Montag, 22. Mai 2017

Exzentriker


In diesen Tagen, wo wir uns daran gewöhnt haben, dass alle Menschen so sind wie die Frau aus der Uckermark und der Mann aus Würselen, muss mal eben an einen Mann erinnert werden, der wirklich ein klein wenig exzentrisch war. Er hieß Fabian Avenarius Lloyd und nannte sich Arthur Cravan. Er war ein Neffe von ➱Oscar Wilde, über den er eine Vielzahl von Gerüchten verbreitete, die aber alle nicht wahr waren. Der Dichter Arthur Cravan, der heute vor 130 Jahren geboren wurde, hat sich in einem Gedicht so beschrieben:

I would like to be in Vienna and in Calcutta, catching every train and every ship,
fornicating with every woman and devouring every dish.
Socialite, chemist, whore, drunk, musician, worker, painter, acrobat, actor;
Old, young, swindler, hoodlum, angel and reveler;
millionaire, bourgeois, cactus, giraffe or crow;
Coward, hero, negro, monkey, Don Juan, pimp, lord,
peasant, hunter, industrialist, Fauna and flora:
I am all things, all men and all animals!

Jetzt kennen wir ihn, man könnte ihn nicht besser beschreiben. Die Verse sind die englische Übersetzung seines Gedichtes Hie!, das Sie ➱hier ganz lesen können. Arthur Cravan ist nicht nur Dichter, Dandy und Säufer, er tritt auch als Sänger und Conferencier auf. Und als Boxer. Er ist überall in Europa, nur nicht in England. In England herrscht die Wehrpflicht, in die Armee und in den Weltkrieg will er nicht. Er reist mit falschen Pässen. Die Dadaisten und Surrealisten werden den König der verkrachten Existenzen als einen der ihren verehren.

Die Ehe mit der Dichterin Mina Loy, deren Gedichte von Eliot und ➱Pound geschätzt wurden, war kurz. Mina Loy wartete am Strand von Salina Cruz darauf, dass er von der Probefahrt mit der kleinen Yacht, die er gerade gekauft hatte, zurückkam. Er kam nie wieder. Viele glaubten, dass sein Tod nur vorgetäuscht war. Arthur Cravan n’est pas mort noyé hat Philippe Dagen sein Buch über Cravan genannt, noyé heißt ertrunken.

Das bringt mich, man verzeihe mir diese Digression, auf den französischen Film ➱Noyade Interdite. Ein Film mit vielen schönen Frauen und ➱Guy Marchand und ➱Philippe Noiret. Warum gibt es den nicht mal auf DVD? Wenn Sie den Filmtitel anklicken, können Sie den Krimi ganz anschauen. Konnte Arthur Cravan wirklich segeln? Konnte er schwimmen? Oder suchte er den Tod im Golf von Mexico? Ein Tod wie ➱Percy Bysshe Shelley, das ist so ein Abgang, wie er zu dem Mann passt, der über sich sagte: I may be the king of the ruined existence but at least I’m the king of something!

Mina Loy hat ihn noch lange gesucht, weil sie nicht glaubte, dass er etrunken sei. Mexiko ist ja ein guter Ort zum Verschwinden, Ambrose Bierce ist da verschwunden. Und was wären die Romane von ➱Cormac McCarthy und Filme wie ➱Out of the Past ohne Mexiko? Mina Loy wird in Paris einen schüchternen deutschen Maler kennenlernen, über den sie ihren einzigen Roman schreibt. Der hat den Titel ➱Insel, und der Held des Romans ist niemand anderer als der deutsche Maler ➱Richard Oelze. Der Roman aus den dreißiger Jahren wurde erst 1991 veröffentlicht. Ich weiß nicht, ob man das lesen muss. Aber Arthur Cravan lohnt sich zu lesen. Seit einigen Jahren gibt es bei der Edition Nautilus eine überarbeitete und erweiterte Ausgabe von König der verkrachten Existenzen (auf der Seite gibt es auch eine ➱Leseprobe).

Samstag, 20. Mai 2017

Soziologie


Das hier ist ein Buch, dem man 1960 nicht entgehen konnte: Faust in Bildern, ein Bildband der Hamburger Theaterphotographin Rosemarie Clausen über Gustav Gründgens und Will Quadflieg. Bekam man zum Geburtstag, zur Konfirmation, es war ein Buch, das man immer verschenken konnte. Es steht immer noch bei mir im Regal. Gustaf Gründgens kommt mit dem Namen auf das Buch, Quadflieg nicht. Da ist es völlig gleichgültig, dass der den titelgebenden Faust spielt. Gründgens ist berühmter als er. Und er hat den Teufel schon über dreihundert Mal gespielt. Dagegen kommt Quadflieg nicht an, auch wenn er Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie studiert hat. Gustaf Gründgens wird schon in den Posts Spielregeln Herrenausstatter und  Lederjacken erwähnt, Quadflieg in dem Post ➱Lesum, weil er dort gewohnt hat. Der Ort ist bei uns bei uns gleich um die Ecke, mit dem Buch Sommer in Lesmona wachsen Bremer auf. Rosemarie Clausen war eine berühmte Theaterphotographin, aber ihr Sohn wurde noch berühmter als sie.

Der Kieler Soziologe Lars Clausen, der heute vor sieben Jahren starb, war ein großer Mann. Der Satz ist doppeldeutig, das soll er auch sein. Er war von großer, massiver Statur, und er war ein bedeutender Gelehrter. Und ein Mensch, der bei aller Gelehrsamkeit herzerfrischend normal war. Und viel Humor hatte. Wenn man ihn in einer Buchhandlung traf, war man sofort im Gespräch mit ihm, das ging nicht anders. Auch wenn die Verkäuferin an der Kasse etwas verzweifelt auf ihr Geld wartete. Ein gutes Gespräch geht vor.

Lars Clausen war dreißig Jahre an der Kieler Universität, was erstaunlich war. Denn als er kam, war die Uni fest in der Hand der CDU, und mit der Partei hatte Clausen nicht so viel im Sinn. Er ließ sich nicht vertreiben wie Karl-Otto Apel, der ➱hier einen wirklich häufig gelesenen Post hat. An dieser Stelle muss ich einmal sagen, dass es mich immer wieder freut, dass meine kleinen Ausflüge in die Philosophie (also Posts wie ➱Philosophenwitze, ➱Gabriel Marcel, ➱Heidegger, ➱Roland Barthes, ➱Albert Camus, ➱Hegel, ➱Montaigne, ➱Kant, ➱Erwin Chargaff und ➱Karl Marx) von den Lesern dermaßen goutiert werden. Ich will heute eigentlich nicht über das Werk des Soziologen Lars Clausen schreiben. Kann dazu aber einiges empfehlen: ➱Meine Einführung in die Soziologie: 15 Vorlesungen in freier Rede, als Taschenbuch bei Stroemfeld erschienen, da geht nix drüber. Wenn Sie kostenfrei den Stil von Clausen kennenlernen möchten, dann klicken Sie diesen ➱Aufsatz an. Und dann hätte ich noch etwas sehr Interessantes: Spektrum der Literatur aus der Reihe Die große Bertelsmann Lexikothek. Bekommt man antiquarisch sehr preiswert.

Man mag über Bertelsmann ein wenig die Nase rümpfen, gilt als nicht so fein. Aber ich lasse da nichts drauf kommen, wenn meine Mutter in den fünfziger Jahren nicht Mitglied des Bertelsmann Leseclubs gewesen wäre, hätte ich einen Schriftsteller wie ➱Otto Flake nicht kennengelernt. Der Band Spektrum der Literatur ist von Clausen und seiner Frau Bettina herausgegeben, die war (nach einer kurzen Karriere als Schauspielerin) Germanistikprofessorin. Hätte Lars Clausen die nicht an seiner Seite gehabt, hätte er sich vielleicht nicht an diesen Band herangetraut. Oder doch: er traute sich an vieles heran, und da lassen wir es einmal unerwähnt, dass er für ➱Arno Schmidt den Goethepreis entgegengenommen und für Reemtsma das Lösegeld überbracht hatte.

