Sonntag, 18. September 2016

awesome


Vor einem Jahr fragte mich ein Freund, was ich von dem übermäßigen Gebrauch des Wortes awesome hielte. Ich sagte: Nichts. Ich hasse es, wenn Wörter ihres Sinns und ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt werden. Also zum Beispiel dieses ubiquitäre vor Ort. Da, wo alle Reporter sind. Als ich das zum ersten Mal im Fernsehen hörte, dass der Reporter vor Ort sei, fragte ich mich: und wo ist das Bergwerk? Denn in die Welt der Bergleute (die neuerdings Bergmänner sind) gehört dieses vor Ort, und es ist auch das Ort, nicht der Ort. Und dann sind da noch die Feuerwehrmänner, die besser Feuerwehrleute sein sollten. Und, und, und. Das fängt morgens mit der Zeitung an und hört abends mit den Nachrichten auf. Vielleicht sollte man in alle Nachrichtenredaktionen einmal Schopenhauers Überlegungen über die ➱Verhunzung der deutschen Sprache geben. Und dann packen wir die ganzen witzigen Bücher von Wolf Schneider noch dazu. Liest niemand diese Bücher mehr? Und da ich gerade dabei bin, Bücher zu empfehlen: Langenscheidt hat ein Lexikon ➱Deutsch als Fremdsprache im Programm. Ist zwar nicht für Deutsche gedacht, kann denen heute aber sehr empfohlen werden.

Von der falschen Aussprache ganz zu schweigen. Gibt man Sprechkultur bei Google ein, erhält man hunderte von Adressen, die das richtige Sprechen bei öffentlichen Auftritten vermitteln. Das wäre auch etwas für die Sprecher und Reporter von ARD und ZDF. Diese gräßliche Katrin Müller-Hohenstein kann noch nicht mal das Wort penalty richtig aussprechen, redet von peehnalltie, man glaubt es nicht. Für sie und alle anderen Mitarbeiter des öffentlich rechtlichen Fernsehens habe ich hier ein kleines ➱gadget, das einem hilft, englische Wörter richtig auszusprechen. Mit der Aussprache auch von Wörtern der Muttersprache liegt vieles im Argen. Ich habe vor vier Jahren in dem Post ➱Notting Hill Kritik an Herrn Poschmann geübt, und ich hätte vor Wochen bei den Olympischen Spielen ganze Listen von verbalen Entgleisungen anlegen können. Und da denke ich gar nicht mal an Carsten Sostmeiers Beleidigungen von Reiterinnen.

Aber bleiben wir noch bei der Aussprache: bei der Berichterstattung über die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern gab es keinen einzigen Reporter, der das Bundesland richtig aussprechen konnte. Ich zitiere da mal eben die Wikipedia (die erstaunlicherweise mal Recht hat): Das Wort Mecklenburg wird in der Umgangssprache der meisten Regionen wie [meːklənbʊɐç] oder Meeklenburch ausgesprochen. Das „e“ wird lang gesprochen (dies ist als deutschlandweite korrekte Aussprache des e zu verstehen; siehe: das CK im Norden) und das „g“ wie ein palatales „ch“. Die Veränderung des g im Auslaut ist ein Überrest niederdeutscher Phonologie. Da war mal ein Philologe am Werk, der sich auskennt. So jemanden hätte ➱Schiller auch gebraucht, bevor er Der lange Peter aus Itzehö aufs Papier schrieb.

