Sonntag, 18. Februar 2018

Bierbrauer


Seinen Vater hat der kleine Anders Leonardsson nie gesehen. Seine Mutter Grudd Anna Andersdotter, die in einer neu gegründeten Bierbrauerei in Uppsala arbeitete, hatte den deutschen Bierbrauer dort kennengelernt. Ein heiterer und lustiger Geselle, schön und stattlich anzuschauen, soll er gewesen sein. Es war eine kurze Romanze, wenn es überhaupt eine Romanze war. Er ließ die Bauerntochter, die in der Brauerei die Bierflaschen wusch, sitzen und zog nach Finnland weiter. Er starb in Helsinki, als sein Sohn zwölf Jahre alt war: Aber ich finde es so traurig. daß mein Papa tot ist, aber es wird nicht besser davon, daß ich traurig bin. Irgendwie muß es aber gehen, schreibt der kleine Anders.

Niemand konnte damals ahnen, dass der kleine Anders Leonardsson, der bei seinen Großeltern auf einem Bauernhof aufwächst, einmal Schwedens berühmtester Maler wird, der Könige, drei amerikanische Präsidenten und alle Reichen und Schönen des Gilded Age portraitieren wird. Aber das Leben auf dem Lande wird er nie vergessen und eines Tages in seinen Heimatort zurückkehren. Das mit dem Landleben kann ich verstehen. Ich denke gerne an meine Kindheit zurück, die ich an den Hängen des Wiehengebirges und nicht im zerstörten Bremen verbrachte. In meinen Träumen kommt sie immer wieder vor, einen Teil meiner Erinnerungen habe ich schon in den Post ↠Zweite Heimat hineingeschrieben.

Aber das pralle Leben, das der Schwede auf die Leinwand bringt, so mit drallen nackten badenden ↠Schwedenmädels und mit Dans op de deel, das hatten wir nicht. Die größten Sensationen waren 1949 der erste Mähdrescher und eine Bauernhochzeit, bei der mir jemand Eierlikör verabreicht hatte. Anders Leonardsson wird das bäuerliche Leben seiner Heimat Mora immer wieder auf die Leinwand bannen, als sei Goethes Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt, Und wo ihr's packt, da ist's interessant nur für ihn geschrieben.

Leider muss man sagen, dass das pralle Leben auf den Bildern nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Zorn malt eine Welt, die es längst nicht mehr gibt. Den Mittsommerbaum auf diesem Bild gab es im Dorf längst nicht mehr. Zorn hat ihn bezahlt, ebenso wie die Kapelle. Diese Folklore ist eine Konstruktion, eine Suche nach der Kindheit und einer eigenen Identität. Es war der schwedische Prinz Eugen, der selbst ein guter Maler war, der bei einem Besuch bei Anders Zorn angeregt hatte, dass er dieses Bild der schwedischen Nationalromantik malen sollte.

Dieses Bild von einem Markttag in Mora könnte wohl eher der Wirklichkeit entsprechen. Da hat sich das junge Mädchen für den Markttag so hübsch gemacht, und nun liegt ihr Kerl im Gras. Wenn wir so wollen: ein Opfer des Eierlikörs. Oder des untergärigen Bieres der deutschen Bierbrauer. Zorn schreibt dazu in seiner Autobiographie: Zu Hause in Morna nahm ich mir vor, ein Sittengemälde zu malen mit dem Titel 'Mora Jahrmarkt'. Es war gewiß nicht  meine Absicht, eine Moralpredigt zu halten, aber ich wollte mich an Wahrheit halten, und dazu gehörte natürlich der Stockbesoffene im Vordergrund und seine Frau, die geduldig dasitzt und mit seinem Hut in der Hand darauf wartet, daß er den schlimmsten Rausch ausgeschlafen hat ... Ich schlief meinen Eierlikör Rausch damals in einem zur Garderobe umfunktionierten Schlafzimmer auf Bergen von Pelzmänteln aus. Es gab jetzt in den Nachkriegszeit viele Pelzmäntel bei den Bauern, die gegen Naturalien eingetauscht waren.

Wenn er zur Schule kommt, lernt Anders erst einmal richtiges Schwedisch, da er bei seinen Großeltern nur den regionalen Dialekt Moramål gelernt hatte. Seine Lehrer erkennen schon früh, dass der Junge ein außergewöhnliches malerisches Talent besitzt. Mit fünfzehn Jahren ist er schon Schüler der Königlichen Akademie der Künste in Stockholm. Sein Vater, der deutsche Brauereimeister Johann Leonard Zorn (Bild), hatte seinen Sohn nicht vergessen und ihm ein kleines Erbe ausgesetzt. Er war ein verhältnismäßig wohlhabender Mann, der sich aus der Ferne immer wieder in die Erziehung des Jungen eingemischt hatte.

Die schwedische Brauerei von Düben in Uppsala, wo Leonard Zorn und Grudd Anna Andersdotter (hier eine Radierung von ihrem Sohn) arbeiteten, hat ihre ehemaligen Angestellten auch nicht vergessen. Die deutschen Bierbrauer halten damals in Schweden zusammen, sie sind eine Art Kaste für sich. Man hat die Braumeister wegen ihres Könnens nach Schweden geholt, sie beherrschen die Herstellung von untergärigem Bier. Manche von ihnen werden noch eine Brauerei eröffnen. Wenn er in Stockholm studiert, öffnen ihm deutsche Bierbrauer wie F. Dölling (Hamburger Bierbrauerei Gesellschaft) und Fritz Heiss (Nürnberger Bierbrauerei Gesellschaft) ihre Türen. Und die deutsche Brauerei Gesellschaft in Stockholm wird dem jungen Anders Leonardsson, der jetzt den Namen seines Vaters annehmen wird, ein Stipendium für sein Kunststudium gewähren.

Man fördert zwar nicht in großem Stil die Künste wie Jacob Christian Jacobsen mit seiner Carlsberg Brauerei oder Christian Langaard in Norwegen, aber man versucht jetzt in Schweden gegen die übermächtige dänische Konkurrenz, sprich Carlsberg und Tuborg, ins Geschäft zu kommen. Da waren Braumeister aus Deutschland gesuchte Leute. Man produziert bayrisches Bier (Pilsener kommt später), die größte schwedische Brauerei heißt übrigens Münchens bryggeri. Die Bilanz Schwedens als Land der Brauereien ist allerdings nicht großartig. In der Zeitschrift für das gesammte Brauwesen kann man 1907 lesen: Schwedens Bierausfuhr ist noch unbedeutender als seine Einfuhr. 1895 exportierte es ca. 500 hl. Ende der neunziger Jahre verringerte sich die Ausfuhrmenge und zwar bis auf 80 hl im Jahre 1899. Dann nahm sie wieder ständig zu und stieg 1900 auf 239 hl.

Sie haben es schon gemerkt, ich schreibe heute über den schwedischen Maler Anders Zorn, der am 18. Februar 1860 geboren wurde. Wenn er am Anfang seines Lebens auf vieles verzichten muss, am Ende seines Lebens hat er einen Rolls-Royce, Pelzmäntel und ↠Maßanzüge, in denen er sich malt. Er wird drei Jahre lang ein Atelier in London unterhalten, Europa und Amerika bereisen. Und malen und malen. Mit 29 Jahren macht man ihn in Paris zum Chevalier der Ehrenlegion. Beinahe hätte er noch den Pour le Mérite bekommen (er wurde dreimal nominiert), aber Wilhelm II wies den Schweden immer wieder ab. Wahrscheinlich waren ihm zu viel nackte ↠Schwedinnen auf den Bildern.

