Dienstag, 28. März 2017

Doktorspiele


Ich weiß nicht, ob sie diese junge Dame erkennen. Den Herrn zu ihren Füßen erkennen wir sofort, das ist Dirk Bogarde, der heute Geburtstag hat. Er spielt einen jungen Arzt namens Simon Sparrow in einem englischen Doktorfilm, der in der deutschen Version Aber, Herr Doktor… heißt. Die junge Dame spielt eine kleine ➱Schlampe mit großer Oberweite, sie wird noch weltberühmt werden. Sie ist in diesem Jahr übrigens achtzig geworden. ➱Doctor in the House war der erfolgreichste britische Film des Jahres 1954. Das Rank Studio wird noch sechs Fortsetzungen drehen. In der deutschen Version heißt der Doktor nicht Simon Sparrow, sondern Simon Sperling, das ist wirklich ein wenig albern.

Hier ist die junge Dame noch einmal, sie wird gerade mit goldener Farbe angemalt. Das hat jetzt nichts mit Kunst zu tun, Yves Klein (der ➱hier einen längeren Post hat) malte nackte Frauen mit blauer Farbe an, das ist dann Kunst. Dies hier sind die Dreharbeiten zu dem James Bond Film ➱Goldfinger, das ist nicht unbedingt Kunst.

Lass uns nach Bremen fahren, sagte mein Freund ➱Uwe vor vielen Jahren. In der PH soll ein Typ auftreten, der schlachtet ein Schwein über nackten Studentinnen. Das soll Kunst sein. Als wir mit ➱Bus und Straßenbahn in Walle ankamen, war da schon die Polizei, die Sache mit dem Schwein und der nackten Studentin fand nicht statt. Wir merken uns mal: Wenn man eine Frau goldfarben anmalt und sie dann auf einem Bett drapiert, dann ist das Kommerz. Und die Frau (➱Shirley Eaton) wird weltberühmt. Wenn man Frauen mit blauer Farbe anmalt (hier der Künstler Yves Klein bei der Arbeit) und sie sich dann auf Papier wälzen lässt, dann ist das Kunst. Wenn man Schweineblut über nackte Frauen träufelt, dann bringt einen das ins Gefängnis.

Shirley Eaton war ein Bond Girl. Und denen wird in den Filmen ja alles Mögliche angetan. Ich zitiere da mal eben das schöne Gedicht Bond Girls von ➱Fiona Pitt-Kethley. Das findet sich auch in dem Post ➱Britt (was natürlich ein Post zu ➱Britt Ekland ist):

Back in my extra days, someone once swore
she'd seen me in the latest James Bond film.

I tried to tell her that they only hired
the real glamorous leggy types for that.
(My usual casting was 'a passer-by'.)

I've passed the lot in Pinewood Studios.
It's factory-like, grey aluminium, vast
and always closed. Presumably that's where
they smash up all the speedboats, cars and bikes
we jealous viewers never could afford.

I quite enjoyed the books. Ian Fleming wrote well.
I could identify a touch with Bond,
liking to have adventure in my life.
The girls were something else. All that they earned
for being perfect samples of their kind -
Black, Asian, White - blonde, redhead or brunette,
groomed, beauty-parlourised, pleasing in bed,
mixing Martinis that were shaken not stirred
using pearl varnish on their nails not red -
was death. A night (or 2) with 007,
then they were gilded till they could not breathe,
chucked to the sharks, shot, tortured, carried off
or found, floating face downward in a pool.

Aber zurück zu unseren Doktorfilmen. Sie waren harmlose Verfilmungen der Romane des englischen Arztes Richard Gordon, die meisten ab sechzehn Jahren geeignet: In seiner biederen Anspruchslosigkeit und seinen einzelnen guten Szenen ein typischer Nachfahre von ‚Aber, Herr Doktor!‘ Ab 16 Jahren wohl möglich, wenn auch nicht nötig, schrieb der Evangelische Filmbeobachter zu dem Film Doktor Ahoi! Hier können wir Dirk Bogarde mit der sehr züchtigen ➱Brigitte Bardot sehen. Ab sechzehn.

Shirley Eaton tauchte auch in anderen Filmen dieser Reihe wieder auf, so wie hier in Hilfe, der Doktor kommt! (Doctor at Large). Wirklich glücklich war Dirk Bogarde mit den Doktorfilmen nicht unbedingt, aber sie machten ihn berühmt und brachten sehr viel Geld ein. Das reichte dann für einen Rolls Royce und ein kleines Schloss. Die Filmmusik zu vier der Doctor Filme wurde übrigens von Robert Bruce Montgomery geschrieben. Den kennen wir besser als den Krimiautor ➱Edmund Crispin.

Künstlerisch wichtiger war für Bogarde seine Rolle als Kleinkrimineller in ➱The Blue Lamp gewesen, ein Film, der schon in dem Post ➱Englische Krimiserien erwähnt wird. Wir können diesem Filmbild auch entnehmen, dass die kleinformatigen rechteckigen ➱Armbanduhren ihren Weg von Amerika nach England gefunden haben. Das Bild findet sich auch (ebenso wie ein Photo von seinem Landsitz) in dem Post ➱Dirk Bogarde, den es seit dem 28. März 2012 hier für Sir Derek van den Bogaerde gibt.

Der Erfolg der Doctor Filme (hier die Herren ➱James Robertson Justice, Kenneth Moore und Dirk Bogarde) hatte natürlich etwas damit zu tun, dass das Fernsehen noch nicht so recht verbreitet war. Und es nicht diese tausend Arztserien gab, mit denen wir heute überschwemmt werden (außer Scrubs gucke ich die nie). Die Produzentin und der Regisseur von Doctor in the House hatten große Schwierigkeiten, die Bosse von Rank zu überreden, dass sie diesen Film machen durften. Das Studio glaubte fest daran, dass sich niemand in England einen Arztfilm ansehen würde.

Auch in Deutschland gab es in den fünfziger Jahren Arztfilme, in denen Schauspieler wie ➱Dieter Borsche immer einen vorbildlich gestärkten Eppendorf Kittel trugen. Das deutsche Genre beginnt mit Sauerbruch - das war mein Leben, ist aber meistens humorlos. Vor allem, wenn Maria Schell eine Krankenschwester oder eine Kranke spielt. Die einzige Ausnahme war der unnachahmliche ➱Curt Götz mit dem Film Frauenarzt Dr. Prätorius (gucken Sie sich auf keinen Fall die Heinz Rühmann Version an). Ich glaube, die deutschen Arztfilme waren auch alle ab sechzehn, aber sie hatten nie diese netten Beigaben wie Shirley Eaton und Brigitte Bardot.

Die Bardot ist damals noch nicht das Sexsymbol, aber sie arbeitet schon daran. Michael Thornton hat uns in der ➱Daily Mail eine Beschreibung der Dreharbeiten für die Duschszene von ➱Doctor at Sea geliefert: The first time I glimpsed Brigitte Bardot in the flesh – and those words are apt, as it turned out – I was still at school. I had been invited by an actor friend to visit Pinewood Studios, where Dirk Bogarde was filming the comedy 'Doctor At Sea'. For several minutes I was allowed to stand at the back of the set watching rehearsals for a shower scene.

A young girl of devastating physical attraction, with provocatively pouting lips and large, inviting and smouldering brown eyes, emerged into view, clutching a bath towel which failed to conceal the fact she was naked underneath. You could have heard a pin drop on that set. The attention of every man there was riveted on that sinuous figure, who raised and lowered the towel mischievously while a stills photographer attempted to get shots that could be decently published.


As she romped with gazelle-like grace across the set, revealing more and more of her amazing body, it became apparent that she had strips of flesh-coloured sticking plaster concealing her nipples and her pubic hair. In a gesture that would have seemed brazen but for her uninhibited merriment, she dropped the towel, ripped off the sticking plasters, and stood before us all as nature had made her, throwing her head back with explosive laughter, a free spirit, utterly defying convention. As the film studio erupted with male wolf-whistles, a publicity man frogmarched me off the set at the speed of light, insisting: ‘That was simply... um... improvisation. It will not be appearing in the film.’ Hier probiert Brigitte im gleichen Jahr an der Riviera aus, wieviel Nackheit Europa verträgt.

Brigitte Bardot bekam 750 Pfund für die Rolle der Nachtclubsängerin Hélène Colbert, die eigentlich ➱Kay Kendall hätte bekommen sollen, Dirk Bogarde bekam zehntausend. Zehntausend Pfund waren damals sehr viel Geld. Kay Kendall hatte man schon mit Kenneth Moore und Dirk Bogarde in dem Film Doctor in the House in zwei kleinen Auftritten gesehen (und wir werfen mal eben einen Blick auf die Kleidung der Herren, die sie dekorativ umrahmen).

