Montag, 30. April 2012

le bon chevalier


Dies ist ein Historienbild von Benjamin West, das den Tod von Pierre du Terrail, Chevalier de Bayard, am 30. April 1524 darstellt. West hat es für den englischen König George III gemalt, es gehört heute immer noch der Königin. Der halbe britische Adel verscherbelt seine Bilder, die Königin nicht. Vielleicht versteht sie ja etwas von Kunst. Wenn es nach Alan Bennett geht, unbedingt. Zwar hat sie spät zur Literatur gefunden, wie wir aus dem bezaubernden kleinen Roman The Uncommon Reader wissen, aber von Kunst versteht sie etwas. Auf jeden Fall in dem köstlichen entreacte des Theaterstücks A Question of Attribution. Auf das Stück habe ich schon einmal hingewiesen, falls Sie das verpasst haben, sollten Sie es sich unbedingt ➱hier anschauen.

Bayard, den man schon zu seinen Lebzeiten als le chevalier sans peur et sans reproche gefeiert hat (er selbst zog die Bezeichnung le bon chevalier vor), hat dem Tod hundertfach ins Auge geschaut. Nun hat er ihn er ereilt, unter einem Baum, seine Feinde im Angesicht. Man geht da ja sehr höflich miteinander um, auf dem Bild von Benjamin West sind links Soldaten damit beschäftigt, ein Zelt aufzuschlagen. Um ihn in seinen letzten Stunden vor den Unbilden der Witterung zu schützen. Bayard hält sein Schwert in der Hand, so dass es wie ein Kreuz aussieht, er betet das Miserere. Und er konversiert mit seinem Gegner: Ah ! Monsieur de Bayard, que j’ai grand-pitié de vous voir en cet état, vous qui fûtes si vertueux chevalier! sagt der Bourbonen Herzog, der einstmals sein Waffenbruder war. Jetzt kämpft er für Karl V. gegen den französischen König. Und der Sterbende, der bis zuletzt seinem König treu war, entgegnet ihm: Monsieur, il n’est besoin de pitié pour moi, car je meurs en homme de bien; mais j’ai pitié de vous, car vous servez contre votre prince et votre patrie!

Die schönen Tode in jener Zeit sind Feste; sie entfalten sich wie auf einer Bühne vor einer Vielzahl von Zuschauern, die jede Geste, jedes Wort aufmerksam verfolgen, die vom Sterbenden erwarten, daß er zeigt, was er gilt, daß er seinem Rang gemäß spricht und handelt. Wir, die wir nicht mehr wissen, was der prunkvolle Tod ist, die wir den Tod verstecken, ihn wie eine peinliche Angelegenheit hinter uns bringen, verfolgen wir Schritt für Schritt, in den Einzelheiten seines Ablaufs, das althergebrachte Ritual des Todes, der kein verstohlener Abgang war, sondern eine langsame, geregelte, geordnete Annäherung, Vorspiel, feierlicher Übertritt von einem Zustand in einen anderen, ebenso majestätisch wie der Einzug der Könige in ihre guten Städte. Das schreibt Georges Duby in seinem Buch Guillaume le Maréchal oder der beste aller Ritter. Ein Buch, das uns mehr über die chivalrie (um mal ein mittelenglisches Wort zu zitieren) sagt als alle Produktionen Hollywoods. Es ist ein  Buch über den Anglo-Normannen Sir William Marshal, den ersten Earl of Pembroke, der Jahrhunderte vor Bayard der berühmteste ➱Ritter war. Also jetzt mal all diese Iwains und Gawains, Culhwchs und Olwens, Peredurs und Gereints ausgelassen.

Benjamin West malt in diesen Jahren viele Helden (wie hier Sir Philip Sidney), der Höhepunkt der Verherrlichung seiner sterbenden Helden wird das Bild vom sterbenden ➱General Wolfe bei Quebec sein. Der englische König hatte das Bild vom Tod des Chevaliers in Auftrag gegeben. Bayard hat in dieser Zeit irgendwie Konjunktur, in Frankreich waren zwischen 1760 und 1771 mehrere Geschichten des französischen Helden erschienen. Die erste Heldengeschichte, Histoire du Chevalier Bayard, wurde von Jacques de Mailles geschrieben. Sie erschien in Paris im Jahre 1514 (wahrscheinlich ein Druckfehler für 1524), es sollte nicht die letzte Verherrlichung seiner Heldentaten sein. August von Kotzebues ➱Schauspiel in fünf Akten lassen wir mal lieber unerwähnt. Knapp 400 Jahre nach Jacques de Mailles präsentiert ➱Christopher Hare die Geschichte noch einmal. Heute kann man die Geschichte vom edlen Ritter in fünf Minuten bei ➱YouTube sehen.

Der Bourbone Karl III wird Bayard wenig später in die Elysischen Gefilde nachfolgen. Beim sacco di Roma (hier in der Darstellung eines flämischen Meisters aus dem 17. Jahrhundert) wird er von einer Kugel getroffen, angeblich aus der Arkebuse des Bildhauers Benvenuto Cellini. So steht es in Das Leben des Benvenuto Cellini, übersetzt von Goethe. Das ist das Ende der ritterlichen Helden, wenn sie von einem Mann, der sich brüstet, ein mehrfacher Mörder zu sein, mit einer Hakenbüchse erschossen werden können. Den Chevalier Bayard findet man heute nur noch auf den Etiketten einer Weinmarke.

Ein Gedicht über Ritter zu finden, wäre an diesem letzten Tag des Poetry Month sicher nicht schwer, aber ich nehme einmal ein kleines Poem von Coleridges Tochter Sara Coleridge. Weil sie nämlich 1825 The Right Joyous and Pleasant History of the Feats, Jests, and Prowesses of the Chevalier Bayard, the Good Knight without Fear and without Reproach: By the Loyal Servant aus dem Altfranzösischen ins Englische übersetzt hat. Das ist nichts anderes als die Geschichte von Jacques de Mailles, die ab 1527 unter dem Pseudonym eines Loyal Serviteur erschien. Wenn sie wollen, können Sie es ➱hier lesen. Sara Coleridge ist als Übersetzerin bekannt gewesen, ihr dichterisches Werk war klein. Das hat sich aber geändert, als ein Literaturwissenschaftler namens Peter Swaab 120 ➱Gedichte von ihr entdeckte und ➱publizierte. Dies hier heute ist ein frühes Gedicht, nichts Großartiges, aber es kommt der merry month of May drin vor. Und so ist es ein schöner Übergang für die nächsten Tage.

Green and Gold and Violet,
Fair and well-commingled hues,
E’en as in a rainbow met,
Such the colours that I choose
In the silken purse to weave,
Gift that Susan will receive.

Green and Violet and Gold –
Such the colours that appear
On Mount Skiddaw’s bosom bold,
When the air is fresh and clear,
By the glowing light of day,
In the merry month of May!

Sonntag, 29. April 2012

Walter Mehring


Am 29. April 1896 wurde Walter Mehring in Berlin geboren. Er ist schon einmal in diesem Blog vorgekommen, weil ich am 3. Oktober 2011 ➱hier seine Ode an Berlin zitiert habe. Er hat wunderbare Chansons geschrieben, was auch der immer kritische ➱Kurt Tucholsky zugestehen musste. Das erste, was ich von Mehring gelesen habe, war Die verlorene Bibliothek: Autobiographie einer Kultur, ein Buch, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Wenn man bedenkt, dass es 1952 bei Rowohlt erschienen war - warum wusste ich bis 1972, als die Paperbackausgabe erschien, nichts von diesem Buch? Warum stand dieses Buch nicht auf der Leseliste der Schulen? Immerhin sendete Radio Bremen 1955 ein ➱Interview mit dem Autor, das hätte ja mal ein Lehrer in Bremen hören können. Aber vielleicht wollte man diese Dinge, die mit dem Verlust unserer Kultur zu tun hatten, damals nicht hören.