Seine Bilder machen Anders Zorn reich, als er stirbt, hat er ein Vermögen von 14 Millionen Mark. So ganz nebenbei kauft er viel Kunst (oder tauscht Kunst gegen eigene Werke ein). Beinahe zweihundert Blätter von Rembrandts Radierungen und Zeichnungen wird er besitzen. Der wird zum Ende des 19. Jahrhunderts sein großes Vorbild werden. Zorns Radierungen werden begehrt sein, →Alfred Lichtwark, der Zorn beauftragte, ein Bild vom →Hamburger Hafen zu malen, wird 42 Radierungen von Zorn besitzen. 1976 hat Erik Forssman, der Direktor des Zorn Museums, in Freiburg eine Ausstellung des graphischen Werks von Anders Zorn präsentiert. In seinem Testament vermacht Zorn alle seine Kunstwerke dem schwedischen Staat, damit er ein Museum dafür schaffe.

Natürlich habe ich in diesem Blog schon über ↠Anders Zorn  geschrieben, aber bevor ich Blogger wurde, habe ich auch schon über Zorn geschrieben. Das war 1989, als ↠Jens Christian Jensen in der Kieler Kunsthalle eine riesige Ausstellung von Zorns Oeuvre organisiert hatte, die im nächsten Jahr nach München wanderte. Ich wollte in der Universitätszeitung ↠semester über die Ausstellung schreiben, einen Katalog (den man heute noch antiquarisch für 20 Euro finden kann) besaß ich schon.

Den hatte mir Jens Christian Jensen freundlicherweise vorbeigeschickt. Aber es kam anders, weil ich eines Morgens drei blonde mir unbekannte Nordistikstudentinnen in meinem Büro hatte, die mich becircten, meinen Zorn Artikel nicht in der Unizeitung, sondern in einer kleinen Zeitschrift namens norrøna zu veröffentlichen. Woher die wussten, dass ich über Anders Zorn schreiben wollte, ist mir bis heute ein Rätsel.

Vor sechs Jahren gab es in Lübeck noch eine Anders Zorn Ausstellung. Da konnte man auf dieser ↠Seite lesen, dass Zorn ein vergessener Maler sei, den man jetzt wiederentdeckt hätte. Man vergisst offenbar schnell. Hat man die Düsseldorfer Ausstellung von 1958, die Freiburger Ausstellung von 1976 und die Kieler Ausstellung von 1989 wirklich schon vergessen? Ich nicht, in der Kieler Ausstellung war ich jede Woche zweimal. Wann bekommt man schon mal so etwas zu sehen? Außer natürlich im ↠Zorn Museum.

Eierlikör habe ich seit 1949 nicht mehr getrunken. Mit Bier kenne ich aus, schließlich habe ich früher in den Semesterferien mal als ↠Bierfahrer gejobbt. Von schwedischem Bier habe ich wenig Ahnung, ich habe mal Pripps Blå getrunken, aber nur einmal. Dänisches Bier kenne ich gut, von Zeit zu Zeit kaufe ich mir mal aus Nostalgie eine Dose Tuborg. Trinke es natürlich nicht aus der Dose, ich habe schöne Tuborg Kelche im Küchenschrank.

Als Professor ↠Wolfgang J. Müller in der Kunsthalle Kiel die Skagen Ausstellung eröffnete, hatte die dänische Brauerei einige junge Däninnen in hübscher dänischer Tracht geschickt, die das Tuborg in diesen schönen Tuborg Gläsern servierten. Ich fand das sehr stilvoll. Anders Zorn, der sich als Student mal die Wohnung mit einem Bierkutscher teilte, hat natürlich auch mal eine Brauerei gemalt, im Bild oben sehen wir Frauen, die die Etiketten auf die Flaschen kleben. Im Bild darunter wird das Bier abgefüllt und die Flaschen verkorkt. Frauen machen die ganze Arbeit, Emile Zola hätte einen Roman daraus gemacht. Anders Zorn kommt es nur auf das Licht an. Weiter als mit dem Bild über den Markttag in Mora wird er mit seiner Sozialkritik nicht gehen. Jens Christian Jensen schrieb im Kieler Katalog: Dieser Maler der Oberflächen von Dingen und Menschen und deren Beziehungen im atmosphärischen Licht, hat wie kaum ein anderer Künstler den äußeren Schein konsequent und eigensinnig als das allein Wirkliche anerkannt und in alle Rechte eingesetzt.


Wenn Sie noch mehr Posts zur skandinavischen Kunst lesen wollen, dann sind Sie in diesem Blog richtig. Sie könnten auch noch lesen: Anders Zorn, Mein Dänemark, Dänische Kunst, Skagen, Nordlichter, Nicolai Abildgaard, Bertel Thorvaldsen, måneskinnsmaler, Johan Christian Clausen Dahl, Kreidefelsen, Vilhelm Marstrand, Hans Matthison Hansen, Carl Larsson, Michael Ancher, Streik

Donnerstag, 15. Februar 2018

Düsseldorfer Schule


Der Maler Carl Friedrich Lessing, dessen Vater ein Neffe von Gotthold Ephraim Lessing war, wurde heute vor 210 Jahren geboren. Auf diesem Bild seines Kollegen Friedrich Boser sehen wir ihn zusammen mit den wichtigsten Malern der Düsseldorfer Schule, zu deren Mitbegründern Lessing zählt. Lessing ist der Herr im blauschwarzen Rock, der eine Papierrolle in der Hand hält. Ein wenig dandyhaft, das ganze Bild ist darauf angelegt, dass er die Hauptperson ist. Ich weiß, dass Sie jetzt unbdingt wissen wollen, wer der Kleinwüchsige auf dem Bild ist. Das ist niemand anderer als Johann Wilhelm Preyer. Der Malerzwerg vor seiner Staffelei hat Johann Peter Hasenclever sein Portrait von Preyer genannt.

Friedrich Boser hat auch zusammen mit Carl Friedrich Lessing das Bild Das Vogelschießen der Düsseldorfer Künstler im Grafenberger Wald gemalt. Das Bild ist wie das Bild oben nach New York gewandert, wo es eine Düsseldorf Gallery gab. Das Vogelschießen ist immer noch in New York, Bosers ➱Bilderschau der Düsseldorfer Künstler im Galeriesaal hat Düsseldorf zurückgekauft.

Lessing konnte technisch gut malen. Malt mal ein wenig wie Caspar David Friedrich (als dessen Nachfolger er angesehen wurde), mal ein wenig wie Claude Lorrain. Auch Schinkel (bei dem er kurze Zeit studierte) und Blechen haben Einfluss auf den jungen Lessing gehabt. Ich mag seine Landschaften, seine Historienbilder sind nicht meine Sache. So etwas habe ich immer wieder in meinem Blog gesagt, zum Beispiel in dem Post Moritz von Schwind. Diesen stillen und unspektakulären Sonnenaufgang im Harz ohne Staffage von Rittern und Mönchen finde ich sehr schön.

1832 hatte Lessing mehr als zwei Monate lang die Eifel durchwandert, was ihn zur realistischen Landschaftsmalerei gebracht hat. Es war seine vierte Eifelreise, weitere sollten folgen. Ich hätte hier in der ➱Zeitschrift des Eifelvereins eine interessante Seite, wo er als Entdecker der Eifel gefeiert wird. Auf diesen Reisen begleitet ihn häufig der Maler Johann Wilhelm Schirmer, mit dem zusammen er 1827 den Landschaftlichen Komponierverein gegründet hatte. Was wären Deutsche ohne einen Verein?

