Mittwoch, 14. Dezember 2016

Schreiben


Auf der Suche nach den Weihnachtskarten, die ich irgendwo gut versteckt hatte, habe ich mehrere schöne orangefarbene Schulhefte in der Schreibtischschublade gefunden. Ich hatte sie vor Jahrzehnten beim Skiurlaub in Reutte gekauft, das wusste ich noch, eine tolle Qualität. So etwas findet man heute gar nicht mehr. Vorne steht auch Made in Austria drauf. Dass ich im Skiurlaub war, ist ein klein wenig gelogen. Ich hasse Skilaufen und Bergfexe, ich bin Norddeutscher. Südlich von Hannover werde ich unruhig. Ich habe meinen speziellen Bergurlaub schon in den Post Nick Drake hinein geschrieben. Weil Nick Drake das Beste an diesem Urlaub war.

Eins der Hefte war schon vollgeschrieben. Flüchtige Augenblicke stand über der ersten Seite. Das ganze Heft war voll von flüchtigen Augenblicken. Ich wusste nicht mehr, dass ich in dem Heft Teile meiner Autobiographie mit dem Titel Bremensien in Stichworten konzipiert hatte. Ich dachte, ich hätte die gleich in den Computer geschrieben. Wie man sich doch täuschen kann. Ich weiß noch, was für ein Wetter bei der Währungsreform war, als es das neue Geld gab; aber ich weiß nicht mehr, dass ich vor sieben Jahren gleichzeitig in den Computer und in ein orangefarbenes Heft der österreichischen Firma Ursus schrieb. Wahrscheinlich war ich so fasziniert von der neuen Technologie, dass ich - undankbar wie ich war - die gute alte Kugelschreiber (mit einem Füllfederhalter wie Thomas Mann könnte ich nie schreiben) und Papier Methode vergaß.

Und damit bin ich wieder beim Schreiben. Warum schreibe ich? Ich weiß es nicht wirklich. Sieh, liebes Kind, das ist ein Vorzug, den die Leute haben, die nicht schreiben: sie kompromittieren sich nicht, hat Goethe gesagt. Als ich zu studieren begann, schrieb ich Filmkritiken. Filmkritiker zu werden, erschien mir als das Größte. Und ich schrieb Briefe, das habe ich heute vollkommen aufgegeben. Liegt vielleicht auch daran, dass viele der Brieffreunde tot sind. Man schreibt immer gegen den Tod an.

Natürlich schrieb ich im Studium Seminararbeiten; gegen den Strich, wie meine Aufsätze am Gymnasium. Ich schrieb eine Doktorarbeit, die die Fakultät die Nase rümpfen ließ. Als sie als Buch erschien und in der Zeit wohlwollend besprochen wurde, rümpfte man die Nase noch mehr. Dann schrieb ich wissenschaftliche Aufsätze, Lexikonartikel und Rezensionen, das gehörte zum Beruf. Da hieß es publish or perish. Aber dieser immer wieder zitierte Satz gilt nicht wirklich. Ich kenne Leute, die nach ihrer Ernennung zum Beamten auf Lebenszeit nie wieder etwas veröffentlicht haben. Und Leute, die Professoren geworden sind, ohne je etwas geschrieben zu haben. Alle Universitätsromane, die solch eine Geschichte erzählen, sind wahr. Vor Jahren äußerte ein Leser die Vermutung, dass ich in meinem Blog meine alten Unterlagen aus der Uni recyclen würde. Dazu konnte ich in einer Mail nur sagen: Sorry, ich habe gar keine Unterlagen. Und ich kann darauf verweisen, dass von den über 1.900 Posts nur ein halbes Dutzend zuvor in Zeitschriften, Büchern oder Lexika veröffentlicht wurde. Alles andere ist für diesen Blog geschrieben.

Wenn ich früher in einen Hörsaal ging, hatte ich bestenfalls eine DIN A 6 Karteikarte mit einigen Namen und Daten dabei. Ich verließ mich auf mein gutes Gedächtnis, das mein Onkel Karl auch hatte (mein Bruder aber nicht). Natürlich war ich vorbereitet. Wie ein Schauspieler, der seine Rolle beherrscht. Als ich mal einen Vortrag im Audimax hielt, hatte ich ein getipptes Manuskript in der Hand. Ich dachte, das sei man einem Auditorium Maximum schuldig. Ich habe immer diesen naiven Kinderglauben an altehrwürdige Institutionen. Obgleich ich es besser weiß. Ich habe das Manuskript nach einer Minute aus der Hand gelegt, ich muss frei sprechen, anders kann ich nicht. Das sind die Probleme einer Rampensau.