Kay Kendall wirkte immer damenhaft, obgleich sie auch eine hervorragende Komödiantin war. Für Frauen mit Stil wie Kay Kendall ist das Wort lingerie erfunden worden. Ladies tragen keine Unterwäsche, die tragen lingerie. Aber eine Duschszene mit Kay Kendall? Forget it. Mehr als dies Photo aus dem Jahre 1957 gab es nicht. Sieht ein wenig nach den Pin-ups des Zweiten Weltkriegs aus. Braucht man mehr? Steht Rita Hayworth etwa unter der Dusche? Sie ist in ➱Gilda nie nackt, aber sie ist erotischer als all die Frauen, die sich unbedingt ausziehen müssen. Wenn Ingrid Steeger das macht, dann ist das ein running gag in ➱Klimbim, mehr nicht. Die Filmkunst fängt woanders an.

Dirk Bogarde fand die 21-jährige Pariserin sehr sympathisch, schrieb aber später, dass sie als Schauspielerin keine Chancen auf dem englischen Markt haben würde: Even without her French accent, Brigitte would be too much for British studios to handle. You see, Brigitte takes the trouble to put across sex as an art. For most of our girls it's a farce. Das ist eine andere Form des Satzes: No sex please, we are British.

Es wird etwas länger dauern, bis die Engländer auf den Sex kommen, von den Bond Girls in den den ➱James Bond Filmen einmal abgesehen. Doch wenn sie dahinterkommen, dann ist es gleich ein Skandal, der die Regierung zittern lässt. Und das hat mit dieser jungen Dame zu tun, die hier schamhaft verhüllt neben einem Arne Jacobsen Stuhl sitzt. Und die natürlich ➱hier schon einen Post hat, in dem sich auch das berühmtere Photo der nackten Christine Keeler auf dem Arne Jacobsen Stuhl findet.

Aus der unschuldigen Erotik der jungen Bardot wird schnell etwas anderes, wie wir hier sehen können, nämlich die Vermarktung von Sex und Erotik. Und die kommt nicht aus England, sondern aus Frankreich. Das Pornogenre nimmt sich der Ärzte und Krankenschwestern an. Da versichert uns Wikipedia: 'Der Frauenarzt vom Place Pigalle' ist ein Klassiker der Pornofilmgeschichte aus dem Jahr 1981. Na, denn. Der Produzent war die deutsche Ribu Filmproduktion, es war der erste Film, der nach der Freigabe der Pornografie aus Deutschland auf den internationalen Erotikmarkt kam. Das ist sicher auch eine Leistung. Ich weiß nicht, ob man so etwas wirklich brauchte. Die Darsteller kamen übrigens alle aus Frankreich. Bis auf Uschi Karnat aus Castrop-Rauxel (die ➱hier schon zu sehen ist), aber die lebte damals schon in Paris.

Die englischen Doktorfilme mit Dirk Bogarde braucht man (im Gegensatz zu Ribu und Beate Uhse Produktionen) natürlich unbedingt, ich habe die sieben CDs alle in einer Kassette. Kostet bei Amazon knapp 20 €. Die Filme sind auch eine Fundgrube für die Mode der fünfziger Jahre. Der Frauenarzt vom Place Pigalle kostet bei ebay 9,99 €. Ist aber keine Fundgrube für die Mode, weil die Darsteller selten bekleidet sind. Wenn sie das Krankenhaus einmal ganz anders erleben wollen, dann kaufen Sie sich den Klassiker ➱The Singing Detective. Kostet als UK Import bei Amazon 9,98€. Hat nichts mit Porno zu tun, ist aber großes Kino. Und ein Schnuckelchen in Weiß gibt es mit ➱Joanne Whalley in der Serie The Singing Detective auch. Sie spielt übrigens auch das Sexsymbol Christine Keeler in dem Film Scandal.


Noch mehr zum Thema der Inszenierung von Frauen im Film in den Posts: Veronica Lake, Nymphos, Dorothy Malone, Gilda, Operation Mincemeat, Exotik. Jacques Tourneur. Und noch mehr Dirk Bogarde in diesem Blog: Dirk Bogarde, Robert Morley, Monica Vitti, Charlotte Rampling, Et Dieu ... créa le femme, Militärisches Schuhwerk, Fassbinder, Dinu Lipatti, Bergen-Belsen, The Look, Lord John Russell, Cathy Gale, Michael Caine, Inspector Lewis, Englische Herrenschuhe (London)

Sonntag, 26. März 2017

O du schöne Sommerzeit


Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben,
sich ausgeschmücket haben.


Für Paul Gerhardt bedeutete das Wort Sommerzeit etwas anderes als für uns am heutigen Tag. Denn da ist sie wieder, die vermaledeite Sommerzeit. Wollen wir es die Woche des Unsinns nennen? Erst die Maut, und nun die Sommerzeit. Mein Computer weiß es schon, meine Funkuhren auch: die Weltzeit, die den schönen Namen UTC hat, muss mal wieder korrigiert werden. Auf die MESZ, die sich von der MEZ um eine Stunde unterscheidet. Alles klar?

Als Karl V, der einmal gesagt haben soll In meinem Reich geht die Sonne niemals unter, ins Kloster ging, nahm er seine Uhrensammlung und den Uhrmacher Juanelo Turriano mit. Er träumte davon, zwei Uhren zu besitzen, die völlig synchron gingen. Als der berühmte italienische Uhrmacher das nicht hinkriegte, soll der Kaiser gerufen haben: O ich Thor, und ich wollte die Gemüther von Millionen über die verwickeltesten und geheimnißreichsten Gegenstände gleich stimmen! Wir anderen, die wir heute Morgen unsere Uhren in den Gleichklang mit der MESZ bringen, fragen uns: warum hat der Bundestag das 1978 beschlossen?

Das stand hier schon mal, das ahnen Sie schon. Sie könnten auch noch die Posts ➱Zeitmessung, ➱Sommerzeit, ➱Sommerzeit, ➱Observatorium und ➱Astronomie lesen. In dem Post ➱Sommerzeit steht die Geschichte drin, wie meine Uni mal eine sauteure Patek Philippe Anlage weggeschenkt hat. Die steuerte plötzlich die Uhren auf dem Campus nicht mehr richtig. Man hätte sie für ein paar Euro reparieren können. Aber nein, weg damit. Wie mit der Zeit, eine Stunde weg. Nicht wieder einzuholen, temps perdu. Wir reden heute häufig davon, dass wir die Zeit totschlagen. Aber das ist eine gefährliche Sache, wie Erich Frieds Gedicht Totschlagen zeigt.

Erst die Zeit
dann eine Fliege
vielleicht eine Maus
dann möglichst viele
Menschen
dann wieder die Zeit

Am 29. Oktober 2017 bekommen wir unsere normale Zeit wieder zurück. Die heißt dann aber nicht normale Zeit, sondern Winterzeit. Vielleicht trauern wir dann der Sommerzeit nach:

Jetzt kommt die Nacht, es flieht das Glück, 
Die Sonne flieht so weit: 
Sie kommt so froh wohl nie zurück, 
Die schöne Sommerzeit 

Samstag, 25. März 2017

Wunderteam


Nein, es geht heute nicht um unsere deutsche Nationalmannschaft. Obgleich es schön war, dass Podolski in seinem letzten Spiel ein so wunderbares ➱Tor gelang. Aber die Jungs von ➱Jogi Löw sind natürlich kein Wunderteam. Die Herren auf diesem Bild hier schon, das ist die österreichische Nationalmannschaft der dreißiger Jahre, die man das ➱Wunderteam nannte.

Eine Fußballmannschaft, die es nicht nur auf die Leinwand, sondern auch in das Opernhaus geschafft hatte. Heute vor achtzig Jahren wurde im Theater an der Wien der musikalische Fußballschwank, die Operette Roxy und ihr Wunderteam, von Paul Abraham aufgeführt. Die gesamte österreichische Nationalmannschaft saß im Zuschauerraum, obgleich es in der Operette keine österreichischen sondern ungarische Kicker sind. Aber man wusste, wer gemeint war. Anmerkung für den Regisseur: Die ungarische Fußballmannschaft kann natürlich leicht in jede andere, eines anderen Landes, umgewandelt werden! stand im Textbuch der Operette. Und da wir gerade dabei sind: in der ersten Version der Operette ging es gar nicht um eine Fußballmannschaft, sondern um eine Wasserballmannschaft.

Die Vaudeville Operette wurde in Wien und Budapest ein Riesenerfolg. Man kennt Paul Abraham mit Operetten wie ➱Viktoria und ihr Husar (gab es natürlich auch als ➱Film), Die Blume von Hawaii oder Ball im Savoy, aber die Operette mit den Fußballspielern ist leider in Vergessenheit geraten. Zumal auch die Originalpartitur verloren war. Doch man hat alles liebevoll rekonstruiert und 2014 in Dortmund wieder aufgeführt. Der WDR schrieb über die Aufführung: Die Dortmunder Aufführung hat genau das Maß an hinreißender Beklopptheit, das dieses Stück braucht… Die vielen Schauplätze wechseln elegant im prachtvollen Bühnenbild… Fast drei Stunden dauert die Aufführung, sie vergeht wie ein Rausch. Ohne Kater danach. Wenn Borussia in der Bundesliga auch wieder so spielen würde, wäre Dortmund glücklich. Vielleicht muss die Mannschaft auch mal ins Erotik-Trainingslager an den Plattensee. Da sollte Thomas Tuchel mal drüber nachdenken.