Nein, die gesprochene Sprache im öffentlichen Diskurs verfällt, wir brauchen Sprachlehrer. Als ich vor Jahren im Autoradio hörte, dass der Ort Burglesum (der aus den Orten Burg und ➱Lesum besteht) von dem Sprecher im Radio als Burgel-sum ausgesprochen wurde, da dachte ich, was wohl Will Quadflieg dazu gesagt hätte. Denn der Schauspieler, der auch als Rezitator berühmt war, hatte ja in der Gegend von ➱Lesum gewohnt. Wahrscheinlich hat Botho Strauß den Ort Lesum deshalb in das Theaterstück Besucher hineingeschrieben. Wo Karl Joseph (der niemand anderer als Will Quadflieg ist) sagt: In Bremen vierundsechzig oder fünfundsechzig — ich gastierte im Danton— da hatten wir einen jungen Kollegen, der ist eines Abends, also es war schon Viertel eins. Dantons Tod, eine Viecherei, kein Bus fuhr mehr, da ist er plötzlich zur Rampe gelaufen, mitten im Text, und fragt ins Publikum hinunter, ob ihn jemand nach der Vorstellung mit nach Lesum nehmen kann. Dort hat er nämlich gewohnt, mitten im Text. Der war übergeschnappt. Auch ganz jung. Na ja...

Leider hat Will Quadflieg in meiner Schule keine Literatur rezitiert. Statt seiner kam immer der Rezitator Horst Bogislaw von Schmelding. Da musste man fünfzig Pfennig bezahlen, um sich in der Aula Schillers Glocke und ähnliche scheußliche Langgedichte anzuhören. Und da war nicht mal Fontanes Ich hab' es getragen sieben Jahr, Und ich kann es nicht tragen mehr, Wo immer die Welt am schönsten war, Da war sie öd' und leer dabei. Aber der sächsische Hofschauspieler Herr von Schmelding war natürlich nicht der Hofschauspieler, über den Thomas Mann schrieb: Er war der Einzige im ganzen Saal, der in der Glocke nicht ganz sicher war. Nein, er war sich seiner Texte schon sicher, er hatte sie ja oft genug aufgesagt. Als ich Herrn von Schmelding zum zweiten Mal hören musste, machte ich nicht den Fehler, mich wieder in die erste Reihe zu setzen. Der sächsische Staatsschauspieler mit dem rollenden Ärrr hatte nämlich eine sehr feuchte Aussprache.

Ich habe im Internet gelesen, dass Schmelding während des Krieges in Auschwitz Goethe rezitiert hat: 15. Februar 1943: Am Montag, den 15. Februar 1943, 20:00 Uhr fand im kleinen Saal des Kameradschaftsheimes der Waffen-SS ein Abend statt unter dem Motto "Goethe – ernst und heiter". Diese Veranstaltung bot Gelegenheit, gerade die Volksdeutschen mit den höheren Gütern deutscher Kultur vertraut zu machen. Angesagt haben sich Mitglieder des Sächsischen Staatstheaters Dresden: der Leiter der Bühnenmusik Rolf Schroeder, Staatsschauspieler Horst Bogislaw von Smelding sowie die Altistin Inger Karén, die 1938 bei den Bayreuther Festspielen die Rolle der Erda im Ring des Nibelungen gesungen hat – ihre Kollegin Ottilie Metzger-Lattermann, ebenfalls als Erda in Bayreuth, ist vier Monate zuvor in Auschwitz ermordet worden. Später ist er dann von Gymnasium zu Gymnasium getourt, auch auf Anglistentagen ist er aufgetreten. Und bei der Feier zum 90. Geburtstag der Shakespeare Gesellschaft 1954 soll er große Teile von Venus und Adonis vorgelesen haben. Das muss schön gewesen sein. Hoffentlich wusste der Vizepräsident Wolfgang Clemen, dass er sich besser nicht in die erste Reihe setzen sollte.

Obgleich mir die Vorstellung gefällt, dass Deutschlands berühmtester Anglist der fünfziger Jahre angespuckt wurde, aber das liegt an seinem Verehrer Rudolf Germer (zu dem es ➱hier einige bösartige Bemerkungen gibt). Als ich ins Hauptstudium kam, fragte mich Peter Nicolaisen, was ich nun tun wollte. Ich sagte ihm, dass ich eigentlich zu Germer ins Shakespeare Hauptseminar wollte. Tun Sie das bloß nicht, der liest doch nur aus dem Clemen vor, sagte Nicolaisen. Aber der Germer las sehr schön. Er wusste nur nie, was er lesen würde, den Text der Vorlesung, die ihm sein Assistent schrieb, erhielt er erst kurz vor der Vorlesung.

