Sonntag, 31. März 2013

Joseph Haydn


Joseph Haydn hat heute Geburtstag. Oder morgen, man weiß das nicht so genau. Er war in England lange berühmter als in Deutschland. So schrieb eine Londoner Zeitung 1792: Nie hatten wir einen reicheren musikalischen Genuß. Freilich ist nicht zu verwundern, dass Haydn den für die Musik empfänglichen Herzen ein Gegenstand der Verehrung, ja Anbetung sein muss; denn gleich unserem Shakespeare bewegt & regiert er die Leidenschaften nach seinem Willen. Und August Friedrich Langbein dichtete an Haydns Geburtstag im Jahre 1826:

Viel edle Werke lobten schon den Meister,
Da ward er noch in Deutschland kaum genannt,
Und über ihn erhob sein Haupt wohl dreister,
Als ziemend war, manch' finstrer Kunstpedant.
Doch aus der Ferne hatten helle Geister
Den Lorbeerzweig des Beifalls ihm gesandt,
Und jubelvoll empfangen über'm Meere
Reicht' England ihm den späten Kranz der Ehre.


Die Melodie unseres Deutschlandliedes stammt von Joseph Haydn. Was bei der Trauerfeier für Konrad Adenauer im Deutschen Bundestag den Bundespräsidenten Heinrich Lübke sehr verwirrte. Als das Orchester Haydns poco adagio cantabile aus dem Kaiserquartett anstimmte, dachte Lübke, es sei die Nationalhymne. Und stand auf. Dann merkte er, dass er einen faux pas begangen hatte und setzte sich wieder. Mittlerweile hatte sich aber der halbe Saal erhoben, um Lübkes Beispiel zu folgen. Da stand Lübke wieder auf. Einer der großen Momente aus dem Bundestag, war das komisch. Am Ende der Veranstaltung erklärte Lübke dann de Gaulle Das am Schluß war ein Musikstück von Haydn. Ja, wie Haydn schon sagte: Meine Sprache versteht man in der ganzen Welt. Nur im Sauerland, wo Lübke herkam, offenbar nicht so ganz.

Aber Haydn hat natürlich mehr verdient als den Herrn Lübke. Und deshalb gibt es hier morgen eine lange Besprechung seiner Klaviersonaten. Die ja viel zu wenig in den Mittelpunkt gerückt werden. Und viel origineller sind, als man gemeinhin annimmt. Der Kapellmeister des Fürsten Esterházy hat einmal über sich gesagt: Mein Fürst war mit allen meinen Arbeiten zufrieden, ich erhielt Beifall, ich konnte als Chef eines Orchesters Versuche machen, beobachten, was den Eindruck hervorbringt & was ihn schwächt, also verbessern, zusetzen, wegschneiden, wagen. Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen & quälen, & so musste ich original werden.

Morgen dazu mehr. Und Sie hören bitte ➱hier mal eben hinein, Sie brauchen aber dafür nicht aufzustehen.

Allen meinen Lesern ein frohes Osterfest.

Freitag, 29. März 2013

Kuckucksnest


They don't bother not talking out loud about their hate secrets when I'm nearby because they think I'm deaf and dumb. Everybody thinks so. I'm cagey enough to fool them that much. If my being half Indian ever helped me in any way in this dirty life, it helped me being cagey, helped me all these years ... Der da spricht, ist der angeblich taubstumme Chief Bromden, der Erzähler von Ken Keseys One flew over the cuckoo's nest. Am Ende des ersten Kapitels sagt er: I been silent so long now it’s gonna roar out of me like floodwaters and you think the guy telling this is ranting and raving my God; you think this is too horrible to have really happened, this is too awful to be the truth! But, please. It’s still hard for me to have a clear mind thinking on it. But it’s the truth even if it didn’t happen.

Das auf dem Photo ist natürlich nicht Chief Bromden, das ist Jack Nicholson als Randle McMurphy in dem Film von Milos Forman. Der hat am 29. März des Jahres 1975 mächtig viele Oscars abgeräumt. Das Studio war gut beraten, den beinahe unverfilmbaren Roman einem Regisseur wie Milos Forman zu überlassen. Als ich One flew over the cuckoo's nest damals im Kino sah, konnte ich mich noch gut an die beiden Filme von Forman erinnern, die ich ein Jahrzehnt zuvor gesehen hatte: Die Liebe einer Blondine und Der Feuerwehrball. Es waren die Filme, die seinen Weltruhm begründeten.

Der Roman One flew over the cuckoo's nest war damals nicht mehr ganz neu, er war 1962 erschienen und schon im nächsten Jahr auf den Broadway gewandert (der Autor des Filmdrehbuchs, Bo Goldmann, hat aber die Theaterversion von Dale Wassermann nicht für sein Drehbuch benutzt). Dies hier ist das Cover der englischen Picador Ausgabe, hab' ich aus Nostalgie hierher gestellt. Ich habe aber auch noch die von John C. Pratt herausgegebene dicke Ausgabe der Viking Critical Library des Romans, die eine Vielzahl von Materialien enthält. Dieser Professor John Pratt hat eine erstaunliche Karriere: PhD von Princeton, dann US Air Force, Pilot in Vietnam, später Lehrer an der Luftwaffenakademie. Danach wurde der pensionierte Lieutenant Colonel Pratt Professor an der University of Colorado. Bei den Interviews, die er Anfang der siebziger Jahre mit Ken Kesey führte, wäre ich gerne dabei gewesen.

Was der Film natürlich nicht leisten kann, ist die Perspektive des Romans wiederzugeben: die ganze Welt aus der Sicht von Chief Bromden, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs in der Psychiatrie ist. Und der der einzige ist, der am Ende des Romans aus dieser Welt ausbricht. Für Leslie Fiedler, der sein Buch The Return of the Vanishing American mit einem thanks to the Blackfoot tribe who adopted me versah, war der Indianer ein Zeichen dafür, dass die amerikanische Literatur nicht mehr blind gegenüber den Native Americans war. Also gegenüber denen that you've chased across America's movie screens, wie ➱Buffy Sainte-Marie sang. Und wenn wir an Thomas Bergers Little Big Man, ➱Arthur Kopits Indians und die Lieder der protest singers denken, gab es ja schon eine kleine Welle der Indianerliteratur.

Keseys Roman bietet Raum für eine Vielzahl von Interpretationen. Überall Symbole in den Text hineinzuschreiben, hatte er an der Stanford Universität in dem Creative Writing Program von Wallace Stegner gelernt. Mit dem er sich ständig gezofft hat. Angeblich hielt ➱Stegner ihn für einen threat to civilization and intellectualism and sobriety. Ähnliches befürchteten damals ja viele, die counter culture war ein Gegenentwurf, der dem konservativen Amerika nicht behagte. Aber Charles A. Reichs Buch The Greening of America, eine Art Bibel der counter culture wurde 1970 ein Bestseller, ebenso wie One flew over the cuckoo's nest  ein Bestseller war. Es ist auch ein Roman, der sich nach einem halben Jahrhundert immer noch gut gehalten hat. Was auch für andere Titel aus dem Jahr 1962 wie Anthony Burgess' A Clockwork Orange gilt. Kultbücher sind angesagt. Manche haben ein kürzeres Verfallsdatum, Pirsigs Zen and the Art of Motorcycle Maintenance hat sich leider nicht so gut gehalten.

Ken Kesey hat Melville bewundert: Nobody had more class than Melville. To do what he did in 'Moby-Dick', to tell a story and to risk putting so much material into it. If you could weigh a book, I don’t know any book that would be more full. It’s more full than 'War and Peace' or 'The Brothers Karamazov'. It has Saint Elmo’s fire, and great whales, and grand arguments between heroes, and secret passions. It risks wandering far, far out into the globe. Melville took on the whole world, saw it all in a vision, and risked everything in prose that sings. You have a sense from the very beginning that Melville had a vision in his mind of what this book was going to look like, and he trusted himself to follow it through all the way.

Und natürlich kommt auch ein wenig Melville in dem Roman vor. Erinnern Sie sich an die Unterhosen von Randle McMurphy? The shorts under his work pants are coal black satin covered with big white whales with red eyes. He grins when he sees I'm looking at the shorts. 'From a co-ed at Oregon State, Chief, a Literary major.' He snaps the elastic with his thumb. 'She gave them to me because she said I was a symbol.' Es ist schön, wenn einem die Symbolik so klar geliefert wird.

Randle McMurphy - eine Paraderolle für Jack Nicholson - ist natürlich nicht Kapitän Ahab. Er ist eine comic book Figur, der amerikanische Cowboy, was immer wir wollen. Ken Kesey, der sich selbst als eine Übergangsfigur zwischen den Beatniks und den Hippies sah, soll angeblich Neal Cassady (den Jack Kerouac als Dean Moriarty in On the Road in die Literatur gebracht hatte) das Vorbild für Randle McMurphy sein. Das hat Kesey zurückgewiesen. Auf die Frage How much of Neal Cassady went into the making of Randle P. McMurphy? hat er geantwortet: He’s part of the myth. The Irish names—Kesey, Cassady, McMurphy—were all together in my mind as well as a sense of Irish blarney. That’s part of the romantic naïveté of McMurphy. But McMurphy was born a long time before I met Neal Cassady. The character of McMurphy comes from Sunday matinees, from American Westerns. He’s Shane that rides into town, shoots the bad guys, and gets killed in the course of the movie. McMurphy is a particular American cowboy hero, almost two-dimensional. He gains dimension from being viewed through the lens of Chief Bromden’s Indian consciousness.

Der von der Tyrannin der Irrenanstalt Amerika namens Nurse Ratched (= wretched) lobotomisierte McMurphy stirbt am Ende. Chief Bromden erstickt ihn mit einem Kissen, es ist ein Gnadentod. Oder ein Liebestod. Amerikas Cowboy muss sterben, damit Amerikas Indianer leben kann, eine schöne Vision. Eine Vielzahl von Literaturkritik hat in dem Roman auch eine Parallele zur Leidensgeschichte Christi gesehen. Das ist sicherlich angedeutet, aber in seiner Symbolik kaum stringent. Trägt Jesus Boxershorts mit weißen Walen drauf?