Als ich die Verlorene Bibliothek las, wusste ich nicht, dass ich einen Text von Walter Mehring auswendig kannte, ein Chanson aus dem Jahre 1920. Ich kannte ihn nur als das Unteroffizierslied. Ich hatte es auswendig gelernt, als ich Fahnenjunker wurde und eins dieser seltsamen Aufnahmerituale bestehen musste. Zu dem auch das Austrinken eines großen Bierglases gehörte. Darin war nicht nur der durch das Reinheitsgebot geschützte Hopfensaft, das Bier war verfeinert durch einen Schuss Motoröl vom französischen Hotchkiss Getriebe unserer HS-30 Panzer. Und verschiedene andere Ingredienzien, die besser unerwähnt bleiben. Am Ende der Zeremonie wurde mit Inbrunst das Unteroffizierslied gesungen:

Wir haben die ganze Welt gesehn
— Die Welt war überall rund! -
Um alle paar Monat vor Anker zu gehn
Bei einem Mädchenmund!
Wir sahn eine Mutter in schneeigem Haar
— Die verkuppelte uns ihr Jöhr
Wir fraßen pfundweis den Kaviar
Direkt an der Quelle vom Stör!

Wir sahen Seeanemonen und Qualln,
Die schmückten Gebein und Gewand
Eines Matrosen, der war gefalln
Für irgendein Vaterland.
— Die Welt ist rund und klein!
Was kann sie dem Seemann noch sein?
In Hamburg an der Elbe
Gleich hinter dem Ozean
Ein Mädchen von Sankt Pauli
Von Sankt Pauli und von der Reeperbahn
Ein Mädchen, das bei Tag und bei Nacht
Bei jedem Kuß an uns nur gedacht
Ein Mädchen von Sankt Pauli
und von der Reeperbahn

Wir haben die ganze Welt bereist:
- La Plata - le Languedoc!
Wir haben mit Kannibalen gespeist
- Und überall gab's einen Grog!
Uns folgte der Möwen Hungergekreisch
Wie die Huren der Waterkant
- Am Meeresbusen zum drallen Fleisch,
Da gingen wir an Land!
Wir haben den »Holger Danske« gesehn
- Und einen Völkerstamm
Zu Tausenden zugrunde gehn —
Die andern standen stramm!
Die Welt hat Leid und Freud!
Was haben wir Seemannsleut?
In Hamburg an der Elbe
Gleich hinter dem Ozean
Ein Mädchen von Sankt Pauli und
von der Reeperbahn

Wir haben die ganze Welt beglotzt:
Paris und den Vogel Roch!
- Wir haben die Seele uns ausgekotzt
Bei Australien Da liegt sie noch!
Wir sahen unsern Kapitän
Verfaulen im Lazarett!
Wir sahn eine Grotte mit lauter Feen
- Und ein frisch bezogenes Bett!
Wir sahen den toten Menelik
Hoch zu Krokodil!
Wir sahen überall den Krieg
- Und Wilhelm im Exil!
Die Welt ist zum Bespein!
Was kann noch Ekleres sein?
In Hamburg an der Elbe
Gleich hinter dem Ozean
Ein Mädchen von Sankt Pauli
Nahm sich einen Spießer zum Mann...
Was kann für uns da noch sein?
Ein Mädchen, das bei Tag und bei Nacht
Bei jedem Kusse an uns nur gedacht
Unser Mädchen von Sankt Pauli
Unser Mädchen von der Reeperbahn...

Die Kölner Edelweißpiraten sollen es auch gesungen haben, allerdings haben sie die Zeile Paris und den Vogel Roch durch Paris und den Heiligen Rock ersetzt. Das wird den Papst sicher gefreut haben. Aber das ist schon eine komische Sache, da wandert ein Chanson (zuerst gedruckt in der Weltbühne als Choral für Seemansleute) von der Berliner Kabarettbühne in die Volkskultur und überlebt da das Dritte Reich. Dann wird es zur Hymne der Unteroffiziere eines Panzergrenadierbataillons, und niemand kennt seinen Autor. Den sicher auch inzwischen ganz Deutschland vergessen hatte. Was hierzulande bekannt blieb, verband sich nicht mehr mit seinem Namen; wie dieses Chanson aus dem Jahre 1920, sagt Jürken Serke in Die verbrannten Dichter. Aber das Lied, inzwischen grauenhaft verstümmelt, lebte weiter. Und im Jahre 1972, als Walter Mehrings Verlorene Bibliothek bei Heyne als Taschenbuch erschien, wurde es sogar von ➱Freddy im Blauen Bock gesungen (zehn Jahre zuvor hatte es ➱Hans Albers gesungen). Habent sua fata libelli, für Walter Mehrings Chanson gilt das auch.

Lesen Sie auch: Uniformen

Samstag, 28. April 2012

Francis Bacon


Also, mein Lieblingsmaler ist er nicht gerade, dieser Francis Bacon, der heute vor dreißig Jahren starb. Ich weiß zwar, dass er ein bedeutender moderner Maler ist, aber mein Lieblingsmaler ist er, wie gesagt, nicht. Lucian Freud kann ich noch gerade ertragen, aber dann hört es bei mir auch schon auf. Bei der Gabi ist das ganz anders, die mag Francis Bacon. Gabi hat Kunst studiert und kann auch malen. Irgendwann hatte sie die Idee, einen kleinen Film über die Bilder von Francis Bacon zu drehen. Hat sich im Ministerium Gelder aus dem Topf der Frauenförderung besorgt, mehrere Freunde als Schauspieler verpflichtet und dann diesen Film gedreht: Oil on Canvas. Ich weiß nicht mal, ob sie sich ein Drehbuch geschrieben und ein ➱storyboard gezeichnet hat, aber ich bin mir sicher, dass sie den Film im Kopf hatte, als sie anfing zu drehen.

Oil on Canvas Land: Deutschland 1996 Regie: Gabi Thies Laufzeit: 10 Min. Inhalt: Die Bilder des Malers Francis Bacon beeindrucken nachhaltig die Psyche einer Frau. Ihr alltägliches Leben entgleist zunehmend. Realität und Vorstellung vermischen sich und lassen die Frau in die Welt von Francis Bacon eintauchen. So steht es auf einer Seite der Hansestadt Lübeck, weil da der Film auf dem alljährlichen Filmfestival gezeigt wurde. Leider als letzter irgendwann in der Nacht. Hätte ich lange für wachbleiben müssen, um dann meinen Namen auf der Leinwand zu sehen. Ich muss allerdings gestehen, dass ich längst im Bett lag. Weil ich gar nicht bei der Premiere war, ich hatte ja längst eine VHS Fassung von Gabi.

Dass mein Name kurz über die Leinwand flackerte, kommt daher, dass Gabi mir dankt. Ich bin nicht der einzige, und mein Anteil an dem Film ist klein. Als Gabi den Film fertig hatte, ist sie mit einer VHS Cassette (ja, so etwas gab es mal) zu mir gekommen, damit ich mir den anschaue. Habe ich natürlich getan. Plötzlich fiel mir auf: da ist kein einziger Schnitt im Film. Da konnte auch keiner sein, weil Gabi noch nie etwas von der invisible art des editing gehört hatte, sie hatte alles hintereinander weg gedreht. So wie es in den Anfangstagen des Kinos mal gewesen ist. Gabi kam um einen kleinen Vortrag über all das, was im cutting room geschieht, nicht herum. Ich bin berühmt für meine kleinen Vorträge. Sie ahnen das schon.

