Donnerstag, 30. April 2015

Albatros


Nein, keine Sorge, ich tische Ihnen unter dieser Überschrift jetzt nicht ➱Coleridges Ancient Mariner auf, ein Gedicht, das Anglistikstudenten früher salopp das Budweiser Gedicht nannten. Wegen der Zeile a sadder but wiser man He rose the morrow morn. Ich serviere heute etwas ganz anderes. Es kommt aus einem kleinen Buch, das ich letzte Woche fand. In dem solch wunderbare Sätze stehen wie: wenn der maulwurf depressiv ist, zieht er enge blue-jeans an, klebt sich mit brillantine eine schmachtlocke auf die stirn, geht auf die straße, wirft sich geröstete sonnenblumenkerne ins maul, spuckt die schalen hinaus und pfeift den mädchen nach. Das Buch von Said hat den Titel Dieses Tier, das es nicht gibt, womit der Autor auf ein ➱Gedicht von Rilke anspielt.

Der Pawlowsche Hund findet sich auch in diesem Bestiarium, man vermisst allerdings schmerzlich den Wolperdinger. Denn das ist nun wirklich ein Tier, das es nicht gibt. Obgleich man es als Plüschtier kaufen kann. Das erste Prosastück in diesem schönen Buch heißt der albatros:

der albatros begattet grundsätzlich nur schiffbrüchige und bevorzugt blonde matrosen mit schwarzen wollsocken. die ornithologen sind daher um seinen bestand besorgt. doch der albatros will keine kompromisse machen; er findet, davon hat er in seinem leben bereits zu viele gemacht.
     der albatros frißt kaum; einträge durch den wind und den regen.
     der albatros entschuldigt sich nie und bittet niemanden um vergebung.
     früher war er evangelisch, heute will er weder mit dem staat noch mit der kirche etwas zu tun haben; dennoch hält er sich an die amtlich vorgeschriebene geschwindigkeitsbeschränkung.
     nach der pensionierung sitzt der albatros am meeresufer und schreit, wenn schiffe auf klippen zufahren. er hält totenwache für jeden ertrunkenen matrosen - unabhängig von der haar- und sockenfarbe. dabei schweigt er und kaut kaugummi mit zimtgeschmack.

Da muss natürlich zum Abschluss des Poetry Month L'Albatros von Baudelaire folgen. Den gab es zwar schon einmal in dem Post ➱Textil/Text, aber es ist ein Gedicht, das man gar nicht häufig genug lesen kann:

Souvent, pour s'amuser, les hommes d'équipage
Prennent des albatros, vastes oiseaux des mers,
Qui suivent, indolents compagnons de voyage,
Le navire glissant sur les gouffres amers.

À peine les ont-ils déposés sur les planches,
Que ces rois de l'azur, maladroits et honteux,
Laissent piteusement leurs grandes ailes blanches
Comme des avirons traîner à côté d'eux.

Ce voyageur ailé, comme il est gauche et veule!
Lui, naguère si beau, qu'il est comique et laid!
L'un agace son bec avec un brûle-gueule,
L'autre mime, en boitant, l'infirme qui volait!

Le Poète est semblable au prince des nuées
Qui hante la tempête et se rit de l'archer;
Exilé sur le sol au milieu des huées,
Ses ailes de géant l'empêchent de marcher.

Eine deutsche Übersetzung habe ich auch anzubieten. Ich will heute einmal nicht die von Stefan George nehmen, die schon in dem Post Textil/Text steht. Auch nicht die von ➱Therese Robinson, obgleich es interessant wäre, einmal über diese außergewöhnliche ➱Frau zu schreiben. Nein, es gibt heute etwas Ungewöhnliches, eine Übersetzung von einem deutschen Politiker. Deutsche Politiker sprechen normalerweise keine Fremdsprachen, wir kennen das von Oettinger, Westerwelle und gerade aktuell ➱Gerd Müller. ➱Theodor Heuss, der England schon 1911 als junger Mann besuchte, hat bei seinem Besuch in England 1958 gesagt, dass er sich ein bisschen genierte, dass er nur wenige Sätze Englisch sprach. Auf die Frage, wie er sich mit der Königin verständigt habe, sagte er: Mein Dolmetscher hat sich gut mit ihr unterhalten. Das erinnert ein wenig an den Außenminister Genscher, der auch keine Fremdsprachen sprach, aber doch so viel Humor hatte, um Mein Verhältnis zur französischen Sprache ähnelt dem zu meiner Frau. Ich liebe sie, aber ich beherrsche sie nicht zu sagen.

Zwischen einem gebildeten Mann wie Theodor Heuss und unseren Durchschnittspolitikern liegen Welten. Und Welten liegen auch zwischen Merkel & Co und dem in Frankreich geborenen Carlo Schmid. Der hat nämlich so nebenbei Machiavelli und Malraux übersetzt. Und Baudelaires Blumen des Bösen. Die Übersetzung ist immer noch als Insel Taschenbuch lieferbar. Und aus der gibt es heute den Albatros:

Oft fängt das Schiffsvolk, dass es sich vergnüge,
Den Albatros, den Aar der Meeresweiten
Und lässigen Gefährten ferner Züge
Den Schiffen, die auf bittrem Strudel gleiten.

Kaum haben sie den Vogel auf den Planken,
Da lässt der Fürst des Blau in täppischer Scham
Wie Ruder ärmlich schleifen an den Flanken
Die großen weißen Schwingen flügellahm.

Der Schwingensegler, ach wie link und matt!
Der einst so schön, was ist er lächerlich!
Da brennt den Schnabel ihm ein loser Maat,
Der äfft mit Hinken den, der hoch in Lüften strich.

Der Dichter gleicht dem Könige der Wolke,
Der Stürme aufsucht und des Schützen lacht;
Verbannt am Boden, ausgeschrien vom Volke
Hemmt seinen Schritt der Riesenflügel Fracht.


Mittwoch, 29. April 2015

civility


Der 29. April ist der Welttag des Tanzens. Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus. Tanzen lernte man früher in der Tanzschule, also richtige Tänze, nicht diese seltsamen Bewegungen, die das Discopublikum heute macht. Es kommt in meinem Blog leider relativ wenig Tanz vor, außer den Posts ➱Tango und ➱Abtanzball finde ich nichts. Und bevor Sie anfangen zu fragen, Jay ist auch auf dem Photo von unserem Abtanzball. Obere Reihe, zweiter von links.

Wer die hübsche Frau neben mir ist, weiß ich leider nicht mehr. Ich weiß noch, dass sie in Schönebeck wohnte, aber ich weiß ihren Namen nicht mehr. Im Merken von Namen bin ich nie gut. Meine Eltern fanden, wir seien ein schönes Paar, aber ich hatte längst eine andere. Damals lernte man in der Tanzschule von Nico Arff nicht nur die Gesellschaftstänze, man lernte auch die Grundregeln des guten Benehmens. Und um das Benehmen soll es heute gehen, wie der Titel civility schon sagt. Mit diesem Bild der ➱Plaza Tiller Girls leite ich jetzt ganz elegant von Thema des Tanzens zum  englischen Maler Walter Sickert über.

Das Bild hier hat den Titel The Miner. That picture gives you the right feeling, doesn't it? You'd kiss your wife like that if you'd just come up from the pit, wouldn't you? sagt Sickert zu seinem jungen Besucher Denton Welch. Der ist vielleicht nicht der Richtige, um diese Frage zu beantworten. Mit Frauen hat Welch nichts im Sinn. Denton Welch hat das Treffen mit Sickert im Jahre 1936 nach Sickerts Tod unter dem Titel Sickert at St. Paul’s in Horizon, der Zeitschrift von Cyril Connolly, veröffentlicht. Horizon ist die wichtigste Zeitschrift der vierziger Jahre, hier schreibt die englische crème de la crème. Der Artikel über Sickert ist der Beginn der literarischen Karriere des Malers und Dichters Denton Welch.