Als ich klein war und mich durch die großformatigen Kunstbände meines Opas durcharbeitete - die leider nur Historienmalerei enthielten - habe ich dieses Bild nicht verstanden. Es heißt Schützen am Engpaß, der Berliner Bankier Joachim Heinrich Wilhelm Wagener hat viertausend Taler dafür bezahlt. Das Bild und seine Gemäldesammlung wurden später der Grundstock der Berliner Nationalgalerie. Wageners erstes Bild war Schinkels Gotische Kirche am Meer, ein Bild, das ich immer wieder betrachen kann. Dies hier nicht, aber die Seite der Staatlichen Museen Berlin hilft uns mit einer Interpretation aus.

Da ich bei den Scheußlichkeiten der Historienmalerei bin: Diese Hussitenpredigt von Lessing finde ich auch furchtbar. ➱Sir Joshua Reynolds hatte in seinen ➱Vorlesungen zur Kunst die Historienmalerei als die edelste Form der Malerei verherrlicht, hatte sich selbst aber nicht in dem Genre betätigt. Sein Kollege ➱Gainsborough vermied das Genre auch, ➱John Constable sowieso. Aber Carl Friedrich Lessing, der die Natur liebt, der wendet sich ab 1836 der Historienmalerei zu und malt nur noch so etwas wie das hier.

Die Ritter (ohne Drachen), die Mönche und die verfallenen Abteien, die lässt er jetzt hinter sich. Vielleicht war es eine höhnische Kritik Goethes an einem seiner Gemälde: Wohin führt uns nun aber Ihr Berliner Maler? In eine Winterlandschaft, und nicht etwa in eine jener heiteren holländischen, wo wir Damen und Herren sich lustig auf spiegelglatter Eisfläche schlittschuhlaufend umhertummeln sehen — oh, ich selbst war zu meiner Zeit ein tüchtiger Schlittschuhläufer — nein! hier führt uns der Maler in eine Winterlandschaft, in welcher ihm Eis und Schnee nicht genug zu sein scheint; er überbietet, oder wir können sagen: er überwintert den Winter noch er überbietet, oder wir können sagen er überwintert den Winter noch durch widerwärtigste Zugaben. Da sehen sie: einen in warmen Tagen uns mit einem kühlen Labetrunk versorgenden Brunnen, aus dessen Löwen- und Drachenrachen das festgefrorene Wasser wie eine Zunge von Eis heraushängt, fest an den Boden angefroren ... Die widerwärtigste Zugaben sind ein Problem der Malerei in dieser Zeit. Zu dem tüchtigen Schlittschuhläufer Goethe können Sie hier mehr lesen.

Lessing hat großen Einfluss auf Emanuel Leutze und all die Amerikaner gehabt, die jetzt nach Düsseldorf kommen. Leutze ist vielleicht der berühmteste der Amerikaner, die in Düsseldorf ihre malerische Ausbildung erhalten. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, wie weit der Ruhm der Düsseldorfer Akademie in die Welt ausstrahlt. Der Kunsthistoriker Richard Muther hat Leutzes Washington Crosses the Delaware als ein ehrliches, loyales Historienbild, das in der ruhigen Sachlichkeit seiner Komposition mehr dem ernsten Copley als dem sentimental-pathetischen Lessing ähnelt bezeichnet. Mit dem dem sentimental-pathetischen Lessing trifft er den Kern der Lessingschen Historienmalerei.

Glücklicherweise gibt es aber auch Historienbilder, die eigentlich Landschaftsbilder sind. Wie dieses hier, das die Bremer Kunsthalle besitzt. Eine schöne Landschaft, ein schöner Himmel, eine schöne Verteilung des Lichtes. Und dann gibt es noch eine kleine Figurenstaffage. Nach dem Duell (oder Nach dem Zweikampf) heißt dieses 1862 gemalte Bild, das die Bremer Kunsthalle seit 1931 besitzt. Geschenk einer Kunstfreundin steht im Katalog. Ich habe schon mal, wahrscheinlich in dem Post Kunsthalle Bremen, gehässige Dinge über den Online Katalog der Kunsthalle gesagt. Kann ich gerne wiederholen, er funktioniert mal wieder nicht. Der Katalog in Buchform funktioniert immer, den muss ich nur aus dem Regal nehmen. Der im Zweikampf Unterlegene liegt in weißem Hemd und roten Hosen tot auf dem Boden, sein Grab wird schon geschaufelt. Das Ganze soll eine Szene aus dem Dreißigjährigen Krieg sein. Sie haben in Bremen aber noch mehr Bilder von Lessing, glücklicherweise alles Landschaftsbilder. Die meisten sind im Archiv, ich bin froh, dass ich Nach dem Duell einmal gesehen habe.

Auch dieses Bild, das Die Belagerung heißt (und die Verteidigung eines Kirchhofs im Dreißigjährigen Krieg darstellt), ist wie Nach dem Duell eine Mischgattung aus Landschafts- und Historienbild. Wir sind hier wieder im Dreißigjährigen Krieg, das Bild wurde ebenso wie Schützen am Engpaß 1848 gemalt. Interpreten werten beide Bilder als Zeugnis der 1848er Revolution. Man kann Die Belagerung als Kissenbezug kaufen, aber ich weiß nicht, ob man auf solch einem Kissen gut schläft.

So schön das Restlicht der Sonne vor einem heranziehenden Sturm gemalt ist, Die Belagerung bleibt letztlich akademisch kalt. Es leuchtet kein Feuer von innen her wie auf diesem Bild von Carl Blechen. Letztlich ist Lessing ein Zeichner, kein Maler.

Könnte er natürlich sein, immer wieder blitzt sein Können auf. Wie zum Beispiel bei dieser Landschaft mit Krähen. Die besten Bilder haben die Museen, dies hier hängt in Los Angeles. Es sind noch genügend Bilder von Lessing im Handel, so berühmt er einst war, heute sind seine Bilder preiswert zu haben. Dies natürlich nicht. Die Bilder von Blechen auch nicht.

Ikarus aus Würselen


Sie gehen da alle ihrer Beschäftigung nach, sie bemerken nicht, dass da unten jemand ertrinkt. Pieter Bruegel hat den Ikarus gemalt, der zu nah an der Sonne war. Ikarus aus Würselen titelte die Tagesschau. Ach, die Medien können ja so gemein sein. Es war vielleicht auch nicht so wahnsinnig intelligent von Andrea Nahles, Aber ab morgen kriegen sie in die Fresse zu sagen. Wir wissen in dem allgemeinen Tohuwabohu nicht, was morgen sein wird. Die Politik hat uns nichts mehr zu sagen, dies ist die Zeit der Medien, der Kaffeesatzleser und der politischen Auguren und Haruspexe.

Wenn ein Poltiker wie Stegner immer wieder zur Besonnenheit aufruft, muss es um die SPD wirklich schlimm stehen. Er hat das nicht verstanden, dass die Wähler, die Albig abwählten, auch ihn nicht mehr sehen wollten. Vielleicht sind auch die Medien an der ganzen Krise schuld. Medien können viel, sie haben schon mal einen Krieg herbeigeschrieben. Als heute vor 120 Jahren die USS Maine im Hafen von Havanna explodierte, sorgte die Yellow Press dafür, dass die Vereinigten Staaten Spanien den Krieg erkärten. Ich hoffe nicht, dass es bei uns dahin kommt.