Mit Arno Schmidt verband ihn eine lange Brieffreundschaft, er hat auch einmal eine schöne ➱Rede auf Arno Schmidt gehalten. Zehn Jahre, nachdem er für Arno Schmidt den Preis entgegen genommen hatte, hat er sich an diesen Moment erinnert: Es war schön, ein Mal mit langem Atem loben dürfen. Ins Gesicht konnte man es ihm nicht sagen. Also auch damals vor 10 Jahren nicht. Wie denn auch.Er im Schaukasten, auf dem Eckplatz 1. Reihe, Paulskirche, am 28. August, gut ausgeleuchtet? Er ließ danken und sagen, als hätte er keinen Preis bekommen. »Ich möchte mich nicht wiederholen«. Wem immer hätte es geholfen, den Mann zu sehen. Hatte doch ein jeder seinen Grob-Schmidt dabei; und verlieh wer weiß Wem den Goethe-Preis. So »schmückt´ er sich die schöne Gartenzinne,/ von wannen er der Sterne Wort vernahm,/ das dem gleich ew´gen, gleich lebend´gen Sinne / geheimnisvoll und klar entgegen kam. / Dort, sich und uns zu köstlichem Gewinne, / verwechselt´ er die Zeiten wundersam, / begegnet´ so, im Würdigsten beschäftigt, / der Dämmerung, der Nacht, die uns entkräftigt.«

Jan Philipp Reemtsma hat Clausen die ➱Tönnies Medaille verliehen. Ich bin kein Fachmann für Soziologie. Ich verbinde mit dem Fach das schöne und sorgfältig gehätschelte Vorurteil, dass ein Examen in Soziologie einem den Taxenschein in Berlin garantiert, ich weiß, dass das fies ist. Aber man kann sich mit Taxifahrern, die Soziologie studiert haben, immer hervorragend unterhalten. Natürlich habe ich Bücher von Soziologen gelesen, vornehmlich von solchen Soziologen, die auch über Mode geschrieben haben. Wie zum Beispiel René König und ➱Georg Simmel. Gut, Simmel hätte ich auch gelesen, wenn er nix über Mode geschrieben hätte. Ich habe Thorstein Veblen gelesen, ➱Max Weber und ➱Richard Sennett. Habermas und Dahrendorf habe ich nie gelesen, ich habe da auch kein schlechtes Gewissen. Auf dem Photo überreichte der Präsident der Ferdinand Tönnies Gesellschaft Lars Clausen den ersten Band der Tönnies Gesamtausgabe an die Ministerpräsidentin ➱Heide Simonis.

Mein kleiner Lars Clausen Post ist sofort zu Ende, ich wollte heute mal einen kurzen Post schreiben. Wieder nicht so recht gelungen. Ich muss nur noch eben die Geschichte von der Tagung erzählen, auf der ich gewesen bin. Hatte das Thema ➱Utopie, war etwas chaotisch organisiert, massenhaft Workshops. Ich fand mich am Freitag plötzlich neben ➱Harald Eschenburg, dem Antiquar und Schriftsteller, in einem Literaturworkshop über Stefan Heyms Roman Schwarzenberg. Das Schönste an der Tagung war der Abschluss zum Thema Science Fiction, mit einer Vielzahl von Science Fiction Autoren. Manche von denen konnten offensichtlich gut von dem von mir missachteten Genre leben, da standen mehrere neue BMWs vor der Pumpe. Die Pumpe ist ein Kommunikationzentrum so wie die Räucherei in Gaarden. Da hat die SPD letztens ihren Untergang gefeiert. Ich habe ja in dem Post ➱Straßensperrung meine Witze über Albig und seine Nudeln gemacht, aber ob Sie es glauben oder nicht: der Albig hat Nudeln mitgebracht. Die Genossen waren nicht amused.

Während der Rest der Tagung im Audimax der Uni stattfand, traf man sich am Sonntagvormittag also in der Pumpe in der ➱Haßstraße. Vielleicht hatte man sich gedacht, dass sich die SciFi Autoren da wohler fühlen würden als in der Uni. Oder vielleicht fand das auch hier statt, um den SciFi Autoren zu zeigen, dass sie nicht in die heiligen Hallen der Uni gehörten, ich weiß es nicht. Es ging an dem Vormittag um die Frage, wie Technik und Technologie die Wissenschaft und den Wissenschaftler verändern. Ein Autor schwärmte dem Auditorium etwas von seinem word processor vor. Dass es solche Dinger gab, hatte ich im Observer gelesen, Len Deighton hatte einen von IBM, der 25.000 Pfund gekostet hatte.

Irgendwann reichte Lars Clausen die ganze wissenschaftliche Zukunftsmusik, er erhob sich zu voller Körperfülle (wie er die ganze Zeit auf dem kleinen Plastikstuhl hatte sitzen können, ist mir schleierhaft) und sagte etwas Prinzipielles. Wissenschaftler brauchen etwas zum Schreiben, sagte er. Und zauberte sofort einen Bleistiftstummel aus der Hosentasche und hielt den hoch. Und er fuhr fort, dass der Wissenschaftler Sitzfleisch brauche, um tagelang in Bibliotheken zu sitzen. Ich sollte vielleicht anmerken, dass das ➱copy & paste Verfahren damals noch unbekannt war. Studenten haben heute kein Sitzfleisch mehr, die Bibliotheken sind leer. Als ich studierte, war es manchmal schwer, einen Platz im Lesesaal zu bekommen, so ändern sich die Zeiten.

Aller guten Dinge sind drei, Lars Clausen (hier förmlich im Anzug, in der Pumpe trug er einen riesigen grauen Pullover) hatte natürlich noch etwas zu Schluss. Das Wichtigste kommt immer zum Schluss. Und das war: Intelligenz zwischen den Ohren. Dabei zeigte Clausen mit beiden Zeigefingern (den Bleistift hatte er inzwischen verschwinden lassen) auf seine Ohren. Bildungsratschläge im Dreierpack sind die besten. Seit Sir William Curtis 1795 die Three Rs (reading, writing, arithmetic) in die Diskussion gebracht hat.

Gute Bildung hat für uns auch weiterhin Priorität, hat dieser Herr gesagt. Die SPD setzt auf so schöne Gedanken wie Nur wenn wir digitale Bildung in unseren Schulen integrieren, ermöglichen wir unseren Kindern eine selbstbestimmte und aktive Teilhabe an der Gesellschaft. Ja. Es wäre auch schön, wenn sie lesen, schreiben und rechnen könnten. Und Intelligenz und Bildung zwischen die Ohren kriegten.

Donnerstag, 18. Mai 2017

The Vampyre


Wenn man seine Memoiren schreibt, ist man wie ein Vampir und saugt die Erinnerung von anderen aus. Der Satz gefällt mir. Ich habe nicht gewusst, dass ich ihn geschrieben habe. Ich hatte nur im Suchfeld von meinem Blog das Wort Vampir eingegeben, und da war dieser Satz im Nachruf auf meinen Klassenkameraden ➱WuddelWenn man seine Memoiren schreibt, ist man wie ein Vampir und saugt die Erinnerung von anderen aus. Aber von den ➱Erinnerungen soll heute nicht die Rede sein, sondern von diesen Blutsaugern der Literatur, die zum ersten Mal vollentwickelt in der Geschichte The Vampyre auftauchen. Deshalb der Titel heute, in genau dieser Schreibweise, mit dem Ypsilon.

Ich war vor Jahren an einem Sonntagnachmittag noch einmal in der Uni gewesen, um korrigierte Klausuren in den Stahlschrank einzuschließen. Als ich das Geschäftszimmer abschloss, sah ich eine Anzahl von Büchern auf dem Tisch neben der Tür liegen. Das war der Ort, wohin jeder seine Bücher legte, die er nicht mehr brauchte. Ich griff mir eins, das Twilight hieß, es war von einer Autorin namens Stephenie Meyer. Ich hatte noch nie von der Frau gehört. Als ich am Montagmorgen Twilight reumütig wieder auf den Tisch legte, gab ich ihr keine großen Aussichten auf eine literarische Karriere. Ich hatte den Roman nicht zu Ende lesen können, weil ich immer wieder diese schrecklichen Lachanfälle hatte.

Das steht schon in dem Post ➱Vampire. Da steht über die Gattung der Vampire aber auch: daß der ganze Lärm von nichts andern herkömme, als von einer eitlen Furcht, von einer aberglaubischen Leichtglaubigkeit, von einer dunklen und bewegten Phantasey, Einfalt und Unwissenheit bei jenem Volke. Das hat Gerard van Swieten gesagt, den die Kaiserin Maria Theresia nach Mähren geschickt hatte, damit er aufklären sollte, was an den sich häufenden Vampirgeschichten dran ist. Es ist nichts dran, es gibt keine Vampire. Das können wir in Swietens ➱Abhandlung des Daseyns der Gespenster mit einem Anhange vom Vampyrismus lesen.

Die blutsaugende Spezies ist in diesem Blog gar nicht so selten. Da heute vor 120 Jahren der Roman ➱Dracula des irischen Autors Bram Stoker veröffentlicht wurde (der ➱hier schon einen Post hat), möchte ich noch einmal an diese reizenden Wesen, die das Tageslicht, Kreuze und Knoblauch scheuen, erinnern. Und eben auch daran erinnern, dass es schon siebzig Jahre vor Bram Stoker eine Kurzgeschichte mit dem Titel The Vampyre gab, geschrieben in dem ➱Sommer, in dem es nicht hell werden wollte. Man hielt die Geschichte zuerst für ein Werk von Byron, aber es war sein Leibarzt Dr John William Polidori (hier von F.G. Gainsford gemalt), der die erste richtige Vampirgeschichte der Literatur schreibt.