Maurice Denton Welch (hier ein Selbstportrait) wäre in diesem Jahr hundert geworden, ich habe vergessen, am 29. März über ihn zu schreiben. Weil ich da gerade ➱måneskinnsmaler geschrieben hatte und an dem Post ➱Lilli Martius schrieb. Ganz vergessen habe ich ihn natürlich nicht, denn er hat schon am 29. März 2014 einen langen ➱Post bekommen. In dem allerdings diese Anekdote von dem Treffen mit Walter Sickert (der hat ➱hier natürlich auch einen langen Post) nicht vorkommt. Sie hat, auf einem Zettel notiert, ein Jahr lang auf dem Schreibtisch gelegen. Blogger werfen nichts weg, man weiß nicht, ob man es nicht noch einmal brauchen kann.

Denton Welch wird an jenem Nachmittag von seinem Freund, dem Maler Gerald Leet (der dieses Bild von Welch gemalt hat), begleitet. Der ist zwar nicht eingeladen, kommt aber einfach mit. Die Unterhaltung zwischen dem alten Maler und den beiden jungen Malern ist, wenn man Welchs Bericht glauben kann, ein klein wenig exzentrisch. Na ja, schließlich sind es Engländer. Sickert erzählt Gerald Leet einiges über die Familie Eden, der schwerreiche Sir William Eden war ja einmal sein Mäzen. Er erzählt auch, wie er dem kleinen Anthony Eden mal den Hintern versohlt hat, und welch schöner Mann der Anthony geworden ist.

Und sagt dann, zu Denton gewendet: Ugly ones like us haven't a chance when there's someone like Eden about, have we? Wenn die Engländer etwas können, dann ist es ja dieser Florettstich einer gezielten Beleidigung. Es trifft Denton Welch schon. Erst die Sache mit You'd kiss your wife like that if you'd just come up from the pit, wouldn't you? und nun dies. Wenn die beiden jungen Maler gehen, wird Walter Sickert ihnen nachrufen: Goodbye, goodbye! Come again when you can't stop so long! Das ist immer wieder zitiert worden, wenn auch etwas falsch als: You must come again when you have less time.

Ach ja, die Engländer: ›Ja, wenn wir England nicht mehr lieben sollen, was sollen wir dann überhaupt noch lieben?‹ Diese halbe Vergötterung hab' ich noch ehrlich mit durchgemacht. Aber das ist nun eine hübsche Weile her. Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, weil der Kult vor dem Goldenen Kalbe beständig wächst; lauter Jobber und die vornehme Welt obenan. Und dabei so heuchlerisch; sie sagen ›Christus‹ und meinen Kattun.« Das lässt ➱Theodor Fontane im Stechlin eine Romanfigur sagen. Wir haben ein englisches Wort dafür, und das heißt cant. Was der Merriam Webster definiert als: the expression or repetition of conventional or trite opinions or sentiments; esp: the insincere use of pious words. Damit Sie sich im Dschungel der englischen Höflichkeit zurechtfinden können, gebe ich Ihnen hier einmal einen kleinen Leitfaden:

WHAT THE BRITISH SAY WHAT THE BRITISH MEAN WHAT FOREIGNERS UNDERSTAND 
I hear what you say I disagree and do not want to discuss it further He accepts my point of view 
With the greatest respect You are an idiot He is listening to me 
That's not bad That's good That's poor 
That is a very brave proposal You are insane He thinks I have courage 
Quite good A bit disappointing Quite good 
I would suggest Do it or be prepared to justify yourself Think about the idea, but do what you like 
Oh, incidentally/ by the way The primary purpose of our discussion is That is not very important 
I was a bit disappointed that I am annoyed that It doesn't really matter 
Very interesting That is clearly nonsense They are impressed 
I'll bear it in mind I've forgotten it already They will probably do it 
I'm sure it's my fault It's your fault Why do they think it was their fault? 
You must come for dinner It's not an invitation, I'm just being polite I will get an invitation soon 
I almost agree I don't agree at all He's not far from agreement 
I only have a few minor comments Please rewrite completely He has found a few typos 
Could we consider some other options I don't like your idea They have not yet decided

Zum Schluss habe ich noch ein schönes Gedicht von Robert Herrick, in dem das Wort civility (Höflichkeit) vorkommt. Herrick ist ein Dichter, der hier noch viel zu wenig zitiert worden ist. Aber immerhin mit ➱Jungfrauen schon einen Post hat. Das letzte Mal, dass ich über englische Dichter des 17. Jahrhunderts schrieb, hieß der Post ➱Michael Drayton. Ich habe vor Wochen die Abteilung englische Literatur des 17. Jahrhunderts bei mir aufgeräumt und mir gedacht, über was man noch alles schreiben könnte. Es ist das golden age der englischen Dichtung. Und habe dann bewusst Shakespeares Geburtstag in diesem Jahr nicht erwähnt, aber den Post ➱William Shakespeare vom 23. April 2014 sollten Sie doch lesen, vor allem wegen des schönen Limericks am Ende. Dieses Bild ist natürlich weder von Sickert noch von Welch. Ich fand es in diesem schrägen ➱Blog. Es ist, wenn man so will, eine Interpretationhilfe für das Gedicht:

A sweet disorder in the dress 
Kindles in clothes a wantonness:
A lawn about the shoulders thrown
Into a fine distraction:
An erring lace which here and there
Enthrals the crimson stomacher:
A cuff neglectful, and thereby
Ribbons to flow confusedly:
A winning wave (deserving note)
In the tempestuous petticoat:
A careless shoe-string, in whose tie
I see a wild civility:
Do more bewitch me than when art
Is too precise in every part.

Dienstag, 28. April 2015

Aquarellmalerei


Das Bild ist nicht typisch für ihn, aber aus diesem Grund bilde ich es ab. Denn die Bilder, die typisch für ihn sind, sind ➱Stillleben und ➱Vogelnester. Weshalb man William Henry Hunt auch Bird's Nest Hunt nennt. Der englische Maler wurde heute vor 225 Jahren geboren, er verdient in diesem Blog sicherlich einige Zeilen, vor allem, weil ich dann über den Arzt Dr Thomas Monro schreiben kann. Der ist hier schon in den Posts ➱Thomas Girtin, ➱Richard Parkes Bonington und ➱John Sell Cotman erwähnt worden, woraus man schliessen kann, dass er etwas mit der englischen Aquarellmalerei zu tun hat.

Wie schon sein Vater und sein Großvater ist Dr Monro Arzt am Bethlem Royal Hospital, das gemeinhin nur Bedlam genannt wird. Er ist auch der Arzt des Königs George III, als der endgültig dem Wahnsinn verfällt. Er malt selbst (dieses Aquarell, A Marshy Plain, Distant Hills, ist von ihm) und sammelt Kunst. Und Künstler. Er wird eine eigene Malschule in seinem Haus in Busshey aufmachen. Die berühmtesten Schüler von Dr Monro heißen William Turner und Thomas Girton.

John Ruskin hat über das Verhältnis von Turner zu Dr Monro gesagt: His true master was Dr Monro; to the practical teaching of that first patron and the wise simplicity of method of watercolour study, in which he was disciplined by him and companioned by Giston, the healthy and constant development of the greater power is primarily to be attributed; the greatness of the power itself, it is impossible to over-estimate. Auf diesem Aquarell von William Henry Hunt ist Dr Monro zu Pferd vor der Kirche von Busshey zu sehen. Links davon sind die Grabsteine von Thomas HearneHenry Edridge und Dr Monros Sohn Henry, der auch Maler war. Auf der ➱Seite des British Museum gibt es eine bessere Abbildung von dem Bild, bei dem man die farblichen Nuancen besser sehen kann.