Denn erst durch den Schnitt wird das gedrehte Material zum Film, man rühmt immer die Regisseure, man redet selten über die Leute, die den Schnitt machen. Wenn André Bazin über John Fords Stagecoach sagt: Stagecoach (1939) is the ideal example of the maturity of a style brought to classic perfection. . . . Stagecoach is like a wheel, so perfectly made that it remains in equilibrium on its axis in any position, dann hätte er besser erwähnen sollen, dass diese Perfektion einen Namen hat. Und das ist nicht John Ford, das ist ➱Dorothy Spencer.

Den Rest des Tages haben wir vorm Fernseher gelegen, jeder hatte ein Leitz Schreibbrett und massenhaft Konzeptpapier. Und dann haben wir den Film Millimeter für Millimeter analysiert und festgelegt, wo man was schneiden könnte und was man als Montage einfügen sollte. Und dann ist die Gabi zu ➱Kurt Denzers AG Film und hat sich einen von den Jungfilmern gegriffen, die da immer sind, und zusammen mit dem (der natürlich größeres Lob verdient als ich) haben sie am Schneidetisch das Endprodukt Oil on Canvas gestaltet. Wenn die Gabi, die den Kopf voller kreativer Ideen hat, etwas machen will, dann kriegt sie das auch hin. Ich kann jetzt nur hoffen, dass sie den Film mal bei YouTube einstellt.

Natürlich habe ich heute auch ein Gedicht, was wäre passender als ein Gedicht von Francis Bacon zu nehmen? Nein, nicht von dem Maler. Von seinem berühmten Namensvetter, dem Baron von Verulam und Viscount St Albans. Mit dem der Maler Francis Bacon irgendwie verwandt ist, das hat auf jeden Fall sein Vater Edward Anthony Mortimer Bacon immer behauptet. Und deshalb seinen Sohn Francis genannt. Und so haben wir heute zwei berühmte Francis Bacons. Die allerdings keinerlei Gemeinsamkeiten haben. Allerdings hat es in der Familie des Philosophen schon mal einen Maler gegeben, der Nathaniel Bacon hieß. Aber dieser Sir Nathaniel Bacon malte nur zu seinem Vergnügen, nicht um uns all den Schrecken der Welt vors Auge zu führen.

The life of man

The world’s a bubble; and the life of man less than a span.
In his conception wretched; from the womb so to the tomb:
Curst from the cradle, and brought up to years, with cares and fears.
Who then to frail mortality shall trust,
But limns the water, or but writes in dust.
Yet, since with sorrow here we live oppress’d, what life is best?
Courts are but only superficial schools to dandle fools:
The rural parts are turn’d into a den of savage men:
And where’s a city from all vice so free,
But may be term’d the worst of all the three?

Domestic cares afflict the husband’s bed, or pains his head:
Those that live single, take it for a curse, or do things worse:
Some would have children; those that have them none; or wish them gone.
What is it then to have no wife, but single thralldom or a double strife?
Our own affections still at home to please, is a disease:
To cross the sea to any foreign soil, perils and toil:
Wars with their noise affright us: when they cease,
W’ are worse in peace:
What then remains, but that we still should cry,
Not to be born, or being born, to die.

Freitag, 27. April 2012

Ulysses S. Grant


Ich weiß nicht, wie viele Generäle malen konnten, aber der Amerikaner Ulysses S. Grant konnte es. Er hatte in West Point eine Malklasse bei dem Maler Robert Walter Weir belegt. Hiram Ulysses Grant wurde heute vor 190 Jahren geboren. Er war nach Washington der zweite ➱Viersterne-General, den die US Army hatte, und er war zweimal Präsident der Vereinigten Staaten.

Er war vielleicht ein guter General, obgleich Mrs Lincoln da anderer Meinung war: He is a butcher and is not fit to be at the head of an army. Yes, he generally manages to claim a victory, but such a victory! He loses two men to the enemy's one. He has no management, no regard for life. Die Frage, ob er ein guter Präsident war, ist schnell beantwortet. Da sind sich die Historiker einig. Er war es nicht. Ulysses Grant ist in diesem Blog schon mehrfach erwähnt worden, ich könnte es mir ersparen, über ihn zu schreiben.

Aber eine kleine Kuriosität hätte ich doch noch. Wussten Sie, dass Ulysses S. Grant in einer Oper vorkommt? Geschrieben - of all people - von Gertrude Stein? The Mother of Us All heißt sie, ein Gemeinschaftswerk von Gertrude Stein und Virgil Thomson. Sie können bei ➱YouTube ja einmal hineinhören. Gertrude Stein mochte General Grant, sie bewunderte den Prosastil seiner Memoiren, die von Mark Twain verlegt wurden. Der als Grants Verleger natürlich das Werk in den höchsten Tönen pries und mit Julius Caesars Schriften verglich: I was able to say in all sincerity that the same high merits distinguished both books clarity of statement, directness, simplicity, manifest truthfulness, fairness and justice toward friend and foe alike and avoidance of flowery speech. General Grant was just a man, just a human being, just an author...The fact remains and cannot be dislodged that General Grant's book is a great, unique and unapproachable literary masterpiece.

Noch Jahrzehnte später sind Kritiker von den Memoiren begeistert. Edmund Wilson hat in Patriotic Gore nette Dinge über die Erinnerungen gesagt, und Gore Vidal schrieb: It is simply not possible to read Grant's Memoirs without realizing that the author is a man of first-rate intelligence. Hier auf dem Photo sitzt der Ex-Präsident auf der Terrasse seines Hauses und schreibt. Er schreibt gegen den Tod an, er weiß, dass er an Kehlkopfkrebs sterben wird. Aber ständig angefeuert von Mark Twain schreibt er weiter, er will seine Familie versorgen. Er hat all sein Geld bei Spekulationen verloren, jetzt ist er der lebende Beweis für Bulwer-Lytttons Satz the pen is mightier than the sword. Wenige Tage, nachdem er den letzten Satz geschrieben hat, wird er sterben. Die ➱Memoiren werden ein Bestseller.

Mein Gedicht heute kommt nicht aus der Weltliteratur, es ist von einem anonymen ➱Blogger, wahrscheinlich einem Schüler. Es ist simpel und direkt, keine Symbolik, keine Metaphern, keine poetic diction. Und doch hat es (vielleicht ungewollt) etwas Poetisches an sich.

My name is Ulysses simpson Grant
I'm the four star general of Union Armies
No other general is better than me
And I know for a fact that they can't

I won many battles in the civil war,
Shiloh, Chattanooga and many more
I captured fort Donelson on the Cumberland river
I captured Vicksburg on the Mississippi river
From winning battles, I became a star
And being a star got me very far
I was the best American general
And everyone thought so too
people knew that I did great
and I knew what they meant
They voted me president
Of the United states

I didn't do a very good job
being the president
I hired corrupt friends to be politicians
and I didn't use my common sense.

I let prisoners out of jails
for no reason I recall
I wasn't friendly to my cabinet members
they didn't like me at at all.

A lot of scandals
my corrupt friends did do
they would take your money
And buy new pairs of shoes

Sorry America

Donnerstag, 26. April 2012

Etiquette


Haben die keine Schneider in Paris? Haben die keinen Protokollchef im Élysée-Palast, der darauf achtet, dass sie den Mann so nicht aus dem Haus lassen können? Zugegeben, neben Carla Bruni sehen kleine Männer nicht so gut aus. Vielleicht hat Sarkozy sie ja auch nur deshalb geheiratet, damit alle Leute auf sein Trophäenweibchen gucken und nicht auf seine schlimmen Klamotten. Es ist tragisch für soziale Aufsteiger, die auch noch kleinwüchsig und ein klein bisschen größenwahnsinnig sind - diese drei Dinge gehören wahrscheinlich immer zusammen - wenn sie sich nicht einmal vernünftig anziehen können. Vergleichen wir Nicolas Sarkozy nicht mit Napoleon (obgleich er das wahrscheinlich heimlich macht), der war größer als 1,65. Dessen ständig kolportierte kleine Körpergröße ist nichts als ein Umrechnungsfehler. Und außerdem war er besser angezogen.

