Donnerstag, 8. Dezember 2016

Flandern


Mein Großvater war in der Flandernschlacht. Da hat er sein ➱Eisernes Kreuz bekommen. Und eine Karte von einem jungen Verwandten: Lieber Heinrich! Zunächst meinen herzl. Glückwunsch zum „Ritter des eisernen Kreuzes“!! Es ist sehr schön, dass Du es hast. Schreib mir doch mal wie Du es bekommen hast. Hier ist alles wohl. Erich + Karl sind wieder in Frankreich in einer grossen Schlacht; Gott beschütze Euch alle. Nun schreib mir bitte bald wieder. Herzl. Grüsse von Deinem Heinz! Die Karte im Photoalbum kann ich lesen, weil ich noch gelernt habe, die Sütterlinschrift zu lesen. Heute haben Studenten schon Schwierigkeiten, Bücher mit Frakturschrift zu lesen.

Auf der Rückseite der Feldpostkarte aus dem Mai 1915 ist ein Photo von Heinz. Mit Stehkragen, Norfolkjackett und Knickerbockern, einer Feldmütze, einem Koppel und der hölzernen Attrappe eines Gewehrs. Wenig später bekommt Heinz auch eine richtige Uniform und ist im Krieg. Sie alle wissen damals nicht, welches Glück sie haben. Sie werden alle den Krieg überleben, Opa und seine Brüder und der junge Heinz. Opas Bruder Karl ist übrigens der Vater von dem Bildhauer ➱Karl Lemke. Onkel Karl ist im Oktober gestorben, das hat mich sehr traurig gemcht. Aber er war zweiundneunzig, es war ein langes, erfülltes Leben.

Wo dieses Flandern war, wusste ich nicht. Ich kannte zwar Ortsnamen wie Langemarck und Kemmelberg, aber ich wusste nicht, wo die Orte waren. In den Photoalben von Opa war Flandern ein Land auf gelbstichigen Photos, die braune, zerfressene Landschaften zeigten. Manchmal Kanonen, Schützengräben, viel Schlamm. Selten Soldaten, deren Helme alle stoffbedeckt waren. Camouflage, sagte Opa. Hunderte von Bildern in Sepiatönen. Was sie nie zeigten, war der Tod. Vielleicht gab es solche Bilder, aber die waren nicht in das Photoalbum gekommen. 

Flandern bedeutete den Tod, wie ich später in Liedern lernte, die so harmlos anfangen wie Der Wind weht über Felder ums regennass´ Gezelt. Das mit dem Wind und dem regennassen Zelt, das sagte mir etwas, weshalb der Kaiser nach Geldern stürmte, das wusste ich nicht. Das Lied klang nach einem alten Landsknechtslied, wo des Kaisers Reiterei und Taritara, Taritarei noch eine Bedeutung hatten, wo der Schnitter Tod im fernen Flandernlande mähte. Doch so alt war das Lied nicht, es war erst nach dem Krieg entstanden.

Ich kannte noch ein anderes Flandernlied, das auch vom Tod handelt, das stand in der Mundorgel:

Der Tod reit´t auf einem kohlschwarzen Rappen
Er hat eine undurchsichtige Kappen
Wenn Landsknecht´ in das Feld marschieren
Läßt er sein Roß daneben galoppieren
Flandern in Not
In Flandern reitet der Tod

Bei YouTube ist das Lied von jemandem eingestellt, der sich Schutzstaffel nennt. Wir wissen, wie man das Wort abkürzt. Die Lieder, in denen der Tod durch Flandern reitet, sind von der Wandervogelbewegung gesungen worden. Wenig später wurden sie von der Wehrmacht gesungen.

Das wohl bekannteste Gedicht zu den Flandernschlachten, in denen mehr als eine halbe Million Soldaten fielen, heißt In Flanders Fields. Das Gedicht von dem kanadischen Oberstabsarzt John McCrae wurde am 8. November 1915 in der englischen Zeitschrift Punch veröffentlicht:

In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.

We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved, and were loved, and now we lie
In Flanders fields.

Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders fields.


In Flanders Fields (hier eine deutsche ➱Übersetzung) ist neben Rupert Brookes ➱The Soldier das berühmteste englische Kriegsgedicht des Great War. Man kann es zu der Musik von Alexander Tilley als ➱Chor singen, aber besser ist es noch, wenn es vorgetragen wird. Und dafür habe ich heute einen Landsmann des Dichters, keinen Geringeren als ➱Leonard Cohen.

Die Zeile In Flanders fields the poppies blow ist in England in jedem November im Gedächtnis aller, weil am 11. November Poppy Day ist. Als vor vier Wochen die Nationalmannschaften von England und Schottland der Fifa signalisierten, dass sie bei hrem Länderspiel am 11. November Mohnblumen auf ihrem Trikot tragen würden, verbot die Fifa das sofort. Die Fifa hat nichts dagegen, dass die deutsche Nationalmannschaft den Mercedesstern auf der Brust trägt. Kommerz ist für die Fifa in Ordnung. Aber ein nationales Trauersymbol am Remembrance Day, das geht natürlich nicht. Die Fifa drohte Strafen an, die Fußballmannschaften pfiffen auf die Fifa und trugen trotzig ihre ➱Poppies. In den Mysterien von Eleusis ist der Mohn ein Symbol für das Vergessen, in England ist die Blume mit der Farbe, die an Blut erinnert, ein Symbol des Nicht-Vergessens: If ye break faith with us who die We shall not sleep.

Soldatenfriedhöfe sagen mir viel, weil ich mit meiner Jugendgruppe vor über einem halben Jahrhundert mit dem Programm Versöhnung über Gräbern in Frankreich gewesen bin (lesen Sie mehr dazu in ➱Gräber, ➱Stars and Stripes Forever und ➱Paris, Sommer 1959). Ich habe die englischen Friedhöfe bewundert, weiße schlichte Steinkreuze auf grünem Rasen: there's some corner of a foreign field That is for ever England. Unsere Arbeit in Nordfrankreich und ➱Dänemark für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat vielleicht auch etwas zu dem Zusammenwachsen von Europa beigetragen. So etwas hat Claude Juncker bei seiner Rede im Jahre 2008 am Volkstrauertag im Bundestag wohl auch gemeint, als er sagte: Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen!

Wir sollten nicht vergessen, dass am Anfang des Krieges 1914 ein Akt der Barbarei stand. Für den deutschen Reichskanzler war der Neutralitätsvertrag mit Belgien nur ein Fetzen Papier. Wenig später wurde der Welt bekannt gemacht: Leuven ist nicht mehr, man hatte die Stadt niedergebrannt, die berühmte ➱Bibliothek vernichtet. Der belgische Pater Pater Dupierreaux schrieb: Die Deutschen sind mit Feuer und Schwert in Belgien eingebrochen. Diese Horde von Barbaren hat das ganze Land verwüstet. Als Omar die Bibliothek von Alexandrien zerstörte, glaubte niemand, daß ein solcher Akt des Vandalismus sich wiederholen könne. Er hat sich aber in Löwen wiederholt; die Bibliothek ist zerstört. Das ist die germanische Kultur, deren sie sich so sehr rühmten. Wolfgang Schivelbusch hat das hervorragende Buch ➱Eine Ruine im Krieg der Geister über den Akt der Barbarei geschrieben.

Wenn es den häßlichen Deutschen zuvor noch nicht gegeben hatte, jetzt war er da. Denn nun geschieht etwas Unglaubliches: statt sich zu schämen, solidarisiert sich die deutsche Intelligenz in einem Aufruf an die Kulturwelt mit dem deutschen Heer. Der Krieg der Geister hat begonnen: Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kultur erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache zu beschmutzen trachten. Um so eifriger arbeitet man jetzt mit Entstellungen und Verdächtigungen. Gegen sie erheben wir laut unsere Stimme. Sie soll die Verkünderin der Wahrheit sein. Weshalb Gerhart Hauptmann und Max Liebermann das unterschrieben haben (Dafür stehen wir euch ein mit unserem Namen und mit unserer Ehre!), das weiß ich wirklich nicht.

Es wird mit Worten jetzt ebenso viel angerichtet wie mit Feuer, Bomben und Mitrailleusen. Und auch wenn es sehr überspitzt ist, es ist etwas an dem dran, was Rudyard Kipling 1916 schreibt (die ➱Antwort der englischen Professoren auf den deutschen ➱Aufruf der 93 ist viel zuückhaltender): One thing that we must get into our thick heads is that wherever the German - man or woman - gets a suitable culture to thrive in he or she means death and loss to civilized people, precisely as germs of any disease suffered to multiply mean death or loss to mankind, There is no question of hate, or anger or excitement in the matter, any more than there is in flushing out sinks or putting oil on water to prevent mosquitoes hatching eggs. As far as we are concerned the German is typhoid or plague - Pestis Teutonicus, if you like. But until we realize this elementary fact in peace we shall always be liable to outbreaks of anti-civilization. Make this clear by all means in your power.