The Vampyre (hier im ➱Volltext) wird schnell in ganz Europa berühmt. Nicht wegen des adligen Vampires Lord Ruthven, sondern weil jeder es für ein Werk von Lord Byron hält. Natürlich möchten das Byron und Polidori das richtigsstellen. Der eine, weil er The Vampyre für Schrott hält, der andere, weil er auch ein wenig vom Ruhm abhaben will. So schreibt Polidori an den den ➱Herausgeber des Morning Chronicle: Sir, As you were the first person to whom I wrote to state that the tale of The Vampyre was not Lord Byron's, I beg you to insert the following statement in your paper. . . . The tale, as I stated to you in my letter, was written upon the foundation of a purposed and begun story of Lord Byron's. . . . Lord Byron, in a letter dated Venice, stated that he knew nothing of the Vampyre story, and hated vampyres. Dass Lord Byron Vampire hasst, gefällt mir ausnehmend. Damn 'the Vampyre'. What do I know of Vampires? It must be some bookselling imposture; contradict it in a solemn paragraph, schreibt Lord Byron an seinen Freund (und Bankier) den Honourable Douglas James William Kinnaird.

Polidoris Vater Gaetano war als politischer Flüchtling nach England gekommen, er hat viel übersetzt. John Milton zum Beispiel. Und den Klassiker der Gothic Novel ➱The Castle of Otranto. Polidoris Übersetzung Il castello di Otranto, gedruckt in London 1795, steht bei mir im Regal. Schön in hellbraunem Leder eingebunden - Sie ahnen schon, dass ich ein kleines Regal zum Thema der schwarzen Romantik habe. Wir können wohl davon ausgehen, dass sein John Polidori Pappis Übersetzung schon früh gelesen hat. Sie können mehr dazu in dem Post ➱Horace Walpole lesen. In dem Post kommt Ursula von der Leyen auch drin vor, nicht wegen fehlerhafter ➱Gewehre oder ➱Munitionsdiebstähle, nein, ihr Vater hatte ein neugotisches Schloss in Leuchtenburg bei Bremen geerbt. So richtig mit Efeu und bröckelndem Mauerwerk.

Polidoris Leben war kurz wie das einer Sternschnuppe. Mit neunzehn war er Doktor der Medizin, seine Dissertation hatte das Schlafwandeln zum Thema, da ist der Weg nicht weit zur Gothic Novel. Er wird Lord Byrons Leibarzt und versucht, ihn vom Suff abzuhalten. Das ist der Sommer, wo die englischen Dichter der Romantik in der Villa Polidori hocken und es draußen nicht hell wird. Wo Polidori in sein Tagebuch schreibt: As soon as he reached his room, Lord Byron fell like a thunderbolt upon the chambermaid. Ken Russell hat daraus den Film ➱Gothic gemacht. Lord Byron mag seinen Arzt nicht so besonders, er nennt ihn Pollydolly. Die beiden Herren trennen sich in Genf. Zum Verhältnis von Byron und Polidori hätte ich hier einen sehr witzigen ➱Essay von Carrie Frye. Polidori wird noch zwei andere Werke schreiben ➱Ernestus Berchtold: The modern Oedipus und ➱The Fall of the Angels: A sacred poem. Die Werke hinterlassen in der literarischen Welt keine größeren Spuren. Polidori stirbt 1821 durch die eigene Hand. Er wird das nicht mehr erleben, was er angerichtet hat.

Ein Jahr vor seinem Tod wird in Paris das Theaterstück Le Vampire von Charles Nodier aufgeführt, das ein gewisser Heinrich Ludwig Ritter in sein Theaterstück Der Vampyr oder die Todten-Braut (1822) umarbeitet, ein romantisches Schauspiel in drei Acten; in Verbindung eines Vorspiels: Der Traum in der Fingalshöhle. Unter dem gleichen Titel erscheint wenig später ein Roman (➱Volltext) von Theodor Hildebrand. Und auf der Basis des Theaterstücks von Heinrich Ludwig Ritter schreibt Wilhelm August Wohlbrück das Libretto für Heinrich Marschners romantische Oper. Und das ist noch nicht genug, auch ➱Peter Joseph von Lindpaintner bringt 1828 einen Vampyr auf die Bühne, eine Oper, die heute noch manchmal gespielt wird. Marschners Vampyr können Sie bei ➱YouTube in zwei Teilen hören.

Das alles ist ein wenig verwirrend, wir merken uns mal einfach: kaum ist die Geschichte The Vampyre auf dem Markt, wird geklaut und recycelt. Weil man glaubt, dass sie von Byron ist. Es ist eine Geschichte, die man offensichtlich ad infinitum recyceln kann. Bis zu Bram Stoker. Bis zu Anne Rice und Stephenie Meyer. Oder bis zu diesem Höhepunkt der amerikanischen Pornoindustrie, dessen deutscher Verleihtitel Liebling, du beißt so gut war. Das war ein Porno, der Film, in dem Catherine Deneuve (ganz oben) einen lesbischen Vampir spielt (➱The Hunger), sollte kein Porno sondern Kunst sein. Ist aber nur ein schlechter Porno, dann doch lieber Seka, Serena oder Kay Parker in ➱Dracula Sucks.

Es geht ja immer um Sex in diesen Geschichten, oder wenn wir es vornehmer sagen wollen: eros und thanatos. Ich zitiere mal eben den Schluss des ersten Teils des Romans Der Vampyr oder die Todten-Braut von Theodor Hildebrand:

Welche Ueberraschung! Nicht Helene befindet sich hier, sondern die unerklärbare Lodoiska! Sie geht mit langsamen Schritten auf und nieder, aber scheint nichts desto weniger in der größten Ungeduld zu sein; bald blickt sie auf das Bett, in welchem das kranke Kind ruht, bald auf den Mond, der in einem völlig wolkenleeren Himmel immer höher steigt ..... Jetzt schlägt die Schloßuhr zwölfe! ..... In demselben Augenblicke werden Lodoiska’s Gesichtszüge völlig entstellt, und eine schreckliche Freude scheint ihre Muskeln zusammenzuziehen; mit der größten Heftigkeit reißt sie sich den Handschuh ab und stürzt sich wie wüthend über das Bett her. Hier legt sie ihren Mund auf den des Kindes und scheint mit langen Zügen das Blut zu trinken, das sie aus der Brust und von da aus allen Adern dieses unglücklichen Wesens hervorsaugt! —
     Dieß ist zu viel für den guten Werner. Sollte er auch sein Leben verlieren, er kann dieses schreckliche Schauspiel nicht länger mit ansehen; er spannt eine seiner Pistolen, reißt die Thür mit Gewalt auf, und stürzt sich auf das Ungeheuer los, um ihm den Lohn für seine Verbrechen zu geben.
     „Endlich habe ich dich ertappt! rief er aus. Kehre jetzt zur Hölle zurück, und besudele die Erde nicht mehr mit deiner Gegenwart!“ Er drückt seine Pistole auf sie ab, und Lodoiska wird von der Kugel getroffen; aber schneller als der Adler, der in seinem Neste von dem kühnen Jäger überrascht wird, springt sie von dem Lager auf, das sie so eben entweihete.
     — Elender, sagte sie, deine Mühe ist vergebens! du selbst sollst jetzt mein Geheimniß mit in’s Grab nehmen! —
     Ein scharf geschliffener Dolch blitzt in ihrer Hand; Werner giebt zum zweiten Male Feuer, aber die Kugel fährt unschädlich neben Lodoiska vorbei in die Mauer, und in demselben Augenblicke wühlt das mörderische Eisen in seinem Herzen. Ohne einen Laut von sich zu geben fällt Werner todt auf den Fußboden nieder.


Sie werden ➱hier weiterlesen wollen. Man will immer weiterlesen, obwohl es immer wieder die gleiche Geschichte ist. Dr Polidori hat es auch in die Welt des Romans geschafft, so taucht er in Derek Marlowes A Single Summer with L.B. auf. Auch in Tom Hollands The vampyre: The secret history of Lord Byron und in Der kalte Sommer des Doktor Polidori von Reinhard Kaiser ist er die Hauptfigur. Und die Fans der Vampirliteratur werden sicherlich Dr William Polidori's Tonic Water trinken. Ist kein Tropfen Blut drin.

Neben den Posts Dracula und Vampire gibt es in diesem Blog zwei lange Essays zu dem Thema, die Fantasy und Gothick heißen. Legen Sie schon mal Knoblacuh und Kreuze bereit.


Mittwoch, 17. Mai 2017

Züchtigung


Am frühen Abend, wir waren gerade auf dem Hof der Kasseler Jugendherberge beim Kicken, kam ein Bus mit blonden Schwedinnen an. Denen wir natürlich durch unsere Fußballkünste imponieren mussten. Was mir durch einen missglückten Fallrückzieher von Klaus L, für den er von jedem Schiedsrichter die rote Karte bekommen hätte, einen Nasenbeinbruch eintrug. Und meine Chancen sehr minimierte, bei den blonden Schwedinnen anzukommen. Nach einer durchwachten Nacht habe ich am nächsten Morgen mit meinem Freund ▹Wuddel einen Arzt gesucht. Wir nahmen nach einigen Kilometern Wanderung den ersten, auf dessen Schild HNO stand. Der hat den Nasenbeinbruch fachmännisch gerichtet, ein Pflaster drüber, fertig. Ich hatte keinen Krankenschein, war in keiner Kasse, ich habe meine Adresse hinterlassen, er hat meinem Vater nie eine Rechnung geschickt. Ärzte behandelten sich und ihre Angehörigen damals noch ohne Honorare. Das ist heute nicht mehr so.