Dies Photo von Sarkozy und Bruni zeigt das Ehepaar bei einem Empfang für den Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani im Élysée-Palast. Es wäre mir entgangen, wenn ich nicht eine Email von einem Hamburger Freund bekommen hätte, in der die Frage gestellt wurde Kann man so rumlaufen? Kann man offensichtlich, sollte man aber nicht. Wie ein schmieriger Oberkellner sähe Sarkozy aus, schrieb mein Freund. Ja, so sieht es aus. Keine Lackschuhe - gab es keine bei Berluti? Oder kauft man da seit dem Elf Aquitaine Skandal nicht mehr? Stilbewusste Engländer würden zur Abendgarderobe ja immer noch diese ➱Lackpumps mit Seidenschleifchen tragen (➱hier können Sie einen netten kleinen Artikel von Kurt Tucholsky über Escarpins lesen). Das kann sich Sarkozy aber nicht erlauben, weil er immer Schuhe mit hohen Absätzen trägt, damit er größer wirkt.

Er sollte mit solchen Schuhen aber vorsichtig sein, die Stufen zum Elysium sind gefährlich. Wie es hier Hillary Clinton, sowie die Gattin von Jean-François Cirelli und die Sängerin Mylene Farmer leidvoll erfahren müssen. Aber noch einmal zurück zu dem Abendanzug von Sarkozy. Die Hosen sind zu lang, die Jackettärmel erst recht. Und das Jackett zu groß. Wer hat ihm das geliehen? Unmöglich dieser tiefsitzende Knopf bei der Figur. Und wer trägt noch den Vatermörderkragen zum Smoking? Immerhin trägt er keinen schwarzen Langbinder zum dinner jacket wie das jetzt bei amerikanischen Filmschauspielern eingerissen ist, die das black tie nicht so richtig begriffen haben. Und auch sicher keine Schleife binden können. Und weshalb hat das Magazin Esquire vor Jahren den kleinen Sonnenkönig Sarkozy auf Platz 6 der bestgekleideten Herren der Welt gesetzt?

Fragen über Fragen. Dies hier ist ein korrekter Abendanzug, allerdings darf den nicht jeder tragen. Es ist der Royal Court Dress (in der undress Version), den der englische König in den dreißiger Jahren für die Mitglieder der königlichen Familie erfunden hat. Weil die Windsor Uniform doch für das tägliche Leben ein wenig unpraktisch geworden war. Wenn Charles ein normales dinner jacket trägt, ist das (wie all seine Anzüge) beinahe immer zweireihig. Dagegen ist überhaupt nichts zu sagen, obgleich manche Puristen die Nase rümpfen, weil das zweireihige dinner jacket modehistorisch noch jung ist, es taucht erst in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts auf. Wurde gerne von einem Verwandten von Charles getragen, der damals auch Prince of Wales war. Wenn David (der später Edward VIII sein wird) Zweireiher trägt, beweist er aber auch, dass kleine Männer durchaus Zweireiher tragen können. Denn der spätere Duke of Windsor ist nur zwei Zentimeter größer als Sarkozy.

Der Prince of Wales ließ sich das Jackett übrigens in midnight blue machen, weil diese Farbe bei künstlichem Licht nach seiner Ansicht schwärzer als schwarz war. Da wir schon mal dabei sind: das dinner jacket sollte schon ziemlich schwarz sein, es sei denn, Sie spielen in einer Band. Dann dürfen Sie so etwas wie das da oben tragen. I did not like that green coat you wore when I last saw you—you look best in black—which is a great compliment, for people must be very distingué in appearance, in order to do so, schreibt Edward Bulwer-Lytton in seinem Roman ➱Pelham.

Ein Roman, in dem der Dandy Russelton (Beau Brummell in disguise) den wunderbaren Satz ausspricht: "Coat!" said Russelton, with an appearance of the most naive surprise, and taking hold of the collar, suspiciously, by the finger and thumb; "coat, Sir Willoughby! do you call this thing a coat?" Das würde er angesichts Sarkozys Jackett wohl auch sagen. Ich habe Bulwer-Lyttons Satz you look best in black natürlich aus dem Grunde zitiert, weil sein Roman Pelham auch einen historischen Wendepunkt markiert. Von nun an gibt es abends nur noch ➱men in black, vorher war buntes Pfauengefieder angesagt.

Das hier ist auch eine königliche Kreation. Der Vorläufer des heutigen dinner jacket, dies Kleidungsteil, das die Amerikaner ➱Tuxedo nennen (in Europa nennt man es um 1900 Monte Carlo) Bei den Amerikanern bedeutet dinner jacket heute offensichtlich etwas anderes, wie Sie diesem schreiend komischen ➱Video mit Wendi Braswell entnehmen können. So ähnlich wie das hier auf der Zeichnung (die von der hervorragenden Seite The Black Tie Guide stammt) muss das Jackett ausgesehen haben, das sich der Prince of Wales im 19. Jahrhundert von dem Schneider ➱Henry Poole für informelle Abendgesellschaften in Sandringham hat anfertigen lassen (➱hier finden Sie den Eintrag im Hauptbuch von Henry Poole für diese Bestellung). Das Wort dinner jacket taucht zum ersten Mal im Jahre 1891 auf, vorher hieß das Teil Dress lounge oder Dress jacket. Man trägt es im Theater und bei Konzerten, für die ganz feine Abendgesellschaft ist weiterhin der Frack de rigueur. Aber das Jackett, das keine Schöße mehr hat und das man nicht zuknöpfen kann, ist natürlich beliebt, weil es so praktisch ist. But it is an error for gentlemen to go to public dinners or to assemblies where ladies are present in dinner jackets; yet they will do it, urteilt 1898 der London Tailor.

Wir wissen nicht genau, wie das Jackett für Bertie ausgesehen hat, wir wissen nur, dass es nicht mehr die Schwalbenschwänze der Frackjacke hatte. Ähnliche Jacketts existierten ja schon, seit Lord Spencer sich seine Frackschöße am Kamin versengt und sie kurzerhand abgeschnitten hatte. Diese Form findet sich noch heute im ➱mess jacket, das immer wieder für die Herrenmode propagiert wurde, sich aber nie durchgesetzt hat. Vielleicht hätte Sarkozy es mal mit einem solchen Jackett wie dem hier oben versuchen sollen. Dies elegante dunkelblaue Jackett mit Seidenrevers sieht ein wenig so aus wie die Hausjacke von Sherlock Holmes. Also das, was er trägt, wenn er vom Kokain bekifft ist und die Buchstaben V und R (für Victoria Regina) in die Wand schießt.

Und in der Tat ist das englische smoking jacket der Vorläufer für das dinner jacket. Und ein smoking jacket ist natürlich nicht dem dem deutschen Smoking gleichzusetzen. Nein, das ist diese viktorianische Jacke, die sich die Herren bei einer Abendgesellschaft an Stelle der Frackjacke überstreiften, wenn sie sich nach dem Essen in einen Salon oder die Bibliothek zurückzogen, um sich eine Zigarre oder eine Pfeife anzuzünden. Damit der Frack nicht so nach Tabak stank. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, im Esszimmer zu rauchen. Das zählt zu den Errungenschaften einer neueren Zeit. In den achtziger Jahren gab es in England - wahrscheinlich verursacht durch Bücher wie ➱The Official Sloane Ranger Handbook und ➱The Young Fogey Handbook - eine Renaissance dieses Kleidungsstückes. Dazu passen natürlich prima diese fiesen dunklen ➱Wildlederslipper mit aufgesticktem goldenen Löwenkopf (oder Familienwappen).