Ich habe 1959 und in den folgenden Jahren bei unserer freiwilligen Friedhofsarbeit nicht geglaubt, dass es eines Tages einen Friedhofstourismus geben würde. Aber Stefan Zweig ahnte das schon 1928 in ➱Reisen in Europa: Ypern ist die great show Belgiens geworden, eine schon gefährliche Konkurrenz für Waterloo, ein Man-muss-es-gesehen-Haben aller Touristen. Heute ist der belgische Schlachtfeld- und Friedhofsttourismus gut organisiert, nennt sich ➱Vredesfietsroute, Radeln für den Frieden. Und überall an der Route der Kommerz, man hat immer noch Reste von den Schlachtfeldern an die Touristen zu verkaufen.

Ich hätte da zum Schluss noch ein Gedicht eines jungen Dichters, der sich einen Dreck darum schert, dass die Deutschen die Neutralität Belgiens missachtet haben. Der belgische Acker nennt er sein schönes Blut und Boden Gedicht:

Und aus dem Gottesacker der Erde, aus Moder und Tod
Wuchs übers atmende Land
Breit in die Sonne gespannt
Siegreichen Lebenden auf das göttliche Brot...
Und am Tage klingen aus wogenden Ährenmeeren
Widerschallend von der französischen Schlachten Getöse
Auf zum Himmel, sonnendurchbebt
Die ehern schweren Gesänge
von Deutschlands siegender Größe
Die aus Friedhöfen sich Brotäcker gräbt.


Der Dichter kennt den Krieg nicht wirklich. Er ist siebzehn, so alt wie der Heinz, als er meinem Opa die Feldpostkarte schreibt. Im Gegensatz zu Heinz wird er den Krieg auch nicht kennenlernen. Der junge Dichter heißt übrigens Bertolt Brecht.

Dienstag, 6. Dezember 2016

Nikolaustag


Dear Editor: I am 8 years old.
Some of my little friends say there is no Santa Claus.
Papa says, ‘If you see it in THE SUN it’s so.’
Please tell me the truth; is there a Santa Claus?

Das schrieb die kleine Virginia O’Hanlon im Jahre 1897 an den Herausgeber der New Yorker Sun. Und der antwortetete mit der Schlagzeile: Yes, Virginia, there is a Santa Claus. Der Santa Claus scheint fest in amerikanischer Hand zu sein, aber es sind die Holländer, die ihn einst nach Amerika gebracht haben. Coca Cola macht damit Reklame, dass sie den Weihnachtsmann erfunden haben. Wahrscheinlich glaubt Donald Trump das auch. Dabei wissen wir alle, dass die Figur des putzigen Mannes mit dem weißen Bart aus der Zeichenfeder des Deutschen Thomas Nast stammt (lesen Sie mehr dazu in dem Post Santa Claus). Es ist ja heute alles so fürchterlich kommerzialisiert, nicht nur durch Coca Cola. Wenn das erste Weihnachtsgebäck Ende September im Supermarkt liegt (und dann etwas schamvoll als Herbstgebäck deklariert wird), dann ist das irgendwie pervers. Wenn eine Pfarrerstochter für das Singen von Weihnachtsliedern eintritt, dann ist das sicher schön. Aber wer sagt der Frau, dass Schneeglöckchen Weißröckchen eigentlich Schneeflöckchen Weißröckchen heißt?

Wo sind wir hingekommen? Können wir zurück? In der Erinnerung immer. Und deshalb wird hier heute etwas stehen, was schon im ersten Jahr meiner neuen Lebens als Blogger hier stand. Nämlich ein Text über den Nikolaus.

Als die Winter in der Nachkriegszeit noch regelmäßig kalt waren, als die Straßenbeleuchtung noch spärlich war und der Schutzmann noch einen Tschako trug, da waren am Abend des Nikolaustages in Bremen lauter kleine Nikoläuse unterwegs. Der Heilige Nikolaus hieß in dieser Gegend auch Sünnerklaas, was plattdeutsch für Sankt Klaus ist. Je weiter man nach Holland kam, desto mehr verwandelte sich dieses Sünnerklaas (oder Sünnerklaus) zu Sinnerklaas. Es blieb aber immer der gleiche Heilige Nikolaus von Myra, der der Schutzheilige der Kinder und der Seefahrer ist. Weshalb auch beinahe jede Hafenstadt eine Nikolaikirche hat. Obgleich Bremen von den Amerikanern besetzt war, hatte Halloween mit trick-or-treat auf uns noch nicht abgefärbt. Bei uns gab es das Nikolauslaufen. Dazu musste man sich verkleiden, eine rote Mütze, ein falscher Bart und ein Stock (die symbolischen Reste des Bischofstabs) gehörten zu dem Outfit. Opas Spazierstock eignete sich hervorragend dafür. Und natürlich ein Sack, in den man die empfangenen Süßigkeiten wie Moppen und Spekulatius tat. Und man musste sein Sprüchlein an jeder Tür in der Nachbarschaft aufsagen:

Nikolaus de gode Mann,
kloppt an alle Dören an.
Lüttje Kinner gifft he wat,
grode steckt he in'n Sack.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.


Und wenn da nicht schnell genug die Süßigkeiten rausgerückt wurden, dann kam da noch, unter Aufstampfen des Stockes, eine zweite Strophe:

Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.


Es ging immer nah Bremen to, da wollten die Bremer Stadtmusikanten auch hin (Ei, was, du Rotzkopf, sagte der Esel, zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall). Nun macht es ja keinen großen Sinn, halli, halli, hallo, so geiht nah Bremen to zu singen, wenn man sowieso in Bremen ist. Obgleich die Stadt Bremen für uns in Nordbremen weit, weit weg war. Irgendwie scheint diese Sache mit Bremen (wie vielleicht auch das ganze Nikolauslaufen) aus den Liedern zu kommen, die am Martinstag im in Ostfriesland gesungen wurden, wo es Sünnematten, Mattenherrn oder Matten Matten Mähren hieß. Da sang man dann:

Matten-, Mattenmähren,
die Äpfel und die Beeren,
gute[r] Frau [Mann], gib uns was.
Lass uns nicht so lange steh'n!
Wir wollen noch nach Bremen geh'n.
Bremen is ne große Stadt,
da kriegen alle Kinder wat,
die Großen und die Kleinen,
sonst fang se an zu weinen.


Im 19. Jahrhundert hat es in Bremen - der Stadt, von der man in Liedern und im Märchen träumt, dass dort alles besser ist - noch andere Strophen zu dem Nikolauslied gegeben, wie zum Beispiel:

Miin Vadder is Zigarrenmaaker,
miin Mudder ruppt Toback.
Un wenn ji dat nich glöben wüllt,
denn steck ick jo inn'n Sack.
Halli, halli, hallo
So geiht na Bremen to.

Das wurde nun wohl in den Stadtteilen gesungen (es ist auf jeden Fall aus Hastedt überliefert), wo die weniger Begüterten wohnten. Und man muss wahrscheinlich auch betonen, dass das Nikolauslaufen zuerst eine Sache der ärmeren Schichten gewesen ist, bevor es im 19. Jahrhundert von allen Bremer Kindern adaptiert wurde. Die Zigarrenmaaker kommen in unzähligen Bremer Döntjes aus dem 19. Jahrhundert vor. Man kann der Strophe auch entnehmen, dass Frauenarbeit in den Bremer Fabriken selbstverständlich ist - miin Mudder ruppt Toback - und auch die Kinderarbeit, selbst wenn sie hier im Nikolauslied nicht vorkommt. Die Zigarrenmaakers sind die erste gewerkschaftlich organisierte Gruppe in Bremen, wo es in der Mitte des 19. Jahrhunderts 78 Tabakfabriken gab. Sie bildeten auch ein Element gesellschaftlicher Unruhe in der sonst festgefügten konservativen bürgerlichen Struktur des 19. Jahrhunderts. Ihr Zusammenschluss verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik.

Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten, der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken Montechristo und Romeo y Julieta nach dem Graf von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch.