Wenn die Nazis kommen, ist alles vorbei mit der Wunderelf. Die jüdischen Fußballvereine werden aufgelöst, Matthias Sindelar, den man auch den Mozart des Fußballs nannte, hört auf zu spielen. Der österreichische Trainer des Wunderteams Hugo Meisl, der den österreichischen Fußbal groß gemacht hatte, stirbt 1937. Das Bild oben im ersten Absatz von Paul Meissner ist reine Nostalgie, es wurde erst 1948 gemalt. Sechzehn Jahre nach dem Spiel im Stamford Bridge Stadion gegen die Engländer. Da lagen die Österreicher in der Pause mit 0:2 zurück, und da hat Meisl (immer korrekt gekleidet mit Anzug, Hut und Spazierstock) seine Spieler mit den Worten Spüts euer Spüü! zurück auf den Rasen geschickt. Die Engländer gewannen das Freundschaftsspiel mit 4:3, und die Times feierte den österreichischen Star Matthias Sindelar als einen der besten Spieler der Welt.

Er war ein Kind aus Favoriten
und hieß Mathias Sindelar.
Er stand auf grünem Plan inmitten,
weil er ein Mittelstürmer war.
 Un dich Er spielte Fußball, und er wußte
vom Leben außerdem nicht viel.
Er lebte, weil er leben mußte,
vom Fußballspiel fürs Fußballspiel.

Er spielte Fußball wie kein zweiter,
er stak voll Witz und Phantasie.
Er spielte lässig, leicht und heiter.
Er spielte stets. Er kämpfte nie.

Das dichtete Friedrich Torberg nach dem frühen Tod von Matthias Sindelar. Wenn Sie das ganze Gedicht lesen wollen (und das wollen Sie natürlich), dann klicken Sie doch den Post ➱Neo Rauch an. Und wenn Sie einmal in die Dortmunder Aufführung von Roxy und ihr Wunderteam hineinschauen wollen (und das wollen Sie unbedingt), dann klicken Sie ➱hier. Es gibt heute sowieso keine Bundesliga, da können wir uns ebensogut die blonde Roxy im ➱Westfalenstadion anschauen.

P.S. Wenn Sie den Kommentar unten anklicken, dann können Sie lesen, dass Roxy und ihr Wunderteam in Augsburg im Programm für 2017/2018 steht. ➱Klaus Waller, der mir schrieb, ist nicht irgendjemand, er hat eine gefeierte Biographie über den Komponisten Paul Abraham geschrieben. Und ich bin glücklich, dass in meinem Blog noch keine gehässigen Bemerkungen über seinen Bruder stehen.

Noch mehr Fußball in diesem Blog: ➱Fußballmannschaft, ➱Hannover 96, ➱Goalies, ➱Uns Uwe, Uwe Seeler, ➱Fußballpoesie, ➱WM, ➱Bert Trautmann, ➱Bert Trautmann ✝, ➱Belfast Boy, ➱Wundliegen, ➱Schickssalspiel, ➱Farbsymbolik, ➱Stil, ➱1954, ➱Albert Camus, ➱Neo Rauch, ➱Gauland (kariert), ➱Erwin Kostedde, ➱HSV, ➱EM, ➱Endspiel, ➱Island, ➱Arkadien


Mittwoch, 22. März 2017

Rosa Bonheur


Sie malt Tiere, diese Rosa Bonheur, die am 16. März 1822 geboren wurde (ich habe das am 16. mit dem 195. Geburtstag leider verpasst, weil ich noch mit der ➱Berliner Mode beschäftigt war). Sie ist die berühmteste Tiermalerin ihrer Zeit, wenn nicht die berühmteste Tiermalerin überhaupt: la plus grand peintre animalière du monde. Gut, da ist natürlich noch der Engländer George Stubbs (der schon mit ➱George Stubbs und ➱Bildbeschreibung zwei Posts hat), aber der verstand sich eigentlich nicht als animalier. Rosa Bonheur ist in diesem Blog schon einige Male erwähnt worden, in dem Post ➱Sir Henry von Schroder findet sich ihr Bild ➱Weidewechsel, das in der Hamburger Kunsthalle hängt. Dieses Portrait von ihr hat ihr Kollege Édouard Dubufe gemalt. Wenn sie den Arm um einen Bullen legt, dann hat das schon seine Bedeutung: In Wirklichkeit interessiere ich mich, was männliche Wesen anbelangt, nur für die Stiere, die ich male.

Dies ist ein Altersportrait der Malerin, gemalt ein Jahr vor ihrem Tode von einer amerikanischen Malerin, die dreiunddreißig Jahre jünger ist als die französische Tiermalerin. Sie heißt Anna Elizabeth Klumpke, seit ihrer Kindheit schwärmt sie für Rosa Bonheur. Als sie selbst Malerin geworden war, will sie unbedingt ihr Vorbild malen (sie hat auch die Frauenrechtlerin Elizabeth Cady Stanton gemalt). Anna Klumpke wird Rosa Bonheur 1889 unter dem Vorwand kennenlernen, dass sie die Übersetzerin für einen amerikanischen Pferdehändler sei. Wenig später wohnt sie mit Bonheur auf deren Schloss. Auf diesem Bild hier trägt Rosa Bonheur den Orden der Ehrenlegion.

Auf diesem Photo auch. Die Kaiserin Eugénie war 1865 persönlich zu dem kleinen Schloss von Rosa Bonheur gekommen und hatte sie persönlich zum Chevalier de la Légion d'Honneur ernannt: Vous voilà chevalier, je suis heureuse d'être la marraine de la première femme artiste qui reçoive cette haute distinction. Jahrzehnte später wurde ihr der nächsthörere Rang eines Officier de la Légion d’Honneur verliehen, sie war die erste Frau, der diese Ehre zuteil wurde. Später gab es noch andere: Marlene Dietrich, Mireille Matthieu, Barbra Streisand. Und Beate Klarsfeld.

So ganz gefallen hat der Kaiserin der Besuch im Chateau de By im Wald von Fontainebleau nicht unbedingt. Und das hat mit dem Satz In Wirklichkeit interessiere ich mich, was männliche Wesen anbelangt, nur für die Stiere, die ich male. Rosa Bonheur lebt da nämlich mit ihrer Freundin Nathalie Micas zusammen. Als die Kaiserin unverhofft kommt, liegt Nathalie in der Badewanne, und Rosa muss die Tür zum Bad mit dem Fuß sehr unzeremoniell zukicken, um Eugénie zu empfangen. Seit Rosa vierzehn ist, wird die zwei Jahre jüngere Nathalie nicht von ihrer Seite weichen (die Familie Micas hatte nach dem Tod von Rosas Vater seine Schulden bezahlt und die junge Rosa bei sich aufgenommen). Seit sie vierzehn ist, ist Rosa Bonheur auch im Louvre, um Bilder zu kopieren. Besonders Bilder des holländischen Tiermalers ➱Paulus Potter. Sie hat das Ziel, als Malerin eine zweite Élisabeth Vigée-Lebrun zu werden. Das läßt ihre Biographin Anna Elizabeth Klumpke sie in ihrer ➱Biographie sagen, die, in der ersten Person Singular geschrieben, häufig für eine Autobiographie gehalten wurde.

Das Wachpersonal des Louvre nennt sie le petit hussard, den kleinen Husaren. Weil sie Männerkleidung trägt. Das ist natürlich praktisch, wenn man sich mit einem Löwen im Sand wälzt (Rosa Bonheur hält sich mehrere Löwen in ihrem Privatzoo), wenn sie sich für Anatomiestudien und Tierskizzen in den Pariser Schlachthöfen und auf dem Pferdemarkt aufhält. Aber so ganz comme il faut ist das nicht. Denn da gibt es das Gesetz vom 26. Brumaire des Jahres 1801: Jedwede Frau, die sich wie ein Mann zu kleiden wünscht, ist gehalten, sich bei der Polizeipräfektur zu melden und eine Bewilligung zu beantragen, die nur aufgrund eines Zertifikats eines Beamten der Gesundheitsdienste ausgestellt werden kann.

Alle sechs Monate muss sie sich bei der Präfektur eine neue Erlaubnis erteilen lassen, um sich als Mann zu verkleiden, um dergestalt bei Schauspielen, Bällen und in anderen öffentlichen Örtlichkeiten mit Publikum aufzutreten. Auch die berühmte Schriftstellerin George Sand musste derartige Anträge stellen, damit sie in Hosen herumlaufen konnte. Sie können hier eine solche Permission de Travestissement sehen. Das Hosengesetz aus der französischen Revolution ist erst vor einigen Jahren von der französischen Frauenrechtsministerin Najat Vallaud-Belkacem für ungültig erklärt worden, aber da wusste eigentlich niemand mehr, dass es dieses Gesetz immer noch gab.