Montag, 12. Februar 2018

Drachen


Doch genau in diesem Augenblick, der in den Bildern zur Darstellung gelangt ist, sind zugleich die letzten Sprachstücke, eher wohl Todesschreie dieser anderen Sprache aufgehoben: Auf den Gemälden und Standbildern indes recken die Drachen weiterhin die schon schwer angeschlagenen Köpfe, drehen sie sich, als hätten sie noch eine Chance zu entkommen, um nach den Mördern mit weit aufgesperrten Mäulern, die von Blut überströmen - roten klaffenden Wunden ähnlich, die nicht mehr heilen, sich nie wieder schließen werden – und schreien, brüllen, röcheln sie die Sprache der Körper und der Herzen in der den Bildern angestammten Stummheit. Erbarmen mit den Drachen, wann findet man das schon mal in der Literatur?

Meistens müssen Ritter zuerst einen Drachen erschlagen, um an die damsel in distress heranzukommen, die auf dem Bild von John Everett Millais für das viktorianische Publikum auch noch nett nackt ist. Ich weiß nicht, ob die Unterwäschenfirma Victoria's Secret etwas mit dem ↠viktorianischen Schmuddelsex zu tun hat, könnte aber sein. Aber ich weiß, dass Raymond Chandler das Bild von Millais in seinen Roman The Big Sleep hineingeschrieben hat: The main hallway of the Sternwood place was two stories high. Over the entrance doors, which would have let in a troop of Indian elephants, there was a broad stained-glass panel showing a knight in dark armor rescuing a lady who was tied to a tree and didn’t have any clothes on but some very long and convenient hair. The knight had pushed the vizor of his helmet back to be sociable, and he was fiddling with the knots on the ropes that tied the lady to the tree and not getting anywhere. I stood there and thought that if I lived in the house, I would sooner or later have to climb up there and help him. He didn’t seem to be really trying.

Ritter, Drachen, damsels in distress, das ist seit der ↠Arthurian Romance ein Dauerbrenner. Ich bleibe mal bei der Literatur, lasse alles weg, was da an Monstern im Fantasygenre über die Bildschirme kreucht und fleucht (lesen Sie mehr dazu in ↠Fantasy). Wir haben genug an Rittern der Tafelrunde, haben genug damsels in distress, aber was ist mit den Drachen? In ↠Beowulf: The Monsters and the Critics hat J.R.R. Tolkien gesagt: one dragon, however hot, does not make a summer, or a host; and a man might well exchange for one good dragon what he would not sell for a wilderness. And dragons, real dragons, essential both to the machinery and idea of the poem or tale, are actually rare.

Der Text im ersten Absatz stammt aus dem Buch ↠Der wunde Punkt im Alphabet von Anne Duden. Als mir das Buch im Antiquariat in die Hand fiel, habe ich mich gleich darin festgelesen. Das Buch war auch deshalb interessant, weil da noch ein Brief von Anne Duden an eine Freundin drin lag, mit der sie einmal beim Rotbuch Verlag zusammengearbeit hatte. Man kommt sich da beim Lesen ein wenig wie ein Voyeur vor. Wenn eine Dichterin über Drachen schreibt, sieht das natürlich etwas anders aus, als wenn sich Literaturwissenschaftler des Themas annehmen. Das haben sie schon getan, ich verweise da einmal auf das Buch Good Dragons are Rare: An Inquiry into Literary Dragons East and West.

Heute vor 480 Jahren ist der Maler Albrecht Altdorfer gestorben. Erstaunlicherweise hat er in diesem Blog noch keinen Post. In dem Post ↠Albrecht Dürer habe ich geschrieben: Ich mag Albrecht Altdorfer, ich mag ↠Adam Elsheimer, aber Dürer mit seiner kalten Schönheit bleibt mir fremd. Neben Grünewald oder auch nur neben Altdorfer erscheint er furchtbar trocken und arm. Es kommt hier zu Tage daß sein Verhältnis zur Farbe doch der natürlichen Wärme entbehrte, hat ↠Heinrich Wölfflin gesagt

Das Bild mit dem Heiligen Georg und dem Drachen, das in der Münchener Alten Pinakothek hängt, ist klitzeklein, 28 mal 22 Zentimeter. Aber man vergisst es nie, wenn man es einmal gesehen hat. Viel Wald, ein seltsamer Drache, der wie ein übergroßer Breitmaulfrosch aussieht. Ein Ritter, der sich nicht rührt. Schockstarre? Ein Ausblick auf blaue Berge, der vielleicht später in das Bild gemalt wurde.

Für Simon Schama war es in seinem Buch Landscape and Memory die deutsche Geschichte schlechthin: The story, we begin to understand as the leaves emit light onto yet more leaves, piling up and overlapping in densely embroidered frond-like panels, is the forest. This German wood is not “the setting”; it is the history itself. Nature and Memory ist ein ↠Leseerlebnis, und das Kapitel über den deutschen Wald ist besonders schön: Religion and patriotism, antiquity and the future — all came together in the Teutonic romance of the woods.

Reglos verharrt der Ritter im wogenden gelbgrünen Laubmeer, als zweifle er an seinem Drachentöterverstand, schreibt Anita Albus (die ↠hier einen Post hat) über das Bild. In ihrem Buch ↠Die Kunst der Künste: Erinnerungen an die Malerei hat sie ein schönes Kapitel über den Drachentöter im Laubmeer. Wo wir lesen können: Niemand vor und niemand nach Altdorfer hat die Drachenkampfepisode in einem Urwald dargestellt, und kein anderes Georgsbild zeigt eine Schrecklähmung des Ritters.

Unser Georg, der den Drachen tötet, hat eigentlich nichts mit dem Wald zu tun. Eigentlich ist er in Beirut. Arnold von Harff erzählt in seiner Pilgerfahrt: ... da hauste der König von Phönizien, auf dessen Tochter das Loos fiel, dass sie der Drache verschlingen sollte. Da ging sie von dem Schloss eine halbe wälsche Meile weit am Strande gegen Mitternacht an einen viereckigen steinernen Strunk, den erstieg sie mit einem Lamme, da er hoch über die Erde aufgemauert war, da oben des Drachen zu erwarten. Indem kommt der Ritter St. Georg geritten und frägt die Königin, warum sie so traurig allein stund. Sie antwortet: O edler Herr! fliehet bald von hinnen, hier kömmt ein böser Drache, der mich verschlingen wird und auch euch verderben könnte. Mit den Worten schlug St. Georg ein Kreuz und überwand den Drachen.

Ein bisschen mehr hätten wir uns bei der Beschreibung des Drachenkampfes schon gewünscht. Dieser Drache in Beirut fordert täglich seinen Tribut an Menschenfleisch. So wie die Pflanze in The Little Shop of Horrors, die ständig Feed me sagt. Wenn man dem Wunsch des Beiruter Drachens nicht nachkommt, droht er, die Stadt mit seinem Gifthauch zu verpesten. Es gibt da in der Gegend keine Drachen mehr, aber Gifthauch kennen sie da im Nachbarstaat schon.