Vorleser gibt es in Kuba heute immer noch, auch wenn sie - wie Guillermo Cabrera Infante in seiner wunderbaren Kulturgeschichte des Rauchens Holy Smoke etwas gehässig sagt - heute die Gesammelten Werke von Fidel Castro vorlesen müssen. Die erste Zigarrenfabrik in Kuba, die einen bezahlten Vorleser gehabt haben soll, hieß El Figaro. Wenig später folgte Don Jaime Partagas (die Firma und die Zigarre heißt immer noch so), der dem Vorleser sogar ein Lesepult spendierte. Als der amerikanische Innenminister W.H. Seward kurz nach dem Bürgerkrieg die Fabrik von Partagas besuchte, war er von diesem System begeistert. Da hatten schon alle Tabakfabriken in Cuba einen Vorleser. Was sie nicht hatten, waren (im Gegensatz zu Bremen) weibliche Arbeitskräfte. Diese Geschichte, dass eine gute Zigarre auf den Schenkeln einer Kubanerin gerollt sein muss, entstammt männlichen Phantasievorstellungen. Erst Ende der 1870er Jahre fängt die erste Frau in einer Zigarrenfabrik auf Cuba an. Da ist die Oper Carmen schon aufgeführt worden.

Ich erwähne die nur, weil da eine Zigarettenfabrik drin vorkommt, die der berühmte Wilfried Minks (von Bremen nach Hannover ausgeliehen) Anfang der sechziger Jahre in Hannover so schön auf die Bühne gezaubert hatte. Und der Regisseur hatte den Einfall, Carmen auf der Bühne rauchen zu lassen. Und sie dann so wahnsinnig cool die Ziggi wegschnippen zu lassen, bevor sie L'amour est un oiseau rebelle singt. Der Effekt wurde aber bei der Premiere noch übertroffen. Ein junger, schlaksiger Verehrer der Sängerin der Carmen wanderte den linken Gang entlang bis zur Bühne und warf der Sängerin eine langstielige rote Rose vor die Füße, als sie mit der Habanera fertig war. Danach verließ er den Zuschauerraum. Die Krönung des Ganzen war, dass er eine rote Lederjacke trug. Wo um alles in der Welt kriegt man Anfang der sechziger Jahre eine quietscherote Lederjacke her? Roter als jeder Nikolausmantel. Ich war die ganze Aufführung lang neidisch. Auf die rote Lederjacke und auf diesen Kerl, der die Sängerin kannte. L'amour est un oiseau rebelle.

Wenn die Strophe mit dem lüttjen König allen geläufig ist, so scheint es in Bremen im 19. Jahrhundert dabei auch noch eine Variation gegeben zu haben, die weniger auf kleine Könige und auf Kinder von Zigarrenmaakers als auf soziales Elend hinweist:

Ick bün so’n lütten Schipperjung,
Mutt all miin Broot verdeen’n,
Den ganzen Dag in’t water stan
Mit mine korten Been’n
Halli, halli, hallo,
Nu geiht’t na Bremen to

Über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Schreiben: da fange ich mit einer Kindheitserinnerung an, mit Versen, die ich immer noch aufsagen kann, und dann muss ich erkennen, dass wir Bremer mit diesem schönen Brauch nicht allein gewesen sind. Nikolauslaufen hat es überall gegeben. Inzwischen ist es beinahe ausgestorben, jetzt importieren wir kommerzialisierte amerikanische Bräuche wie Halloween. Im Norddeutschen Rundfunk wird darüber abgestimmt, ob die Hörer Last Christmas von Wham hören sollen. 54 Prozent der Anrufer sind dafür. Ich könnte wetten, dass keiner von denen, die den zum Dudelfunk heruntergekommenen NDR hören, ein halbes Dutzend deutscher Weihnachtslieder mit allen Strophen beherrscht. Auch nicht Schneeglöckchen Weißröckchen.

Und die Zigarrenfabriken in Bremen gibt es auch nicht mehr, wenn man von Resten wie Martin Brinkmann (Lux, Peer Export, Lord Extra) mal absieht. Das ist aber nichts mehr vom Glanz der großen Zeit, als der Zigarrenkönig Friedrich Biermann von der Firma Leopold Engelhardt & Biermann sechstausend Arbeiter beschäftigte. Durch die für Bremen ungünstige Zollordnung, hat sich die Zigarrenfabrikation in der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts nach Bünde in Westfalen verlagert. Mein Opa hätte die Villa von Biermann in St. Magnus in den zwanziger Jahren billig kaufen können. Aber dann hätte er jeden Morgen zu seiner Schule durch den Arbeiterstadtteil Grohn marschieren müssen, und das, was er Kamerun bei Pumpe nannte, das war dem kaisertreuen Ex-Hauptmann nun wirklich nicht zuzumuten.

Je mehr ich gestern begann, den Anfängen des Nikolauslaufens nachzugehen, musste ich feststellen, dass natürlich die Volkskundler und die Lokalhistoriker sich schon mit dem Thema beschäftigt haben. War ja auch anzunehmen, dass hinter all dem, was wir tun, etwas Mythisches steckt. So wie es uns James George Frazer und Jessie L. Weston (ohne die wäre Eliots The Waste Land nichts geworden) gezeigt haben. Das interessiert einen aber nicht, wenn man mit kalten Füßen, laufender Nase und in einem schidderigem roten Bademantel im Dunkeln an einer fremden Tür klingelt und die magischen Worte sagt: Nikolaus de gode Mann, kloppt an alle Dören an.


Mehr Weihnachtliches in diesem Blog unter: Sünnerklaas, Advent, Weihnachtsvorbereitungen, Santa Claus, Donder and Blitzen und Weihnachtsbäume.

Montag, 5. Dezember 2016

Camille in grün


Das Bild der 19-jährigen ➱Pariserin (die viel älter aussieht) hängt in Bremen in der ➱Kunsthalle, schon über hundert Jahre. Der Direktor Gustav Pauli (dessen Gattin den schönen Roman ➱Sommer in Lesmona geschrieben hat) hat es für 50.000 Mark mit der finanziellen Hilfe des zwei Jahre zuvor gegründeten Galerievereins gekauft. 50.000 Reichsmark sind viel Geld im Jahre 1906. Es gab einige Kritik (weil jetzt die Franzosen überwiegen und weniger ➱Worpsweder gekauft werden) an dem Ankauf des Bildes, das der erste Besitzer Arsène Houssaye einmal für 800 Francs gekauft hatte.

Er hatte es dem Pariser Musée du Luxembourg als Geschenk versprochen, aber sein Sohn hat sich nach dem Tod des Vaters nicht an das Versprechen gehalten. Ich hätte mir gewünscht, dass Gustav Pauli damals einen Manet gekauft hätte. Monet ist nicht so mein Ding, obgleich er in diesem Blog schon häufiger erwähnt worden ist, so ist es ja nicht. Wenn Sie alles über La Dame à la robe verte wissen wollen, kann ich heute mal den ➱Wikipedia Artikel empfehlen. Manchmal gibt es in diesem Lexikon ja auch gute Lemmata.

Monet hat das Bild in vier Tagen gemalt (er musste sich Geld leihen, um die Farben zu kaufen), weil er das geplante gigantische Frühstück im Grünen nicht fertig bekam, um es rechtzeitig dem Salon zu präsentieren. Auf dem erhalten gebliebenen linken Teil des zerstörten Bildes können wir seine Geliebte Camille Doncieux (und seinen Freund Frédéric Bazille) sehen. Camille ist wieder in Rückenansicht zu sehen, die Damenkleider sind offensichtlich dafür konzipiert, dass man entschwindenden Frauen nachschaut. Wenig später kommt die Mode des cul de Paris, die den Po der Damen noch mehr betont, als es diese Röcke vermögen

Es gibt eine schöne kleine Geschichte über die Enstehung des Bildes. Gustave Courbet besucht Monet in seinem Studio und kritisiert das im Entstehen begriffene Déjeuner sur l'herbe, er schlägt Änderungen vor. Als Camille das Studio betritt, findet sie ihren Geliebten verzweifelt auf dem Boden hockend. Das Déjeuner sur l'herbe sollte eine Sensation im Salon werden, nun ist alles dahin. Camille hört sich das alles an, aber die Larmoyanz des Künstlers geht ihr auf den Keks, sie rauscht hinaus. Und das ist es, was Monet in diesem Augenblick sieht - das Hinausrauschen im knisternden Seidenkleid, diesen Augenblick der Bewegung. Eingefroren. Sofort malt er eine kleine Skizze (heute im Rumänischen Nationalmuseum in Bukarest).

Es ist eine schöne Geschichte, se non è vero, è ben trovato, aber wir leben nun mal von den guten Geschichten, wenn wir die wirklichen Ereignisse nicht kennen. Viele Interpreten haben dieses Hinausrauschen betont, aber wenn man in Bremen vor dem zwei Meter einunddreißig mal einseinundfünfzig großen Schinken mit dem fetten Goldrahmen steht, da bewegt sich nichts. Wenn man gut gemalte Kleider sehen will, dann muss man sich Bilder von ➱Franz Xaver Winterhalter (Bild) anschauen, nicht Monets Camille.