Im England der achtziger Jahre, als diese neue Sorte Mensch mit Namen ➱Sloane Ranger auftauchte, war es chic, alte dinner jackets zu tragen. Möglichst aus der Savile Row und möglichst vom Großvater, falls der schon eins besessen hatte. Falls nicht, musste man die Oxfam Shops und die Secondhand Dealer zwischen Portobello Road und Fulham Road abklappern. Oder zu Jeremy Hackett gehen, der damals natürlich noch nicht in der Sloane Street saß, sondern gerade mit seinem Partner Ashley Lloyd-Jennings einen Laden in der King's Road aufgemacht hatte, von seinen Konkurrenten als dealer in dead men's clothes bespöttelt. I have a cursed hankering after certain musty old values, sagt Dorothy Sayers' Lord Peter Wimsey in Gaudy Night.

Und diese neuerwachte (oder schon ewige) Sehnsucht nach dem shabby chic, nach den Produkten klassischer englischer Schneiderkunst, als die Eleganz eines Landes noch in der Anzahl der Frackmäntel gemessen wurde, wusste Hackett geschickt zu bedienen. Seine Kunden, sagt er, would come in and fight over certain jackets. So you could see what they liked, and we started to reproduce it. Das war der Beginn einer success story, die (genau wie die Erfolgsgeschichte von Ralph Lauren) zeigt, dass der style anglais nicht totzukriegen ist. Nun ist er ➱Mr Classic und hat alles erreicht. Aber an seinem Akzent muss er noch ein wenig arbeiten, der ist definitiv nicht ➱upper class.

Das hier ist in gewissen Teilen der britischen Insel natürlich auch als Abendkleidung zulässig. So etwas ➱hier dagegen ganz und gar nicht. Man sollte allerdings - wie dieser ➱Herr hier - besser Schotte sein, um so etwas zu tragen. Aber auch für dieses Kleidungsstück gibt es eine gewisse Etikette. Obgleich grundsätzlich jeder Träger dieses nationalen Kostüms berechtigt ist, einen skean dhu im Strumpf zu tragen, sollte man bei Abendeinladungen davon Abstand nehmen. Die noch förmlichere Version dieses Kleidungstückes (die dem Frack entspricht) sieht übrigens ➱so aus. Im nächsten Absatz habe ich diesen Dressman noch einmal, allerdings ist er da etwas jünger.

Ob man dieses Teil hier wirklich braucht, weiß ich nicht so genau. Man trägt es in den Teilen des ehemaligen Empire, in denen Palmen wachsen. Aber man kann es offensichtlich auch im Sommer in England tragen. Das Jackett ist nicht weiß, sondern eher cremefarben, und es hat normalerweise kein Seidenrevers. Es hat aber, wie man hier auf dem Photo sehen kann, echte Knopflöcher am Ärmel. Ich habe so ein Teil im Schrank, aber nur, weil ich in einem Secondhandladen nicht widerstehen konnte. Von einem einstmals reputierlichen Schneider der Savile Row gestichelt, hat es mich einen Fuffi gekostet. Ich habe es noch nie zu tragen gewagt, aber wenn mich Miss Moneypenny anruft und M mich nach Jamaica schickt, dann packe ich das Jackett natürlich ein.

Ein wenig aus der Mode scheint der Frack zu sein, für den das Englische das schlichte schöne Wort ➱tails hat (auf einer Einladungskarte steht natürlich white tie). Wir sehen hier das enfant terrible der englischen Politszene Alexander Boris de Pfeffel Johnson, bekannter unter dem Namen Boris Johnson. Immerhin hat er eine weiße Weste, das ist für Politiker schon mal gut. Aber dann: die Hände in den Taschen, sieht so ein Gentleman aus? Die Schneider sollten für diese Sorte Klientele die Taschen zunähen. So wie die Croupiers im Spielcasino zugenähte Taschen an ihren dinner jackets haben. Und dann diese Pochette! da kann er sich doch gleich die Parkkarte von der Tiefgarage in die Tasche stecken.

Das hier würde einem arbiter elegantiarum schon besser gefallen als der Frack von Bozza. Einen scheunen Kerl wie den blonden Hans kann ja nichts entstellen. Es ist ein Photo aus dem Film Der tolle Blomberg. Das Ganze wäre perfekt, wenn das dieses Einstecktuch nicht wäre. Wir sind im 19. Jahrhundert, der Baron Gisbert von Romberg (die Vorlage für die Filmfigur) ist 1897 gestorben, da gab es noch keine Brusttaschen auf der Frackjacke. Da gibt man sich soviel Mühe mit der richtigen Manschette des Frackhemdes und dann so etwas.

Ist das hier die Zukunft? Das ist der etwas umstrittene Dirigent Christian Thielemann im Frack. Mit einem normalen Umlegekragen und einem schwarzen (oder weißem) Kummerbund oder nur das weiße Hemd in die Hose gewürgt.  Das sind so die Augenblicke, wo man glauben möchte, dass das Wort Kummerbund wirklich von Kummer kommt und nicht von den Engländern aus Indien mitgebracht wurde, wo es kamar-band heißt. Das Ganze sieht schrecklich aus, vor allem, wenn man ihm beim Dirigieren zusieht. Wie eine Zigarren-Bauchbinde. Da wäre noch Platz für Werbung drauf. Wenn er mit Gewalt originell sein will, dann soll er doch einen roten Frack tragen, wie das die Kapellmeister zu Mozarts Zeiten taten.

Da ich gerade bei Westen bin: natürlich kann man zum Smoking anstelle des Kummerbund (bei dem die Falten immer nach oben offen sein sollten!) auch eine schwarze Weste tragen. Wenn man allerdings eine ganze Nacht lang tanzen will/muss, ist die Weste nicht so praktisch. Dieses Photo hier habe ich, glaube ich, schon einmal in dem Post ➱Morning Coat verwendet. Ich nehme es noch einmal, weil ich diese kleine Detail, diese eingeknöpfte weiße Weste, so wunderbar finde. Im wirklichen Leben habe ich es nur einmal gesehen. Es war ein Vormittag mit einer feierlichen Veranstaltung, ich weiß nicht mehr, was es war. Aber ich weiß, dass Kapitän Ernst Biet einen dunkelgrauen Flanellanzug trug, in dessen Weste dieses weiße Untergilet eingeknöpft war. Wirkte wahnsinnig cool. Irgendwie sind die grauen Flanellanzüge, die in den fünfziger und sechziger Jahren eine Art Standard waren, völlig verschwunden. Schade eigentlich. Als wir das Haus verließen, musterte Käptn Biet uns alle noch einmal unauffällig durch. Bei dem Mann, dem der Norddeutsche Lloyd die größten Passagierschiffe anvertraut hatte, wäre bestimmt kein Mitglied der Mannschaft in unvorschriftsmäßiger Uniform an Deck gelassen worden. Ich bin mir sicher, dass er Sarkozy nicht aus dem Haus gelassen hätte.

Und dann gibt es noch das hier. Stammt aus der der neuesten ➱Cerimonia Kollektion von Pal Zileri. Eine dandyeske Variante des Morning Coat. In Deutschland gibt es die Firma Wilvorst (die zum Brinkmann Imperium gehört), die so etwas Ähnliches für Hochzeiten verkauft. Sicher nicht in der Qualität, die Pal Zileri liefert, aber auch etwas schräg. Die Firma Odermark in Goslar (bei der die Maßkonfektion von Brinkmann, zum Beispiel die von Eduard Dressler angesiedelt war) gehört seit zwei Jahren auch zu Wilvorst, ich weiß nicht, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Man ist ja froh, wenn überhaupt noch ein Bekleidungshersteller in Deutschland bleibt.