In Altdorfers Heimat an der Donaus gab es keine Drachen, er wusste nicht, wie sie aussehen. Aber Wald gibt es da, wie Bäume aussehen, das weiß der Albrecht Altdorfer schon. Und doch malt er einen Laubwald mit Blättern, die anders aussehen als in der Wirklichkeit oder in einem Bestimmungsbuch von Joachim Camerarius. Am ehesten könnte man die Laubmauer mit den seltsamen Blättern mit zwei Seitentafeln eines Altars von ↠Gerard David vergleichen. Die festumrissene Gestalt der Blätte und Bäume lässt Altdorfer kalt, was ihn entflammt, sind die Kaskaden des Lichts in den Turbulenzen des Laubmeeres, die der Wind erzeugt, schreibt Anita Albus.

Auf dieses Buch mit dem Titel Albrecht Altdorfer and the Origins of Landscape sollte ich zum Schluss noch hinweisen. Denn Altdorfer hat nicht nur den Laubwald mit dem putzigen Drachen gemalt, er hat für Deutschland auch die Landschaftsmalerei erfunden. Mit wilden Wäldern, man nennt die Maler der sogenannten Donauschule auch die ↠wilden Maler von der Donau. Dass Altdorfer, zu dem ich hier noch einen kleinen ↠Film habe, etwas Besonders war, das war mir schon klar, als ich noch klein war. Ich war vielleicht sieben, als ich versuchte, all die Menschen zu zählen, die auf seiner ↠Alexanderschlacht abgebildet sind. Ich habe mich immer wieder verzählt, aber es ist eine schöne Übung, um das Bild zu verstehen. Ich hätte auch die Blätter des Laubwaldes zählen können, der den Georg mit seiner schwarzen Rüstung umgibt, aber das habe ich lieber gelassen.

Samstag, 10. Februar 2018

Fenstersturz


Am 10. Februar des Jahres 1798 hat die Armée de Rome unter General Louis-Alexandre Berthier Rom eingenommen, sechs Jahre später macht Napoleon den Mann, der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg unter Lafayette diente, zum Marschall. Und überhäuft ihn mit Titeln und Geschenken. Wenn man dieser veralteten Seite glauben will, ist Berthier ein hervorragender General gewesen. Andere sehen das ganz anders. Im spanischen Feldzug glänzte er durch neue Uniformen, die er selbst entworfen hatte. Durch nichts anderes. Er ist Napoleons Stabschef für beinahe zwei Jahrzehnte. Mit Landkarten und Organisation ist er gut, eine Armee im Felde darf man ihm nicht anvertrauen. Als Napoleons Stern am Sinken ist, ist Berthier der erste, der sich Ludwig XVIII andient. Von dem bekommt er wieder neue Geschenke, wird Hauptmann der Leibwache des Königs, Pair von Frankreich und Kommandeur des Ordens de Saint-Louis.

Sein Fürstentum Neuchâtel verkauft er dem König von Preußen gegen eine Pension von 34.000 Talern. Deshalb kann Wilhelm II eines Tages auch die Uniform der ➱Neuenburger Garde Schützen tragen. Wenn der französische König flieht, weil Napoleon wieder vor Paris steht, begleitet Berthier ihn auf seiner Flucht in die Niederlande. Nimmt dann Urlaub, um seine Frau (eine Nichte des Königs Maximilian I. Joseph von Bayern) und seine Kinder zu besuchen, die sich in der Bamberger Residenz aufhalten. Das ist die offizielle Version. In Wirklichkeit ist er längst beim König in Ungnade gefallen, weil der entdeckt hatte, dass Berthier insgeheim mit Napoleon korrespondiert. Napoleon hätte Berthier gerne wieder als Stabschef an seiner Seite. Nach der Schlacht von Waterloo hat er gesgt: Si j’avais eu Berthier, je n’aurais pas eu ce malheur. Ausreden findet Napoleon immer.

Ich habe Ihnen bisher diese Dame verschwiegen, die größte Eroberung, die Berthier in Italien macht. Sie heißt ➱Giuseppa Carcano, heiratet einen Grafen Sopransi und nach dessen Tod einen Marquis Francesco Visconti di Borgorato. Berthier nimmt sie mit nach Paris. Den Marquis auch. Zum Missfallen Napoleons: Votre passion a duré trop longtemps, elle est devenue ridicule, et j’ai le droit d’espérer que celui que j’ai nommé mon compagnon d’armes ne restera pas plus longtemps abandonné à une faiblesse sans exemple. Je veux donc que vous vous mariez, sans cela je ne vous verrai plus. Vous avez cinquante ans, mais vous êtes d’une race où l’on vit quatre vingt, et ces trente années sont celles où les douceurs du ménage vous seront le plus nécessaires… vous savez que personne ne vous aime plus que moi et vous savez aussi que la première condition de mon amitié est qu’elle soit subordonnée à mon estime. Vous l’avez méritée jusqu’ici, continuez à vous en rendre digne en concourant à mes projets et en devenant la souche d’une bonne et grand famille.

Berthier missachtet Napoleons Anweisungen, er bleibt seiner Geliebten treu. Und als Napoleon ihn in eine Zwangsheirat mit der bayrischen Prinzessin treibt, wohnt die Visconti weiterhin bei ihm, eine ménage à trois, die immer wieder für Spott sorgt. Die Damen sind beinahe Freundinnen geworden, sie spielen abends Karten zusammen. Aber jetzt ist der Marschall in Bamberg, die geliebte Visconti ist in Paris. Die bayrische Geheimpolizei bespitzelt Berthier Tag und Nacht. Er möchte gerne nach Frankreich zurück. Zum Beispiel hierhin. Das ist das Schloss Chambord. Napoleon hat ihm das geschenkt, ganze zwei Tage ist Berthier bisher dort gewesen.

Er beantragt für sich und seine Familie Pässe für Frankreich. Er bekommt sie nicht. Metternich will ihn nicht in Frankreich haben, zu groß ist die Gefahr, dass er sich wieder Napoleon anschliesst. Doch dann kommt der erste Juni des Jahres 1815 - bis zur Schlacht von Waterloo sind es noch zwei Wochen hin, aber die Russen marschieren schon durch Bamberg. Berthier beobachtet den Aufmarsch, ruft: Ce défilé n’aura donc pas de fin ! Pauvre France, que vas-tu devenir? Et moi, je suis ici! Und fällt aus dem Fenster der Residenz, er ist sofort tot. Als Napoleon die Todesnachricht überbracht wird, soll er ohnmächtig geworden sein.

Wir haben jetzt drei Möglichkeiten. Nummer Eins: Es war ein Unfall. Er ist auf dem Sessel ausgerutscht, den er sich ans Fenster gestellt hat, um die Russen zu beobachten: Er beobachtete vom Fenster aus die herannahenden russischen Truppen, während er das Zeichen gab, die Wagen für die Flucht einzuspannen. Um besonders gut sehen zu können, ist er nach Zeugenaussagen auf einen Fauteuil am "Fenstertritt" gestiegen und habe wiederholt ausgerufen: "Ma pauvre patrie!" Dann habe man den Sessel fallen hören, und Madame Gallien, Bonne der fürstlichen Kinder, habe sich von dem unglücklichen Sturze überzeugen müssen. Aber warum soll er die russischen Truppen beobachten? Er weiß, dass sie da sind. Er hat den Abend zuvor mit ihren Generälen gespeist. Sein Schwiegervater Herzog Wilhelm in Bayern hatte ein Diner zu Ehren der Russen gegeben. Der russische General ➱Fabian von der Osten-Sacken macht Berthier das zweischneidige Kompliment, dass er einer der wenigen französischen Marschälle sei, die ihrem König die Treue hielten.