Wenn man an der Uni aufhört, schreibt man ein Buch. Sagen unzählige Wissenschaftler, wenn sie nach der Pensionierung von ihrer örtlichen Tageszeitung interviewt werden. Muss es sein? Shall we forever make new books, as apothecaries make new mixtures, by pouring only out of one vessel into another? Ich zitiere Laurence Sterne immer wieder gerne. Ich wollte kein Buch mehr schreiben. Es wird Sie sicher nicht überraschen, dass ich eine lange Publikationsliste habe. Damit will ich Sie nicht langweilen, aber ich möchte anmerken, dass ich immer verständlich geschrieben habe. Häufig zu essayistisch für einen Wissenschaftler, dafür war ich berüchtigt.

Als ich die Uni verließ, stand für mich eins fest: nie mehr akademische Publikationen, nie mehr Vorträge, keine Bücher. Darüber hinaus hatte ich keine festen Vorstellungen. Wieder Malen? Besser Klavier spielen? Die Memoiren schreiben? Ich fing mit letzterem an. Holte eine vierzig Jahre alte Mappe aus der Schublade auf der Anti-Bremen stand. In der das Konzept war, aus dem dann die hier immer wieder zitierten Bremensien werden sollten. Wo man im Vorwort lesen kann:

        Ich wollte dies immer schon schreiben, eigentlich habe ich ungefähr 1965 damit angefangen, im Kopf meinen Bremen Roman zu schreiben. 'Anti-Bremen' sollte er heißen, das steht auf jeden Fall auf einem alten Schulheft, in dem er begonnen wurde. Ich habe immer wieder angefangen, aber alle Notizen immer wieder in das Mäppchen gelegt. Als ich jetzt anfing zu schreiben, habe ich in die inzwischen farblich verblichene Mappe nicht mehr hineingeguckt. Ich hatte den größten Teil schon im Kopf, als mir mein Universitätsinstitut zum Abschied meinen alten Mac schenkte, einstmals der beste Computer im Institut, den mir unsere Sekretärin einmal zugeschanzt hatte, weil ich der einzige war, der niemals Computerwünsche geäußert hatte – und auch nie einen Computer hatte. Die ersten Wochen habe ich sinnlos E-Mails geschrieben und gesurft. Bis mir ein Schweizer Brieffreund schrieb, ich solle mein literarisches Talent nicht mit der Kleinform E-Mail vergeuden, wenn ich noch etwas Größeres vorhätte, dann sollte ich jetzt damit anfangen. Das hat mich zuerst geärgert, und ich habe ihm geantwortet, dass Fontane auch erst mit siebzig 'Effi Briest' geschrieben hätte. Aber insgeheim wusste ich, dass er Recht hatte.

Ich habe mein ganzes Leben lang geschrieben, all dies wissenschaftliche Zeug, und das ist eine einsame Tätigkeit gewesen. Man redete in meiner Generation mit niemandem über das, worüber man gerade schrieb, Wissenschaft hieß Autarkie und Einsamkeit. Auf jeden Fall bevor das copy and paste chic wurde. Da hatte Humboldt mit seinem Einsamkeit und Freiheit etwas angerichtet. Als ich die Bremensien begann, beschloss ich, Freunde und Bekannte (die ich meine Testleser nannte) von Anfang an zu beteiligen. Und vielleicht auch ein wenig auszubeuten. Aber nur ein klein wenig. Hätte ich all das gesammelt, was sie mir schrieben (und häufig waren ihre Erinnerungen viel genauer und schöner als meine), hätte ich ein zweites Buch fertig. Mein Text hatte bei vielen einen meeutischen Effekt, wie Peter K. das nannte. Viele meiner Testleser begannen, über ihr eigenes Leben nachzudenken und darüber zu schreiben, memory hold-the-door

Wenn ich nicht Prousts Suche nach der verlorenen Zeit gelesen hätte, als ich jung war, ich hätte mich nicht an den Text der Bremensien gewagt. Ich habe bei der Lektüre von Proust, wie auch meiner jugendlichen Lektüre von Flaubert und Stendhal, damals mehr über die Kunst des Romans erfahren, als ich in meinem ganzen Literaturstudium erfahren habe. Wenn ich ehrlich bin, habe ich in dem Studium der Germanistik und Anglistik gar nix gelernt, bei der Kunstgeschichte ist das anders. Mein Freund Volker, der kein Literaturwissenschaftler ist, hat gesagt, dass in meinem Text viel Sediment ist. Ja, das ist richtig, auch wenn Sediment kein etablierter literaturwissenschaftlicher Terminus ist. Ich habe versucht, ohne den Text wirklich literarisch zu machen (was nicht zu der gewählten Stimme gepasst hätte), ihn so dicht zu machen, dass die mimesis schon merklich ist. Und das sind da so Sätze wie: Als sie ihre Schwiegermutter mit Gustav seinem kleinen Laster da aus dem Feuersturm rausgeholt hat. Und die ist für die Heldentat ihrer Schwiegertochter gar nicht richtig dankbar gewesen und wollte wieder nach Hamburg zurück. Nach dem, was davon übrig war. Man will immer zurück in die Heimat. Drei Sätze, und dahinter eine ganze Geschichte, Familiengeschichte.