Passend zum Karfreitag könnte ich natürlich noch auch Ken Keseys Good Friday (in dem Band  Demon Box) hinweisen. Und auf das in der amerikanischen Drogenkultur berühmte Good Friday Experiment. Aber wenn Sie etwas Klassisches lesen wollen, dann lesen Sie ➱hier John Donne.

Mittwoch, 27. März 2013

Johann Adam Ackermann


Ich komme noch mal eben auf ➱Georg Forster zurück. Ich hatte vergessen, eine wunderbare kleine Anekdote im Text unterzubringen. Als Forster an Bord von Captain Cooks Schiff geht, hat der (mit den Erfahrungen der ersten Reise) alles hervorragend vorbereitet, es gibt Sauerkraut gegen die Skorbut und allerlei Neuerungen. Die von der Besatzung mit einem gewissen Misstrauen hingenommen werden, sie bekommen bei ihnen alle den Zusatz experimental. So gibt es experimental waterexperimental beef und experimental beer. Und die Wissenschaftler an Bord, die keine Seeleute sondern gentlemen sind, bekommen die Bezeichnung experimental gentlemen. Das finde ich sehr witzig.

Bei meiner Recherche über Georg Forster in Mainz bin ich rein zufällig auf einen Maler gestossen, von dem ich noch nie gehört hatte. Er heißt Johann Adam Ackermann, er ist heute vor 160 Jahren gestorben. Er hatte zu Anfang des Jahrhunderts in Paris studiert und hat wohl zeitweise bei seinem Lehrer Jacques-Louis David im Studio gearbeitet. Paris liegt als Studienort nahe, da man in Mayence jetzt sowieso beinahe französisch ist. Eigentlich hat er dort Historienmalerei studiert, hat aber auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland sehr viel Landschaften an Rhein und Mosel gemalt. Diese Gebirgslandschaft aus dem Jahre 1819 finde ich sehr hübsch.

Es gibt in Mainz noch mehr Maler in dieser Zeit. Eine Generation älter als Ackermann ist das Brüderpaar Johann Caspar und Georg Schneider. Dies Bild hier ist Caspar Schneiders Blick auf Erbach und den Rheingau, hübsch, harmonisch. Aber wo haben die beiden Brüder aus Mainz das her? Gut, ➱Georg hat das Malen von dem älteren Bruder Caspar gelernt. Und der soll dank der Protektion des Mainzer Kurfürsten Unterricht bei dem Maler Joseph Heideloff gehabt haben. Der Kurfürst ist sehr kunstsinnig, einer seiner Hofmaler ist Franz Joseph Kauffmann. Den kennt man kaum, er ist aber der Stiefbruder von ➱Angelika Kauffmann. Einflüsse aus Paris bei Schneider anzunehmen, macht keinen großen Sinn. Als aus Mainz Mayence wird, als Georg Forster glücklich über diese politische Wendung ist (und als Goethe im Gefolge seines Landesherrn bei der Belagerung von Mainz dabei ist), hat er die Gegend längst verlassen.

Die Romantik (insbesondere die ➱Rheinromantik) hat noch gar nicht begonnen, und doch sitzen hier unten Maler, die schon sehr romantische Bilder malen. Hier eine Ansicht von Mainz von Caspar Schneider, der 1797 nach Mainz zurückgekehrt war, als die Reichstruppen Mainz zurückerobert hatten. Er ist dann in Mainz geblieben. Obgleich die Franzosen ja bald wieder da waren, er profitierte sogar von Aufträgen aus dem französischen Kaiserhaus.

Die Stadt Mayence, die mittlerweile zu einer bonne ville de l’Empire und Hauptstadt des Départements Donnersberg Mayence geworden ist, bekommt 1803 von Napoleon sechsunddreißg Gemälde zur Gründung einer Gemäldegalerie geschenkt. Heute haben sie 190 mehr. Dieses Bild ist nicht von einem der beiden Schneiders, sondern von Christian Georg Schütz, den 1750 eine Rheinreise von Mainz bis Koblenz führte. Und der seine Skizzen danach zu Bildern formte. Goethes Vater besaß Bilder von Schütz, und Goethe bemerkte über den Maler, dass er die Rheingegenden ganz in seiner Gewalt habe. Und er sagt weiter über die Bilder: Sie sind von bewunderswürdiger Reinheit; die Darstellung der Rheinufer sei so getreu wie anmutig, und das Gefühl, da den Rheinfahrenden ergreife, werde bei Betrachtung der Bilder mitgeteilt oder wiedererweckt. Schütz malt seine Bilder häufig auch als Bilderpaar, worin ihm viele Maler des Rheins folgen. Ich habe vor zwanzig Jahren in einem Katalog von Sotheby's einen Doppelpack Rheinlandschaften von Schütz gesehen, der mit 20.000 £ veranschlagt wurde. Ist wahrscheinlich der Goethe-Bonus.

Kunsthistoriker nehmen gemeinhin an, dass Schütz großen Einfluss auf die Schneiders und das Arkadien am Mittelrhein gehabt hat. Das mit dem Arkadien am Mittelrhein habe ich von dem Katalogbuch zur Ausstellung der Bilder von Caspar und Georg Schneider im Mainzer Landesmuseum 1998 geklaut, die Formulierung fand ich irgendwie witzig. Für einen Norddeutschen wie mich, für den südlich von Hannover schon das Ausland anfängt, ist es schwer, dort ein Arkadien zu sehen.

Und dabei war ich sogar schon einmal in Mainz. Und eine Rheinreise habe ich auch gemacht. Meine Schule offerierte unserer Klasse in der Oberstufe ein einmaliges Experiment, eine Studienreise statt einer Klassenfahrt. Sozusagen ein experimental educational journey: Köln, Mainz, Trier, beinahe einen Monat lang. Da hingen aber Bedingungen dran, wir mussten eine richtige Studienarbeit schreiben. Und nein, ich habe nicht über die Mainzer Maler geschrieben (dies hier ist Georg Schneiders Blick von Weisenau auf Kostheim und Hochheim). Aber wenn hier demnächst mal ein unheimlich langer Post über St. Paulin in Trier und die Deckengemälde von Christoph Thomas Scheffler steht, dann wissen Sie, dass ich nach mehr als einem halben Jahrhundert meine alte Studienarbeit wiedergefunden habe.

Ich fand Mainz furchtbar, öde und langweilig. Köln und Trier waren toll. Da könnte ich heute noch als Museumsführer auftreten. Aber Mainz? Ich war die ganze Woche nur im Kino, manchmal dreimal am Tag. Erstaunlicherweise gab es relativ gute Filmkunsttheater in Mainz. Doch heimlich habe ich immer ein schlechtes Gewissen gehabt. Was wäre, wenn da nicht nur der potthässliche Dom gewesen wäre? Und ich die wirkliche Kultur in Mainz nur nicht gesehen hätte? Wann immer irgendwo Mainz und Kultur erwähnt werden, dann lese ich das heute noch. Und nur aus diesem Grunde kenne ich Titel wie ➱Arkadien am Mittelrhein oder ➱Heidrun Ludwigs Die Gemälde des 18. Jahrhunderts im Landesmuseum MainzHier noch ein Caspar Schneider, eine Mittelrheinlandschaft bei Bacharach mit der Ruine von Burg Sooneck, in einem schönen Licht, das bei ➱Claude Lorrain geklaut ist.

So naheliegend der Einfluss des Frankfurter Malers Schütz ist, der ja nach Goethe die Rheingegenden ganz in seiner Gewalt hatte, muss doch noch auf einen Maler hingewiesen werden, der, wie dieses Bild zeigt, die Rheingegenden auch in seiner Gewalt hat. Auf jeden Fall machen das manche Kunsthistoriker. Sein Name ist Herman Saftleven, er kommt aus einem anderen Jahrhundert. Im Zweifelsfall sind es ja immer die ➱Holländer, weil die diese Formel der Landschaftsmalerei mit dem weiten Himmel schon im 17. Jahrhundert perfektioniert haben.

Gut, sie neigen dazu - wie hier noch einmal Saftleven mit einem Blick auf Erbach - die Landschaft etwas vollzupacken. Mit Kühen, Pferden und Menschen, also dem, was der Kunsthistoriker Staffage nennt. Irgendwie sind das noch die Reste der Darstellungen der Weltlandschaft, wo man die ganze Welt abbilden will Aber das wird über die Jahrhunderte abnehmen. Weniger Kühe. Außer bei Jakob Philipp Hackert, den Goethe für einen großen Künstler hielt. Hat sogar bei ihm Malunterricht genommen: In Tivoli war ich mit Herrn Hackert draußen, der eine unglaubliche Meisterschaft hat, die Natur abzuschreiben und der Zeichnung gleich eine Gestalt zu geben. Ich habe in diesen wenigen Tagen viel von ihm gelernt [...]. Herr Hackert hat mich gelobt und getadelt und mir weitergeholfen. Er tat mir halb im Scherz, halb im Ernst den Vorschlag, achtzehn Monate in Italien zu bleiben und mich nach guten Grundsätzen zu üben; nach dieser Zeit, versprach er mir, sollte ich Freude an meinem Arbeiten haben.

Und Goethe hat auch seinen Nachruf geschrieben: Ein angebornes entschiedenes Talent, durch anhaltenden Fleiß ausgebildet und gesteigert, ein reines ruhiges Gemüt, eine klare Denkweise, eine bei vieler Weltkenntnis und Gewandtheit unbefleckt erhaltene Redlichkeit bezeichneten seine Natur. Sein rastloses Wirken, seine Ausdauer war musterhaft, seine Heiterkeit, sein Gleichmut beneidenswert. Er zeigte durchaus die bereitwillige Anhänglichkeit an seinen Herrn, den König, eine mehr als väterliche Sorgfalt für seine Brüder und eine unverrückte treue Neigung gegen die, welche ihm seine Freundschaft abzugewinnen wussten. Von seiner Denk- und Handelsweise gibt auch seine hinterlassene Lebensbeschreibung, die wir dem deutschen Publikum bald mitzuteilen wünschen, das schönste Zeugnis... Nee, ich hör da mal auf. Aber diese komische zentrale Kuh bei der Ansicht von Pisa, die muss noch eben sein.