Als Dr Munro noch Assistenzarzt in Bedlam ist, hat er einen Patienten namens ➱James Robert Cozens. Der ist der Sohn des berühmten Alexander Cozens, dessen Vater für Peter den Großen Schiffe gebaut hat. Das mit dem Schiffbau kennen wir nach natürlich aus der Oper Zar und Zimmermann. Da hören wir doch eben einmal in die ➱Oper hinein und lassen Fritz Wunderlich Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen singen. Es geht das Gerücht, dass Alexander Cozens ein unehelicher Sohn von Peter dem Großen sei. An der Geschichte ist natürlich nichts dran, aber Cozens (hier ein Bild von ihm) widerspricht ihr nicht. So etwas ist gut für das Geschäft. Alexander Cozens hat als Zeichenlehrer berühmte Schüler gehabt. Zwei davon, ➱Sir George Beaumont und ➱William Beckford, werden in diesem Blog schon gewürdigt.

Jetzt ist sein Sohn nach einem Nervenzusammenbruch in dem Krankenhaus von Monro. Thomas Monro erkennt sogleich das Talent des Mannes, über den John Constable gesagt hat, er sei the greatest genius that ever touched landscape. Monro lernt von ihm und wird nach Cozens Tod dessen Bilder kaufen. Die er seinen Schülern zum genauen Studium empfiehlt.

Zeichnen und Aquarelle malen ist ja schon lange ein Hobby der englischen Gentlemen gewesen, bevor es die Beschäftigung der sogenannten höheren Töchter wurde (so kommt ➱Lilli Martius zu ihrem Kunststudium). Vielen werden auf ihrer ➱Grand Tour in Italien zeichnen, William Beckford nimmt seinen Zeichenleher Cozens als Reisebegleiter mit. Man kann die Reste dieser Bewegung heute noch in Prince Charles sehen, der ja in seinen Aquarellen gar nicht so schlecht ist. Thomas Monro hatte Privatunterricht bei ➱John Laporte (Bild), von dem er auch Bilder kauft (wir wissen aus den Tagebüchern von Joseph Farington, dass er dafür £500 oder £600 ausgegeben hat, was damals eine Menge Geld ist).

Es ist nicht bewiesen, aber es könnte durchaus sein, dass auch ➱Gainsborough, den jungen Monro unterrichtet hat (auf jeden Fall vermutet das Mora Abell in ihrem Buch Doctor Thomas Monro: Physician, Patron and Painter). Wir wissen, dass Gainsborough Monros Vater gekannt hat und wahrscheinlich dessen medizinischen Rat gesucht hat, als seine Tochter Margaret einen Nervenzusammenbruch hatte. Diese Zeichnung könnte für einen Gainsborough durchgehen, ist aber ein echter Thomas Monro. Der natürlich auch Bilder des verehrten Meisters bei sich an den Wänden hatte.

Und mit diesem Bild vom Schloss Windsor aus dem Jahre 1810 kehren wir wieder zu William Henry Hunt zurück. Am Anfang seiner Karriere hat er Ölbilder in der Royal Academy ausgestellt, Mitglied konnte er da nicht werden, weil er ansonsten nur Aquarelle malte. Das ist für die Akademie nicht fein genug. Die Aquarellisten schließen sich deshalb zusammen und gründen 1805 die Society of Painters in Water Colours. Hunt gehört ihr seit 1824 an und wird 1827 Vollmitglied. Er ist das fleißigste Mitglied der Gesellschaft, er wird bis zu seinem Tod über achthundert Werke dort ausstellen.

Zur Zweihundertjahrfeier der Society of Painters in Water Colours hat es 2005 Ausstellungen mit einem vorzüglichen Kataog von Tim Wilcox (The Triumph of Watercolour: The Early Years of the Royal Watercolour Society 1805-55) gegeben, der antiquarisch nicht die Welt kostet. Das ist übrigens derselbe ➱Timothy Wilcox, der diesen tollen Katalog Day in the Sun: Outdoor Pursuits in the Art of the 1930s gemacht hat (er wird in dem Post ➱Keep Calm and Carry On etwähnt).

Was wäre aus Hunt (hier ein Selbstbildnis) geworden, wenn er Landschaftsaquarelle im Stil von Paul Sandby, Thomas Girtin, Richard Parkes Bonington und John Sell Cotman gemalt und sich nicht auf die Vogelnester kapriziert hätte? Ich weiß es nicht, ob sein Talent wirklich ausgereicht hätte, diese Meister des Aquarells zu erreichen. Er findet für sich mit Vogelnestern und Bildern von Blumen und Obst eine Nische, die das viktorianische Publikum goutiert. ➱John Ruskin (der auch Malunterricht bei Hunt nimmt) schwärmt für William Henry Hunt. Und die süßen kleinen Vogelnester.

Gedichte über Vogelnester sind wahrscheinlich rar. Gedichte über Vögel nicht. Meine Lieblingsgedichte kommen von Thomas Hardy, aber dessen Weathers habe ich schon in dem Post ➱April gebracht und The Darkling Thrush in dem Post ➱Neujahr. Da nehme ich mir doch das erste Bild von Hunt, diese hingetuschte seascape. Denn Gedichte über das Meer sind viel leichter zu finden. Auf dieser ➱Seite finden sich zahlreiche deutsche Gedichte zu dem Thema, aber ich stelle hier lieber einen Klassiker hin, John Masefields Sea Fever:

I must go down to the seas again, to the lonely sea and the sky,
And all I ask is a tall ship and a star to steer her by;
And the wheel’s kick and the wind’s song and the white sail’s shaking,
And a grey mist on the sea’s face, and a grey dawn breaking.

I must go down to the seas again, for the call of the running tide
Is a wild call and a clear call that may not be denied;
And all I ask is a windy day with the white clouds flying,
And the flung spray and the blown spume, and the sea-gulls crying.

I must go down to the seas again, to the vagrant gypsy life,
To the gull’s way and the whale’s way where the wind’s like a whetted knife;
And all I ask is a merry yarn from a laughing fellow-rover,
And quiet sleep and a sweet dream when the long trick’s over.


Montag, 27. April 2015

Bergen-Belsen


Orte wie Bergen-Belsen und Flossenbürg sind in diesen Tagen in den Nachrichten. Wahrscheinlich sind sie es in der nächsten Woche nicht mehr. Man wird nicht gerne an die Schuld erinnert. Vor allem, wenn es eine unermessliche Schuld ist, wie der ➱Bundespräsident gestern sagte. Aber was sind die Reden mehr als Verbandwatte für die Wunden der Erinnerung? Vor zwei Jahren schrieb ich in dem Post ➱Oradour: Während der Bundespräsident in Frankreich der Opfer des SS Massakers gedachte, besuchte auf der anderen Seite des Rheins die Bundeskanzlerin Angela Merkel das Konzentrationslager Dachau. Sie erlebte dort 'einen sehr bewegenden Moment der Trauer und Scham'. Das hat sie vom Blatt abgelesen. Es war eben nur ein Moment. Sieben Minuten später ist sie für eine Wahlkampfveranstaltung in Dachau im Bierzelt, wo ihre Anhänger schon 'Angie, Angie' grölen. Und wo sie bayrisches Bier trinkt. Mir fällt dazu kein Schlusswort ein.

Als ich 1964 mit den Bundeswehr in Frankreich war, haben wir Oradour nicht besucht, obwohl es nicht weit weg war. Als ich Monate später auf dem Truppenübungsplatz Bergen-Hohne war, hat niemand von den Offizieren des Bataillons daran gedacht, die Gedenkstätte zu besuchen. Aber sie sind ja auch nicht zu dem Festgottesdienst für ➱Winston Churchill gegangen. Viele der Offiziere meines Bataillons waren noch Soldaten im Zweiten Weltkrieg gewesen, sie hatten es noch nicht gelernt, mit der Vergangenheit fertig zu werden. Und sie hatten es auch nicht, wie unsere Politiker, gelernt, mit Worthülsen wie einem sehr bewegenden Moment der Trauer und Scham einen symbolischen Akt zu verschönern. In der Offiziersmesse der Engländer hing ein Ölbild von der Schlacht von ➱Waterloo, an den Fluren unserer Unterkünfte hingen Photos von Generälen der Wehrmacht. Ein Bild vom Lager Bergen-Belsen war nirgends zu sehen.

