Eric Hobsbawm hat über Adorno gesagt: Adorno wrote some of the most stupid pages ever written about jazz. Und das ist noch das Netteste, was man über Adorno sagen kann. Hobsbawm hat für den New Statesman in den fünfziger und sechziger Jahren unter dem Pseudonym Francis Newton geschrieben. Der Name war angelehnt an den Trompeter Frankie Newton (der ist auf der Aufnahme von  Billie Holidays ▹Strange Fruit mit drauf). Auch das Buch The Jazz Scene von Hobsbawm trägt den Namen Francis Newton.

Dass man Jazz mag, erzählt man bei der Bundeswehr besser nicht. Obgleich ich da auch Leute getroffen habe, die im Privatleben in einer Jazzband spielten. Wenn das ▹Bundeswehrorchester Jazz spielt, klingt das grauenhaft. Andererseits, alles, was die Big Band spielt, klingt irgendwie grauenhaft. Das können die Engländer besser. Aber ich habe in meiner Dienstzeit viel für den Jazz getan. Weil ich jede Jukebox in jeder Kneipe mit soviel Kleingeld gefüttert habe, dass da für die nächste halbe Stunde nichts anderes als ▹Take Five lief.

Heute kann man über Jazz und Literatur in der Amerikanistik promovieren wie ▹Alexander Beissenhirtz das getan hat. Als ich studierte, wäre das unmöglich gewesen. Natürlich fällt einem beim Thema Jazz und Literatur sofort Langston Hughes ein (man könnte auch ▹Ralph Ellison als Beispiel nehmen), der mit seinen Gedichten schon in den Posts ▹April Rain Song, ▹Chris Barber und ▹Ralph Ellison auftaucht. Aber ich finde das Gedicht Jazz Tears von der amerikanischen Dichterin Raynette Eitel (die ich schon einmal in dem Post ▹John Steinbeck vorgestellt habe) auch sehr hübsch:

Jazz Tears

Jazz stirred in a cold martini,
staccato beating frozen memories
upon my fragile struggling heart.

Sounds of jazz are twins to twilight,
A soft soothing of indigo grief
great waves crashing over my body:

Warm jazz tears wash down my cheeks
in salty streaks if silver sadness.
Sweet images of the past

done in syncopated notes,
soft and mellow as golden moonlight,
call my ghosts to dance again.

Jazz tears and old fears hum,
blends of sadness and euphoria.
My martini twirls in the glass.

Ich liste unten einmal die Posts auf, in denen Jazz vorkommt. Selbst wenn es nur eine kleine Erwähnung ist. Wie in ▹Bachs Cellosuiten. Weil da plötzlich in dem schönen Film ▹Jazz On a Summer’s Day der Cellist Fred Katz (der Professor für Kulturanthropologie aber eigentlich Jazzer war) in einer kleinen Szene ▹Bach spielt. Eigentlich ist Bach ja sowieso Jazz, das haben wir alle schon immer gewusst.

Und,wie gesagt, hier noch mehr Jazz (und ganz ohne Schuhe): Harry Belafonte, Rickie Lee Jones, Play Bach, Birdland, Charlie Parker spielt La Paloma, Michel Legrand, Candy Dulfer, Harry Belafonte, Rickie Lee Jones, Mundharmonika, Nick Drake, Gulda, Rosemary Clooney, Sun Ra, Dexter Gordon, Don Byas, Richard Twardzik, Lena Horne, Monica Zetterlund, Cantate, Aimez-vous Brahms?, Folksongs, Teddy Boys, Mein Dänemark, Sempé, Marshall McLuhan, Arnold Duckwitz, Nico, Lou Reed, Madeleine Peyroux, Die Harmonie der Welt, Jean-Louis Trintignant, Birdland, P.J. Kavanagh, Improvisationen, Saturn, Nachtfahrt