Wir schließen den Unfall einmal aus. Wir haben dann noch Sätze wie: Aber in seinem Gemüthe von tiefer Schwermuth, endete er, des Daseyns müde, sein Leben, indem er sich am 1. Jun. Nachmittags um 1 Uhr, aus einem Fenster der dritten Etage der herzoglichen Residenz stürzte. Schwere Depressionen soll er plötzlich gehabt haben, sein behandelnder Arzt weiß nur etwas von Gastritis und Gicht, nichts von ➱Depressionen. Aber wir haben noch eine dritte Möglichkeit. Es hält sich das Gerücht, dass da mittags sechs Herren mit schwarzen Masken gekommen sein, den Fürsten von Wagram ergriffen und ihn aus dem Fenster geworfen haben.

Mir gefällt diese Theorie, auch wenn sie ein klein wenig etwas von einer Verschwörungstheorie hat. Doch wir müssen bedenken, dass es jetzt den terreur blanche gibt. Napoleons Generäle und Marschälle leben in diesen Tagen gefährlich. Bevor man ➱Michel Ney erschiesst, sind in dem terreur blanche schon andere Marschälle und Generäle umgekommen. Marschall Brune wurde in Avignon von einem royalistischen Mob aus der Kutsche gezerrt, zu Tode getrampelt und in die Rhône geworfen. Jean-Piere Ramel wurde in Toulouse ermordet. ➱Joachim Murat, der König von Neapel, wurde in Kalabrien standrechtlich erschossen. Ebenso wird der General Charles Angélique François Huchet de La Bédoyère im August in Paris erschossen. Marschall Soult kann nach einer Warnung durch den englischen General Robert Wilson in das Herzogtum Berg entkommen. Obgleich Wilson in Spanien gegen Soult gekämpft hat, fände er es jetzt nicht gentlemanlike, seinen einstigen Gegner der Rachsucht der Bourbonen ausgeliefert sein zu lassen. Napoleons Freund Comte Lavalette gelingt eine Nacht vor seiner Hinrichtung die Flucht in den Kleidern seiner Frau. Über England gelangt er zu seinem Schwiegervater Maximilian Joseph von Bayern. Seine Frau, die mit ihm die Kleider getauscht hat, behält man aber noch ein Jahr im Gefängnis. Als Lavalette 1820 nach Frankreich zurückkehren darf, ist seine Emilie wahnsinnig geworden und erkennt ihn nicht mehr.

Maria Elisabeth in Bayern darf ihren Titel einer Fürstin Wagram behalten, das Schloss Chambord auch. Das wird sie 1819 verkaufen. Die Visconti ist über die Jahre fett geworden, halb gelähmt, kann ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Sie wird nach dem Tod von Berthier noch ein Vierteljahrhundert leben. Das hier ist kein Photo aus dem 19. Jahrhundert, hier haben sich die ➱Nachkommen von Berthier im Jahre 1913 in historische Kostüme geworfen, um die gute alte Zeit nachzuspielen. War die gute alte Zeit jemals gut?

Freitag, 9. Februar 2018

Grünkohl


Es ist kalt, die Sonne scheint, es liegt noch ein bisschen Schnee. Das ist die richtige Zeit für den Grünkohl. Also das, was wir Bremer Kohl und Pinkel nennen. Der Post zu dem Bremer Nationalgericht taucht hier im Winter immer wieder auf, das ist schon zu einer Tradition geworden. Ich stelle ihn heute noch einmal ein, erweitert durch ein Gedicht von Fritz Theodor Overbeck. Der ist der Sohn des Malerehepaars Fritz und Hermine Overbeck. Ein Winterbild von Fritz Overbeck habe ich hier heute auch (ich habe auch eins im Wohnzimmer), das ist allerdings nicht in Worpswede gemalt. Die haben zwar den Weyerberg, aber solche Berge wie hier haben die da nicht. Das Bild wurde in Davos gemalt, wo Overbeck seine Frau besuchte, als die an der Tuberkulose erkrankt war. Das 1908 gemalte Bild ist bei Ketterer für 1.290 € versteigert worden, ich fürchte meine Winterlandschaft mit der Tanne im Schnee ist auch nicht viel mehr wert. Aber nun zu dem Gedicht von Fritz Theodor Overbeck:

Der Gärtner Pohl und Schlachter Kinkel 
Die strebten sehr nach Kohl und Pinkel, 
Denn welcher Bürger schätzt es nicht, 
Dies winterliche Leibgericht! 
Den Kohl hat Pohl, doch keinen Pinkel, 
Denn diesen fabriziert ja Kinkel 
Und deshalb sprach zu Kinkel Pohl: 
Du stiftest Pinkel, - ich geb Kohl! 
So war es denn nur wohl geraten, 
Daß beide sich zusammentaten. 
Als dann Frau Kinkel Pinkel kochte, 
So wie es Pohl wie Kinkel mochte, 
Mit Röstkartoffel, rundlich klein, 
Wie es für Pinkelkohl muß sein, 
Mit etwas Zucker, bräunlich-gold, 
Schön in der Pfanne abgerollt: 
Da ward das Werk begeisterlich! 
Frau Kinkel kochte meisterlich! 
Und ihre Kochkunst priesen lange 
Noch Pohl und Kinkel im Gesange. 
Vom Schmause blieb kein Restchen mehr, 
Auch eine Buddel "Korn" war leer. 
Und hier lag Pohl, und dort ruht' Kinkel, 
Gefüllt mit süßem Kohl und Pinkel, 
und beide schnarchten um die Wette 
Noch eh' man brachte sie zu Bette.

Das Gedicht gehört sicherlich nicht zu den größten literarischen Schöpfungen des Autors. Wenn Sie etwas Nettes von ihm lesen wollen, dann lesen Sie Kattenhorns Pferd, eine Geschichte, die Fritz Overbeck seinen Kindern erzählt und die sein Sohn aufgeschrieben hat. Fritz Overbeck hat bestimmt auch Grünkohl gegessen. Spätesten, wenn er bei Hermann Allmers eingeladen war. Auf dem Photo sitzt Overbeck vorne links neben Allmers. Unser Marschendichter hat für das Grünkohlessen extra ein Lied geschrieben, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Wenn Feld und Wald und Wiese weiß
Von Rauhreif ist und Schnee und Eis,
Ist doch dem heimatlichen Norden
Ein köstliches Geschenk geworden.
Denn freundlich grüßt und hold und traut
Ein liebes wohlbekanntes Kraut
Und lacht uns an wie Frühlingsklee
Hervor aus Reif und Eis und Schnee.
Wer preist nicht unsern braunen Kohl,
Den lieben, leckern Heimatsegen.
Heut strömt sein Duft uns hold entgegen,
Des teuren Heimatlands Symbol.
Wem lacht das Herz nicht vor Vergnügen!
Nordwester auf! Greift zu den Krügen,
Setzt an und trinkt in vollen Zügen.
Hoch unsre Heimat und ihr Wohl!


