Donnerstag, 8. Dezember 2016

Flandern


Mein Großvater war in der Flandernschlacht. Da hat er sein ➱Eisernes Kreuz bekommen. Und eine Karte von einem jungen Verwandten: Lieber Heinrich! Zunächst meinen herzl. Glückwunsch zum „Ritter des eisernen Kreuzes“!! Es ist sehr schön, dass Du es hast. Schreib mir doch mal wie Du es bekommen hast. Hier ist alles wohl. Erich + Karl sind wieder in Frankreich in einer grossen Schlacht; Gott beschütze Euch alle. Nun schreib mir bitte bald wieder. Herzl. Grüsse von Deinem Heinz! Die Karte im Photoalbum kann ich lesen, weil ich noch gelernt habe, die Sütterlinschrift zu lesen. Heute haben Studenten schon Schwierigkeiten, Bücher mit Frakturschrift zu lesen.

Auf der Rückseite der Feldpostkarte aus dem Mai 1915 ist ein Photo von Heinz. Mit Stehkragen, Norfolkjackett und Knickerbockern, einer Feldmütze, einem Koppel und der hölzernen Attrappe eines Gewehrs. Wenig später bekommt Heinz auch eine richtige Uniform und ist im Krieg. Sie alle wissen damals nicht, welches Glück sie haben. Sie werden alle den Krieg überleben, Opa und seine Brüder und der junge Heinz. Opas Bruder Karl ist übrigens der Vater von dem Bildhauer ➱Karl Lemke. Onkel Karl ist im Oktober gestorben, das hat mich sehr traurig gemcht. Aber er war zweiundneunzig, es war ein langes, erfülltes Leben.

Wo dieses Flandern war, wusste ich nicht. Ich kannte zwar Ortsnamen wie Langemarck und Kemmelberg, aber ich wusste nicht, wo die Orte waren. In den Photoalben von Opa war Flandern ein Land auf gelbstichigen Photos, die braune, zerfressene Landschaften zeigten. Manchmal Kanonen, Schützengräben, viel Schlamm. Selten Soldaten, deren Helme alle stoffbedeckt waren. Camouflage, sagte Opa. Hunderte von Bildern in Sepiatönen. Was sie nie zeigten, war der Tod. Vielleicht gab es solche Bilder, aber die waren nicht in das Photoalbum gekommen. 

Flandern bedeutete den Tod, wie ich später in Liedern lernte, die so harmlos anfangen wie Der Wind weht über Felder ums regennass´ Gezelt. Das mit dem Wind und dem regennassen Zelt, das sagte mir etwas, weshalb der Kaiser nach Geldern stürmte, das wusste ich nicht. Das Lied klang nach einem alten Landsknechtslied, wo des Kaisers Reiterei und Taritara, Taritarei noch eine Bedeutung hatten, wo der Schnitter Tod im fernen Flandernlande mähte. Doch so alt war das Lied nicht, es war erst nach dem Krieg entstanden.

Ich kannte noch ein anderes Flandernlied, das auch vom Tod handelt, das stand in der Mundorgel:

Der Tod reit´t auf einem kohlschwarzen Rappen
Er hat eine undurchsichtige Kappen
Wenn Landsknecht´ in das Feld marschieren
Läßt er sein Roß daneben galoppieren
Flandern in Not
In Flandern reitet der Tod

Bei YouTube ist das Lied von jemandem eingestellt, der sich Schutzstaffel nennt. Wir wissen, wie man das Wort abkürzt. Die Lieder, in denen der Tod durch Flandern reitet, sind von der Wandervogelbewegung gesungen worden. Wenig später wurden sie von der Wehrmacht gesungen.

Das wohl bekannteste Gedicht zu den Flandernschlachten, in denen mehr als eine halbe Million Soldaten fielen, heißt In Flanders Fields. Das Gedicht von dem kanadischen Oberstabsarzt John McCrae wurde am 8. November 1915 in der englischen Zeitschrift Punch veröffentlicht:

In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.

We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved, and were loved, and now we lie
In Flanders fields.

Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders fields.


In Flanders Fields (hier eine deutsche ➱Übersetzung) ist neben Rupert Brookes ➱The Soldier das berühmteste englische Kriegsgedicht des Great War. Man kann es zu der Musik von Alexander Tilley als ➱Chor singen, aber besser ist es noch, wenn es vorgetragen wird. Und dafür habe ich heute einen Landsmann des Dichters, keinen Geringeren als ➱Leonard Cohen.

Die Zeile In Flanders fields the poppies blow ist in England in jedem November im Gedächtnis aller, weil am 11. November Poppy Day ist. Als vor vier Wochen die Nationalmannschaften von England und Schottland der Fifa signalisierten, dass sie bei hrem Länderspiel am 11. November Mohnblumen auf ihrem Trikot tragen würden, verbot die Fifa das sofort. Die Fifa hat nichts dagegen, dass die deutsche Nationalmannschaft den Mercedesstern auf der Brust trägt. Kommerz ist für die Fifa in Ordnung. Aber ein nationales Trauersymbol am Remembrance Day, das geht natürlich nicht. Die Fifa drohte Strafen an, die Fußballmannschaften pfiffen auf die Fifa und trugen trotzig ihre ➱Poppies. In den Mysterien von Eleusis ist der Mohn ein Symbol für das Vergessen, in England ist die Blume mit der Farbe, die an Blut erinnert, ein Symbol des Nicht-Vergessens: If ye break faith with us who die We shall not sleep.