Mit Kühen kennen sich die Holländer ja aus, aber auch unsere Mainzer kriegen die aufs Bild. So habe ich hier zum Abschluss noch ein paar schöne Exemplare von Johann Adam Ackermann. Und ich überlege mir, ob ich demnächst mal über die Kuh in der Malerei schreibe, von Philips Wouwerman bis Thomas Herbst, aber wahrscheinlich gibt es das schon. Wenn es schon Bücher über das Schwein in der ➱Weltliteratur gibt, warum nicht auch das?


Montag, 25. März 2013

Vilhelm Marstrand


Vor hundertvierzig Jahren ist der dänische Maler Vilhelm Marstrand gestorben. Das hier ist ein Portrait, das sein Kollege Christen Købke gemalt hat, so gut wie Købke ist Marstrand aber nicht annähernd (irgendwie finde ich das bei der Wikipedia ein wenig armselig, dass Købke nur einen Artikel von einem Dutzend Zeilen hat). Aber dennoch zählt man Marstrand mit zu dem, was englischsprachige Kunsthistoriker so schön das Golden Age of Danish Painting nennen. Also alles nach Christoffer Eckersberg, ohne den geht in der dänischen Malerei des 19. Jahrhunderts nichts. Auch Marstrand hat bei ihm gelernt.

Marstrand ist (wie Eckersberg und Købke) in Italien gewesen, aber das italienische Licht hat bei ihm wenig Spuren auf der Leinwand hinterlassen. Lediglich auf seinen Genreszenen aus dem ➱Süden kommt helleres Licht ins Bild. Marstrand malte nach seiner Rückkehr schreckliche Historienbilder. Die Landschaftsmalerei interessierte ihn nicht. Aber mit diesen Bildern, wie hier dem König Christian IV in der Seeschlacht auf der ➱Kolberger Heide, wurde er berühmt. Da steht nun der König an Bord seines Schlachtschiffes Trefoldigheden - ved højen mast i røg og damp, wie die dänische Nationalhymne sagt. Das Auge verbunden, so will man Helden sehen. Das blutige Taschentuch ist noch in einer Vitrine im Schloss Rosenborg zu sehen. Das Blut wird jede Woche nachgefärbt, hat mir eine Dänin spitzbübisch versichert. Das Wandbild in der Domkirche von Roskilde ist auch noch dekorativ in die Architektur eingebettet.

Jahrhunderte lang war über dem Grab des König nur eine weiße Wand, jetzt gibt es ein patriotisches Bild von dem Barockherrscher. Und nicht nur eins, ganz Dänemark malt jetzt den König Christian. Auf einem zeitgenössischen Gemälde, das um 1606 in England gemalt wurde, sieht er so aus. Da hat er gerade seine Schwester Anne besucht, die James I von England geheiratet hatte. Ich habe dieses Bild schon einmal in dem Post über den englischen Architekten ➱Inigo Jones erwähnt.

Die Skizze für das Roskilder Gemälde hatte Marstrand schon zwanzig Jahre zuvor angefertigt, für große Bilder braucht man etwas länger. Sein Wandbild und das ➱Denkmal für Christian IV in Oslo sind der Höhepunkt eines Christian Kults, der im 19. Jahrhundert eingesetzt hat. Das Dänemark zwischen der Bombardierung von Kopenhagen und dem Deutsch-Dänischen Krieg ist auf der Suche nach einem Nationalhelden. Da holt man sich jenen Dänenkönig, der länger als all seine Nachfolger regiert hatte. Und alle dänischen Künstler tragen etwas dazu bei, auch Eckersberg hat ihn gemalt. Das dramatischste Bild stammt von Nicolai Abildgaard, aber davon gibt es leider keine Abbildung im Netz - die dänischen Maler sind da sowieso leider etwas unterrepräsentiert.

Das charmanteste Bild von Marstrand ist dieses Gruppenbild der Familie Waagepetersen (1836) im Staatsmuseum Kopenhagen. Es erhielt im Jahre 1837 nach der Ausstellung im Schloss Charlottenborg eine enthusiastische Besprechung in der Zeitung Dansk Kunstblad. Man lobt die Natürlichkeit der Kinder: Man ist sofort hingerissen vom Humor und der Brillanz, mit der uns der Künstler ein wahres Bild vom fröhlichen Alltagsleben im glücklichen Familienkreise gibt. Und die Darstellung der Familie erscheint als ein Symbol großbürgerlicher dänischer Stabilität. Das jüngste Kind wird von einem Kindermädchen gehalten, das nach seiner Kleidung zu urteilen vom Lande kommt. Das städtische Proletariat findet keine Beschäftigung in den Häusern der feinen Kopenhagener Familien. Der Hausherr selbst ist auf dem Bild nicht zu sehen, er hat zu tun. Muss sein Vermögen vermehren.

Wenige Jahre zuvor hatte sich der reiche und kunstsinnige Weinhändler Waagepetersen von Wilhelm Bendz (auch ein Schüler von Eckersberg) malen lassen, ein Vergleich dieser beiden Bilder zeigt, dass es den Waagepeters inzwischen noch besser geht. Wenn wir von dem Türrahmen auf dem Bild von Marstrand auf die Höhe der Zimmer schliessen, hat man inzwischen ein neues Haus bezogen (auch der Ausschnitt von Marstrands Bild von der musikalischen ➱Abendgesellschaft bei den Waagepeters zeigt sehr große Räume). Aber das Dansk Kunstblad hat schon Recht, es ist ein reizendes Bild. Es hat sogar Erwähnung in dem Buch von Mario Praz Conversation Pieces gefunden.

Conversation Piece ist ein kunsthistorischer Fachausdruck für ein informelles Gruppenbild (ich glaube der deutsche Ausdruck Konversationsstück wird sich niemals durchsetzen. Mario Praz ist Professor für Englische Literatur in Rom gewesen, und er hat als Fachgelehrter eine Publikationsliste, die in die tausende von Titeln geht. Er hat auch eine Vielzahl englischer und amerikanischer Schriftsteller, über die er geschrieben hat, persönlich gekannt. Sein Buch The Romantic Agony (Liebe, Tod und Teufel: Die schwarze Romantik) ist zu einem Klassiker der Literaturwissenschaft geworden.

Und es gibt noch einen zweiten Mario Praz, den Kunstsammler, der in einem italienischen Palazzo wohnt (man lese dazu das autobiographische The House of Life) und der alles über Möbel von Empire und Regency weiß. Das Buch Conversation Pieces ist eine Übersetzung eines italienischen Titels für die Pennsylania University Press, und es ist absolut einmalig. Niemals zuvor hat es eine kunsthistorische Betrachtung des Gruppenportraits von solcher Bandbreite gegeben. Über 380 Bildbeispiele aus der Welt der Bourgeoisie präsentiert Mario Praz, viele davon selbst professionellen Kunsthistorikern unbekannt. Diese Bilderwelt der Aristokratie und des Bürgertums, mit Kindern, mit Frauen, Musikinstrumenten, Pferden und Hunden hat sich von den Anfängen dieser Gattung, der sacre conversazione, ein wenig entfernt. Aber dies ist eines der schönsten (und auch amüsantesten) Werke zur Geschichte der europäischen (und amerikanischen) Kunst. Als Beispiel für ein dänisches conversation piece musste ich hier mal eben das schöne Bild von Constantin Hansen abbilden, das dänische Künstler in Italien zeigt. Vilhelm Marstrand ist der Herr links auf dem Balkon.

Das Golden Age of Danish Painting ist natürlich auch ein goldenes Zeitalter des dänischen Bürgertums. Ein Bildtyp, der früher einmal nur für den Adel in Frage kam, ist jetzt fest in der Hand des Bürgertums. Wie auf diesem Bild von Martinus Rørbye (auf dem Bild von Hansen links unten neben Marstrand auf dem Boden sitzend), das den königlichen Leibchirurgen Andreas Christian Fenger zeigt. Mit Gattin, Tochter und Papageienkäfig.

Sie könnten jetzt natürlich sagen, dass die Sache mit dem conversation piece (hier noch ein schönes Bild von Wilhelm Bendz) im goldenen Zeitalter der dänischen Malerei so neu nicht ist, dass es das im Holland des 17. Jahrhunderts schon einmal gegeben hat. Und Sie haben natürlich Recht. Das Rijksmuseum Amsterdam und das Statens Museum for Kunst Kopenhagen haben 2001 mit ihren Ausstellungen und dem Katalog Two Golden Ages interessante Paralellen aufgezeigt. Interessant ist vielleicht etwas zu wenig, ich könnte ja spannend sagen, aber das Modewort hat in diesem Blog Hausverbot.

Doch so nett die Welt auf den Bildern des dänischen Biedermeier aussieht, es gibt auch Zeitgenossen, die an das Something is rotten in the state of Denmark glauben. Wie zum Beispiel dieser ➱Sören Kierkegaard. Dies Bild haben Sie bestimmt schon einmal gesehen. Wüssten Sie, von wem es gezeichnet wurde? Es ist wahrscheinlich das berühmteste Bild von Vilhelm Marstrand. Angeblich hat er es gezeichnet, als er von ➱Kierkegaards Tod hörte, aber das stimmt wohl nicht. Auf den Bildern des dänischen goldenen Zeitalters ist alles so schrecklich ordentlich und aufgeräumt, selbst in den Märchen von Hans Christian Andersen gibt es mehr soziale Konflikte. Gibt es nichts hinter dieser Oberfläche? Für Kierkegaard schon: Das Äußere hat daher zwar Bedeutung für uns, aber nicht als Ausdruck des Innern, sondern nur als telegraphische Nachricht, daß in der Tiefe drunten sich etwas verbirgt. Wenn man ein Angesicht lange und aufmerksam betrachtet, so entdeckt man zuweilen gleichsam ein zweites Angesicht innerhalb desjenigen, das man eigentlich sieht. Dieses ist gewöhnlich ein untrügliches Zeichen, daß die Seele einen Emigranten in sich birgt, welcher sich von der Außenwelt zurückgezogen hat, um über einen verborgenen Schatz zu wachen.