Eigentlich wollte ich sofort wieder zurück ins Bett, aber der sadistische Herbergsvater (der mir in der Nacht eine emaillierte Schale ans Bett gebracht hat, damit ich das Blut da reinspucken konnte) holt mich da wieder raus, Wuddel und ich müssen zwei Stunden lang im Hof Kartoffeln schälen. Dafür packt er uns dann zur Belohnung zu einer ganz fremden Jugendgruppe in den Bus, die einen Nachmittagsausflug macht.

Irgendwann gibt es einen Halt an einer Talsperre oder einem großen See. Ich weiß nicht, wo wir sind. Ich liege neben Wuddel unter einem schattenspendenden Baum im Gras, oben auf einem Hügel. Noch weiter oben steht der Bus an der Straße. Tief unter uns ist das Wasser. Über uns ein wunderbarer Sommerhimmel mit weißen Wattewölckchen, die Zeit steht still. Gut, ich habe eine kleine Gehirnerschütterung und habe die ganzen Schmerzmittel geschluckt, die mir der Doc gegeben hat. Ich bin high, und ich erlebe das alles ein wenig in slow motion. Das ist mir schon klar. Man hat immer wieder diese Augenblicke, in denen man alles registriert. In denen einem ist, als ob man träumt. And I asked myself about the present: how wide it was, how deep it was, how much was mine to keep. Eine blonde Schwedin an meiner Seite wäre jetzt auch schön gewesen, aber ich bin froh, dass Wuddel bei mir ist. Ich muss nachher, tüddelig wie ich bin, noch den Hügel hoch. Was für mich ein kurzer Augenblick eines besoffenen Glücks war, war für die Menschen hier achtzehn Jahre zuvor eine ▹Tragödie.

Am 17. Mai 1943 haben die Engländer im Rahmen der Operation Chastise (chastise heißt Züchtigung) Angriffe mit neuartigen Rollbomben gegen die Edertalsperre, die Möhnetalsperre und die Sorpetalsperre geflogen. Das ist für die Engländer ein gefeierter Sieg gewesen. Der Film ▹The Dam Busters ist leider bei YouTube verschwunden, ich habe hier aber einen kleinen ▹Ersatz und eine interessante ▹Dokumentation. Zur 70-Jahrfeier des ▹Ereignisses hat man mit alten Lancaster Bombern den Angriff in England über dem Derwent Reservoir in Derbyshire noch einmal simuliert, so etwas lieben die Engländer ja. Vor allem, weil die Lancaster Piloten genau an dieser Stelle den Angriff auf die deutschen Talsperren eingeübt haben.

Ich habe inzwischen Paul Brickhills The Dam Busters gelesen, und ich besitze eine DVD des gleichnamigen Films. Damals mit meiner gebrochenen Nase, wusste ich nichts über die Operation Chastise, jetzt weiß ich beinahe alles darüber. Die 617. Staffel der Royal Air Force, die heute noch existiert, gab sich nach den Angriffen ein Abzeichen, das drei Blitze, eine gebrochenen Damm und das Motto Après moi le déluge zeigt. Aber die Sintflut, die Trinkwasser und Elektrizitätsversorgung des Ruhrgebiets für Wochen lahmlegt, tötet auch viele alliierte Kriegsgefangene. Luftmarschall Harris (Bild) war gegen die Operation Chastise, ihm schwebte schon damals so etwas wie ▹Dresden vor. Wir verdanken ihm Sätze wie: Trotz all dem, was in Hamburg geschehen ist, bleibt das Bomben eine relativ humane Methode. Arthur Harris war übrigens der einzige britische Air Marshall, der keinen Adelstitel erhielt.

Wenn es nach Harris gegangen wäre, hätte es überhaupt keine Spitfires gegeben, es wären nur Bomber gebaut worden. Aber es waren die Spitfires, die die ▹Battle of Britain gewonnen haben. Für Harris ist Flächenbombardement die Devise, neben dem Vornamen Bomber hat er noch einen zweiten Vornamen, Butcher, der Schlächter. Jeder zweite RAF Soldat verliert unter seinem Kommando das Leben. Weil Harris Deutschland brennen sehen will. Lübeck bombardiert er vor Dresden mal zu Probe, weil historische Stadtkerne so schön brennen. Hat er gesagt. Wenige Jahre nach seinem Tod hat Queen Mum ein Denkmal für Harris enthüllt. Viele Engländer waren der Meinung, dass sie da doch ein paar Pink Gins zuviel getrunken hätte und besser zu Hause geblieben wäre. So it goes.

Dieses So it goes steht immer wieder in Kurt Vonneguts Roman ▹Slaughterhouse Five. Vonnegut war als Kriegsgefangener in Dresden, er hat die Schrecken der Bombennacht erlebt. Wenn wir heute an die Dresdener Bombennacht und deren Opfer denken, scheinen wir nur über Rechtsradikale zu reden. Vonneguts Romanheld Billy Pilgrim hätte das seltsam gefunden. Sind die Neonazis dafür da, dass wir es vermeiden können, über Dresden nachzudenken? Diese junge Frau protestiert gegen Pegida. Deshalb hat sie sich mit dem Spruch Bomber Harris Do It Again beschriften lassen. Ist vielleicht sophisticated, aber ich verstehe es nicht. So it goes.


Montag, 15. Mai 2017

Munitionsdiebstahl


Als ich las, dass dieser Oberleutnant Franco A. tausend Schuss Munition bei der Bundeswehr geklaut haben soll, überfiel mich ein ungläubiges Staunen. Woher wissen die das so schnell? Normalerweise braucht der Bund Jahre, bis man herausfindet, dass etwas fehlt. In den zehn Jahren zwischen 2003 und 2013 wurden 524 Einbrüche, 294 Sachbeschädigungen, 55 Brandstiftungen und 460 Diebstähle, darunter 14 Munitions- und 30 Waffendiebstähle aktenkundig. Und das sind nur die offiziellen Zahlen, es gibt da noch eine Dunkelziffer. Dass da noch Handgranaten, Sprengkapseln und Sprengschnüre gestohlen worden sind, sowie Zünder und Sprengstoffladungen für Übungshandgranaten, Handgranaten und Sprengkörper, lassen wir mal unerwähnt. Und das Jahr 2014, in dem 35.000 Schuss Munition verschwanden, ist bei all diesen Zahlen noch nicht dabei. Dazu komme ich noch. Übertroffen wurden die 35.000 Schuss aus dem Jahre 2014 vor drei Monaten von einem Polizisten in Pinneberg, der 71.000 Schuss Munition besaß, ohne dafür eine Genehmigung zu haben. Wird das Sammeln von scharfen Patronen zu einem Volkssport?

Meine Herren, sagte der Bataillonskommandeur, richten Sie sich darauf ein, dass Sie um Null Einhundert wieder im Dienst sind. Es war gerade mal zehn Uhr am Abend, das würde nicht für viel Schlaf reichen. Es stand kein Nachtmarsch auf dem Programm, dies war etwas ganz Besonderes. Bei den Engländern war ein wertvoller viktorianischer Silberpokal geklaut worden, da verdächtigt man ja erst einmal die Deutschen. Die Sache war den Limeys auch ein wenig peinlich, deshalb hatten sie das auch nicht dem Bataillonskommandeur persönlich mitgeteilt, das hätte ich gewusst, weil ich der Verbindungsoffizier zu den Engländern war. Die ganze Sache lief schriftlich über die Standortverwaltung. Die englische Armee hatte den Truppenübungsplatz Bergen-Hohne zwar 1958 an die Bundeswehr abgegeben, aber heimlich hatten sie immer noch das Sagen. Weil sie Engländer waren. Und weil die 11. Husaren ein Elitebataillon waren, das schon bei Wellingtons Spanienfeldzug und bei ➱Waterloo dabei war. Hier sehen wir Prince Michael of Kent in der Uniform der 11. Husaren.

Um Null Einhundert (Natosprache) wurden die Türen der Mannschaftsräume aufgerissen und Unteroffiziere und Feldwebel filzten alles. In jedem Raum musste, das hatte der Kommandeur verfügt, ein Offizier anwesend sein. Der wertvolle viktorianische Silberpokal wurde nicht gefunden, dafür aber alles mögliche, was einwandfrei Eigentum der Bundeswehr war. Vier blaue Übungshandgranaten, 120 Schuss Gewehrmunition und Massen von 90 mm Panzerkartuschen vom M48. Auch die ganz großen, die der englische Chieftain Panzer verschießt. Sammler gibt es für alles. Ein Soldat wollte mir erzählen, dass er aus der Kartusche einen Blumentopf für seine Oma machen wollte. Es ist rührend, aber die Juristen reden hier von Eigentumsdelikten zum Nachteil des Dienstherrn. Der wertvolle viktorianische Silberpokal wurde nicht gefunden. Der war übrigens von den Holländern geklaut worden, wie sich Tage später herausstellte.