La Dame à la robe verte bekam großen Zulauf und gute Kritiken. Ernest d'Hervilly schrieb in seinen Les poèmes du Salon ein kleines Gedicht:

Parisienne, ô reine! — O noble créature 
Qui force le satin splendide à se traîner 
Royalement au gré de ta désinvolture 
Sur les parquets jaloux qui veulent te faner; 

Parisienne, ô reine! — O femme triomphante!
Depuis ton chapeau fou, tulle, velours noir, or, 
Jusqu'à tes pieds mignons qu'envirait une infante, 
Te voilà peinte ici. Salut!

Es gibt da im Internet auch noch ein Gedicht von einem gewissen Christophe Fricker, der ein Meister der Selbstdarstellung ist. Das Gedicht, in dem der Maler zu seiner zwanzigjährigen Geliebten spricht, findet sich bei Christophe Fricker Online:

Das Weiß deines Blicks ist nicht echt, und die Farbe
der Haut deiner Hand, die du keinem reichst,
und die Farbe der Haut deines Halses sind auch nicht echt.
Nur so selten zeigst du dein Gesicht.
Du bist nur ein Kleid, das sich mir nicht stellt,
du bist eine Haltung, die mir nicht gefällt.

Ich glaube nicht, dass das der Höhepunkt der neueren deutschen Lyrik ist. Da ist das Gedicht von Raisa Goldflowing über ➱Effi Briest viel besser.

La Femme à la robe verte ist ein Bild, das in jedem französischen Modemagazin erschienen sein könnte, von diesen Modemagazinen sind zwischen 1830 und 1860 achtzig verschiedene Titel erschienen. Die Pariser Haute Couture, die von einem Engländer namens ➱Charles Frederick Worth erfunden wurde, wird immer wichtiger für die Malerei. An dieser Stelle sollten Sie diesen schönen ➱Blog anklicken und in diesem Blog den Post über die ➱Haute Couture lesen. Ich möchte einmal betonen, dass in diesem Blog nicht nur immer Herrenmode, sondern durchaus auch Damenmode vorkommt. Klicken Sie doch mal eben den Post ➱Damenmode an.

Ich nehme an, dass Edouard Manet das nicht ironisch gemeint hat, als er sagte: la dernière mode, voyez-vous, la dernière mode pour une peinture, c’est tout à fait nécessaire, c’est le principal. ➱Anders Zorn wusste das längst, der ließ sich von Otto Bobergh beraten (das grüne Kleid hier ist aus dem Hause Worth & Bobergh). Auch Emile Zola war von dem grünen Kleid Monets beeindruckt: Ich gestehe gern: das Bild, das mich am längsten festgehalten hat, ist die 'Camille' von Monet. Eine energische und lebendige Malerei. Ich war rasch durch die kalten und leeren Säle geeilt, müde, keinem neuen Talent begegnet zu sein, als ich diese junge Frau erblickte, wie sie ihr Kleid nachschleppen lässt und dabei in die Wand hineintaucht, als ob es da ein Loch gäbe. Sie können sich nicht vorstellen, wie angenehm es ist, einmal ein wenig bewundern zu können, wenn man davon erschöpft ist, dass man nur lachen oder die Achseln zucken musste. 

Ich kenne M. Monet nicht..., aber ich muss ein alter Freund von ihm sein, weil mir nämlich sein Bild eine ganze Geschichte von Energie und Wahrheit erzählt. - Wahrhaftig - hier ist ein Temperament, ein Mann in der Menge dieser Eunuchen... Hier ist mehr als ein Realist, hier ist ein feinfühliger und starker Interpret, der jedes Detail zu geben versteht, ohne dass er ins Trockene verfiele. - Dieses Kleid! Es ist geschmeidig und fest. Es schleppt weich hinterher, es lebt und sagt gerade heraus, wer diese Frau ist. Das ist nicht das Kleid einer Puppe, keiner von diesen Seidenchiffons, mit denen man Träume behängt; das ist gute Seide...

Die Frau im grünen Kleid sieht wie eine Dame der Bourgeoisie aus. Ja und nein, Camille Doncieux kommt zwar aus dem Kleinbürgertum - so wie ➱Brigitte Bardot aus der Bourgeoisie kommt - aber sie arbeitet längst als Modell für verschiedene Maler. Und wird Monets Geliebte. Alles weitere erzählt uns dieses Buch: Dämmerung setzt ein, als der Schein einer Schaufensterlampe den jungen, noch unbekannten Maler Claude Monet in eine Pariser Buchhandlung lockt. Dort lernt er Camille Doncieux, ein Mädchen aus reichem Hause, kennen und verfällt vom ersten Augenblick an ihrer Schönheit. Um ihre Liebe leben zu können, müssen sich die beiden gegen alle gesellschaftlichen Konventionen durchsetzen. Doch schon bald stellt sich heraus, dass ihr Glück vielmehr von Monets maßloser Leidenschaft zur Malerei überschattet wird …

Das Bild von Monet zierte den Erweiterungsbau der Bremer Kunsthalle, der 1906 vollendet wurde. Für den, wie für den Ankauf des Monets, keinerlei öffentliche Mittel geflossen waren. Es sind private ➱Spender, die das Ganze finanzieren. Vierhundertausend Taler kommen von Carl Schütte, dreihunderttausend von Aitsch-aitsch Meier Junior.

Dass ihm Arsène Houssaye 1868 achthundert Francs für die grüne Camille bezahlt hat, war die Rettung für Monet. Er lebte mit Camille in bitterer Armut, seinen ein Jahr zuvor geborenen Sohn Jean hat er natürlich gleich gemalt. Aber das Bild täuscht nur ein Familienglück vor. Während der Schwangerschaft hatte er seine zwanzigjährige Geliebte sitzen lassen, um sich bei seinem Vater und seiner reichen Tante seinen Scheck zu sichern. Zur Geburt des Kindes ist er immerhin für einige Tage bei Camille. Drei Jahre nach der Geburt des Sohnes heiraten Monet und Camille endlich, Camille bekommt von ihren Eltern 1.200 Francs als Mitgift. Die aber so angelegt sind, dass Monets Gläubiger nicht an das Geld kommen.

Das junge Ehepaar verbringt den Sommer in Trouville, wo Monet eine ganze Serie von Studien mit Camille am Strand malt. Lichtdurchflutet, nicht dieses fiese Grün und Braun auf dem Bremer Bild. Dies Bild besitzt die National Gallery of Art in Washington, ich glaube, die würden es nicht gegen das Bremer Bild tauschen. Wird sich ➱Donald Trump, wenn er immer in Washington sein muss, jemals dieses Bild anschauen? Sein Verhältnis zur ➱Kunst ist ja etwas zweischneidig. Es hat Monet immer wieder an die französische Kanalküste gezogen, was kein Wunder ist, schließlich hatte der kleine Oscar hier seine Jugend verlebt. An dieser Stelle sollten Sie mal eben den Post ➱Eugène Boudin lesen.

Nach dem schönen Sommer in Trouville kommen schwere Zeiten, die deutsche Armee marschiert in Frankreich ein. Monet verläßt Frankreich und geht zusammen mit Pisarro nach London, er will nicht eingezogen werden. Seine Freunde Manet und Bazille sind da etwas patriotischer. Manet geht zur Nationalgarde (und dieser Wikipedia Artikel lohnt auch die Lektüre), Frédéric Bazille zu einer Zuaveneinheit, er fällt 1870.

Monet lernt in London die Bilder von ➱William Turner kennen. Und er lernt den Kunsthändler Paul Durand-Ruel kennen. Ich weiß nicht, welches der beiden Ereignisse wichtiger für ihn gewesen ist. Hat er für seine Bilder der Londoner Themse Turner gebraucht? Aber den Paul Durand-Ruel, den wird er brauchen, der wird seine Bilder verkaufen. Die ist das einzige Bild, das Monet von Camille in London malen wird.

Dies Bild von Camille auf ihrem Totenbett malt er 1879. Da hat er längst eine andere Frau im Haus, die er irgendwann heiraten wird. Sie heißt Alice Hoschedé, und es gibt da jahrelang eine seltsame ménage a trois, was sicherlich auch zu dem frühen Tod von Camille beigetragen haben wird. Ich nehme an, dass das auch in dem Roman Die Frau im grünen Kleid von Stephanie Cowell vorkommt, weil man uns versichert: Dieser Roman ist ein Praliné für Liebhaber historischer Romane, aber auch für Kunstinteressierte, die sich anspruchsvoll unterhalten lassen möchten. Unter anspruchsvoller Unterhaltung verstehe ich etwas anders.