Ich hatte von der Armee mit dem Konzept des Bürgers in Uniform mehr erwartet, die Schule hatte mehr gegeben. Denn im amerikanisch besetzten Bremen gab es mit der sechsjährigen Volksschule eine strikte Erziehung zur Demokratie. Es wurde des ➱Zweiten Weltkriegs gedacht, und bei jeder Berlin Reise gab es einen Besuch von ➱Plötzensee im Pflichtprogramm. Damit wir uns Erwin Leisers Mein Kampf in Bremen ansehen konnten, gab es schulfrei.

Der Truppenübungsplatz Bergen-Hohne war erst wenige Jahre zuvor an die Bundeswehr übergeben worden, bis 1958 hatte er den Engländern gehört. Sie haben nicht alles zurückgegeben, das Schloss Bredebeck haben sie als Offiziersclub behalten. Wahrscheinlich wird da die Queen wohnen (die königliche Familie hat da schon häufiger gewohnt), wenn sie im Juni Bergen-Belsen besucht. Die Engländer haben das Lager vor siebzig Jahren befreit, einer der ersten Offiziere ist Major Brian Urquhart gewesen, der den Lagerkomandanten Josef Kramer (Bild) am nächsten Tag seinem Vorgesetzten General Horrocks vorführt. Horrocks hatte schon ➱Bremen erobert und das KZ ➱Sandbostel befreit (beide Ereignisse haben einen Post in diesem Blog), jetzt sieht er die Schrecken von Bergen-Belsen.

Einer der englischen Offiziere, der das Lager in den ersten Wochen auch sieht, ist der Captain Derek van den Bogaerde (den wir besser als Dirk Bogarde kennen) gewesen. John Coldstream, der Autor einer Biographie von Sir Derek bestreitet das, aber ich möchte über seine Biographie nichts sagen, das habe ich schon in dem Post ➱Dirk Bogarde getan. Diesen Herrn, der sich im Mittelgrund an einen Panzer lehnt, werden Sie nicht kennen - aber ganz England kennt ihn. Auch er war in Bergen-Belsen.

Es ist der Cartoonist Carl Giles, der hier als Kriegskorrespondent bei den Coldstream Guards ist. Und der in diesem Cartoon im Daily Express 1944 seine Tätigkeit sehr ironisch sieht: Nearly had to do without a cartoon in tomorrow’s paper that time, didn’t they? steht unter dem Cartoon. Der englische Kriegskorrespondent Giles wird Josef Kramer interviewen, den die Presse in England nur die Bestie von Belsen nennt.

Und nun kommen wir in den Bereich des Absurden: der SS Hauptsturmführer Kramer weiß, wer Carl Giles ist, er liebt seine Cartoons. Und möchte von ihm gerne ein signiertes Original haben, er gibt Giles seine P38 dafür. Carl Giles hat in einem Interview gesagt: I have to say, that I quite liked the man. I am ashamed to say such a thing. But had I not been able to see what was happening outside the window I would have said he was very civilised. Odd, isn't it? But maybe there was a rather dishonourable reason. I have always found it difficult to dislike someone who was an admirer of my work. And strangely, Kramer was. I never sent him an original. What was the point? He had been hanged. Das verlassene Lager Breendonk in Belgien hat er gezeichnet. Bergen-Belsen wird er nicht zeichnen. Er wird das Erlebnis mit den vielen Toten nie loswerden.

Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, hat Theodor W. Adorno gesagt. ➱Paul Celan hat seine Todesfuge dennoch geschrieben. Das ➱Gedicht, das damals in unseren Lesebüchern stand, ist berühmter geworden, als andere Lyrik zu diesem Thema. Es war allerdings nicht das erste Gedicht. 1945 veröffentlichte die amerikanische Zeitschrift Poetry das Gedicht Protocols von Randall Jarrell (dem wir auch das eindrucksvolle ➱Gedicht The Death of the Ball Turret Gunner verdanken):

We went there on the train. They had big barges
that they towed,
We stood up, there were so many I was squashed.
There was a smoke-stack, then they made me wash.
It was a factory, I think. My mother held me up
And I could see the ship that made the smoke.

When I was tired my mother carried me.
She said, "Don't be afraid." But I was only tired.
Where we went there is no more Odessa.
They had water in a pipe--like rain, but hot;
The water there is deeper than the world

And I was tired and fell in my sleep
And the water drank me. That is what I think.
And I said to my mother, "Now I'm washed and dried,"
My mother hugged me, and it smelled like hay
And that is how you die. And that is how you die.

Ich weiß nicht, ob Randall Jarrell das Gedicht Ein totes Kind spricht von Nelly Sachs im Jahre 1945 schon kennen konnte. Das Gedicht wurde 1947 in dem ➱Gedichtband In den Wohnungen des Todes veröffentlicht, war jedoch wohl schon früher geschrieben. Es soll aber unbedingt heute hier stehen:

Die Mutter hielt mich an der Hand. 
Dann hob Jemand das Abschiedsmesser: 
Die Mutter löste ihre Hand aus der meinen, 
Damit es mich nicht träfe. 
Sie aber berührte noch einmal leise meine Hüfte – 
Und da blutete ihre Hand –

Von da ab schnitt mir das Abschiedsmesser 
Den Bissen in der Kehle entzwei – 
Es fuhr in der Morgendämmerung mit der Sonne hervor 
Und begann, sich in meinen Augen zu schärfen – 
In meinem Ohr schliffen sich Winde und Wasser, 
Und jede Trostesstimme stach in mein Herz –

Als man mich zum Tode führte, 
Fühlte ich im letzten Augenblick noch 
Das Herausziehen des großen Abschiedsmessers.

Sonntag, 26. April 2015

Maria Wolkonskaja


Das Buch mit den Erinnerungen der Fürstin Maria Wolkonskaja lag in einem Stapel von Büchern, die neu angekommen waren. Unscheinbar, und doch auffällig. 1978 im Buchverlag Der Morgen erschienen, kam das Buch in einem Schuber (hergestellt vom VEB Verpackungsmaterial Leipzig), der wie das Buch mit dem gleichen marmorierten Papier bezogen war. Die Gestaltung des Umschlags stammte von dem Buchbinder Gerhard Hesse, einem in Fachkreisen berühmten Mann, der von seinem Vater die 1924 gegründete Werkstatt für Buntpapiere in Leipzig-Möckern übernommen hatte. Seine Tochter Ilona Hesse-Ruckriegel ist heute in dritter Generation in der Kunst des Marmorierens tätig. Das Buch war etwas Besonderes, keine Frage. Es hat mich einen Euro gekostet. Einen Bürger der DDR kostete es damals 11,80 Ostmark.

Es war von Lieselotte Remané übersetzt, die viel aus dem Russischen übersetzt hat, unter anderem auch Prokofjews musikalisches Märchen Peter und der Wolf. Die Gedichte, die sich in den Erinnerungen der Fürstin Maria Wolkonskaja finden (wie zum Beispiel die Gedichte Puschkins, der von der jungen Fürstin begeistert war), sind von ihrem Ehemann Martin Remané übersetzt worden. Lieselotte Remané hat auch ein ausführliches Nachwort und eine Vielzahl von Anmerkungen beigesteuert. Sie können das Nachwort ➱hier lesen, es lohnt unbedingt die Lektüre. Und ich kann mir dann eine Inhaltsangabe des Buches ersparen und brauche das Leben von Maria Wolkonskaja nicht noch einmal nachzuerzählen.

Martin Remané, der auch François Villon übersetzt hatte, konnte eigentlich gar kein Russisch, er verwendete bei seinen Übersetzungen nur bereits vorhandene Interlinearversionen. Das weiß ich allerdings nur, weil ich einen Blick in das Standardwerk Russische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutschsprachigen Übersetzungen: Eine kommentierte Bibliographie von ➱Friedrich Hübner geworfen habe. Das Ehepaar Remané hat auch gemeinsam übersetzt, zum Beispiel Lewis Carroll. Von ihrer Übersetzung des Jabberwocky kann ich mal eben ➱hier ein Beispiel präsentieren.