Diese kleine Geschichte aus dem Januar 1964 (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Winston Churchill) ist in allen Teilen wahr. Ich erzähle sie nur, um zu zeigen, dass beim Bund geklaut wurde. Ich nehme nicht an, dass sich das geändert hat. Ich habe einmal als Offizier vom Dienst an einem Freitagnachmittag aus schier Schandudel, wie man in Bremen sagen würde, bei den Soldaten der Fernspähkompanie die Kofferräume ihrer Autos kontrolliert. Was dazu führte, dass ich in zwei Stunden einen Lastwagen voll Bundeswehreigentum sicherstellte und die Herren von der FSK 100 die Kaserne erst einmal nicht verlassen durften.

Am Montagmorgen hatte mein Kommandeur einen Anruf vom Kommandeur des 1. Korps und ich danach einen Termin bei meinem Kommandeur (drittes Fenster von links im ersten Stock). Der mir mitteilte, dass der Kommandeur des 1. Korps der Meinung sei, dass die Soldaten der Fernspähkompanie nicht von der Wache kontrolliert werden dürften, weil sie nur ihm unterständen. Das wollte er mir nur mitteilen. Ich wartete, ob da jetzt noch ein Donnerwetter käme, kam aber nicht. Er mochte die FSK auch nicht besonders. Die Staatsanwaltschaft Delmenhorst war im Vorjahr auch nicht der Meinung, dass die Soldaten der Fernspähkompanie außerhalb des Gesetzes stünden. Diejenigen, die eine Disco auseinandergenommen hatten, wurden ganz normal verurteilt. Die Fernspähkompanie (die es inzwischen nicht mehr gibt) ist schon einmal in dem Post ➱Uniformen erwähnt worden, sie kommt da im zweiten Teil des Posts vor. Es ist ein Post, der viele tausend Mal angeklickt worden ist, und alles, was da steht, ist wahr.

Lassen Sie sich nicht erzählen, dass irgendetwas nicht vorhanden ist, wenn Sie zu ihren Einheiten zurückkehren, sagte uns unser Taktikoffizier, ein im Dienst ergrauter Oberstleutnant, als wir die Heeresoffizierschule verließen. Alles, was in der STAN steht, ist auch vorhanden. Ich habe diesen Satz nie vergessen. Es wäre schön, wenn dem so wäre, aber der Stärke- und Ausrüstungsnachweisung (STAN) und das wirklich in der Truppe Vorhandene sind zweierlei Ding. Das ist so ähnlich wie bei den Lehrerzahlen, wo es noch nie einem Bundesland gelungen ist, einmal festzustellen, wieviel Lehrer wirklich Dienst tun.

Wenn eine Bundeswehreinheit routinemäßig eine Inspektion über sich ergehen lassen muss, dann ist natürlich alles da. Selbstverständlich. Weil man sich das Fehlende vorher bei anderen Kompanien zusammengeliehen hat. Oder es sich auf dem kaserneninternen Schwarzmarkt im Tausch gegen Bierkästen gekauft hat. Im Technik Bereich gab es immer einen semikriminellen Ersatzteilhandel. Der Leutnant Milo Minderbinder in dem Roman ➱Catch-22 von Joseph Heller ist keine Erfindung des Autors, die Minderbinders gibt es wirklich. Schlimm ist es auch, wenn man vor einer Inspektion zu viel besitzt. Der Kompaniechef, dem sein Unteroffizier der Waffenkammer nicht erklären konnte, wieso er 17.000 Schuss Gewehrmunition zu viel besaß, hat dieses surplus in der Nacht, bevor die Inspekteure kamen, im Wald vergraben. Natürlich sicherheitshalber eine Wache daneben gestellt.

Im Jahre 2014 sind aus einer Kaserne in Seedorf, einem kleinen Kaff bei Zeven, 35.000 Schuss verschiedener Kaliber geklaut worden. Unbemerkt in den Morgenstunden abtransportiert. Das Verteidigungsministerium ließ verlauten, dass ein Munitionsdiebstahl dieser Größenordnung bei der Bundeswehr seit dreißig Jahren nicht mehr vorgekommen sei. Davor offensichtlich schon, aber darüber schwieg man lieber. 30.500 Schuss aus diesem Diebstahl sind vor zwei Jahren in einer Lagerhalle in Delmenhorst aufgetaucht. Der entscheidende Tip kam von einem Angeklagten in einem Rauschgiftprozess in Bremen. Was dahintersteckte, wie die Munition aus der Fallschirmjägerkaserne in Seedorf in die Lagerhalle in Delmenhorst gelangte, ist nie aufgeklärt worden. Gegen zwei Wachsoldaten, die von der vorgegebenen Wachroute abgewichen waren, hat es Strafbefehle von sechzig Tagessätzen gegeben. Da ist mein fahnenflüchtiger Obergefreiter besser weggekommen, der eine halbe Woche im Puff in Clermont-Ferrand war (lesen Sie mehr dazu in ➱Élysée Vertrag). Er revanchierte sich für die Geldstrafe, indem er sinnlos Panzermunition verballerte, auch eine Form des Munitionsdiebstahls.

Die Bundeswehr nimmt Munitionsdiebstahl sehr ernst. Manchmal geht das bis ins Lächerliche, wenn man das ➱Urteil des Bundesverwaltungsgerichts über einen Fall liest, bei dem es um einen Schaden von 10 Mark geht. Die Bundeswehr schützte vor einem halben Jahrhundert Munition, Waffen und Gerätschaften selbst. Wir bewachten nicht nur unsere eigene Kaserne, sondern mussten von Zeit zu Zeit die atomaren Sprengköpfe für die Honest John Raketen in Dünsen bewachen. Wir sicherten nur den Außenkreis, innen herrschte das 5th US Army Field Artillery Detachment. Die waren voll auf Droge und schossen auf jedes Kaninchen. Nach einer Woche Wachdienst wurden sie ausgeflogen.

Heute bewacht die Bundeswehr so gut wie nichts mehr selbst. Die Armee ist kleiner geworden, die Wehrpflicht ist abgeschafft. Die Bewachung wird von privaten Sicherheitsfirmen übernommen, die nach dem UZw GBw handeln sollen. Die Aufträge werden nach den Prinzipien der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit vergeben, sagt das Verteidigungsministerium. Man könnte die Aufträge auch nach qualitativen Kriterien vergeben, aber das tut man nicht. Wie die Bundesregierung sagt: Zurzeit besteht kein bundeseinheitlicher Qualitätsstandard in Form einer Zertifizierung von privaten Sicherheitsunternehmen. Das Ganze kostet den Staat 200 Millionen Euro im Jahr.

Wenn man den ➱Bericht der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Jahre 2014 liest, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Bundeswehr und Bundesregierung sind beinahe immer ahnungslos. Ganz besonders gefallen mir Passagen wie diese hier:

Ein eindeutiger Tatbestand ist nicht immer zu ermitteln. Aus Verfahrensfehlern bei der Dokumentation kann ein virtuelles Fehl an Munition entstehen, das als solches nicht feststellbar und damit nicht nachweisbar ist. Damit kann der Tatbestand eines Diebstahls weder entkräftet noch bestätigt werden.
     Eine eindeutige ursächliche Zuordnung als Diebstahl, Fehl oder Verlust ist daher nicht zweifelsfrei möglich und lässt keine Aussage zu Wiederholungsfällen in den einzelnen Kategorien zu.
     Nachfolgend werden Möglichkeiten, die zum Verlust bzw. tatsächlichem oder vermeintlichem Fehl an Munition führen können, genannt:
● Verluste bei Übungen/Schießvorhaben
● Fehl bei Bestandsüberprüfungen
● Fehler in der Buchführung
● Diebstahl.


Das virtuelle Fehl an Munition, das sind Formulierungen, die das Herz der Verteidigungsministerin hüpfen lassen. Und ja, den Diebstahl, den gibt es eben auch. Steht da. Wohin die fehlenden Waffen und die Munition wandern, das weiß die Bundesregierung nicht, der Militärische Abschirmdienst wurde erstaunlicherweise nicht eingeschaltet. Warum auch? Eine eindeutige ursächliche Zuordnung als Diebstahl, Fehl oder Verlust ist daher nicht zweifelsfrei möglich. Wenn Oliver Welke in seiner Heute Show aus der Antwort der Bundesregierung vorgelesen hätte, hätte er bestimmt eine halbe Stunde Lacher gehabt.