Das hier sind nicht Rosa Bonheur und Nathalie Micas, das sind Charlotte Butler und Sarah Ponsonby, die ihre adlige Verwandtschaft in Irland verlassen haben und in Llangollen in Wales ein halbes Jahrhundert zusammen leben. Beinahe jeder wird die Ladies of Llangollen besuchen, der Herzog von ➱Wellington ebenso wie ➱William Wordsworth, ➱Walter Scott und ➱Lord Byron. Elizabeth Mavor hat über die Damen ein schönes Buch geschrieben, das auch auf deutsch erschienen ist (Die Ladies von Llangollen: Eine Studie über romantische Freundschaft). Simone de Beauvoir hat über die Ladies gesagt: Die Vereinigung der Sarah Ponsonby mit ihrer Geliebten dauerte ungetrübt an die 50 Jahre lang. Sie haben es anscheinend verstanden, sich am Rand der Welt ein friedliches Eden zu schaffen.

Vielleicht haben Bonheur und Micas mit ihrer amitié sentimentale auch ein friedliches Eden gehabt. Dieses Bild (2,50 mal 5 Meter), das Nathalie Micas begonnen hatte, und das Rosa Bonheur vollendete, wird soviel einbringen, dass Rosa das Chateau de By kaufen kann. Nathalie Micas, die selbst eine Malerin (sie malt gerne Katzen) und eine Amateurtierärztin ist, bringt ihre Mutter mit. Die wird sich um die Löwen kümmern. Es ist eine seltsame Menage. Die Königin Victoria wird von dem Bild begeistert sein, wenn sie es sich nach Windsor Castle kommen läßt. Das tut sie häufiger, auch wenn die Maler den Transport bezahlen müssen, sind dankbar für die Werbung.

Die Königin läßt sich viele Bilder nach Windsor kommen. Für den ➱Monarch of the Glen von Sir Edwin Landseer wird sie allerdings mit der Eisenbahn nach Schottland fahren. Rosa Bonheur wird Landseer in seinem Studio besuchen (die Königin steht auch auf ihrer Besuchsliste), und bis zu ihrem Tod wird er für sie der größte Künstler sein. Gegen seinen Monarch of the Glen (der jahrzehntelang die Etiketten von Dewar’s und Glenfiddich Whiskyflaschen zierte) sehen die Hirsche von Bonheur etwas mickrig aus. Für das Etikett einer Whiskyflasche wären sie ungeeignet. Man kann das auch positiv formulieren: es fehlt ihnen das Pathos und die Sentimentalität von Landseer.

Sie hat in Frankreich zwar Erfolg bei Ausstellungen und Wettbewerben (Delacroix erwähnt sie lobend in seinen Tagebüchern), aber verkaufen tut sie in ihrem Heimatland so gut wie nichts. Das ist in England und Amerika ganz anders, da zahlt man selbst für ihre Skizzen Wahnsinnspreise. Der Kunsthändler Ernest Gambart, der sie (zusammen mit dem Bild vom Pferdemarkt) nach England eingeladen hatte, wird dafür sorgen, dass der englische Markt mit Bildern (und Radierungen nach den Bildern) gefüttert wird. ➱Thomas Herbst hätte an dieser Kuh, die Rosa mit achtzehn Jahren malt, sicher seine Freude gehabt.

Sie kann auch Landschaften malen, das hier sieht doch beinahe aus wie ein Cezanne. Die Grundzüge der Landschaftsmalerei hat ihr der Vater beigebracht, der selbst Landschaftsmaler war. Er war ein fanatischer Anhänger der utopischen Lehren des Grafen Henri de Saint-Simon, was seiner Tochter eine halbwegs gute Bildung verschaffte, aber seine Familie zerbrechen ließ. Weil er jahrelang nicht zu Hause war und stattdessen in einer Kommune (einer Art von Brook Farm Experiment) lebte. Die Lehren von Saint-Simon gaben den Töchtern in der Famile die selben Freiheiten wie den Söhnen, ohne diesen Hintergrund wäre Rosa nicht diejenige geworden, die sie war. Hätte wahrscheinlich keine Hosen getragen. Aus dem Mädchenpensionat flog sie mit dreizehn Jahren raus, sie galt als schwer erziehbar. So fangen Filme von Truffaut an, wie zum Beispiel ➱Une belle fille comme moi. Irgendwie scheint das französische Erziehungssystem Schwächen zu haben.

In ihrem letzten Lebensjahr freundete sie sich mit der amerikanischen Malerin Anna Elizabeth Klumpke an, die sie mehrfach porträtierte, steht im Wikipedia Artikel zu Rosa Bonheur. Das ist ein Satz, der komplett falsch ist. Die beiden haben sich 1889 kennengelernt (aus dem Jahr stammt auch das Portrait von Rosa) und haben dann im Chateau de By zusammengelebt. Nach dem Tod ihrer Gefährtin Nathalie Micas war Rosa in eine Lebens- und Sinnkrise gekommen. Da besucht sie ständig den Westernzirkus von ➱Buffalo Bill, der sich gerade in Paris aufhält. Und malt den Colonel William F. Cody. Es ist ein seltsames Bild, Reiter und Landschaft passen nicht zusammen. Das ist solch ein Verfremdungseffekt wie bei den Westernfilmen, die in Jugoslawien gedreht wurden. Wir wollen Buffalo Bill in seinem natürlichen Habitat sehen, nicht im Wald von Fontainebleau.

William F. Cody war für Rosa Bonheur ein Symbol, sie bewunderte Amerika. Für sie war es eine wahrgewordene Utopie der Ideale von Saint-Simon: And I admire American ideas about educating women. Over there you don't have the silly notion that marriage is the one and only fate for girls. I am absolutely scandalized by the way women are hobbled in Europe. It's only because of my God-given talent that I could break free.

Als Anna Klumpke sie fragte, ob sie sie malen dürfte, stimmte sie sofort zu. Weil Klumpke (die deutsche Eltern hatte) eine Amerikanerin war. Die Sache mit dem Zusammenleben kam später. Rosa Bonheur hat ihre letzte Gefährtin Anna Elizabeth Klumpke zum Entsetzen der Familie Bonheur zur Alleinerbin gemacht. Das kleine Schloß ist heute ein Museum, dafür hat Anna Klumpke gesorgt.

Rosa Bonheur (hier ein Altersportrait von Anna Klumpke) ist nie zur Messe gegangen, hat nie gebeichtet, im Herzen ist sie immer noch eine Anhängerin von Saint-Simon, aber als Nathalie Micas starb und auf dem Père Lachaise beigesetzt wurde, trat Rosa Bonheur zum Katholizismus über. Nicht dass sie plötzlich an Gott glaubte, aber auf dem Père Lachaise wird man nun mal nur beerdigt, wenn man gut katholisch ist. Und so werden die beiden Gefährtinnen eines Tages nebeneinander liegen. Anna Klumpke, die mit 86 Jahren in San Francisco stirbt, später auch.

Ich weiß nicht, was für ein Tier dies ist, aber es gefällt mir. Manchmal hat man Schwierigkeiten, gemalte Tiere zu identifizieren. Mir fällt dazu immer George Caleb Binghams Bild ➱Fur Traders Descending the Missouri (das sich im Post ➱Charles Wimar findet) ein. Das Tier da vorne im Boot ist keine Katze. Dieses Tier hier findet man, wenn man Rosa Bonheurs Namen bei Googles Bildersuche eingibt. Warum? Weil ein Unternehmen namens Meet the Masters ein sauteures Programm anbietet, damit Kiddies malen lernen wie Rosa Bonheur. Und das kommt dabei raus. Hat sie das verdient?

Die Tiermalerin Rosa Bonheur (hier eine von ihr bemalte Palette) war eine erstaunliche Frau, sie hat sich nie in die Einsamkeit zurückgezogen. Sie liebte die Gesellschaft, ging aus und lud Gäste ein. Sie ging gerne ins Theater. Sie war großzügig mit dem Geld, das ihr nichts bedeutete. Sie hatte für ihre Zeit erstaunlich vernünftige Ansichten. Und sie ist ein Vorbild für viele Malweiber des 19. Jahrhunderts gewesen, in dem Punkt haben die Utopien von Saint-Simon doch etwas Positives bewirkt.