Die Puschkin Nachdichtungen von Martin Remané haben auch Eingang in die deutsche Ausgabe von Christine Sutherlands Die Prinzessin von Sibirien: Maria Wolkonskaja und ihre Zeit gefunden. Ds Buch ist ganz nett, aber wenn man Erinnerungen der Fürstin gelesen hat, braucht man es nicht wirklich. Der Dichter Alexander Puschkin hatte die spätere Fürstin schon als kleines Mädchen am Strand des Schwarzen Meeres beobachtet und vertraute seinem Tagebuch an: Das dunkelhaarige kleine Mädchen war so anmutig, so jung und flink wie eine Katze. Ich hätte gerne wie die Wellen mit meinen Lippen um ihre Füße gespielt. Wir wollen jetzt einmal hoffen, dass dies nur eine ästhetische Begeisterung ist, und der Dichter für kleine Mädchen (na ja, sie war fünfzehn) nicht die Gefühle hat, die der ➱Autor von Jabberwocky für seine ➱Alice hatte.

Die Szene mit dem Meeresstrand wird Puschkin noch einmal gebrauchen. Dichter werfen nichts weg:

Ich sah die Wellen wild gereiht
zum Ufer ihr entgegeneilen,
um spielerisch, voll Zärtlichkeit
zu ihren Füßen zu verweilen.
Wie wünschte ich, erfüllt von Neid,
mit ihnen dieses Spiel zu teilen ...

Das findet sich in Eugen Onegin, ich zitiere einmal die dreiunddreißigste Strophe des ersten Buches nach einer Übersetzung, die sich bei ➱Zeno findet (es ist wohl die von Th. Commichau aus dem Jahre 1916):

Ich sah das Meer an Sturmestagen:
Mit welchem Neid genoß ich dann,
Wie Flut um Flut herangetragen
Liebkosend ihr zu Füßen rann!
Wie wünscht' ich damals mit den Wellen
Im Kuß an sie heranzuschwellen!
Nein, nicht im tollsten Jugenddrang,
Da Gier mich trieb und Überschwang,
Empfand ich mich so hingerissen,
Holder Armiden süßen Mund,
Erblühten Busens volles Rund, 

Entflammter Wangen Glut zu küssen;
Nein, nie hat sonst der Sinne Macht
In mir solch heißen Wunsch entfacht!


Diese lavierte Zeichnung habe ich von der Homepage von ➱Joachim Winsmann, der die sicherlich inhaltsreichste Seite zu den russischen Dekabristen im Internet hat. Puschkin und die Wolkonskaja - wenn Dichter nicht immer übertreiben würden, wären sie keine Dichter. Und da das heute wieder einmal länger wird als geplant, können wir an dieser Stelle mal eben Fritz Wunderlich die ➱Arie des Lenski aus Eugen Onegin singen lassen. Bevor die Fürstin Maria Wolkonskaja nach Sibirien aufbricht, um ihren Ehemann, dem Dekabristen Sergei Grigorjewitsch Wolkonski, in die Verbannung zu folgen, wird sie ihren Bewunderer Puschkin noch einmal sehen. Der zwar nicht offen auf der Seite der Dekabristen stand, aber viele von ihnen kannte. Und ihren Mut bewunderte. Wie er in dem Gedicht Sendschreiben nach Sibirien schrieb:

In der Tiefe sibirischer Erze
Bewahrt Geduld, seid stolz und klug.
Euer Werk, das schicksalsschwere,
Wird wachsen im Gedankenflug.

Des Unglücks treuergebne Schwester,
Die Hoffnung, weckt im finstren Schacht
Den Mut, die Froehlichkeit, bis letztlich
Die langersehnte Zeit erwacht:

Die Liebe und die Freundschaft dringen,
Obwohl ihr eingekerkert seid,
Zu eurer schweren Zwangsarbeit,
Wie jetzt nur meine freie Stimme.

Die Kette, die den Fuß beschwert,
Wird brechen, wie des Kerkers Schranken,
Die Freiheit euch am Tor empfangen
Und Brüder reichen euch das Schwert.

Puschkin wird eine Antwort auf sein Gedicht von 1827, das ja mehr ein politisches Pamphlet als ein Gedicht ist, bekommen. Und zwar von dem jungen Fürsten Alexander Iwanowitsch Odojewski. Der gehört auch zu den Dekabristen. Er hat aber nur einen niedrigen Dienstgrad in der Armee, der Gatte der Fürstin ist immerhin General, der gegen Napoleon gekämpft hat. Odojewski kommt aus einer alten, vornehmen Adelsfamilie, etwas verarmt, aber vornehm. Und er ist Dichter, oder wird in der Gefangenschaft dazu. Er wird das Gedicht Antwort auf Puschkins Sendschreiben nach Sibirien verfassen:

Es trafen von des Sehers Saiten
die hellsten Laute unser Ohr.
Wir gierten, mit dem Schwert zu streiten,
doch fanden wir nur Ketten vor.

Stolz, Barde, sind wir auf die Ketten
und stolz auf unsere Kerkernacht.
Auch wenn wir tausend Wächter hätten,
würd heimlich doch der Zar verlacht.

Denn unser Leid wird fruchtbar sein.
Aus Funken wird die Flamme schlagen,
und unser gläubig Volk wird ein
geheiligt Banner tragen.

Aus Ketten wird ein Schwert! Entfacht
mit uns erneut das Freiheitsfeuer!
Gestürzt wird dann des Zaren Macht,
und alle Völker atmen freier.


Der Funke heißt im Russischen iskra. Und Iskra wird Lenin im Jahre 1900 seine Zeitung nennen (die übrigens in Deutschland gedruckt wird). Es hat etwas länger gedauert, bis der Funke Flammen geschlagen hat. Dass alle Völker heute freier atmen, das ist zu bezweifeln.

Samstag, 25. April 2015

Fickfackerei


Hilde Goldschmidt, die das Gymnasium in Elberfeld besuchte, erinnerte sich später daran, dass in ihrer Familie immer Thomas Mann gelesen wurde: Das war Tradition in der Familie. Wenn man zu einem Geburtstag eingeladen war, schenkte man ein Buch von Thomas Mann. Mein Vater sagte immer: ‚Gib Buddenbrooks.' Sie wollte Jura studieren, aber dann kam Adolf Hitler, und Hilde Goldschmidt verließ die Schule. Sie war deutsch und blond, aber sie war jüdisch. Sie lernte Stenographie (deutsch, englisch und französisch) und Schreibmaschine und heiratete einen Dr Heinz Kahn. 1937, da war sie zwanzig Jahre alt, emigriert sie nach Amerika. Und wird eines Tages die Sekretärin des Mannes, den sie zuvor mit Begeisterung gelesen hatte. Tippt seine Korrespondenz und seine Romane. Ich war ihm nah, er wirkte weit weg, hat sie einmal gesagt.

Nach der ersten Begegnung in ➱Pacific Palisades hielt sie fest: Seine schlanke Gestalt, sorgfältig, aber bei weitem nicht teuer oder vom Maß-Schneider gekleidet, das Diplomatengesicht mit den leuchtenden blauen Augen und den grauen Schläfen zu den sonst noch ganz schwarzen Haaren. Wenn sie sich da mal in Bezug auf die Anzüge nicht täuscht, die sehen mir immer nach Schneiderarbeit aus. Der Schriftsteller hält es in Bezug auf die Mode mit den Sätzen, die sich in Tonio Kröger finden: Ach, lassen Sie mich mit meinen Gewändern in Ruh, Lisaweta Iwanowna! Wünschten Sie, daß ich in einer zerrissenen Sammetjacke oder einer rotseidenen Weste umherliefe? Man ist als Künstler innerlich immer Abenteurer genug. Äußerlich soll man sich gut anziehen, zum Teufel, und sich benehmen wie ein anständiger Mensch.