Lesen Sie auch: ➱Schrott

Freitag, 12. Mai 2017

Rücktritt


Tragedie is to seyn a certeyn storie,
As olde bookes maken us memorie,
Of hym that stood in greet prosperitee,
And is yfallen out of heigh degree
into myserie, and endeth wrecchedly

Das können wir bei Chaucer in den ➱Canterbury Tales lesen, steht in der Geschichte des Mönches. Ist noch Mittelenglisch, sieht schon aus wie Englisch, spricht sich nur anders aus. Gehörte früher wie das ➱Altenglische zum Studium der Anglistik dazu, ist jetzt weggefallen. In dem neuen BA/MA Studium ist alles Wesentliche weggefallen. Und da wir beim Fallen sind: das, was Chaucer uns da beschreibt, nennen die Literaturwissenschaftler den Fall of Princes. Chaucer hat sich da ein wenig bei Boccacios De casibus virorum illustrium bedient. In einer Ausgabe des Werkes von Boccacio finden wir diese Abbildung: Fortuna dreht am Glücksrad, und da ist gerade ein König am Fallen, der purpurrote Mantel ist schon auf em Boden:
 
Fortunae rota volvitur descendo minoratus;
alter in altum tollitur nimis exaltatus.
Rex sedet in vertice – caveat ruinam!
Nam sub axe legimus Hecubam reginam

Man tritt ja nicht so gerne zurück. Also, dieser Torsten Albig, der hier im Post ➱Strassensperrung vorkam, der scheint das immer noch nicht begriffen zu haben, dass er abgewählt worden ist. Albig selbst sagte auf die Frage, ob die Öffentlichkeit mit seinem Rücktritt rechnen müsse: "Nee, müssen Sie nicht." Seine Partei arbeite daran, "eine nächste Regierung auf die Beine zu stellen." stand in der Süddeutschen. Wenn Albig sich verkleidet wie der märchenhafte Kalif Harun al Raschid unter die Leute gemischt hätte, um unerkannt die Meinung des Volkes zu erfahren, dann hätte er sich in diesen Tagen wohl gewundert. In der Glücksregion Nummer Eins hier oben waren glücklich, dass Albig abgewählt wurde. Überall auf der Strasse redeten Menschen miteinander. Wie in der Nachkriegszeit oder in den fünfziger Jahren. Wenn jetzt auch noch dieser Mensch, den wirklich niemand mag, verschwinden würde, dann wäre das Ganze perfekt.

Das passende Wort für den politischen Zustand hier im echten Norden ist Schadenfreude. Ein Wort, das die Engländer gerne adoptiert haben. Wie Vorsprung durch Technik, Kindergarten, Dachshund und Gesundheit. Heute vor achtzig Jahren redeten die Engländer auf der Straße miteinander, aber da war keine Schadenfreude im Spiel. Da wurde der englische König George VI gerade gekrönt. Sie kennen ihn, er ist der Vater von ➱Elizabeth und der Held des Filmes ➱The King's Speech.

Man kannte ihn in England kaum. Seinen Bruder David, der sein Vorgänger war, den kannte man schon. Man mochte den sogar. Aber David, der als König Edward VIII heißt, war zurückgetreten. Auf dem Photo wartet er darauf, über die Mikrophone der ➱BBC der englischen Nation nachträglich seine Gründe für den Rücktritt zu erklären. Er hatte mit Winston Churchill zu Mittag gegessen, und der hatte ihm nach dem Essen die Rede noch einmal stilistisch überarbeitet.

Edward VIII ist dabei hervorragend gekleidet. Das unterscheidet ihn von Ralf Stegner oben, der sartorial gesehen schon eher am Rande der Verwahrlosung schwebt (es sind in dem Post ➱Handschuhknopf schon einige Bemerkungen über seine Kleidung gemacht worden). Das Photo oben wurde am Wahlabend gemacht, da waren Herrn Stegner die Gesichtszüge vollständig entgleist. Davon ist bei dem ehemaligen König nichts zu sehen. Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich, hat ➱Albert Camus geschrieben.

David bekommt von seinem Bruder Albert den Titel eines Herzogs von Windsor. Er verläßt umgehend das Land und geht nach Frankreich, um Wallis Simpson zu heiraten und sich ganz der Herrenmode zu widmen, wie er das als Prince of Wales schon getan hatte. Er besaß eine vollständige Sammlung von Uniformknöpfen aller englischen Regimenter (Stegner besitzt eine vollständige Sammlung von allen ➱Tatort Sendungen). Die ➱Savile Row ist das Einzige, was ihn noch mit England verbindet. Am Ende seines Lebens landet er bei Davies & Sons. Die haben mal die Uniformen für Lord Nelson gemacht, und in dem Roman Faserland trägt der Held ein Jackett von der Firma (lesen Sie mehr in ➱Etikettenschwindel). Ich besitze auch einen Anzug von Davies & Sons, den habe ich mal in einem Secondhand Laden gefunden, ich bilde mir aber nicht ein, der Herzog von Windsor zu sein.

George VI wird viele Uniformen tragen, kaum ist er König, da ist schon Krieg. Wenn er keine Uniform trägt, dann bevorzugt er meistens den Zweireiher. Seine Uniformen kommen von Gieves. Die damals noch nicht Gieves & Hawkes sind, diese Firma gibt es erst seit 1972. Aber die Firma Hawkes hat eine noch längere Tradition als Gieves, denn Thomas Hawkes hat schon die Uniformen von ➱George III geschneidert. Die Anzüge des Königs kommen seit 1944 von der Firma Benson & Clegg in der Jermyn Street. Er ist aber auch Kunde bei Henry Poole, die seit 1940 einen Royal Warrant von ihm haben. Er hatte nicht vor, ein Dandy zu sein, wie der Herzog von Windsor, das Magazine The Outfitter bescheinigte ihm einen extreme good quiet taste.

Den wird niemand dem SPD Politiker Ralf Stegner bescheinigen, das ist wahrscheinlich der Unterschied zwischen Königen und dem gemeinen Volk. Stegner will unbedingt an der Macht bleiben. Er hat das mene mene tekel upharsin, das die Wähler an die Wand geschrieben haben, nicht verstanden. Er glaubt wahrscheinlich noch immer an die Werbesprüche wir können das, wir wollen das, wir machen das. Die sind bestimmt wieder von Albigs neuer Lebensgefährtin, die das Land schon viel, viel Geld gekostet hat, entworfen worden.

Edward hat nach seinem Rücktritt England selten besucht. Er kam zur Beerdigung seines Bruders, den er zum König gemacht hatte. Er kam zur Beerdigung seiner Schwester Maria und der seiner Schwägerin Marina. Edwards Rücktritt war letztlich ein Segen für England, sein Bruder Albert, schüchtern und stotternd, war der bessere König für das Land. In Gesellschaft dieser Herren hätte er nicht seinen Arm gehoben. Und er hätte sich auch wohl kaum in Gesellschaft dieser Herren begeben. Manchmal sind Rücktritte also ein Segen. Die Herren Albig und Stegner sollten mal darüber nachdenken.

Mehr zur Abdankung von Edward VIII finden Sie in ➱Abdankung und ➱Edward VIII

Mittwoch, 10. Mai 2017

der Robespierre von Hamburg


"Waterloo: Das Ende" ist ein spannend in Szene gesetzter Dokumentarfilm über eine der größten und folgenreichsten Schlachten der europäischen Geschichte. In chronologischer Reihenfolge zeichnet der Dokumentarfilm die zahlreichen Wendungen der Ereignisse im Juni 1815 nach. Gestützt auf schriftliche Augenzeugenberichte vermittelt der Film hautnah und ohne romantische Verklärung, wie die Kämpfenden die letzte Schlacht Napoleons erlebt haben: ihre Hoffnungen und Ängste, das Leid und den Tod. 200 Jahre später lässt der Dokumentarfilm die Schlacht aus der Perspektive der Beteiligten noch einmal lebendig werden.

Nichts von diesem Text ist wahr, gar nichts. Nicht nur ➱Politiker lügen in diesen Tagen des Wahlkampfs, auch ➱arte lügt, wenn man einen solchen Text veröffentlicht. Diese billige belgische ➱Produktion war eine zusammengeschusterte Sache, und das von einem Sender, der Qualität verspricht. Man wäre besser beraten gewesen, ➱Sergei Bondartschuks Filme ➱Waterloo und ➱Krieg und Frieden zu senden. Mehr und mehr sogenannte Dokumentationen werden gedreht, die aber nie an die Klassiker des ➱Dokumentarfilms heranreichen. Es steckt mehr Wahrheit in diesem Bild eines naiven bayrischen Malers, als in den beiden Dokumentationen, die arte gerade gesendet hat.