Ob ein Anzug wie dieser von Pal Zileri nun die Zukunft der Herrenmode ist, überlassen wir mal dem sich ständig wandelnden Geschmack. Und geben das letzte Wort heute an Joachim Ringelnatz, der das alles sehr positiv sieht:

Es lebe die Mode!

Für die Mode, nicht dagegen
Sei der Mensch! – Denn sie erfreut,
Wenn sie sich auch oft verwegen
Vor dem größten Kitsch nicht scheut.

Ob sie etwas kürzer, länger,

Enger oder anders macht,
Bin ich immer gern ihr Sänger,
Weil sie keck ins Leben lacht.

Durch das Weltall sei's gejodelt
Allen Schneidern zum Gewinn:
Mode lebt und Leben modelt,
Und so haben beide Sinn.


Mittwoch, 25. April 2012

Henry Hammond


Ich weiß jetzt nicht, ob man diesen Herrn unbedingt kennen muss, den Theologen ➱Henry Hammond, der heute vor 352 Jahren starb. Er war in seiner Zeit als Gelehrter und Prediger sicher nicht unbedeutend. Ein Königstreuer im englischen Bürgerkrieg, sein Leben würde wahrscheinlich für einen Film ausreichen. Aber das soll mich heute nicht interessieren. Ich bin bei seiner Biographie auf etwas ganz anderes gestoßen, was wirklich erstaunlich ist. Und das betrifft seine Annotationen zum Neuen Testament - er war übrigens der erste Theologe, der die ihm zugänglichen Textvarianten miteinander verglich. Und er hat Geld dafür bekommen.

Denn wenn man Thomas Hearne, einem der gelehrtesten Menschen seiner Zeit, glauben darf, war Hammond der erste Mensch in England der copy money erhielt - was heute für einen Autor selbstverständlich ist: The famous Dr. Hammond was a red-haired man. He was the first man in England that had copy money. He was paid such a sum of money (I know not how much) by Mr. Royston, the king's printer, for his Annotations on the Testament. Wenn Sie wollen, können Sie das hier in den ➱Reliquiae Hearnianae nachlesen.

Es ist ein langer Weg für die Autoren gewesen, bis ihnen das Gesetz Tantiemen zugebilligt hat. Bis Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen im Artikel 27, Paragraph 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stand. Schriftsteller und das Geld, das ist eine lange Geschichte. ➱Hölderlin und ➱Edgar Allan Poe haben nichts verdient, Stephen King und Joanne K. Rowling können im Geld baden wie Dagobert Duck. Das Thema einer materiellen Entlohnung taucht schon in den ersten Werken unserer deutschen Literatur auf:

Ir sult sprechen willekomen:
der iu mære bringet, daz bin ich.
allez, daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: ir frâget mich.
ich wil aber miete:
wirt mîn lôn iht guot,
ich gesage iu lîhte, daz iu sanfte tuot.
seht, waz man mir êren biete.

Miete will er haben, dieser ➱Walther von der Vogelweide, einen Lohn. Er singt ein Heischelied. Aber in der zweiten Strophe wird er schon bescheidener, da begnügt er sich damit, dass die schönen Frauen ihn grüßen mögen. Bekanntlich können ja Minnesänger von Luft und Liebe leben:

Ich wil tiuschen frouwen sagen
solhiu mære, daz si deste baz
al der werlte suln behagen:
âne grôze miete tuon ich daz.
waz wold ich ze lône?
si sint mir ze hêr:
sô bin ich gefüege und bite si nihtes mêr,
wan daz si mich grüezen schône.

Aber dann gibt Walther dies Thema der grôze miete auf, und in der dritten Strophe seines Gedichts wird er - Deutschland, Deutschland über alles - ein wenig pathetisch:

Ich hân lande vil gesehen
unde nam der besten gerne war:
übel müeze mir geschehen,
kunde ich ie mîn herze bringen dar,
daz im wol gevallen
wolde fremeder site.
nû waz hulfe mich, ob ich unrehte strite?
tiuschiu zuht gât vor in allen.


Von der Elbe unz an den Rîn
und her wider unz an Ungerlant
mugen wol die besten sîn,
die ich in der werlte hân erkant.
kan ich rehte schouwen
guot gelâz unt lîp,
sem mir got, sô swüere ich wol, daz hie diu wîp
bezzer sint danne ander frouwen.


Tiusche man sint wol gezogen,
rehte als engel sint diu wîp getân.
swer si schildet, derst betrogen:
ich enkan sîn anders niht verstân.
tugent und reine minne,
swer die suochen wil,
der sol komen in unser lant: da ist wünne vil:
lange müeze ich leben dar inne!


Der ich vil gedienet hân
und iemer mêre gerne dienen wil,
diust von mir vil unerlân:
iedoch sô tuot si leides mir sô vil.
si kan mir versêren
herze und den muot.
nû vergebez ir got, dazs an mir missetuot.
her nâch mac si sichs bekêren.


Walther von der Vogelweide darf man zitieren, man braucht dafür nichts mehr an die Verwertungsgesellschaft Wort (die GEMA der schreibenden Zunft) zu bezahlen. Wenn Dichter lange genug tot sind, sind ihre Werke wohlfeil zu haben. Zum Thema Dichter und Geld hätte ich noch einen wunderbaren Lesetip: Karl Corino, Genie und Geld: Vom Auskommen deutscher Schriftsteller. 1991 bei Rowohlt als Taschenbuch erschienen (es gibt noch preiswerte Exemplare bei Amazon Marketplace).

Dienstag, 24. April 2012

Nathaniel Hone


Das hier ist ➱Sir John Fielding, gemalt von dem irischen Maler Nathaniel Hone (der heute vor 294 Jahren geboren wurde). Hone hatte als Portraitmaler sein Auskommen, vor allem deshalb, weil er sich auch auf die Miniatur- und Emailmalerei spezialisiert hatte. Eine wirklich Konkurrenz für Sir Joshua Reynolds war er nie. Dennoch bleibt sein Name für immer mit dem von Sir Joshua verbunden. Weil das Bild The Pictorial Conjuror, displaying the Whole Art of Optical Deception, das er 1775 für die Ausstellung der Royal Academy eingereicht hatte, den größten Kunstskandal des 18. Jahrhunderts verursachte.

Es wurde natürlich von der Royal Academy abgelehnt. Nicht nur, weil man im Hintergrund die nackte ➱Angelika Kauffmann zu entdecken glaubte, sondern weil jeder das Bild als einen satirischen Angriff auf den Präsidenten der Royal Academy ➱Sir Joshua Reynolds verstand. Aber Skandale in der Kunst sind gut für's Geschäft, und Nathaniel Hone nutzte die Kunst der Stunde. In der St Martin's Lane, gegenüber von ➱Slaughter's Coffee House stellte er seine Bilder aus, die erste one man show in der Geschichte der englischen Malerei (Sie finden ➱hier eine Liste der ausgestellten Werke). Auf diese Weise erhielt das Bild ein größeres Publikum, als wenn es in den Sälen der Royal Academy gehangen hätte.

Lassen Sie mich von dem Kunstskandal zu dem Bild ganz oben zurückkehren. Dieser Sir John Fielding, den Hone (hier ein Selbstportrait von Hone) gemalt hat, hat eine erstaunliche Karriere gehabt. Mit neunzehn Jahren hatte er als Seekadett in der Royal Navy bei einem Unfall sein Augenlicht verloren. Das hat ihn aber nicht daran gehindert, geschäftlich erfolgreich zu sein und mit Hilfe seines Bruders ein Jurastudium zu absolvieren. Und während Henry Fielding seine Romane schreibt und nebenbei als Friedensrichter und magistrate die Londoner Polizei (die sogenannten ➱Bow Street Runners) aufbaut, hilft ihm sein Bruder bei all diesen Dingen. Außer dem Romanschreiben, das macht Henry ganz alleine.