Mehr skandinavische Malerei in diesem Blog: ➱Dänische Kunst, ➱Skagen, ➱Nordlichter, ➱Anders Zorn, ➱Carl Larsson, ➱Nicolai Abildgaard.

Sonntag, 24. März 2013

Peter Nicolaisen ✝


Ich hatte Peter Nicolaisen in einem scheußlich kalten Wintersemester kennengelernt. Ich war von der Uni Hamburg nach Kiel gewechselt, weil mir ein Typ, mit dem ich auf der Heeresoffiziersschule gewesen war, in einer Vorlesung zugeflüstert hatte, dass es in Kiel ganz kleine, übersichtliche Seminare geben solle. Wir saßen in dem Augenblick zusammen mit x-tausend anderen Studenten im Hamburger Audimax. Im Sommersemester konnte man in Kiel am Fördestrand in der Sonne liegen, aber Wintersemester in Kiel sind nix. Da kann man nur lernen und lernen. Oder an der Stadt verzweifeln. Im Vorjahr hatten sie am Englischen Seminar in Kiel mal einen berühmten amerikanischen Schriftsteller aus den Südstaaten gehabt, der verzweifelte an Kiel. Soff sich zu und landete regelmäßig unten an der Küste im Rotlichtbezirk.

Das Proseminar von Dr. Peter Nicolaisen hatte im Vorlesungsverzeichnis die Nummer 735 und kostete sechs Mark Unterrichtsgeld. Man musste die Kurse, die man belegte, damals bezahlen. Nur Colloquien mit dem Zusatz privatissime gratis waren kostenfrei. Unter dem spröden Titel Die Lyrik der englischen Vorromantik hetzte uns Peter Nicolaisen durch ein ganzes Jahrhundert. Von John Dyers Grongar Hill zu Alexander Popes Windsor Forest. James Thomsons Seasons nicht zu vergessen. Jagte uns durch die Philosophie, die Kunst des Landschaftsgartens und durch die Landschaftsmalerei – und natürlich durch die ganze englische Literatur, von ➱William Cowper bis ➱Thomas Chatterton. Dazu kamen Klassiker der Kritik wie Elizabeth Manwarings Italian Landscape in 18th Century England zu Marjorie Hope Nicolsons Mountain Gloom and Mountain Glory und Newton demands the Muse. Und das alles für sechs Mark! Wenn Sie als regelmässiger Leser dieses Blogs das Gefühl haben, dass ich mich in der Kultur des England des 18. Jahrhunderts gut auskenne, hier wurden die Grundlagen dafür gelegt.

Wir waren dreizehn Studenten in dem Kurs, für damalige Verhältnisse in Kiel schon beinahe ein großer Kurs, von solchen Zahlen träumt man heute an den Universitäten. Am Ende des Kurses dankte uns Peter Nicolaisen. Und der ansonsten so trockene, coole und ironische Nicolaisen zeigte eine gewisse Rührung, als er uns versicherte, dass wir ein solches Seminar in unserem Studium wohl nicht wieder erleben würden. Es war eins seiner ersten Seminare, er hatte (was er immer tat) sein Herzblut in die Vorbereitung gesteckt. Er hatte Recht mit seiner Voraussage, das Seminar hatte mehr geboten als manches Haupt- oder Oberseminar in meinem Studium bieten würde.

Im nächsten Semester war ich in seinem Joseph Conrad Seminar, das habe ➱hier schon einmal erwähnt. Als er im Seminar fragte, was in dem Satz I watched the procession of head-lights gliding high and of green lights gliding low in the night, when suddenly a red gleam flashed at me, vanished, came into view again, and remained in Conrads Youth passierte, war ich der einzige im Kurs, der das beantworten konnte. Ich ging an die Tafel und machte eine Zeichnung, damit jeder begriff, wo in diesem Augenblick Backbord und Steuerbord auf dem Wasser waren. Und ich wusste in jenem Moment, dass er sich auf dem Wasser auskannte (er war ein leidenschaftlicher Segler), denn niemand anderer hätte diesen Satz in der Erzählung beachtet. Doch Conrads to make you see steckt eben auch in so kleinen Sätzen.

Ich hätte für den Rest meines Studiums bei ihm Seminare belegt, wenn er nicht für einige Zeit als Gastprofessor nach Amerika gegangen wäre, dahin zog es ihn immer wieder. Bevor er ging, fragte er mich, was ich im nächsten Semester machen wollte. Ich sagte ihm, dass ich eigentlich zu Germer ins Shakespeare Hauptseminar wollte. Tun Sie das bloß nicht, der liest doch nur aus dem Clemen vor, sagte er. Dass Professor Rudolf Germer der größte Langweiler des Lehrkörpers war, hatte ich inzwischen durch den Besuch von vier Romantik Vorlesungen auch schon gemerkt. Germer wusste in seiner Vorlesung nicht, was er vorlas. Sein Assistent schrieb ihm die Vorlesungen. Wenn das letzte Wort auf einer Seite Words- war, machte Germer eine Pause, blätterte um und las dann worth. Ungelogen. Es sind Leute wie er gewesen, die eine studentische Revolution in den sechziger Jahre verständlich erscheinen lassen.

Nicolaisen bewahrte mich nicht nur vor Germer, er verschaffte mir vor seinem Abflug in die USA auch noch eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft. Die wichtigste Aufgabe einer Hilfskraft bestand damals darin, für den Professor Tabak der Marke TK 93 bei der Firma ➱Trennt zu kaufen. Denn der alte Trennt hatte einmal dem Professor die Pfeife aus dem Mund genommen und gesagt: Sie können überhaupt nicht richtig Pfeife rauchen. Ihnen verkaufe ich doch keinen Tabak. Seitdem traute der sich nicht mehr in den Laden. Unsere sonstigen Tätigkeiten waren wissenschaftliche Sklavenarbeit. Wir holten Gastprofessoren vom Bahnhof ab und zeigten ihnen die wenigen Schönheiten der Stadt. Manche dieser Gelehrten verdankten wir den Beziehungen von Peter Nicolaisen, ohne ihn hätte ich den Faulkner Biographen ➱Joseph Blotner nicht kennengelernt. Wissenschaftliche Hilfskräfte waren damals eine Art von unterbezahlten Assistenten, wir bibliographierten und exzerpierten die gesamte Sekundärliteratur für Seminare und Vorlesungen. Wir waren Ghostwriter für Vorträge, Vorlesungen und Aufsätze. Wir tippten alle benötigten Texte auf Wachsmatrizen – einen Photokopierer besaß das Seminar noch nicht. Man entwickelt dabei ein geradezu haptisches Verhältnis zur Literatur, wenn man sie abtippen muss.

Eine der kuriosesten Aufgaben betraf eines Tages den Herrn Professor Germer, der verlangt hatte, dass man die leeren Bücherregale in seinem neuen Dienstzimmer mit Büchern füllte. Eigene Bücher brachte er offensichtlich nicht mit. Books do furnish a room, wie es bei Anthony Powell heißt. Schweren Herzens opferte unsere Bibliothekarin, Frau Gertrud Klein, die sogenannte studentische Ausleihbibliothek, die eigentlich aus nichts anderem als Doubletten und ausgesonderten Luschen bestand. Mein Freund Götz und ich arbeiteten tagelang daran, die vorzeigbarsten Stücke in die Regale zu sortieren. Schön nach Autoren und Jahrhunderten geordnet. Als Germer zum ersten Mal das neue Zimmer betrat, würdigte er unsere Arbeit keiner genaueren Betrachtung. Er sagte nur: Meine Herren, ich bin Ästhet. Ordnen Sie die Bücher bitte nach Farben! Ich habe mir immer gedacht, dass dies zwei Sätze sind, die – wären sie Thomas Bernhard oder Botho Strauß eingefallen – zur Weltliteratur hätten werden können.

Diese Anekdote zeigt nur wieder einmal die Lächerlichkeit mancher Professoren damals. Über Peter Nicolaisen machte niemand jemals Witze, er besaß eine natürliche Autorität, eine norddeutsche Vernünftigkeit, die uns allen ein Vorbild sein konnte. Und es auch war. Der Professor, bei dem er Assistent war, nannte ihn nur Sir Peter. Das mag ein wenig ironisch gemeint gewesen sein, drückte aber auch die Bewunderung für seinen Assistenten aus. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat Nicolaisen in ihrem Nachruf einen Nonkonformisten genannt, und das war er sicherlich. Er nahm niemals (selbst als er Präsident seiner Hochschule wurde) die Allüren eines Großordinarius an, was in den sechziger Jahren jeder Universitätsprofessor so gerne sein wollte. Der Jahrmarkt der akademischen Eitelkeiten hatte für ihn keine Reize. Er blieb trotz seiner wissenschaftlichen Meriten immer zurückhaltend und erschreckend normal. Er war immer wieder in Amerika (wo er schon als Schüler mit dem AFS einmal gewesen war), man hörte das seinem präzisen Englisch aber nicht an. Aber man konnte es sehen, er hatte den Stil der amerikanischen Ivy League Mode adaptiert, trug immer hellblaue Buttondown Hemden, die zu seinen wasserblauen Augen passten. Und Cordjacketts, bei denen das oberste Knopfloch nach amerikanischem Stil in das Revers hineingebügelt war. Sehr cool.