Montag, 20. März 2017

Vera Lynn


Vera Margaret Welch, die wir besser als Vera Lynn kennen, feiert heute ihren hundertsten Geburtstag. Wozu ich Dame Vera, die man einmal The Forces' Sweetheart nannte, ganz herzlich gratuliere. Die weißen Klippen von Dover werden sich heute durch eine Lichtinstallation ein wenig verändern. Und es gibt passend zu dem Jubeltag auch eine neue CD. Da ist natürlich auch There'll Be Bluebirds Over The White Cliffs of Dover drauf. Und da hören wir hier einmal hinein. Und dies hier müssen Sie auch anklicken.

I'll never forget the people I met
Braving those angry skies;
I remember well as the shadows fell,
The light of hope in their eyes.
And tho' I'm far away,
I still can hear them say 'Thumb's up!'
For when the dawn comes up:

There'll be bluebirds over the white cliffs of Dover
Tomorrow, just you wait and see.
There'll be love and laughter and peace ever after,
Tomorrow, when the world is free.

The shepherd will tend his sheep,
The valley will bloom again,
And Jimmy will go to sleep,
In his own little room again.

There'll be bluebirds over the white cliffs of Dover
Tomorrow, just you wait and see.
There'll be love and laughter and peace ever after,
Tomorrow, when the world is free.

I may not be near but I have no fear.
Hist'ry will prove it too,
When the tale is told 'twill be as of old
For truth will always win through;
But be I far or near,
That slogan still I'll hear, 'Thumbs up!'
For when the dawn comes up:

There'll be bluebirds over the white cliffs of Dover
Tomorrow, just you wait and see.
There'll be love and laughter and peace ever after,
Tomorrow, when the world is free.


Samstag, 18. März 2017

Berliner Mode


Ich weiß nicht mehr, bei welchem jüngeren deutschen Autor ich es gelesen habe, ich kriege das Zitat auch nicht mehr richtig zusammen. Aber die beiläufig mit einem gewissen Hass dahingestreuten Sätze gingen dahin, dass den Berliner Männern jegliche Eleganz fehle und die Berliner Schneider überhaupt nichts von ihrem Handwerk verstünden. Ich glaube, es stand irgendwo bei Peter Schneider, der ja zur Stadt Berlin viele literarische Liebeserklärungen abgegeben hat, die noch einmal dieses hedonistische Ambiente von vor 1989, das Leben in der ästhetisierten Sumpfblüte Westberlin, wo die Welt noch in Ordnung war hervorriefen.

Das klingt im Jahre 1852 ganz anders, wo die Menschen sich mit ihrer Biedermeier Garderobe in der Granitschale im Lustgarten (hier ein Bild von ➱Johann Erdmann Hummel) spiegeln können. Und wo man in einem Magazin lesen kann: Auch die Anzüge sind in Berlin bis auf die Besucher der öffentlichen Locale zweiter und dritter Klasse herab, weit geschmackvoller. Der Berliner kleidet sich stets mit einer gewissen Zierlichkeit. Aber wahrscheinlich stimmt die Sache mit der mangelnden Eleganz, wir brauchen ja nur in unserer eigenen Stadt einmal durch die Straßen zu gehen und die Herren der Schöpfung anschauen. Warum soll es in Berlin anders sein?

An dem Satz von ➱Lagerfeld mit der ➱Jogginghose ist sicher etwas dran. Der Engländer Nik Cohn wusste schon, weshalb er seine Geschichte der englischen Herrenmode mit ➱Today there are no gentlemen betitelte. Bernhard Roetzel hat sich am 1. Januar dieses Jahres in der ➱Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Niedergang der Kleidungskultur geäußert, so etwas Ähnliches hatte Jens Jessen schon im Jahre 2004 in der Zeit gesagt. So elegant wie die Berliner Modeschöpfer Gerd Staebe und Hans Seger, die F.C Gundlach 1957 in einer Villa in Dahlem photographierte, ist der Durchschnittsberliner sicherlich nicht. Damals nicht, heute erst recht nicht. Es fehlt die gewisse Zierlichkeit.

Wir müssen ein wenig zurückgehen in der Geschichte Berlins, wenn wir den Beginn von Berlin als Modemetropole festmachen wollen. Wobei wir die Schneiderrevolution von 1830 mal draußen vor lassen. Schneider gab es schon immer in Berlin, da können wir bis ins Mittelalter zurückgehen, als Berlin noch ein kleines Kaff ist. Und die Hugenotten, die der Große Kurfürst willkommen heißt, bringen uns nicht nur die Familie ➱Fontane, sondern auch viele Schneider und Schneiderinnen, Putzmacher- und Posamentenmacherinnen (auf dieser ➱Seite findet sich eine interessante Geschichte der Schneider in Berlin, die ja zu häufig nur Militärschneider waren). Aber wir springen jetzt einmal in die 1830er Jahre, in denen die Konfektion in Berlin entsteht.

Das hier ist Valentin Manheimer, der sich an seinem siebzigsten Geburtstag von ➱Anton von Werner hat malen lassen, er konnte es sich leisten, von dem Malerfürsten gemalt zu werden. Bei seinem Tod wird er ein Vermögen von mehr als zehn Millionen Mark hinterlassen. Manheimer war zusammen mit Herrmann Gerson der erste, der in einem Laden vorgefertigte Kleidung des sogenannten Stapelgenres verkaufte. Manheimer wird mit seinen Damenmänteln zum Berliner Mantelkönig. Diese Damenmäntel aber wurden in Berlin so perfektioniert, daß der Berliner Mantel zu einem Gütebegriff in der ganzen Welt wurde und es bis heute geblieben ist! Seither bilden die „Mantelkönige" die Spitze in der Hierarchie der Konfektion, schreibt Brunhilde Dähn in ihrem plaudernd geschriebenen Buch Berlin, Hausvogteiplatz: über 100 Jahre am Laufsteg der Mode.

Das Ende der 1830er Jahre ist die Geburtsstunde der Konfektion, die sich um den Hausvogteiplatz herum ansiedelt. Das Bild zeigt das Kaufhaus von Herrmann Gerson, das sich schnell zu Berlins führendem Kaufhaus entwickelt hat. Berlin wird zu einer Stadt der ➱Haute Couture, die sich mit Paris messen kann: Die Geschichte der Berliner Konfektion ist zugleich die Geschichte derjenigen deutschen Industrie, die sich als erste den Weltmarkt eroberte und den Ruf von deutscher Arbeit und deutschen Gewerbefleißes in die fernsten Länder trug. Das Zitat aus dem Confektionair von 1900 findet sich wiederum bei Brunhilde Dähn, deren Buch 1968 im Göttinger Musterschmidt Verlag erschienen ist. Dort war 1960 auch das Lexikon der Herrenmode von ➱Hermann von Eelking erschienen.

Gerson (hier ein Blick in seinen Vorführsalon aus der Zeit um 1890) war mit Gerson's Bazar am Werderschen Mark auf höherem Niveau als der Mantelkönig Manheimer. Hier wird sich die feine Welt treffen, russische Aristokraten und Dollarprinzessinnen. Am Ende des Jahrhunderts beschäftigt die Firma 600 Zwischenmeister und 8.000 Näherinnen. Sie können alles dazu in dem Buch Ein Feentempel der Mode oder Eine vergessene Familie, ein ausgelöschter Ort von ➱Gesa Kessemeier lesen. Und natürlich auch bei ➱Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode 1836-1939: Die Zerstörung einer Tradition, einem Buch, das in diesem Blog schon mehrfach zitiert wurde.

Ein Blick in die Confection heißt dieser Farbholzstich aus dem Jahre 1895. Für viele Frauen in Berlin war dies der einzige Blick, den sie in das Reich von Herrmann Gerson werfen konnten, die Mode trennt in der Belle Époque die sozialen Schichten säuberlich. In einem Reiseführer für Berlin wird die Glitzerwelt beschrieben als: Gerson’s Bazar ist das geschmackvollste, großartigste und bedeutendste Manufakturwaarengeschäft in Deutschland. ... Welch ein bewegtes schillerndes Leben in diesen Räumen voll Seidenglanz, zwischen diesen, mit strahlenden Teppichen behangenen Wänden, auf den mit weichen Decken belegten Treppen, unter diesem Heer von rechnenden und schreibenden Comtoiristen, von verkaufenden Commis und Ladenjungfern, von begehrlichen, verschwenderisch freigebigen oder feilschenden Käufern!

Herrmann Gerson, der selbst aus kleinen Verhältnissen kam, war jedoch nicht nur für die Reichen und Schönen da. Er beliefert auch breite Bevölkerungsschichten mit konfektionierter Kleidung. Und er sorgt sich - ein patriachalisches Vorbild - um seine Angestellten, lange vor der Bismarckschen Sozialgesetzgebung sind seine Angestellten krankenversichert und bekommen im Krankheitsfall  eine Lohnfortzahlung für die Dauer von zwei Monaten. Gerson stirbt 1861, als er gerade den Krönungsmantel für ➱Wilhelm I. vollendet hat. Seine Kinder werden sein Erbe fortführen, bis das Kaufhaus 1936 arisisert wird.