Manchmal hätte ich vielleicht besser in alle meine Altpapierzettel-Entwürfe aus den letzten fünfzig Jahren schauen sollen. Beim Aufräumen all dieser Unterlagen fiel mir eine vergilbte Seite heraus, die aus den achtziger Jahren stammen musste. Und da drauf stand in Stichworten alles, aber auch alles, was inzwischen längst ein eigenes Kapitel geworden war. Aber ich kann ja noch lernen, ich bin ja noch am Schreiben. Eigentlich fange ich jetzt erst an. Nach einem Jahr des Schreibens hatte ich 471 Seiten beschrieben. Einen Schluss hatte ich auch schon:

       Ich klaue mir für den Schluss einen Satz, den Thomas Mann sich im Frühjahr 1904 in seinem Notizbuch notierte (und der von einem Größeren als Tommy stammte): J’ay faict ce que j’ay voulu: tout le monde me recognoist en mon Livre et mon Livre en moy.

Ich wusste, ich musste noch fünf oder sechs Kapitel schreiben, dann zweihundert Seiten streichen, dann wäre ich fertig. Es ist eine deprimierende Sache, mit einem Buch fertig zu sein. Man freut sich da nicht wirklich. Und in dieser Phase entdeckte ich die Welt des Blogs. Ich sicherte meine Bremensien auf einer externen Festplatte und zwei Sticks und stürzte mich in das Abenteuer der Blogosphere. Weil ich schreiben muss. Ich weiß nur, dass ich den Vormittag ausfüllen muss. Ich kann vormittags nichts mit mir anfangen. Wenn ich nicht irgendetwas mache, komme ich aus der Depression des Vormittags nicht heraus. Nachmittags und abends geht es mir gut, da kann ich auf das Schreiben als Therapie verzichten. Obgleich ich natürlich auch abends und nachts schreiben kann. Aber man soll es auch nicht übertreiben. Doch manchmal, wenn ich nicht schlafen kann - das kommt mit dem Alter, sagt mein Hausarzt - setze ich mich noch an den Computer, schreibe einen Absatz. Aber eigentlich will ich zurück in die Träume.

Als ich noch an der Uni war, war der Tag strukturiert. Ich saß morgens um acht - elegant gekleidet - an meinem Schreibtisch. Ich schrieb da nichts, außer Gutachten. Ich hatte auch keinen Computer. Studenten, die mir gegenüber saßen, konnten mich sehen. In anderen Zimmern sahen sie nur einen Computer, hinter dem sich ein Dozent versteckte. Einen Computer bekam ich erst in den letzten beiden Jahren. Alle anderen hatten da ihren zweiten oder dritten. Leute, die völlige Computeranalphabeten waren und gerade mal ihre E-Mails lesen konnten, beantragten für sich Flachbildschirme. Als unsere Sekretärin mir das damals neueste Mac Modell spendierte, machte mich das zu einem begehrten Menschen, alle wollten auf meinem Computer schreiben. Ich erlaubte es ihnen gerne, ich brauchte den Computer eigentlich gar nicht. Ich stellte ihn auch so auf den Schreibtisch, dass die Studenten mich weiterhin sehen konnten.

Kurz bevor ich an der Uni aufhörte, entdeckte ich etwas wirklich Seltsames: ich konnte direkt in den Computer schreiben. Wenn ich vorher schrieb, dann war das zu Hause. Mit dem massiven Schreibbrett von Leitz in der Hand in meinen Lieblingssessel geknüdelt. Und mit viel Musik. Was ich schrieb, wurde durchgestrichen, überarbeitet, in mehreren Farben korrigiert. Dann neu geschrieben. Dann abgetippt. Und beim Tippen natürlich wieder überarbeitet. Manchmal vermisse ich meine Schreibmaschine, aber der Matthias hat mir vor Monaten diese tolle neue Mac Tastatur geschenkt. Ist hart wie eine Schreibmaschinentastatur, da muss man richtig draufrumhämmern. Technologie mit Retro Touch.