Er hatte über die Dichtung von Edward Taylor promoviert, und die Liebe zur Lyrik hat ihn nie verlassen. Von Edward Taylor über die englische Vorromantik bis zu Wilhelm Lehmann. Vielleicht mochte er Faulkner deshalb, weil dessen Romane eigentlich Poesie sind: I am a failed poet. Maybe every novelist wants to write poetry first, finds he can't and then tries the short story which is the most demanding form after poetry. And failing again at that, only then does he take up novel writing. Sein letztes Buch, das er mir vor wenigen Monaten zusandte, hieß Stimmenvielfalt: Gedichte aus Schleswig-Holstein: Vom Barock bis in die Gegenwart. Es ist eine erstaunliche ➱Anthologie: dänische, platt- und hochdeutsche Gedichte, chronologisch geordnet, im 17. Jahrhundert beginnend - so etwas hatte zuvor noch kein Herausgeber übernommen.

Peter Nicolaisen hatte großen Erfolg mit seinen Publikationen. Vielleicht nicht so sehr mit seiner Habilitation Ernest Hemingway: Studien zum Bild der erzählten Welt, die wohl nur die Fachwissenschaft beeinflusste. Aber dann erschienen bei Rowohlt drei Bücher über ➱William Faukner, Joseph Conrad und ➱Thomas Jefferson, die zu Recht eine Vielzahl von Neuauflagen (und Übersetzungen) erfuhren. Ich hatte die Manuskripte gelesen, bevor er sie beim Verlag abgab. Was immer wieder zu langen Diskussionen führte. Mir war seine klare wissenschaftliche Sprache eine Spur zu kühl, mir fehlten die kleinen Anekdoten, der feuilletonistische touch. Aber in dem Punkt war mit ihm selten zu handeln. Er schrieb nun einmal so (und die Vorgaben von Rowohlt erlaubten wohl auch keine Digressionen). Andererseits hat er mir meinen essayistischen Stil auch nie austreiben können, obgleich er es versucht hatte.

Seine Aufsätze erschienen in den renommiertesten Fachzeitschriften, als Kapazität für Faulkner und Jefferson war er ein gesuchter Autor. Selten war er im Internet zu finden, wie in diesem kleinen ➱Post, den er vor Obamas Amtseinführung im Januar 2009 schrieb. Nicolaisen schrieb aber auch für die FAZ, das Nordfriesische Jahrbuch und das Journal der Wilhelm Lehmann-Gesellschaft. Der Dichter ➱Wilhelm Lehmann lag ihm immer am Herzen, Peter Nicolaisen hat auch im letzten Jahr den Begleittext zu dem Audiobook Hanns Zischler liest Wilhelm Lehmann 'Der Provinzlärm' geschrieben. Und war auch in einer Publikation des Kunstvereins Flensburg mit einem Aufsatz Über Ekkehard Thiemes ‘Moby-Dick‘-Radierungen zu finden. Er kannte und schätzte Ekkehard Thieme (zu dem er auch ein Buch herausgab). Er kannte auch eine Vielzahl anderer Künstler, beim Nissenhaus Husum hatte er ein Katalogbuch zu Hans-Ruprecht Leiß ediert. Den Moby-Dick Zyklus von ➱Thieme kannte ich seit der Moby-Dick Ausstellung von 1976, damals musste ich mir natürlich gleich einen kleinen Thieme besorgen. War schwer zu kriegen, weil seine Graphiken damals so gut wie gar nicht in den Handel kamen. Das da ist nicht meiner, sieht dem aber ziemlich ähnlich.

Peter Nicolaisen hatte einen warmen Humor, aber er hatte auch wunderbare Ironie im Repertoire. Die war gefürchtet. Er konnte emphatische Übertreibungen nicht ausstehen, damals mussten viele Fächer der Philosophischen Fakultät ja noch mit dem haut goût kämpfen, ein Schwafelfach zu sein. Das war einem Philologen wie Nicolaisen ein Graus. Als in einem Colloquium ein Professor die These äußerte, dass die Beschreibung des Ruderns in Hemingsways The Old Man and the Sea einer Beschreibung des Sexualakts ähnelte und sich mit einem Meinen Sie nicht auch, Herr Kollege? an Nicolaisen wandte, sagte der nur: Ich weiß nicht. Ich kann nicht rudern. Es fiel sehr schwer, in dem Augenblick den nötigen sittlichen Ernst zu bewahren.

Er nahm sich viel Zeit für seine Studenten, er konnte ihnen zuhören. Ich weiß das, weil wir uns einmal jahrelang ein Büro geteilt haben. Mit seinem Lob war er immer sparsam, wenn er sehr schön oder habe ich gerne gelesen sagte, dann war das schon das höchste der Gefühle. Insofern war ich überrascht, als ich von ihm im letzten Jahr - ich hatte ihm gerade gesagt, dass ich ihn in den ➱Joseph Conrad Post hinein geschrieben hatte - diese Mail erhielt: Dank für den Dank. Ihren Post über Paul Leicester Ford habe ich gern und mit Gewinn gelesen - wie ich denn überhaupt mit Freude in und bei 'Silvae' stöbere, voller Bewunderung für den Verfasser, der sein großes Wissen mit so leichter Hand und im Plauderton unter die Leute bringt, anschaulich, lebendig, unterhaltsam. Und das Tag für Tag. Das ist, lassen Sie mich das sagen, eine wirklich eindrucksvolle Leistung. Echt, wie meine Enkelkinder sagen. Noch nie zuvor in beinahe einem halben Jahrhundert hatte ich so viel Lob von ihm bekommen. Ich zweifelte einen Augenblick an der Echtheit der Mail, aber dieser Nachsatz Echt, wie meine Enkelkinder sagen, das war typisch Nicolaisen. Echt.








Peter Nicolaisen ist am 23. Februar in Flensburg gestorben. Er fehlt mir jetzt schon. Vielen anderen auch. Er war mein Lehrer und mein Vorbild. Außer ihm waren es nur ganz wenige - wie ➱Wolfgang J. Müller und die ➱Baronin Gisela von Stoltzenberg - von denen ich in meinem Studium wirklich etwa mitgenommen habe. Im ➱Flensburger Tageblatt schrieb ein mit ihm befreundeter Journalist: Ein nobler Gelehrter, dessen Leidenschaft und unermüdlicher Fleiß die schleswig-holsteinische Literaturforschung nachhaltig bereichert hat. Das klingt besser als der nüchtern lapidare Nachruf, den seine Uni für ihn übrig hatte. Warum kriegen die nichts Besseres hin? Aber man wird ihn nicht vergessen, the past is never dead. It's not even past.

Grey the Day

Grey the day, all the year is cold,
Across the empty land the swallows' cry
Marks the southflown spring. Naught is bowled
Save winter, in the sky.

O sorry earth, when this bleak bitter sleep
Stirs and turns and time once more is green,
In empty path and lane and grass will creep
With none to tread it clean.

April and May and June, and all the dearth
Of heart to green it for, to hurt and wake;
What good is budding, gray November earth?
No need to break your sleep for greening's sake.

The hushed plaint of wind in stricken trees
Shivers the grass in path and lane
And Grief and Time are tideless golden seas—
Hush, hush! He's home again.

Samstag, 23. März 2013

Lili Marleen


Ich habe gerade in einem Antiquariat die köstliche kleine Trouvaille Segelanweisung für eine Freundin von Hans Leip erstanden. Werde ich nächste Woche verschenken, die Beschenkte ist Seglerin und mit einem Bremer verheiratet, der mal Admiral's Cup Segler war. Die wird das zu würdigen wissen. Ich musste es nur noch schnell einmal lesen, bevor ich es verschenke. Es ist ein witziges kleines Buch, das man auch Nichtseglern schenken kann. Unter dem Stichwort Ahoi! kann man lesen: Segelkameraden begrüßen einander nicht mit: Ahoi! Die Ansager in Kabaretten vielleicht und die Lautsprecher in Seegroßtonfilmen begrüßen die Provinzen des Publikums mit Ahoi. Es ist ein Landrattenwort geworden, wie auch Landratte ein Landrattenwort ist. Selbst Lale Andersen sagt kaum noch Ahoi.

Das musste ja mal gesagt werden. Hans Leip kennt natürlich Lale Andersen, denn durch ihn ist sie berühmt geworden. Weil sie sein Lied Lili Marleen gesungen hat. Vor einem halben Jahrhundert wusste ich sogar, wo sie wohnte. Gut, das wusste damals jeder, der mal auf Langeoog war. Nach Langeoog hatte sie sich zurückgezogen, als sie unter den Nazis Auftrittsverbot hatte. Das war sozusagen ihr Exil. Die Ostfriesischen Inseln waren nach dem Krieg beinahe fest in Bremer Hand, der Bremer Herrenausstatter Hans Kalich hatte sogar auf Juist eine Dependance. Für das Bremer Bürgertum was es fein, nach Juist, Langeoog oder Spiekeroog zu fahren. Sylt galt als ordinär, weil da die Hamburger waren. Immer wenn ich auf Langeoog war, bin ich an ihrem Haus vorbeigegangen, in der Hoffnung, sie einmal zu sehen. Manchmal war Licht in ihren Fenstern, aber sie war nie zu sehen.