Soldatenfriedhöfe sagen mir viel, weil ich mit meiner Jugendgruppe vor über einem halben Jahrhundert mit dem Programm Versöhnung über Gräbern in Frankreich gewesen bin (lesen Sie mehr dazu in ➱Gräber, ➱Stars and Stripes Forever und ➱Paris, Sommer 1959). Ich habe die englischen Friedhöfe bewundert, weiße schlichte Steinkreuze auf grünem Rasen: there's some corner of a foreign field That is for ever England. Unsere Arbeit in Nordfrankreich und ➱Dänemark für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat vielleicht auch etwas zu dem Zusammenwachsen von Europa beigetragen. So etwas hat Claude Juncker bei seiner Rede im Jahre 2008 am Volkstrauertag im Bundestag wohl auch gemeint, als er sagte: Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen!

Wir sollten nicht vergessen, dass am Anfang des Krieges 1914 ein Akt der Barbarei stand. Für den deutschen Reichskanzler war der Neutralitätsvertrag mit Belgien nur ein Fetzen Papier. Wenig später wurde der Welt bekannt gemacht: Leuven ist nicht mehr, man hatte die Stadt niedergebrannt, die berühmte ➱Bibliothek vernichtet. Der belgische Pater Pater Dupierreaux schrieb: Die Deutschen sind mit Feuer und Schwert in Belgien eingebrochen. Diese Horde von Barbaren hat das ganze Land verwüstet. Als Omar die Bibliothek von Alexandrien zerstörte, glaubte niemand, daß ein solcher Akt des Vandalismus sich wiederholen könne. Er hat sich aber in Löwen wiederholt; die Bibliothek ist zerstört. Das ist die germanische Kultur, deren sie sich so sehr rühmten. Wolfgang Schivelbusch hat das hervorragende Buch ➱Eine Ruine im Krieg der Geister über den Akt der Barbarei geschrieben.

Wenn es den häßlichen Deutschen zuvor noch nicht gegeben hatte, jetzt war er da. Denn nun geschieht etwas Unglaubliches: statt sich zu schämen, solidarisiert sich die deutsche Intelligenz in einem Aufruf an die Kulturwelt mit dem deutschen Heer. Der Krieg der Geister hat begonnen: Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kultur erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache zu beschmutzen trachten. Um so eifriger arbeitet man jetzt mit Entstellungen und Verdächtigungen. Gegen sie erheben wir laut unsere Stimme. Sie soll die Verkünderin der Wahrheit sein. Weshalb Gerhart Hauptmann und Max Liebermann das unterschrieben haben (Dafür stehen wir euch ein mit unserem Namen und mit unserer Ehre!), das weiß ich wirklich nicht.

Es wird mit Worten jetzt ebenso viel angerichtet wie mit Feuer, Bomben und Mitrailleusen. Und auch wenn es sehr überspitzt ist, es ist etwas an dem dran, was Rudyard Kipling 1916 schreibt (die ➱Antwort der englischen Professoren auf den deutschen ➱Aufruf der 93 ist viel zuückhaltender): One thing that we must get into our thick heads is that wherever the German - man or woman - gets a suitable culture to thrive in he or she means death and loss to civilized people, precisely as germs of any disease suffered to multiply mean death or loss to mankind, There is no question of hate, or anger or excitement in the matter, any more than there is in flushing out sinks or putting oil on water to prevent mosquitoes hatching eggs. As far as we are concerned the German is typhoid or plague - Pestis Teutonicus, if you like. But until we realize this elementary fact in peace we shall always be liable to outbreaks of anti-civilization. Make this clear by all means in your power.

Ich habe 1959 und in den folgenden Jahren bei unserer freiwilligen Friedhofsarbeit nicht geglaubt, dass es eines Tages einen Friedhofstourismus geben würde. Aber Stefan Zweig ahnte das schon 1928 in ➱Reisen in Europa: Ypern ist die great show Belgiens geworden, eine schon gefährliche Konkurrenz für Waterloo, ein Man-muss-es-gesehen-Haben aller Touristen. Heute ist der belgische Schlachtfeld- und Friedhofsttourismus gut organisiert, nennt sich ➱Vredesfietsroute, Radeln für den Frieden. Und überall an der Route der Kommerz, man hat immer noch Reste von den Schlachtfeldern an die Touristen zu verkaufen.

Ich hätte da zum Schluss noch ein Gedicht eines jungen Dichters, der sich einen Dreck darum schert, dass die Deutschen die Neutralität Belgiens missachtet haben. Der belgische Acker nennt er sein schönes Blut und Boden Gedicht:

Und aus dem Gottesacker der Erde, aus Moder und Tod
Wuchs übers atmende Land
Breit in die Sonne gespannt
Siegreichen Lebenden auf das göttliche Brot...
Und am Tage klingen aus wogenden Ährenmeeren
Widerschallend von der französischen Schlachten Getöse
Auf zum Himmel, sonnendurchbebt
Die ehern schweren Gesänge
von Deutschlands siegender Größe
Die aus Friedhöfen sich Brotäcker gräbt.


Der Dichter kennt den Krieg nicht wirklich. Er ist siebzehn, so alt wie der Heinz, als er meinem Opa die Feldpostkarte schreibt. Im Gegensatz zu Heinz wird er den Krieg auch nicht kennenlernen. Der junge Dichter heißt übrigens Bertolt Brecht.

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