Eine Woche zuvor gab es aus französischer Produktion ➱Napoleon Bonapartes Russland Feldzug, das war nur marginal besser. Die Dokumentation (man zögert das Wort für diese Sendung zu gebrauchen, arte bezeichnete das Ganze als Doku-Fiktion) basierte auf den Erinnerungen von Caulaincourt (der ➱hier einen Post hat) und den ➱Mémoires du sergent Bourgogne. Meine vielen französischen Leser können die hier im Original lesen. Alle beteiligten Historiker konnten den Flussnamen Beresina korrekt russisch aussprechen, das war doch schon mal was. Bevor ich zum titelgebenden Robespierre von Hamburg, dem Marschall Louis-Nicolas Davout (der heute Geburtstag hat) komme, möchte ich mal eben einen kleinen Literaturbericht geben:

Das Buch Napoleon and his Marshals ist 1934 erschienen, es war lange vom Markt verschwunden, bis es in der Reihe Prion Lost Treasures 1996 wieder aufgelegt wurde. Und prompt mehrfach nachgedruckt wurde. Englands führender Militärhistoriker ➱John Keegan schrieb zu der Neuauflage: Even a Napoleon hater, which I am, will love this book. Still after 60 years, a thrilling gallop through the Napoleonic Wars. A.G. Macdonell ist Schotte, er hat das Buch ➱England, Their England geschrieben, was in England (und Schottland) ein ewiger Klassiker ist. Die Beschreibung des dörflichen Cricketspiels in diesem Buch ist in jeder Anthologie der ➱Cricket Literatur abgedruckt. Er hat auch den satirischen Roman ➱Autobiography of a Cad geschrieben, den Goebbels nicht als Satire verstand, sondern für das Portrait eines typischen Engländers hielt.

Archibald Gordon Macdonell kann schreiben (er hat auch unter Pseudonymen Detektivromane verfasst). Seine 300-seitige Napoleon Biographie ist wahrscheinlich die kürzeste von allen, die amüsanteste ist sie auf jeden Fall. Ein Parforceritt mit dem kleinen Caporal und seinen Marschällen über die Schlachtfelder Europas. Dies ist nicht das Buch eines Historikers, dies ist das Buch eines Schriftstellers. Es gibt keine Bibliographie der benutzen Literatur. Jedermann kann eine Hilfskraft im Britischen Museum alle Buchtitel über Napoleon abschreiben lassen, die Liste hinten ins Buch tun und die Leser mit angeblicher Gelehrsamkeit beeindrucken, sagt Macdonell. Aber er sagt auch, dass er für alles einen Beleg hätte. Wir glauben ihm, und es kümmert uns auch nicht. Das Buch endet mit dem Tod des letzten Marschalls 1852 und den Worten Que de souvenirs! Que de regrets! Und an dieser Stelle geht der Leser zurück zum ersten Kapitel und beginnt das Buch aufs Neue zu lesen.

Die 200-Jahrfeiern der Schlachten an der Beresina und von Waterloo produzierten eine Vielzahl von Büchern und TV-Produktionen. Musste es sein? Waren nicht schon genügend Bücher über dieses Thema geschrieben worden? Caulaincourts Erinnerungen sind seit den dreißiger Jahren auf dem Markt, Armeen und Amouren des jungen ➱Baron Boris (von) Uxkull (der nach dem Krieg bei Hegel studiert) kennt man erst seit 1965. Aber seit 1967 gibt es Alan Palmers Napoleon in Russland, ein Buch, das leserfreundlich geschrieben und dennoch historisch seriös ist. 1985 erschien Nigel Nicolsons ➱Napoleon 1812, in seiner Kürze von 192 Seiten ein Meisterwerk.

Adam Zamoyski, ein polnischer Adliger, hat mit seinem Buch 1812: Napoleons Feldzug in Russland einen großen Erfolg gehabt. Es ist ein gut geschriebenes Buch, das von Historikern nicht sonderlich ernst genommen wurde. Die favorisierten eher Dominic Lievens ➱Russland und und Napoleon: Die Schlacht um Europa. Weil sein Ansatz, den Feldzug von 1812 nur als einen Teil des russischen Engagements in dem europäischen Krieg zu sehen, durchaus originell ist. Und das Buch ist in vielen Teilen historisch seriöser als Zamoyski. Lässt andererseits leider vieles aus, die Tragödie, die uns Zamoyski schildert, interessiert den Rußlandspezialisten aus einer baltischen Adelsfamilie kaum. Leider ist Lieven kein besonders guter Erzähler, an A.G. Macdonell kommt er nicht heran.

Der französische Marschall Louis-Nicolas d'Avoût, genannt Davoût (in deutschen Texten häufig auch Davoust geschrieben) kam aus altem burgundischen Adel. Er war dank Napoleon zum Duc d'Auerstedt und zum Prince d'Eckmühl geworden. Er hatte noch andere Titel. Wie zum Beispiel den des eisernen Marschalls. Auf dem Rußlandfeldzug hat er den Marschall Joachim Murat (der König von Neapel war) einmal angebrüllt: Vous n'êtes Roi que par la grâce de Napoléon et du sang français. Vous ne pouvez l'être que par Napoléon et en restant uni à la France. C'est une noire ingratitude qui vous aveugle! Er hatte ja so recht, wenn Sie mehr zu Joachim Murat wissen wollen, der ja auch einmal in Düsseldorf herrschte, dann klicken Sie doch den Post ➱Joachim Murat an.

Davout war mit Napoleon auf der Offiziersschule gewesen, er war mit ihm in Ägypten, aber im Gegensatz zu General ➱Jean-Baptiste Kléber verflucht er den Korsen nicht, er gehorcht ihm. Wenn Napoleon das Land verlässt, wird Davout ihm folgen. Kléber, den Napoleon als Oberkommandierenden zurücklässt, bietet Davout den Rang eines Divisionsgenerals an, aber der schlägt das Angebot aus. Er will bei Napoleon sein. In einem Brief an seine Frau wird er später schreiben: Meine kleine Aimée, du musst das Herz deines kleinen Louis genug kennen, um zu wissen, dass er keine andere Leidenschaft, keinen anderen Ehrgeiz hat, als dem ersten Konsul dienen zu können. Wahrscheinlich ist jedes Wort davon wahr. Er wird ihr beinahe jeden Tag schreiben, wenn er im Felde ist.

In Ägypten hatte Davout General Victoire Emmanuel Leclerc (Bild), einen Schwager Napoleons, kennengelernt und sich mit ihm angefreundet. So lernte er auch dessen hübsche Schwester Aimée kennen, die beiden heiraten 1801 in Anwesenheit von Napoleon Bonaparte und seiner Frau Joséphine. General Leclerc ist bei der Hochzeit nicht dabei, den hatte Napoleon nach Santo Domingo geschickt, damit er dort den schwarzen General Toussaint Louverture bekämpft (lesen Sie mehr in dem Post ➱Haiti). Leclerc wird Paris nicht wiedersehen, er stirbt in der Fremde am gelben Fieber.

Davout wird auch mit Napoleon in Rußland sein, er ist der einzige Marschall Napoleons, der nie eine Schlacht verloren hat. Er fehlt Napoleon bei Waterloo, Napoleon hätte einen kalten, methodischen Strategen wie ihn gebraucht. Er hat in der Armee keinen besseren Offizier als Davout. Aber Napoleon braucht den Gouverneur von Paris, der auch noch Kriegsminister und Oberbefehlshaber der Nationalgarde ist, in der Hauptstadt. Davout wird seinem Kaiser bis zu dessen Untergang treu bleiben. Er bereichert sich nicht auf den Feldzügen, das Schloss in Savigny, das er sich 1802 gekauft hat, ist erst nach seinem Tod abbezahlt.

Davout klaut keine Bilder wie ➱Soult, er bleibt immer korrekt. Auch gegenüber seinen Soldaten, deren Schicksal ihm durchaus am Herzen liegt. Er wird zu dem Prozess gegen ➱Michel Ney nach Paris reisen, um für den Kameraden auszusagen. Er lässt sich nicht so häufig malen wie andere Marschälle. Auf allen Bildern kriegt er die Augen nicht auf, ist das der Schlafzimmerblick eines jungen Dandys oder blickt er voller Verachtung auf die Welt? Oder braucht er eine Brille? Ja, er braucht sie. Schon seit er zwanzig ist. Und er trägt immer seine Brille mit dem goldenen Gestell, viele Offiziere würden ihre Sehschwäche verbergen. Davout nicht. Nur auf den Portraits verzichtet er auf die Brille. Wenn der Maler weiter weg ist als zehn Schritte, wird er ihn nicht gesehen haben.