Die soziale Verpflichtung gegenüber den Angestellten finden wir bei vielen jüdischen Unternehmern, so zum Beispiel auch bei Julius Bamberger, dem das größte Kaufhaus von Bremen gehört. Bambüdel nennen es die Bremer liebevoll. Ich habe das schon am Rande erwähnt, als ich über den Kriegsverbrecher ➱Walter Többens aus meinem Heimatort geschrieben habe. Und natürlich gibt es diese vorbildliche Haltung bei Wilfrid Israel, dem Erben des Kaufhauses Nathan Israel, einem der größten Kaufhäuser Europas, das man manchmal mit Harrods vergleicht. Die Arbeitsbedingungen bei Israel sind beispielhaft, von der Sozialversicherung über Kindergärten und Clubräume (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Wilfrid Israel). Wir finden Ähnliches bei Titus Salt in England und bei Ermenegildo Zegna in Italien (lesen Sie ➱hier mehr dazu).

Die zwanziger Jahre sind eine große Zeit für die Berliner Mode, ein Zeichen dafür kann es sein, dass die renommierte Schneiderei Knize aus Wien 1924 ein Geschäft in der Wilhelmstraße aufmacht (das aber nicht von ➱Adolf Loos gestaltet wird, wie der Laden in Wien). Für die Herren scheinen die einzigen Kleidungsstücke ➱Frack und ➱Smoking zu sein, auf jeden Fall vermitteln die jetzt in Babelsberg entstehenden Filme diesen Eindruck. Die beiden Links verweisen zu zwei viel gelesenen Posts, und ich kann zu dem Thema noch die Dissertation ➱Würdiger Bürger im Frack?: Ein Beitrag zur kulturgeschichtlichen Kleidungsforschung von Iris Gräfin Vitzthum von Eckstädt empfehlen.

Berlin ist zur Filmmetropole geworden, und das färbt auf die Modemetropole ab. Es war nun wirklich nicht alles golden, was man heute die Goldenen Zwanziger nennt. Aber für die Mode war es eine glänzende Zeit, hat ➱Volkmar Arnulf, der Doyen der Berliner Schneider, gesagt. Wie man Frack und Smoking richtig trägt, das weiß Hermann von Eelking mit seinen Zeitschriften Der Modediktator und dem ➱Herrenjournal offensichtlich am besten. Im Weinrestaurant war nach seiner Meinung eine schwarze Ripsweste vorgeschrieben, und dann gab es noch Ausnahmefälle, bei denen jüngeren tanzenden Herren der Smoking mit weißer Weste oder Kummerbund gestattet ist.

Ein Jahrzehnt später wird der Hauptmann a.D. und SA Obertruppführer im Stab der berüchtigen SA-Brigade 31 Berlin-Brandenburg mit seinem Buch Die Uniformen der Braunhemden (hier im ➱Volltext) von sich reden machen. Da ist dann nicht mehr von Ripswesten oder Kummerbund die Rede. Der Machtantritt der Nationalsozialisten ist zugleich das Ende der Berliner Konfektion, die zu 90 Prozent in jüdischem Besitz ist. Namhafte Konfektionäre verlassen Deutschland, manche ermöglichen auch ihren Angestellten die Emigration nach England, da sie dort Tochterunternehmen besitzen oder Verwandte haben. Die Berliner Fabriken und Modehäuser werden arisiert, wir haben für alles einen wohlklingenden Namen.

In meinem Heimatort wird der mittellose Angestellte ➱Walter Többens, der zuvor bei der Firma Leffers gearbeitet hatte, für 1,4 Millionen das Kaufhaus von ➱Julius Bamberger kaufen. Und danach wird er im Warschauer Ghetto eine Großproduktion von Uniformen hochziehen. Bamberger flieht über die Schweiz und Frankreich in die USA, nach dem Krieg bekommt er von einem Gericht 50.000 Mark zugesprochen. Többens war nach dem Krieg in Polen zum Tode verurteilt worden, entzog sich aber immer wieder der Auslieferung. In Bremen wurde er 1949 als Kriegsverbrecher verurteilt: zehn Jahre Arbeitslager, Einziehung des Vermögens, Verlust aller bürgerlichen Rechte und jedes Anspruchs auf Rente und Unterstützung. Das Urteil wurde nie vollstreckt, Többens wird 1952 als Mitläufer eingestuft. Vom Kriegsverbrecher zum Mitläufer in drei Jahren, auch das ist deutsche Wirklichkeit, auf die wir nicht stolz sein können.

Ich bin auf das Thema der Vernichtung der Berliner Modewelt schon in den Post ➱Haute Couture und ➱Wilfrid Israel (und vielleicht auch in dem Post ➱Damenmode) eingegangen. Ich will auch gerne interessante Bücher wie Gloria Sultanos ➱Wie geistiges Kokain: Mode unterm Hakenkreuz oder Irene Guenthers Nazi Chic? Fashioning Women in the Third Reich (für das die Rezensentin des Guardian den Titel ➱Dressed to Kill fand) erwähnen, die aber alle noch nicht das letzte Wort zur Aufarbeitung dieses zu lange vernachlässigten Themas sein können.

Denn seit Uwe Westphals hervorragendem Buch Berliner Konfektion und Mode: Die Zerstörung einer Tradition 1836-1939 (1986, zweite verbesserte Auflage 1992) hätte man eigentlich eine Vielzahl von Publikationen erwartet. Uwe Westphal hat vor zwei Jahren die Geschichte der Berliner Konfektion in den Roman Ehrenfried & Cohn hinein geschrieben, das ist ein Buch, das man unbedingt empfehlen kann. Und vielleicht könnte das Fernsehen den 6-Teiler Durchreise von 1993 mal wieder bringen (➱hier ein Schnipsel daraus). An verschiedenen Stellen im Internet wird der Nazi Hermann von Eelking persilrein gewaschen, und ich habe hasserfüllte Kommentare erhalten, weil ich frecherweise den Baron zu einem SA Mitglied und zum Autor von Die Uniformen der Braunhemden machte. Ja, wie konnte ich nur?

Die dreißiger Jahre sind das Jahrzehnt der Modezeitschriften, da gibt es die ➱Elegante Welt und die ➱Die Dame, eine Zeitschrift mit dem Untertitel Journal für den verwöhnten Geschmack. Für die schreiben Kurt Tucholsky, ➱Gregor von Rezzori und viele andere. Und dann ist da noch ➱Die neue Linie (das Blatt für Menschen mit Geschmack - monatlich 1 Mark), man kann in Deutschland Vogue und Vanity Fair, die auf den deutschen Markt drängen, durchaus etwas entgegensetzen. Schon im 19. Jahrhundert gab es bei Herrmann Gerson eine eigene Modezeitung, Der Bazar: Erste Damen– und Modenzeitung, deren Chefredakteurin die Modejournalistin Antonie von Cosmar war.

Das war sicher erstaunlich, aber nicht unbedingt revolutionär. Modezeitschriften gab es schon seit dem 18. Jahrhundert: seit 1786 erschien das ➱Journal des Luxus und der Moden. Und sogar deutsche Philosophen wie ➱Christian Garve schrieben damals über die Mode. Philosophen werden das weiterhin tun, ob sie nun Thomas Carlyle (➱Sartor Resartus: The Life and Opinions of Herr Teufelsdröckh), Georg Simmel (➱Philosophie der Mode) oder ➱Roland Barthes heißen. Ob dieser Herr mit den gelben ➱Gamaschen ein Philosoph ist, weiß ich nicht, aber er liest auf jeden Fall das erst deutsche Magazin für Herrenmode, das schlicht ➱Der Herr heißt (der Herausgeber Hubert Miketta wechselte später als Chefredakteur zur Eleganten Welt). Die Zeitschrift existierte von 1913 bis 1943 - in dem Jahre gab es auch die Elegante Welt nicht mehr. Dieser Satz ist doppeldeutig, und das soll er auch sein.

Die goldenen zwanziger Jahre sind der Höhepunkt (aber auch der Schwanengesang) der Berliner Mode, die Konfektion wird sich zum drittgrößten Wirtschaftsfaktor aufschwingen, sogar nach Amerika exportiert man den ➱Berliner Chic. Von dort importiert man den Frauentyp des ➱flapper, den F. Scott Fitzgerald unsterblich gemacht hat auch nach Berlin. In Frankreich heißen diese neuen Frauen garçonnes (benannt nach der Romanheldin von Victor Marguerittes Roman La garçonne), von denen man nicht so genau weiß, ob sie Kampflesben oder einfach nur modische junge Frauen sind. Überall finden wir crossdressing, wir alle kennen das Bild von Marlene Dietrich im ➱Frack, hier trägt sie einmal einen Straßenanzug.