Ich neige zwar wie ➱Laurence Sterne zu Abschweifungen, aber ich habe die Sache mit awesome nicht vergessen. In Richard Fords Kurzgeschichtensammlung Let me be Frank with You fand ich diese Stelle, die wie geschaffen war für meinen Freund, der sich über das Übermaß des Gebrauchs von awesome enragierte: In recent weeks, I've begun compiling a personal inventory of words that, in my view, should no longer be usable — in speech or any form. This, in the belief that life's a matter of gradual subtraction, aimed at a solider, more-nearly-perfect essence, after which all mentation goes and we head off to our own virtual Chillicothes. A reserve of fewer, better words could help, I think, by setting an example for clearer thinking. It's not so different from moving to Prague and not learning the language, so that the English you end up speaking to make yourself understood bears a special responsibility to be clear, simple, and value-bearing. When you grow old, as I am, you pretty much live in the accumulations of life anyway. Not that much is happening, except on the medical front. Better to strip things down. And where better to start stripping than the words we choose to express our increasingly rare, increasingly vagrant thoughts. It would be challenging, for instance, for a native Czech speaker to fully appreciate the words poop or friggin', or the phrase "We're pregnant," or "What's the takeaway?" Or, for that matter, awesome when it only means "tolerable." Or preemie or mentee or legacy. Or no problem when you really mean "You're welcome." Likewise, soft landing, sibs, bond, hydrate (when it just means "drink"), make art, share, reach out, noise used as a verb, and . . . apropos of Magic One-Oh-Seven: F-Bomb. Fuck, to me, is still pretty serviceable as a noun, verb, or adjective, with clear and distinct colorations to its already rich history. Language imitates the public riot, the poet said. And what's today's life like, if not a riot?

Gibt man bei Google das Word awesome ein, erscheint ganz oben groß eine Tafel, auf der der awesome - genial steht. Die kulturelle Mickymausisierung, die uns Google präsentiert, nimmt überhand. Denn das ist eben kompletter Unsinn, awesome bedeutet eben nicht ganz doll. Es bedeutet etwas ganz anderes. Und da muss ich mal eben den Linguisten Neal Whitman zitieren, der eine sehr schöne ➱Seite hat, für deren Lektüre man kein Linguist sein muss. Der Mann schreibt witzig und verständlich. Was Linguisten in den meisten Fällen nicht können. Außer sie heißen Steven Pinker und schreiben The Language Instinct. Neal Whitman ist beinahe so witzig wie Steven Pinker, und er hat zu dem Wort awesome in seinem ➱Blog einiges zu sagen: Awesome, and its sibling awful, are suffixed versions of the word awe, which goes all the way back to the Old English period, when it was spelled ege, æge, and a few other ways. Back then, according to the Oxford English Dictionary, awe meant fear. By a thousand years ago, it meant fear with an undercurrent of respect. By two hundred fifty years ago, it meant respect with an undercurrent of fear, a meaning it still has today. In 1851, in a definition so on the mark that the OED included it in its entry for the word, John Ruskin defined awe as the recognition of something as highly dangerous, even though it does not pose an immediate threat to oneself. He compared it to watching "a stormy sea from the shore." 

Ich weiß, dass Jammerlieder über den Verfall der Sprache alt sind ➱Johann Rist hat vor 360 Jahren den Elbschwanenorden gegründet; eine gelehrte Gesellschaft, die das Ziel der Bereinigung der deutschen Sprache hatte. Und? Gehen wir seitdem achtsam mit der Sprache um?

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