Doch mit der Welt des Romans wird John Fielding (hier ein Altersbild, auf dem er wie die verkörperte Justitia aussieht, die ja bekanntlich blind ist) auch etwas zu tun haben, wenn auch erst nach seinem Tod. Nach dem frühen Tod seines Bruders Henry hatte John dessen Stelle eingenommen und war sozusagen zum Polizeichef von London geworden (obgleich es dieses Amt noch nicht gab), ein Amt, das er ein Vierteljahrhundert wahrnehmen wird. Das erste Mal, das John Fieldings Name in der Literatur auftaucht, ist in einer Schmähschrift der Londoner Justiz von einem gewissen Robert Holloway, wenn Sie wollen, können Sie ➱The rat-trap hier lesen. Muss aber nicht sein.

Mr Haredale bowed, and rode off, close beside the chaise as before; determining to repair to the house of Sir John Fielding, who had the reputation of being a bold and active magistrate, and fully resolved, in case the rioters should come upon them, to do execution on the murderer with his own hands, rather than suffer him to be released. Hier sind wir schon in der Welt des Romans, es ist Charles Dickens' Roman Barnaby Rudge. Wenn man so will, ist das auch ein Krimi. Obgleich es eigentlich eher ein historischer Roman ist, der während der Gordon riots spielt, haben viele Historiker des Detektivromans in ihm einen Vorläufer des Detektivromans gesehen.

Barnaby Rudge wird nicht der einzige Roman bleiben, in dem der Blind Beak of Bow Street (beak ist Slang für judge) vorkommt, er und seine Bow Street Runners (hier bei der Arbeit) stehen im Zentrum von zehn Romanen von Bruce Cook (unter dem Pseudonym Bruce Alexander geschrieben). Cook hatte ein Buch über die Bow Street Runners gelesen, als ihm die Eingebung kam, den blinden Richter in einen Detektivroman hineinzuschreiben: I may not be the world's cleverest writer, but I knew a great character when he leaped off the pages at me. Aus dem einen Roman sind zehn geworden, die vom Publikum wohlwollend aufgenommen (und auch ins Deutsche übersetzt) wurden. Vielleicht weniger als ingeniöse Kriminalromane denn als gut recherchierte historische Romane, in denen das 18. Jahrhundert lebendig wird. Krimifreunde können ➱hier ein Interview mit Bruce Cook lesen.

Historische Kriminalromane sind ja jetzt en vogue, oder sollte man sagen: sie sind schon eine Pest geworden? Die ➱Zeit offeriert ein Dutzend für 54€, kann ich nix zu sagen, ich kenne keinen davon. Irgendwie scheint das ein Sub-Genre der Gattung geworden zu sein, wobei die Bandbreite groß ist. Man findet Qualität wie ➱Josephine Teys The Daughter of Time und Edith Pargeters (als 'Ellis Peters') ➱Cadfael Chronicles auf der einen Seite und viel Trash auf der anderen Seite. Sehr viel Trash. Vielleicht schreibe ich ein anderes Mal darüber. Wir brauchen jetzt zum Schluss noch ein Gedicht. Muss natürlich etwas mit dem Genre zu tun haben. Also nehme ich The Detective von Sylvia Plath:

What was she doing when it blew in
Over the seven hills, the red furrow, the blue mountain?
Was she arranging cups? It is important.
Was she at the window, listening?
In that valley the train shrieks echo like souls on hooks.

That is the valley of death, though the cows thrive.
In her garden the lies were shaking out their moist silks
And the eyes of the killer moving sluglike and sidelong,
Unable to face the fingers, those egotists.
The fingers were tamping a woman into a wall,

A body into a pipe, and the smoke rising.
This is the smell of years burning, here in the kitchen,
These are the deceits, tacked up like family photographs,
And this is a man, look at his smile,
The death weapon? No-one is dead.

There is no body in the house at all.
There is the smell of polish, there are plush carpets.
There is the sunlight, playing its blades,
Bored hoodlum in a red room
Where the wireless talks to itself like an elderly relative.

Did it come like an arrow, did it come like a knife?
Which of the poisons is it?
Which of the nerve-curlers, the convulsors? Did it electrify?
This is a case without a body.
The body does not come into it at all.

It is a case of vaporization.
The mouth first, its absence reported
In the second year. It had been insatiable
And in punishment was hung out like brown fruit
To wrinkle and dry.

The breasts next.
These were harder, two white stones.
The milk came yellow, then blue and sweet as water.
There was no absence of lips, there were two children,
But their bones showed, and the moon smiles.

Then the dry wood, the gates,
The brown motherly furrows, the whole estate.
We walk on air, Watson.
There is only the moon, embalmed in phosphorus.
There is only a crow in a tree. Make notes.

Montag, 23. April 2012

Bücher

Die Batterie der Quarzuhr aus rotem Plastik ist alle. Aber die Uhr mit den Zahlen 23 und 4 auf dem Zifferblatt, die mir mein ➱Buchhändler mal schenkte, erinnert mich immer an den Tag des Buches. Den gibt es seit dem Jahre 1995, der bibliophile Feiertag ist ein Jahr jünger als ein anderer Feiertag: der 23. April ist auch der Tag des deutschen ➱Bieres. Das ist sehr praktisch, da kann man gleich zwei Gedenktage feiern, indem man ein Buch liest und dazu ein Bier trinkt. Verkaufen die Buchhändler an dem Tag eigentlich mehr Bücher als sonst? Also, ich meine die wirklichen Buchhändler, nicht diese Ketten, die alle gleich aussehen und Thalia, Hugendubel oder Weltbild heißen. Die zusammen mit Amazon dabei sind, dem richtigen Buchhändler den Garaus zu machen. Und damit meine ich Buchhandlungen, die so aussehen, wie die hier von Felix Jud in Hamburg.

In der technologiehörigen schönen neuen Welt haben wir stattdessen  Glatzköpfe ohne Schlips, die ein Kindle Fire in der Hand halten. Das muss eine neue Mode, ja, geradezu ein neues ästhetisches Ideal sein. Überall sieht man Glatzen ohne Schlips in schlecht sitzenden Anzügen, die der Welt etwas verkaufen wollen. Dieser Herr hier heißt Jeff Bezos, er ist der Gründer von Amazon.

Die Geste von Bezos hat etwas von jemandem, der der Welt ein neues Evangelium bringt. Das Fire heißt. Brennt es bei Fahrenheit 451? Die Geste von Bezos ist etwas anderes als die Geste dieses Mannes, der zerschmettert gerade etwas. Nicht sein Kindle Fire - obgleich viele Käufer in den USA das in den letzten Monaten gerne getan hätten - er zerschmettert Tafeln, auf denen Wörter stehen. Weniger Wörter als in ein Kindle Fire passen auf diese Tafeln, die Moses vom Berg Sinai mitgebracht hat. Aber wahrscheinlich sind es wichtigere Sätze gewesen als in einem Kindle stehen. Doch man kann sich inzwischen die Lutherbibel für 89 Cent auf sein Kindle herunterladen, eine englische Bibelversion kriegt man bei Amazon schon für 0,00 Cent. Die Salafisten bieten auf den Straßen noch kein kostenloses Koran-Download an. Wird sicher auch noch kommen.

Wetten, dass Sie bis zu 3.000 Bücher mit einer Hand halten können? heißt es in der Amazon Werbung für das Kindle Touch. Und auf der Abbildung des Kindle Touch kann man auch sehen, welche Bücher das sind. Die Weltliteratur. Die Bücher der Bücher. Stephen King, Jussi Adler Olsen, Charlotte Link und Luca di Fulvio.