Aber nun genug der Präliminarien, ich weiß, Sie warten schon auf den Grünkohl:

Grünkohl für Holland heißt ein Theaterstück von Otto Jägersberg. Der Autor hat sich mal vor dem Straßenschild der gleichnamigen Kieler Straße Jägersberg photographieren lassen und dann scherzhafterweise behauptet, sie sei nach ihm benannt. Kann man noch auf Diogenes Paperbacks aus den siebziger Jahren sehen. Ich habe alles gekauft, was Otto Jägersberg geschrieben hat, habe es gelesen und im Regal stehen. Das habe ich nur von wenigen deutschen Autoren gemacht, die mein Leben begleitet haben: Rolf Dieter Brinkmann, Uli Becker und Arno Schmidt. Arno Schmidt hat nette Dinge über den ersten Roman von Jägersberg gesagt, und wenn Diogenes einen als Autor nimmt, dann kann man nicht ganz schlecht sein.

Jägersberg ist so alt wie ich, er kommt aus Westfalen. Wie Uli Becker. Und die Gegend, wo Brinkmann herkommt, ist ja eigentlich auch schon Westfalen. In Jägersbergs ersten Romanen habe ich in Diktion und Akzent die ganze Verwandtschaft von Oppa wieder reden hören. Irgendwann hat Jägersberg aufgehört zu schreiben, er hat noch Drehbücher geschrieben und ich habe mal im Nachtprogramm des Fernsehens einen Film über Mode von ihm gesehen. Aber er schreibt leider nicht mehr so tolle Dinge wie Weihrauch und PumpernickelNette Leute oder Grünkohl für Holland. Das hat er selbst fürs Fernsehen inszeniert, die ARD hat es am 5.6.1973 um 21 Uhr gezeigt. Das war ein Dienstag, ich weiß das noch, weil ich mir in jener Woche am Freitag beim Fußball den Daumen gebrochen habe.

Grünkohl für Holland gehört mit zwei anderen Stücken zu einem kleinen Band, der Cosa Nostra: Drei Stücke aus dem bürgerlichen Heldenleben, heißt. Die Stücke haben viel gemeinsam, aber nur in einem wird über Grünkohl geredet. Die da reden, haben keine Namen, sie heißen SIE und ER. Eigentlich haben sie eine Ehe- und Lebenskrise, aber sie reden die ganze Zeit über übers Essen. Das absurde Theater hat die deutsche Küche erreicht. Das Stück ist eine Kreuzung aus Beckett und Loriot. Der wird das sicher gelesen haben, denn sein Schwiegersohn ist der Cheflektor von Diogenes. Jägersberg hatte der Verlagschef Daniel Keel schon Anfang der sechziger Jahre entdeckt und sofort Weihrauch und Pumpernickel: Ein westpfählisches Sittenbild auf den Markt gebracht, wahrscheinlich auch deshalb, weil ihm Arno Schmidt diesen lobenden Brief geschrieben hat. 

Die großen Fragen der Menschheit, die in Grünkohl für Holland behandelt werden, sind Leitsätze für jeden Grünkohlliebhaber in Bremen. Dass Holländer keinen Grünkohl anbauen können und dass der Kohl den ersten Frost gehabt haben muss, damit er so richtig knackig ist. Beides stimmt wahrscheinlich nicht, aber man gibt seine Vorurteile ungern auf. Hier reden zwei Menschen in der Küche über Tomatenmark, Paprika, Rosenkohl, Käse und Bratkartoffeln, aber eigentlich reden sie über etwas anderes. Das ist die Vorwegnahme von Unterhaltungen von Yuppies, deren Leben so inhaltsleer ist, dass sie nur noch die Namen von angesagten Lokalen austauschen können. Die amerikanische Soziologin Deborah Silverman schilderte auf dem Höhepunkt dieses Unwesens eine Gesprächsrunde, bei der der New Yorker Gastgeber (dem das stundenlange Aufzählen von Insiderlokalen zu blöd wird) den Namen Proust ins Gespräch bringt. Die Gäste halten das für ein neues angesagtes Lokal.

Der Ehemann in Jägersbergs Theaterstück schwärmt vom Hotel Graf Anton Günther in Oldenburg, wo er 1957 diesen tollen Grünkohl gegessen hat, seine Frau hat die Geschichte schon tausendmal gehört, wie alle seine Geschichten. Im Graf Anton Günther haben wir häufiger gegessen. Wenn man in Oldenburg ist, muß man da einfach essen. So wie man in Bremen damals ins Essighaus ging, wenn man fein essen wollte. Ansonsten ist der gastronomische Tourismus in den fünfziger Jahren noch nicht ausgebrochen. Das einzige Lokal von einer gewissen Berühmtheit ist der Blaue Fasan in Wiesmoor. Und im Fernsehen gibt es damals noch keine dreißig Kochsendungen, sondern bestenfalls den Fernsehkoch Clemens Wilmenrod, der allerdings nur Schauspieler war und niemals Koch gelernt hatte. Das Hotel in Oldenburg, das nach dem berühmtesten Landesherrn heißt (der sein Land aus allen Wirren des dreißigjährigen Krieges herausgehalten hat), ist alt und hat Butzenscheiben. Und ein großes Fresko aus dem Jahre 1894 vorne an der Wand, das den Grafen auf seinem Lieblingspferd Kranich zeigt.

Aber Grünkohl haben wir da nie gegessen, den isst man am besten bei Muttern zu Hause oder auf einem Grünkohlausflug. Der führt uns immer mit den Familien der Skatklubgruppe nach Bookholzberg am Rande des Hasbruch. Und da sitzen dann fünf Familien mit Kind und Kegel an langen Tischen und essen Kohl und Pinkel. Letzteres verwirrt Nicht-Bremer immer sehr. Laut dem Bremisches Koch- und Wirthschaftsbuch enthaltend eine sehr deutliche Anweisung wie man Speisen und Backwerk für alle Stände Gut zubereitet. Für junge Frauenzimmer, welche ihre Küche und Haushaltung selbst besorgen und ihre Geschäfte mit Nutzen betreiben von der Pädagogin Betty Gleim enthält die Pinkelwurst Hafergrütze, Nierenfett, Zwiebeln, Pfeffer und Salz. Diese Masse wird in den Pinkeldarm (den Mastdarm des Rindes) gefüllt und (mit dem Kohl gekocht) als Beilage zum Grünkohl serviert. Zusätzlich zu Kassler Rippenspeer, durchwachsenem Speck und Kochwurst. Die Fleischbeilagen können in Norddeutschland regional etwas anders ausfallen, in Emden kriegt man keinen Pinkel zum Kohl. Die Kartoffeln, die dazu gereicht werden, sind häufig in Zucker glasiert oder Röstkartoffeln. Meine Mutter wirft auch immer noch einen Esslöffel Zucker in den Kohl.