Das hier auf dem Bild von John Singer Sargent ist nicht Camille, das ist Alice Hoschedé, die neue Frau in Monets Leben. Sie hat dafür gesorgt, dass nichts, aber auch gar nichts, mehr im Haus ist, was an Camille erinnern könnte. Monet und seinen Kindern bleibt nur die Erinnerung. Sargent hat der Frau, die über ihren malenden Mann wacht, kein Gesicht gegeben. Wenn wir ihr Gesicht sehen wollen, müssen wir uns schon das Bild von Charles Emile Auguste ➱Carolus-Duran anschauen.

Camille Monet liegt auf dem Kirchfriedhof von Vétheuil im Département Oise begraben. Es ist da nur eine bescheidene Steinplatte auf der steht: Camille Doncieux Epouse de Claude Monet 1847 – 1879. Mehr hatte er da nicht für sie übrig. Auch später nicht, als er richtig reich ist. Und Rolls Royces (lange vor ➱Georges Braque) fuhr (mit Chauffeur versteht sich). Es ist eine traurige Geschichte.

Claude Monet ist heute vor neunzig Jahren gestorben. Die goldene Schrift auf seinem Grab in Giverny, wo er in seinen letzten Lebensjahren nur noch seinen Garten, aber keine Frauen mehr malte, erwähnt unsere Camille, la dame à la robe verte, mit keinem goldenen Buchstaben.

Wahrscheinlich steht alles, was ich hier geschrieben habe, auch in dem Buch Monet und Camille: Frauenportraits im Impressionismus, das der Direktor der Kunsthalle Bremen Wulf Herzogenrath zusammen mit seiner Stellvertreterin Dorothee Hansen 2005 veröffentlicht hat. Habe ich mir damals nicht gekauft, weil Monet - wie gesagt - nicht so mein Ding ist. Habe es mir jetzt aber bestellt, man kann es noch preiswert bekommen. Ist auch sicherlich besser als Stephanie Cowells Die Frau im grünen Kleid. Die beste Interpretation des Gemäldes von Monet findet sich in dem Buch Das Gesicht: Aufsätze zur Kunst des ehemaligen Bremer Kunsthallendirektors Günter Busch. Das Buch ist bei Amazon Marketplace ab einem Cent zu haben, lohnt sich unbedingt.


Noch mehr Monet in diesem Blog: Kunsthalle BremenEugène BoudinLe TréportBertrand TavernierGustave CaillebotteBerthe MorisotWilliam Merritt ChaseThomas EakinsWinslow HomerLilla Cabot PerryJohn Peter RussellChristian RohlfsGeorges Braques Rolls RoyceArthur IlliesLilli MartiusFranco Costa

Samstag, 3. Dezember 2016

Spanische Herrenschuhe


Ich weiß nicht, warum ich in meinem kleinen Panorama der europäischen Schuhproduzenten die Spanier bisher ausgelassen habe. Obgleich ich sie in dem Post ➱wholecut schon einmal erwähnt habe: Die werden in großem Stil auf einer anderen Insel als England hergestellt: Mallorca. Die Firma Carmina wirbt damit, der größte Hersteller von Cordovan Schuhen in Europa zu sein. Dieser hier kostet 690€. Neben der Firma Carmina von José Albaladejo gibt es auf Mallorca noch die Firma Meermin, die etwas preisgünstiger ist (und dass Herr ➱Kuckelkorn sich in Mallorca und in Almansa seine Schuhe machen lässt, sollte nicht unerwähnt bleiben). Die Spanier sind (wenn man an Marken wie Lottusse und andere denkt) im Bereich des preiswerten Qualitätschuhs zu einer Großmacht in Europa geworden. Auch der deutsche Internethändler Shoepassion, der für 239 Euro einen wholecut anbietet, bezieht seine Schuhe aus Spanien. Von der Firma Cordwainer in Almansa; man kann eine Besprechung der Qualität der Shoepassion von jemandem, der sich Paul Prüfer nennt, hier lesen. Aber das Ganze ist wahrscheinlich auch nur gekaufte Werbung.

Ich bleibe einmal bei der Firma Shoepassion, die auf ihrer Homepage versichern, dass spanische Schuhe für hochwertige Qualität stehen und zurzeit noch eher ein Geheimtipp sind: In puncto Verarbeitung, Design und Komfort stehen sie den großen Vorbildern aus Italien und England in keinster Weise nach. Da ist etwas dran. Man kann sie auch unter anderen Namen als Shoepassion kaufen.

Dr Thomas Schmitz mit seiner Firma John Crocket, der einmal einer der ersten in Deutschland war, der ➱Tricker's anbot, setzt jetzt voll auf die Spanier (hier einige seiner Schuhe). Natürlich nur mit Rendenbach Sohle, genau so wie Ed Meier in München die Rendenbach Sohlen nach England schickt, damit Crockett & Jones die unter seine Schuhe nähen. Und auch Dieter Kuckelkorn lässt in Spanien, wo er lange gelebt hat, produzieren. Das wissen Sie aber schon, weil Sie längst den Post ➱Kuckelkorn gelesen haben. Als Kuckelkorn noch spanische Schuhe unter dem englischen Namen Robert Johnson verkaufte, belieferte er auch Hein Gericke. Nicht mit  Motorradstiefeln, damals hatte Gericke eine kleine Firma in Düsseldorf, die Hein Gericke Classics hieß und erstklassige Ware anbot. Ich habe immer noch ein Paar Schuhe von damals, nach Jahrzehnten beinahe wie neu.

Nicht aus Spanien kommen die Schuhe des spanischen Hoflieferanten Loewe, seit die Firma zum ➱Louis Vuitton Konzern gehört. Die Schuhe werden von Stefanobi gemacht, die auch die Berluti Schuhe herstellen. Ich nehme mal an, das Christian Kracht von der Firma Berluti (die ➱hier einen Post hat) jedes Jahr ein Paar Schuhe bekommt, hat er doch die Firma Berluti in seinen Roman 1979 hineingeschrieben. Keiner der Rezensenten versäumte es, auf die Berluti Schuhe hinzuweisen. Ich zitiere mal eben die NZZ: Allein in dem Maße, in dem es ihrem Einsatz häufig genug an Witz und Ironie gebricht, dürften sie im Verein mit dem auch diesmal wieder massiv geübten Product-Placement (die Schuhe von Berluti, das Einstecktuch von Paisley, die Musik von den Ink Spots usw.) dem Verdacht Vorschub leisten, Popliteratur aus dem Hause Kracht, weit davon entfernt, mit Trivial- und Kitschelementen zu jonglieren, sei deren Trug vielmehr mit Haut und Haaren verfallen. 

Die wohl größte Zahl der spanischen Schuhproduzenten sitzt auf Mallorca. Und das schon lange: Lottusse seit 1877, Yanko seit 1890 und Carmina (zu der Firma gehören auch die Marken Albaladejo und Meermin) seit 1866. In den 1950er Jahren arbeitet die Hälfte der Einwohner von Inca in der Schuhindustrie. Die Firma Lottusse (zu der auch die Marke Camper gehört) soll ihren Namen danach haben, dass ihr Firmengründer in England eine Nähmaschine namens Lotus gekauft hatte. Sie sind neuerdings in Miami und New Jersey zu finden, Amerika ist immer ein Markt für spanische Schuhe. Im Jahre 1972 gingen 70% des spanischen Schuhexports in die Vereinigten Staaten. Lottusse ist aber auch ganz stark in China, wo sie schon in 49 Geschäften vertreten sind. Das ist eine witzige Sache: zum einen überschwemmen die Chinesen den europäischen Markt mit Billigschuhen und zu Hause kaufen sie Qualitätsschuhe aus Spanien.

Ihre beste Qualität trägt den Namen Lottusse Selection 1877, und da bekommt man schon wirklich gute Schuhe. Den hier habe ich seit Jahren, er hat wenig Spanisches an sich. Es ist eine perfekte Kopie eines Theresianers von Ludwig Reiter, hat sogar diese geschwungene Absatzform, die man in Wien liebt. Schlicht und unauffällig, aber hervorragend verarbeitet. In der Linie Lottusse Selection 1877 bietet die Firma auch Pferdelederschuhe an, die sehr viel preisgünstiger sind als die Schuhe von Alden.