Hilde Kahn wird kein Teil der Familie, sie ist auf keinem Photo (auch auf diesem nicht, das Farbphoto unten zeigt Susanne Schäfer, die in dem Film Die Manns: Ein Jahrhundertroman Hilde Kahn spielt), man hält die Kahn auf Distanz. Erst am Ende der zehn Jahre, die sie für den Schriftsteller arbeitet, versteht sich Katia Mann zu der Anrede Hilde. Ansonsten bleibt sie ohne Vornamen, in den Tagebüchern ist immer nur von die Kahn die Rede. Sätze wie Nach dem Thee: Diktate an die Kahn sind typisch

Die Teesorte, die immer um halb fünf mit Ingwerkeksen serviert wird, ist natürlich Earl Grey. Thomas Mann erscheint als letzter, nach seiner Mittagsruhe von seinem im zweiten Stock gelegenen Schlafzimmer wie vom Olymp herabsteigend, erfrischt und neu belebt, umduftet von einem zarten Hauch von Veilchenwasser. Er erklärte mir einmal, daß auch Goethe den Veilchengeruch geliebt habe. Über die Nebensächlichkeiten wissen wir viel, aber der Mensch Thomas Mann bleibt ein Rätsel. Ich habe die Biographien von Peter de Mendelssohn und Klaus Harpprecht (und viele andere) gelesen, ich kenne ihn immer noch nicht. Ich weiß jetzt nicht, ob Veilchenwasser wirklich der richtige Duft für den Herrn ist. Ich würde ja eher ➱Penhaligons Blenheim Bouquet (oder das preiswerte Wellington von Trumper) nehmen.

Die jüngsten im Haushalt verehren Hilde Kahn, Thomas Mann sagt ihr eines Tages: Also, der Frido hat sich ganz in Sie verliebt, er hat gesagt: 'Die Frau hat Locken'! Der Frido wird seine Zeit in der Familie eines Tages als Hölle bezeichnen, da ist es doch schön, wenn da mal ein blonder Engel auftaucht: Es gibt für mich allerdings noch eine ganz besondere Hausgenossin, die oft am Nachmittag auftaucht. Es ist die auch aus Deutschland emigrierte Sekretärin meines Großvaters, Hilde Kahn, eine feine, attraktive junge Dame mit glänzender Gesichtshaut und stark geschminktem Rosenmund. Sie ist mein erster erotischer Schwarm. Ich fühle mich von der sich immer diskret im Hintergrund haltenden, schönen Frau früh verzaubert. 'Die Frau Kahn hat schöne Beine', bekenne ich als Sechs- oder Siebenjähriger... Thomas Mann schreibt die Kahn eines Tages in das Manuskript von Die Entstehung des Doktor Faustus als die hübsche, intelligente, treue Hilde Kahn. In der Endversion hat er dann allerdings hübsch und intelligent gestrichen. So ist der Mann nun mal, den man den Zauberer nennt. Als die Familie Mann 1953 Pacific Palisades verlässt, hat er keinen Händedruck für Hilde Kahn übrig. Er gratuliert ihr aber, als sie im Oktober 1953 heiratet, mit Meinen herzlichenGlückwunsch. Ihr alter Boss, Thomas Mann.

So gut die Zusammenarbeit mit dem Boss ist, manchmal gibt es Probleme. Zum Beispiel bei dem Manuskript zu Der Erwählte. Aber lassen wir Hilde Kahn selbst sprechen: Ich tippte das Manuskript und bin vor Lachen fast vom Stuhl gefallen. Da kommt doch die Mutter von dem Mann, der gerade Papst geworden ist, und fragt, ob denn ‚die ganze Fickfackerei‘ ihres früheren Lebens ihr verziehen werden kann. Als ich die Abschriften zurückbrachte, fragte Thomas Mann, ob es mir gefallen habe. Ich sagte, es sei ganz wunderbar, nur dies eine Wort sei etwas drastisch. Und jetzt müssen Sie sich Katia vorstellen ... Wie, was, man wagte, den Gatten zu kritisieren? Die Haare standen ihr zu Berge. Er sagte: ‚Na, um welches Wort geht es denn?“ Ich sagte: ‚Nun ja, Fickfackerei, das ist doch sehr deutlich, auf deutsch und auf englisch.‘ ‚Aha‘, sagt Mann, ‚ich sehe, was Sie meinen; nun sehen Sie, dieses Wort ist ein altes Lutherwort. ‚Ja, was will sie denn?‘ sagt darauf Katia. ‚Nun ja‘, sagt Thomas, ‚sie denkt an das Wort ficken‘ – ‚Ficken?‘ sagt Katia. ‚Habe ich noch nie gehört, was bedeutet das denn?‘ Darauf er: ‚Ficken, das bedeutet, sexuellen Verkehr zu haben.‘ – Ich wäre am liebsten in den Boden versunken. Er ging ganz nachdenklich in sein Zimmer, und was passiert? Er hat die ganze Seite neu geschrieben; es wurde: ‚die Fickfackerei meines Herzens‘, und er hat mir nämlich erklärt, Fickfackerei, das bedeutet sich etwas vormachen, sich anlügen.

Früher tauchte die Etymologie von Wörtern wie Fickfackerei (hängt mit Faxen zusammen) oder Matjes (was mit Mädchen zu tun hat) in einem Grundkurs Germanistik auf. Früher war es selbstverständlich, dass man Kluges Etymologisches Wörterbuch benutzte. Es geht viel verloren. Ich wage manchmal kaum, ein schönes Wort aus dem 18. Jahrhundert zu benutzen, weil mein Korrekturprogramm sofort in Schwulitäten kommt. Der Duden im Internet kennt Fickfackerei immerhin noch als BetrügereiUnsinn. Und für Flügels Englisch-Deutsches Wörterbuch war es 1858 eine Selbstverständlichkeit, Fickfackerei: (w)f. intrigue, trick aufzunehmen. Wenn man bei Googles Bildersuche das Wort Fickfackerei eingibt, bekommt man nur Bilder von Pornos.

Gedichte sind nicht die Sache von Thomas Mann, aber einige hat er doch geschrieben. So das kleine Gedicht Siehst du, Kind, ich liebe dich, das im Januar 1885 in der frisch gegründeten Zeitschrift Die Gesellschaft erschien. Wir wollen mal hoffen, dass es ohne die Fickfackerei meines Herzens geschrieben wurde:

Siehst du, Kind, ich liebe dich,
da ist nichts zu machen;
wollen halt ein Weilchen noch
beide drüber lachen.

Aber einmal, unverhofft,
kommen ernste Sachen ,-
siehst du, Kind, ich liebe dich
da ist nichts zu machen!


Mehr zu Hilde Kahn und Thomas Mann findet sich in dem vierzigseitigen Interview, dass Hilde Kahn-Reach Heinrich Breloer (in dem Buch Unterwegs zur Familie Mann) 1998 gegeben hat.

Freitag, 24. April 2015

Min Jehann


Ich war letztens einmal wieder an meinem alten ➱Arbeitsplatz, zum zweiten Mal in sechs Jahren. Ein Kollege hatte mich zu seiner Abschiedsfeier eingeladen. Irgendwie sieht der noch viel zu jugendlich aus, um in Pension zu gehen. Als alle Geschenke und Blumensträuße verteilt, alle Reden gehalten waren, bekannte Jens Bahns, dass er sehr gerne Platt schnacke. Das wussten die meisten von uns nicht. Er las dann etwas Witziges von ➱Reimer Bull zum Thema Abschiedsreden vor. Ich erzählte ihm hinterher, er müsse unbedingt mal in meinen Blog schauen und die wunderbare plattdeutsche ➱Übersetzung von Werner Seifert von Kiplings Mandalay lesen.