Dazu muß man natürlich Bier und Doppelkorn trinken, etwas anderes geht nicht. Für ständigen Nachschub an Kohl, Kartoffeln und Fleisch sorgen die Kellner, die immer wieder ungefragt Schüsseln auf den Tisch stellen. Kohl und Pinkel satt heißt es in den Werbeanzeigen, die man jetzt in jeder Zeitung lesen kann (die erste ist 1843 in den Bremer Nachrichten belegt). Dennoch, die Fleischbeilagen können so satt sein wie sie wollen, wenn es mit dem Kohl nicht stimmt, dann fährt man da im nächsten Jahr nicht wieder hin. Wer am meisten essen kann, wird Kohlkönig. Manche Vereine auf Kohl- und Pinkelfahrt bringen eine Waage mit, auf der die Vereinsmitglieder vor und nach dem Essen gewogen werden. Das ist alles schon streng ritualisiert. Diese Kohl- und Pinkelfahrten gibt es in Norddeutschland (sprich Bremen, Oldenburg und Ostfriesland) seit dem frühen 19. Jahrhundert. Aus einer solchen Fahrt ist 1829 die Bremer Eiswette hervorgegangen. Anfänglich hatten sie auch den Namen Langkohlpartien und waren eine reine Herrengesellschaft der besseren Gesellschaft. Der Schriftsteller Eduard Beurmann (der Bremen wegen einer Liebesaffaire verlassen musste) schreibt 1836 etwas boshaft über die Bremer:

Gott! Ein bremischer Tabak- oder Weinreisender würde er nicht an den Quellen des Nils, in Is-und Lappland als Bremer zu erkennen seyn? Er würde dem Vicekönig von Egypten die Bremer Cigarren vor dem türkischen Rauchtabak anempfehlen, dem Isländer würde er „Pinkeln“ und Braunkohl anpreisen, dem Lappen würde er den Bremer Wallfischthran rekommandieren...wie er im Winter, beim Anblick der Schweizer Gletscher, ausrufen möchte: „Es flimmert und glänzt wie Silber, aber der Braunkohl von Bremen wächst nicht unter dem Schnee der Gletscher, und wenn ich jetzt in Bremen wäre, ich würde eine „Langkohlparthie“ nach Horn mitmachen.“ 

Die Langkohlpartien werden zunehmend demokratisiert, auch Frauen werden zugelassen und irgendwann sind sie etwas, was jeder in Bremen einmal im Jahr macht. Obgleich der braune Langkohl des 19. Jahrhunderts, von dem die Bauern die unteren 90 Prozent an das Vieh verfütterten, gar nicht mehr angebaut wird. Angeblich sagt man in Oldenburg Grünkohl und in Bremen Braunkohl, aber das kann ich nicht bestätigen, weil ich in Bremen noch nie jemanden Braunkohl habe sagen hören. Da, wo Opa herkommt, heißt das Zeug etwas ironisch Lippische Palme. Diese Kohlsorte ist im Übrigen sehr alt, schon die alten Römer haben sie gekannt. Die Oldenburger und Bremer streiten sich immer darüber, wer das Gericht als erster auf den Tisch gebracht hat. Da siegen die Bremer ganz einwandfrei: seit 1545 steht Kohl und Pinkel auf der Speisekarte der Schaffermahlzeit. 

Aus den Langkohlpartien werden die Kohl- und Pinkelfahrten, raus aus Bremen, rein in die Landgasthöfe der Umgebung. Die haben im Januar und Februar Hochsaison. Diese Fahrten werden von Kegelklubs, Schützenvereinen, Fußballvereinen, Lehrerkollegien und Betrieben gemacht und sind aus dem Bremer Leben im Januar und Februar (wenn der Kohl schön knackig angefroren ist) nicht mehr wegzudenken. Sogar die Wissenschaft hat sich schon auf sie gestürzt. Seit dem Jahre 1988 gibt es eine Doktorarbeit mit dem schönen Titel Kohl- und Pinkelfahrten: Geschichte und Struktur einer Festzeit in Norddeutschland, die soziologisch volkskundlich alles über diesen Brauch enthält. Einschließlich ausgewerteter Fragebögen von hunderten von Teilnehmern. Ich weiß nicht, ob der Verfasser Martin Westphal an der Uni Münster zum Dr. phil. promoviert wurde oder ob er Dr. kohl ist. Die Arbeit hat seiner Karriere nicht geschadet, er ist heute der Leiter des Historischen Museums in Rendsburg. Sein Buch gehört zu den am häufigsten angefragten Titeln in der Bibliothek der Oldenburger Grünkohl-Akademie. Auch so was gibt es, die Nordddeutschen nehmen ihren Grünkohl schon sehr ernst.

Auch bei uns am Tisch ist das Essen eine ernste Sache, alle Teile des Gerichtes werden sachkundig kommentiert und mit anderen Kohl-und Pinkelgerichten verglichen, die man irgendwann irgendwo gegessen hat oder selbst gekocht hat. Jedes Jahr werden wieder Rezepte ausgetauscht, an die sich aber niemand hält. Butenbremer, die jetzt schon studieren, bekommen von ihren Eltern Pinkelwurst an den Studienort nachgeschickt, außerhalb Bremens kriegt man vielleicht Kohl, aber keinen Pinkel. Nach dem Essen gehen wir erstmal stundenlang im Hasbruch spazieren, das ist besonders schön, wenn der Boden gefroren ist und Schnee liegt. Wenn der Boden vom Regen naß und matschig ist, kann man den Hasbruch vergessen. Das ist nämlich ein echter Urwald. Tausendjährige Eichen. Die vierhundertjährigen Franzosenbuchen mussten gerade gefällt werden, weil sie eine Gefahr für Spaziergänger darstellten. Nach dem Verdauungsspaziergang geht es wieder zurück in den Gasthof für Kaffee und Kuchen, es ist eigentlich unglaublich, dass der Magen schon wieder aufnahmefähig ist. Wenn die Kegelbahn frei ist, kegeln wir vorher alle noch eine Runde.

Mittlerweile sind die Tische umgestellt worden, eine Tanzfläche wurde freigeräumt. Eine Kapelle ist erschienen und spielt langsame Tanzmusik. Dicke Bäuerinnen mit Strickjacken überm Kleid tanzen miteinander, ihren Kerl kriegen die jetzt nicht mehr vom Tisch hoch. Nachdem der Kaffee und Kuchen und fett Sahne intus hat, fängt er an Konjäckchen zu schnasseln. Den Asbach lass’ mal gleich hier auf dem Tisch stehen, sagt er gönnerhaft zur Serviererin. Danach wird es bei den meisten Festivitäten gemischt, wie man so schön sagt. Auch das hat Dr. Westphal untersucht. Wir bekommen davon aber nichts mit, weil wir alle wieder in unsere Limousinen gestiegen sind und auf dem Weg nach Bremen sind. Aber für viele ist das jetzt der Ersatz für Karneval. Geben auf dem Fragebogen von Westphal viele an. Es gibt auch einen Fragebogen für das Personal, wo auch Fragen nach alkoholisierten Übergriffen der Gäste auf weibliche Bedienstete drinstehen. Der Doktor, der seinen Titel den Kohl- und Pinkelfahrten (KPF) verdankt, hat an alles gedacht. Ist natürlich scheinwissenschaftlicher Tüddelkram. Wenn man einmal eine KPF bis zum bitteren Ende mitgemacht hat, dann weiß man, wie das läuft.

Die Gattin in Jägersbergs Theaterstück, die die Geschichte mit dem Hotel Graf Anton Günther in Oldenburg, mit dem besten Grünkohl aller Zeiten und dem Frost, den der Kohl braucht, um knackig zu werden, schon tausendmal gehört hat, hat diesmal im sanften Ehekrieg etwas Neues. Grünkohlflöhe. Hat ihr der Gemüsehändler gesagt, der Kohl braucht den Frost, damit die Grünkohlflöhe absterben. Grünkohlflöhe, ich werde wahnsinnig, sagt der Mann. Die Dialoge werden lauter. Sie schreit Wenn Du immer mit Deinem Grünkohl anfängst, und Dein blöder Grünkohl. Am Ende, nach ein paar gehässigen Bemerkungen über die Langsamkeit der Holländer scheinen sie wieder versöhnt. Es könnte jetzt aber auch ein Mord passieren.