Noch mehr Cordovan Schuhe produziert die Firma Carmina, aber das steht schon im ersten Absatz. Zu dem Familienunternehmen von José Albaladejo braucht man kaum etwas zu sagen. Sogar Michael Jondral in Hannover, von dem ich glaubte, dass er nur mit Saint Crispin's handeln würde, hat Carmina im Angebot. Preiswerter als Carmina ist Meermin, die noch junge Firma ist der Nachfolger von Yanko (in Deutschland einstmals beworben mit Yanko der Spanier), sie machen wirklich elegante scharfe Schuhe. Die auch in England beliebt sind. Wahrscheinlich weil sie so aussehen, als wären sie Schuhe von Gaziano und Girling (deren Schuhe in der Anfangsphase ja von ➱Alfred Sargent gemacht wurden). Ob Meermin Schuhe lange halten oder ob ihre Schönheit nur die des flüchtigen Augenblicks ist, das weiß ich nicht. Bei ebay wird ständig B-Ware der Fabrik verkauft, die dann am Ende der Auktion ungefähr die Hälfte des Ladenpreises kostet.

A propos England, auf Mallorca wohnen dauerhaft beinahe 20.000 Briten, die wegen des Brexit etwas ängstlich in die Zukunft schauen. Die spanische Schuhindustrie (hier ein Blick in die Fabrik Antoni Melis in den 30er Jahren) schaut kein wenig ängstlich in die Zukunft. Denn wenn der Austritt der Engländer aus der EU mit dem Verlust des europäischen Binnenmarktes wirklich wahr wird, werden englische Schuhe teurer werden. Dann wird ein Schuh von Carmina zu einer echten Konkurrenz für, sagen wir, Crockett & Jones werden.

Und wir bleiben noch ein wenig bei den Engländern, nämlich bei diesem Herrn hier, James FitzJames, dem ersten Duke of Berwick. Sein Nachnahme sagt uns alles: er ist der (un)eheliche Sohn (fils=fitz) von James. Sein Vater ist James II, jener Stuart, den die Engländer aus ihrem Land vertreiben werden. In der Zeit von James II sind in England übrigens bei den Damen spanische Schuhe, die mit Gold verziert sind, sehr beliebt. Auf jeden Fall singt in Thomas D'Urfeys The Young Maid's Portion jemand von my damask gown, my laced shoes of Spanish leather. Wenn Sie noch mehr zu den Schuhen des 18. Jahrhunderts wissen wollen, dann gehen Sie doch zu dem wunderbaren Blog ➱Jane Austen's World. Unser James FitzJames hat noch eine Vielzahl anderer Adelstitel, die man ihm in Spanien und Frankreich verleiht. Weil er für diese Nationen Krieg führt. Er gewinnt unter anderem die Schlacht von Almansa, und damit sind wir wieder bei der spanischen Schuhindustrie.

Denn neben Mallorca ist Almansa das zweite Zentrum der spanischen Schuhindustrie. Hier sind Firmen wie Cordwainer, Lorens, Magnanni, Kuckelkorn und Berwick 1707 beheimatet. Das 1707 bei Berwick bedeutet nicht, dass es die Firma seit diesem Jahr gibt, es gibt sie erst seit 1991. Das 1707 bezieht sich auf die Schlacht von Almansa. Und so lebt der Duke of Berwick (der seinen Herzogstitel verlor, als er mit seinem Vater das Land verließ) auf den Sohlen einer spanischen Schuhfabrik weiter. Neben dem Signet der Firma Rendenbach, die diese hervorragenden Sohlen macht.

Cordwainer klingt nach einer englischen Firma (man verkauft auch gut nach England), aber es sind Spanier wie Berwick. Und das Wort cordwainer, das einen Schuster bezeichnet (die haben in England heute noch immer eine Innung), ist im Mittelalter aus Spanien nach England gekommen. Die Stadt Cordoba (die auch in cordovan steckt) steckt in diesem Wort, berühmt für ihr feines Leder.

Natürlich stellt man in Spanien auch Millionen von Damenschuhen her. Und zapatos für die Freizeit, Stiefel nicht zu vergessen. Tony Mora auf Mallorca ist berühmt für seine Cowboystiefel. Dazu zitieren wir doch mal eben einen Nobelpreisträger:

Well, if you, my love, must think that-a-way
I’m sure your mind is roamin’
I’m sure your heart is not with me
But with the country to where you’re goin’

So take heed, take heed of the western wind
Take heed of the stormy weather
And yes, there’s something you can send back to me
Spanish boots of Spanish leather

Mittwoch, 30. November 2016

Andrea Doria


Aber sonst ist heute alles klar auf der Andrea Doria, sang Udo Lindenberg. Und dieses alles klar auf der Andrea Doria ist in unsere Sprache gewandert wie keine Panik auf der Titanic. Das Lied, mit dem Udo seinen Durchbruch hatte, handelt nicht wirklich von der Andrea Doria, dem Schiff, das der Stolz der italienischen Flotte war. Es sank in der Nacht des 26. Juli 1956 in den Nebelbänken vor Nantucket. Ich kann mich noch an die Wochenschau erinnern. Fernsehen hatten wir noch nicht, weil mein Vater es nicht mochte. Also Kino. Wochenschau. War eh viel interessanter.

Die fünfziger Jahre waren die Zeit der Schiffskatastrophen: Si bene calculum ponas, ubique naufragium est, ich habe den Satz des Petronius (den man für alle Zwecke gebrauchen kann) schon einmal in dem Post ➱Nero singt zitiert. Den Untergang der Flying Enterprise 1952 (schauen Sie doch hier einmal in diese ➱Wochenschau) habe ich nie vergessen. In jener Woche war ich dreimal im Kino, in der Hoffnung, dass es eine neue Wochenschau gäbe. Den Untergang der ➱Pamir ein Jahr nach dem Untergang der Andrea Doria habe ich natürlich auch nicht vergessen. Sie können dazu mehr in dem Post ➱Wetter lesen. Der ist zwar schon sechs Jahre alt, ist aber eigentlich immer noch aktuell.

Und da ich schon beim Zitieren von älteren Posts bin, zitiere ich doch mal eben noch etwas, was in dem Post ➱Untergang steht: Bildung, Charakterstärke und gutes Benehmen besitzt Joseph Conrad schon, als er sich zu einem der zahlreichen Examina der Kapitänsprüfung einfindet. Englisch kann er inzwischen auch. Sein Prüfer ist gefürchtet, das weiß Conrad schon. Der Prüfer versetzt Conrad auf einem imaginären Schiff in immer neue gefährliche Situationen. Da hilft es Conrad auch nicht, ihn milde darauf hinzuweisen, dass er sich niemals mit einem Schiff in eine solche Lage gebracht hätte. Conrad ist jetzt schon im Geiste bereit, seinen Platz als Kapitän des imaginären Unglücksschiffes mit einem Platz auf dem Fliegenden Holländer zu tauschen, als ihn sein Prüfer ihn in eine noch gefährlichere Situation bringt. Legerwall vor holländische Sandbänke. Ausweglos. Nothing more to do, eh? fragt ihn sein Prüfer. No sir, I could do no more, sagt Joseph Conrad. Worauf sein Prüfer sagt: You could always say your prayers. Das ist natürlich immer eine Möglichkeit, beten.

In Bremen kursiert eine Geschichte, wo ein Steuermann in seiner Prüfung in eine ähnliche Lage versetzt wird. Der ist schon jahrelang zur See gefahren, jetzt soll er die Prüfung nach §19 der Vorschriften über den Nachweis der Befähigung als Seeschiffer und Seesteuermann auf Deutschen Kauffahrteischiffen ablegen. Er kennt seinen Prüfer, er kann den nicht ausstehen. Der hat keinerlei Praxis als Fahrensmann. Und als der ihn mit dem imaginären Schiff in der Prüfung in eine lebensgefährliche Situation bringt und mit bösartigem Hohn in der Stimme fragt: Und wat nu? da antwortet unser Seebär: Nu heff ik die Büx voll. Und setzt hinzu: Und Du, Du hest di schon vor 'ne halben Stunde de Büx vollschieten. Vom Beten ist jetzt nicht mehr die Rede.

Joseph Conrad hatte damals, als die ➱Titanic unterging, einiges zu dem Unglück zu sagen. Aber man hört nie auf die Fachleute, die Ursachen der Unglücke, sei es bei der Andrea Doria oder der Pamir, werden nie geklärt. Selten sind die Fälle so eindeutig wie bei der Costa Concordia, die von einem bescheuerten italienischen Kapitän namens Francesco Schettino versenkt wurde. Kein stolzer Nachfolger eines Mannes wie Andrea Doria. Wenn Sie jetzt etwas überrascht sind, ja, Andrea Doria war Kapitän. Sogar Admiral. Und dieses Andrea ist auch kein Frauenname, es ist die italienische Form unseres Vornamens Andreas. Und als Andreas taucht der heute vor 550 Jahren geborene genuesische Seefahrer Andrea Doria auch bei Friedrich Schiller auf.