Es ist die Zeit der Kapotthüte und der enganliegenden Kleider. Es ist auch eine Zeit der Unsicherheit - sind diese jungen Damen à la mode oder ist das hier der Straßenstrich? Oder sind es die hurtigen, straffen Großstadtmädchen mit den unersättlich offenen Mündern, die der Flaneur Franz Hessel beobachtet: Sie gehen so hübsch in ihren Kleidern ohne Gewicht. Wenn wir wissen wollen, wie Berlin damals aussah, müssen wir nur in Filme wie ➱Berlin: Sinfonie der Großstadt und ➱Menschen am Sonntag (zu dem es ➱hier einen Post gibt) hineinschauen.

Bei den Trümmerfrauen hier sind Berliner Chic und Haute Couture kein Thema, aber die Berliner Mode wird wie ein Phönix aus der Asche wieder erstehen. Und sogar in einem Maße, dass man wieder einmal ein klein wenig mit den Pariser  Modehäusern mithalten kann. Und dafür stehen Namen wie Heinz Schulze-Varell, Gerd Staebe, Hans Seger, Heinz Oestergaard und Uli Richter. Oestergaard hat ➱hier schon einen Post, und einige der anderen Couturiers kommen in dem Post ➱Damenmode vor.

Im Jahre 1946 fragte die gerade frischgegründete Wochenzeitung ➱Die Zeit in einem Artikel ➱Darf man jetzt von Mode sprechen? Diese Frage ist auch der Titel des Buches von ➱Jutta Sywottek geworden, die der Entwicklung der Nachkriegsmode an Hand der Illustrierten (1950 gab es schon 38 Mode- und Frauenzeitschriften) wie Chic, ConstanzeFilm und Frau etc nachgeht. Der Vater von meinem ➱Onkel Karl ist auch wieder gut im Geschäft, gefärbt muss immer etwas werden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die Berliner Verwandten eine Wehrmachtsuniform farblich verändern konnten.

Und da ich bei farblichen Veränderungen bin: der nach 1945 ein klein wenig abgetauchte Baron von Eelking ist mit seinem Institut für Herrenmode und seinem Herrenjournal auch wieder da. Dies ist ein Heft aus dem Jahre 1950, wo die neue Zeit mit einer neuen Fröhlichkeit begrüßt wird. Man hat neue Zeichner und neue Leitbilder, die Herren des Journals sehen nicht mehr wie Vorzeigenazis aus. Und es gibt leicht schlüpfrige Herrenwitze, das ist für ein Herrenjournal wohl wichtig. Im Journal des Luxus und der Moden fehlten 1786 die Herrenwitze.

Auf dem intellektuellen Niveau der Dame (Journal für den verwöhnten Geschmack) ist das Journal nie gewesen, als Zeitdokument ist heute wohl nur die Werbung für die Konfektion, wie hier für die Mäntel der Firma Laco, interessant. Weniger für die Ergüsse des Barons, der hier auch Teile seines Lexikons der Herrenmode im Vorabdruck veröffentlicht. In der sechziger Jahren wird es feuilletonistische Beiträge über ➱Michelangelo Antonioni oder den Oscar Wilde Film mit ➱Peter Finch geben, aber da sind die Verkaufszahlen des Journals schon nach unten gegangen. Als Arnold Gingrich in seinem Magazin Esquire Herrenmode präsentierte, hatte er schon ➱Hemingway und Fitzgerald als Autoren verpflichtet. Jahrzehnte später wird der junge ➱Tom Wolfe, den ➱Mode ja sehr interessiert, hier anfangen. Auf solchem Niveau war das Herrenjournal nie.

Solche Hemdkragen trug ich damals auch, aber ein solch kariertes Jackett besaß ich nie. Der karierte Herr zwischen den Armen der jungen Dame ist auch wohl nur ein Blickfänger für die Mode von Uli Richter, der eigentlich Damenmode entwarf. Der 91-jährige Modeschöpfer ist der letzte Überlebende der großen Zeit der Berliner Couture in den fünfziger Jahren.

Wenn man mit Grazia Patricia (vulgoGrace Kelly) am Tisch sitzen darf, dann hat man es als Modeschöpfer wohl geschafft, dann darf man auch einen solch scheußlichen Smoking tragen wie Uli Richter. Das Berliner Kunstgewerbemuseum hat dem Mann mit dem Markenzeichen ULR eine ➱Ausstellung gewidmet, die noch bis zum 23. April 2017 geöffnet ist. Jetzt kleiden die Berliner Couturiers (die sich beinahe immer an ➱Paris orientieren) Prinzessinnen und Filmstars ein. Uli Richter war auch der Schneider von Rut Brandt, die immer elegant war. Ihre Nachfolgerin ➱Brigitte Seebacher kaufte wahrscheinlich bei C&A.

Heinz Oestergaards Studio ist vielleicht nicht ganz so so fein wie die Studios von Gerd Staebe, Detlef Albers und Heinz Schulze-Varell, aber Zarah Leander, ➱Ruth Leuwerik, Hildegard Knef, Maria Schell, Romy Schneider (hier im ganz kleinen Schwarzen) und Zsa Zsa Gabor tragen jetzt Oestergaard. Na ja, sie tragen auch noch Kleider von anderen Schneidern, aber es ist immer gut, wenn man als ➱Couturier ein halbes Dutzend Schauspielerinnen als Kundinnen hat.

In den fünfziger Jahren müssen wir auf alle Briefe eine Steuermarke aufkleben, die ➱Notopfer Berlin heißt. Was finanzieren wir damit? Das schöne Leben hier? Berlins Lage ist fragil, die Stadt wird von Subventionen am Leben erhalten. Viel von dem nach Berlin gepumpten Geld versickert irgendwo, ein Bauskandal jagt den anderen. Wenn Sigrid Kressmann-Zschach, die ehemalige Gattin von ➱Texas Willi, sagt: Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben, dann ist das nur die eine Seite. Die andere ist der Steglitzer Kreisel.

Die fünfziger Jahre sind die große Zeit der Photographen. Erika Billeter hat mit ihrem Buch Amerika Fotografie 1920-1940 gezeigt, dass sich Amerikas berühmteste Photographen nicht zu fein sind, Damenmode zu photographieren, seit der Baron Adolphe de Meyer die Modephotographie sozusagen geadelt hatte. Was auch daran liegen mag, das Vogue und Vanity Fair ein schönes Honorar zahlen. Auch ➱Regina (Regi) Relang, eine der führenden Photographinnen der 50er und 60er Jahre, hatte vor dem Krieg schon für die Vogue gearbeitet. Und dann haben wir noch Charlotte Rohrbach, Hubs Flöter und den jungen Will McBride, der durch den ➱Twen berühmt wurde. Und natürlich ➱F.C. Gundlach, der selbst einen tristen Tag in Berlin künstlerisch veredeln konnte (der Link hier führt zu seinem photographischen Werk, das glücklicherweise im Internet zugänglich ist).

Gundlachs Ästhetik färbte auf andere Photographen ab. Aber man kann nicht alles photographisch veredeln. Sie merken schon, dass auf diesem Bild der Alltag etwas ärmlicher ausfällt. Ein ➱Mercedes 300 Cabrio photographiert sich besser als ein Trabbi. Dies Photo ist von der Photographin Sibylle Bergemann, die auch für die Zeitschrift Sibylle: Zeitschrift für Mode und Kultur (die man auch die Ost-Vogue nannte) gearbeitet hat. Die Sibylle war etwas anders als die wöchentlich für 60 Pfennig (Ost) erscheinende Zeitschrift ➱Für Dich. Ich habe die Sibylle  auch erwähnt, weil die Kunsthalle Rostock noch bis zum 17. April eine gleichnamige ➱Ausstellung zeigt (es gibt auch einen Katalog), wo natürlich auch ➱Photos von Sibylle Bergemann zu sehen sind. Die Gründerin der Zeitschrift, die 96-jährige Sibylle Boden-Gerstner, verstarb vierzehn Tage nach der Ausstellungseröffnung, an der sie nicht mehr hatte teilnehmen können.

Dieses Photo von Sibylle Bergemann stammt aus dem Band Sibylle – Modefotografien 1962-1994 von Dorothea Melis, der 2010 erschien. Sibylle Bergemann hätte bei jeder Modezeitschrift der Welt einen Job gefunden, wenn sie rübergemacht hätte. Doch sie blieb in ihrer Wohnung am Schiffbauerdamm. Bekam aber Besuch von Photographen wie Henri Cartier-BressonHelmut Newton und Robert Frank.

Aus dem Osten der Stadt kommen (außer der sechsmal im Jahr erscheinenden Zeitschrift Sibylle, die sofort nach Erscheinen ausverkauft ist) nur wenige modische Anregungen für die Berliner Mode, die nach 1945 eigentlich immer eine Westberliner Mode ist. Aber aus dem Osten kommen Schneiderinnen und Näherinnen. Und die kommen nach dem Bau der ➱Mauer nicht mehr: kurz danach schließen ein Viertel aller Konfektionsbetriebe. Den Berliner Schulze-Varell interessierte das wenig, der hatte sein Studio eh in München, doch mit dem Status der Modemesse Berliner Durchreise ist es jetzt zu Ende. Düsseldorf wird die neue Messestadt.