Nach ihrem Tod wurde in dem Haus eine Teestube eingerichtet. 2011 sollte es verkauft werden, sollte über zwei Millionen Euro kosten. Fand sich aber niemand so schnell. Wenn sie auf Sylt gewohnt hätte, wäre das Haus in fünf Minuten verkauft worden, das macht den Unterschied zwischen Langeoog und Sylt. Die Sängerin Lale Andersen (die als Liese-Lotte Bunnenberg geboren wurde) kam am 23. März 1908 (oder 1905?) in Bremerhaven-Lehe zur Welt. Über Bremerhaven hat der Star der Trivialkunst (so der Spiegel) sogar gesungen, ein Lied, das ihr ihr Mann geschrieben hatte. Das ist aber ganz furchtbar:

Bremerhaven Lieselottchen ist ein Zauberwort für mich
Denn im schönen Bremerhaven sagtest du ich liebe dich
Denkst du auch noch an die Stunden
Als wir träumten dort vom Glück
Wenn der Sommer kommt kehr ich jedes Jahr Lieselott zu dir zurück
Bremerhaven, Bremerhaven ist der schönste Ort auf dieser Welt für mich
Bremerhaven, Bremerhaven dort sagte ich zum ersten Mal ich liebe dich


Die kühle Blonde aus dem Norden, die sich selbst als Rollkragenschönheit bezeichnete, hatte auch einmal Tucholsky und Ringelnatz gesungen. Aber sie wird immer die Lili Marlen vor der Kaserne, vor dem großen Tor bleiben (mehr dazu ➱hier). Bis zu ihrem Tode muss sie das Lied singen, da war der Erste Weltkrieg, in dem das Lied entstanden war, schon ganz weit weg. Wo ich gerade durch die Lektüre von Segelanweisung für eine Freundin an Lale Andersen erinnert wurde (die blonde Frau auf dem Cover der Ausgabe des Hamburger Verlags Die Brigantine sieht auch aus wie Lale Andersen), dachte ich mir, ich schreib mal eben diesen kleinen Post (vielleicht gibt es über Langeoog irgendwann hier noch mehr). Und wir hören heute mal eben ➱hier hinein. Aber noch viel interessanter ist diese, erst vor kurzem gefundene, ➱Aufnahme von 1939, sehr langsam, sehr schwermütig. Da kann man nur John ➱Steinbeck zitieren, der 1943 gesagt hat: And it would be amusing if, after all the fuss and heiling, all the marching and indoctrination, the only contribution to the world by the Nazis was 'Lilli Marlene'.

Freitag, 22. März 2013

[ˈjoːhan ˈvɔlfɡaŋ fɔn ˈɡøːtə]


Heute ist der Todestag von Johann Wolfgang von Goethe. Ein Autor, der in diesem Blog selten vorkommt. Obgleich er natürlich hier schon ➱häufiger erwähnt wurde. Ich bin nun einmal kein großer Freund von Goethe, dennoch nehmen seine Werke und die Werke über ihn bei mir viel Platz im Regal ein. Ich habe ihn auch sehr spät gelesen, in der Schule habe ich mich erfolgreich um ihn gedrückt. Inzwischen habe ich ihn gelesen, aber ein Verehrer Goethes bin ich noch lange nicht. Ich würde nicht so weit gehen wie Ludwig Börne (wenngleich mir das Zitat eigentlich auch gut gefällt): Goethe hatte eine ungeheure hindernde Kraft, er ist ein grauer Star im deutschen Auge. Seit ich fühle, habe ich Goethe gehaßt, seit ich denke, weiß ich warum.

Aber Goethe hat auch Freunde. Auf jeden Fall im englischen Königreich, dafür können wir als Zeugen das Monster von Dr Frankenstein heranziehen. Denn welches Buch liest es als liebstes, wenn es lesen kann? Natürlich Goethes Leiden des jungen Werthers. Die Engländer haben kleine Schwierigkeiten mit der Aussprache von Goethes Namen: For the benefit of English-speakers, his name is pronounced (roughly) "Yo-hawn Volfguhng phone Götuh" — not "Go-eth.

Mit dem Problem der Aussprache spielt auch dieser wunderbare englische Witz: An Irishman went for a job on a building site and the foreman warned him that he'd have to answer some difficult questions. 'That's OK,' said the Irishman. 'You're absolutely sure?' asked the foreman. 'Absolutely,' said the Irishman. 'Right,' said the foreman. 'What's the difference between a joist and a girder. Think carefully.' 'Well,' said the Irishman, 'Didn't Joyce write 'Ulysses' and Goethe write 'Faust'?' Das bringt mich jetzt übergangslos zu James Joyce, der fünfzig Jahre nach Goethes Tod geboren wird und Goethe einen Großmeister der Platitüde nennen wird. Aber Goethes wahre Freunde sind seine Zeitgenossen, die Crème de la Crème des britischen Establishments. Die schicken ihm nämlich zum Geburtstag im Jahre 1831 ein kleines Präsent mit folgendem Begleitbrief:

Sir,
Among the Friends whom this so interesting Anniversary calls round you, may we ‘English Friends,’ in thought and symbolically, since personally it is impossible, present ourselves, to offer you our affectionate congratulations. We hope you will do us the honour to accept this little Birthday Gift; which as a true testimony of our feelings, may not be without value.

We said to ourselves: ‘As it is always the highest duty and pleasure to shew reverence to whom reverence is due, and our chief, perhaps our only Benefactor is he who by act and word, instructs us in Wisdom; so we, undersigned, feeling towards the Poet Goethe as the spiritually-taught towards their spiritual Teacher, are desirous to express that sentiment openly and in common. For which end we have determined to solicit his acceptance of a small English Gift, proceeding from us all equally, on his approaching Birthday; that so, while the venerable Man still dwells among us, some memorial of the gratitude we owe him, and think the whole world owes him, may not be wanting.’

And thus our little tribute, perhaps among the purest that men could offer to man, now stands in visible shape, and begs to be received— May it be welcome, and speak permanently of a most close relation, tho' wide seas flow between the parties!

We pray that many years may be added to a life so glorious; that all happiness may be yours, and strength given to complete your high task, even as it has hitherto proceeded, ‘like a star, without haste, yet without rest.’
From

Fifteen English friends.

Unter den fünfzehn Freunden (die wahrscheinlich von den beiden Carlyles zu diesem Brief angetrieben wurden) sind: Thomas Carlyle, sein Bruder Dr John Aitken Carlyle, William Fraser (Redakteur vom Foreign Review), Dr. William Maginn (Redakteur Fraser's Magazine), George Moir (der Übersetzer von Schillers Wallenstein), James Churchill (der Übersetzer von Wallensteins Lager),  Professor John Wilson (Blackwood's Magazine), William Jerdan (Literary Gazette), Sir Walter Scott (der wie Goethe im nächsten Jahr sterben wird), sein Schwiegersohn John Gibson Lockhart, die Dichter Southey und Wordsworth, Bryan Procter und Lord Francis Leverson-Gower (der Übersetzer des Faust), John Abraham Regaud (Fraser's Magazine).

Goethe mag die Engländer ja, so berichtet Eckermann von einem Gespräch, das Goethe mit einem Engländer führt: Wir Deutschen haben es jedoch Ihrer Nation in dieser Hinsicht um ein halbes Jahrhundert zuvorgetan. Ich beschäftige mich seit fünfzig Jahren mit der englischen Sprache und Literatur, so daß ich Ihre Schriftsteller und das Leben und die Einrichtung Ihres Landes sehr gut kenne. Käme ich nach England hinüber, ich würde kein Fremder sein. Goethe hat auch zahlreichen Damen Englischunterricht gegeben. Allerdings hat er die Finger davon gelassen, seinen Herzog Karl August im Englischen zu unterrichten. Das überlässt er seinem Freund Karl Philipp Moritz, dem Mann, der meinen Heimatort in die deutsche ➱Literatur geschrieben hat. Es ist ein englischer Goethe Biograph, der das Verhältnis Goethes zu England genauer ➱untersucht hat. Von daher ist Nicholas Boyles Goethe Biographie (zwei Bände erschienen, auf den dritten warten wir alle) immens lesenwert. Wir verdanken Boyle auch den Hinweis darauf, dass Werther mit Blau und Gelb die Farben der Whig Partei trägt. Allerdings mit der Einschränkung: Unklar bleibt, ob Goethe wußte, daß diese Farbkombination von den englischen Whigs zum Kennzeichen einer kompromißlos bürgerlichen Partei gewählt worden war.

England taucht immer wieder im Werke des Dichters auf. Natürlich in Faust II, wenn Mephistopheles sagt:

Sind Briten hier - sie reisen sonst so viel,
Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen,
das wäre hier für sie ein würdig Ziel -
sie zeugten auch: im alten Bühnenspiel
sah man mich dort als 'old iniquity'.


Nicht bei den Gratulanten ist Samuel Taylor Coleridge, von dem Goethe noch in den 1820er Jahren glaubte, dass er seinen Faust übersetzen würde. Eine Aufgabe, vor der ihn Charles Lamb schon 1814 warnte: I have been reading Madame Stael on Germany. An impudent clever woman. But if 'Faust' be no better than in her abstract of it, I counsel thee to let it alone. How canst thou translate the language of cat-monkeys? Fie on such fantasies! Kann man es netter sagen? Und so finden sich bei Coleridge eine Vielzahl von Bemerkungen, die eine Ernüchterung von seiner ursprünglichen Begeisterung zeigen: there is neither causation nor progression ... Faust himself is dull and meaningless ... there is no whole in the poem ... a large part of the work is to me very flat. Ach, hätte ich das damals schon gewußt, als der Faust bei uns auf dem Stundenplan stand.

Und wenn Sie noch einen Lesetip von einem Nicht-Goethe-Experten haben wollen, dann ist das neben Nicholas Boyles Goethe Biographie unbedingt das von Eckhard Henscheid und F.W. Bernstein herausgegebene Buch Unser Goethe: Ein Lesebuch.

Donnerstag, 21. März 2013

Georg Forster


Am 21. März 1793 beschloss man in der gerade ausgerufenen Republik Mainz, einen Antrag beim Pariser Nationalkonvent zu stellen, um ein Teil Frankreichs zu werden. Nicht nur in Paris ist jetzt Revolution. Georg Forster hatte zuvor noch eine flammende Rede gehalten (➱hier im Volltext). Der Mainzer Konvent sendet Georg Forster, Dr Adam Lux und den Kaufmann Georg Patoki nach Paris, die Herren sind die Hauptvertreter des Mainzer Jakobinerclubs. Dr Lux hatte mit neunzehn Jahren über den Enthusiasmus promoviert. Sein Enthusiasmus wird ihm zum Verhängnis werden. Die Abordnung bricht am 25. März auf. Der Antrag des Mainzer Freistaates auf Eingliederung wird vom Pariser Nationalkonvent begeistert angenommen.