Der letzte Satz von Schillers ➱Verschwörung des Fiesco zu Genua lautet: Ich geh' zum Andreas. Der Republikaner ➱Verrina wechselt die Seiten, die Verschwörung ist zu Ende. Andrea Doria war nicht nur ein Seemann, er war auch ein Staatsmann, dem die Republik den Ehrentitel Liberator et Pater patriae verleiht. Bronzino (den Sie ja aus dem Post ➱Bilder- Texte - Bilder kennen) hat ihn als Neptun gemalt. Bei dem Bau des Luxusschiffes Andrea Doria hat die Reederei über eine Million Dollar für die Innenausstattung ausgegeben. Unter anderem gab es einen lebensgroße Statue des genuesischen Admirals. Wenn man etwas mehr Geld und Intelligenz bei der Statik des Schiffes verwendet hätte, wäre das Schiff nach der Kollision mit der Stockholm wohl nicht sofort gesunken. Die Stockholm ist übrigens, mehrfach umgebaut, immer noch auf den Weltmeeren unterwegs.

Dienstag, 29. November 2016

1970


Es gab im Jahre 1970 Annäherungen zwischen der BRD (ich weiß jetzt nicht mehr, ob man damals überhaupt diesen fiesen DDR Begriff überhaupt verwenden durfte) und der DDR. Zum einen trafen sich Willy Brandt und Willi Stoph, zum anderen sendete der NDR am 29. November den ersten Tatort, der Taxi nach Leipzig hieß. Die Hauptrolle in dem Film spielte ein Hamburger Kommissar namens Trimmel. Der sich mit seinem Kollegen in der DDR (den er noch aus den Tagen des Reichskriminalamts kennt) sehr gut verstand. Wahrscheinlich besser, als sich Willy Brandt und Willi Stoph verstanden haben. Der Grundlagenvertrag ließ noch auf sich warten, aber immerhin war Wandel durch Annäherung angesagt. Vielleicht hat der erste Tatort auch ein klein wenig zu diesem Wandel durch Annäherung beigetragen. Falls Sie heute Abend noch nichts vorhaben, schauen Sie sich doch ➱hier den deutsch-deutschen Kriminalfilm an.

Die Sendung Tatort ist die am längsten laufende Reihe im deutschen Fernsehen, der Polizeiruf 110 des DFF kam erst ein Jahr später. Warum brauchte man im Arbeiter- und Bauernparadies überhaupt eine Krimisendung, wo es doch im ganzen sozialistischen Land kein Verbrechen geben konnte? Rulo Melchert wusste in seinem Artikel Hauptsache, es ist ein Krimi: Chancen einer Romanform 1966 die Antwort: Warum ein Gebiet unserer Literatur vernachlässigen, das bei den Lesern viel gelesen wird, auf sie so großen Einfluß nimmt? Warum an einer Stelle ausschalten, wo sich sonst Ideologie westlicher Himmelrichtung breit macht?

Man suchte in der ARD damals nach einer Nachfolgesendung für Jürgen Rolands Stahlnetz (eine hervorragende Reihe mit den Drehbüchern von Wolfgang Menge) und wollte der Konkurrenz des ZDF und deren Reihe Der Kommissar etwas entgegensetzen. Nicht mehr in dem altbackenen Schwarz-Weiß, in dem die auch die ➱Edgar Wallace Filme daherkamen, sondern gleich in Farbe.

Als die ARD Oberen überraschend beschlossen, das von dem Theaterwissenschaftler Gunther Witte (der mit dem ganzen Krimigenre ➱nichts am Hut hatte) entwickelte Konzept in die Tat umzusetzen, hatte man allerdings außer den Plänen nichts vorzuzeigen. Es sollte für jedes Land einen Kommissar geben, und es sollte Lokalkolorit in die Sendung kommen. Da nahm man, sozusagen aus Verlegenheit, den gerade beim NDR abgedrehten Film Taxi nach Leipzig und verpasste ihm das Etikett Tatort. Gunther Witte gab der Reihe kein langes Leben, die Rede war damals von zwei, vielleicht fünf Jahren.

Das Drehbuch zu Taxi nach Leipzig hatte Friedhelm Werremeier (Bild) zusammen mit dem Regisseur Peter Schulze-Rohr geschrieben. Vielleicht hat der Produktionsleiter des Films Dieter Meichsner noch daran mitgewirkt. Der war ja für seine Drehbücher berühmt, ich nenne nur mal den Dreiteiler Der Stechlin (Fontanes Romanvorlage hat ➱hier einen Post) und die achtzehn Teile der Serie ➱Schwarz-Rot-Gold mit Uwe Friedrichsen als Zollfahnder Zaluskowski. Leute wie Dieter Meichsner und Wolfgang Menge findet man beim Fernsehen nicht mehr. Dafür verdient aber der NDR Intendant Lutz Marmor heute über 300.000 Euro im Jahr, soviel Geld haben diejenigen, die einmal Qualitätsfernsehen gemacht haben, wahrscheinlich nicht in zehn Jahren bekommen. Das ist eine seltsame Entwicklung: das Programm wird immer schlechter, irgendwann gibt es nur noch den Degeto Mansch, aber die Intendanten verdienen sich dumm und dösig.

Die Schauspieler des Films kamen, nicht wie heute aus irgendwelchen läppischen Fernsehserien des Vorabendprogramms, die kamen alle vom Theater. Walter Richter, der den mürrischen Trimmel gab, war ja ein berühmter Mann gewesen. Günter Lamprecht, der einen Grenzbeamten spielt (was uns immer an den Satz Gänsefleisch mal `n Kofferraum uffmachen? denken lässt), stand am Anfang seiner Karriere. Hans-Peter Hallwachs hatte ich zu Peter Zadeks Zeiten noch auf der Bremer Bühne gesehen, er steht auch ➱hier im Blog mit einer kleinen komischen (aber wahren) Geschichte drin.

Die weibliche Hauptrolle in Taxi nach Leipzig spielte Renate Schroeter, für die schwärmte ich damals. Ich besaß zwar als Student damals kein Fernsehgerät, aber den Film habe ich trotzdem gesehen. Wegen Renate Schroeter. Und wegen Paul Trimmel, denn Werremeiers ersten Roman Ich verkaufe mich exklusiv (der unter dem Titel ➱Exklusiv nachträglich in die Tatort Reihe aufgenommen wurde) hatte ich damals schon gelesen. Ich las viele Krimis, meistens ➱englische Krimis, sie waren wichtig zum Ausgleich für das Studium. Genauso wichtig wie Westernfilme, die damals neue Formen annahmen, der Spätwestern (der ➱hier einen langen Post hat) hatte begonnen.

Damals war beinahe alles neu. In Frankreich gab es die ➱Neue Welle in Kino und Roman, in Deutschland gab es den Neuen deutschen Kriminalroman. Auf jeden Fall hieß die Tagung im Kloster Loccum so, wo jeder war, der damals in der Krimiszene irgendwas bedeutete. Denn Autoren wie Werremeier und -ky (und wie sie alle hießen) veränderten die Krimilandschaft. Viele deutsche Autoren versuchten allerdings nur, Georges Simenon, ➱Sjöwall Wahlöö, Nicolas Freeling (der ➱hier einen Post hat) oder Janwillem van de Wetering zu imitieren, aber so gut wie die waren sie nie.

Womit ich kein böses Wort über Friedhelm Werremeier sagen will, man kann seine Trimmel Romane nach Jahrzehnten immer noch lesen. Ich habe es getestet. Und auch kein böses Wort über den Rendsburger Studiendirektor Dr Edward Hoop, der unter dem Pseudonym Paul Henricks bei Rowohlt eine Menge durchaus seriöser Romane schrieb. Sein Lektor Richard K. Flesch bei Rowohlt schätzte ihn sehr. Henricks Sieben Tage Frist für Schramm war ein Bestseller. Wurde schlecht verfilmt mit Joachim Fuchsberger und Horst Tappert. Wenn Sie den Film sehen wollen, klicken Sie ➱hier. Aber gucken Sie sich lieber Taxi nach Leipzig an. Modehistorisch interessant ist allerdings der British Warm Offiziersmantel von Joachim Fuchsberger, während Tappert den stereotypischen ➱Trenchcoat eines Fernsehkommissars trägt. Fuchsbergers Mantel muss Tappert schwer beeindruckt haben, denn was trug er bei seinem ersten Auftritt als Derrick? Richtig, einen ➱British Warm.