Wir haben eine Schilderung des Marschalls in Leo Tolstois Krieg und Frieden, wo Pierre Besuchow (hier von Sergej Bondartschuk gespielt) auf ihn trifft. Und da spielt der Blick aus Davouts Augen auch eine Rolle: Davout saß am Ende des Zimmers an einem Tisch; er trug eine Brille. Pierre trat nahe an ihn heran. Davout hob die Augen nicht in die Höhe: er war offenbar damit beschäftigt, sich aus einem vor ihm liegenden Aktenstück zu informieren. Mit leiser Stimme fragte er: »Wer sind Sie?«
       Pierre schwieg, weil er nicht imstande war, ein Wort herauszubringen. Davout war für Pierre nicht einfach nur ein französischer General, sondern ein durch seine Grausamkeit berüchtigter Mensch. Pierre blickte in das kalte Gesicht Davouts, der, wie ein strenger Lehrer, sich dazu verstand, eine Weile Geduld zu haben und auf die Antwort zu warten, und sagte sich, daß jeder Augenblick des Zögerns ihm das Leben kosten könne; aber er wußte nicht, was er sagen sollte. Dasselbe zu sagen, was er bei dem ersten Verhör gesagt hatte, dazu konnte er sich nicht entschließen; aber seinen Namen und Stand anzugeben schien ihm gefährlich und beschämend. Pierre schwieg. Aber ehe er noch zu einem Entschluß gekommen war, hob Davout den Kopf in die Höhe, schob die Brille auf die Stirn, kniff die Augen zusammen und blickte Pierre forschend an.
       »Ich kenne diesen Menschen«, sagte er in gemessenem, kaltem Ton, der offenbar darauf berechnet war, Pierre in Angst zu versetzen.
       Der kalte Schauer, der vorher Pierre den Rücken entlanggelaufen war, erfaßte jetzt seinen Kopf, und Pierre hatte ein Gefühl, als würde ihm dieser in einem Schraubstock zusammengepreßt.
       »Sie können mich nicht kennen, General«, sagte er, »ich habe Sie noch nie gesehen ...«
»Es ist ein russischer Spion«, unterbrach ihn Davout, zu einem andern General gewendet, der im Zimmer anwesend war, den aber Pierre bisher nicht bemerkt hatte.
       Davout wendete sich von ihm ab. Mit unerwartet lauter, erregter Stimme sagte Pierre auf einmal schnell: »Nein, Monseigneur« (es war ihm plötzlich eingefallen, daß Davout Herzog war), »nein, Monseigneur, Sie können mich nicht kennen. Ich bin Landwehroffizier und habe Moskau nicht verlassen.«
       »Ihr Name?« fragte Davout wieder.
»Besuchow.«
       »Was beweist mir, daß Sie nicht lügen?«
»Monseigneur!« rief Pierre nicht in beleidigtem, sondern in bittendem Ton.
       Davout hob die Augen in die Höhe und richtete einen prüfenden Blick auf Pierre. Einige Sekunden lang sahen sie einander an, und dieser Blick war Pierres Rettung. Durch diesen Blick bildeten sich, ohne alle Rücksicht auf Krieg und Gericht, zwischen diesen beiden Menschen menschliche Beziehungen. Beide machten in dieser kurzen Spanne Zeit eine unzählige Menge von Empfindungen durch, ohne sich derselben eigentlich klar bewußt zu werden, und kamen zu der Erkenntnis, daß sie beide Kinder der Menschheit, daß sie Brüder seien.

Wenn Davout aus Russland zurückkehrt, wird er für zwei Jahre Generalgouverneur der Hanseatischen Departements mit dem Sitz in Hamburg, die Position hatte er schon einmal. Und dort wird man ihn den Robespierre von Hamburg nennen. Seine erste Proklamation lautet: Der Senatsbeschluß vom 10. December v. Jahres hat euer Schicksal entschieden; es ist künftig mit dem Glücke Napoleons des Großen und seines Reiches vereinigt. Eure Unabhängigkeit war bloß eingebildet; der kleinste Zufall, der den Frieden Europas störte, setzte sie in Gefahr. Um euren Handel zu erhalten, waret ihr übermäßigen Aufopferungen, die von der Habsucht (!) gefordert wurden, unterworfen. Dies ist das Gemälde der Vergangenheit; eine andere Zukunft öffnet sich für euch. Die Pfeffersäcke werden ihn nicht lieben, er wird sie schröpfen. Die Bremer haben es besser, da hat der durch Norddeutschland irrlichternde ➱Tettenborn schon früh die Franzosen davongejagt. Der ließ sich zwar auch mal kurz als Retter Hamburgs feiern, verschwand aber schnell wieder: Er betrachtete Hamburg als einen günstigen Standort, um sich selbst zu bereichern und einen ausschweifenden Lebenswandel zu führen. Um eine ernsthafte Verteidigung der Stadt bemühte er sich weniger als um das Eintreiben eines ‚Ehrengeschenks‘ von 5.000 Friedrich d’or und seine Ernennung zum Ehrenbürger.

Die französischen Besatzer in Hamburg sind gottlose Banausen, das kann man hier sehen: hier haben sie ihre Pferde in die Petrikirche gestellt. Das wird viel Ärger geben. Carl Mönckeberg, dessen Kindheit noch in die Franzosenzeit fiel, wird in Hamburg unter dem Druck der Franzosen (1864) darüber schreiben. Er wird aber auch über Davout sagen, dass der strenge, aber uneigennützig und gutmütig gewesen sei. In den Augen der Hamburger sind die Franzosen Barbaren, schlimmer noch als der Frevel mit den Pferden in der Kirche ist ein anderer Frevel: Davout soll die Bank von Hamburg beraubt haben.

In den Augen Davouts sind die Hamburger habsüchtige Kriminelle, die durch Schmuggel und Unterlaufen aller Verordnungen ihren Besitz vermehren wollen, und die das vae victis noch nicht begriffen haben. Wenn er Hamburg auf Befehl des Bourbonenkönigs verlassen muss, wird er dem König eine Rechtfertigungsschrift zukommen lassen: ➱Mémoire de M. le Maréchal Davout, Prince d’ Eckmühl, au Roi. Paul Holzhausen, der ➱Napoleon verehrt, schreibt 1892 sein Büchlein ➱Davout in Hamburg: Ein Beitrag zur Geschichte der Jahre 1813—1814. Es ist eine Art Persilschein für die Franzosen, aber auch heutige Historiker tendieren dazu, die Franzosenzeit in Hamburg nicht als einzige Horrorstory zu sehen.

Davout hat in Hamburg militärische Unterstützung vom Prinzen Friedrich von Hessen-Kassel, dem General der dänischen Hilfstruppen. Der ist ein Sohn jenes Carl von Hessen-Kassel (nach dem die Carlshütte in Rendsburg heißt), der ➱hier schon einmal erwähnt wurde. Der Prinz bleibt nicht lange an der Seite von Davout. Nach dem ➱Kieler Frieden muss der dänische Prinz mit seinen Truppen gegen Napoleon ziehen, erst 1818 kommt er aus Frankreich zurück. Er hat die Seiten nicht aus Opportunismus gewechselt wie Bernadotte, er führt nur das aus, was sein König ihm befohlen hat. Es geht hin und her mit den Loyalitäten in den napoleonischen Kriegen. 1818 zieht sich Friedrich auf sein Gut Panker zurück, ein Gut, das heute immer noch im Besitz der Familie von Hessen-Kassel ist. Man kann dort wunderbar Kaffee trinken.

Es gibt noch einen ganz anderen Davout als den eisernen Marschall. Das ist der Louis-Nicolas Davout, der die Louise-Aimée-Julie Leclerc geheiratet hat, und der ein treusorgender Ehemann ist. Über ihn hat ➱Henriette Mendelsohn Erstaunliches zu berichten: Als eine merkwürdige Tatsache muss ich Ihnen doch erzählen, daß dieser fürchterliche Davoust, der Schrecken des Nordens, der Urheber so unsäglicher Leiden, in seinem Hause ganz ohne Willen ist. Er hat nicht den Mut, dem geringsten Diener etwas zu befehlen ohne die Einwilligung seiner Marschallin, die das Hauskommando ebenso unerbittlich streng übt, als er die eroberten Länder regierte. 

Henriette Mendelsohn, die in Frankreich lebt, ist lange Zeit die Nachbarin der Familie Davout gewesen. Sie weiß noch einiges mehr über Napoleons fähigsten General zu sagen: Marschall Davoust, seine Frau, die eigentlich das Hausregiment führt, und seine Kinder sind unsre tägliche Gesellschaft. Als er das erstemal meinen Namen hörte, trug er den General S., der eben mit uns war, ob ich Verwandte in Hamburg habe, er hätte dort sehr ehrenvolle und geehrte Personen dieses Namens gekannt. — Beinahe alle seine Bediente sind Deutsche, seine Töchter lernen Deutsch recht ernsthaft, und er bittet mich jedesmal inständig, ihm zu sagen, ob sie etwas deutsch wüssten. Das politische Leben dieses Mannes ist mir unerklärlich, wenn ich ihn im Hause und unter seinen Kindern betrachte; er ist ein Vater, wie Abraham nur sein kann, mischt sich in alle ihre Spiele mit wahrer Herzlichkeit, und seine älteste Tochter, ein Mädchen von 14 Jahren, die ihm ganz ähnlich sieht, ist das sanfteste Geschöpf, das ich kenne. Bloss auf eine Weise sind mir die Gräuel, die unter seiner Herrschaft in Hamburg verübt worden, erklärlich: Er scheint mir sehr einfältig, schwerfällig und unwissend zu sein. In seinem Hause ist er ohne Einfluss, und so war es gewiss während seines Kommandos; irgend ein Elender hat an seiner Stelle gehandelt! Das ist aber freilich den armen Bedrückten ganz einerlei, und er ist vielleicht noch strafbarer, dass er so Ungeheures geschehen liess. 

Der eiserne Marschall als Pantoffelheld. Muss die Weltgeschichte jetzt umgeschrieben werden? Que de souvenirs! Que de regrets!

Noch mehr französische Marschälle finden Sie hier: Nicolas FreelingNey, the rockets' red glare: Leipzig 1813, Apotheose, Haiti, Kunstraub, Marschälle, A.G. Macdonell