Schrieb ich nicht, ging ich spazieren. Das gehörte zum Schreiben dazu. Durch die Stadt zu flanieren, Rolltreppen in jedem Kaufhaus zu fahren, ist eine wunderbare Ablenkung. Der Schauspieler Ulrich Wildgruber hat einmal in einem Interview gesagt, dass er auf diese Weise seine Rollen lernte. Ich dachte bei meinen Exkursionen als mall rat nicht im Geringsten an das Schreiben. Ich atmete die Stadt ein, schaute schönen Frauen nach und schaute mir die Sonderangebote bei den Herrenausstattern an.

Wenn ich nach Hause kam, kochte ich mir einen Tee, kuschelte mich in meinen Sessel, legte eine Platte auf (oder eine CD ein) und fing an zu schreiben. Ich habe immer mit Musik im Hintergrund geschrieben, schon als Schüler. Heute ist es Jazz oder Johann Sebastian Bach. Mozart, immer wenn der Tinnitus wieder schlimm ist. Es ist irgendetwas in mir, das schreibt, ohne dass ich darüber nachdenken muss. Ich weiß nicht, wie das funktioniert. Ich will es auch lieber nicht wissen. Aber glücklicherweise funktioniert es immer wieder. Und jetzt auch morgens um acht am Computer. Wenn der Tee neben mir steht. Und ich mir die erste Pfeife stopfe.

Übrigens mit William Shakespeare. Nein, im Ernst, ich habe einen Pfeifenstopfer aus Messing mit Shakespeares Konterfei im Profil. Konnte man mal bei Astley's in der Jermyn Street kaufen, den Laden gibt es auch nicht mehr. Wie viele Dinge, über die ich schreibe. Wie meine Traumwelt, es ist seltsam, ich träume nur über Dinge, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen. Soll ich mich mal mit meinem shrink darüber unterhalten? Ich habe jetzt eins der österreichischen Hefte genommen, um meine Träume hineinzuschreiben. Mit dem luxuriösen grünen Pelikan Rollerball. Damit es wenigsten ein bisschen nach Füllfederhalter und Thomas Mann aussieht. Aber im Gegensatz zu Tommy, der Unser täglich Blatt gieb uns heute! ins Tagebuch geschrieben hat, habe ich kein Problem mit den täglichen Seiten. Mit den Träumen eher.

Wenn man noch mit dem Bleisatz groß geworden ist - wo man übertriebene Änderungen als Autor selbst bezahlen musste - dann ist dieses desktop publishing mit dem WYSIWYG (What You See Is What You Get) eine faszinierende Sache. Es verführt einen auch dazu, alles gut zu finden, nur weil es wie gedruckt aussieht. Früher war es ein langer Weg, bis man gedruckt wurde. Heute geht das zu schnell. Es wird auch zu viel geschrieben. Aber was soll ich machen, wenn ich nicht schreibe? Das wahre Leben, das endlich entdeckte und erhellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben ist die Literatur: jenes Leben, das in gewissem Sinn jederzeit allen Menschen so gut wie dem Künstler innewohnt. Proust hat schon recht.

Hätte ich die letzten Jahre die Klaviertasten so bearbeitet, wie ich meine Tastatur bearbeite, dann würde ich heute bestimmt ganz gut Klavier spielen. Aber Sie hätten dann nichts zu lesen gehabt. Und für die Weihnachtslieder und ein wenig Bach reicht es eh noch gerade.


Ich habe aus meinen Erinnerungen an Bremen in den letzten Jahren immer wieder ein Häppchen in den Blog gestellt. Aus dem Zusammenhang gerissen, gekürzt und bearbeitet. Aber trotzdem lesbar. Wenn Sie mehr lesen wollen: silvae: Wälder: Lesen, Zweite Heimat, Gudrun, Langeoog, Mein Dänemark, Heinrich Hannover, Karl Lemke, Tränenregen, Grand Hotel, Findorff, Gräber, Paris, Sommer 1959, Uniformen, Fallex, Elysée Vertrag, Winston Churchill, Nachtfahrt, Liaisons dangereuses, Gisela von Stoltzenberg, Wolle, Peter C.W. Gutkind, Ingeburg Thomsen, Des Königs Jaguar, Sünnerklaas, Cato Bontjes van Beek, Rickie Lee Jones, TalsperrenZüchtigungWuddel, Tränenregen, Novemberprogrome, Kohl und Pinkel, Cutty Sark, Borgward, Liaisons dangereuses, Hafenstraße, Klassentreffen, Mordsee, Hochwasser, Lieutenant Lindhövel, Moor, Lush Life

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