Man konnte die neuen deutschen Krimis mit den Romanen der Schweden, Holländer, Engländer und Franzosen vergleichen, denn bei Rowohlt hatte Richard K. Flesch (manchmal Leichen-Flesch) genannt, eine Krimireihe hochgezogen, die sicherlich das Beste war, was es damals gab. Von Richard K. Flesch gibt es kein Bild im Internet, man könnte glauben, dass er ein Phantom sei. Aber es hat ihn wirklich gegeben, ich habe ihn mal einen Nachmittag lang interviewt. Er hatte eine angebrochene Flasche Whisky vor sich auf dem Tisch, der mit Manuskripten beladen war. Er bot mir einen Whisky an, aber ich wollte nachher noch auf die Autobahn. Nüchtern. Ich habe noch ein Dutzend Briefe von ihm, alle mit grüner Cheftinte unterschrieben. Heute gibt es Leute wie ihn auch wohl nicht mehr. Und gute Tatort Sendungen sind auch rar geworden. Sehr rar.

Man hat den tausendsten Tatort auch wieder Taxi nach Leipzig genannt, doch den habe ich mir nicht angeguckt. Aber den alten Film aus dem Jahre 1970, den lege ich heute Abend in den DVD Player.


Es gab in diesem Blog schon zwei Posts, die ➱Tatort und ➱Tatorte heißen. Und dann gibt es natürlich den Post Botulismus, der von einem ganz bescheuerten Tatort handelt. Und dann hätte ich da noch für Krimifreunde anzubieten: Maj Sjöwall, Sjöwall Wahlöö, Henning Mankell, Tulpen, Englische Krimiserien, Inspector Gently, Klaus Wennemann, Traumwagen

Sonntag, 27. November 2016

Duell


Guten Tag ich bin mitten im Abitur, besser gesagt die Schriftlichen hab ich hinter mir, d.h. ich habe nun noch eine mdl. Prüfung und wie der Titel vermuten lässt eine Präsentation vor mir.
Hierfür muss ich zum kommenden Mittwoch die Gliederung abgeben wie ich das Thema Strukturieren werde.
Folgende Aufgabenstellung soll ich behandeln:
Untersuchen sie die literarische Adaption der Figur Effi Brist im 20 Jahrhundert am Bsp. von Hochhuths Effis Nacht. Monolog
Ich würde mich über Tips einer sinnvollen Gliederung bzw. zur Präsentation allgemein freuen.
mfg Benni


Steht so im Internet, die Fehler sind im Text original. Ich weiß nicht, ob der Benni sein Reifezeugnis bekommen hat, aber ich kann sagen, dass ich sehr ähnliche E-Mails bekomme. Da stellen sich Schüler und Studenten offensichlich vor, ich würde ihre Schularbeiten machen oder ihre Seminararbeiten schreiben. Ich denke nicht daran. Ich würde auch keinem Benni, Manni oder Kevin einen Tip bezüglich Hochhuths Theaterstück Effis Nacht geben. Das Stück ist interessant, gehört aber nicht zu den besten Leistungen des Autors. Wäre ich Regisseur, würde ich den Rotstift ansetzen. Als ich einmal ein Jahr lang die Theatertruppe eines Gymnasiums leitete, erbte ich mit der Truppe einen hervorragenden Regieassistenten namens Martin. Der mir nach zwei Wochen sagte: Jay, das müsst ihr Typen von der Uni noch lernen. Dies ist keine Philologie, dies ist wirkliches Theater. Nimm diesen photokopierten Text mit nach Hause und streich am Wochenende zwanzig Prozent raus. Es tat mir weh, und es hätte Arthur Kopit wohl auch nicht gefallen, dass ich zwanzig Prozent aus seinem Stück Indians gestrichen habe, aber es hat funktioniert. Martin bekam gleich nach dem Abitur eine Stelle an einem Theater. Aber um zu dem Bennis und Mannis (und wie sie alle heißen) zurückzukommen. Einen Tip können sie gerne von mir bekommen: schreibt die junge Frau doch einfach Effi Briest. Mit e.

Theodor Fontane lässt sie jung sterben: So verging der Sommer, und die Sternschnuppennächte lagen schon zurück. Effi hatte während dieser Nächte bis über Mitternacht hinaus am Fenster gesessen und sich nicht müde sehen können. »Ich war immer eine schwache Christin; aber ob wir doch vielleicht von da oben stammen und, wenn es hier vorbei ist, in unsere himmlische Heimat zurückkehren, zu den Sternen oben oder noch drüber hinaus! Ich weiß es nicht, ich will es auch nicht wissen, ich habe nur die Sehnsucht.« Arme Effi, du hattest zu den Himmelwundern zu lange hinaufgesehen und darüber nachgedacht, und das Ende war, daß die Nachtluft und die Nebel, die vom Teich her aufstiegen, sie wieder aufs Krankenbett warfen, und als Wiesike gerufen wurde und sie gesehen hatte, nahm er Briest beiseite und sagte: »Wird nichts mehr; machen Sie sich auf ein baldiges Ende gefaßt.« Er hatte nur zu wahr gesprochen, und wenige Tage danach, es war noch nicht spät und die zehnte Stunde noch nicht heran, da kam Roswitha nach unten und sagte zu Frau von Briest: »Gnädigste Frau, mit der gnädigen Frau oben ist es schlimm; sie spricht immer so still vor sich hin, und mitunter ist es, als ob sie bete, sie will es aber nicht wahrhaben, und ich weiß nicht, mir ist, als ob es jede Stunde vorbei sein könnte.« Aber die wahre Effi, diese Elisabeth von Plotho, die einen Rittmeister namens Armand Léon von Ardenne heiratet, wird nicht jung sterben. Sie wird beinahe neunundneunzig Jahre alt werden.

Heute vor 130 Jahren haben sich der Rittmeister Armand Léon von Ardenne und der Amtsrichter Emil Hartwich (Bild) auf der Berliner Hasenheide duelliert. Da, wo Grabkreuze zu billigsten Preisen offeriert werden und wo an einer Schweizer Schießhalle steht Schieße gut und schieße schnell, Schieß und triff wie Wilhelm Tell. Das ist nicht einer meiner bösartigen Scherze, das steht in einem anderen Roman des Mannes, der die Geschichte von Elisabeth von Plotho, Emil Hartwich und Armand Léon von Ardenne in einen Roman hineingeschrieben hat, der Effi Briest heißt. Briest mit e. Der Amtsrichter, Leutnant der Reserve, Sportpädagoge und Amateurmaler Emil Hartwich wird wenige Tage später sterben, der Herr von Ardenne wandert für achtzehn Tage ins Gefängnis und wird danach vom Kaiser zum Major befördert.

In Hochhuths Monolog ist Emil Hartwich ein ganz anderer als der Major von Crampas, den wir aus dem Roman kennen und der heute bei Facebook ist (Effi auch): Hätte nicht die Wahrheit den Roman überzeugender gemacht: Daß eben nicht ein erfundener Major und Adliger mein Geliebter war, sondern ein Rebell, der zwar sein Geld als Amtsrichter verdienen mußte, aber doch ein kantiger Einzelgänger war, und ein Künstler.

Lieber als die Fragen von Benni sind mir im Internet kreative junge Leute wie Raisa Goldflowing, die ein Gedicht zu dem Leben von Effi Briest verfasst hat:

Effi von Briest,
Tochter der Luft.
Jugendlich, wild,
Midshipmans Kluft.

Plötzlich ganz anders,
Neue Zukunft in Sicht.
Verlobung, Hochzeit,
Nach Kessin bald Pflicht.

Verwirrend und neu,
Ja gruselig gar.
Neues Sein in Kessin
Ist wohl nun wahr.

Schrecklicher Spuk,
Nicht nur im Kopf.
Ostländisch, Chinese,
Mit schwarzem Schopf.

Dazu Langeweile,
Einsam wohl auch.
Instetten nie da,
Kaum mehr ein Hauch.

Crampas so heißt er,
Der Major selbst.
Zu dem du, ja Effi,
Dich dazugesellst.

Doch was verboten,
Das währt nicht ewig.
Die stetige Angst,
Keinesfalls selig.

Sechs Jahre lang,
Scheinbares Glück.
Bis mit einem Schlag,
Vergangenheit ist zurück.

Alles alte wieder,
Ganz neu aufgewühlt.
Jegliches Glück,
Wie fortgespült.

Nun, anderes Leben,
Wie einsam wohl,
Effi innerlich,
Fast schon hohl.

Immer schlechter,
Von Zeit zu Zeit,
Arme Effi Briest,
Voll Traurigkeit.

Ein Ende findet's,
Alles mit eins,
Zuhaus bei Eltern,
Ende so scheints.

Letztendlich ist's,
Ganz wie die Welt,
Wie Briest so sagt,
Ein zu weites Feld.


Die Geschichte unserer Effi, die an einen Mann verheiratet wird, der einmal um die Hand der Mutter angehalten hat, findet sich in diesem Blog schon in den Posts Internetsucht und Ehebruch.