Forster und Lux werden in Paris bleiben, der eine stirbt in seiner Dachkammer in der Rue des Moulins, der andere endet unter der Guillotine. Bevor Georg Forster im Januar 1794, noch keine vierzig Jahre alt, an einer Lungenentzündung stirbt, hatte er die Schreckensherrschaft der Revolution erlebt. Die Revolution ist ein Orkan. Wer kann ihn hemmen? Ein Mensch, durch sie in Tätigkeit gesetzt, kann Dinge tun, die man in der Nachwelt nicht vor Entsetzlichkeit begreift, hat er kurz vor seinem Tod geschrieben. Er hatte sich das Ganze anders gedacht, als er in Mainz seine Rede zum Anschluss an Frankreich hielt.

Vielleicht hätte er in Kassel bleiben sollen und nicht 1788 als Oberbibliothekar der Universität nach Mainz gehen sollen. In Kassel gab es keine Revolution, da herrschte der Kurfürst, der seine Untertanen nach England verkaufte. Damals hatte ihn Johann Heinrich Wilhelm Tischbein gemalt, zu dem es ➱hier einen langen Artikel gibt. Das Bild oben, das Forster mit seinem Vater zeigt, ist von dem Engländer John Francis Rigaud gemalt. Da war der junge Forster schon ein berühmter Mann, hatte gerade seinen Bericht über seine Reise mit Captain Cook um die Welt veröffentlicht.

Mit seinem Buch A Voyage Round The World gilt er als Begründer der Reiseliteratur, es ist ein Buch, das man auch nach über zweihundert Jahren noch gut lesen kann. Es ist ein ganz anderes Buch als das des Matrosen Heinrich Zimmermann, das Reise um die Welt, mit Capitain Cook heißt. Ein Buch, das er eigentlich gar nicht hätte schreiben dürfen. Berichte über die Reise waren Captain Cook und den Wissenschaftlern wie Forster und seinem Vater vorbehalten. Heinrich Zimmermanns Buch habe ich vor zwanzig Jahren in der von Hans Bender herausgegeben Ausgabe des Insel Verlags gefunden.

Forsters Reise um die Welt ist auch bei Insel erschienen, ist aber mit über tausend Seiten etwas dicker als Zimmermanns 161-seitiges Buch. Aber da ich gerade einmal dabei war, las ich auch noch Louis-Antoine de Bougainvilles Reise um die Welt: Durch die Inselwelt des Pazifik 1766-1769. Dann bekam ich noch die Briefe von Robert James Fletcher (Isles of Illusion. Letters from the South Seas) geschenkt und fand durch Zufall den kuriosen kleinen Roman von Friedrich Wilhelm IV, Die Königin von Borneo. Ich war die ganzen Semesterferien mit dem Lesen beschäftigt, weil ich im nächsten Semester ein Seminar über die Südsee in der amerikanischen Literatur angeboten hatte. Damals bereitete man sich noch umfassend vor. Ich betone diese Selbstverständlichkeit deshalb, weil irgendwelche Dünnbrettbohrer vor nicht allzu langer Zeit zur Exkulpierung von Frau Schavan behauptet haben, damals seien die wissenschaftlichen Standards niedriger gewesen. Waren sie nicht.

Eigentlich hätte Forster den Bericht schreiben sollen, aber der alte Querulant (der sich schon mit ➱Captain Cook selten verstand) hatte sich gerade mit dem Earl of Sandwich überworfen. Wahrscheinlich war er diesmal sogar im Recht, denn angeblich hatte ihn Sandwich vor der Reise offiziell mit dem Bericht über die Entdeckungsreise betraut. Doch der Mann, der das belegte Brot erfunden hat, hat als Erster Lord der Admiralität den schlechtesten Ruf in der Geschichte der Royal Navy. Er war überhaupt nicht an dem Buch interessiert. Dass die beiden Forsters statt des Wissenschaftlers Sir Joseph Banks an Bord waren, ist nur sein gezielter Affront gegen Banks. Hier auf dem Bild von John Hamilton Mortimer sind noch alle nett beieinander (von links): Dr Daniel Solander, Sir Joseph Banks, Captain James Cook, Dr John Hawkesworth und John Montagu, der vierte Earl of Sandwich.

Wie dem auch sei, jetzt beginnt Forsters Sohn zu schreiben. In englischer Sprache, zwei Quartbände voll, und das in nur acht Monaten. Mit welchem Geist, mit welcher Laune sich an der Reisebeschreibung fortarbeiten lässt, wenn alles traurig, öde und leer um uns steht, können Sie rathen. Und doch muss geschrieben werden wenn nicht noch die einzige Hofnung einige monathe länger von dem Gewinn zu leben, wie Wasser zerrinnen soll, schreibt Forster im Jahre 1776 an den Berliner Verleger Johann Karl Philipp Spener, der gerade in England weilt. Die deutsche Ausgabe wird Forster übrigens Friedrich II von Preußen widmen. Falls Ihnen die Reise um die Welt zu lang ist, hätte ich ➱hier noch einen schönen Essay über Captain Cook aus Forsters Feder, der von den englischen James Cook Spezialisten immer noch als einer der besten Essays über den Weltumsegler herausgestellt wird.

Meine Lesetips für heute wären Forsters Beschreibungen von England, die sich im Anhang zu dem Reisebuch Ansichten vom Niederrhein finden (➱hier bei Zeno im Voltext). Und natürlich das Buch von Ludwig Uhlig Georg Forster: Lebensabenteuer eines gelehrten Weltbürgers. Weshalb ich hier noch nie über ➱Captain Cook geschrieben habe, weiß ich nicht, aber das kommt vielleicht noch einmal.

Mittwoch, 20. März 2013

Der wissenschaftliche Witz


Nein, es geht hierbei nicht - obgleich der Titel das vermuten lässt - über das peinlich zusammengestückelte Elaborat, mit dem eine Annette Schavan zum doctor philosophiae promoviert wurde. Diejenige, die vom Vorwurf der Täuschung bis ins Mark getroffen wurde. Hat sie endlich die inkriminierten Stellen im Internet gelesen? Aber es geht es ja nicht um meinen Doktortitel, sondern um meine Integrität, hat sie verlauten lassen. Integrität? Aus welcher Trickkiste zaubern die spin doctors, die ihr die Reden schreiben, nur diese hehren Worte? Doch man muss bedenken, es geht noch schlimmer: Gemessen an Schirrmachers Uminterpretationen von Quellen ist eine Annette Schavan geradezu ein Musterbeispiel an Seriosität, schreibt jemand im Blog des Merkur. Falls Sie sich nicht mehr daran erinnern sollten: dieser Herr Doktor Schirrmacher von der FAZ (der nach seinen Erzählungen als Kind nach Äthiopien entführt wurde) hat sich seinen Doktortitel auf eine sehr komische Weise ➱erschlichen. Doch die Menschen kaufen trotzdem seine Bücher, er kann schreiben was er will. Aber um diese Form des wissenschaftlichen Witzes - der ja eher ein schmutziger Witz ist - soll es nicht gehen. Auch nicht um zerstreute Professoren, die sich in ihrem Vorlesungsmanuskript notieren: an dieser Stelle pflege ich immer einen Witz zu machen. Und dann im Hörsaal vorlesen: an dieser Stelle pflege ich immer einen Witz zu machen. Ist witzig, ist aber peinlicherweise auch wirklich geschehen.

Als ich meine Doktorarbeit im Dekanat der Fakultät abgeben wollte, fragte mich mein Doktorvater, ob ich darin auch einen kleinen wissenschaftlichen Scherz eingebaut hatte. Ich war etwas verblüfft, aber er erklärte mir, dass es wissenschaftlicher Usus wäre, in akademischen Arbeiten so etwas unterzubringen. Ist in der Welt der Academia offensichtlich so etwas Ähnliches wie im Schimmelreiter - soll Euer Deich sich halten, so muß was Lebiges hinein. Als meine Arbeit ein halbes Jahr später als Buch erschien (und von der Zeit wohlwollend rezensiert wurde), sagte mein Professor tadelnd zu mir Sie haben aber keinen Scherz hineingeschrieben. Hatte ich doch, aber der war sehr sophisticated. Es war ein Scherz, den sich einer der von mir behandelten Autoren mit dem englischen Who's Who erlaubt hatte, als er der Redaktion einen völlig fingierten Lebenslauf untergejubelt hatte: Eldest son of a Governor-General of the Windward Islands. After an uneventful education at Eton and Worcester College, Oxford, where he read Philosophy, Politics and Economics and was President of the Union, he signed on as a deckhand on a Japanese whaler. Der Autor war niemals in Eton und Oxford, sein Vater war lediglich Chauffeur. In den letzten vierzig Jahren ist kein Rezensent über diesen kleinen injoke gestolpert.

Als Heinz Ludwig Arnold die dritte Auflage von Kindlers Literaturlexikon vorstellte, merkte er an, dass man natürlich auch in diesem Nachschlagewerk einige Autoren und Werke untergebracht habe, die nicht existierten. Und so sind die seriösesten Publikationen nicht vor dem Ulk gefeit. Ein Artikel wie: Stein|laus: (engl.) stone louse; syn. Petrophaga lorioti; kleinstes einheim. Nagetier aus der Fam. der Lapivora (…) Übertragung: durch Nahrungsaufnahme, Speichel (sog. stone louse kissing disease nach ICD-10), Einatmen von Steinstäuben; Sympt. bei St.-Befall: Euphorie* mit typ. Mimik (Kontraktion des Musculus* risorius u. Musculus* orbicularis oculi) (…) Klin. Bedeutung: (…) Lausotoxin-Injektion in Gesichtsmuskeln (begünstigt Entstehung von Lachfalten) (…) auf S. 1826 des angesehenen Medizinlexikons Pschyrembel (261. Aufl. Berlin 2007) wird Loriot Freunde sicherlich begeistern.