Er hätte natürlich auch etwas von Klaus Groth vorlesen können, Klaus Groth geht immer. Der Dichter hat heute Geburtstag, und in meiner kleinen Variation des amerikanischen Poetry Month bietet sich da natürlich ein Klaus Groth Gedicht an. Klaus Groth war schon häufig in diesem Blog zu finden. Also zum Beispiel in den Posts ➱Klaus Groth oder ➱Albrecht Roth, aber eine Geschichte habe ich offensichtlich noch nicht erzählt. Ich war vor Jahrzehnten mit meinen Kollegen zur Geburtstagsfeier des Direktors des Seminars in eine Gaststätte eingeladen. Es gab Schweinshaxe mit Sauerkraut. An meinem Tisch saß ein älteres Ehepaar (deren dahingemurmelte Namen ich nicht verstanden hatte), das sich im Laufe des Abends etwas eigentümlich benahm.

Aus irgendeinem Grund hatte ich an dem Abend gegenüber meiner Tischnachbarin die Weserstraße in Vegesack erwähnt, als die beiden mir Gegenübersitzenden mich plötzlich geradezu inquisitorisch auszufragen begannen. Ob unser Haus gegenüber dem Haus von ➱Senator Duckwitz stände? Wem die Häuser daneben gehörten? Gab es das Hotel Bellevue noch? Wie weit es zu dem Gartenlokal Bruns in Leuchtenburg wäre? Und so ging das den ganzen Abend lang. Sie hatten irgendwoher erstaunliche Ortskenntnisse, die offensichtlich aus dem 19. Jahrhundert stammten, hatten den Ort aber anscheinend selbst nie gesehen. Sie taten sehr geheimnisvoll, sagten aber nicht, weshalb sie mich den ganzen Abend mit Fragen löcherten. 

Tage später traf ich meine Tischnachbarin wieder und erkundigte mich, ob sie zufälligerweise das Ehepaar kannte, das mich an dem Abend vom Genuß meiner Schweinshaxe abgehalten hatte. Sie kannte die beiden. Die schrieben nämlich gerade ein Buch über Doris Finke (Bild). Und auf dem Sommersitz des reichen Bremer Weinhändlers Albert Diedrich Finke, dessen Tochter Doris den Dichter aus Schleswig-Holstein geheiratet hatte, hatte Klaus Groth ja viel Zeit verbracht. Der Finkenhof, den Doris auch Kio nannte, war von unserem Haus vielleicht hundert Meter entfernt. Friedrich Engels mag es gesehen haben, als er auf der Weser notierte: Hier liegen die Villen der Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern. Für Klaus Groth war die Zeit auf dem Finkenhof nicht so glücklich wie für seine Doris. Die reichen Bremer Verwandten haben es den armen Dichter bei jedem Aufenthalt in der Weserstraße spüren lassen, was sie von plattdeutsch dichtenden Nichtsnutzen halten. Die Tagebücher von Doris Groth, die 1985 unter dem Titel Wohin das Herz uns treibt bei Boyens veröffentlicht wurden, zeigen diese Spannungen deutlich auf.

Meine Tischnachbarin wusste zu berichten, dass das mir unbekannte Ehepaar lediglich eine alte Straßenkarte von Vegesack aus dem 19. Jahrhundert besäße und deshalb glücklich war, dass sie nun zufällig jemanden aus dem Ort (und noch dazu aus genau dieser Straße) getroffen hatten. Das hätten sie mir ja eigentlich auch sagen können, die Unterhaltung wäre wesentlich einfacher gewesen. Das Buch des Ehepaares von der Westküste fand ich Jahre später im Grabbelkasten eines Antiquariats.

Ich male normalerweise nicht in meinen Büchern herum, aber hier finden sich doch eine Vielzahl von Anstreichungen. Überall in den Anmerkungen der Verfasser steht da lapidar: nicht ermittelt. Auch den Landgasthof Bruns (hier ihm Bild), wo Doris und Klaus Groth gegessen haben, haben die Autoren nicht ermittelt; irgendwann habe ich aufgehört, die Fehler in dem Buch zu zählen. Der Schlimmste war, dass die Autoren behaupteten, dass auf dem Grundstück der Finkeschen Villa heute eine Fabrik steht. Leute, habt ihr bei der Schweinshaxe überhaupt nicht zugehört? Die Villa, die die Erben von Albert Diedrich Finke anstelle des ursprünglichen Finkenhofs im 19. Jahrhundert haben errichten lassen, stand dort bis in die achtziger Jahre. Eine Fabrik gibt es in der ganzen Straße nicht.

Über ihr Benehmen sinne ich immer noch nach. Gut, sie kamen aus dem Geburtsort von Klaus Groth, wollten sie seinem Benehmen nacheifern? So feinsinnig er war, blieb er irgendwie doch ein Bauer aus Dithmarschen, nicht selten schroff und herbe. Oder wie ein Kritiker schreibt: Klaus Groth war für den Salon nicht erzogen, wenn er auch oft ein Liebling der Salons gewesen ist. Vielleicht typisch für Groth ist eine Anekdote, die sich im Tagebuch seiner Frau im Jahre 1861 findet: Ferner machte Klaus eine Reise nach Norderney, um Großvater dort zu seinem 84sten Geburtstag zu begrüßen. Dies endete etwas unglücklich u. hinterließ deshalb eine Mißstimmung. Der König von Hannover kam auf Norderney an. Großvater wünschte, daß Klaus sich ihm vorstellen ließe. Klaus wollte es nicht u reiste Knall auf Fall ab, weil er es dort bei längerem Sein nicht hätte vermeiden können.

Ich könnte heute natürlich Theodor Storms schönes Gedicht bringen, das er 1872 für Klaus Groth geschrieben hat:

Wenn't Abend ward,
Un still de Welt, un still dat Hart;
Wenn möd up't Knee di liggt de Hand,
Un ut din Husklock an de Wand
Du hörst den Parpendikelslag,
De nich to Woort keem över Dag;
Wenn't Schummern in de Ecken liggt,
Un buten all de Nachtswulk flüggt;
Wenn denn noch eenmal kiekt de Sünn
Mit golden Schiin to't Finster 'rin,
Un, ehr de Slap kümmt un de Nacht,
Noch eenmal Allens lävt un lacht -
Dat is so wat vör't Minschenhart,
Wenn't Abend ward.

Aber ich zitiere lieber noch einmal mein Lieblingsgedicht von Klaus Groth, ein Gedicht, das ich noch im Schlaf aufsagen kann. Und das immer wieder schön ist:

Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann,
Do weer de Welt so groot!
Wi seten op den Steen, Jehann,
Weest noch? bi Nawers Soot.
An'n Heben seil de stille Maan,
Wi segen, wo he leep,
Un snacken, wo de Himmel hoch
Un wo de Soot wull deep.

Weest noch, wo still dat weer, Jehann?
Dor röhr keen Blatt an'n Boom.
So is dat nu nich mehr, Jehann,
As höchstens noch in'n Droom.
Ach nee, wenn dor de Scheper sung,
Alleen in't wiede Feld:
Ni wahr, Jehann? dat weer en Ton!
De eenzige op de Welt.

Mitünner inne Schummertied
Denn ward mi so to Moot
Denn löppt mi't langs den Rügg so hitt,
As domals bi den Soot.
Denn dreih ik mi so hastig üm,
As weer ik nich alleen:
Doch allens, wat ik finn, Jehann,
Dat is - ik sta un ween.

Jetzt kann ich noch gesungene Versionen von ➱Ernst Busch, ➱Hannes Wader, ➱Ina Müller und (ganz schlimm) ➱Lale Andersen anbieten. ➱Lale Andersen, ➱Ernst Busch und ➱Hannes Wader haben hier schon einen Post, Ina Müller noch nicht. Vielleicht kommt das ja noch mal.

Donnerstag, 23. April 2015

Sklavenschiff


Wenn ➱Ralph Ellison in seinem Roman Invisible Man den Kapitän Amasa Delano mit den Worten you are saved: what has cast such a shadow upon you? zitiert, dann ist das natürlich nicht ohne eine tiefere symbolische Bedeutung. Denn hinter Herman Melvilles meisterhafter ➱Erzählung Benito Cereno steht auch die Geschichte der Amistad. Das Schiff ist dank des Filmes von Steven Spielberg ja etwas bekannter geworden, obgleich die Geschichtsvermittlung à la Hollywood immer eine zweifelhafte Sache ist. Sie sollten vielleicht hier einmal Clio at the Multiplex lesen, Simon Schamas großartige Besprechung des Films aus dem New Yorker. Über Melvilles Erzählung, die bislang nur ➱hier erwähnt wurde, schreibe ich irgendwann noch einmal. Heute geht es nicht um Amaso Delanos Bachelor's Delight oder Benito Cerenos San Dominick. Heute geht es um ein anderes Schiff. Und eine andere Zeit. Wir springen einmal in das Jahre 1781.