Und was ist heute? Arm, aber sexy, hat der sektlaunige Wowi die Stadt beschrieben. Vom Spreeathen redet niemand mehr. Es gibt sicherlich Luxusschneider wie ➱Volkmar Arnulf und einige andere (Günther Adam hat vor einem Jahr aufgehört). Es gibt natürlich auch ➱Herrenaustatter. Als das KaDeWe neu eröffnete, hatten sie ➱Regent im Angebot, das hat sich aber schnell geändert. Mientus, die 1958 einen riesigen Laden eröffneten (und 1992 die ersten mit einem ➱Zegna Shop waren), sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Uli Knecht, der seine Läden in Hamburg und Düsseldorf geschlossen hat, hat noch einen Laden in Berlin. Es läuft nichts mehr rund im oberen Bereich. Wenn die Textilwirtschaft in der letzten Woche die Pleite von René Lezard, den Gewinnrückgang von Boss und den Milliardengewinn von Adidas verkündet, dann zeigt das, wohin die Tendenz geht.

Doch Berlin hat noch Patrick Hellmann, der plötzlich mit einer eigenen Glitzerwelt da war, und von dem lange niemand wusste, wer er eigentlich ist. Dabei ist alles ganz einfach. Sein Vater, der vor dem Krieg bei Wertheim gearbeitet hatte, und er hatte seinen Sohn aus Amerika nach Berlin geschickt, weil das für ihn immer noch eine Stadt der Eleganz war. Alles, was man über Patrick Hellmann weiß, der angeblich Putin ausstattet, können Sie ➱hier lesen.

Früher kam die Patrick Hellmann Collection von Attolini oder Kiton, heute kommt die Patrick Hellmann Collection in den meisten Fällen aus Portugal von der Firma Diniz & Cruz (lesen Sie mehr zu dieser Firma in ➱Raffaele Caruso). Die übrigens beinahe alle Herrenausstatter mit Private Label Kleidung beliefern: Braun und Kirsch in Hamburg, Ed Meier, Uli Knecht, Hellmann, Dantendorfer, Simon Gray (Hausmarke des Masculin Modekreises), Bailly Diehl, Bertram & Frank. Und Patrick Hellmann. Die Portugiesen dürfen natürlich an keiner Stelle Diniz & Cruz in ihre Klamotten (übrigens ein Wort aus Berlin) schreiben, aber man kann sie immer an ihrer portugiesischen Steuernummer erkennen. Wenn Sie IVA PT 500341753 auf dem Etikett lesen, dann wissen Sie, dass das gute Stück nicht aus Mailand oder Neapel, sondern aus Portugal kommt.

Ich besitze ein Jackett von Attolini aus der Patrick Hellmann Collection. Hat mich bei ebay vor Jahren 39 Euro gekostet. Auf dem verschwommenen Photo war nicht viel zu sehen, nur eine sehr, sehr große Brusttasche. Solch eine gebogene lange barchetta Tasche, die findet sich nur bei den Made in Italy Firmen, die wirkliche sartoria abliefern. Dem war auch so, als das Patrick Hellmann Jackett für 39 Euro ankam, entpuppte es sich als ein nie getragenes Kaschmir Jackett von Attolini, Handarbeit bis ins letzte Knopfloch. Und ein ticket pocket, das ich auf dem Photo gar nicht erkannt hatte (dies Bild zeigt natürlich nicht mein Jackett, aber sie können hier die lange Brusttasche sehen).

Und dann habe ich noch diesen Anzug, der ein Etikett trägt, auf dem Patrick Hellmann Berlin steht. Es ist ein grau-grüner Anzug mit kleinen Karos und einem hellblauen Überkaro. Ich habe den gekauft, weil ich zuvor einen ganz ähnlichen Anzug hatte. Und Jahrzehnte davor einen ebenso ähnlichen. Aber alle mit ticket pocket, einem modischen Detail, zu dem sich ➱Inspector Barnaby in The Made-to-Measure Murders nicht so recht entschließen kann. Der Anzug verrät seinen Hersteller nicht, ein Fachmann aus der Branche flüsterte mir damals zu, dass Hellmann viel in Polen produziere ließe. Das tat Regent ja auch ein mal. Dieser Anzug ist ein stinknormaler Anzug, wo bleibt da der Designer Patrick Hellmann? Der ist damit beschäftigt, einen Audi und eine ➱Rolex zu verschönern. Klicken Sie ➱hier.

Das zweite Berliner Wunderkind in der Glitzerwelt heißt Michalsky (ich lasse ➱Wolfgang Joop jetzt einmal aus), der macht Damenmode, kein neues Rolex Design, aber Tapeten und Möbel. Und offensichtlich auch schlechtsitzende Herrenmode. Doch wer will 499€ für ein potthäßliches Jackett von einem Mann, der bei Heidi Klum auftritt, bezahlen? Die Vogue hat ihn als Deutschlands Mode Papst bezeichnet, aber ich bin mir da nicht so sicher, ob dieser Vergleich stimmt.

Es gibt in Berlin nach der Wende viel Gewusel, neue Firmen wie BeconIQ+ BerlinLala Berlin und Kaviar Gauche neue Messen wie Fashion WeekBread & Butter und Premium Exhibitions. Bread & Butter war schon pleite, wird aber jetzt von Zalando neu belebt. Aber kann das die Sache der Zukunft sein, wenn Zalando Modemessen organisiert? Oder Daimler Benz mit seiner Mercedes Fashion Week. Dieses Bild von der Mercedes Fashion Week 2013 findet sich schon in dem Post ➱Sommermode, in dem Patrick Hellmann auch erwähnt wird. Ich nehme an, dass so etwas die Kleidung ist, die Damen in einem schwarzen Mercedes SUV mit schwarzgetönten Scheiben tragen. Oder im Suff. Oder im Puff.

Neben dem Hellmann Anzug, auf dessen Etikett Berlin steht, habe ich noch ein zweites Kleidungsstück aus Berlin. Es ist ein altes Chester Barrie Jackett, aus der Zeit, als die noch wirklich gut waren. Cashmere, dunkles Grau mit kleinem herringbone und blaßblauem Überkaro. Und auf dem Etikett steht: Tailored for Heinrich Dietel. Nachf. Walter Hollain. Berlin. Ich bin dem mal nachgegangen und stieß auf einen schön geschriebenen Artikel (Das unverwechselbare Gesicht des Kurfürstendamms - Reflexionen über ein Auslaufmodell) in der ➱Berliner Morgenpost, von dem ich etwas an den Schluss stelle:

       Heinrich Dietel war unverwechselbar. Er war ein Herr und verkaufte Artikel für Herren - für solche also, die mehr sein wollten als Männer, offerierte er in seinem Geschäft zwischen Schlüter- und Wielandstraße. Heinrich Dietel, groß gewachsen, stets mit Weste, die dem Bauch zur Ansehnlichkeit verhalf, mit einer Nelke im Revers, die, darunter verborgen, in einem kleinen, mit Wasser gefüllten Röhrchen steckte, dieser Heinrich Dietel bediente nicht, er empfing in seinem Salon Partner. Die taxierte er nicht nach der Brieftasche. Stil zu bilden, das freute ihn, und dafür gab er das Beispiel. Es ging nicht nur um das Bedecken von Blößen, es ging um Wohlgefallen, um Ästhetik, für sich und die anderen, von den Handschuhen, über Hemden, Krawatten, Mützen bis zu Pfeifen. England at its best in Berlin.
       Die Tradition wurde unter Dietels Namen unter seinem Nachfolger Hollain an der Schlüterstraße fortgeführt. Nach seinem Tod wollte Dietel keiner mehr haben. Wem steht der Sinn noch nach einem Spazierstock, der ein elegantes Accessoire und keine von der Krankenkasse bezahlte Gehhilfe ist? Wer noch ist auf ein Beinkleid aus in einer Zeit, die Bequemlichkeit mit Nachlässigkeit übersetzt, weshalb der Berliner folgerichtig jedweden Anzug als «Klamotte» identifiziert? Dietel, ein Nachruf unter vielen für ein Stück des alten Berlin. Individuelles wird zu Grabe getragen. Unsere Zeit: Sie versteht Veränderung schon als Fortschritt.
       Ich gehe über den Kurfürstendamm. Und ich erinnere mich an die Besucher, die zurückkamen aus Ost-Berlin, aus der DDR. Wie sie sich mokierten: Schrecklich, alle in den gleichen Schuhen, alle in den gleichen Jacken und Mänteln, Mützen und Taschen, alles gleich, schrecklich. Ich schaue auf die Leute um mich herum. Und mich befällt ein Alptraum. Eines Tages werde ich nur noch auf Uniformierte im real existierenden Kapitalismus treffen. Die Fantasie stirbt an der Norm. Wo ist Dietel?


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