Die Herausgeber waren in einer Bierlaune, hat Martina Bach vom Verlag Walter de Gruyter dazu gesagt. Wahrscheinlich galt das auch für die Herausgeber von Pschyrembel Naturheilkunde und alternative Heilverfahren, die folgenden Artikel in Pschyrembel Naturheilkunde und alternative Heilverfahren unterbrachten: Kurschatten: umgangssprachlich Bez. für eine Person in einer zeitlich u. räumlich auf den Kuraufenthalt beschränkten Partnerschaft; als natürliches Mittel zur Förderung des Kurerfolges schulmedizinisch anerkannt, infolge der besonderen alternativmedizinischen Eigenheit jedoch ethischen u. familienpolitischen Bedenken ausgesetzt; wohl deswegen nicht regelmäßig Teil des Kurplans*. Gelegentliche Initiativen, dies zu ändern (…), scheiterten schon in den Ansätzen am Widerstand der Krankenkassenträger u. Kirchen.

Was Nachschlagewerken recht ist, ist Wikipedia billig. Auch hier gibt es Scherzbolde, die absoluten Unsinn in einem Artikel unterbringen. Der Satz Schaukal wird 1942 in Wien geköpft, wo er zuletzt mit seiner Familie in der Cobenzlgasse 42 im XIX. Wiener Gemeindebezirk wohnte stand im Artikel zu Richard Schaukal lange im Netz, bis der Quatsch am 14.10.2007 gelöscht wurde. Sehr witzig fand ich im Artikel über den Eid des amerikanischen Präsidenten: It is uncertain how many Presidents used a Bible or added the words "I Love Cheese" at the end of the oath, as neither is required by law; unlike many other federal oaths which do include the phrase "So help me God."  Und angeblich haben alle Präsidenten seit Franklin Delano Roosevelt das Wort Käse oder So Cheese Me God  im Text untergebracht. Es war der Morgen der Vereidigung von Barack Obama, ich wollte den Text der Vereidigung in einem Kurs behandelt und hatte deshalb den Wikipedia Artikel angeklickt. Saß für einige Minuten sprachlos vor dem Computer. Wenig später war der Text verschwunden, aber in der Geschichte der Änderungen ist die Seite natürlich aufbewahrt.

Der fingierte Lexikonartikel, auch lateinisch Nihilartikel genannt, ist kein Einzelfall. Er besitzt inzwischen auch schon einen Wikipedia Artikel. Bei dem wir mal hoffen wollen, dass er seriös ist. Aufwendiger als die Fälschung eines Lexikonartikels ist es, wenn man einen wissenschaftlichen Artikel in einer renommierten Fachzeitschrift plaziert, der garantiert nichts bedeutet. Was dem New Yorker Professor Alan David Sokal mit seinem Aufsatz ➱Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity gelungen ist. Das führte zu der sogenannten Sokal Affäre, in der die Wissenschaft ganz schön alt aussah. Sokals Artikel zeigte aber auch, wie leicht Wissenschaft zu parodieren ist.

Oder in den Worten des Handbuchs der KommunikationsguerillaEin gutes Fake verdankt seine Wirkung dem Zusammenwirken von Imitation, Erfindung, Verfremdung und Übertreibung herrschender Sprachformen. Es ahmt die Stimme der Macht möglichst perfekt nach, um für einen begrenzten Zeitraum unentdeckt in ihrem Namen und mit ihrer Autorität zu sprechen […]. Ziel ist, […] einen Kommunikationsprozeß auszulösen, bei dem – oft gerade durch die (beabsichtigte) Aufdeckung der Fälschung – die Struktur der gefaketen Kommunikationssituation selbst zum Thema wird. Das Handbuch der Kommunikationsguerilla gibt es tatsächlich, seinen Autor Luther Blisset (Bild oben) wird man wohl vergeblich suchen.

Manche Buchtitel wird man vergebens suchen. Wenn Ihnen jemand ➱Band II von Heideggers Sein und Zeit anbietet, sollten Sie vorsichtig sein. Auch der zweite Band von Wollschlägers Herzgewächse ist nicht erschienen. Hinter diesen Titeln stehen Schicksale, aber es gibt auch Titel, die aus Daffke eine Titelaufnahme einer Bibliothek bekommen haben. Niemand hat je überprüft, ob es zu diesem Buchtitel auch wirklich ein Buch gibt. Das liebste Buch von solchen Titeln ist mir Das goldene Abenteuer: welches Entzücken es uns bereitete, gemeinsam Neues zu lernen von Astrid Nielsen und Heike Urquhart-Tempel (9. Aufl. Kiel. EmDeVau-Verl. 1998. VII, 1.621 S.. BWZ-MAUS. ISBN 3-1606-170-1). Steht so im KVK, aber leider wird niemand die 1.621 Seiten lesen können. Ebenso wenig wie die Werke von Herbert Quain. Falls Sie allerdings glauben sollten, dass der Titel Vampyrologie für Bibliothekare von Eric W. Steinhauer nicht existent wäre, den gibt es wirklich.

Ich habe in einem Donald Duck Forum die Frage gelesen: Geschätzte Donaldistinnen und Donaldisten Verfügt jemand über den Beitrag «Entenhausen – das neue Jerusalem», der seinerzeit wohl im «Der Donaldist» erschienen, aber zurzeit nicht abrufbar ist, und könnte mir diesen gegen Bekanntgabe meiner neuen E-Mail-Adresse in elektronischer Form bitte zustellen? Oder weiss jemand, wie das Archiv erreichbar ist? Oder kann mir den Text jemand kopieren, bitte? Oder kennt jemand einen heimlichen Link ins Archiv? Danke vielmals für sachdienliche Mitteilungen.

Ich kann an dieser Stelle versichern, dass Entenhausen – das neue Jerusalem tatsächlich existiert. Weil ich einer der Autoren bin. Eigentlich war es eine Art Bierzeitung, eine Wissenschaftssatire auf das Institut, an dem wir damals studierten. Aber dann fand Hans von Storch (kein Witz, der heißt wirklich so) das so witzig, dass er den Text als Sonderheft No. 1 von Der Hamburger Donaldist hat erscheinen lassen. Ich habe hier sogar eine Abbildung des Titelblatts, im Gegensatz zu dem Photo von Luther Blisset ist die garantiert echt. Und das Ganze war auch höchst wissenschaftlich. So wurde zum Beispiel streng philologisch der Nachweis geführt, dass Onkel Dagobert der Teufel war. Weil, das wissen wir alle, der Name Dagobert aus dem Altenglischen kommt. Wo daeg Tag heißt und beran tragen bedeutet, Dagobert ist also ein Lichtbringer. Auf Lateinisch Lucifer. Quod erat demonstrandum. Mit solchen Witzen wollten wir gegen den am Institut grassierenden Unsinn protestieren, alle Namen in literarischen Werken mit einer weit hergeholten Symbolik zu befrachten.

So lange ein solcher Titel wie Das goldene Abenteuer nur als Karteileiche in einem Katalog existiert, kann er nichts Schlimmes anrichten. Schlimm wird es allerdings, wenn sich jemand auf Grund von nicht vorhandenen Publikationen (die angeblich bei einem Schiffsunglück vor Neuseeland alle verloren gegangen waren) eine Professur erschleicht. Gibt es nicht, werden Sie sagen. Gibt es doch. Glücklicherweise gibt es das Spiegel Archiv, das diese wunderbare ➱Geschichte aufbewahrt hat, wie ein Felix Krull der Wissenschaft mit einem kleinen Heftchen mit dem Titel Englisch für Eisenbahner in Deutschland ordentlicher (?) Professor werden konnte. Das mit den nicht existierenden Büchern ist ja ganz nett, solange Borges, Stanislaw Lem (Die vollkommene Leere) oder Susanna Clark (Jonathan Strange & Mr Norrell) das betreiben, aber neuerdings scheint es auch zu einem wissenschaftlichen ➱Trend zu werden. Frei nach dem Motto: Plagiate sind out, wir zitieren jetzt nicht existierende Bücher. Ein Buchtitel wie Das Google-Copy-Paste-Syndrom ist von keinem Satiriker erfunden worden, auch dieses Buch gibt es. Es stammt von einem Dr. Stefan Weber, der einen Blog mit dem Namen Blog für wissenschaftliche Redlichkeit betreibt. Irgendwie kommt mir das jetzt vor wie Realsatire.

Mein kleiner Scherz in meiner Arbeit mit dem falschen Lebenslauf im Who's Who hat neuerdings den Namen U-Boot. So belehrt uns der Wikipedia Artikel Betrug und Fälschung in der WissenschaftAls U-Boot wird eine absichtlich falsche, frei erfundene Fußnote in wissenschaftlichen Arbeiten bezeichnet. Sie dient dazu, die Aufmerksamkeit des Prüfers zu testen. Unbemerkte U-Boote gelten als Beleg der Fähigkeit, Unsinn so gut wissenschaftlich darzustellen, dass es dem Fachmann nicht auffällt. Das Wort scheint nicht mehr in diesem engen Sinn gebraucht zu werden, inzwischen werden auch fingierte Lexikonartikel U-Boot Artikel genannt. Wenn man seit dem Skandal um Herrn von und zu Guttenberg diese Seiten im Internet liest, die sich mit Plagiaten beschäftigen, lernt man ständig neue Wörter hinzu. Wie eben das U-Boot. Oder das Bauernopfer. Das ist eine Fußnote zu einem unbedeutenden Teil eines Originaltexts, größere Abschnitte aus demselben ohne Zitatnachweis übernommen. Die Dissertation von Frau Schavan ist voller Bauernopfer, vielleicht wäre sie als Landwirtschaftsministerin besser aufgehoben gewesen.