Captain Luke Collingwood von der Zong ist zuvor Schiffsarzt gewesen, das hier auf der Zong ist sein erstes Kommando. Er ist auch Anteilseigner des Schiffes. Und der Fracht. Die Zong war ein holländisches Schiff, das zuerst Zorgue hieß, aber dann haben die Engländer es 1781 gekapert und umgetauft. Mit dem symbolischen Namen, der einmal Sorge und Pflege bedeutete, hat es nun nichts mehr zu tun. Das Schiff hat jetzt englische Eigner. Die sitzen in Liverpool und sind im Sklavenhandel. Wie Kapitän Collingwood, der bisher als Arzt für die Auswahl der Sklaven in Afrika zuständig war. Jetzt hat er 442 schwarze Sklaven an Bord und will nach Jamaica. Die Fracht des Schiffes ist für die stolze Summe von 8.000 Pfund Sterling versichert.

Mit den nautischen Kenntnissen von Collingwood ist es nicht so weit her. Man segelt an Jamaica vorbei, die Wasservorräte werden knapp. Da beschließt Collingwood, einen Teil der noch lebenden Sklaven (62 waren inzwischen gestorben) über Bord zu werfen. Für Sklaven, die aus welchen Gründen auch immer, während der Reise über Bord gehen, muss die Versicherung bezahlen. Dreißig Pfund Sterling pro Mann. Das Zong Massaker ist nicht nur Massenmord, es ist auch Versicherungsbetrug. Es wird in England einen Prozess geben, bei dem nichts herauskommt. Luke Collingwood, der während der ganzen Reise lang krank war und sein Kommando wohl kaum noch ausübte, war in Jamaica gestorben.

In Black River in Jamaica erinnert ein kleines ➱Denkmal an die überlebenden Schwarzen, die hier auf dem Sklavenmarkt verkauft wurden. Aber noch mehr erinnert dies ➱Bild von William Turner an das Ereignis. Es hat den Titel Slavers Throwing overboard the Dead and Dying—Typhon coming on. ➱John Ruskin, der das Bild kaufte, sagte über das Werk: If I were reduced to rest Turner's immortality upon any single work, I should choose this. Turner hatte schon lange vor diesem Bild damit begonnen, ein langes Gedicht mit dem Titel The Fallacies of Hope zu schreiben, zu dem seine Bilder eine Art Illustration sein sollten. Und so gibt es auch zu dem Sklavenschiff ein Gedicht:

Aloft all hands, strike the top-masts and belay;
Yon angry setting sun and fierce-edged clouds
Declare the Typhon's coming.
Before it sweeps your decks, throw overboard
The dead and dying – ne'er heed their chains
Hope, Hope, fallacious Hope!
Where is thy market now?

John Ruskin hat zu dem Bild eine emphatische ➱Ekphrase geliefert. William Thackeray stellte dem eine etwas zynischere Bildbeschreibung entgegen, die aber die Explosion der Farben auf Turners Bild sehr gut beschreibt: The slaver throwing its cargo overboard is the most tremendous piece of colour that ever was seen; it sets the corner of the room in which it hangs into flame...  Rocks of gamboge are marked down upon the canvas; flakes of white laid on with a trowel; bladders of vermilion madly spirited here and there. Yonder is the slaver rocking in the midst of a flashing foam of white-lead. The sun glares down upon a horrible sea of emerald and purple, into which chocolate-coloured slaves are plunged, and chains that will not sink; and round these are floundering such a race of fishes as never was seen since the saeculum Pyrrhae; gasping dolphins redder than the reddest herrings; horrid spreading polypi, like huge, slimy, poached eggs, in which hapless [black slaves] plunge and disappear. Ye gods, what a ‘middle passage’!

Turners Gedichte sind von den Kritikern nicht so recht ernst genommen worden. William Thackeray (ich muss ihn noch einmal zitieren) schrieb sehr ironisch: In a word, I say that Turner is a great and awful mystery to me. I don't like to contemplate him too much, lest I should actually begin to believe in his poetry as well as his paintings, and fancy the "Fallacies of Hope" to be one of the finest poems in the world.

Sir Kenneth Clark ist in seiner ➱Serie Civilisation: A Personal View gewohnt souverän und ein wenig nonchalant auf Turners Gedichte eingegangen: But participation in the sublime was almost as much of a strain as the pursuit of freedom. Nature is indifferent or, as we say, cruel. No great artist has ever observed these violent, hostile moods of nature as closely as Turner; and he was without hope - those are not my words, but the final judgement of Ruskin, who knew him and worshipped him.

Turner was a great admirer of Byron and used quotations from Byron's poems in the titles of his pictures. But Childe Harold was not pessimistic enough for him, so he wrote a fragmentary poem to provide himself with titles. He called it 'The Fallacies of Hope'. Bad poetry, good pictures. One of the most famous of them represents an actual episode in the slave trade, another of the contemporary horrors that troubled the Romantic imagination: Turner called it 'Slavers throwing overboard the dead and dying - typhoon coming on'. For the last fifty years we have not been in the least interested in the horrible story, but only in the delicate aubergine of the negro's leg and the pink fish surrounding it. But Turner meant us to take it seriously. 'Hope, hope, fallacious hope,' he wrote, 'where is thy market now?'

John Ruskin wird das Bild, über das er sich so emphathisch ausgelassen hatte, eines Tages verkaufen. My dearest Charles, I have the registered letter, and will pack the 'Slaver' forthwith. It is right that it should be in America, and I am well pleased in every way, and always - Your lovingest J. Ruskin, schreibt er an seinen Freund Charles Eliot Norton, der den Verkauf eingefädelt hatte. Der Kunstmäzen und Gründungspräsident des Metropolitan Museum John Taylor Johnston zahlt 2.100 Pfund Sterling für das Sklavenschiff.

Als er im Dezember 1876 seine Kunstsammlung versteigern lässt, kauft Miss Alice Hooper aus Boston (die auch diese Radierung besaß) den Turner. Sie war die Tochter des Politikers Samuel Hooper. Und war einmal mit Charles Sumner, einem entschiedenen Gegner der Sklaverei, verheiratet. Sie wird ihren Turner nur zwei Wochen behalten, dann schenkt sie ihn (wie so vieles andere, das sie auf der Johnston Auktion gekauft hat) dem neu gegründeten Museum of Fine Arts: I hope the Slave Ship may give as much pleasure to the public as it has borne in the few weeks I have had the pleasure of living with it, schreibt sie dem Direktor Charles Greely Loring. Es ist das erste Bild von Turner in einem amerikanischen Museum.

1792 verbot Dänemark (mit Wirkung vom 1. Januar 1803) als erste Nation den Sklavenhandel über den Atlantik (vorher hatte der ➱Graf Schimmelmann ja gut daran verdient). 1807 untersagte England den Sklavenhandel, die Royal Navy verfolgte das Schiff eines jeden Sklavenhändlers. Was dazu führte, dass noch mehr Sklaven über Bord geworfen wurden. Wenn man als Sklavenhändler ein Schiff der Royal Navy kommen sieht, dann trennt man sich lieber von seiner Fracht, ehe man aufgebracht wird und in ein englisches Gefängnis wandert. Hope, Hope, fallacious Hope! Where is thy market now?

Joseph Mallord William Turner wurde heute vor 240 Jahren geboren. Er taucht immer wieder in diesem Blog auf. Ich weiß nicht, was man empfehlen soll. Vielleicht: ➱J.M.W. Turner, ➱William Turner in Kiel und ➱Gordale Scar.