Dazu sage ich jetzt mal nichts, ich musste ja auch erst einmal nachgucken, wer diese Autoren überhaupt waren. Stephen King sagte mir etwas, weil ich einmal Pet Sematary gelesen habe. Ich nehme mal an, dass die anderen 2.996 Bücher auf dem Kindle Touch ähnlicher Art sind. Ein Buch wie Endlich Nichtleser kann man nicht herunterladen, ich habe bei Amazon nachgeschaut. Diese Kindle Dinger haben sicher einen Vorteil, man braucht keine Bücherregale mehr. Ikea wird sich umstellen müssen. Aber wie sieht das denn im Wohnzimmer aus, wenn die Bildungstapete an den Wänden fehlt? Wo doch mehr als die Hälfte der Bücher nur gekauft werden, um ins Regal gestellt zu werden.

Brave new world, aber irgendwie ein bisschen leer. Eine Horrorvorstellung für Innenarchitekten und Bücherwürmer. Books do furnish a room. Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne die Seele. Soll Cicero gesagt haben, hat er aber nicht, doch an dem Satz ist etwas dran. Sie waren der beste Vorrat, den ich auf meiner Lebensreise zu finden wußte, deshalb bedaure ich verständige Leute sehr, wenn sie desselben beraubt sind, hat Michel de ➱Montaigne über Bücher gesagt. Glauben wir ihm einmal, es ist viel Wahrheit in seinen Essais. J’ay faict ce que j’ay voulu: tout le monde me recognoist en mon Livre et mon Livre en moy, diesen Satz von Montaigne hat Thomas Mann einmal zu Anfang des 20. Jahrhunderts in sein Notizbuch geschrieben. Ob er so etwas auch gesagt hätte, wenn er Kindle gekannt hätte?

Natürlich habe ich auch heute ein Gedicht, allerdings nicht von Kindle. Kindle is not kind to poetry, hat der amerikanische Dichter Billy Collins (Poet Laureate der Jahre 2001-2003) in einem Interview gesagt. Auf die Frage How did you find the meaning of your poetry changed on the screen? antwortete er: Well it wasn't so much the meaning, it was just that poetry comes in lines, like gasoline comes in gallons. If you wanted the name of the creature that is the poet, they are like homolinearium -- they're like line-making creatures. And that's what we do, we make lines. Charles Olson, the poet, said no line must sleep, every line in a poem should be wakeful to the lines around it. And when you put a poem on a Kindle, the lines are broken in order to fit on the screen. And so instead of being the poet's decision, it becomes the device's decision.

Das wollen wir natürlich nicht. Und so gibt es hier heute zum Schluss einmal Hermann Hesse. Mit richtig geschriebenen Zeilen:

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.


Dort ist alles, was du brauchst,
Sonne, Stern und Mond,
Denn das Licht, danach du frugst,
In dir selber wohnt.

Weisheit, die du lang gesucht
In den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt —
Denn nun ist sie dein.

Sonntag, 22. April 2012

Thomas Rowlandson


Das ist der gute Dr Syntax auf seinem Pferd Drizzle, gezeichnet von ➱Thomas Rowlandson. Die Geschichte seines sentimental journey ist unter dem Titel The Tour of Dr. Syntax in search of the Picturesque zuerst in The Poetical Magazine (1809) erschienen, drei Jahre später kam sie in Buchform auf den Markt. Das Gemeinschaftswerkvon Thomas Rowlandson und dem hack writer Dr William Combe war ein Publikumserfolg. Und da der Karikaturist Thomas Rowlandson heute vor 185 Jahren starb, nehme ich natürlich einen Text von William Combe zu dieser kolorierten Zeichnung da oben als Gedicht des Tages.

I'll make a tour -- and then I'll write it.
You well know what my pen can do,
And I'll employ my pencil too: --
I'll ride and write, and sketch and print,
And thus create a real mint;
I'll prose it here, I'll verse it there,
And picturesque it everywhere.
I'll do what all have done before;
I think I shall -- and somewhat more.
At Doctor Pompous give a look;
He made his fortune by a book:
And if my volume does not beat it,
When I return, I'll fry and eat it.


Dr Syntax ist eine Mischung von Sancho Panza und dem etwas schusseligen und weltfremden Pastor Adams aus Henry Fieldings Roman Joseph Andrews. Henry Fielding wurde heute vor 305 Jahren geboren, ich hätte natürlich heute über den wunderbaren Roman Tom Jones schreiben können. Aber das hebe ich mir für ein anderes Mal auf. Sie können natürlich in den Trailer von ➱Tom Jones hineinschauen und morgen zum Tag des Buches mit der Lektüre anfangen. Oder sich den bei Amazon den ➱Film bestellen.

Ich bleibe heute mal bei Thomas Rowlandson, oder genauer bei einem Deutschen namens ➱Rudolf Ackermann (hier im Bild). Der sich in England (wo er 1809 englischer Staatsbürger wird) natürlich mit einem -ph am Ende schreibt. Denn ohne Rudolph Ackermann wäre Rowlandson nichts, nachdem er sein Erbe von 7.000 Pfund verjuxt hat. Das hat Rowlandson übrigens mit dem Eton-Schüler William Combe gemein. Das Leben des Sachsen Ackermann (der auch  in London die Verbindung zu seinem Heimatland nie abreißen ließ) ist eine erstaunliche success story. Der gelernte Sattler und Kutschenbauer (der sich auch eine ➱Kutschensteuerung patentieren ließ), hatte 1795 in London eine Druckerei und eine Zeichenschule eingerichtet. Wenig später hatte er beinahe den ganzen englischen Markt für Druckgraphik unter Kontrolle. Ab 1809 erschien sein Repository of arts, literature, commerce, manufactures, fashions, and politics, allgemein Ackermann's Repository oder schlicht Ackerman's genannt.

Ein Journal, in dem man alles finden konnte, natürlich auch die Mode der Regency Zeit. Die eleganten Damen und Herren des age of elegance (die ➱Dandies natürlich eingeschlossen) konnten sich hier ihre Anregungen für die Inszenierung ihres Lebens holen. Nicht nur durch die Illustrationen der zeitgemäßen Mode, auch die englische Möbelkunst war hier reichhaltig repräsentiert. Wenn man sich mit der Welt des ➱Regency beschäftigt, von Janes Austen bis Beau Brummell, wird man um das Studium von Ackerman's Repository nicht herumkommen. In dem unübertroffenen ➱Katalog Metropole London: Macht und Glanz einer Weltstadt 1800 - 1840 (es gibt noch preiswerte Exemplare bei Amazon Marketplace) gibt es ein schönes Kapitel zu Ackermann von Simon Jervis, dem Direktor des Fitzwilliam Museum Cambridge.

The Tour of Dr. Syntax in search of the Picturesque ist ein Vorläufer der comic books. Und eine Satire auf William Gilpin, der für die Engländer, insbesonders die reisenden Engländer, den Begriff des ➱picturesquethat kind of beauty which is agreeable in a picture - erfunden hatte. Denn die Engländer ➱reisen jetzt, sie sind allerdings noch nicht der Typ des englischen Inselprollis, der sich im Sommer im Mittelmeerraum findet. Es sind noch mehr oder weniger gebildete Engländer der Oberschicht, die sich auf die aus der Grand Tour entstandenen Bildungsreise durch Europa begeben. Das ästhetische Rüstzeug dazu haben sie dank ➱Burkes sublime and beautiful und Gilpins picturesque im Handgepäck. Dass sie manchmal, wie hier in der Illustration von Rowlandson, unter die Räuber fallen, muss man einkalkulieren. Heute sieht die humoristische Behandlung der englischen Reiselust etwas anders aus als bei Rowlandson und Dr Combe. Schauen Sie doch einmal bei YouTube in die BBC Serie ➱Little Britain Abroad hinein. Geschmacksloser geht's nimmer, dagegen ist Carry On Abroad noch high culture. Schauen Sie doch ➱hier einmal hinein.